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Perry Rhodan Neo Paket 26

Perry Rhodan Neo Paket 26

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Perry Rhodan Neo Paket 26

Länge:
2,060 Seiten
25 Stunden
Freigegeben:
Aug 19, 2021
ISBN:
9783845397504
Format:
Buch

Beschreibung

Am Anfang einer neuen Zeit – das 22. Jahrhundert hat gerade erst begonnen: Die Menschheit hat die Planeten und Monde des eigenen Sonnensystems besiedelt. Auf fremden Welten, teilweise Hunderte von Lichtjahren entfernt, sind erste Kolonien entstanden.
Allerdings wachsen seit einiger Zeit die Spannungen: Die Siedler sind unzufrieden, sie fühlen sich von den Menschen der Erde missverstanden. Ihr Wunsch nach Freiheit wächst.

Im Jahr 2102 droht der Konflikt zu eskalieren. Die Kolonisten fliegen mit zahlreichen Raumschiffen die Erde an, riskieren damit einen Bruderkrieg. Doch Perry Rhodan hat die Entwicklung vorausgesehen: Das Projekt Laurin beginnt – die Erde und der Mond sollen für einen winzigen Augenblick in die Zukunft versetzt werden.
Doch dann geht etwas schrecklich schief ...
Freigegeben:
Aug 19, 2021
ISBN:
9783845397504
Format:
Buch

Über den Autor


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Perry Rhodan Neo Paket 26 - Perry Rhodan

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Am Anfang einer neuen Zeit – das 22. Jahrhundert hat gerade erst begonnen: Die Menschheit hat die Planeten und Monde des eigenen Sonnensystems besiedelt. Auf fremden Welten, teilweise Hunderte von Lichtjahren entfernt, sind erste Kolonien entstanden.

Allerdings wachsen seit einiger Zeit die Spannungen: Die Siedler sind unzufrieden, sie fühlen sich von den Menschen der Erde missverstanden. Ihr Wunsch nach Freiheit wächst.

Im Jahr 2102 droht der Konflikt zu eskalieren. Die Kolonisten fliegen mit zahlreichen Raumschiffen die Erde an, riskieren damit einen Bruderkrieg. Doch Perry Rhodan hat die Entwicklung vorausgesehen: Das Projekt Laurin beginnt – die Erde und der Mond sollen für einen winzigen Augenblick in die Zukunft versetzt werden.

Doch dann geht etwas schrecklich schief ...

Cover

Vorspann

Band 250 – Zeitenwende

Vorspann

Prolog

Teil I – In nächster Nähe

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

Teil II – In weiter Ferne

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Teil III – Zeitenwende

19.

20.

21.

Epilog

Band 251 – Hinter der Dunkelwolke

Vorspann

1. Ehekrach

2. Teichgespräche

3. Ein Team für Rhodan

4. Serviceprobleme

5. Überraschungen

6. Guter Wille

7. Die Frau des ehemaligen Protektors

8. Die Aufgabe eines Riesen

9. Die Delegation

10. Wunderschiff

11. Fremdenführung

12. Geheimnisse

13. Blindflug durch die Dunkelwolke

14. Nicht nur ein Problem

15. Hinter der Dunkelwolke

16. Ein persönliches Gespräch

17. Entdeckung auf EMschen

18. Das sterbende Schiff

19. Eindringling

20. Reanimationsversuche

21. Sinnkrise

22. Todesfalle

23. Einschleusen

Band 252 – Kampf um SENECA

Vorspann

1. CREST II

2. Alles unter Kontrolle

3. Zwischenspiel auf Drorah

4. Zwischenspiel auf Terra

5. Bilaterale Beziehungen

6. CREST II

7. Zwischenspiel auf der CREST II

8. Abenteuer im Weltraum

9. In der Schirmstation

10. Der Empfang

11. Unregelmäßigkeiten

12. SENECA antwortet nicht

13. Zwischenspiel: Wiederbelebt

14. Zwischenspiele auf zwei Planeten

15. Alles geschlossen

16. Mentalkopplung

17. Energiekommando

18. Neubeginn

19. Das letzte Wort

20. Neubeginn

Band 253 – Die Amber-Protokolle

Vorspann

I – Präliminarien

II – Präludium: Perry Rhodan

1. Regeneration

2. Fresssucht

3. Aussichten

III – Das erste Protokoll: Tro Khon

4. Die Tiefen des Orcus

5. Traumsturz

6. Inkluse

IV – Interludium: Perry Rhodan

7. Zwischenstopp

V – Das zweite Protokoll: Icho Tolot

8. Impuls zur Abreise

9. Der Atem des Teufelssterns

10. Eine bizarre Welt

11. Kein Ausweg?

12. Metabolismus

13. In fremdem Land

14. Abstieg

15. Die Falle

VI – Coda: Perry Rhodan

16. Zurück aus der Hölle

VII – Postliminarien

Band 254 – Die Exemplarische Instanz

Vorspann

1. Thomas Rhodan da Zoltral

2. Reginald Bull

3. Ronald Tekener

4. Thomas Rhodan da Zoltral

5. Reginald Bull

6. Harkon von Bass-Teth

7. Thomas Rhodan da Zoltral

8. Ronald Tekener

9. Reginald Bull

10. Thomas Rhodan da Zoltral

11. Ronald Tekener

12. Leticron

13. Reginald Bull

14. Ronald Tekener

15. Thomas Rhodan da Zoltral

16. Harkon von Bass-Teth

17. Ronald Tekener

18. Reginald Bull

19. Thomas Rhodan da Zoltral

20. Leticron

21. Thomas Rhodan da Zoltral

Band 255 – Die perfekte Welt

Vorspann

Prolog

1. Das Flimmern

2. Das Herz der FAIRY

3. Dschungel

4. Gucky und das Möhrentörtchen

5. Eine Reihe absurder Vorfälle

6. Quanten und Neuter

7. Das Planetensystem

8. Herantasten

9. Smulti-Karotte und K'amanaffé

10. Getarnt

11. Rückkehr der Sandrose

12. Doppelgänger

13. Im Stardust Tower

14. Hinter der Schwelle

15. Eine andere Bühne

16. Die Falle

17. Goldener Käfig

18. Zweiter Versuch

19. Der andere Rhodan

20. Chronophasen I

21. Störfaktoren

22. Chronophasen II

23. Zukunft

Band 256 – Die Flüsterfürstin

Vorspann

1. November 1989

2. Sam Breiskoll: 2102

3. Dezember 1989

4. Sam Breiskoll: 2102

5. Februar 1990

6. Sam Breiskoll: 2102

7. März 1990

8. Sam Breiskoll: 2102

9. März 1990

10. Sam Breiskoll: 2102

11. März 1990

12. Perry Rhodan: 2102 – Zwanzig Minuten zuvor

13. Perry Rhodan: Eine Stunde später

14. Perry Rhodan: 2102

15. März 1990

16. Perry Rhodan: 2102

17. Sam Breiskoll: Zwei Tage später

Band 257 – Schatten im System

Vorspann

1. CREST II

2. Sonnentanz

3. Scheu wie eine Katze

4. Der wankelmütige Stern

5. Kommandantin ohne Kommando

6. Quantenflut

7. Haluterressort

8. Robotergeburt

9. Positronikpsychose

10. Explosives Gemisch

11. Großbestienjagd

12. Keimlinge

13. Die Kinder sind aus dem Haus

14. Die Sprosspunkte

15. CREST II

16. Kaskadenversagen

17. Der unbekannte Dritte

18. Doppeltes Spiel

19. Ein dreckiger Job

20. Knickende Blütenblätter

21. Zurücklächeln

22. Die Positronik stirbt

23. Ertappt

24. CREST II

Band 258 – Der Plan des Quellmeisters

Vorspann

1. Perry Rhodan

2. Sofgarts Acta diurna

3. Mentro Kosum

4. Sofgarts Acta diurna

5. Breckcrown Hayes

6. Sofgarts Acta diurna

7. Pankha-Skrin

8. Sofgarts Acta diurna

9. Perry Rhodan

10. Sofgarts Acta diurna

11. Breckcrown Hayes

12. Sofgarts Acta diurna

13. Pankha-Skrin

14. Sofgarts Acta diurna

15. Perry Rhodan

16. Sofgarts Acta diurna

17. Breckcrown Hayes

18. Sofgarts Acta diurna

19. Pankha-Skrin

20. Sofgarts Acta diurna

21. Perry Rhodan

22. Sofgarts Acta diurna

23. Perry Rhodan

24. Sofgarts Acta diurna

25. Perry Rhodan

26. Sofgarts Acta diurna

27. Perry Rhodan

28. Perry Rhodan

29. Breckcrown Hayes

30. Perry Rhodan

31. Sud

32. Sofgarts Acta diurna

33. Perry Rhodan

Band 259 – Quantentanz

Vorspann

1. Atlan da Gonozal

2. Perry Rhodan

3. Atlan da Gonozal

4. Perry Rhodan

5. Atlan da Gonozal

6. Perry Rhodan

7. Atlan da Gonozal

8. Perry Rhodan

9. Atlan da Gonozal

10. Perry Rhodan

11. Mirona Thetin

12. Perry Rhodan

13. Atlan da Gonozal

14. Mirona Thetin

15. Gucky

16. Atlan da Gonozal

17. Atlan da Gonozal

18. Gucky

19. Perry Rhodan

20. Perry Rhodan

21. Perry Rhodan

22. Perry Rhodan

23. Perry Rhodan

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

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Band 250

Zeitenwende

Rüdiger Schäfer / Rainer Schorm

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Im Jahr 2102: Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Damit hat er das Tor zu den Sternen aufgestoßen. Seither hat die Menschheit eine rasante Entwicklung genommen. Allen Widerständen zum Trotz haben die Terraner ihren Einflussbereich ausgedehnt und sogar Kolonien in fernen Sonnensystemen gegründet.

Allerdings haben die Verantwortlichen auf der Erde dabei Fehler begangen. Ein lange schwelender Konflikt zwischen den Kolonien und der Erde eskaliert. Es droht ein Bruderkrieg unter Menschen.

Der Fall Laurin wird ausgerufen. Die Erde und der Mond sollen so versteckt werden, dass sie niemand angreifen kann. Aber dieser Notfallplan geht schrecklich schief – und die Menschheit steht vor einer dramatischen ZEITENWENDE ...

