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Katholiken in den Thüringer Kleinstaaten: Die Entwicklung katholischen Lebens vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

Katholiken in den Thüringer Kleinstaaten: Die Entwicklung katholischen Lebens vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

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Katholiken in den Thüringer Kleinstaaten: Die Entwicklung katholischen Lebens vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

Länge:
841 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2016
ISBN:
9783429062866
Format:
Buch

Beschreibung

Die thüringische Landschaft gilt als ein Kernland der Reformation und stellt zugleich eine Besonderheit in ihrer ausgeprägten Kleinstaaterei dar.

Beide Kriterien bildeten einen einmaligen Hintergrund für die Wiederentwicklung katholischen Lebens.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage nach Entstehung und Etablierung eines nachreformatorischen Katholizismus innerhalb der Thüringer Staaten. Dabei werden sowohl die Prozesse von Gemeindebildung als auch das Miteinander von Staat und katholischer Kirche unter Berücksichtigung der je eigenen historischen Begebenheiten vor Ort beleuchtet. Hierdurch ist es nicht nur möglich, den geschichtlichen Ursprung vieler heutiger Diasporagemeinden nachzuzeichnen, sondern ebenso einen allgemeinen Entwicklungsprozess darzustellen, der katholische Glaubenspraxis in Thüringen neu etablierte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 1, 2016
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9783429062866
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Über den Autor


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Katholiken in den Thüringer Kleinstaaten - Martin Gebhardt

A. KIRCHE UND GESELLSCHAFT IN THÜRINGEN – HISTORISCHE GRUNDLAGEN IM ÜBERBLICK

1. Thüringen – Land der Kleinstaaten und der Reformation

Die thüringische Landschaft wies als das für sie typisches Merkmal eine Vielzahl von Edlen und Adelshäusern auf, die ihren Eigeninteressen nachgingen und bestrebt waren, eigenständige Territorien aufzubauen.²¹ Erst das Geschlecht der Ludowinger konnte eine Vorrangstellung als regierende Landgrafen erreichen. Ihre Herrschaft ist dennoch nicht mit der Region Thüringen gleichzusetzen.²² Nach einer geschichtlich kurzen Episode mit herausragenden Personen wie Ludwig IV. (1200-1227)²³ und der Heiligen Elisabeth (1207-1231), endete die Ludowinger Herrschaft durch Aussterben im Mannesstamm im Jahr 1247.²⁴

Das Machtvakuum führte zum Thüringisch-Hessischen Erbfolgekrieg 1247-1264, der nicht einem anderen thüringischen Adelshaus, sondern einer „ausländischen" Macht die Herrschaft sicherte. Das Haus Wettin setzte sich in den Streitigkeiten durch und stieg zu einer der bedeutendsten europäischen Mächte auf. Im Weißenfelser Vertrag von 1249 wurde dem Wettiner Heinrich dem Erlauchten (1221-1288) das Erbe der Landgrafschaft für den Thüringer Teil zugesprochen.²⁵ Damit trat das sächsische Adelshaus in eine enge Verbindung zur Thüringer Geschichte und prägte die Geschicke des Landes bis zum Untergang der Monarchie im Jahr 1918. Diese Verbindung degradierte Thüringen zu einer Randprovinz Sachsens. Auch den Thüringern muss der wettinische Machtanspruch als fremde Machteinwirkung erschienen sein, sind doch immer wieder Vorbehalte zu der sächsischen Fremdherrschaft nachweisbar.²⁶

1.1 Thüringen – Land der Kleinstaaten

Im Jahr 1485 teilten die Brüder Ernst (1441-1486) und Albrecht III. (1443-1500) die wettinischen Gebiete unter sich auf, so dass eine ernestinische und eine albertinische Linie entstanden.²⁷ Den Albertinern fiel dabei die Mark Meißen zu. Die Ernestinern, die auch die Kurwürde²⁸ innehatten, herrschten über weite Teile Thüringens und die sächsischen Kurgebiete.²⁹ Im Zuge der religiösen, politischen und militärischen Auseinandersetzungen der Reformationszeit mussten die Ernestiner die Kurwürde und die damit verbundenen Kurländer an die Albertiner abtreten.³⁰ Zwar war die Macht der Ernestiner auf Reichsebene extrem geschwächt, doch konnten sie die bestimmende Größe in Thüringen bleiben. Die 1553 von Herzog Johann Friedrich (1503-1554) festgesetzte Unteilbarkeit des ernestinischen Besitzes, welche die verbliebene politische Macht erhalten sollte, wurde unter seinem Sohn Herzog Johann Friedrich II. (1529-1595) aufgegeben, der 1566 in Weimar die Teilung der Einkünfte zwischen ihm und seinem Bruder Herzog Johann Wilhelm (1530-1573) vereinbarte.³¹ In der Folge kam es zu mehreren Erbteilungen und zeitweisen Wiedervereinigungen der Ländereien. Hieraus erwuchs eine unübersichtliche Zerrissenheit und eine ständige Veränderung der ernestinischen Herrschaftsgebiete.³² Die Thüringer Kleinstaaterei steht damit in direktem Zusammenhang zu den ernestinischen Territorialteilungen und den daraus entstandenen Herzogtümern.³³

