Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

9 Klasse-Thriller im September 2021: Krimi Paket

9 Klasse-Thriller im September 2021: Krimi Paket

Vorschau lesen

9 Klasse-Thriller im September 2021: Krimi Paket

Länge:
1.715 Seiten
21 Stunden
Freigegeben:
6. Sept. 2021
ISBN:
9798201492144
Format:
Buch

Beschreibung

9 Klasse-Thriller im September 2021: Krimi Paket

Von Alfred Bekker, Cedric Balmore

Top Romane in einem Buch - 1400 Seiten Thriller Spannung,

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Sieben spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. 

Mal provinzell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

HENRY ROHMER ist das Pseudonym des Schriftstellers ALFRED BEKKER, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X. 



 


 

Dieses E-Book enthält folgende Romane:


 

Cedric Balmore: Trevellian – zum Töten verführt

Alfred Bekker: Tote Bullen

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Mercator, Mord und Möhren

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Rügen, Ranen, Rachedurst

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Kaffee, Kunst und Kaviar

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer von Manhattan

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer, dein Freund und Helfer

Alfred Bekker (als Manfred Plattner): Der Sauerland-Pate

Alfred Bekker (als Jack Raymond): Die Bestie

Freigegeben:
6. Sept. 2021
ISBN:
9798201492144
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


Ähnlich wie 9 Klasse-Thriller im September 2021

Mehr lesen von Alfred Bekker

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

9 Klasse-Thriller im September 2021 - Alfred Bekker

9 Klasse-Thriller im September 2021: Krimi Paket

Von Alfred Bekker, Cedric Balmore

Top Romane in einem Buch - 1400 Seiten Thriller Spannung,

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Sieben spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. 

Mal provinzell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

HENRY ROHMER ist das Pseudonym des Schriftstellers ALFRED BEKKER, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X. 

Dieses E-Book enthält folgende Romane:

Cedric Balmore: Trevellian – zum Töten verführt

Alfred Bekker: Tote Bullen

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Mercator, Mord und Möhren

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Rügen, Ranen, Rachedurst

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Kaffee, Kunst und Kaviar

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer von Manhattan

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer, dein Freund und Helfer

Alfred Bekker (als Manfred Plattner): Der Sauerland-Pate

Alfred Bekker (als Jack Raymond): Die Bestie

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

Zum Blog des Verlags!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Trevellian - zum Töten verführt: Action Krimi

Cedric Balmore

Sue Wharton legte behutsam ihre Abendtasche auf den Bartresen. Unter dem dünnen Leder spürte sie die harten Konturen ihrer kleinen Pistole. Sie blickte auf ihre brillantenbesetzte Platinuhr. Wenn alles glatt ging, blieben ihr bis zu dem Mord noch zehn Minuten.

Seltsam, dachte sie, daß ich nicht vor dem Mord zurückschrecke — im Gegenteil. Sie hatte einfach zu lange auf diese Stunde warten müssen.

Sue Wharton, die Mörderin! Bei dieser Gedankenverbindung empfand sie keine Bitterkeit, höchstens eine gewisse Leere. Es war verrückt, erst zweiundzwanzig zu sein und mit dem Leben schon abgeschlossen zu haben. Aber es gab Dinge, die man tun mußte, egal, wie der Gesetzgeber und wie die anderen darüber denken mochten...

***

»Was darf es sein, Madam?« erkundigte sich der Barkeeper respektvoll. Er war ein Menschenkenner. Er sah, daß er kein billiges Nachtflittchen vor sich hatte, sondern eine junge Dame der Gesellschaft.

»Einen Kaffee und einen Kognak, bitte«, sagte sie.

Der Kaffee würde ihr guttun, hoffte sie. Der Kognak hatte Zeit bis später. Bis nach dem Mord. Niemand sollte ihr vorwerfen können, sie hätte die Tat unter dem Einfluß von Alkohol begangen.

Vielleicht war diese Einstellung töricht. Möglicherweise würde ihr Verteidiger von ihr wissen wollen, weshalb sie darauf verzichtet hatte, in kluger Voraussicht mildernde Umstände einzuplanen. Zum Teufel damit! Bei dieser Abrechnung sollte es keine Hintertürchen und keine billigen Advokatentricks geben. Nur der Mord zählte. Alles andere war nebensächlich.

»Sue!« sagte ein Mann hinter ihr. Seine Stimme klang überrascht und zweifelnd. »Bist du es wirklich?«

Sie wandte den Kopf. »Tommy Steenberg!« sagte sie ruhig.

Der Mann setzte sich neben sie. Er hatte einen schmalen, gutgeschnittenen Kopf. Alles in allem wirkte er etwas weich und feminin. Man spürte, daß er gern und viel trank. Er war einer von denen, die es sich leisten konnten, nachts erst richtig munter zu werden.

»Ich — ich hatte keine Ahnung, daß du wieder in New York bist«, sagte er verblüfft. »Wir dachten schon, du seiest tot«, fügte er hinzu.

Er fühlte, daß seine Worte taktlos waren und suchte nach einer Formulierung, um sie abzuschwächen, aber ihm fiel nichts Passendes ein.

Sue lächelte hölzern. »Ich war tot«, sagte sie.

Tommy Steenberg schluckte. Irgend etwas stimmte nicht mit dieser Sue. Sie sah verändert aus. Natürlich war sie noch immer schön. Schließlich war sie eine Wharton. Aber es schien so, als hätte sich diese Schönheit verhärtet, als habe sich ein kaum wahrnehmbarer Schleier aus Bitterkeit und Resignation darübergelegt.

»Du machst Witze«, sagte er. Der Barkeeper kam heran. »Das übliche«, meinte Steenberg.

»Du bist hier Stammgast?« fragte ihn Sue.

Steenberg nickte. »Schon seit ein paar Monaten. Wo hast du während der ganzen Zeit gesteckt? Vor einigen Wochen traf ich deinen Vater. Ich wollte von ihm wissen, wie es dir geht. Er brach in Tränen aus und ging einfach weiter. Ich blieb stehen wie ein begossener Pudel. Ist dir eigentlich klar, welchen Wirbel dein Verschwinden ausgelöst hat?«

Sue Wharton blickte in den Spiegel, der ihr gegenüber unter dem Flaschenregal hing. In ihm konnte sie den Bareingang im Auge behalten, ohne sich umdrehen zu müssen.

Sie ist wirklich ein bißchen seltsam geworden, dachte Tommy Steenberg betrübt. Kaum vorstellbar, daß sie einmal die Debütantin des Jahres gewesen war, eine gefeierte junge Schönheit der New Yorker High Society.

Sicherlich ist sie mit irgendeinem Halbstarken durchgegangen, dachte er. Sie hat auf die Familie und auf alle gutgemeinten Warnungen gepfiffen und gemeint, die große Liebe gefunden zu haben. Statt dessen mußte sie bald entdecken, daß sie sich mit dem heulenden Elend zusammengetan hatte. Vielleicht hat sie der Kerl sogar geschlagen. Oder mit anderen betrogen. Jedenfalls ist sie wieder daheim. Fragt sich nur, ob sie jetzt noch jemand heiraten wird.

»Kennst du Slim Packer?« fragte sie ihn.

»Kennen ist zuviel gesagt. Er ist fast jeden Abend hier zu finden«, antwortete Steenberg.

Packer war es also, dachte Steenberg. Oder ist das ihre neue Eroberung?

Slim Packer paßte in das Bild, daß Tommy Steenberg sich von Sue Whartons Lebensstil zurechtzimmerte. Ein ganz schräger Bursche. Niemand wußte so recht, wovon er lebte. Fest stand eigentlich nur, daß Packer sein Einkommen nicht aus legalen Quellen bezog.

Sue Wharton sah in dem Spiegel, wie sich die Eingangstür zur Bar öffnete. Ein hochgewachsener Mann betrat das Lokal. Er trug einen braunen Anzug, von dem sich das Schockgrün seiner handbemalten Krawatte deutlich abhob. Der Mann hatte dunkles gewelltes Haar. Als er den Kopf zur'Seite wandte und einen Bekannten grüßte, sah Sue, daß sich sein Haar im Nacken kräuselte.

Es war soweit. Sue war ganz ruhig. Sie war sogar ein wenig amüsiert. Der gute Tommy! Gleich würde er den Schock seines Lebens bekommen.

»Der Kaffee, Madam«, sagte der Barkeeper höflich und stellte ein Tablett vor Sue Wharton auf den Tresen.

Sue Wharton hörte es nicht. Die leise Musik, die aus unsichtbar angebrachten Lautsprechern drang, das Klirren von Gläsern und die gedämpfte Unterhaltung der Gäste verschmolz in ihrem Bewußtsein zu einer unwichtigen Geräuschkulisse.