Prolog

Es verschwinden Brüder und Schwestern.

Furcht treibt sie, Angst beherrscht sie.

Wohin, wohin?

Unbekannte Ferne lockt, die Nähe droht.

So wie der erwachende Geist.

So ähnlich, so fremd!

Wohin, wohin?

Wer es ahnt, der schweigt.

Denn was verschwindet, ist sicher.

Sicher vor dem, was sucht.

Was ruft? Wer ruft?

Wir wissen es nicht.

Es verschwanden Brüder und Schwestern.

Wer weiß, wohin?

Wer weiß?

So fragt Arbaraith!

Hämatit-Stele, vermutlich liduurisch.

Alter geschätzt auf etwa 60.000 v. Chr.

Teil I

In nächster Nähe

1.

Die Konsole explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall – kaum zwei Meter von Tardus Zanc entfernt. Der Unither stieß einen spitzen Schrei aus und riss instinktiv beide Arme nach oben, um seinen Rüssel zu schützen. Flammen schlugen aus der zerstörten Apparatur, schienen nach Zanc zu greifen. Dichter Qualm waberte durch die Zentrale der REBEL ROUSER. Er brannte in seinen Augen. Dann reagierte die Notfallautomatik. Ein Servoroboter fiel aus seinem Depot in der Decke, erstickte das Feuer und saugte den Rauch ab.

Zanc sah sich hektisch um. Die Menschen in seiner Nähe schienen weit weniger beunruhigt zu sein als er selbst.

»Treffer im oberen Polbereich!«, rief Kamai Santik, die Erste Offizierin des Schweren Kreuzers. »Ich glaube das nicht! Die haben tatsächlich auf uns geschossen!« Die Explosion ließ sie anscheinend völlig kalt.

Vielleicht liegt das an ihrer körperlichen Beeinträchtigung, dachte Zanc. Ich werde nie begreifen, wie die Menschen mit ihren deformierten Rüsseln leben können ...

Santiks Hände versenkten sich tief in die Wolke aus dreidimensionalen Projektionen, die über ihrem Arbeitsplatz schwebte. Augenblicklich veränderte sich die Darstellung des Zentralholos.

Der Weltraum in der Nähe des Zwergplaneten Pluto war für gewöhnlich besonders dunkel, kalt und leer. Sogar der Blick auf das leuchtende Band der Milchstraße wurde von riesigen Staubwolken versperrt. Nun war das eisige Nichts urplötzlich von unzähligen Lichtpunkten erfüllt, die wie winzige Diamanten auf einem Tuch aus schwarzem Samt glitzerten.

Raumschiffe, durchzuckte es den Unither. Jede Menge Raumschiffe!

»Mein Gott, wie viele sind das?«, fragte Tammo Svennson. Der stämmige Skandinavier saß an den Waffenkontrollen.

Bevor ihm jemand antworten konnte, wurde die REBEL ROUSER kräftig durchgeschüttelt. Aus den Tiefen des Schweren Kreuzers drangen mehrere heftige Schläge. Ein Alarm malträtierte Zancs Ohren, verstummte aber schnell wieder.

»Statusbericht!«, forderte Maas Corven, der Kommandant der REBEL ROUSER. »Was dauert denn da so lange?«

Zanc spürte, wie er sich langsam beruhigte. Das irritierende Kribbeln in seinem Rüssel ebbte ab. Den ätzenden Gestank nach verbranntem Kunststoff und durchgeschmorten Isolierungen nahm er jedoch weiterhin wahr.

Im Zentralholo war in Großdarstellung ein fremdes Raumschiff in Nahaufnahme zu sehen, das aus einer viereckigen Plattform und einer angeflanschten Kugel bestand. Auf dem Flachsegment waren etwa zwei Dutzend Container verstaut. Insgesamt erweckte der Gegner einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck.

»Schutzschirm steht«, meldete Santik. »Allerdings bringt er nur noch fünfzig Prozent der Norm-Absorptionsleistung. Wir haben schwere Schäden im oberen Maschinensektor erlitten. Vier Leichtverletzte ... Zwei der Fusionsreaktoren laufen unregelmäßig. Ich muss sie abschalten. Wenn ihre Magnetfelder versagen, haben wir ...«

»Nein!«, widersprach der Kommandant. »Einen zweiten Treffer überstehen wir nicht. Wir brauchen die Energie. Was ist mit der RHINO?«

»Captain Askarin wurde bereits über den automatischen Notruf informiert. Er hat zwei Space-Disks und eine Dragonfly-Rotte ausgeschleust. Geschätzte Ankunft in ... vier Minuten.«

Als Reporter und Medieninterpret war Zanc in militärischen Dingen nicht besonders bewandert, doch selbst er wusste, dass vier Minuten in einer Extremsituation wie dieser eine Ewigkeit waren.

»Die drehen bei ...«, meldete Svennson. »Unsere Impulsgeschütze sind einsatzbereit, Sir. Ich könnte ...«

»Das da draußen ist ein verdammter Frachter, Svennson«, fiel Corven seinem Waffenoffizier ins Wort. »Die haben uns mit einer relativ niederenergetischen Thermokanone beschossen, mit der man normalerweise Asteroiden zertrümmert, und nur durch schieres Glück einen unserer kritischen Schiffsektoren erwischt. Also halten Sie die Füße still. Haben wir Kontakt?«

»Ich versuche es, Sir«, antwortete Lucius Brel, der rechts neben dem Unither an den Funk- und Ortungskontrollen saß. »Leider haben auch die Hyperantennen etwas abgekriegt – und für Normalfunk ist die Entfernung zu groß.«

»Okay, wir ...«, setzte Corven an, kam jedoch nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden.

Die REBEL ROUSER wurde von einem mörderischen Stoß getroffen. Heftige Vibrationen erfassten den gesamten Schiffskörper. Zahlreiche Hologramme flackerten oder erloschen ganz. Erneut heulte der Alarm, verstummte diesmal aber nicht mehr.

»Einer der Reaktoren ...« Die bisherige Gelassenheit war aus Santiks Stimme verschwunden. »Wir haben einen Plasmabrand im Maschinensektor. Das Zeug hat sich durch die Isolierung gefressen und die Speicherbänke im Deck darunter erreicht.«

»Wir evakuieren!«, entschied der Kommandant sofort. Der Alarmton veränderte sich, klang nun deutlich bedrohlicher.

Zanc spürte eine Berührung an der Schulter. Als er den Kopf wandte, sah er in das gerötete Gesicht der Ersten Offizierin. Sofort war seine Angst wieder da – und diesmal hatte sie ihre beste Freundin mitgebracht: die Panik.

»Brauchen Sie eine Extraeinladung?«, fragte Santik. »Wir müssen raus hier! Sofort!«

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, bäumte sich der Schwere Kreuzer erneut auf. Einige Offiziere, die ihre Sessel bereits verlassen hatten, wurden wie ein Bündel Rüsselschaber nach allen Seiten geschleudert.

Wäre ich doch nur auf der KISCH geblieben, machte sich der Unither Vorwürfe. Aber nein, ich muss mich ja freiwillig für eine Außenreportage melden ...

Er sprang aus seinem Sitz und beeilte sich, der davonstürmenden Frau zu folgen. Das große Doppelschott, das auf den Rundgang hinausführte, der die Zentrale umlief, stand weit offen. Zanc war zwar kein Experte, verstand aber genug von Raumschiffen, um zu wissen, dass die zusammenbrechende Abschirmung einer Fusionsreaktorkammer eine Kettenreaktion auslösen würde, an deren Ende die komplette Infrastruktur der REBEL ROUSER kollabieren konnte. Sobald die koordinierende Schiffspositronik versagte, fielen auf einen Schlag die Feldleitungen des Stromnetzes aus, und die frei werdende Energie würde den Schweren Kreuzer binnen kürzester Zeit in eine Kugel aus ultraheißer Glut verwandeln.

Sie erreichten einen Evakuierungsschacht. Santik wartete ungeduldig, bis der schnaufende Zanc aufgeschlossen hatte, und schubste ihn dann in die Antigravröhre. Sofort riss ihn der künstlich erzeugte Druckunterschied darin mit sich in die Höhe. Der Unither spürte, wie sich sein Magen hob. Brennendes Verdauungssekret schoss durch seinen Rüssel. Nur mit Mühe schaffte er es, sich nicht zu übergeben.

Nach wenigen Sekunden spuckte ihn der Schacht aus wie den Kern einer Sauerfrucht. Für einen Moment verlor er völlig die Orientierung, wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Er prallte hart auf den Stahlplastboden des Beiboothangars. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Rücken und überlagerte für einen Moment den Druck in seiner Brust. Ächzend kämpfte er sich auf die Beine.

»Vorwärts, verdammt!«, hörte er Santik neben sich fluchen. »Uns fliegt gleich alles um die Ohren.«

Zanc stöhnte. Sein Atem ging keuchend. Regelmäßige Körperertüchtigung zählte nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. Stattdessen hatte sein ausgiebiger Genuss unithischer Honiglarven in den vergangenen Jahren zu einer gewissen ... Leibesfülle geführt. Er ließ sich die kostbaren Leckereien extra aus der fernen Heimat liefern und opferte dafür einen guten Teil seines Einkommens. Ein ungesundes Laster, ohne Frage – aber er konnte einfach nicht anders.

»Hier rüber!« Als er nicht sofort reagierte, versetzte ihm die Erste Offizierin einen weiteren Hieb.

Zanc schnappte nach Luft und stolperte auf eine startbereite Space-Disk zu. Von allen Seiten strömten Besatzungsmitglieder heran. Zwei weitere Diskusboote standen in der Nähe. Auch ihre Zugangsrampen waren ausgefahren. Laute Befehle erklangen. Ein paar Roboter schoben Schwebeliegen vor sich her. Vermutlich Patienten aus der Medostation, die sich nicht aus eigener Kraft in Sicherheit bringen konnten.

Zanc verstand das alles nicht. Waren das draußen im All nicht terranische Schiffe? Sicher, es gab erhebliche politische Differenzen zwischen den Kolonien und der Terranischen Union, aber deshalb schoss man doch nicht gleich aufeinander ...