Darüber hinaus konnten sich innerhalb des ernestinischen Einflussbereichs weitere Territorialherrschaften behaupten, die die politische Teilung Thüringens verstärkten. Es waren vor allem zwei Geschlechter, die sich gegenüber der sächsischen Machtpräsenz etablierten: Zum einem das Haus Schwarzburg und zum anderen das Geschlecht derer zu Reuß.³⁴

Die Herkunft der Schwarzburger lässt sich nicht bis ins Detail klären. Fest steht, dass schon um das Jahr 700 erste Vorfahren der Stammlinie in Thüringen vorzufinden waren und die Familie zum Thüringer „Altadel" gehörte.³⁵ Die Herrschaft des Hauses beruhte wahrscheinlich bereits im 8. Jahrhundert auf zwei Standorten, die im späteren Verlauf namensgebend für die Familie bzw. für sich aus ihr ergebenen Zweige werden sollten: die Käfernburg bei Arnstadt und die Schwarzburg, im Schwarzatal des Thüringer Waldes gelegen.³⁶ Eine Unterscheidung in zwei selbstständige Familien ist ab dem 12. Jahrhundert nachweisbar, jedoch nur von kurzer Dauer, da die Käfernburger im 14. Jahrhundert ausstarben.³⁷

Die Wettiner versuchten mehrfach den Schwarzburgern die Reichsstandschaft³⁸ abzusprechen. Nur eine direkte Verbindung zum Reich und dem Kaiser konnte die Adelsfamilie in ihrer Eigenständigkeit bewahren und ihren Anspruch als souveräne Herren garantieren. Unter Kaiser Maximilian II. (1527-1576) wurde den Schwarzburgern die Viergrafenwürde bestätigt und ihnen unter Rudolf II. (1552-1612) sämtliche Rechte zu Sitz und Stimme in der Reichsversammlung zugebilligt.³⁹ Die Reichsunmittelbarkeit des Hauses bedeutete jedoch nicht, dass damit auch alle anderweitigen Verpflichtungen und Abhängigkeiten aufhörten, denn die Schwarzburger waren Reichs- und Landstände und als letztere blieben sie auch den Wettinern verpflichtet.⁴⁰

Auch die Schwarzburger unterschieden sich in mehrere Erbschaftslinien. Im Stadtilmervertrag von 1599 wurde die Aufteilung des Gesamtbesitzes geregelt: danach unterteilte sich das Haus Schwarzburg in eine Rudolstädter- und eine Sondershäuserlinie, die jeweils Besitzungen in der Ober- und Unterherrschaft verwalteten.⁴¹ Auch nach dem Stadtilmervertrag gab es weitere Erbschaftsteilungen, sie sich dann auf die jeweilige Linie beschränkt blieb.

Der Aufstieg des Hauses Reuß in den adligen Stand beruhte auf der geschickten Dienstpolitik der Familie.⁴² Als Vögte verstanden sie es eigene erbliche Besitzungen zu etablieren und ein eigenes Machtzentrum an der Weida, an der sie den gleichnamigen Ort gründeten, zu schaffen.⁴³ Ähnlich den Schwarzburgern konnten die Reußen ihre Herrschaft nur behaupten, indem sie die Verbindung zum Kaiser und der böhmischen Krone eng knüpften.⁴⁴ Erst dies ließ aus einem Geschlecht von Vögten reichsunmittelbare Herren werden, die letztendlich zu Fürsten mit eigenen Staaten aufsteigen sollten. Im Jahr 1564 teilten die Reußen den Gesamtbesitz in drei zu unterscheidende Erblinien auf: eine ältere Linie, mit der Herrschaft Untergreiz, eine mittlere Linie mit der Herrschaft über Obergreiz und eine jüngere Linie mit dem Besitz der Herrschaft Gera.⁴⁵ Die Aufteilung in drei Linien beendete die Erbteilungspraxis in der Folgezeit jedoch nicht, sondern beschränkte diese auf den jeweiligen Familienzweig, mit der Folge, dass sich die Zersplitterung der Ländereien verstärkte.