Sie sah nur Slim Packer. Mit einem raschen Griff zog sie die kleine Pistole aus der Handtasche. Die Art, wie sie von dem Barhocker geglitten war, hatte zwei Drittel der Gäste hochblicken lassen. Es wurde seltsam ruhig in dem Lokal. Es wurde noch ruhiger, als die Gäste die Pistole in der Hand des Mädchens sahen. Nur aus den Lautsprechern drang unentwegt weiter Musik.

Im nächsten Moment sah auch Packer das Girl. Eine seltsame Veränderung ging mit ihm vor. Er tat unwillkürlich einen halben Schritt zurück, überrascht und erschreckt zugleich. Irgendwie wirkte er auch wütend. Es war zu spüren, daß das Mädchen so ungefähr der letzte Mensch war, den er in der Bar anzutreffen erwartet hatte.

Sue Wharton hob die Hand mit der Pistole. Sie fühlte mehr als ein Dutzend Augenpaare auf sich gerichtet, aber sie war ganz ruhig. Sie wußte, daß sie jetzt rasch handeln mußte.

»Sue!« schrie Tommy.

Slim Packer machte einen Schritt auf sie zu. Er bohrte seinen Blick in den ihren, als wollte er sie hypnotisieren.

Sue Wharton drückte ab. Sie schoß zum erstenmal in ihrem Leben. Es war ein komisches Gefühl, wie lebendig die Waffe plötzlich wurde, sie zuckte in ihrer Hand wie ein kleines Tier.

Slim Packer blieb stehen. Er riß die Augen auf. Sue Wharton drückte zum zweitenmal ab. Der Abstand zu Slim Packer betrug nur drei Yard. Es war unmöglich, ihn zu verfehlen.

Slim Packer zuckte zusammen. Er hob mit einer fahrigen Bewegung die Hand. Sein Oberkörper neigte sich in einer Halbdrehung zur Seite. Es schien fast so, als würde er von einem plötzlichen Magenkrampf befallen.

Sue Wharton drückte noch mal ab, gleich zweimal hintereinander. Es machte sie nervös, daß Packer noch immer nicht zusammengebrochen war. Hatte sie ihn verfehlt? Oder taugte die kleine Pistole nichts?

Im nächsten Moment war es soweit. Slim Packer stürzte zu Boden. Es sah aus, als hätte ihm jemand die Beine unter dem Körper weggerissen. Er fiel mit dem Gesicht nach unten und blieb liegen, ohne sich zu rühren.

Sue Wharton feuerte die beiden letzten Kugeln auf ihn ab, dann machte sie kehrt. Erschöpft setzte sie sich auf den Barhocker. Jetzt, wo alles vorüber war, hatte sie das Gefühl, Schwerstarbeit verrichtet zu haben. Sie kam sich vor wie in einem Panoptikum. Die Gäste und der Barkeeper waren scheinbar zu Wachsfiguren erstarrt.

Sue Wharton legte die leergeschossene Waffe auf den Tresen. Sie griff nach dem Kognakschwenker. Als sie ihn an die Lippen setzte, registrierte sie zufrieden, daß ihre Hand nicht zitterte.

Plötzlich war der Bann des Entsetzens gebrochen. Die Gäste sprangen von ihren Sitzen. Einige beugten sich über Slim Packer. Tommy Steenberg nahm die Pistole an sich, und ein dicker Mann zerrte an Sue Whartons Arm. Alle redeten auf sie ein, fragend, wütend oder einfach nur erregt und verwirrt.

»Benachrichtigen Sie die Mordkommission und das FBI«, sagte Sue Wharton.

Der Barkeeper gab sich einen Ruck und trat an das Telefon.

Sue Wharton blickte über ihre Schulter auf die Gruppe, die sich um Slim Packer geschart hatte.

»Ich hoffe, er ist tot«, sagte sie laut.

Einer der Männer, die sich um Packer bemüht hatten, richtete sich auf. Er war ein glatzköpfiger Mittfünfziger, der eine randlose Brille trug.

»Sie haben ganze Arbeit geleistet, Gnädigste«, sagte er grimmig. »Diesem Mann ist nicht mehr zu helfen.«

***

»Zigarette?« fragte ich das Girl.

Sue Wharton nickte dankend. Ich hielt ihr die Packung unter die Nase und stellte fest, daß das Mädchen ungewöhnlich schlanke, gepflegte Hände hatte. Eigentlich gab es nichts an ihr, was nicht Rasse und Klasse verriet.

Die Whartons gehörten zu den ältesten Familien der Stadt. Und zu den reichsten. In der nüchternen Umgebung des Dienstzimmers wirkte das Girl wie ein Fabelgeschöpf. Aber sie war eine Mörderin. Sie bestritt nicht, Slim Packer getötet zu haben. Es gab rund zwei Dutzend Zeugen für den Mord.

Mein Freund und Kollege Milo Tucker gab dem Mädchen Feuer. Sie bedankte sich und inhalierte tief. Soweit es sich erkennen ließ, war sie völlig ruhig.

Sue Wharton hatte darauf bestanden, zuerst mit dem FBI zu sprechen. Die Mordkommission war darauf eingegangen, weil es letztlich egal war, welche Behörde das Mordgeständnis zu Protokoll nahm. Außer dem Mädchen, Milo und mir war noch ein Stenograf im Zimmer. Es war kurz vor Mitternacht. Nach dem Mord waren wir durch einen Anruf des Chefs von zu Hause zurück ins Office beordert worden.

»Kann es losgehen?« fragte ich das Girl.

»Gewiß«, erwiderte sie. »Ich tötete Packer, weil er mich vor fünf Monaten gewaltsam aus New York entführte und an einen arabischen Ölscheich verkaufte. Soviel mir bekannt ist, fällt dieses Vergehen unter den White Slavery Act und gehört in den Zuständigkeitsbereich des FBI.«

»Sie haben recht«, sagte ich. »Dafür ist das FBI zuständig. Wenn Sie so gut Bescheid wissen, wäre es besser gewesen, Sie wären zu uns gekommen, statt Packer niederzuschießen.«

»Er hat mein Leben zerstört, meines und das anderer Mädchen«, erwiderte Sue Wharton. »Ich bin der Hölle nur mit Glück entronnen. Sie können von mir nicht erwarten, daß ich darauf mit einer simplen Strafanzeige reagiere. Slim Packer hätte mich sicherlich getötet, um einen Prozeß zu verhindern. Aber darum ging es mir gar nicht. Ich hatte niemals vor, Packer vor ein Gericht zu bringen. Zum Henker damit! Ich bin eine Wharton. Ich war es meiner Ehre schuldig, ihn zu töten. Ich bereue die Tat nicht.«

»Dafür müssen Sie sich vor einem Gericht verantworten«, machte ich ihr klar.

»Das ist mir egal«, meinte sie gelassen.

»Wer sind Packers Hintermänner?«

»Ich kenne sie nicht.«

»Sind Sie sich der Tatsache bewußt, daß Sie uns durch Packers Ermordung die Möglichkeit genommen haben, rasch an diese Leute heranzukommen?«

Sue Wharton zuckte mit den Schultern. »Ich habe Ihnen zweifellos die Arbeit erschwert. Das tut mir leid. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie die Gang auch ohne Packers Aussagen lahmlegen werden. Packer hätte Sie sowieso nur angelogen. Ich kann Ihnen erklären, wie das Syndikat arbeitet.«

»Schießen Sie los«, sagte ich.

»Es klingt phantastisch«, meinte Sue Wharton, »aber diese Gangster haben das Versandhausprinzip auf den Mädchenhandel angewandt.«

»Wollen Sie damit sagen, daß sie bunte Kataloge an mögliche Kunden verschicken?«

»Ganz so ist es nicht. Die Gangster fotografieren die hübschesten jungen Damen der Gesellschaft. Die Mittelsmänner des Syndikats sitzen im Mittleren Osten. Sie legen die Fotos ihren Interessenten vor — Ölscheichs und anderen zahlungskräftigen Kunden.«

»Die Fotos werden ohne Wissen der jungen Damen gemacht?« fragte ich. »Also praktisch wild geschossen?«

»In den meisten Fällen trifft das zu«, erwiderte Sue Wharton. »Bei mir war es anders. Slim Packer stellte sich mir eines Tages als Mitarbeiter eines bekannten Gesellschaftskolumnisten vor. Ich war dumm genug, ihn nicht nach seinem Ausweis zu fragen. Packer machte eine ganze Serie von Aufnahmen von nir.«

»Er war es auch, der Sie später entführte?« erkundigte ich mich.

