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Yoga Shanti: Eine Reise zu innerem Frieden und innerer Freiheit

Yoga Shanti: Eine Reise zu innerem Frieden und innerer Freiheit

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Yoga Shanti: Eine Reise zu innerem Frieden und innerer Freiheit

Länge:
627 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 18, 2016
ISBN:
9783767920385
Format:
Buch

Beschreibung

Als Colleen Saidman Yee ihre erste Yogastunde verließ, fühlte sie sich auf eine unerklärliche Weise verändert - etwas in ihr hatte sich bewegt. Als junge Frau wollte sie gegen alles und jeden rebellieren, schreckte auch vor gefährlichen Drogenerfahrungen nicht zurück und stieg dann zu einem um die Welt jettenden Top-Model auf. Aber erst mit Yoga fand sie ihren inneren Frieden (Sanskrit: Shanti), und auf einmal fühlte sie sich wieder so lebendig, dass sie Yoga Shanti zum Mittelpunkt ihres Lebens machte. In diesem Buch erzählt Colleen ihre ganz persönliche Geschichte - ungeschminkt, ehrlich und ergreifend. Sie spart weder das Thema Krankheit aus noch ihre Ehen - und die Scheidungen, die sie durchstehen musste. Wir erfahren wie sie Yoga Shanti für sich als Weg entdeckte, um ihre eigene Stimme, ihre wahre Identität und letztlich ihren inneren Frieden zu finden. Collen beschreibt spezifische Yogaübungen zu ganz bestimmten Problemen. Schritt für Schritt mit Fotos illustriert und leicht verständlich erklärt, erfahren wir dabei auch, wie wir unserem Körper und Geist eine neue Achtsamkeit entgegenbringen - eine Achtsamkeit, die uns mehr Selbstvertrauen, mehr Energie und mehr Freude am Leben schenken wird.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 18, 2016
ISBN:
9783767920385
Format:
Buch

Über den Autor


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Yoga Shanti - Colleen Saidman Yee

Kapitel 1

WURZELN

Schweig still, mein Herz, diese großen Bäume beten.

Rabindranath Tagore

Eine Szene, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben hat, spielt sich in der Küche eines Hauses in Bluffton, Indiana ab. Es ist 1967. Unsere Familie ist vor Kurzem aus Corning, New York, hierher gezogen. Überall stehen leere Umzugskartons herum, ein wunderbarer Platz für Versteckspiele. Ich krieche in einen dieser Kartons, in den ich als drahtige Siebenjährige leicht hineinpasse. Heimlich beobachte ich meine Mutter, die am anderen Ende des Zimmers steht. Mit einer Tasse Kaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand sieht sie aus dem Fenster. Sie wirkt wie in Trance, große Tränen rinnen wie dicke Regentropfen über ihr Gesicht. Sie flüstert Gebete, wie so oft, wenn sie alleine ist. Ich bin verwirrt. In meinem Alter findet man es unpassend, wenn Mütter weinen. Wahrscheinlich hat sie herausgefunden, dass ich meinen kleinen Bruder Nick heimlich gezwickt und ihm sein Spielzeug weggenommen habe. Es kotzt mich an, dass er immer der Brave-Liebe-Nette ist. Ich starre auf meine Mutter, fasziniert vom Rauch ihrer Zigarette, deren Asche immer länger wird. Ich möchte, dass sie glücklich ist. Ab sofort werde ich die perfekte Tochter sein!

Ein paar Tage später frage ich sie so lässig wie möglich: »Mama, was macht dich so traurig?«

»Ich vermisse meine Bäume«, sagt sie.