Doch nicht nur Erbteilungen der Adelshäuser führten zu einem territorialen Flickenteppich.⁴⁶ Auch die kirchlichen Besitzungen des Mainzer Erzstifts⁴⁷, welche die bedeutendste Metropole Thüringens, Erfurt⁴⁸, umfasste und das auch das Eichsfeld besaß, verstärken die Unterteilung.⁴⁹

1.2 Thüringen – Land der Reformation

Thüringen ist Ausgangspunkt einer der größten Umbrüche in der europäischen, besonders aber der deutschen Geschichte geworden. Die von Martin Luther ausgehende bzw. von ihm auf vielfältigem Weg angestoßene Kirchenreform war in besonderem Maße an die wettinische Herrschaft gebunden: Thüringen als Teil des sächsischen Machtraumes wurde zum Ausgangspunkt bzw. mittragenden Faktor der Reformation.⁵⁰ Sie veränderte Thüringen in seinen Herrschaftsgebieten nachhaltig. Eine umfassende Darstellung der entsprechenden Zeitumstände kann an dieser Stelle jedoch nicht erfolgen.⁵¹ Stattdessen soll auf das neue Miteinander von Staat und Kirche aufmerksam gemacht werden, das fortan die Thüringer Staatenwelt prägen sollte: Das evangelische Landeskirchentum.

Die Schutzfunktion des sächsischen Kurfürsten Friedrich III., genannt Friedrich der Weise (1463-1525), über Luther und seine Lehre deutet bereits an, wie stark und wichtig die Rolle des Staates innerhalb der Reformation war. Nach dem Tod des Kurfürsten, 1525, hatte die bis dahin nur passiv ausgeübte, die Reformation fördernde Politik ein Ende und wurde durch eine aktiv in die Kirchenreform eingreifende Herrschaftsausübung abgelöst.⁵² Friedrichs Bruder, Kurfürst Johann der Beständige (1468-1532), ergriff entschieden Partei für Luthers Lehre und unterhielt zum Wittenberger Theologen eine gute Beziehung.

Der Bruch mit dem alten Glauben entsprach dabei einem indirekten Bruch mit Kaiser Karl V. (1500-1558), der den katholischen Glauben verteidigte, auch um hiermit die Einheit des Reiches zu sichern. Kurfürst Johann scheute zunächst eine Konfrontation mit dem Kaiser, nicht nur aus staatsdynastischen, rechtlichen und militärischen, sondern auch aus Gründen der Gefolgschaft. Für andere Fürsten stellte die neue Lehre jedoch ein willkommenes Mittel zur Profilierung gegenüber dem Kaiser dar.⁵³

In Kursachsen entwickelten sich erste strukturschaffende Elemente für den Umgang mit der neuen Kirchensituation. Die allgemeine Tendenz zur Staatenbildung und der Aufbau eines sich vom alten Vasallenwesen abhebenden Verwaltungssystems zum Beginn des neuen Jahrhunderts begünstigte diese Situation.⁵⁴

Als im Jahr 1527 Kursachsen eine Landeskirche wurde, oblag die Leitung dieser fortan dem Kurfürsten. Es war zunächst eine Notlösung, die eben durch die verworrenen Verhältnisse nötig wurde. Die Kirche sollte demnach zwar vom Staat unabhängig sein. Da aber der weltliche Fürst nach göttlichem Willen Herrscher sei, stehe ihm auch in kirchlichen Fragen Verantwortung und Entscheidungskompetenz zu.⁵⁵ Hatte also die kirchliche Eigenbestimmung versagt und war diese nicht in der Lage die christliche Lehre wirksam zu schützen, kam es dem Landesherrn zu, in die Belange der Kirche einzugreifen und diese zu ordnen.⁵⁶

Dass Landesherren Einfluss auf die Kirche vor Ort ausübten, war schon in vorreformatorischer Zeit üblich.⁵⁷ Durch Sicherung von päpstlichen Privilegien und Stiftung geistlicher Einrichtungen vermochte es auch der katholische Fürst, Einfluss auf die kirchlichen Verhältnisse seines Landes zu nehmen.⁵⁸ Die Schaffung eines Kirchenregiments durch die sächsischen Kurfürsten ist bereits vorreformatorisch in Grundsätzen nachweisbar und steht in engem Zusammenhang eines sich wandelnden Bildes der Landesherrschaft.⁵⁹