»Zwei Monate darauf«, erwiderte das Girl. »Gefesselt und mit verbundenen Augen wurde ich an Bord einer Jacht gebracht. Ich war nicht die einzige. Außer mir befanden sich noch zwei weitere Mädchen an Bord. Suzan Keith und Julie Chandler.«

Ich kannte die Namen. Sie standen auf der langen Liste junger Mädchen, die während der letzten Monate von ihren Familien als vermißt gemeldet worden waren.

In fast allen Fällen hatte man zunächst Kidnapping angenommen, aber als sich keine Entführer mit Lösegeldforderungen meldeten, hatte man geglaubt, die Mädchen hätten sich mit irgendwelchen Hippies zusammengetan, um fern von der Strenge des Elternhauses unbeschwert leben zu können. Die Polizei hatte sich im allgemeinen darauf beschränken müssen, die Eltern damit zu trösten, daß auch andere junge Mädchen von zu Hause weggelaufen waren; erfahrungsgemäß jedoch blieben Ausreißer im Durchschnitt selten länger als drei oder vier Monate von zu Hause weg.

Wenn es stimmte, was Sue Wharton uns berichtete, war diese Hoffnung unberechtigt, weil sie auf falsche Voraussetzungen gegründet war.

»Wohin wurden Sie gebracht?« fragte ich das Girl.

»Der Mann, der mich von den Gangstern kaufte, nannte sich Omar. Er hatte neun Frauen, davon drei weiße. Er war auf seine Art ein gutaussehender Mann, aber ich haßte ihn. Er war brutal. Ich war für ihn eine Ware, für die er viel Geld ausgegeben hatte. Genauso behandelte er mich. Ich bin froh, daß er ein Opfer des Militärputsches wurde. In dem allgemeinen Durcheinander, das dabei in seinem Palast entstand, konnte ich entkommen. Ich flüchtete an Bord eines niederländischen Dampfers, dessen Kapitän mich in Antwerpen an Land setzte. Von dort flog ich nach New York.«

»Langsam, langsam«, sagte ich. »So einfach kann das doch nicht gewesen sein. Sie hatten keinen Paß — oder?«

»Doch, den hatten sie mir seltsamerweise nicht abgenommen«, sagte das Girl. »Von Bord des Schiffes aus drahtete ich an meine Eltern. Sie schickten mir sofort Geld.«

»Wie kommt es, daß Ihre Eltern sich nicht an uns oder an die Polizei wandten?« wollte ich wissen.

»Sie hatten keine Ahnung, was mir zugestoßen war. Ich sah keinen Grund, sie telegrafisch aufzuklären. Ich dachte nur daran, mich zu rächen und Packer zu töten — alles andere war nebensächlich und hatte Zeit bis später.«

»Eins verstehe ich nicht. Die Bande, von der Sie sprechen, raubt Menschen in fremdem Auftrag. Sie bringt diese Menschen außer Landes. Wäre es für die Gangster nicht gewinnträchtiger gewesen, nach dem alten Kidnapperrezept zu verfahren und von den Familien Lösegeld zu verlangen?«

»Slim Packer erklärte mir während der Überfahrt, warum sich das Syndikat dafür nacht interessierte. Fast jeder Fall von Kidnapping scheitert an der Unmöglichkeit, das Geld unbeobachtet in Empfang zu nehmen. Deshalb zog es die Gang vor, prominente junge Mädchen an ausländische Interessenten zu verkaufen. Der Erlös war zwar geringer, aber noch immer groß genug, um das ›Geschäft‹ zu rechtfertigen.«

Milo schaltete sich ein. »Wenn ich Sie recht verstehe, werden die Agenten des Syndikats mit ein paar Dutzend Fotos von hübschen jungen Damen der Gesellschaft ausgerüstet. Sie legen die Bilder den Interessenten vor und lassen einen Menschenraub nur dann ausführen, wenn sie dafür einen bezahlten Auftrag bekommen.«

Sue Wharton nickte. »So hat mir Slim Packer das Arbeitsprinzip des Syndikats erklärt«, meinte sie.

»Ein Punkt überrascht mich«, stellte ich fest. »Mädchenhandel hat es schon immer gegeben, aber im allgemeinen begnügten sich die daran beteiligten Gangster mit Jugend und Schönheit. Wie erklärt es sich, daß sie dazu übergingen, sich mit der Prominenz anzulegen? Das erhöht ihr Risiko. Reiche Familien haben naturgemäß viel größere Möglichkeiten als arme Leute. Sie können, und werden dem Syndikat die Hölle heiß machen.«

»Immer vorausgesetzt, daß die Familien das Verschwinden ihrer Töchter klären können«, meinte Sue Wharton bitter. »Aber gerade das ist nur selten möglich. Nicht einmal ich kann.Ihnen sagen, wer der Chef der Bande ist und wie viele Leute für ihn arbeiten. Die Gruppe ist relativ groß. Denken Sie doch nur an die Jacht. Die Besatzung muß mit von der Partie sein.«

»Die Sache hat auch einen kommerziellen Standpunkt«, sagte Milo bitter. »Für einen Ölscheich ist ein Mädchen aus gutem Haus begehrenswerter als eine farblose Blondine aus den Slums. Diese Erkenntnis muß sich im Preis ausdrücken — und Geld ist für die Gangster nun mal das einzige Leitmotiv.«

Ich blickte Sue Wharton an. »Wie heißt die Jacht, auf der Sie entführt wurden?«

»Keine Ahnung. Ich habe das Schiff nicht gesehen. Beim Betreten und Verlassen der Jacht waren mir die Augen verbunden. Während der Überfahrt blieb ich unter Deck.«

»Sie sagten, daß der Mann, der Sie von den Gangstern kaufte, das Opfer eines Militärputsches wurde. Ist er tot?«

»Ja. Er unterstützte die Regierung und wurde während der Unruhen erschossen.«

»Können Sie uns verraten, was aus Suzan Keith und Julie Chandler geworden ist?«

Sue Wharton schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie leise. »Die beiden blieben an Bord, als man mich an Land brachte. Ich bin der Hölle entronnen. Die beiden sind noch drin. Sie müssen die Ärmsten befreien!«

»Fassen wir das Ganze zusammen«, sagte ich nach einer kurzen Pause. »Ihren Angaben zufolge gibt es in unserem Land, sehr wahrscheinlich sogar in dieser Stadt, eine Gangstergruppe, die auf verabscheuungswürdige Weise Mädchenhandel betreibt. Wir wissen, daß Slim Packer für dieses Syndikat arbeitete. Er ist, wenn man so will, unser einziger Anhaltspunkt — aber Slim Packer ist tot.«

»Ich wiederhole, daß ich nicht bereue, ihn getötet zu haben«, betonte Sue Wharton.

Milo und ich stellten noch ein paar Dutzend Routinefragen, dann entließen wir das Mädchen. Sie wurde von zwei Beamten der zuständigen Mordkommission in Empfang genommen.

Wir begannen unsere Arbeit damit, daß wir Interpol einschalteten und die bisherigen Ermittlungsergebnisse an die zuständigen Polizeidienststellen des Mittleren Ostens weiterleiteten. Uns kam es vor allem darauf an, den oder die Agenten und Mittelsmänner des Syndikats kennenzulernen.

Dann nahmen wir Slim Packers Vergangenheit unter die Lupe. Er war vorbestraft und hatte vor fünf Jahren seine letzte Gefängnisstrafe wegen eines Warenhauseinbruchs abgesessen. Seit dieser Zeit war er nicht mehr aktenkundig geworden.

Ich fuhr zu seiner Wohnung. Er war zuletzt in Queens gemeldet. Das Haus Skillman Avenue 276 entpuppte sich als ein grauer, nichtssagender Betonklotz von zwölf Etagen. Der Lift brachte mich ins achte Stockwerk. Ich klingelte an der Tür, die Packers Namensschild trug. Zu meiner Überraschung ertönten in der Diele Schritte. Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen stand ein etwa zweiundzwanzig jähriges Girl in einem Hausanzug in Saharagelb. Das dunkelhaarige Mädchen war nicht umwerfend hübsch, aber es hatte eine gute Figur mit aggressiver Oberweite.

»Sie wünschen?« fragte sie mich.

Ich zeigte ihr meine ID-Card. Sie warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

»Ich kann Sie nicht einlassen«, informierte sie mich. »Erstens gehört die Wohnung nicht mir, und zweitens werden Sie zugeben müssen, daß jetzt keine Besuchszeit ist. Ich wollte gerade zu Bett gehen.«

»Sie sind also mit Mr. Packer befreundet«, stellte ich fest.