Er hatte kaum den halben Weg geschafft, als im Hintergrund des Hangars die Wand zerplatzte. Flackerndes, orangerotes Licht flutete die riesige Beiboothalle, die oberhalb des Ringwulsts der REBEL ROUSER lag. Dann erfasste ihn die Druckwelle und fegte ihn so brutal von den Beinen, dass er nicht mal mehr schreien konnte. Ein Schwall siedend heißer Luft fuhr über ihn hinweg.

Der Aufprall trieb ihm den letzten Rest Sauerstoff aus den Lungenbällchen. Einen schrecklichen Moment lang war er sicher, sterben zu müssen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung. Ein dünner Schlauch stülpte sich über seinen Rüssel. Sofort bekam er wieder Luft. Die Erleichterung war so überwältigend, dass er beinahe in Tränen ausgebrochen wäre.

»Los, weiter!«, trieb ihn Santik unbarmherzig an.

Wie in Trance registrierte er das mobile Atemgerät, das sie ihm in die Hände drückte. Eine spezielles, für unithische Bedürfnisse angepasstes Modell. Wo hatte sie das so schnell aufgetrieben?

Der Hangar brannte, was eigentlich gar nicht möglich war, denn die meisten im Raumschiffbau verwendeten Materialien waren feuerfest. Wo eben noch eine massive Wand gewesen war, waberte nun eine rote und weiße Masse – extrem heißes Fusionsplasma, halb Gas, halb Flüssigkeit, das alles verschlang, was sich ihm in den Weg stellte. Da und dort flackerten Energieschirme, die den Großteil der mörderischen Hitze abhielten. Trotzdem stiegen die Temperaturen rasant an.

Eine der drei Space-Disks war der schnell vordringenden Glutwolke bereits zum Opfer gefallen. Das Gemisch aus Ionen, freien Elektronen sowie neutralen Atomen und Molekülen hatte die Landestützen des Diskus erfasst und einknicken lassen. Nun schob sich das Plasma Stück für Stück über den Bootskörper hinweg.

Wie ein Riesen-Ameb, der seine Beute umschließt, um sie dann langsam zu verdauen, dachte Zanc mit wachsendem Entsetzen.

Er wandte den Blick ab, als er begriff, dass für diejenigen, die bereits an Bord der Space-Disk gewesen waren, jede Rettung zu spät kam. Die Hitze musste sie längst umgebracht haben.

An Santiks Seite hastete er die Rampe hinauf, die in den Diskus direkt vor ihm führte. Der Raum hinter dem Schott zum Unterdeck war hoffnungslos überfüllt. Die Menschen drängelten sich aneinander; vereinzelt wurden Protestrufe laut.

Zanc schaute über die Schulter. Beim großen Rüsselmeister, da kamen noch so viel andere! Die würden niemals alle in das vergleichsweise winzige Beiboot passen.

»Rampe einziehen und Schott schließen!«, schrie Kamai Santik, kaum dass der Unither und sie sich in die offene Schleuse gequetscht hatten. »Wir starten!«

»Aber ...«, wollte Tardus Zanc protestieren, verstummte jedoch, als ihn die Erste Offizierin mit feuchten Augen anstarrte.

»Wenn wir nicht auf der Stelle verschwinden, sterben wir alle«, flüsterte sie tonlos.

2.

Captain Spiro Askarin starrte mit zusammengepressten Lippen auf das Desaster, das sich vor seinen Augen entwickelte. Im Holodom der RHINO, eines weiteren Schweren Kreuzers der Terranischen Flotte, war das Drama in allen Einzelheiten und gestochen scharf zu beobachten.

Die REBEL ROUSER hatte sich in eine winzige Sonne verwandelt. An zahllosen Stellen am Rumpf des Schwesterschiffs wuchsen Flecken aus heller Glut, breiteten sich rasend schnell über den molekülverdichteten Stahlpanzer aus und verzehrten ihn. Die meisten Hangartore über dem Ringwulst waren geöffnet, doch die wenigen Space-Disks, denen die Ausschleusung bislang gelungen war, reichten unmöglich aus, um die 212 Mitglieder der Stammbesatzung aufzunehmen.

»Funkruf von der MARTIS, Sir«, hörte er seinen Ersten Offizier sagen. »Tatcher a Hainu bedauert den Zwischenfall. Offenbar hat einer der Kolonistenkapitäne die Nerven verloren und aus Versehen auf die REBEL ROUSER gefeuert. Ein ... schreckliches Missverständnis ...«

»Ein Missverständnis?« Die Stimme des Kommandanten klang belegt. Er räusperte sich. »Ein Missverständnis?«, wiederholte er.

»Ein schreckliches. Ich zitiere nur Mister a Hainu, Sir.«

Askarin musste den Zorn niederringen, der ihn zu überwältigen drohte. Da draußen starben Menschen. Da draußen starben seine Leute! Und dieser verdammte Marsianer sprach von einem Missverständnis?

Im Holodom erkannte er den Frachter, der die REBEL ROUSER angegriffen hatte. Der Schwere Kreuzer war mit abgeschaltetem Schutzschirm unterwegs gewesen. Man hatte die Siedler nicht provozieren wollen. Außerdem hatte niemand erwartet, dass ein ziviles Raumfahrzeug ein Militärschiff ohne Grund und aus heiterem Himmel attackierte. Nun zahlten sie den Preis dafür.

»Dringlichkeitsruf von der TERRANIA, Sir. Es ist Protektor Bull.«

Askarin nickte dem Mann an der Funk- und Ortungskonsole zu. Eine Sekunde später schwebte Reginald Bulls Gesicht vor ihm. Der Protektor der Terranischen Union sah müde aus. Tiefe Linien hatten sich in seine Züge gegraben, sein Bart wirkte zerzaust.

»Der Vorfall ist mir bekannt«, sagte Bull, noch bevor der Kommandant der RHINO zu Wort kam. »Wie ist die aktuelle Lage?«

»Wir haben Dragonfly-Raumjäger und Space-Disks ausgeschleust, Sir. Wir tun, was wir können, aber ... es wird Verluste geben. Wie viele, weiß ich noch nicht.«

Bull fuhr sich mit der Hand über die glänzende Stirn. »Verdammt!«, stieß er hervor. »Das ist Wasser auf die Mühlen der Hardliner im Rat. Da hilft auch a Hainus offizielle Entschuldigung nicht viel.« Er machte eine kurze Pause, als müsse er überlegen. »Hören Sie zu, Captain«, fuhr er dann fort. »Sie bleiben, wo sie sind, und warten auf die Ankunft der CREST II. Perry Rhodan ist bereits unterwegs. Administratorin Michelsen und Präsident Dabrifa begleiten ihn. Sie werden versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. Bis dahin unternehmen Sie nichts. Ist das klar?«

»Klar, Sir!«, bestätigte Askarin widerwillig.

Bull seufzte. »Ich weiß, dass das nicht leicht ist, aber wir brauchen gerade alle einen kühlen Kopf. Wenn diese Sache eskaliert, sind die Folgen nicht mehr kalkulierbar. Ich will, dass das nicht nur Ihnen, sondern jedem einzelnen Flottenangehörigen vor Ort klar ist.«

»Ich verstehe, Sir. Sie können sich auf mich verlassen.«

»Das weiß ich. Viel Glück.«

Das Kommunikationshologramm erlosch und ließ einen nachdenklichen Spiro Askarin zurück. Er kannte den Protektor hauptsächlich von Flottenkonferenzen, Festansprachen oder aus den allgemeinen Medien. So besorgt hatte er Reginald Bull noch nie gesehen.

»Sir!«, riss ihn da die Stimme seines Ersten Offiziers aus dem Grübeln. »Wir kriegen Probleme ...«

Natürlich, dachte der Kommandant nicht ohne eine große Portion Galgenhumor. Was sonst?

*

Zum zweiten Mal an diesem 16. April 2102 war Tardus Zanc davon überzeugt, sterben zu müssen. Gemeinsam mit Kamai Santik hatte er sich ziemlich rücksichtslos durch die dicht an dicht stehenden Menschen gedrängt. Seine Körpermasse und Korpulenz hatten ihm dabei gute Dienste geleistet, seine rüde Rempelei ihm aber auch ein paar ziemlich böse Kommentare eingebracht.

In der Zentrale der Space-Disk hatten die dort Anwesenden der Ersten Offizierin der REBEL ROUSER sofort das Kommando überlassen. Vor allem der junge Leutnant auf dem Pilotensitz schien froh zu sein, nicht mehr als Ranghöchster die Verantwortung tragen zu müssen. Auf seiner Brust prangte ein Namensschild. »A. Yuma«, stand darauf zu lesen.

»Ausschleusen!«, befahl Santik.

»Die Schleusenautomatik ist beschädigt, Ma'am«, gab Yuma zurück. Seine Uniform wies eine Reihe von Brandflecken auf. »Die Tore sind nur knapp zur Hälfte geöffnet. Da passen wir nicht durch.«

»Dann schießen Sie sie auf. Wir müssen ...«

Ein heftiger Ruck ging durch das Beiboot. Schreie ertönten. Zanc zuckte erschrocken zusammen, als er über sich eine schnelle Bewegung wahrnahm. Im nächsten Moment stürzte ein schweres, oben in der Polkanzel angebrachtes Hilfsgerät herab und traf den jungen Leutnant mit mörderischer Wucht am Kopf. Kurzzeitig waberte weißer Rauch durch die Luft; ein scharfer chemischer Gestank kroch in den Rüssel des Unithers. Dann setzte die Absaugautomatik der Lufterneuerungsanlage ein.

Entschlossen packte Santik den leblosen Offizier und zerrte ihn von seinem Sessel. Daran, dass Yuma tot war, bestand kein Zweifel. Beim Anblick dessen, was vom Schädel des Terraners übrig geblieben war, musste Zanc würgen.

Santik bearbeitete derweil die Holokontrollen. Die Space-Disk schwankte wie ein Schachtelbaum im unithischen Schlupfwinter. Die Andruckabsorber schienen defekt oder derzeit inaktiv zu sein. Von der transparenten Polkuppel der Zentrale aus hatte Zanc freie Sicht auf den gesamten umliegenden Hangar. Schockiert beobachtete er die verstörenden Szenen, die sich dort abspielten.