Im Jahr 1526 ordnete Kurfürst Johann der Beständige eine umfassende Prüfung der kirchlichen Verhältnisse an.⁶⁰ Bei diesen Visitationen⁶¹ handelte es sich um eine grundlegende Erhebung der vorhandenen Geistlichkeit, der kirchlichen Güter, der Besitzstände der Geistlichen, aber auch der Klöster⁶² und deren geistlichen Zustandes. Damit verschoben sich klar die bisherigen Kompetenzen. Luther verkörperte wie kein anderer den Umbruch, doch wurde er zunehmend zu einer Randfigur. Der Staat war es, der fortan administrativ eingriff und damit die Reformation lenkte.⁶³ Dazu sah er sich auch in der Verantwortung, denn die Disziplinierung der Bevölkerung, auch in ihrem moralischen Lebenswandel, wurde in die Kompetenz des Landesherrn gelegt.⁶⁴ Die Reform der Kirche wurde zunehmend eine Reformation der Fürsten, wenn auch nicht eine absolute.⁶⁵ Die drängendsten Fragen im Land mussten gelöst werden. Von daher war eine neutrale Haltung des Landesherrn nicht möglich und eine Lösung auf Reichsebene schien nicht realisierbar.⁶⁶ Die von Johann angeordneten Visitationen waren somit auch Mittel der Politik und Grundlage der Umformung Kursachsens zu einer Landeskirche.⁶⁷ Kirche wurde damit nicht nur zu einem Organ des Staates, sondern auch im mitteldeutschen Raum eine Kirche lutherischer Ausprägung: katholische Geistliche, wie auch andere protestantische Strömungen, hatten nur die Möglichkeit sich der allgemeinen lutherischen Auffassung anzuschließen.⁶⁸ Die staatliche Kirchenpolitik, ausgestattet mit der kurfürstlichen Instruktion zu den Visitationen, erlassen am 16. Juni 1527⁶⁹, die es in dem Sinne vorher nicht gab, wurde zum Garanten des Luthertums.

Schrittweise wurde eine durch den Staat gelenkte kirchliche Verwaltung aufgebaut und durch den Erlass von Kirchenordnungen⁷⁰ eine neue Rechtsstruktur geschaffen. Aus Aufsichtsbereichen der Visitatoren wurden kirchliche Verwaltungsbezirke, so genannte Superintendenturen, die, da sie „staats-kirchliche Einrichtungen" waren, eine vollkommen neue Kirchenstruktur entwarfen. In Thüringen entwickelte sich somit die Superintendenturverfassung.⁷¹

Diözesangrenzen katholischer Ortskirchen überschritten weltliche Territorien. Einer lutherischen Landeskirche, die Staatskirche war, war dies nicht möglich.⁷² Die Verbindung von Kirche und Staat war konkret eine Verbindung von Landesherrn und Kirche. Der Kurfürst, später die Fürsten, übten ein landesherrliches Kirchenregiment aus.⁷³ Über die Visitationen und die Bildung von Superintentaturen, entwickelte sich eine konsistoriale Ordnung der inneren Kirchenverwaltung. Von einer Notstandssituation, die dem Landesherrn gewisse Kompetenzen zusprach, kann unter dieser Perspektive nicht mehr gesprochen werden. Vielmehr handelt es sich um den vollständigen Übergang in die staatliche Ordnungsgewalt fast sämtlicher kirchlicher Belange.⁷⁴ Philipp Melanchton (1497-1560) förderte die Kompetenzen des Landesherrn noch weiter, indem er diesem die „custodia primae tabulae" zuwies und diesen somit zum Hüter von rechter Lehre und Kult erklärte.⁷⁵

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 manifestierte die Zuordnung von Landesherrn und Religion in besonderer Weise.⁷⁶ Den Fürsten stand das „ius reformandi" zu, das ihnen einräumte, für ihr Territorium die Konfession frei zu bestimmen und nach eigenem Willen auch wieder zu verändern.⁷⁷ Sollte ein Fürst mit seinem Territorium zum Augsburger Bekenntnis wechseln, so erlosch die Kompetenz des vormals zuständigen katholischen Bischofs für die kirchliche Ordnung dieses Gebietes, in dem fortan ein Landesherrliches Kirchenregiment galt.⁷⁸ Dieses auszuüben, oblag den Konsistorien als staatlicher Behörde.⁷⁹