Heute, wo ich selbst mit einer Tasse Tee in der Hand am Fenster stehe und auf die schönen, reifen Bäume blicke, wünsche ich mir, ich könnte meiner Mutter sagen, wie gut ich ihre Verbindung zu den Bäumen verstehe. Heute ist mir klar, dass meine Mama an jenem Morgen ihre eigene Form von Yoga ausübte – und zwar drishti (eine sanft-fokussierte Blickrichtung im Yoga) zum Fenster hinaus, in Erinnerung an ihre geliebten Bäume. Sie beruhigte sich selbst, indem sie ihre Lungen füllte und leerte wie bei pranayama (Atemübung im Yoga), nur dass bei ihr leider auch eine Zigarette mit im Spiel war. Sie wiederholte immer und immer wieder ihr eigenes stilles Gebet. Im Yoga nennen wir das ein Mantra. Blick, Atemarbeit und Mantra sind Möglichkeiten, den Geist in Vorbereitung auf die Meditation zu beruhigen. Die Tränen meiner Mutter zeigten ihr offenes Herz. Sie war bereit, ihre Traurigkeit zu spüren und auszuhalten, statt sie zu verbergen. Verflixt, meine Mama war ein Yogi. Wer hätte das gedacht? Ich war der Meinung, Yoga sei meine Entdeckung und habe nichts mit dem zu tun, was sie mich gelehrt hat.

»Famiglia!« sagte mein Vater oft mit einem gekünstelten italienischen Akzent. »Famiglia ist das Wichtigste im Leben. Für die Familie tust du alles.« Die Wurzeln der Familie Zello lagen in Corning, New York, wo mein Vater Nick Vorarbeiter im Schichtdienst der Glasfabrik Corning war. Seine Arbeitszeiten waren sehr strapaziös. Eine Woche arbeitete er von 8.00 bis 16.00 Uhr, die nächste Woche von 16.00 Uhr bis Mitternacht, und in der darauffolgenden Woche von Mitternacht bis 8.00 Uhr, mit nur einem freien Tag dazwischen. Seine Arbeitszeiten brachte unser Familienleben durcheinander. Ständig wurden wir ermahnt, still zu sein, um Papa nicht zu wecken. Die Tage, an denen er zum Abendessen mit uns am Tisch sitzen konnte, waren unsere glücklichsten.

Eines Tages riefen uns die Eltern ins Wohnzimmer. Wir Kinder waren damals zu fünft: Mark, Joe, Peg, ich und Nick, in dieser Reihenfolge. Mark war vierzehn, wir anderen folgten im Abstand von jeweils etwa zwei Jahren.

Die Familie Zello, etwa 1972: Papa, Peggy, Mama, Mark (hintere Reihe, von links); ich (mit unserem Hund Poco), Ed, Nick, John und Joe (vorn, von links).

»Stellt euch vor!« verkündete Papa, als alle versammelt waren. »Wir werden nach Indiana umziehen. Ich werde dort in einer anderen Filiale von Corning arbeiten und normale Arbeitszeiten haben wie andere Väter auch – von 9.00 bis 17.00 Uhr!« Mein siebenjähriger Verstand antwortete: »Ja, prima! Wir werden tagsüber spielen können, ohne dass Papa aus dem Schlafzimmer kommt und uns schimpft, weil wir ihn geweckt haben.«

Wir Jüngeren hatten keine Ahnung, was »umziehen« bedeutet, aber Mark und Joe verstanden es und waren stinksauer. Heute sagt Joe, Corning zu verlassen sei für ihn so schlimm gewesen, wie aus einem warmen Schlafsack geholt und nackt in eine Schneewehe geworfen zu werden.

Der Umzug vertrieb uns aus unserer geliebten Heimatstadt, wo famiglia und Gemeinschaft über alles gingen. In Corning wohnten wir gegenüber der katholischen Kirche und Schule St. Vincent de Paul. Unser Leben und das der italienisch-irischen Gemeinde von Corning spielte sich rund um St. Vincent ab. Wenn sonntags die Glocken läuteten, strömten Hunderte von Menschen durch die großen Eichentüren. Nach der Messe gingen die Türen wieder auf, und alle verließen das Gotteshaus in ihrer schönsten Sonntagskleidung. Es wurde gescherzt und man tauschte Neuigkeiten aus. Meine Brüder waren Ministranten (worauf ich eifersüchtig war) und verkauften nach der Messe Zeitungen.

Die Kirche hatte es mir angetan. Als ich jung war, erzählte ich jedem, ich würde einmal Nonne werden wie Schwester Cormac, meine Lehrerin in der ersten Klasse. Zu Halloween verkleidete ich mich immer als Nonne. In einem Jahr meinte mein Bruder Joe, ich sollte mir ein Kissen unter die Kutte stopfen und als schwangere Nonne gehen. Ich sah keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte und verstand nicht, warum mich alle auslachten.