»Fabelhaft kombiniert«, spottete sie. »Oder wüßten Sie einen anderen Grund für meinen Aufenthalt in diesem Apartment?«

Es ist sonst nicht meine Art, junge Damen zu verletzen, aber in diesem Falle konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen: »Es wäre immerhin möglich, daß Sie die Putzfrau sind. Mit Kost und Logis. So was soll’s ja geben.«

Natürlich war das kaum der richtige Weg, mir die Sympathien der jungen Dame zu sichern, aber darauf kam es mir nicht an.

»Slim Packer wurde vor zwei Stunden erschossen«, teilte ich dem Mädchen mit. »Ich muß im Zusammenhang mit dem Mord ein paar Fragen an Sie richten.«

Die graublauen Augen des Mädchens traten aus ihren Höhlungen. Plötzlich tat sie mir fast leid. Sie wurde leichenblaß und trat zur Seite, um mich einzulassen.

Ich marschierte ins Wohnzimmer und schaute mich darin um. Falls Slim Packer als Mitglied des Mädchenhandelsyndikats gut verdient hatte, so war davon in der Wohnung nichts zu bemerken. Möbel, Bilder und Teppiche waren einfachste Kaufhausware. Das Fernsehgerät war eingeschaltet und zeigte die Übertragung einer Boxsportveranstaltung. Das Girl knipste den Apparat aus und wandte sich mir zu.

»Erschossen?« stieß sie hervor. »Mein Gott, sagen Sie doch etwas! Wie konnte das bloß passieren?«

Ich setzte mich an den Tisch, auf dem die Reste eines Abendessens standen. Das Mädchen gab sich einen Ruck und räumte den Tisch ab. Ihre Bewegungen waren fahrig und nervös. Die Nachricht von Packers Tod hatte ihr einen Schock versetzt, aber ich sah weder Tränen noch echte Trauer.

Ich fragte mich, ob das Mädchen Beziehungen zu dem Syndikat hatte. Packers Tod hatte sich noch nicht herumgesprochen. Wenn die Nachricht erst einmal die Runde gemacht hatte, würde sich das Syndikat zur Abwehr formieren. Es kam darauf an, vorher zuzuschlagen.

Das Mädchen stellte eine Flasche Whisky und zwei Gläser auf den Tisch. Es war eine güte Marke. Dann setzte sie sich mir gegenüber. »Wer hat es getan?«

»Immer schön der Reihe nach«, sagte ich. »Ich stelle hier die Fragen. Wie heißen Sie?«

»Carol Miller«, antwortete sie und entkorkte die Flasche. Ihre Hände zitterten leicht. Sie füllte beide Gläser bis zur Hälfte.

»Seit wann sind Sie mit Packer befreundet?«

»Wir haben uns vor drei Monaten kennengelernt.«

»Wohnen Sie mit ihm zusammen?«

»Nein — aber ich schlafe manchmal hier«, sagte sie. »Es ist einfacher für mich«, fügte sie rasch und wie entschuldigend hinzu. »Ich wohne nämlich drüben in New Jersey.«

»Welche Erklärung haben Sie für den Mord?«

Carol Miller schob mir schweigend ein Glas hin. Dann leerte sie das andere mit einem Zug bis zur Hälfte. Sie stellte es so hart ab, daß ein Teil des Whiskys über den Rand schwappte.

»Lieber Himmel, warum fragen Sie mich das? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer so etwas Verrücktes getan haben könnte«, meinte sie.

»Wovon lebte Packer?«

»Von diesem und jenem«, antwortete das Mädchen. »Er ging keiner Angestelltentätigkeit nach, falls Sie das meinen. Aber er hatte eine Nase für gute Geschäfte. Er war so eine Art Makler, glaube ich. Er handelte mit allem, was Gewinn brachte.«

»War er viel unterwegs?«

»O ja, manchmal wochenlang. Das war eine harte Belastung für unsere Freundschaft.«

»Wohin führten ihn seine Reisen?«

»Meistens an die kanadische Grenze, glaube ich.«

»Sie wissen es also nicht genau«, stellte ich fest. »Nahm er auf diese Reisen viel Gepäck mit? Flog er, oder benutzte er seinen Wagen?«

»Er flog. Grundsätzlich. Gepäck? Mehr als einen Koffer nahm er selten mit.«

»Haben Sie seine Flugtickets gesehen?«

»Nein, aber was soll das alles? Es ist doch völlig gleichgültig, wie oft er flog und was er dabei mitnahm. Sagen Sie mir endlich, wer ihn tötete und warum er sterben mußte.«

»Darauf kommen wir gleich. Wer war sein Chef?«

»Slim hatte keinen Chef, er war sein eigener Boß. Ich sagte Ihnen doch schon, daß er Makler war.«

»Ein Makler lebt nicht im luftleeren Raum. Er brauchte Verbindungen, Mitarbeiter, Freunde. Wie viele davon kennen Sie?«

»Ich fürchte, Sie haben sich den falschen Gesprächspartner ausgesucht. Ich kannte nur Slim. Er war der einzige Mann, für den ich mich interessierte. Falls er Freunde hatte, hat er sie mir niemals vorgestellt. Ich habe mich manchmal darüber gewundert. Ich erklärte es mir damit, daß er eifersüchtig war — aber das ist bloß eine Vermutung.«

»Hatte er ein Büro?«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»Sind Sie berufstätig?«

»Ja, halbtags. Ich arbeite im Plaza als Kassiererin«, sagte das Mädchen.

»Wie kommt es, daß Sie heute abend nicht mit ihm ausgingen?« wollte ich wissen.

Carol Miller zuckte mit ihren Schultern. »Slim war stets dafür, private und geschäftliche Dinge säuberlich voneinander zu trennen. Er übte seine Maklertätigkeit vornehmlich in Lokalen aus, am Bartresen. Deshalb blieb ich fast immer zu Hause. Glücklicherweise kehrte Slim fast immer noch vor Mitternacht in seine Wohnung zurück.«

»Sie haben also oft hier auf ihn gewartet?«

»Das ließ sich nicht vermeiden.«

»Die Wohnung hat Telefon«, stellte ich mit einem Blick auf den Apparat fest. »Sie müssen oft für ihn Anrufe entgegengenommen haben.«

»Manchmal hat ihn jemand verlangt«, nickte Carol Miller. »Wenn ich dann sagte, daß Slim nicht zu Hause sei, haben die Anrufer einfach aufgelegt.«

»Nannte keiner von ihnen seinen Namen?«

»Ich erinnere mich nicht daran.«

Ich fragte mich, ob sie log. Carol Millers Antworten klangen spontan und aufrichtig, aber das hatte nicht viel zu bedeuten.

Ich beugte meinen Oberkörper über den Tisch nach vorn. »Es hat keinen Zweck, Ihnen etwas vorzumachen«, sagte ich. »Morgen früh lesen Sie es sowieso in den Zeitungen. Slim Packer wurde von einem Mädchen namens Sue Wharton erschossen. Es war ein Racheakt. Die Täterin ist voll geständig. Von ihr wissen wir, daß Slim Packer einem Syndikat angehörte, das einen schwungvollen Mädchenhandel betrieb.«

Carol Miller starrte mir fassungslos ins Gesicht. »Das ist nicht wahr«, stieß sie hervor. »So etwas hätte Slim nicht getan. Er war gewiß nicht zimperlich, wenn es um den Abschluß eines guten Geschäftes ging — aber Menschenhandel stand nicht auf seinem Programm!«

»Sie geben zu, daß er oft unterwegs war. Sie waren weder auf seinen Reisen noch bei seinen abendlichen ›Geschäften‹ in seiner Nähe«, stellte ich fest.

»Das war gar nicht nötig. Eine Frau hat eine Antenne für das, was ein Mann tut und wozu er fähig ist.«

»Sue Wharton wurde entführt und an einen Ölscheich verkauft. Sie konnte nach Amerika zurückkehren. Sue Wharton ist die Tochter reicher und geachteter Eltern. Sie hatte keinen Grund, mit diesem Mord ihr Leben zu ruinieren — ausgenommen den einen, den ich gerade erwähnte.«

»Ich verstehe das nicht«, murmelte Carol Miller mit starrem, ins Leere gehendem Blick. »Es will einfach nicht in meinen Kopf hinein.«

Ich erhob mich. »Wenn Sie es erlauben, sehe ich mich jetzt ein wenig in der Wohnung um. Wo pflegte Slim Packer seine Papiere aufzubewahren?«

»Papiere? Davon hielt er nicht viel. Er sagte mir einmal, daß ihn Geschäfte, die Korrespondenz erforderlich mach-Irn, nicht interessierten. Er machte seine Geschäfte per Handschlag — und in bar.«

Ich öffnete die Schubladen des Sideboards. Im oberen Fach entdeckte ich eine Mappe mit Formularen und Briefen. Ich nahm sie heraus und durchblätterte den Inhalt. Dabei stieß ich auf eine Lebensversicherungspolice von ungewöhnlicher Höhe. Sie war auf die Summe von dreihunderttausend Dollar abgeschlossen worden. Im Falle von Packers Tod sollte der Betrag an seine Frau ausgezahlt werden.