Die Ereignisse im ernestinischen Thüringen griffen auch auf die Herrschafts- und Einflussgebiete der Schwarzburger und Reussen über. Die politische Konkurrenz zu den Wettinern und das Suchen der Schwarzburger nach reichsunmittelbarer Bestätigung ihrer Herrschaft beim Kaiser lies zunächst Heinrich XXXI. von Schwarzburg-Blankenburg (1473-1526) der Reformation skeptisch gegenüberstehen.⁸⁰ Das Gedankengut und die Dynamik der Reformation fand dennoch Ausbreitung in der Bevölkerung. Beachtenswert ist, wie verschieden die Herrschaftslinien der Schwarzburger darauf reagierten: Brachte der älteste Sohn Heinrichs XXXI., Graf Günther XL. (1499-1552), der die Herrschaft Sondershausen 1526 erbte und diese 1538 um Frankenhausen erweitern konnte, der Reformation anfangs ebenfalls Bedenken entgegen, führte sein Vetter Heinrich XXXII. (1499-1538) ab 1530/1531 diese im Bereich der Herrschaft Arnstadt-Blankenburg, ein.⁸¹ Erst als Günther ihn beerbte öffnete er, auch unter dem Druck der Wettiner, das gesamten Herrschaftsgebiet der Reformation. Ab 1540 bekannten sich die Schwarzburger Gebiete zu Luthers Lehre.⁸²

Die Abhängigkeit der Reussen von ihren ernestinischen Lehnsherrn galt auch in der Religionspolitik. Die Reformation war in ihren Anfängen demnach eine Entscheidung des Kurfürsten: Die Visitationen Kursachsens wurden auf Anordnung Johann Friedrichs auch in den Reussischen Landen durchgeführt.

Die neue Lehre veränderte die bestehende Gesellschaft tiefgreifend. Sie wurde zum festen Bestandteil einer neuen staatlich-gesellschaftlichen Ordnung, in der die Kirche ein Organ des Staates wurde. Katholisches Glaubensleben erlosch damit in den Thüringer Herzog- und Fürstentümern vollständig.

Festsetzung und Etablierung konfessioneller Verhältnisse im Reich

Die Folgen der Reformation waren weitreichend. Die Herausbildung der konfessionellen Unterschiede war ein komplexer Vorgang und blieb oftmals undifferenziert.⁸³

In der Vermengung der konfessionellen Auseinandersetzung, der damit verbundenen gesellschaftlichen Unruhen und der politischen Neuordnung des Reiches erwuchs ein Konfliktpotential, das Europa, besonders aber die deutschen Länder, in eines der größten Unglücke ihrer Geschichte führen sollte: in den Dreißigjährigen Krieg. Nach dreißig Jahren Krieg und Elend musste nicht nur der politische Friede hergestellt werden, sondern es wurde auch unabdingbar, eine einvernehmliche Lösung im Bereich der konfessionellen Toleranz zu finden. Es musste ein Kompromiss sein, der es ermöglichte, zumindest das religiöse Konfliktpotential zu mindern.

Im Westfälischen Frieden von 1648 wurden die konfessionellen Verhältnisse im Reich dauerhaft geregelt. Erst im Zuge der napoleonischen Kriege löste eine neue Rechtsstruktur die bis dato bewährte Ordnung ab. Die Vertragsartikel des Westfälischen Friedens umschrieben das konfessionelle Miteinander insbesondere auch dort, wo katholisches und protestantisches Bekenntnis direkt zusammentrafen. Die Ansiedlung von Katholiken in den lutherisch geprägten Territorien Mitteldeutschlands ist demnach in den Rahmenbedingungen dieses Friedensvertrages zu betrachten.

Ein Schlüsselbegriff stellt das sogenannte „Normaljahr" dar. Dieses setzte mit dem Jahr 1624 eine entscheidende Marke, an der sich die künftige Ordnung des Reiches festmachen sollte.⁸⁴ Auf den Ist-Zustand der politischen und konfessionellen Ordnung des genannten Jahres einigten sich die Vertragspartner als Punkt des künftig angestrebten „Status quo". Diese Jahreszahl markiert einen Kompromiss, der weder die katholische noch die protestantische Seite bevorzugte.

Ausdrücklich wurde die Gleichwertigkeit der einzelnen Bekenntnisse bekundet und die zwangsweise Ordnung des „cuius regio – eius religio" gelockert. Der Religionsfriede von 1555 wurde somit ausdrücklich bestätigt und außerdem um das calvinische Bekenntnis erweitert, das fortan auch anerkannt war.⁸⁵

Große Bedeutung erlangte der Friedensvertrag für die konkrete religiöse Praxis: War es bis dahin streng genommen nicht gestattet als Katholik in lutherischem Gebieten seinen Glauben auch nur im Privaten nachzugehen, und natürlich auch umgekehrt, so wurde dies nun der Einzelperson zugestanden.⁸⁶