Meine Mutter ging fast jeden Tag in die Kirche und versäumte es nie, zu beichten. Sie hatte immer einen Rosenkranz in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Ich war davon überzeugt, dass sie einen direkten Draht zur Jungfrau Maria hatte. Wäre Mama nicht ständig schwanger gewesen, hätte ich gesagt, sie sei selbst so etwas wie die Reinkarnation der Maria.

Erschüttert, ja desillusioniert wurde ich in meinem Glauben, als sich die Pädophilievorwürfe in der katholischen Kirche häuften und mir klar wurde, wie sehr die Glaubenslehre, wonach wir alle Sünder sind, die leiden und um Erlösung bitten müssen, meine Mutter gequält und mit Schuldgefühlen geplagt hatte.

Heute nimmt nun Yoga für mich in vielerlei Hinsicht den Platz der Kirche ein, auch wenn ich es nicht als Religion betrachte. Beide sorgen für eine Gemeinschaft von Menschen, die sich für eine Stunde oder auch länger zu einer gemeinsamen Aktivität versammeln, zu der das Schweigen, das Zuhören, Lesen und Singen gehören. Kerzen und Weihrauch erinnern hier wie da an eine Messe. Ich lasse im Studio oft kirchliche Musik wie »Ave Maria« oder »Amazing Grace« laufen, wenn meine Schüler sich zur abschließenden Entspannung (Shavasana) hinlegen. Musik bringt uns in die innersten Räume unseres Seins. Es ist kein Zufall, dass ich in den letzten siebzehn Jahren jeden Sonntagvormittag Yoga unterrichtet habe. Auch wenn unser bester Sonntagsstaat nur eine einfache Trainingskleidung ist, versammeln wir uns doch, um zu üben und darüber zu meditieren, wie wir in unserem Alltag liebevoll und sorgsam sein können. Bei der Unterrichtsvorbereitung beschäftige ich mich in der Regel mit einem speziellen Thema und gebe meinen Schülern am Ende der Stunde einen passenden Spruch mit (einer Predigt nicht unähnlich). Die Themen beziehen sich häufig auf die ethischen Grundsätze des Yoga (Yamas und Niyamas): gewaltlos und wahrhaftig sein, nicht stehlen, sich mäßigen, nichts ansammeln, rein, zufrieden, asketisch sein, sich selbst erforschen und sich hingeben.

An einem heißen Augusttag 1967 besteigen wir unseren Ford und beginnen unsere Fahrt nach Indiana – in unser neues Leben. Dad hält immer wieder an, damit Mama sich zur Tür hinausbeugen und übergeben kann. Mark und ich sehen uns an. Oh, oh. Mama ist wieder schwanger. Sie hat uns nichts davon gesagt, aber Mark und ich wissen es nun, und Mark ist aufgebracht. Er ist alt genug, um zu sehen, wie schwierig es für meine Eltern ist, vom Lohn eines Fabrikarbeiters fünf Kinder zu ernähren. Warum bekommen sie noch mehr Kinder?

Bald darauf fahren wir mit unseren Koffern, unserem Hausstand und unserem »emotionalen Gepäck« in Bluffton ein. Es taucht kein Begrüßungskomitee auf, um uns zu empfangen. Die katholische Kirche von Bluffton befindet sich draußen am Stadtrand und spielt anders als unserer Kirche in Corning keine große Rolle im Leben der Gemeinde.

Trennung kann Angst hervorrufen, Angst vertieft die Entfremdung, und Entfremdung vertieft die Angst – ein Teufelskreis. Rückblickend überlege ich, wie die Leute in Bluffton das Gefühl der Trennung noch verstärkten. Die Kinder hänselten uns, weil wir das »a« anders aussprachen und wegen der hellen Streifen über unseren Knöcheln, weil wir unsere Sneaker im Sommer mit Söckchen trugen. Die Jungs im Ort fingen mit meinen Brüdern Schlägereien an – was, wie sie bald feststellten, keine gute Idee war. Eines Tages hänselten Rabauken Joe, der sich – mit Worten – schlagfertig zur Wehr setzte. Daraufhin versetzte ihm einer der Typen einen Schlag. Nun schritt Joes Bruder Mark ein und lief dem Kerl nach. Der Bursche verpasste Mark einen Kopfstoß und schlug ihm einen Vorderzahn aus. Doch auch Mark wusste sich – handfest – zu wehren: Er riss dem Typen eine Kette von seiner Bikerjacke ab und verdrosch ihn damit nach Strich und Faden. So verschafften sich die Zello-Jungs Respekt.