Glutende Plasmawolken drangen von mehreren Seiten immer weiter in die Halle ein. Vereinzelt waren nach wie vor Menschen unterwegs. Sie trugen Schutzanzüge, weshalb sie bisher überlebt hatten, und stolperten orientierungslos umher. Andere lagen längst reglos am Boden. Sie hatten es nicht mehr rechtzeitig geschafft, eine der Einsatzmonturen anzulegen. Dampfschwaden stiegen flimmernd von ihren Körpern auf. Und über allem lag der orangerote Schein des unbarmherzig heranrückenden Plasmas.

Auch die zweite Space-Disk hatte es erwischt. Das Außenschott ihres Unterdecks stand weit offen, und auf der Zugangsrampe waren mehrere Leichen zu erkennen. Offenbar hatten die Menschen versucht, das beschädigte Raumboot wieder zu verlassen, und waren dabei den mörderischen Temperaturen im Hangar zum Opfer gefallen.

Santik aktivierte den Schutzschirm und löste einen der Thermostrahler des Beiboots aus. Ein breit gefächerter Strahl aus lichtschnellen, extrem energiereichen elektromagnetischen Wellen traf auf die beiden in der Bewegung erstarrten Schotthälften des Schleusentors. Ein weißer Glutfleck entstand und breitete sich schnell nach allen Seiten aus. Gleichzeitig setzte sich die Space-Disk in Bewegung und schwebte auf den Fleck zu.

Ohne genau zu wissen, warum, hob Zanc den Kopf – und schrie! Von der Decke des Hangars hatte sich ein riesiger Plasmatropfen gelöst und stürzte geradewegs auf die Polkanzel des Diskusboots herab. Für ein Ausweichen war es zu spät. Die in ihrem Aggregatzustand irgendwo zwischen Flüssigkeit und Gas pendelnde Wolke legte sich wie ein Tuch aus purem Höllenfeuer über das kleine Raumfahrzeug. Der Unither glaubte zu spüren, wie ihm die brutale Hitze die Haut versengte, obwohl das natürlich Unsinn war.

Santik tat das Einzige, was in dieser Situation noch sinnvoll war: Sie beschleunigte mit maximalem Schub.

Die Space-Disk wurde erneut kräftig durchgeschüttelt. Mit metallischem Kreischen schrammten die noch nicht eingezogenen Landestützen über den Hangarboden. Das Geräusch ging Zanc durch Mark und Bein. Im Mitteldeck des Raumboots rumorte es.

»Energiereaktoren bei zweihundertvierzig Prozent Normleistung!«, schrie eine Frau neben Santik. »Das können wir nicht ...«

»Halten Sie den Mund!«, brachte die Erste Offizierin sie zum Schweigen. »Wir brechen durch. Alles oder nichts!«

Mit Donnergetöse schmetterte die Space-Disk in das mittlerweile nahezu geschmolzene, zweiflügelige Außenschott des Hangars. Es knallte mehrmals, als schlüge jemand eine Peitsche. Einmal mehr ertönten diverse Alarmsignale. Einer der Sessel löste sich knirschend aus seiner Verankerung. Holos erloschen. Dahinter schimmerte blanker Stahlplast. Die außen liegende, umlaufende Ringkonsole der Zentrale wurde an mehreren Stellen aufgerissen und gab den Blick in das technische Innenleben der Polkanzel frei.

Etliche Instrumente und Bedienelemente waren ausgefallen, die Flugsteuerung funktionierte zum Glück noch. Vor Angst fast gelähmt, verfolgte Zanc, wie sich die Space-Disk durch eine Wand aus pulsierender Glut schob. Fast wirkte es, als stecke der Diskus in einer zähen Masse fest und kämpfe mit den Triebwerken verzweifelt dagegen an. Hielt der Schutzschirm? Bestand die abschirmende Energieglocke überhaupt noch, oder war sie längst unter der Belastung zusammengebrochen? Zanc wusste es nicht; die meisten noch intakten Anzeigen an den Zentralekonsolen sagten ihm nichts.

Wenn ich das überlebe, werde ich mich nie mehr für einen Außeneinsatz melden, schwor sich der Unither. Und wenn Krohn mir noch mal einen aufdrücken will, werde ich mich weigern. Der Silberne Rüssel sei mein Zeuge!

»Wir sind draußen!«, schrie jemand hinter ihm so laut, dass er zusammenzuckte.

Tatsächlich. Vor ihnen lag der freie Weltraum, die herrliche Schwärze des Alls. Sie hatten es geschafft. Nun erst registrierte der Unither, dass sein Rüssel völlig verstopft war. Er benötigte dringend eine gründliche Reinigung.

»Ich habe Kontakt mit der RHINO«, sagte die junge Frau, der Santik kurz zuvor über den Mund gefahren war. Als sie sich umdrehte, konnte Tardus Zanc ihr Namensschild lesen: »T. Garcia«. »Sie schicken uns einen Leitstrahl«, ergänzte sie.

Santik war wieder mit den Holokontrollen beschäftigt und hantierte hektisch an den virtuellen Bedienelementen. »Verdammt ... Das Ding lässt sich kaum noch fliegen. Die Energiezufuhr für die Impulsdüsen ist instabil, und die Korrekturtriebwerke reagieren nicht. Wir haben einen Kernbrand in einem der Reaktoren.«

»Was ... Was heißt das?«, fragte Garcia unsicher.

»Hier REBEL-ROUSER-SD Zwei. Kamai Santik spricht. Wir sind weitgehend manövrierunfähig und benötigen dringend Unterstützung. Können Sie uns per Traktorstrahl einfangen?«

»Sind schon unterwegs, REBEL-ROUSER-SD Zwei«, drang eine fremde Männerstimme aus den Akustikfeldern. »Halten Sie durch.«

»Wir tun unser Bestes, aber Sie sollten sich trotzdem beeilen. Ich befürchte, wir brechen jeden Moment auseinander ...«

Eine gute Minute später tauchte die zweihundert Meter durchmessende Kugel der RHINO vor ihnen auf. Es war das schönste Raumschiff, das Tardus Zanc jemals gesehen hatte.

*

Captain Spiro Askarin stand wie eine Statue vor den Datenholos und versuchte, das zu tun, was Protektor Bull ihm befohlen hatte: einen kühlen Kopf zu bewahren. Angesichts der neuesten Zahlen war das allerdings nicht einfach.

Sechzig Tote. Siebzehn Schwerverletzte. Diverse leichtere Blessuren und Traumata. Die REBEL ROUSER ein Totalausfall. Das war die verheerende Bilanz eines Missverständnisses ...

In den Außenbeobachtungshologrammen der RHINO waren Raumschiffe zu sehen, Hunderte von Raumschiffen. An ihrer Spitze stand die MARTIS mit Tatcher a Hainu an Bord, dem Mann, der für das alles verantwortlich war.

Sicher, geschossen hatte ein nervöser Frachterkapitän, der womöglich geglaubt hatte, die REBEL ROUSER wolle ihn angreifen. Ein von der Situation überforderter Mann, der bereits per Holofunk und unter Tränen um Entschuldigung gebeten hatte. Askarin nahm ihm seine Reue sogar ab. Doch das änderte nichts an den Tatsachen. Die von den Kolonien zusammengestellte Flotte bestand nach ersten Analysen aus so ziemlich allem, was regulär raumflugtauglich war oder was man zumindest notdürftig hatte flottmachen können: Frachter, Prospektorenraumer, eine Reihe von Privatjachten, diverse von der Terranischen Flotte ausgemusterte und umgebaute Space-Disks sowie Korvetten. Eine bunt zusammengewürfelte Auswahl, die urplötzlich auf Höhe der Plutobahn aufgetaucht war und nun Kurs auf die Erde setzte.

»Die Schiffe nehmen Fahrt auf, Sir«, meldete der Erste Offizier. »Vermutlich bereiten sie sich auf eine weitere Transition vor.«

Der Kommandant der RHINO erwiderte nichts. Er wusste, dass nicht nur die CREST II mit Perry Rhodan an Bord unterwegs war, sondern auch zwölf weitere Kampfschiffe der Terranischen Flotte. Allesamt Schwere Kreuzer in voller Gefechtsbereitschaft. Und die Frauen und Männer an Bord wussten, was der REBEL ROUSER zugestoßen war!

»Sir?«, fragte der Erste Offizier. »Was sollen wir jetzt tun, Sir?«

»Wir warten«, antwortete Captain Spiro Askarin leise. »Wir warten und hoffen, dass der heutige Tag nicht zum dunkelsten unserer Geschichte wird. Zu dem Tag, an dem wir auf unsere Brüder und Schwestern schießen müssen ...«

3.

Krohn Meysenhart rückte die silberne Spange mit dem Logo der MGNC zurecht, der Meysenhart Galactic News Corporation, die er während seiner Moderationen stets am Hemdkragen trug. Er räusperte sich und trank einen letzten Schluck stilles Wasser.

»Schnecken erschrecken, wenn sie an Schnecken lecken«, sagte er laut. »Weil zum Schrecken vieler Schnecken Schnecken nicht schmecken.«

»Hört sich gut an«, quittierte Mawwak Yest die Tonprobe. Der tellerförmige Kopf des Azaraq wiegte hin und her. »Übertragung startet in zehn ... neun ... acht ...« Die letzten Sekunden zählte er stumm mithilfe der sieben Finger seiner Hand herunter.

Eine Fanfare erklang; eindrucksvoll und um Aufmerksamkeit heischend, aber gleichzeitig dezent und mit einer gewissen seriösen Note. Dann erschien ein langsam rotierendes 3-D-Modell der Milchstraße. Die Sterne der Galaxis lösten sich auf und formten binnen weniger Atemzüge die Buchstaben M, G, N und C.

»Hier ist die Meysenhart Galactic News Corporation mit einer aktuellen Sondersendung über die dramatischen Ereignisse, die sich gerade am Rand des Solsystems abspielen«, begann der Terraner seine Anmoderation. »Mein Name ist Krohn Meysenhart, und ich berichte live vom Ort des Geschehens. Die KISCH steht vierzig Astronomische Einheiten von der Erde entfernt in der Nähe des Zwergplaneten Pluto. Soeben sind hier 874 Raumschiffe materialisiert ...«

Ravael Dong, der als Medieninterpret und Informationsphilosoph für die Komposition der Bilder verantwortlich war, spielte dreidimensionale Aufnahmen der bunt zusammengewürfelten Armada ein, die vor Kurzem mit fünf Prozent der Lichtgeschwindigkeit aus dem Hyperraum aufgetaucht war und nun Kurs auf die fast sechs Milliarden Kilometer entfernte Erde gesetzt hatte. Es stand zu vermuten, dass früher oder später mindestens eine weitere Transition folgen würde, denn mit ihrer aktuellen Geschwindigkeit würden die Schiffe mehr als viereinhalb Tage brauchen, um ihr Ziel zu erreichen.

