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Sherlock Holmes und das Ostseegold
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eBook235 Seiten2 Stunden

Sherlock Holmes und das Ostseegold

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Das Geheimnis des Wikinger-Schatzes


Nicht einen Moment glaubt der berühmte Privatdetektiv Sherlock Holmes daran, dass es sich bei den irrlichternden Phantomen, die angeblich die Ostsee-Insel Hiddensee heimsuchen, um die Geister der Wikinger handelt, deren Goldschatz vierzig Jahre zuvor ebendort gefunden wurde. Dennoch nimmt er den Auftrag des Museums in Stralsund an, in dem der spektakuläre Goldfund verwahrt wird.

Der Museumsdirektor vermutet hinter dem Hiddenseer Mummenschanz Schatzgräber, die äußerst skrupellos vorgehen: Ein Inselbewohner ist mit gebrochenem Genick aufgefunden worden, ein zweiter hat den Verstand verloren und ist in die Stralsunder Irrenanstalt eingeliefert worden.

So nimmt Holmes also gemeinsam mit Dr. Watson die unbequeme Fahrt mit Postdampfer, Fähre und Pferdekarren auf die noch sehr unwirtliche Insel auf sich, um dort den angeblich übernatürlichen Erscheinungen auf den Grund zu gehen.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum28. Mai 2021
ISBN9783954415724
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    Buchvorschau

    Sherlock Holmes und das Ostseegold - Wolfgang Schüler

    1. Kapitel

    Die Spukgestalt von Tangerhütte

    Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sich die Vorhersage meines Freundes erfüllte.

    Arthur Conan Doyle, Die Blutbuchen

    Aus den Aufzeichnungen von Dr. Watson

    05. März 1914, Tangerhütte

    Die geneigte Leserschaft wird sich gewiss noch daran erinnern können, dass Sherlock Holmes und meine Wenigkeit im Oktober des Jahres 1913 als Privatreisende auf dem Kontinent unterwegs gewesen waren. Justament als wir in Berlin, der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs weilten, wurde im Königlichen Völkerkundemuseum der überaus wertvolle Eberswalder Goldschatz geraubt. Professor Schuchhardt, der Museumsdirektor, bat meinen Freund um Hilfe. Daran hatte er recht getan, denn Holmes gelang es schon bald, die Hintergründe der ruchlosen Tat aufzuklären und den Goldschatz wohlbehalten sicherzustellen.

    Die Geschichte um den Goldraub hatte mit der Entlarvung der Täter ihr glückliches Ende gefunden, aber uns verband seitdem eine enge Freundschaft mit dem Berliner Kriminalkommissar Hermann Rausert. Im März des Jahres 1914 unternahmen wir eine weitere Reise nach Deutschland, um uns für einige Tage im Land der Dichter und Denker umzuschauen.

    In der Hauptstadt des Kaiserreichs besuchten wir selbstverständlich auch Hermann Rausert und schwelgten in Erinnerungen. Aber damit nicht genug. Er hatte uns unter anderem wärmstens einen Ausflug in die Colbitz-Letzlinger Heide ans Herz gelegt. Kurz vor unserer geplanten Rückkehr nach London folgten wir diesem Rat. Mit der Eisenbahn gelangten wir nach Magdeburg, der Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen. Dort übernachteten wir im Hotel Zum Goldenen Löwen. Am nächsten Morgen mieteten wir uns ein dunkelblaues Adler-Automobil mit geschlossenem Passagierabteil und halb offener Fahrerkabine. Der Wagen ähnelte auf verblüffende Weise einem Vierzylinder-Modell von Fratelli Marchand, welches mein Nachbar Sir Reginald in London fuhr. Der schmucke Wagen besaß Schiebefenster und war mit viel Messingzierrat versehen. Unser Chauffeur hieß Wilhelm Feyeg. Er war mittleren Alters, trug eine schmucke schwarze Uniform mit blitzenden Knöpfen zu gewienerten Schaftstiefeln und sprach in einem völlig unverständlichen Dialekt zu uns. Glücklicherweise verstand er mein Deutsch, sodass die Kommunikation wenigstens in eine Richtung möglich war.

    Wir bereuten den Ausflug keine Sekunde lang. Die Colbitz-Letzlinger Heide war ein schier unendliches Gebiet, das von Menschenhand fast völlig unberührt zu sein schien. Auf einen ausgedehnten Lindenwald folgten urwüchsige Eichen- und Kiefernforste sowie flache Landschaften mit am Boden kriechenden Heidekrautgewächsen und aromatisch duftendem Wacholder.