Lässt sich Gewalt jemals rechtfertigen? Im Yogasutra lautet der erste ethische Grundsatz Ahimsa – Gewaltlosigkeit oder Nichtverletzen. Damit gemeint ist nicht nur die körperliche Gewalt, sondern auch die in Gedanken und Worten. Aber Ahimsa ist nicht gleichbedeutend mit »Pazifismus«, sondern besagt, dass wir die Verantwortung für unsere eigenen verletzenden Verhaltensweisen übernehmen sollen und versuchen, andere davon abzuhalten, jemandem Schaden zuzufügen. Die Bhagavad Gita, eine der zentralen, in Form eines spirituellen Gedichts verfassten Schriften des Hinduismus, erzählt die Geschichte des Kriegers Prinz Arjuna, der in den Krieg ziehen muss, weil es sein Dharma – seine Pflicht oder sein Lebenszweck – ist, sein Volk zu schützen. Er bespricht mit seinem spirituellen Lehrer Lord Krishna das Dilemma, dass einige der Feinde, gegen die er kämpfen und dabei möglicherweise töten müss, seine Verwandten und Lehrer sind. Krishna muntert ihn auf und sagt ihm, er müsse seine Bestimmung erfüllen, also handeln. Wichtig sei, dass er mit einer selbstlosen Gesinnung von Aufopferung und Hingabe handle, was zu einem anderen karmischen Ergebnis führe, als würde er durch sein Ego oder durch Wut motiviert.

Mir ist diese Darstellung des Themas Gewalt nicht ganz geheuer, aber ich weiß, dass es keine einfachen Antworten dazu gibt. Wenn ich jemanden erwischen würde, der meine Tochter oder ein anderes Kind missbrauchen möchte, hätte ich durchaus selbst das Potenzial, gewalttätig zu werden. Und manchmal kann bereits ein böser Blick oder ein ätzender Kommentar eine Form der Gewalt sein.

Yogis verbringen ihr ganzes Leben damit, über Ahimsa nachzudenken. Ich bin nicht sicher, ob ein Leben in völliger Gewaltlosigkeit möglich ist. Auf jeden Fall ist es ein guter Anfang, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, seine Handlungen zu prüfen und sensibel für deren Auswirkungen zu werden.

In diesem Zusammenhang bedeuteten die ersten Jahre in Bluffton für uns eine harte Prüfung. Regelmäßig warfen Kinder Eier auf unser Haus. Eines Tages fanden wir morgens unser Auto mit platten Reifen vor. An der Windschutzscheibe steckte ein Stück Papier, auf dem wir als Spaghettifresser beschimpft wurden. Obgleich ich jegliche Gewalt hasse, stimme ich mit der Bhagavad Gita insofern überein, als es Zeiten geben mag, da es auch eine Form von – passiver – Gewalt sein könnte, sich nicht gegen einen Aggressor zu erheben.

Entwurzelung gehört zum Leben. Sie bietet auch eine Gelegenheit des Neuanfangs. Dennoch hängen die meisten Menschen am Altvertrauten und nehmen sich so oft die Möglichkeit des spirituellen Wachstums. Der Versuch, etwas dauerhaft zu machen, verursacht häufig Frustration und Traurigkeit, weil sich dabei herausstellt, dass genau das nicht möglich ist. Nichts ist unveränderlich – alles verändert sich immer wieder – wie die Bäume mit den Jahreszeiten. Heute vergleiche ich den Umzug nach Bluffton mit einem Ruck, der uns aus unserem bisherigen bequemen Leben holt – ähnlich dem kleinen Stoß, mit dem uns ein Meditationslehrer aus einer Tagträumerei weckt.