»Haben Sie das gesehen?« fragte ich Carol Miller und hielt die Police hoch. »Nein, was ist das?«

»Ein Versicherungsschein. Slim Pak-' ker hat monatlich eine Prämie von hundertsiebzig Dollar bezahlt — zugunsten seiner Frau Sheila.«

Das Girl erhob sich. »Das ist doch Unsinn. Slim war nicht verheiratet.«

»Offenbar hat er Sie auch in diesem Punkt belogen«, sagte ich. »Aus dieser Police geht klipp und klar hervor, daß es eine Ehefrau namens Sheila gibt.«

»Wo denn, um Himmels willen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Mag sein, daß sie seit einiger Zeit voneinander getrennt leben. Die Versicherung wurde vor einem Jahr abgeschlossen. Trotzdem muß es auffallen, daß Packer die Versicherung fortführte. Hundertsiebzig Dollar im Monat sind keine Kleinigkeit.«

Carol Miller leerte den Inhalt ihres Glases. Dann warf sie es mit einer Geste plötzlichen Zornes an die Wand. Der Scherbenregen landete größtenteils auf dem Sideboard.

»Wenn es stimmt, was Sie sagen, ist es nicht schade um ihn«, meinte sie.

Ich setzte die Durchsuchung der Wohnung fort. In einem Wandschrank entdeckte ich in einem Schuhkarton zwei Pistolen mit neunzig Schuß Munition. Ich schnupperte an den Waffenmündungen und stellte, fest, daß die Pistolen in letzter Zeit nicht benutzt worden waren.

»Rufen Sie den Hausmeister«, bat ich das Girl.

Er kreuzte fünf Minuten später in einem abgetragenen Bademantel und ausgetretenen Pantoffeln auf. Er hatte schütteres graues Haar und hieß James Hook. Ich zeigte ihm meine ID-Card.

»Sie müssen der Haussuchung als Zeuge beiwohnen«, informierte ich ihn. »Kennen Sie Slim Packers Frau?«

»Nein, Sir«, antwortete Hook. »Was hat er denn ausgefressen?«

»Er wurde ermordet«, sagte ich. »Wann hat er diese Wohnung bezogen?«

»Vor sieben Monaten, Sir. Ermordet? Mann, das ist ’n Ding! Wie konnte denn das passieren?«

»Kennen Sie seine Freunde?«

»Nur Miß Carol — sonst niemand. Mr. Packer empfing selten oder nie Besuch, Sir.«

»Selten ist häufiger als niemals. Was waren das für Leute?«

»Ich erinnere mich nur an einen Mann. Er war so um die Dreißig herum und hatte ein Gesicht mit sehr tief liegenden Augen. Mittelgroß. Gut angezogen. Richtige Klasse, was das betraf.«

»Würden Sie ihn wiedererkennen?«

»Ganz sicher. Er muß in der Nähe wohnen. Ich habe ihn schon einige Male auf der Straße gesehen.«

Es klingelte. Zwei Beamte der Mordkommission traten ein. Ich überließ ihnen die Zeugin und die gefundenen Waffen und machte mich mit der gefüllten Dokumentenmappe auf den Heimweg. Mein roter Jaguar parkte vor dem Haus. Dahinter stand der blaue Chevrolet, mit dem die beiden Beamten gekommen waren.

Ich faltete mich hinter dem Lenkrad zusammen, legte die Mappe auf den Beifahrersitz und fädelte meinen Flitzer kurz darauf in den Verkehr ein. Ich kam nicht sehr weit. Die Maschine begann plötzlich zu stottern und zu spucken. Es war klar, daß mit der Benzinzufuhr etwas nicht stimmte. Ich lenkte den Jaguar an den Straßenrand, stoppte und stieg aus.

Der Wagen stand im Lichtkreis einer Straßenlaterne. Ich öffnete die Motorhaube. Als ich mich über den Vergaser beugte, traf mich etwas im Nacken.

Der Schlag war hart und gezielt. Ich fiel vornüber und hatte keine Chance, mich nach dem Angreifer umzudrehen. Noch ehe ich meine Benommenheit abschütteln konnte, erwischte es mich zum zweitenmal. Ein harter, stumpfer Gegenstand krachte gegen meine Schläfe. Ich verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein seltsames Erlebnis. Ich saß am Steuer meines Jaguar und schaukelte durch tiefstes Dunkel. Ich konnte nicht einmal die Hand vor meinen Augen sehen, spürte aber, daß wir rollten.

Der Jaguar bewegte sich dabei nicht auf seinen eigenen Rädern. Mir wurde klar, daß man mich mitsamt meinem Wagen in ein großes Transportfahrzeug verladen hatte, vermutlich in einen Möbelwagen. Ich griff neben mich auf den Beifahrersitz. Die Dokumentenmappe war verschwunden.

Dann schnappte ich mir das Handmikrofon. Aus. Die Gangster hatten die Anlage zerstört.

Ich hatte Mühe, meine Gedanken zu ordnen. In meinem Mund war ein bitterer Geschmack, und hinter meiner Stirn staute sich ein dumpfer Druck.

Ich fragte mich, was die Gangster mit dieser seltsamen Entführung bezweckten. Warum hatten sie sich nicht damit zufriedengegeben, Slim Packers Dokumentenmappe an sich zu nehmen?

Vielleicht lag ich mit dieser Frage schief. Ein G-man ist vielerlei Risiken und Gefahren ausgesetzt. Es war ja noch keineswegs sicher, daß meine Entführung mit Slim Packers Tod in Zusammenhang gebracht werden mußte.

Möglicherweise handelte es sich um einen Racheakt, dessen Motive in einem früh#- von mir behandelten Fall zu suchen waren. Da es davon ein paar hundert gab, blieb mir im Moment nur das Rätselraten, aber gerade dazu hatte ich nicht die geringste Lust.

Ich öffnete die Beifahrertür — die linke Tür war verklemmt — und stieg aus. Meine ausgestreckte Hand berührte eine solide Holzwand. Ich schritt den Innenraum des Transportfahrzeuges ab und fand meine Vermutung bestätigt. Die Maße stimmten mit denen eines großen Möbelwagens überein. Der Jaguar stand etwa in der Mitte der Ladefläche. Er wurde durch ein paar Bremsklötze daran gehindert, nach vorn oder hinten wegzurollen.

Plötzlich hörte ich ein leises Zischgeräusch, das sich rasch verstärkte. Es verband sich mit einem unverkennbaren Geruch. Es gab keinen Zweifel, daß in diesem Moment die Auspuffgase in den Wagen geleitet wurden.

Sie wollten mich umbringen. Das überraschte mich. Es geschah zwar nicht zum erstenmal, daß man mich aus dem Weg zu räumen versuchte, aber dieser Versuch hier erschien mir besonders überflüssig und unerklärlich. Er ließ jedoch erkennen, daß Profis am Werke waren. Die Wände und die hintere Doppelflügeltür waren äußerst stabil und sicherlich absolut luftdicht gearbeitet.

Es war völlig ausgeschlossen, mit den bloßen Händen einen Abzug für die tödlichen Gase zu schaffen. Mir fiel das Bord Werkzeug des Jaguar ein. Ich tastete nach dem Leinwandbeutel, in dem es aufbewahrt wurde. Er war verschwunden. Die Gangster hatten offensichtlich Befreiungsversuche einkalkuliert und sich darauf eingestellt.

Das starke monotone Brummen des Möbelwagenmotors ließ erkennen, daß wir bergauf rollten. Wir stoppten nur selten. Daraus ging hervor, daß wir uns bereits außerhalb der Stadt befanden und nur hin und wieder von Ampelanlagen aufgehalten wurden.

Ich zog mein Jackett aus. Die Brieftasche war noch darin. Ich suchte die Einlaßöffnungen für die Auspuffgase und stellte fest, daß es drei gab. Zwei davon befanden sich außerhalb meiner Reichweite im Dach. Die dritte war im Hoden eingelassen und mit einem Stahlsieb abgesichert. Es war sinnlos, wenn ich sie mit dem Jackett abzudichten versuchte.