    Wir ließen das Automobil auf einer Schonung halten, empfahlen uns unserem Fahrer und marschierten stundenlang bei wunderbarem Herbstwetter querfeldein. Unterwegs konnten wir einen Wiedehopf, mehrere Birkhühner, einen Baumfalken und etliche Hirschkäfer beobachten. Auf einem Stein sonnte sich eine Kreuzotter. In der Ferne sahen wir einen majestätischen Hirsch durch das Unterholz streifen. Zwei, drei flinke Rehrudel kreuzten unseren Weg. Selbst Holmes, der in früheren Zeiten die Großstadt zu Landspaziergängen nur verlassen hatte, um Ganoven zu jagen, machte einen zufriedenen und entspannten Eindruck.

    Als wir uns bereits auf dem Rückweg befanden, zog plötzlich ein schweres Unwetter auf. Wir nahmen die Beine in die Hand. Die ersten großen Regentropfen fielen herab, als wir endlich unser Fahrzeug erreichten. Blitze zuckten, Donner grollte. Der Rückweg nach Magdeburg kam nicht infrage. Unser Chauffeur auf seinem zugigen Kutschbock war nur äußerst unzureichend vor den Wetterunbilden geschützt. Wir mussten uns einen Unterschlupf suchen. Holmes schlug deshalb vor, in einen nahe gelegenen Ort namens Vaethen-Tangerhütte zu fahren. Mein Freund pflegte sich gerne auf sämtliche Eventualitäten vorzubereiten. In diesem Fall besaß er ein Empfehlungsschreiben an einen gewissen Ferdinand Rudolf Curt von Arnim. Der ehemalige königliche Hauptmann und nunmehrige Vaethener Eisenhüttenbesitzer gehörte zu einem alten anhaltinischen Adelsgeschlecht. Diesem entstammten viele Politiker, Diplomaten, Offiziere und Künstler, wie die auch in Großbritannien bekannte Schriftstellerin Bettina von Arnim.

    Wilhelm Feyeg konnte kaum mehr als im Schritttempo fahren, denn draußen herrschte Weltuntergangsstimmung. Der Himmel hatte sich verfinstert, Regenschauer peitschten unser Fahrzeug, und Hagelkörner prasselten auf das Wagendach. Auf dem Sandweg bildeten sich reißende Bäche. Unser Automobil rutschte und schlidderte zwischen den Fahrspuren hin und her. Einmal stellte sich der Adler sogar fast quer.

    Als wir am frühen Nachmittag endlich Vaethen-Tangerhütte erreichten, hatte sich der Himmel bereits wieder aufgeklart. Wenig später schien die Sonne. Die Straßen und Wiesen dampften. Es roch nach nassem Gras. Wir beschlossen, dem Hüttenbesitzer dennoch unsere Aufwartung zu machen. Ein Pförtner am Tor zum Anwesen meldete uns telefonisch bei seiner Herrschaft an. Wir rollten langsam durch eine beeindruckende, mehrere Square Miles große Parklandschaft. Hinter einem Teich lag ein hübsches kleines Schloss im italienischen Stil. Es war drei Etagen hoch, hatte Gauben im Dach und besaß einen Wintergarten mit darüberliegendem Balkon.

    Curt von Arnim, ein älterer grauhaariger Mann mit militärisch aufrechter Haltung, kam uns durch ein Bogenportal in der Mitte des Gebäudes entgegengeeilt. Zwischen zwei ägyptischen Sphinxen blieb er stehen und streckte uns seine Arme entgegen. »Es ist mir eine große Freude, Sie in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen«, sagte er sehr herzlich. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Vom Baron von Derschau war mir bereits vor einiger Zeit mitgeteilt worden, dass Sie in Deutschland unterwegs seien. Aber ich hatte natürlich nicht zu hoffen gewagt, dass Sie auch mir Ihre Aufwartung machen würden.«

    Nach einem kleinen Willkommenstrunk verfrachtete er den durchweichten Chauffeur ins Badehaus. Uns führte er durch die weitläufige Industrieanlage der Eisengießerei und zeigte uns anschließend im Schlosspark das Renommierstück der Firma. Dabei handelte es sich um einen gusseisernen Pavillon, den die Fabrik für die Weltausstellung 1889 in Paris angefertigt hatte. Er war acht Tonnen schwer und bestand aus 441 Einzelteilen, die von über tausend Schrauben zusammengehalten wurden. Weiterhin gab es eine imposante Familiengruft zu bestaunen. Wir mussten das Schloss von außen umrunden und mindestens ein Dutzend Räume besichtigen, die mit viel Geschmack und noch mehr Geld eingerichtet worden waren.