Zum Glück sorgten Mom und Dad für ein stabiles, auf Liebe aufgebautes Zuhause. Sie verehrten einander – bis heute erzählt Dad immer wieder die Geschichte, wie er meine Mom zum ersten Mal bei einer Tanzveranstaltung in der Schule am anderen Ende des Raums bemerkte: Margaret Regina Kelly war ein hübsches sechzehnjähriges irisches Mädchen, das von ihrer Familie und den Freunden kurz »Jean« genannt wurde. Dad war neunzehn, hatte zwei Jahre in der Navy gedient und beendete gerade die Highschool. Er verliebte sich auf der Stelle in sie, schreckte aber zurück, als er erfuhr, wie jung sie war. Er schrieb ihr eine Nachricht, die er ihr zusammen mit einem Fünfcentstück und einem Sack voller Steine überreichte. In der Nachricht stand, mit dem Fünfcentstück solle sie ihn anrufen, sobald sie achtzehn wäre und die Steine solle sie auf jeden Burschen werfen, der versuchen würde, sich in der Zwischenzeit an sie heranzumachen. Ein Jahr später schickte sie einen Freund in eine Kneipe, um meinen Dad nach draußen zu bitten.

»Nick, ich habe keine Steine mehr«, sagte sie.

Am nächsten Tag hatten sie ihr erstes Date.

Ein paar Monate später bereitete Dad sich darauf vor, auf ein College zu gehen. Mom kam, um sich von ihm zu verabschieden. Sein Auto war gepackt, eine Sunde später wollte er starten.

»Wirst du auf mich warten?«, fragte er sie.

»Ich werde mich freuen, dich wiederzusehen, wenn du zurück bist, aber ich werde nichts versprechen. Ich werde mich mit anderen Männern verabreden«, antwortete sie.

Für Dad war der Fall damit klar. Er würde kein Risiko eingehen, seinen irischen Liebling zu verlieren. Also lud er sein Auto wieder aus und blieb. Noch im selben Jahre heirateten er und Jean.

Ich wuchs in dem Glauben auf, dass alle Eltern so ineinander verliebt wären wie meine. Obgleich Dads Arbeitszeiten problematisch waren und meine Eltern mit Geldproblemen zu kämpfen hatten, führten sie eine tiefe und leidenschaftliche Beziehung. Oft stellte er sich am Esstisch hinter meine Mom, beugte sich zu hier hinunter und flüsterte ihr Dinge ins Ohr, die sie kichern und erröten ließen. Sie tat dann so, als wolle sie ihn verscheuchen. Dad scherzte gerne: »Eure Mutter wird schon schwanger, wenn ich nur meine Hose über den Bettpfosten hänge!« (Eine Zeitlang dachte meine ältere Schwester Peggy wirklich, so würden Babys gemacht.)

Binnen Kurzem waren die Zellos legendär – eine italienisch-irische Familie mit intelligenten Hippie-Kindern mitten in einer konservativen Stadt in Indiana. Das Leben als Teenager ähnelte einem James Dean-Film. Jungs fuhren in ihren Autos die Hauptstraße auf und ab, brachten die Motoren auf Touren und hielten nach Mädchen Ausschau. Wir machten viel Sport, gingen in die Kirche und spielten in der Marschkapelle der Schule (in der ich die Trommel schlug).

Für meine Mutter waren wir Kinder ihr ein und alles. Sie war eine kleine, fast winzige Frau, die aber kämpferisch über sich hinauswachsen konnte – vor allem, wenn es darum ging, ihre Brut zu verteidigen.

Alle meine Brüder trugen ihr Haar lang, und die Polizei von Bluffton griff Burschen wie sie immer wieder auf, nahm sie mit aufs Revier und verpasste ihnen einen Igelschnitt. Meine Eltern verließen die Stadt so gut wie nie, aber als der Vater meiner Mutter starb und sie zu seiner Beerdigung nach New York fahren wollten, marschierte Mom zuvor auf die Polizeiwache und verkündete: »Meine Söhne haben heute lange Haare, und es wäre verdammt noch mal besser, wenn sie auch noch lange Haare hätten, wenn ich zurück bin.« Und das hatten sie.

Ich spürte, dass meine Mom in Bluffton traurig war, obgleich sie sich sehr bemühte, es zu verbergen. Ich entwickelte mich zu einer Perfektionistin, war geradezu besessen davon, gute Noten zu bekommen – einmal, um meine Eltern zu erfreuen, und dann aber auch, um in einem Haus voller Jungs überhaupt bemerkt zu werden.