»Sie alle, meine verehrten Zeitzeugen, haben in den vergangenen Wochen und Monaten die Nachrichten über die politische Eskalation zwischen dem Rat der Terranischen Union und dem KKS, dem von Tatcher a Hainu vertretenen ›Komitee für Koloniale Selbstverwaltung‹ verfolgt«, fuhr Meysenhart fort. »Nun droht dieser Konflikt außer Kontrolle zu geraten. Vor wenigen Stunden – um genau zu sein: am 16. April 2102 um Mitternacht Terranischer Standardzeit – lief ein Ultimatum an die Union ab, das mit Ausnahme von Oxtorne von allen Kolonialverwaltungen und ihren Obfrauen und -männern inklusive des Mars Councils ratifiziert wurde. Darin fordern die acht von der Solaren Union gelenkten Kolonien die sofortige Entlassung aus den Verpflichtungen des sogenannten Vertrags zur Kooperation und Kontrolle im Rahmen der TU-Verfassung. Wir schalten jetzt live in die Zentrale der REBEL ROUSER, einem Schweren Kreuzer der Terranischen Flotte, auf der unser Außenkorrespondent Tardus Zanc ...«

Meysenhart brach ab. Seine Augen weiteten sich. Dong hatte das Übertragungsholo auf das zweihundert Meter durchmessende Kampfschiff umgeschaltet, das in exakt dieser Sekunde von einem grellroten Energiestrahl getroffen wurde. Weil das Raumfahrzeug seinen Schutzschirm abgeschaltet hatte, zerfetzte der Schuss einen Teil der oberen Polkalotte. Mehrere große Trümmerstücke lösten sich vom Schiffskörper und trieben davon. Die REBEL ROUSER geriet ins Trudeln.

»Großer Gott ...«, hörte Meysenhart seinen Mitarbeiter flüstern. Die Stimme des Medieninterpreten klang verzerrt, weil sein Sprachverstärker mit den Emissionen seiner Steuerkonsole interferierte. Mit 79 Zentimetern Körpergröße galt Dong sogar bei anderen Siganesen als Zwerg. Um sich trotzdem Gehör zu verschaffen, verwendete er regelmäßig technische Hilfsmittel.

Der Schuss war von einem Frachter der Kolonistenflotte abgegeben worden. Das Schiff stand in unmittelbarer Nähe der REBEL ROUSER. Der Schwere Kreuzer war ohne Frage schwer beschädigt. An mehreren Stellen der Außenhülle bildeten sich bereits Glutherde, die sich schnell vergrößerten. Falls es dem Frachter einfiel, noch einmal zu feuern, würde dies das Schicksal des 200-Meter-Kugelraumers besiegeln, zumal dessen Schutzschirm nach wie vor nicht aktiviert war. Vermutlich waren die entsprechenden Projektoren ausgefallen.

Reiß dich zusammen, rief sich Meysenhart zur Ordnung. Du bist ein Profi – und vor Ort, um zu berichten. Also berichte!

»Meine Damen und Herren«, nahm Meysenhart seine Reportage wieder auf und drängte die Gedanken an Tardus Zanc vorerst zurück. Seine Stimme gewann schnell an Sicherheit. »Hier ist es soeben zu einem unerwarteten und möglicherweise folgenschweren Zwischenfall gekommen. Ein Raumschiff der Kolonisten hat grundlos auf den Schweren Kreuzer REBEL ROUSER der Terranischen Flotte gefeuert und dabei dramatische Schäden verursacht.«

Auch Dong hatte sich offenbar wieder gefangen, denn er versorgte Meysenhart mit den aktuellen Ortungsdaten.

»Wie uns die Sensoren der KISCH verraten, wurden bei dem unprovozierten Angriff mehrere Reaktoren der REBEL ROUSER beschädigt. Wir messen starke Energieausbrüche aus dem Schiffsinnern an, die auf Explosionen infolge von versagenden Meilerisolierungen hindeuten. Soeben verlassen zwei Space-Disks das angeschlagene Raumfahrzeug ...«

In mehreren Nebenholos wurden die Aktivitäten im Mesh eingeblendet. Aktuell verfolgten mehr als acht Milliarden Menschen Meysenharts Sendung. Dabei wurde in jeder Sekunde ein Datenvolumen von mehreren Zehntausend Zettabytes umgesetzt – ein Zettabyte entsprach etwa einer Milliarde Terabytes. Positronische Nanoarchitektur, künstliche Intelligenz und neuronale Netzwerke machten es möglich.

Wenige wussten besser als Krohn Meysenhart, dass es zu Beginn des 22. Jahrhunderts längst nicht mehr darauf ankam, Informationen zu generieren, denn die standen im Überfluss und für alle kostenlos zur Verfügung. Vielmehr ging es darum, dem Kunden die überbordende Komplexität des Alltags in mundgerechten Stücken zu servieren und so anzurichten, dass er sie mit minimalem intellektuellem Aufwand verdauen konnte.

Weitere Hologramme manifestierten sich vor Meysenhart. Das Mesh, das in der gesamten Solaren Union verfügbare Daten- und Kommunikationsnetz, war in hellem Aufruhr.

»In einer offiziellen Verlautbarung hat Tatcher a Hainu soeben um Entschuldigung für den Vorfall gebeten. Den Worten des Marsianers zufolge handelt es sich um ein schreckliches Missverständnis.«

Dong blendete ein Holofenster ein, in dem ein Mann mit grüner Haut, pechschwarzen Haaren und tonnenförmiger Brust zu sehen war – zweifellos ein Kolonist vom Planeten Imart im Canopussystem. Ein im unteren Bildbereich durchlaufender Fließtext informierte die Zuschauer darüber, dass es sich um den Kapitän des Frachters handelte, der auf die REBEL ROUSER geschossen hatte. Der Imarter beteuerte unter Tränen, wie leid ihm alles tue und dass seine Überreaktion ein Produkt von Angst und nervlicher Anspannung gewesen sei. Er habe geglaubt, der Schwere Kreuzer wolle ihn angreifen.

Das Hauptholo zeigte Nahaufnahmen der anderen Kolonistenraumer, vor allem der walzenförmigen MARTIS mit Tatcher a Hainu an Bord. Zwei von Meysenharts Kamerasonden konzentrierten sich allerdings auch auf den soeben eintreffenden Schweren Kreuzer RHINO. Das zweihundert Meter durchmessende Kugelschiff kümmerte sich vorerst nur um das inzwischen in greller Glut strahlende Raumschiff derselben Baureihe, von dem sich weitere Space-Disks lösten. Krohn Meysenhart hoffte inständig, dass in einer davon auch Zanc saß.

»Vorerst scheint die Terranische Union den Beschuss der REBEL ROUSER tatsächlich als einen bedauerlichen Unfall zu akzeptieren«, sprach er weiter. »Uns liegen derzeit keine Informationen vor, nach denen die Flotte eine direkte Vergeltung vorbereitet oder den verantwortlichen Frachterkapitän juristisch belangen will, aber es wird fraglos eine Untersuchung geben ...«

Ein weiteres Internholo von Dong erschien vor seinen Augen. Es leuchtete in sanftem Rot.

»Allerdings erreicht uns soeben die Bestätigung, dass Stella Michelsen, die Administratorin der Terranischen Union, und Shalmon Kirte Dabrifa, der Präsident der Solaren Union, in wenigen Minuten an Bord der CREST II vor Ort eintreffen werden. In ihrer Begleitung befindet sich Perry Rhodan, der zwar kein offizielles politisches Amt mehr bekleidet, in den Kolonien jedoch hohes Ansehen genießt. Es ist zu vermuten, dass die Führungselite der Union die brisante Situation persönlich entschärfen will.«

Dong hatte einen besonderen Algorithmus entwickelt, der das Mesh in Sekundenschnelle durchforstete und maßgeschneiderte Meinungsbilder erstellen konnte. Die Resultate bekam Meysenhart als Zuspielung über seine Netzhautimplantate zu sehen.

»Gegenwärtig halten 61,5 Prozent der Erdbevölkerung die Reaktion der Kolonien auf die jüngste Resolution des Unionsrats für überzogen«, verkündete er. »Die meisten Menschen sind der Ansicht, dass man eine Menge Geld und Ressourcen in die Siedlungsprojekte investiert hat. Das Mindeste, was man nun erwarten könne, so lautet die vorherrschende Meinung, sei ein bisschen Dankbarkeit. Der Angriff auf die REBEL ROUSER, der sechzig Menschen das Leben gekostet hat, dürfte der Sache der Kolonisten daher zweifellos massiv geschadet haben.«

Mit einigen beiläufig wirkenden Gesten ordnete Meysenhart die Liveholos neu und fügte ein paar animierte Grafiken hinzu. Egon, die Bordpositronik der KISCH, stellte passende Hyperlinks bereit, über die sich die Zuschauer mit ihren Neuropiercings und Nanomaschinen auf Wunsch direkt mit den Meshsystemen der KISCH vernetzen konnten. Dadurch wurde die Berichterstattung in elektronische Impulse übersetzt und ohne Zeitverlust an die zuständigen Nervenknoten des Gehirns geschickt. Der Konsument wurde praktisch zu einem Teil des Geschehens – mit allen zugehörigen sensorischen Empfindungen.

»Gerade empfange ich eine Vorankündigung von der Kolonistenflotte«, gab Dong bekannt. »Tatcher a Hainu wird in dreißig Sekunden eine öffentliche Ansprache halten – systemweit und unverschlüsselt.«

»Das nehmen wir live mit«, entschied Meysenhart sofort. »Ich mache die Anmoderation in zwei ... eins ...« Ein rotes Holosignal zeigte ihm, dass er wieder auf Sendung war.