Zwar war die Konfession des Landes grundsätzlich festgelegt und daher auch das „exercitium publicum religionis", doch wurde die private Glaubenspraxis der Fremdkonfession zugebilligt, die sich auch durch private Hausandachten (devotio domestica) äußern durfte.⁸⁷ Für Katholiken in Mitteldeutschland hätte dies bedeutet, dass man auch ihnen dies zugestanden hätte und sie zur privaten Glaubensausübung keinerlei Genehmigung des Landesherrn bedurften. Allerdings ist das Stichjahr 1624 zu beachten. Der entsprechende Gesetzestext ist nur anzuwenden, wenn zum 1. Januar 1624 auch Katholiken im Staat lebten.⁸⁸ Da dies im Falle der Thüringer Kleinstaaten nicht der Fall war bzw. ohne öffentliche Wahrnehmung blieb, traten die Bestimmungen des Westfälischen Friedens diesbezüglich nicht in Kraft, so dass das Normaljahr für Katholiken diesbezüglich in den Thüringer Kleinstaaten nicht galt.⁸⁹ Die Konsequenzen daraus lassen sich an der später geübten Praxis innerhalb der Thüringer Herrschaftsgebiete ablesen: Die Abhaltung katholischer Andachten, auch im Privaten, wurde erst nach Anfrage und darauffolgender Genehmigung des Landesherrn ermöglicht.⁹⁰

Die Bestimmungen des Westfälischen Friedens waren in jeder Hinsicht ein Kompromiss. Die ansatzweise Durchbrechung des „cuius regio – eius religio" und die Duldung einer anderen Konfession sind damit nicht als freiwilliger Schritt zur Toleranz, sondern als einfache Notwendigkeit zu werten.⁹¹ Deutlich wird dies auch am sichtbaren Willen konfessionell einheitliche Gebiete zu schaffen. Der Landesherr hatte demnach das Recht, nach einer einzuhaltenden Frist, Mitglieder anderer Konfessionen des Landes zu verweisen.⁹² Politik blieb demnach auch künftig Religionspolitik und deutlich an den Landesherrn gebunden, der somit weiterhin die Konfession seiner Untertanen, wenn auch nun abgeschwächt, bestimmen konnte. Viele Menschen waren „Grenzgänger" zwischen den Konfessionen, ja verbanden in sich die verschiedenen Bekenntnisse und wiesen eine gewisse konfessionelle Hybridität⁹³ auf. Die Konversion eines Landesherrn war daher nicht unüblich und stellte oftmals ein Mittel der Außen- und Wirtschaftspolitik dar.⁹⁴ Ein daraufhin erforderlicher Konfessionswechsel seiner Untertanen war jedoch mit den neuen Bestimmungen ausgeschlossen worden.⁹⁵

Offen blieb ferner die Frage der katholischen Diözesanordnung. Man verständigte sich auf einen Kompromiss, der bis zur Beendigung der Glaubensspaltung gelten sollte. In den Gebieten der neuen Lehren blieb die Jurisdiktion der katholischen Bischöfe bis auf Weiteres suspendiert. Formal bestanden sie damit aber immer noch weiter.⁹⁶ Die geistlichen Territorien wurden teilweise zu Gunsten weltlicher Herrscher aufgehoben, worin erste Ansätze einer Säkularisation zu erkennen sind.⁹⁷ Die Jurisdiktion über Diözesangebiete, deren Bischofsitze untergingen, ging nach katholischem Verständnis direkt auf den Papst über, der die protestantischen Gebiete Norddeutschlands, aber auch Skandinaviens, zu einer Nordischen Mission zusammenfasste und diese 1622 der „Congregatio de Propaganda Fide" unterstellte.⁹⁸ Zur Verbesserung der administrativen Struktur wurde 1667 ein Apostolisches Vikariat für die Nordische Mission⁹⁹ installiert, dessen Apostolischer Vikar einem Nuntius zugeordnet war.¹⁰⁰ Fernerhin entstand bereits 1743 ein gesondertes Vikariat für das albertinische Kurfürstentum Sachsen, bedingt durch die wachsende Zahl von Katholiken am Hof, des zum Katholizismus konvertierten Kurfürsten und Königs Friedrich August (1670-1733), welches für den Ostthüringer Raum von besonderer Bedeutung werden sollte.¹⁰¹

Grundsätzlich war die Bedeutung der Apostolischen Vikariate der Nordischen Mission für Thüringen nur gering, da eine ruhende Jurisdiktion der Mainzer und Würzburger Bischöfe angenommen werden muss. Einzig die Ostthüringer Gebiete der Herren zu Reuß und die Gegend um Altenburg entzogen sich dieser Zugehörigkeit.