Ich mußte aber schnellstens aus dieser rollenden Todeszelle ausbrechen, sonst war ich verloren. Die Gangster hatten den Zündschlüsesl meines Wagens abgezogen, aber den Zweitschlüssel, der unter der Fußmatte lag, hatten sie nicht gefunden. Ich schob ihn in das Schloß. Ehe ich die Maschine startete, zog ich die Bremsklötze unter drei Rädern hervor. Den vierten entfernte ich in dem Augenblick, wo mir das Motorengeräusch anzeigte, daß wir eine ebene Straßenstrecke erreicht hatten.

Ich setzte mich in den Jaguar, knipste das Licht an und drückte auf den Starter. Die Maschine kam sofort. Sie spuckte noch ein paarmal, dann lief sie rund. Vermutlich hatten sich die Gangster damit begnügt, den Vergaserinhalt mit Wasser anzureichern. Auf diese Weise hatten sie mich in Queens zum Anhalten gezwungen.

Der Wagen stand mit der Schnauze in Fahrtrichtung: Ich legte den ersten Gang ein und fuhr nach vorn, bis die Stoßstange die Trennwand zum Fahrerhaus berührte. Der Abstand zu den hinteren Türen betrug etwa vier Yard.

Das war nicht gerade viel, um dem Wagen den notwendigen Schwung für einen entscheidenden Durchbruch zu geben, aber zweihundertfünfundachtzig PS sind eine ganze Menge, wenn man sie gekonnt einsetzt und die Kupplung schnell kommen läßt.

Ich legte einen richtigen Raketenstart hin, obwohl ich mir blutenden Herzens der Folgen bewußt war. Niemand verbeult seinen Wagen gern. Aber wenn es um Sein oder Nichtsein geht, verlieren Chrom und glänzendes Blech rasch an Wert. In meinem Fall waren sie nur noch Mittel zum Zweck — ein gewaltiger motorgetriebener Rammbock.

Das Heck des Jaguar krachte gegen die hinteren Türen. Ich verzog mein Gesicht, als sich Stahl und Blech mit einem häßlichen kreischenden Geräusch verformten. Die Tür hielt dem Anprall stand.

Ich schaltete, ließ die Kupplung kommen und fuhr nach vorn. Das Atmen wurde immer schwerer. Ich war schon benommen. Dabei merkte ich, daß der Möbelwagen sein Tempo drosselte. Natürlich hatte der Fahrer gemerkt, was los war. Ich schob den Rückwärtsgang ein und gab erneut Vollgas.

Diesmal klappte es. Die Wucht des Anpralls sprengte die Türen. Ich trat auf die Bremse, konnte aber nicht vermeiden, daß der Jaguar über das Ziel hinausschoß und dann mit im Freien hängenden Hinterrädern auf dem Chassis liegenblieb.

Die Bremsen des Transportfahrzeuges kreischten. Ich war unbewaffnet und durfte es nicht riskieren, von den Gangstern abgeschossen zu werden. Ich sprang aus dem Jaguar und jumpte dann ins Dunkel. Ich fiel hin, kam wieder auf die Beine und rannte von der Straße weg in die Nacht hinein.

Ich rollte eine steile Böschung hinab, schnellte wieder hoch und sprintete weiter. Der Möbelwagen hielt jetzt. Ich hörte Stimmen und Rufe. Ein Lichtkegel schwenkte durch die Dunkelheit.

Ich warf mich flach auf den Boden, um nicht entdeckt zu werden. Unter mir war eine Wasserlache. Ich fühlte, wie die Feuchtigkeit durch meine Kleidung drang. Der Lichtstrahl tanzte über mich hinweg. Ich kam hoch und hastete weiter.

Unter meinen Füßen zerbarst ein trockener Zweig. Der Lichtstrahl schwenkte zurück. Diesmal konnte ich ihm nicht entgehen.

Für mich kam es jetzt nur noch darauf an, einen möglichst großen Abstand zwischen meine Verfolger und mich zu legen. Ein Schuß krachte, dann noch einer. Ich hatte das Gefühl, daß die Burschen weit danebenschossen, aber das konnte sich schon in der nächsten Sekunde ändern.

Ich hechelte weiter. Jeder Schritt Boden, den ich gewann, verringerte die Treffsicherheit.

Wieder krachte ein Schuß. Ich zog unwillkürlich den Kopf ein. Der Lichtstrahl, der mich verfolgte, wurde dünner und kraftloser. Obwohl er meinen Gegnern das Zielen erleichterte, hatte er auch für mich gewisse Vorteile. Ich sah, wohin ich trat und konnte vermeiden, daß ich über Steine, Bodenfurchen oder ähnliche Hindernisse stolperte.

Ich konnte mich täuschen, aber ich hatte das Gefühl, daß mir die Gangster nicht folgten. Ich stoppte, als ich das Klappen eines Wagenschlags hörte, blieb stehen und wandte mich um. Ich sah, wie die roten Hecklichter des Möbelwagens anruckten. Der Wagen fuhr mit aufröhrender Maschine davon.

Ich lehnte mich gegen einen Baum und verschnaufte. Die große Lichtglocke, die ich in südlicher Richtung sah, erleichterte mir die Orientierung. Da drüben lagen Jersey City und New York. Ich mußte etwa zwanzig Meilen entfernt sein.

Ich dachte nicht daran, sofort zur Straße zurückzukehren. Es war immerhin möglich, daß mir die Gangster eine Falle stellen wollten. Vielleicht sollte mich der davongefahrene Transportwagen glauben lassen, daß die Luft rein war. Ob das nun zutraf oder nicht — ich mußte diese Möglichkeit einkalkulieren.

Die Nacht war windstill. Ich achtete auf das leiseste Geräusch. Falls einer der Burschen zurückgeblieben war, würde er vermutlich im Schutz der Straßenböschung auf meine Rückkehr warten.

Ich dachte nicht daran, ihm vor die Flinte zu laufen. Andererseits wäre es sinnlos gewesen, weiter in das Dunkel hineinzustolpern. Ein Auto näherte sich. Seine Scheinwerfer wischten über die Asphaltdecke hinweg, konnten aber die Böschung nicht ausleuchten.

Ich wartete noch einige Minuten, dann setzte ich mich behutsam in Bewegung. Ich nahm mir Zeit dabei und hielt mich parallel zur Straße. Nachdem ich auf diese Weise etwa fünfhundert Yard zurückgelegt hatte, kehrte ich zur Straße zurück.

Ich hatte mich noch immer nicht an die tiefe Dunkelheit gewöhnt. Der Himmel war bedeckt. Nur ganz gelegentlich schimmerte ein Stern durch ein Loch in der Wolkendecke.

Ich marschierte auf der Straße in südlicher Richtung davon. Nach knapp einer Meile gelangte ich an eine Straßenkreuzung. Dort stand ein Wegweiser. Ich holte mein Feuerzeug aus der Tasche und knipste es an, obwohl ich mir des damit verbundenen Risikos bewußt war.

Ich stellte fest, daß ich mich zwei Meilen vor Mawah befand, einem kleinen Ort an der Grenze zwischen den Bundesstaaten New Jersey und New York. Ich knipste das Feuerzeug wieder aus und setzte meinen Weg fort. Ich hatte mein Jackett mit der Brieftasche in dem Entführerwagen zurückgelassen und konnte mich in Mawah nicht ausweisen, aber es würde kein Problem sein, die Identitätsfrage durch einen Anruf des Sheriffs klären zu lassen.

Hin und wieder blieb ich stehen, um festzustellen, ob hinter mir Schritte ertönten. Alles blieb ruhig. Als ich den kleinen Ort erreichte, war es zwei Uhr zwanzig.

Eingangs des Ortes befand sich eine Tankstelle. Sie war hell erleuchtet. Ein Schild wies darauf hin, daß die Tankstelle Nachtdienst hatte. An den Zapfsäulen war niemand zu sehen, aber in dem dahinterliegenden Wohnbungalow brannte Licht. Ich trat an die Tür und klingelte. Ein junger Mann kam heraus.

»Darf ich mal bei Ihnen telefonieren?« fragte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Mister. Der Apparat ist gestört.« '

»Wo befindet sich das nächste Telefon?«

»Nicht in Mawah. Bis morgen kann hier wegen Reparaturarbeiten keiner telefonieren.«

»Verleihen Sie Wagen?«

»Ja, sicher.«

»Ich bin Jesse Trevellian vom FBI New York. Leider kann ich mich nicht ausweisen. Wenn Sie Wert darauf legen, können wir gemeinsam zum Sheriff Rehen und diesen Punkt klären.«

»Schon gut«, sagte er und wies auf finen Garagenkomplex, der neben dem Wohnbungalow lag. »In der Box drei finden Sie, was Sie brauchen. Warten Sie, ich knipse das Licht an.«

Ich überquerte den Vorplatz. Ein paar Lampen flammten auf. Ich hob das Schwenktor der Box an und vereiste. In der Box stand ein Wagen mit stark verbeultem Heck.