»Verehrte Zeitzeugen. Soeben erfahren wir, dass Tatcher a Hainu, Mitglied des Mars Councils, Botschafter bei der TU-Vollversammlung und Sprecher des Komitees für Koloniale Selbstverwaltung, eine Verlautbarung abgeben will«, sagte er, während er blitzschnell ein paar neue, von Dong zur Verfügung gestellte Hintergrundinformationen studierte. »A Hainu ist seit Jahren der einflussreichste Vertreter des Unabhängigkeitsgedankens und votierte bei der jüngsten Abstimmung zur Ermessensverwaltung für eine Abspaltung nicht nur der Kolonien, sondern auch seiner Heimat, des Mars. Seine vor drei Jahren eingebrachte Klage vor dem TU-Verfassungsausschuss machte ihn weit über den Roten Planeten hinaus berühmt. Seiner Ansicht nach werden durch die Kolonialverwaltungsgesetze der Solaren Union elementare menschliche Grundrechte verletzt. Das Verfahren ist aufgrund seiner Komplexität und weitreichenden politischen Auswirkungen noch immer nicht abgeschlossen. A Hainu hat in der Vergangenheit des Öfteren behauptet, dass die Unionsverantwortlichen eine Entscheidung bewusst verschleppen und mit billigen juristischen Tricks behindern. Nun scheint es, als habe er die Geduld verloren.«

Der Mann spielt mit hohem Einsatz, dachte Meysenhart. Nach der Sache mit der REBEL ROUSER auch noch Forderungen zu stellen, ist mehr als riskant ...

Im Zentrum seines Sichtfelds erschien eine kurze Nachricht, dass sich Tardus Zanc gemeldet hatte. Der Unither hatte es wohlbehalten an Bord der RHINO geschafft und wurde dort medizinisch untersucht. Dong zufolge ging es ihm aber gut. Erst da spürte Meysenhart, wie sehr ihn Zancs Schicksal beschäftigt hatte. Die Mediencrew der KISCH arbeitete seit mehr als zehn Jahren zusammen und war während dieser nicht immer einfachen Zeit zu einer Art Familie geworden, ein Umstand, auf den sich Meysenhart einiges einbildete.

Das Holosignal blinkte hektisch; ein Zeichen, dass a Hainus Ansprache in fünf Sekunden beginnen würde.

»Hören wir uns an, was der Mann zu sagen hat ...« Krohn Meysenhart ließ sich in seinen Sessel zurückfallen. Mit der beruhigenden Nachricht von Zanc war die unterschwellige Anspannung übergangslos von ihm abgefallen.

»Das war gar nicht schlecht«, hörte er Ravael Dongs elektronisch verstärktes Organ neben seinem rechten Ohr. »Mehr als drei Milliarden Zugriffe. Tendenz steigend.«

Ja, dachte Krohn Meysenhart zufrieden. Das war gar nicht schlecht.

4.

»Wie lange brauchen die denn noch?« Reginald Bull fuhr sich nervös durch den schon seit Tagen nicht mehr gestutzten Bart. Er stand auf der Kommandoempore in der Zentrale der TERRANIA und beobachtete die von der Positronik seines Flaggschiffs eingeblendeten Kursvektoren von mehreren Tausend Flotteneinheiten, die sich derzeit im Raum zwischen Erde und Mond sammelten und die vorbestimmten Formationen einnahmen.

»Die letzten Positionen werden in knapp zehn Minuten erreicht, Protektor«, gab Kommandant Melbar Kasom Auskunft. »Es ist eng da draußen, aber alles verläuft genau nach Plan.«

»Finden Sie?« Bull wandte seinen Blick vom Holodom und sah kurz zu dem Ertruser hinüber.

Der bullige Mann mit seinen mehr als zwei Metern Körpergröße und der in einem hellen Sandton gefärbten Haarsichel auf dem ansonsten blanken Schädel saß in seinem Spezialsessel und hatte die Finger seiner Hände ineinander verschränkt. Als sogenannter Umweltangepasster war Kasom eigentlich eine Schwerkraft von 3,4 Gravos gewöhnt. Um sich an Bord der TERRANIA einigermaßen normal bewegen zu können, musste er daher auf eine Reihe von technischen Hilfsmitteln zurückgreifen.

»Wenn alles nach Plan gelaufen wäre«, sagte Bull grimmig, »wären wir nicht in dieser beschissenen Situation.«

»So kann man es natürlich auch sehen, Sir.«

»Dringlichkeitsruf von der CREST II, Protektor«, meldete Cailin Cathcart, die Funk- und Ortungschefin der TERRANIA. »Es ist Perry Rhodan.«

»Durchstellen!«, befahl Bull. Mit einer knappen Geste aktivierte er ein geräusch- und sichtschützendes Privatsphärefeld um sich. In der aktuellen Lage hörte er sich besser erst mal persönlich an, was ihm sein Freund mitzuteilen hatte.

»Reg ...«, begrüßte ihn Rhodans gestochen scharfes Hologramm. Wenn das leichte Flimmern nicht gewesen wäre, hätte man meinen können, der Terraner sei leibhaftig anwesend. Natürlich wäre es kein Problem gewesen, die Projektion entsprechend auszusteuern, doch in der Terranischen Union war es gesetzlich vorgeschrieben, holografische Abbilder realer Personen eindeutig als solche kenntlich zu machen.

»Ihr habt es mitgekriegt?«, fragte Rhodan.

»Das mit der REBEL ROUSER?«, gab Bull mürrisch zurück. »Allerdings. Dazu 874 Schiffe ohne Einflugerlaubnis auf Erdkurs. Dieser a Hainu hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.«

»Früher oder später war das zu erwarten. Wir sitzen bereits seit Längerem auf einem Pulverfass. Hoffen wir, dass a Hainus Aktion nicht der Funken ist, der es zur Explosion bringt. Wie ich sehe, wurde der Fall Laurin ausgerufen, und die Umsetzung ist bereits angelaufen.«

»Die Flotte braucht noch zehn Minuten. NATHAN hilft bei der Koordination. Die Helium-3-Empfänger sind bis zum Rand betankt; alle Gezeitensatelliten melden Betriebsbereitschaft.« Bull schüttelte den Kopf. »Verdammt, Perry. Ich hätte nie geglaubt, dass es einmal so weit kommen würde. Das ... Das sind doch unsere Leute!«

»Ich verstehe dich nur zu gut, Reg. Ich weiß nicht mehr, wie viele Gespräche ich in den vergangenen zwölf Jahren geführt habe. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich a Hainu und seine Mitstreiter sogar verstehen. Die Terranische Union hat die Kolonisten viel zu lange als eine Art Leibeigene behandelt. Das rächt sich jetzt.«

»Erinnerst du dich noch an die Beschlussfassung des Rats in Sachen New Frontiers?«, fragte Bull. »Du hast sie damals alle gewarnt. Du hast ihnen vorgehalten, dass diese ganze Sache mit dem Eigentum am menschlichen Erbgut eine tickende Zeitbombe ist. Genetische Sklaverei. Und nun haben wir den Salat.«

Bull atmete mehrmals tief ein und wieder aus. Er wollte sich nicht schon wieder in Rage reden – was jedes Mal zwangsläufig geschah, wenn es um die Kolonien ging. Bereits Ende der 2050er-Jahre hatte man die Pläne zur Besiedlung ausgewählter fremder Welten innerhalb der Lokalen Blase entwickelt und umgesetzt. Im Rahmen des Variable Genome Projects waren Tausende von Freiwilligen genetisch verändert und an die Umweltbedingungen ihrer neuen Heimatplaneten angepasst worden. Die immensen Kosten dieses ehrgeizigen Unterfangens hatten allerdings sogar das Budget der Terranischen Union gesprengt. Also hatte man die Tür für private Investoren geöffnet – Bulls Meinung nach ein fataler Fehler.

Firmen wie GeneFX, die Whistler Corporation und die damals noch unter Unionsführung stehende General Cosmic Company, aber auch speziell gegründete Stiftungen wie die Complex Humanity Foundation, hatten sich mit teilweise beträchtlichen Summen eingekauft – und das selbstverständlich nicht aus rein humanitären Erwägungen. Sie versprachen sich Profite durch die Entwicklung neuer Produkte und Materialien, vor allem aber durch die Erforschung und Erprobung neuer Medikamente und medizinischer Techniken, bei der die Siedler nach Kräften mithelfen sollten. Medizinische Genetik, also ein individuell auf das Patientengenom abgestimmtes Gesundheitsmanagement, war schon damals in aller Munde gewesen.

Die Konflikte hatten nicht lange auf sich warten lassen. Zwar waren die Kolonisten über die Konsequenzen ihrer Entscheidung in allen Details aufgeklärt worden und hatten am Ende entsprechende Verträge unterschrieben. Doch mit den Jahren fühlten sich trotzdem immer mehr von ihnen getäuscht und über den Tisch gezogen. Emotionen, die sich mit jeder neuen Generation verstärkten.

Die Abtretung der Verfügungsgewalt über das eigene Erbgut war mit elementaren Einschränkungen der Grundrechte verbunden. Zu Beginn hatte die Aussicht auf ein großes Abenteuer und das Leben auf einem anderen Planeten noch vieles überdeckt. Aber irgendwann war den Menschen klar geworden, was sie wirklich aufgegeben hatten – und wie entbehrungsreich und gefährlich der Aufbau einer Kolonie Hunderte von Lichtjahren weit weg von der ursprünglichen Heimat sein konnte. Die Siedler fühlten sich mehr und mehr wie moderne Sklaven, die von den Bewohnern der Erde ausgestoßen und als Freaks belächelt, ausgebeutet und gedemütigt wurden. Dass sich unter solchen Voraussetzungen eine kulturelle Entfremdung und eine auf Separation und Autonomie ausgerichtete Gruppendynamik entwickelte, war im Nachhinein nicht verwunderlich. Aus der Rückschau mussten sich die Verantwortlichen der Terranischen Union vorhalten lassen, dass sie auf diese Entwicklungen nicht schnell und konsequent genug reagiert hatten.