Die Bestimmungen des Westfälischen Friedens hatten für katholisches Leben in den Thüringer Herrschaften keine Auswirkung. Die im Friedensvertrag ausgehandelte Festlegung des „Normaljahres 1623" blieb für die Katholiken bedeutungslos, da 1623 keine katholischen Christen vor Ort lebten. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, vor welchen Problemen Katholiken in Thüringen standen. Entgegen dem sonst geltenden Recht waren sie es, die jeweils neu ihre Position im Staat aushandeln mussten. Ab Ende des 18. Jahrhunderts, besonders aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist dies für fast alle thüringischen Kleinstaaten belegbar. Von daher ist die Entwicklung der katholischen Gemeinden Thüringens eng mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts verknüpft.

2. Thüringen im „langen" 19. Jahrhundert

¹⁰²

Die fortbestehende politische Zersplitterung Thüringens im 19. Jahrhundert wirkte wie ein Gegenbild zu den wachsenden Einigungsbestrebungen in Deutschland.¹⁰³ Dabei brachte sie nicht nur Nachteile mit sich: Beispielsweise hatte die politische Zerrissenheit nicht nur eine machtpolitische Randstellung Thüringens zur Folge, sondern auch dessen überragende Stellung im künstlerischen und kulturellen Bereich.¹⁰⁴ Die politische Bedeutungslosigkeit und die kleinstaatliche Verwaltung, die wie nirgends sonst mit einem ausgeklügelten Beamtensystem¹⁰⁵ gelenkt wurde und sich nicht nur auf eine Herrschaft¹⁰⁶ von Gottes Gnaden aufbauen konnte, sondern moderne Züge in der Verwaltung annahm, führten zu einer ausgeprägten Förderung der Kunst.¹⁰⁷ Diese machte Thüringen zu einem Zentrum des Denkens und der Kultur, allerdings im Rahmen der Kleinstaatlichkeit und der damit oftmals in Verbindung stehenden kleinbürgerlichen Gedankenwelt. Demnach war es nicht nur eine persönliche Vorliebe der Thüringer Fürsten für Kunst und Kultur, sondern letztlich deren einzige Möglichkeit ein Eigenprofil zu entwerfen, das auf politischer Ebene unmöglich war. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) macht dies an seinem Weimarer Herrn fest, (Groß-) Herzog Carl August (1757-1828, reg. 1775-1828): „Der Großherzog war eine dämonische Natur, voll unbegrenzter Tatkraft und Unruhe, so daß sein eigenes Reich ihm zu klein war und das größte ihm zu klein gewesen wäre."¹⁰⁸

Die Thüringer Staaten unterlagen in ihrer Geschichte ständigen Grenzverschiebungen, Neuteilungen und Einverleibungen. Im 19. Jahrhundert stellten sich im Wesentlichen die politischen Strukturen Thüringens wie folgt dar:

Der wettinische Herrschaftsbereich teilte sich in die Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach¹⁰⁹, Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Coburg-Saalfeld, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Hildburghausen auf. Nach einer Gebietsreform durch den Hildburghäuservertrag im Jahr 1826, die nach dem Erlöschen der Linie Sachsen-Gotha-Altenburg notwendig wurde, verringerte sich diese Zahl und erhielt ihre endgültige Aufteilung bis zum Ende der Monarchie.¹¹⁰ Gotha wurde fortan von Coburg aus in Personalunion regiert. Sachsen-Saalfeld und Sachsen-Hildburghausen wurden dem Meininger Staatsgebiet einverleibt, das dadurch riesige Gebietsgewinne verzeichnen konnte, die das ursprüngliche Territorium fast verdoppelten. Der Herzog von Sachsen-Hildburghausen wurde mit dem wiedergeschaffenen, von Gotha gelösten Herzogtum Altenburg neu versehen.

Dominierend unter den wettinischen Herzogtümern war zu dieser Zeit Sachsen-Weimar-Eisenach, das sowohl in kultureller, als auch in politischer Weise Gotha den Rang in Thüringen ablief.¹¹¹ Gemeinsam trugen die Herzogtümer das Thüringische Oberappelationsgericht¹¹² und die Universität¹¹³, beide mit Sitz in Jena, auf großherzoglich weimarischem Boden.

Stetig auf seine Souveränität bedacht, konnte sich das Haus Schwarzburg, das sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in zwei Linien aufgespalten darstellte, als einziges, wirklich thüringisches Adelsgeschlecht über Jahrhunderte behaupten. Die Ländereien der beiden Staaten unterteilten sich je in eine Ober- und Unterherrschaft mit den Residenzen in Rudolstadt und Sondershausen.