Es war mein Jaguar.

***

Ich wandte mich mit einem Ruck um. Der junge Mann kam auf mich zu. Er grinste matt und schob die Hände in seine Gesäßtaschen. »Gefällt er Ihnen nicht?«

»Wo haben Sie ihn her?«

Er zog blitzschnell eine Hand aus der Tasche. Seine Finger umspannten eine Pistole.

»Wir konnten die Karre nicht gut nach New York zurücktransportieren«, sagte er. »Schließlich hätte es Ihnen gelingen können, uns ein Schnippchen zu schlagen und Ihre Kollegen zu alarmieren. Möbelwagen können sich nicht kleiner machen, als sie sind.«

Ich nickte bitter. »Sie wußten, daß ich versuchen würde, den nächsten Ort, beziehungsweise das nächste Telefon zu erreichen. Sie überfielen den Tankwart und quartierten sich hier ein, weil Sie hofften, daß ich früher oder später hier auf tauchen würde.«

»Im Kombinieren sind Sie ganz große Klasse«, höhnte er. »Es wäre allerdings cleverer gewesen, wenn Sie sich das schon früher zusammengereimt hätten — dann säßen Sie jetzt picht so böse in der Klemme.«

Ich schaute mich um. »Wo ist der Transporter?«

»Hätten wir ihn wie ein riesiges Warnschild hier abstellen sollen?« fragte er grinsend. »Mein Kollege ist damit weitergefahren. Los, nehmen Sie die Hände hoch. Verschränken Sie sie im Nacken, das genügt.«

Mein Gegner war etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Er hatte hochgezogene Schultern, einen dürren Hals mit vorspringendem Adamsapfel und ein ziemlich alltägliches Gesicht mit einer häßlichen Nase. Ich sah erst jetzt, daß ihm sein Overall um zwei Nummern zu groß war. Offenbar hatte er sich die Kluft von dem Tankstellenbesitzer geliehen.

»Gehen wir ins Haus«, sagte er.

Ich legte beide Hände in den Nacken und befolgte die Aufforderung. Der Gangster hielt sich etwa drei Schritt hinter mir. Dieser Umstand erwies sich für ihn als Fehler. Als ich das Haus betrat, gelang es mir, dem Burschen die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Der Schlüssel steckte von innen. In einem nahtlosen Bewegungsablauf schaffte ich es, den Körper von der Tür fernzuhalten und den Schlüssel mit ausgestreckter Hand herumzudrehen. Diese Vorsichtsmaßnahme rechtfertigte sich von selbst, als der Gangster kurz entschlossen auf die Tür ballerte. Zwei Kugeln durchschlugen das Holz. Sie klatschten hinter mir in die weißgetünchte Wand der kleinen Diele.

Der Gangster schoß zum drittenmal. Diesmal nahm er das Schloß aufs Korn. Ich riß eine der Türen auf, die von der Diele abzweigten, und betrat einen dunklen Raum. Die beiden quadratischen Fenster wiesen zur Tankstelle. Mit wenigen Schritten war ich an dem Fenster, das gleich neben der Tür lag. Ich hörte, wie sich der Gangster mit seinem vollen Körpergewicht gegen die hölzerne Türfüllung warf.

Das Fenster ließ sich nahezu lautlos öffnen. Ich peilte nach draußen. Der Gangster war nur zwei Schritt von mir entfernt. Er nahm sich nicht die Mühe, einen Blick über seine Schulter zu werfen. Sein ganzes Bemühen war auf die Tür konzentriert, Ich wartete, bis er erneut einen Anlauf nahm — und jumpte in dem Moment aus dem Fenster, als er seine Fahrt nicht mehr stoppen konnte. Er hörte und merkte zwar, daß sich in diesem Moment etwas neben ihm tat, aber er war einfach nicht schnell genug, um wirkungsvoll zu reagieren.

Mein Karateschlag traf sein Handgelenk. Er stieß einen Schmerzensschrei aus und ließ die Pistole fallen. Er bückte sich instinktiv danach, schloß dabei aber die Bekanntschaft mit meinem hochschnellenden Knie.

Ich kickte die Pistole aus seiner Reichweite und wartete seinen Angriff ab. Der kam prompt. Der Gangster wollte einen Tiefschlag landen. Ich wich ihm aus und konterte hart mit zwei kurz geschlagenen Körperhaken. Als er sich bemühte, damit fertig zu werden, rundete ich die Serie mit einem rechten Schwinger ab, der sein Kinn traf.

Diese erste Aktion warf ihn hoffnungslos zurück. Er gab sich redliche Mühe, das verlorene Terrain zurückzugewinnen, aber seine Schläge wurden immer fahriger und schwächer. Ich punktete ihn geradezu schulmäßig aus. Als er schließlich fiel und liegenblieb, wußte ich, daß er für gut eine Minute auf Tauchstation bleiben würde.

Ich hob die Pistole auf und lehnte mich an die Hauswand, um erst einmal Luft zu schnappen. Mir war klar, daß der Tankstellenbesitzer und vielleicht auch seine Familie im Haus auf ihre Befreiung warteten, aber ich konnte es mir nicht leisten, den Gangster allein zu lassen.

Endlich kam der Bursche wieder zu sich. Er stierte verwundert um sich. Als er mich sah, füllte sein Blick sich mit Haß. Ein Blick auf die Pistole in meiner Hand sorgte jedoch rasch dafür, daß sich auch Furcht dazugesellte. Er kam auf die Beine. Die Tür war schon so weit demoliert, daß ein Fußtritt genügte, um sie in die Diele fallen zu lassen.

»Gehen Sie voran!« befahl ich dem Gangster und rammte ihm die Waffenmündung in den Rücken. Er nahm unaufgefordert die Hände hoch und gehorchte.

In der Diele blieb er stehen. »Wohin?« murmelte er.

»Zu den anderen«, sagte ich.

Er nahm eine Hand herunter und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Ich gab ihm einen Stoß. Er stolperte über die Schwelle und blieb dann stehen.

Im Wohnzimmer saßen ein Mann und ein Girl. Der Mann war grauhaarig, aber nicht viel älter als fünfundvierzig Jahre, das Mädchen, offenbar seine Tochter, war so um die Zwanzig herum. Beide waren geknebelt und an Stühle gefesselt. Der Gangster hatte seine Arbeit mit aneinandergeknoteten Abschleppseilen aus den Lagerbeständen der Tankstelle verrichtet.

»Binden Sie sie los!« sagte ich scharf. »Das Mädchen zuerst.«

Der Gangster zögerte kurz, dann befolgte er meine Anweisung. Das Mädchen erhob sich und brach im nächsten Moment zusammen. Sie blieb wimmernd liegen.

»Massieren Sie Ihre Gelenke«, riet ich ihr. »Sie müssen dafür sorgen, daß die Blutzirkulation wieder in Schwung kommt. Ich bin Jesse Trevellian, Special Agent vom FBI.«

Der Mann hatte weniger Mühe mit sich. Als er sich erheben konnte, landete er ohne Vorwarnung einen hartgeschlagenen Haken in der Magengrube des Gangsters. »Du Schwein!« stieß er hervor. »Ich werde dich auseinandernehmen...«

»Lassen Sie das!« sagte ich scharf zu ihm. Er beruhigte sich und taumelte zu seiner Tochter, die sich gerade darum bemühte, auf die Beine zu kommen. Er setzte sie auf die Couch. Das Mädchen begann zu weinen.

»Wie heißen Sie?« fragte ich den Mann.

»Wester«, antwortete er. »Ronald Wester. Ein Glück, daß Sie gekommen sind. An dem verdammten Knebel wäre ich beinahe erstickt. Ich habe schon immer Mühe gehabt, durch die Nase zu atmen.«

»Rufen Sie den Sheriff«, bat ich ihn. Wester trat ans Telefon und wählte eine Nummer, die er im Kopf hatte. »Hallo, Ben«, sagte er. »Du mußt sofort herkommen. Wir sind überfallen worden. Nein, es ist nichts gestohlen worden. Ich weiß selber nicht so recht, worum es eigentlich ging. Wir haben einen G-man hier.«

Ich befahl dem Gangster, sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen. Dann klopfte ich ihn ab. Er hatte eine Brieftasche bei sich. Sie enthielt eine Scheckkarte auf ein Nummernkonto, siebzig Dollar in Fünfer- und Zehnerscheinen sowie eine am Vortag bezahlte Telefonrechnung auf den Namen Hamish Sandow.

»Sind Sie Sandow?« fragte ich ihn.