»Das liegt alles in der Vergangenheit, Reg«, sagte Rhodan. »Wir haben Fehler gemacht und die Sorgen und Nöte dieser Menschen nicht ernst genug genommen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass daraus nicht noch größerer Schaden entsteht. Außerdem hast zumindest du oft genug den Mahner und Warner gegeben.«

»Ist mir klar.« Bull seufzte. »Also: Warum rufst du an?«

»Stella, Shalmon und ich wollen der Siedlerflotte mit der CREST II entgegenfliegen und einen letzten Versuch unternehmen, a Hainu umzustimmen. Ich habe gehört, dass du zwölf Schwere Kreuzer in Marsch gesetzt hast. Aber wir wollen reden, nicht drohen. Ruf sie zurück.«

»So einfach ist das nicht«, wandte Bull ein. »Der Befehl kommt direkt vom Admiralstab.«

»Aber du bist der Protektor«, widersprach Rhodan ernst. »Du kannst jeden Befehl aufheben. Stella und Shalmon würden dich stützen.«

»Danke.« Bull lächelte säuerlich. »Das ist zwar gut zu wissen, aber solche umfänglichen Kompetenzen habe ich nur in einer unmittelbaren Notsituation oder im Verteidigungsfall.«

»Beides ist gegeben.«

»Wir haben bislang noch nicht mal Systemalarm ausgelöst. Und wenn ich nun darüber nachdenke, erscheint es mir durchaus wahrscheinlich, dass das sogar Absicht war. Ohne diese juristische Vorbedingung kann ich gar nicht gegen den Stab entscheiden. Man hat mich bewusst ausgebremst.«

»Aus politischem Kalkül; das ist sicher eine Möglichkeit. Andererseits will man vielleicht auch nur jede Provokation vermeiden.«

»Verdammt, Perry«!, schimpfte Bull. »Ich bin auf deiner Seite, aber wenn ich den Flottenstab derart brüskiere, wird das Konsequenzen haben. Admiral Callamon findet mit der Null-Toleranz-Politik, die er gegenüber den Kolonien vertritt, mehr und mehr Anhänger. Meine Position im Gremium ist bereits jetzt alles andere als stark.«

»Das verstehe ich, und ich will dich zu nichts drängen, vom dem du glaubst, dass du es nicht vertreten kannst. Aber vielleicht wäre es möglich, die Ankunft der Kampfschiffe ein wenig ... hinauszuzögern. Eine halbe Stunde würde bereits genügen. Dann könnten wir a Hainu darauf vorbereiten.«

»Oberstleutnant Rigatzki von der ATASCADERO ist ein guter Freund von mir«, sagte Bull leise und wie zu sich selbst. »Er befehligt den Verband. Ich könnte ihm vorschlagen, einen Orientierungsaustritt einzuplanen. Der Angriff auf die REBEL ROUSER hat gezeigt, dass die Lage vor Ort gefährlicher ist als bisher angenommen. Ein Ortungsstopp kostet bestenfalls dreißig Minuten. Ein geringer Preis, wenn es um die Sicherheit unserer Leute geht.«

»Kommst du damit durch?«

»Was glaubst du? Die Admiräle – allen voran Callamon – mögen vieles sein, aber dumm sind sie nicht. Selbstverständlich werden sie schnell merken, was läuft. Allerdings können sie wenig tun, wenn ich den Sicherheitsaspekt ins Spiel bringe. Vor allem, wenn mich die TU-Führung unterstützt.«

»Danke, Reg. Ich werde Stella und Shalmon informieren. Sie werden behaupten, dass der Vorschlag von ihnen kam und du nur widerwillig zugestimmt hast. Tut mir leid, wenn ich dein Leben komplizierter gemacht habe.«

»Unsinn.« Bull grinste. »Ich freue mich, wenn ich den Damen und Herren im Stab hin und wieder mal in die Suppe spucken kann. Du kannst ...«

Ein kurzer Alarmton unterbrach das Gespräch. Rhodan drehte den Kopf. Dann wandte er sich wieder seinem Freund zu.

»Das solltest du dir auch anhören, Reg«, sagte er. »Tatcher a Hainu gibt soeben eine offizielle Erklärung des Komitees für Koloniale Selbstverwaltung ab ...«

»Mein Name ist Tatcher a Hainu, und ich spreche für die Mitglieder des Komitees für Koloniale Selbstverwaltung, dem die Obfrauen und -männer der Planeten Plophos, Siga, Epsal, Ertrus, Cybora, Rumal, Imart und Olymp angehören. Ich selbst wurde als Vertreter des Mars Councils und offizielles Mitglied der TU-Vollversammlung zum Sprecher des Komitees gewählt und möchte eine Resolution verlesen, die per Beschluss vom 15. April 2102 von allen Beteiligten einstimmig gebilligt und unterzeichnet wurde. Der Text steht ab sofort im Wortlaut über alle öffentlichen Datenbanken und Mesh-Knoten zur Verfügung.«

Das Holo des schlanken Neu-Marsianers mit dem schwarzen Vollbart und den hager wirkenden Zügen schwebte mitten in der Zentrale der TERRANIA. A Hainu trug eine dunkelgraue Kombination, die an eine Uniform erinnerte. Bull hatte ihn bereits öfter getroffen und als intelligenten, leidenschaftlichen, manchmal aber auch aufbrausenden Mann kennengelernt.

»Zuerst möchte ich meine ehrlich empfundene Bestürzung über den bedauerlichen Vorfall zum Ausdruck bringen, der sich vor kaum einer Stunde im Raum um Pluto ereignet hat. Der irrtümliche Beschuss des Schweren Kreuzers REBEL ROUSER durch einen imartischen Frachter hat sechzig Menschen das Leben gekostet und eine Reihe von Verletzten zurückgelassen. Das ist eine furchtbare Tragödie. Der verantwortliche Kapitän bekennt sich uneingeschränkt schuldig und übernimmt die volle Verantwortung für sein Tun. Falls die Unionsbehörden seine Überstellung in ihren Gewahrsam wünschen, wird diesem Wunsch selbstverständlich entsprochen. Dabei gilt den Angehörigen der Toten unser tiefstes Mitgefühl. Außerdem werden wir alles dafür tun, die Ereignisse lückenlos zu rekonstruieren und aufzuklären – wohl wissend, dass dies vorerst kein Trost für die Hinterbliebenen sein kann.«

Auf einem von Cathcart eingeblendeten Nebenholo verfolgte Bull, wie die Zugriffszahlen auf die Übertragung der Ansprache explosionsartig in die Höhe schossen. An der Spitze der Liste stand ein Nachrichtensender mit dem pompösen Namen Meysenhart Galactic News Corporation. Bull erinnerte sich dunkel an eine noch nicht lange zurückliegende Reportage über krumme Geschäfte im Zusammenhang mit den Frachtraten für die Transmitterstrecke zwischen Olymp und Saturn. Ein gewisser Krohn Meysenhart hatte damals Unregelmäßigkeiten innerhalb der lokalen Verwaltung aufgedeckt und mehrere Verantwortliche bloßgestellt, die sich unrechtmäßig bereichert hatten. Seine Recherchen hatten zu diversen Entlassungen und Anklagen geführt, und das Thema war einige Tage lang durch alle Medien gegeistert.

»Lassen Sie mich nun – so schwer es auch fällt – zum eigentlichen Grund meines Hierseins kommen«, riss a Hainus Stimme den Protektor wieder in die Gegenwart. »Mit ihrer Siedlungspolitik missachtet die Terranische Union seit vielen Jahren die ehernen Grundsätze, auf deren Fundament sie einst gegründet wurde. Sie tritt die Prinzipien von Menschlichkeit, Toleranz und Gerechtigkeit mit Füßen, jene Prinzipien, die angeblich im Zentrum ihres Strebens und Wirkens stehen. Die Mehrheit der in den Kolonien lebenden Menschen ist nicht länger bereit, das hinzunehmen!«

Die Mimik des Marsianers hatte sich radikal verändert. War sie eben noch ein Spiegelbild der Trauer und Anteilnahme gewesen, wirkte sie nun hart und unnachgiebig. Bull fragte sich, ob er gerade den echten Tatcher a Hainu sah oder ob der Mann lediglich ein begnadeter Schauspieler war.

»Wir haben diskutiert«, sprach a Hainu weiter. »Wir haben verhandelt. Jahrelang. Jahrzehntelang. Passiert ist so gut wie nichts. Man hat uns immer wieder beschwichtigt und vertröstet. Man hat uns Versprechungen gemacht, hin und wieder ein paar vage Zugeständnisse. Man hat uns abgespeist und wie Bittsteller behandelt. Aber Freiheit und Selbstbestimmung sind keine Vergünstigungen für Wohlverhalten, keine Belohnungen für Gehorsam. Und ganz sicher kein Luxusgut, das nur jenen zusteht, die auf den richtigen Sprossen der sozialen Leiter stehen. Laut Verfassung der Terranischen Union sind sie das Grundrecht jedes einzelnen Bürgers, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Volkszugehörigkeit, seiner persönlichen Situation und seiner Gesinnung. Sie können weder genommen noch beschnitten werden. Niemals und von niemandem!«

Bull ließ seinen Blick durch die Zentrale schweifen. Die diensthabenden Frauen und Männer hatten trotz der routinemäßig angeordneten Gefechtsbereitschaft nicht viel zu tun. Die meisten lauschten wie gebannt den Worten des Marsianers. Und jeder Einzelne wusste um die ungeheure Brisanz der Lage.

Streng genommen hatten sich die Kolonien bereits des Bruchs des Unionsfriedens, womöglich sogar des Hochverrats schuldig gemacht. Sie waren mit einer großen Anzahl von Raumschiffen ohne Erlaubnis ins Solsystem eingeflogen. Wenn man den Buchstaben des Gesetzes folgen wollte, konnte das als feindlicher Akt interpretiert werden. Als Protektor hätte Bull das Recht, ja sogar die Pflicht gehabt, die Terranische Flotte in Marsch zu setzen und die auf die Erde zukommende Bedrohung zu stoppen – notfalls unter Einsatz von Waffengewalt.

Nein!, beschloss er. Ich werde auf keinen Fall auf diese Menschen schießen! So darf unser Traum von Einheit, Frieden und Wohlstand für alle nicht enden!