In der dritten Klasse bekam ich in allen Fächern Bestnoten. Als ich elf Jahre alt war, fingen meine Bauchschmerzen an, die so stark wurden, dass ich mich krümmte. Schließlich wurde bei mir ein Geschwür diagnostiziert.

Als ich in der Mittelstufe war, fand meine Mutter mich eines Nachts um zwei Uhr morgens wach in meinem Zimmer, wo ich wie besessen ein Blatt Papier nach dem anderen zerknüllte und meine Hausaufgabe immer und immer wieder neu schrieb.

»Colleen, es gibt doch nichts Besseres als eine eins plus«, sagte sie. »Du musst schlafen gehen!«

Ein paar Tage später kam ich erneut mit einer eins nach Hause, diesmal sogar mit zwei Pluszeichen hinter der Note. Um mir deutlich zu machen, dass es wirklich nicht immer die Bestnote sein müsste, versuchten meine Eltern mich daraufhin eine Weile lang sogar zu »bestechen«, indem sie mir kleine Geschenke in Aussicht stellten, wenn ich mit weniger guten Noten heimkäme. Doch es half nichts.

Ich spürte Moms Kummer, die dunklen Gefühle in den Schlupfwinkeln ihrer Seele. Ihre Familie war extrem arm gewesen, ihr Vater ein Alkoholiker. Einen Großteil ihrer Kindheit hatte sie gehungert, gefroren und war verängstigt gewesen. Mit uns sprach sie nie darüber. Wenn jedoch ihre Brüder zu Besuch kamen, lauschte ich und hörte, wie sie Geschichten über ihren Vater erzählten, der oft betrunken nach Hause kam, herumbrüllte und drohend seinen Gürtel abnahm, um sie damit durchs Haus zu jagen. Ich hörte von den Wohltätigkeitsorganisationen, die Kleidung vorbeibrachten, und wie sich Mom schämte, sie zu tragen – sie wog damals nur 36 Kilo, alles war ihr zu groß. Ich hörte von den Tagen, an denen jedes Kind nur eine Scheibe Brot bekam, die meine Mutter flachdrückte, um länger etwas davon zu haben, und die sie dann unter ihr Kopfkissen legte, um immer nur kleine Stückchen davon zu essen. Ich hörte, wie Großmutter den Küchentisch zerlegte und verheizte, um etwas Wärme zu bekommen, als sie dachte, ihre Babys würden sonst erfrieren.

Kurz vor dem Tod meiner Mom bat ich sie, mir etwas über ihre Kindheit zu erzählen. Sie weinte und sagte, wenn sie ihren Vater nachts betrunken heimkommen hörte, hätte sie den Atem angehalten und gebetet, er würde sie nicht aus dem Bett zerren und zwingen, für ihn und seine betrunkenen Kumpel Klavier zu spielen.

Nun begannen einige Puzzleteile, die ich mir bis damals nie zusammensetzen konnte, auf einmal einen Sinn zu ergeben. Mom konnte wunderbar Klavier spielen, auch wenn ihr Spiel fast immer quälend eindringlich war – sie spielte nur, wenn sie traurig war. Ich wusste um ihre tiefe Religiösität, aber ihre Geheimnisse und Wunden und ihre Scham hatte sie tief in ihrem Inneren vergraben.

Meister Iyengar sagt, dass jeder Körper wie eine Straßenkarte ist, auf der alle unsere Erfahrungen eingraviert sind. Ich glaube, die Scham und der Kummer über ihre Familiengeschichte haben meine Mom krank gemacht. Sie litt an einer Herzkrankheit, einer Schilddrüsenerkrankung, hatte Krampfadern, Kolitis und Divertikulitis. Ihre Religion konnte ihren Kummer – und ihren Körper – nicht heilen.

Ich wünschte, ich hätte sie mit einer Asana-Übung von einem Teil ihres Traumas befreien können. Die Drehsitz-Übung hätte ihre Organe massiert und ihnen frisches Blut zugeführt. Eine stärkende Rückwärtsbeuge über ein Yogakissen hätte ihrem schmerzenden Herzen Erleichterung verschafft und ihre zugeschnürte Kehle öffnen können. Vorwärtsbeugen hätten ihren Stress und ihren Blutdruck bessern, Rückwärtsbeugen ihre Depression lindern können.