    Nebenbei erzählte uns unser Gastgeber seine gesamte Familiengeschichte: Das Hüttenwerk war im Jahr 1842 durch den Magdeburger Unternehmer Johann Jacob Wagenführ gegründet worden. Am 6. März 1844 floss das erste Eisen aus dem Hochofen. 1873 ließ der Fabrikbesitzer das sogenannte Alte Schloss errichten und zwischen 1880 und 1890 den Park mit vielen wertvollen Gehölzen anlegen. Aber der erfolgreiche Unternehmer starb weit vor seiner Zeit. 1889 heiratete Ferdinand Rudolf Curt von Arnim die Witwe Marie Wagenführ und übernahm die Geschäftsleitung. Anlässlich der Hochzeit seines Stiefsohnes Franz Wagenführ hatte er das hübsche neue Schloss bauen lassen. Das Brautpaar und Maria Wagenführ befanden sich momentan auf einer Reise durch Italien. Curt von Arnim hütete so lange das Haus.

    Er zeigte uns unsere Zimmer im zweiten Obergeschoss. »Meine Herrschaften, ich lasse Sie nun für eine Stunde allein. Für heute um sechs Uhr habe ich eine kleine Abendgesellschaft zusammengetrommelt. Wegen der Kürze der Zeit kann allerdings nur ein bescheidener Imbiss gereicht werden.«

    Die kleine Abendgesellschaft bestand aus rund zwanzig Personen beiderlei Geschlechts. Unser Gastgeber hatte die gesamten Honoratioren der Stadt versammelt, vom Bürgermeister bis zum Pastor. Irgendwann fiel mein Blick auf einen extrem bleichgesichtigen älteren Mann mit weißen Haaren, der in einem unmodernen Bratenrock steckte und am anderen Ende der Tafel saß. Er hatte sich uns als Einziger nicht vorgestellt und schien entweder schwerhörig oder ein wahrer Miesepeter zu sein, denn er beteiligte sich in keinerlei Weise an der Unterhaltung.

    Der angekündigte kleine Imbiss bestand aus sechs Gängen.

    Als Vorspeise gab es Krebs-Koteletts auf Rührei und danach Rebhühnersuppe mit Klößchen. Als erster Hauptgang folgte Fasan mit Trüffeln und allerlei Gemüse. Als zweiter Hauptgang wurde Hecht à la bordelaise mit Butter und Kartoffeln serviert. Den Abschluss bildeten Wiener Strudel und Apfelcreme-Eis. Zum Geflügel wurde Rotwein und zum Fisch Weißwein kredenzt, zum Dessert starker süßer Kaffee. Die Tischgespräche drehten sich zumeist um lokale Ereignisse, die wir nur äußerst unzureichend kommentieren konnten. Auf die Bitte einer älteren Dame hin, die sich ein Gläschen zu viel hinter die Binde gekippt hatte und nur noch lallen konnte, gab ich eine Kurzform unserer Erlebnisse zum Besten, die ich unter dem Titel Sherlock Holmes in Leipzig literarisch verarbeitet hatte. Ab und an, wenn ich mich in Nebensächlichkeiten zu verlieren drohte, mischte sich Holmes mit kurzen Kommentaren ein und half mir, zum Thema zurückzufinden. Trotzdem gab es am Schluss großen Applaus, der mehr als nur reiner Höflichkeit geschuldet war.

    Nachdem sich die meisten Besucher verabschiedet hatten, zogen sich die restlichen Teilnehmer der Abendgesellschaft ins Kaminzimmer zu Cognac und Zigarren zurück. Außer uns und unserem Gastgeber war nur noch der bleiche alte Mann übrig geblieben, der sich aber abseits in eine dunkle Ecke verkroch und wie eine Fledermaus mit hochgeschlagenen Flügeln in einem Ledersessel hockte. Wiederum beteiligte er sich nicht an unserer Unterhaltung. Da ihm Curt von Arnim keinerlei Beachtung schenkte, versuchte ich auch nicht, ihn in unser Gespräch einzubeziehen.