Im Osten Thüringens, zwischen den beiden wettinischen Herrschaften der Ernest- und Albertiner gelegen, erstreckten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts vier Staaten der Herren zu Reuß, unterteilt in Reuß ältere und jüngere Linie, letztere umfasste zu diesem Zeitpunkt drei zu unterscheidende Einzelstaaten.¹¹⁴ In Reuß etablierte sich ein Territoriengefüge, das auf Grund seiner geringen Größe kaum überlebensfähig wirkte. Neben diesen einheimischen Mächten beherrschten weiterhin auch auswärtige Herrscher größere Thüringer Gebiete. Aus kirchlicher Perspektive sind insbesondere die kurmainzischen Gebiete interessant, die mit dem Kurfürsten und Erzbischof von Mainz einem katholischen Landesherrn unterstanden. Geografisch zentral gelegen waren hierbei Erfurt und das zur Stadt gehörige Umland.¹¹⁵

Neben dem Erfurter Stadtgebiet besaß Mainz noch das nordthüringische Eichsfeld, das nach Einführung der Gegenreformation fast vollständig zum katholischen Bekenntnis zurückgeführt worden war.¹¹⁶ Zum Jahrhundertwechsel 1800 bestanden diese geistlichen Gebiete noch, fielen jedoch in der beginnenden Säkularisationswelle 1802 an Preußen, das nach kurzer französischer Herrschaft erneut diese Gebiete sich einverleiben konnte. Preußen sicherte sich damit dauerhaft in Thüringen Territorien.¹¹⁷ Als weitere, auswärtige Instanz besaß Hessen-Nassau Gebiete im Thüringer Wald um die Stadt Schmalkalden. Im Jahr 1866 fielen auch diese Gebiete an Preußen.

2.1 Überlebenskampf der Kleinstaaten – Zwischen Souveränität und Auflösung

Die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts präsentierende Herrschaftsordnung musste sich großen Umformungsprozessen auf europäischer Ebene stellen. Die Napoleonischen Kriege waren hierbei von besonderer Tragweite.

Napoleonische Kriege und Restauration

Nach dem vorläufigen Ende der Monarchie in Frankreich, dem Siegeszug der Französischen Revolution und dem Scheitern ihrer Zurückweisung bzw. Eindämmung durch die europäischen Mächte, auch durch Sachsen-Weimar-Eisenach, das sich durch seinen Herzog Carl August¹¹⁸ am Krieg gegen die Revolutionäre beteiligte, breitete sich der Krieg unter Napoleon Bonaparte (1769-1821) weiter über Europa aus.¹¹⁹

Im Jahr 1802 erfolgte für Thüringen die erste territoriale Veränderung: Preußen schloss mit Frankreich einen Sondervertrag, der es für die Verluste linksrheinischer Gebiete mit geistlichen und reichseigenen Territorien in Deutschland entschädigen sollte.¹²⁰ Die kurmainzischen Gebiete in Thüringen, die Stadt Erfurt und das Eichsfeld, wurden an Preußen übergeben, das am 21. August 1802 in Erfurt einrückte¹²¹ und eine über tausendjährige Zugehörigkeit der Stadt zu Mainz beendete.

Die Herrschaft Napoleons bedeutete Krieg und eine tiefgreifende Umformung der europäischen Machtverhältnisse. Militärisch und politisch hatten die Thüringer Staatsgebiete wenig der französischen Großmacht entgegen zu setzen, aber auch nichts im Interesse Frankreichs zu bieten, so dass eine Angliederung an andere deutsche Staaten als wahrscheinlich schien. Am 8. August 1805 warnte Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen (1763-1834, reg. 1787-1826)¹²² die Regenten in Meiningen und Coburg¹²³ vor einer drohenden Angliederung an das napoleonische Großherzogtum Würzburg, was sich jedoch als reines Gerücht herausstellte.¹²⁴ Die Empfindlichkeit mit welcher der Herzog jedoch reagierte, zeigt eindrücklich die Brisanz der damaligen Sachlage, welche die Regierungen der Kleinstaaten veranlasste, vom albertinischen Kurfürstentum Sachsen Beistand zu erbitten. Ein gemeinsames Auftreten gelang den Thüringer Souveränen jedoch nicht. Sachsen konnte letztendlich nicht am Vorabend des Krieges als Bündnispartner gefunden werden und auch eine Eingliederung in den zu gründenden Norddeutschen Bund

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