In ihren letzten Lebensjahren begann sie zu verstehen, dass Yoga kein Teufelswerk oder nur ein Kult ist. Sie machte sogar anhand einer DVD, die ich ihr geschickt hatte, Yoga-Übungen im Sitzen auf einem Stuhl. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie da immer noch sitzen: Ich denke sehr gerne an meine Mom als Yogi.

Yoga-Sequenz: erden, öffnen, nähren

Für die Zusammenstellung dieser Übungssequenz ging ich zuhause in unseren Yoga-Raum und stellte auf die tibetanische Truhe, die mein Mann Rodney und ich als Altar nutzen, ein Foto meiner Mom neben Fotos unserer spirituellen Lehrer: Mutter Teresa, Swami Satchidananda, B. K. S. Iyengar, seinen Schwager Krishnamacharya, Pattabhi Jois und Pema Chödrön. Neben den Bildern liegen die Rosenkränze meiner Mutter und meiner Großmutter und ein von Mutter Teresa gesegneter Rosenkranz. Ich blickte fest auf Moms Bild, als ich begann, mir eine Sequenz auszudenken, die uns erdet und auf die Lebensthemen der Verwurzelung und Entwurzelung, Beständigkeit und Unbeständigkeit, Bindung und Trennung eingeht.

Grundhaltungen sind im Yoga wichtig, weil wir auf sie immer wieder zurückkommen wie zu einer Mutter. Wir bewegen uns weg von ihnen und kommen zurück, bewegen uns weg und kommen zurück. In diesen Haltungen verbinden wir uns mit der Erde. In der Berghaltung spüren wir die Empfindlichkeiten unseres eigenen Körpers. Auf welche Art schwankt er? Wo verlieren wir unser Gleichgewicht? Ein Berg ist stark, verankert und anregend. Nach diesen Qualitäten streben wir als Grundlage für unsere Übungspraxis.

Die Baumhaltung gibt uns ein Gefühl von Verwurzelung und Balance, während wir unseren Blick gezielt ausrichten. Obgleich meine Mutter geografisch und emotional entwurzelt war, besaß sie noch starke Wurzeln im Glauben und in ihrer Familie. Inzwischen habe ich die Baumhaltung wohl schon Zehntausende von Malen eingenommen, und jedes Mal spürte ich dabei meine Mom.

Grundhaltungen helfen unseren Beinen und unserem Körper, unsere Mitte zu erreichen. Immer, wenn Sie sich nicht im Gleichgewicht fühlen, ist es an der Zeit für eine Grundhaltung. Wenn ich einen Flieger verpasst habe oder sonstwie frustriert bin, bleibe ich einfach stehen und gehe in die Berghaltung. Ich spüre meine Füße. Ich beobachte meinen Atem. Das ist eine Verbindung, die mir niemand nehmen kann. Zu den Herausforderungen der Yoga-Haltungen gehört es, die Verwurzelung zu finden, den Zentralkanal des Körpers, aus dem Stabilität, Fokus und Freude strömen. Aber selbst wenn uns diese Erdung gelingt, wissen wir, dass wir ein Teil der Natur sind und es zu den wenigen gesicherten Tatsachen gehört, dass alles einer ständigen Veränderung unterworfen ist.

Diese Sequenz wendet sich auch an alle, die sich ausgelaugt fühlen oder einfach nur etwas Pflege brauchen. Sie werden feststellen, wie Sie sich erden und Spannungen aus Ihrem Körper ausleiten. Diese Sequenz hilft Ihnen, neue Möglichkeiten zu sehen, während Sie der Welt tapfer und ruhig gegenüberstehen.

Benötigte Utensilien: Yoga-Matte, 2 Klötze, Gurt, 3 Decken, Yogarolle (ersatzweise zusammengerollte Decken), 4,5-kg-Sandsack (oder entsprechender Haushaltgegenstand), Stuhl.

Aufbauende Ruhehaltung. Legen Sie sich auf den Rücken. Die Füße stehen hüftbreit geöffnet parallel, die Knie sind gebeugt und berühren sich. Legen Sie die Hände auf den Bauch und beobachten Sie 10 Atemzüge lang das Heben und Senken. Falls Sie müde sind, wird Ihnen diese Haltung in die Übungsfolge hineinhelfen. Sie legt das Fundament für eine Entschleunigung.