    Das Feuer im Kamin, den eine bis zur Decke reichende, kunstfertig geschnitzte Holzverkleidung schmückte, prasselte prächtig. Schließlich schlug die Uhr zwölfmal. »Geisterstunde«, verkündete der Hüttenbesitzer. »Glauben Sie an übernatürliche Erscheinungen?«, fragte er Holmes.

    Mein Freund winkte ab. »In keinem einzigen meiner unzähligen Fälle bin ich einem echten Gespenst begegnet. Alle Beschreibungen von Materialisationsphänomenen haben sich bei näherer Betrachtung als Lug und Trug herausgestellt.«

    Curt von Arnim seufzte. »Sie Glücklicher. Mir ist dieser Segen leider verwehrt geblieben. Aber das liegt daran, dass ich einen entsetzlichen Fehler begangen habe.«

    »Berichten Sie bitte«, ermunterte ihn Holmes. »Wir sind ganz Ohr.«

    »Im Jahr 1445 wurde in unserem Ort fast die gesamte Bevölkerung von der Pest dahingerafft. Das große Sterben dauerte nur wenige Tage. Die Toten wurden in einem Massengrab verscharrt. Der Sage nach hat es sich an jener Stelle befunden, an der ich das Schloss errichten ließ. Unser Pastor Wegemeyer hatte mich gewarnt. Aber ich wollte nicht auf ihn hören. Seitdem spukt es. Die Toten gehen in unserem Haus um. Nur aus diesem Grund sind die Kinder und meine Frau nach Italien gereist. Sie befinden sich auf der Flucht vor den Geistern der Vergangenheit.«

    Holmes musterte nachdenklich das Feuer, so als ob sich dort eine Antwort ablesen lassen würde. »Mit wem haben Sie über diese Phänomene gesprochen?«

    »Nur mit Familienmitgliedern. Selbst die Dienerschaft weiß nicht Bescheid.«

    Mein Freund lächelte erfreut. »Dann ist noch nichts verloren. Mit meiner Hilfe werden Sie den Spuk für alle Zeiten vertreiben. Nun berichten Sie aber bitte, was sich ereignet hat.«

    »Nun, bereits wenige Tage nach unserem Einzug hörte ich ein unheimliches Geräusch aus dem Wintergarten. Es klang so, als würde jemand mit Knochen Würfel spielen. Ich bin aus dem Bett gestiegen, habe eine Kerze angezündet und wollte nachsehen gehen. Da kam mir auf dem Flur ein Gespenst entgegen. Ich schrie auf. Die Kerze entglitt meinen Händen, fiel zu Boden und erlosch. Ein kalter Eishauch streifte meine Stirn. Meine Gattin hatte meinen Schrei vernommen und folgte mir. Auch sie sah die Spukgestalt drohend in der Luft flattern.«

    »Wurden Sie angegriffen?«

    »Nein. Ich habe mich aufgerappelt und meine vor Entsetzen starre Gemahlin am Arm gepackt. Wir sind zurück in unser Schlafgemach geeilt. Ich habe meine Duellpistolen aus dem Schrank genommen und die Hähne gespannt. Mehr ist in dieser Nacht nicht passiert.«

    »Hat sich der Vorfall wiederholt?«

    »Ja, noch zweimal. Das Szenario war immer dasselbe. Erst seitdem meine Familie in Italien weilt, herrscht Ruhe.«

    Holmes warf seinen kalten Zigarrenstummel in den Kamin. »Das Rätsel besteht aus zwei Teilen. Die Lösung kann nicht schwer zu finden sein. Beginnen wir mit dem ersten Part. Heute Nachmittag, als wir den Park und das Schloss von außen besichtigt haben, ist mir direkt neben dem Wintergarten eine frische Grasnarbe aufgefallen. Dafür kann es nur eine einzige Erklärung geben: Dort hat ein Baum gestanden, der erst kürzlich gefällt wurde. Ist es an dem?«

    Curt von Arnim nickte bejahend.

    »Und dieser Baum war ein Walnussbaum«, setzte Holmes fort.

    »Woher wissen Sie das?«, wunderte sich der Fabrikant. »In der Tat, so war es. Ich hatte ihn stehen lassen, weil es solch ein schöner alter Baum war. Aber dann drohten die Wurzeln die Fundamente des Schlosses zu sprengen. Deshalb musste ich ihn am Ende doch noch fällen lassen.«

    »Und nun zeigen Sie mir bitte die Stelle, wo Ihre Gattin und Sie das Gespenst gesehen haben.«

    Unser Gastgeber erhob sich. Wir nahmen uns jeder eine Petroleumlampe und traten hinaus auf den Korridor. Die dritte Tür auf der rechten Seite führte in das Schlafzimmer. Wir verließen es durch den rückwärtigen Ausgang. Er ging auf einen schmalen Flur, der nach einem kurzen Stück rechtwinklig abknickte.