»Heute ist die Zeit des Redens vorbei«, sagte a Hainu. »Heute ist der Tag, an dem wir das zurückfordern, was man uns so lange widerrechtlich vorenthalten hat. Aus politischem Kalkül. Aus Profitgier. Aus Arroganz und Bequemlichkeit. Die Kolonien haben gewaltige Opfer gebracht und bringen sie immer noch. Tapfere Frauen und Männer haben ihr Leben eingesetzt, um aus Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Sie haben ihre Heimat aufgegeben, um sich eine neue Heimat zu schaffen. Sie sind jenen Weg gegangen, den die Verantwortlichen der Union in ihren Sonntagsreden und Festansprachen immer wieder beschwören – den Weg zu den Sternen!«

Der Marsianer machte eine effektvolle Pause. Widerwillig musste Bull zugeben, dass a Hainu ein fast ebenso guter Rhetoriker wie Perry Rhodan war. Seine dunkle Stimme zog einen spontan in ihren Bann. Seine klaren und geschliffenen Aussagen trafen den Ton, rissen mit und erzeugten starke Emotionen.

»Wir sind nicht gekommen, um eine Sonderbehandlung zu fordern«, bog a Hainu auf die Zielgerade seiner Rede ein. »Im Gegenteil. Wir wollen nur das, was uns ... was allen Menschen zusteht und was sich die Terranische Union geschworen hat, zu gewähren, zu achten und mit allen Mitteln zu verteidigen. Perry Rhodan hat einmal gesagt, dass der Besitz der Freiheit zuerst die Verpflichtung nach sich zieht, sie auch jedem anderen zu gewähren. Nur dann erwirbt man das Recht, sie selbst in Anspruch nehmen zu dürfen. Sie ist ein Privileg und bedeutet Bürde und Versprechen zugleich. Es scheint, als habe die Terranische Union all das in den vergangenen Jahrzehnten vergessen. Wir sind heute hier, um sie wieder an die Worte eines ihrer Gründerväter zu erinnern.«

»Die Kolonistenflotte nimmt Fahrt auf.« Kasoms Stimme klang belegt. Als Ertruser war er selbst ein Kolonist. Was mochte wohl gerade in seinem Kopf vorgehen? Fühlte er sich tatsächlich als Unionsbürger zweiter Klasse?

»Wir wenden uns heute an TU-Administratorin Stella Michelsen«, sagte Tatcher a Hainu. »An Shalmon Kirte Dabrifa, den Präsidenten der Solaren Union. An Protektor Reginald Bull. Und an Perry Rhodan, der sich schon so oft um die Menschheit verdient gemacht und unser aller Respekt erworben hat. Wir wenden uns an jeden Bewohner der Erde und des Monds. Wir tun es auf diese ungewöhnliche Weise, weil wir keinen anderen Ausweg mehr wissen. Weil wir nicht länger im Dunkeln leben wollen und können.

Unmittelbar nach Verlesung dieser Botschaft werden die 874 Raumschiffe, mit denen wir gekommen sind, transitieren. Unser Zielgebiet liegt im inneren Kernbereich der Systemverteidigung, zwei Lichtminuten von der Erde entfernt. Wir werden nicht stoppen, sondern weiter auf Terra zufliegen. Wenn uns Einheiten der Terranischen Flotte angreifen – was sie nach geltendem Recht tun müssen –, werden wir uns nicht zur Wehr setzen. Doch was auch immer geschieht: Wir werden unseren Flug fortsetzen. Wir werden nicht anhalten. Wir werden nicht den Kurs ändern.«

Noch einmal pausierte der Marsianer. Langsam drehte er den Kopf, als wolle er jeden in der Zentrale der TERRANIA persönlich ansehen.

»Dieser Konflikt ist nicht das, was wir wollten«, fuhr er leise, aber eindringlich fort. »Diese Eskalation ist das Ergebnis von Dekadenz und politischer Einfalt. Für die Freiheit, die die Bewohner des Solsystems so selbstverständlich genießen, wurden über Jahrtausende hinweg unzählige Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet. Wenn es nun einmal mehr solcher Opfer bedarf, um auch unsere Freiheit zu erlangen ... werden wir sie erbringen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Bull leckte sich die trockenen Lippen. In der Zentrale herrschte eine fast schon gespenstische Stille.

»Die Kolonistenschiffe sind soeben transitiert«, meldete Cailin Cathcart.

Bull wandte den Kopf, als Melbar Kasom an seiner Seite auftauchte. Der Hüne hatte sich aus seinem Sessel erhoben und war zu ihm herübergekommen. Um ihm ins Gesicht sehen zu können, musste der Protektor den Kopf in den Nacken legen.

»Schlimme Sache, Sir«, sagte der Kommandant der TERRANIA leise. »Verdammt schlimme Sache ...«

Reginald Bull nickte. »Und wissen Sie, was das Schlimmste ist, Mister Kasom?« Er wartete die Reaktion des Ertrusers nicht ab, sondern beantwortete seine Frage selbst. »Wenn wir wirklich ehrlich mit uns sind, müssen wir zugeben, dass dieser a Hainu mit fast allem, was er sagt, recht hat!«

5.

Thomas Rhodan da Zoltral hasste Krankenhäuser. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die hochmodernen Kliniken und Laborkomplexe des MIMERC, des Mimas Medical Research Centers auf dem zehnten Mond des Saturn, eher an Luxushotels und Wellness-Oasen erinnerten. Es war die Atmosphäre, die ihn frösteln ließ. Dieser unterbewusste Widerhall von Krankheit und Tod, den er zwangsläufig empfand, wenn er sich in den großzügig angelegten Hallen, Korridoren, künstlichen Parklandschaften, Gemeinschaftsarealen und Behandlungsräumen bewegte. Er wusste, dass er sich daran niemals gewöhnen würde.

Ich bin in dieser Hinsicht einfach zu empfindlich, dachte er, während er die Desinfektionsschleuse der Fachklinik VI für Psychiatrie und Psychotherapie aufsuchte. Geduldig wartete er, bis die Positronik grünes Licht gab und er den Patientenbereich betreten durfte. Farouq hätte mich jetzt wohl als Sensibelchen verspottet ...

Der Gedanke an seinen verstorbenen Bruder tat weh – wie immer. Dennoch ließ er ihn zu, weil er wusste, dass er sich sonst noch schlechter fühlen würde. Der Schmerz hatte im Laufe der Jahre ein wenig nachgelassen, aber verschwinden würde er niemals. Farouq hatte eine Lücke in Toms Leben hinterlassen, eine offene Wunde, die nicht verheilte, sondern für immer ein Teil von ihm bleiben würde.

Den Weg in den Sektor VI-Delta, in dem die Langzeitpatienten und Dauergäste der Klinik residierten, hätte Thomas mit geschlossenen Augen gehen können. Ein breiter Korridor führte über eine gläserne Rotunde zu den verschiedenen Fachabteilungen. Überall standen große Kübel mit farbenprächtigen Pflanzen. An den Wänden hingen Holobilder von exotischen Landschaften. Der Boden war mit hellem Teppich ausgekleidet, der die Schritte dämpfte. Aus verborgenen Akustikfeldern drang leise Musik.

Hin und wieder traf er auf Pfleger und Ärzte. Die meisten kannte er – und sie ihn. Sie nickten ihm zu; er nickte zurück. Eine Art Ritual, das sich mit der Zeit eingespielt und verfestigt hatte.

Je näher er der Tür kam, die in Jessica Tekeners kleines Apartment führte, desto unruhiger wurde er. Es war jedes Mal dasselbe. Die Besuche auf Mimas brachten die Erinnerungen zurück. Erinnerungen an eine Zeit, in der sie einander nahe gewesen waren. Sie hatten beide nicht gewusst, was sich aus ihrer wechselseitigen Zuneigung entwickeln würde, doch gerade diese Ungewissheit hatte dieses angenehme Kribbeln erzeugt, das dem Beginn jeder neuen Beziehung innewohnte. Es ließ die Welt heller und das Leben lebenswerter erscheinen. Schon der Gedanke an den anderen machte glücklich, und wenn man endlich zusammen war, verlor alles ringsum seine Bedeutung. Es zählte nur noch der Augenblick.

Bevor er eintrat, blieb Thomas noch einmal stehen, um sich zu sammeln. Die Ärzte hatten ihm erklärt, dass Jessica trotz ihrer Apathie mit hoher Wahrscheinlichkeit alles wahrnehmen konnte, was um sie herum vor sich ging. Das hatte man durch Gehirnscans und die Messung zerebraler Erregungspotenziale festgestellt. Die Schädigungen, die ihr Gehirn zwölf Jahre zuvor infolge der Einflussnahme durch Iratio Hondro erlitten hatte, konzentrierten sich in der Hauptsache auf den Hippocampus am inneren Rand des Temporallappens, einer zentralen Schaltstation des limbischen Systems. Dort wurden unter anderem das Gedächtnis konsolidiert und Emotionen verarbeitet. Außerdem lag dort der Ursprung des menschlichen Triebverhaltens.

Thomas setzte sein überzeugendstes Lächeln auf, auch wenn er sich ganz und gar nicht danach fühlte. Es war jedoch wichtig, dass Jessica positive und motivierende Signale empfing. Sie hatte einen Großteil ihrer Erinnerungen verloren, doch laut den Experten war es nicht ausgeschlossen, dass diese irgendwann wieder zurückkehrten. Sie musste aber daran glauben – und das konnte sie nur, wenn es ihr die Menschen in ihrer Umgebung vormachten.

Er legte die flache Hand auf die Meldeplatte. Ein leiser Gong erklang; dann fuhr die Tür lautlos in die Wand. Eine junge Pflegerin, die der teilnahmslos in einem Schwebestuhl sitzenden Jessica gerade die Haare bürstete, sah auf. Sie erkannte Thomas, winkte ihn näher und hielt ihm die Bürste hin.

»Möchten Sie weitermachen, Mister Rhodan?«, fragte sie. »Jessica würde sich bestimmt freuen.«

Tom nickte nur. Der Kloß in seinem Hals war da, bevor er es verhindern konnte. Zwölf endlos lange Jahre. Hunderte von Besuchen. Optisch hatte sich Jessica Tekener kaum verändert. Sie war noch immer bildschön. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den vollen Lippen und der schmalen Nase wurde von langen, dunkelblonden Haaren umspielt. Doch ihre gleichgültige Miene, der starre Blick ihrer Augen, die einst voller Leben gewesen waren ... das versetzte Thomas jedes Mal einen Schlag in die Magengrube. Dann hätte er sie am liebsten gepackt und geschüttelt und sie angeschrien, dass sie endlich aufwachen und gefälligst wieder zu der Jessica von früher werden sollte.

Er nahm die Bürste. Die Pflegerin berührte ihn kurz an

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