Aufbauende Ruhehaltung

Stangenhaltung im Liegen (Yastikasana). Heben Sie die Arme über den Kopf und strecken Sie Ihre Beine lang aus. Dehnen Sie Ihre Gliedmaßen entgegengesetzt, bis Sie im Unterbauch (zwischen Schambein und Nabel) eine leichte Wölbung spüren. Fünf Atemzüge lang weitermachen. Für unsere Körperrückseite ist es wichtig, Kontakt zum Boden zu halten, um Unterstützung und Verbindung durch die Erdmutter zu spüren. Ich stelle mir vor, wie meine Mutter sich in dieser Haltung geerdet und getragen fühlt.

Stangenhaltung im Liegen

Sitz des Donnerkeils (Vajrasana). Setzen Sie sich im Knien auf ihre Fersen. Verschränken Sie Ihre Hände und strecken Sie die Arme für 3 Atemzüge mit den Handflächen nach oben über den Kopf. Mit gesenkten Armen ausatmen, die Hände andersherum verschränken, sodass der andere Zeigefinger oben liegt und die Arme für weitere 3 Atemzüge über den Kopf strecken. Auf diese Weise wird das Unterschlagen der Beine für die Baumhaltung vorbereitet, die später in dieser Sequenz folgt.

Sitz des Donnerkeils

Berghaltung (Tadasana). Stellen Sie sich mit beiden Beinen fest auf den Boden, die Arme hängen seitlich herunter. Spüren Sie, wie sich Ihr Gewicht leicht von einer Seite zur anderen, von vorne nach hinten verlagert. Spüren Sie, wie Sie sich tiefer verwurzeln. Lassen Sie Ihren Oberkörper auf Ihren fest stehenden Beinen schweben und balancieren Sie Ihren Kopf über der Wirbelsäule. Beim Einatmen spüren Sie Ihre Füße, beim Ausatmen spüren Ihre Brust. Zehn Atemzüge lang so stehen.

Berghaltung

Berghaltung mit den Händen nach oben (Urdhva hastasana). In der Berghaltung einatmen und die Arme aktiv nach oben strecken. Damit beginnt eine Dehnung, ausgehend von unseren Wurzeln und mit dem Vertrauen, dass wir über ein stabiles Fundament verfügen, aus dem heraus wir uns strecken können. Verlängern Sie sich von der Taille aus und versuchen Sie, mit Ihren Fingerspitzen die Decke zu berühren. Beim Einatmen spüren Sie den Kontakt Ihrer Füße zum Boden, beim Ausatmen strecken Sie die Arme noch höher, bis Sie im Unterbauch ein Hohlwerden spüren. Fünf Atemzüge lang halten.

Berghaltung mit den Händen nach oben

Baumhaltung (Vrikshasana). Stehen Sie für weitere 3 Atemzüge in der Berghaltung, spüren Sie weiterhin, wie Ihre Füße sich tiefer im Boden verwurzeln. Beugen Sie nun das rechte Knie und legen Sie Ihren rechten Fuß in angenehmer Höhe an die Innenseite Ihres linken Oberschenkels. Strecken Sie die Arme neben den Ohren gerade nach oben. Bewahren Sie das schwebende Gefühl von Brust und Kopf. Beobachten Sie, wie Sie sich im Boden verwurzeln, während Sie auf einem Bein balancieren. Fokussieren Sie den Blick auf einen unbeweglichen Punkt in einer Entfernung von etwa 150 bis 200 Zentimeter. Meine Mom war eine Kämpfernatur, daher hätte das einfache und doch herausfordernde Balancieren in dieser Stellung ihr die Gelegenheit verschafft, im Hier und Jetzt zu sein. Werden Sie nicht zu steif, wenn Sie für 5 Atemzüge so stehen. Stellen Sie den Fuß wieder auf den Boden und wiederholen die Übung 5 Atemzüge lang auf der anderen Seite.

Baumhaltung

Sitzen Sie in der Stockhaltung (Dandasana). Beide Beine sind aktiv gestreckt, der Oberkörper ist aufgerichtet (a).

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