    Der Fabrikbesitzer berichtete mit gedämpfter Stimme: »Das Gespenst ist entweder nach Geisterart direkt durch die Wand auf mich zu geschwebt oder es kam um die Ecke geflattert. So genau kann ich das nicht mehr sagen. Die Aufregung war zu groß.«

    Holmes ging auf die gegenüberliegende Mauer zu und fingerte an ihr herum. Eine geschickt verborgene Tapetentür sprang auf.

    »Woher wussten Sie von dieser Pforte?«, fragte von Arnim verblüfft.

    »Weil sie dort sein musste. Es gab keine andere Möglichkeit.«

    Hinter der Tapetentür tat sich ein kleiner Raum auf. In Regalen stapelten sich Kartons. Der Detektiv ging in die Knie und leuchtete mit der Petroleumlampe den Fußboden ab. Er strich mit dem rechten Zeigefinger über eine Ritze und roch an der Fingerkuppe. »Dieser kleine Raum wurde erst nachträglich eingefügt. Auf der Erde liegt noch frisches Sägemehl. Was befindet sich hinter der Wand?«

    »Eines der Badezimmer.«

    »Mit einem großen Spiegel, der bis zu den Dielen reicht?«

    »Wie zum Teufel haben Sie das schon wieder erraten?«

    »Nicht erraten, sondern geschlussfolgert. Nun noch eine intime Frage: Pflegen Sie im Bett ein weißes langes Nachthemd und eine Schlafmütze zu tragen?«

    »Fürwahr. Meine Gattin ebenfalls. Allerdings zieht sie als Kopfbedeckung eine Schlafhaube vor.«

    Sherlock Holmes lächelte kaum merklich. »Die Geister sind verflogen, und sie kommen nie wieder zurück«, sagte er. »Und jetzt will ich Ihnen auch erklären, warum. Den Walnussbaum haben Sie fällen lassen, und zwar zum größten Leidwesen der Eichhörnchen. Bei diesen possierlichen Tierchen handelt es sich nämlich um die Übeltäter, welche die morschen Knochen tanzen ließen. In Wirklichkeit waren es natürlich keine verblichenen Gebeine, sondern reife Walnüsse. Die Eichhörnchen haben sie sich gepflückt. Einige davon fielen herunter und prallten auf den Zinkfußboden des Balkons. Davon rührten die klackenden Geräusche her. Sie sind erwacht und auf den kleinen Flur geeilt. Die Tapetentür stand offen. Dahinter befand sich an diesem Tag noch der Spiegel des Badezimmers. Und so haben Sie Ihr eigenes Abbild gesehen: eine Gestalt im weißen Nachthemd. Da es nun keinen Walnussbaum und auch keinen Spiegel mehr hinter der Tapetentür gibt, werden Sie die Geister der Pesttoten zukünftig in Ruhe lassen.«

    Am nächsten Morgen dankte uns Curt von Arnim nochmals überschwänglich. Er schenkte Holmes und mir je einen Briefbeschwerer, der ein maßgetreues Abbild des gusseisernen Pavillons darstellte. Auf dem Weg zu unserem Automobil kamen wir in der Halle an der Ahnengalerie vorbei. Holmes hatte kein Auge für die Bilder. Er kniete sich hin, kroch über den Boden und betrachtete eine große chinesische Standvase von allen Seiten durch seine Lupe. Curt von Arnim bestaunte amüsiert das Treiben meines Freundes. Ich deutete auf eines der Gemälde und fragte: »Wer ist dieser ältere Herr? Er hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem weißgesichtigen Mann im Bratenrock, der den ganzen Abend kein einziges Wort zu uns sprach.«

    Der Hüttenbesitzer schaute auf das Porträt, als ob er es zum ersten Mal gesehen hätte. Dann lächelte er und meinte: »Sie haben tatsächlich Recht, mein Herr. Merkwürdig, dass es mir noch nicht viel früher aufgefallen ist. Das Bildnis weist tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem guten Pastor Wegemeyer auf. In Wahrheit aber stellt

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