Er drehte sich langsam um. Ich merkte, wie es in ihm arbeitete. Der Anblick seiner Pistole in meiner, Hand ließ ihn resignieren. Er nickte.

»Setzen Sie sich«, forderte ich ihn auf.

Wester ballte die Fäuste. »Solche Kerle sollte man lynchen«, preßte er durch die Zähne. »Er kam plötzlich mit der Pistole herein und zwang mich, Janet zu wecken. Sie mußte sich anziehen und ins Wohnzimmer kommen. Er betäubte mich mit einem Schlag gegen den Kopf und fesselte mich. Dann kam Janet dran. Wir konnten nichts gegen ihn ausrichten. Ich dachte, er würde mit der Kasse abhauen, aber er setzte sich rittlings auf einen Stuhl und wartete.«

»Für wen arbeiten Sie?« fragte ich Sandow.

Er grinste höhnisch. »Für den Boß natürlich. Jeder Mensch hat einen Boß. Dummerweise, habe ich keine Ahnung, wie er in meinem Fall heißt.«

»Der große Unbekannte also. Erwarten Sie im Ernst, daß ich das glaube?« Er grinste breit. »Das muß ich Ihnen überlassen, Sir«, spottete er.

Es lag auf der Hand, daß er sich von jetzt ab hinter einem Wall von Lügen verschanzen würde.

»Wer hat den Transporter gefahren?« fragte ich ihn.

»Ein Kerl, der sich Bill nannte. Der Bursche roch penetrant nach Schweiß und Bier. Ich sah ihn heute zum erstenmal. Ehrenwort!«

»Natürlich war es Bill, der das Gas in den Innenraum des Transporters leitete, nicht wahr?«

Sandow riß die Augen auf und mimte Verblüffung. »Gas?« fragte er halblaut.

»Warum nehmen Sie ihn nicht mit Ihren Fäusten in die Mangel?« unterbrach der Tankstellenbesitzer. »Er lügt doch wie gedruckt. Solche Kerle reagieren nur auf Prügel. Überlassen Sie ihn mir — ich koche ihn schon gar!«

Sandows Kopf zuckte herum. Er starrte Wester haßerfüllt in die Augen. »Mach mal schön kusch, du Provinzratte — sonst heize ich dir mit einer brennenden Tankstelle ein!«

Wester schnappte nach Luft. »Haben Sie das gehört, G-man?«

»Er wird keine Gelegenheit haben, seine Drohung wahr zu machen«, beruhigte ich Wester. »Ich darf Sie jedoch bitten, ihn nicht zu provozieren.«

Kurz darauf traf der Sheriff ein. Er hieß Benjamin O’Neill und entpuppte sich als ein großer, etwas wortkarger Bursche, der aber genau wußte, was zu tun war und worauf es ankam. Ich brauchte nur wenige Minuten, um ihm die Situation zu erklären. Dann rief ich das District Office an und meldete, was geschehen war. Ich bat darum, sofort ein Rundtelegramm an alle Dienststellen der City und Highway Police durchzugeben und sämtliche Möbel- und Großtransporter zu überprüfen, die zu dieser Stunde noch auf den Straßen unterwegs waren.

»Sorgen Sie bitte dafür, daß Hamish Sandow gegen neun Uhr im District Office zur Vernehmung vorgeführt wird«, schloß ich und verabschiedete mich.

Kurz darauf kletterte ich in meinen Jaguar. Ich stellte zufrieden fest, daß der Wagen keine Fahrwerkschäden erlitten hatte, und fuhr nach Hause.

Kurz vor acht Uhr wurde ich aus dem Bett geklingelt. Als ich im Bademantel die Tür öffnete, stand ein junger Mann in der Uniform einer bekannten Reinigung vor mir. Er hielt mir ein Jackett entgegen, das in einer Plastikhülle steckte. »Ihr Eilauftrag, Sir«, sagte er.

»Sie müssen sich irren«, belehrte ich ihn. »Ich habe nichts in die Reinigung gegeben.«

»Auf dem Zettel steht Ihr Name, Sir. Sie sind doch Mr. Trevellian?«

In diesem Moment erkannte ich das Jackett. Ich hatte es in der Nacht in dem Entführerwagen zurückgelassen.

»Wo haben Sie das her?« fragte ich den Boten und fixierte ihn scharf.

»Na, aus der Eilabfertigung«, antwortete er. »Ich hatte den Wagen schon voll und wollte gerade losfahren, als mir der Kerl hinterherlief und Ihr Jakkett brachte.«

»Ein Mann aus der Reinigung?«

»Na sicher. Wer denn sonst? Ich muß weiter, Sir. Ich bin der Eilbote...«

»Langsam, langsam«, sagte ich. »Ich muß genau wissen, wer Ihnen das Jakkett übergeben hat.«

»Machen Sie Witze? Ich habe keine' Zeit für diesen Unsinn, Mister.«

»Ich bin G-man, mein Freund. Dieses Jackett kam mir in der vergangenen Nacht abhanden. Ich muß unbedingt herausfinden, wie es in Ihre Hände gelangte.«

»G-man?« murmelte der Bote. »Ein richtiger G-man?« Er betrachtete mich und das Jackett mit plötzlicher Neugierde. Dann überlegte er. »Warten Sie mal — der Kerl holte mich ein, als ich bereits das Fabriktor passiert hatte«, erinnerte er sich. »Ich sah sein Gesicht zum erstenmal. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Sie wissen ja, wie das in einer großen Firma ist. Da hat man es ständig mit neuen Leuten zu tun.«

»Würden Sie ihn wiedererkennen?«

»Ich bin nicht sicher«, meinte der Bote zögernd. »Es ging alles so schnell.« Ich bedankte mich und nahm ihm das Jackett ab. Er salutierte stramm, als ich ihm ein Trinkgeld gab, und trabte ab. Ich untersuchte die Taschen des Jacketts. Nichts fehlte. Man hatte aus der Brieftasche weder mein Geld noch die ID-Card entfernt.

Was bezweckten die Gangster mit dieser Aktion? Wollten sie mir mit einer versöhnlichen Geste imponieren? Darauf konnten die Bursdien unmöglich bauen. Schließlich hatten sie versucht, mich umzubringen.

»Warum?« fragte mich Milo, als ich ihm etwa eine Stunde später im Office das nächtliche Erlebnis schilderte. »Jede Tat hat ein Motiv. Besonders Profis sind verdammt vorsichtig, wenn es um einen Mord geht. Sie haben zwar keine Gewissensskrupel, aber sie kennen das Risiko. Warum wollten sie dich töten?«

»Dafür gibt es nur eine plausible Erklärung«, sagte ich. »Sie müssen gewußt oder geahnt haben, daß ich mir ein paar der Namen einprägte, die ich in Slim Packers Dokumentenmappe fand. Sie wollten vermeiden, daß ich mich an diese Personen wende und'auf diese Weise eine Chance bekomme, das Syndikat aufzurollen.«

»Wie viele Namen hast du dir gemerkt?«

»Nur einen. Den von Slim Packers Frau. Sie heißt Sheila. Ich rufe gleich die New Providence an — das ist der Name der Versicherungsgesellschaft, Kümmere dich bitte inzwischen um unseren jungen Freund Hamish Sandow. Er muß gleich hier auf kreuzen.«

Die Versicherung nannte mir Sheila Packers Anschrift: Central Islip, Long Island, West Shore Drive 85. Ich durchblätterte das Telefonbuch und stellte fest, daß die Adresse noch immer stimmte.

Während Milo auf der anderen Leitung mit dem Archiv sprach, klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich. Myrna von der Zentrale war an der Strippe.

»Da ist ein Anruf für Sie, Jesse. Der Mann ist so durcheinander, daß er kaum sprechen kann. Ich verbinde Sie mit ihm.«

»Hallo?« keuchte kurz darauf eine Männerstimme an mein Ohr. »Hallo? Mit wem spreche ich?«

»Jesse Trevellian vom FBI.«

»Trevellian. Ja, das ist der Name, den der Boß mir nannte. Der Sheriff, meine ich. Ich fürchte, er ist — er ist tot.«

»O’Neill?« stieß ich hervor.

»Ja. Ich bin Tom Shanks, sein Assistent. Als wir losfahren wollten, um diesen Sandow in die Stadt zu bringen, ging die Karre in die Luft. Ich meine den Wagen des Sheriffs. Irgend jemand muß die Zündung mit einer Plastikbombe kurzgeschlossen haben. Wir flogen alle hinaus, aber nur ich kam mit dem Leben davon.«

»Benachrichtigen Sie die Mordkommission, bitte«, sagte ich mit spröder Stimme.

»Das ist schon geschehen, Sir. Ich muß jetzt auflegen, ich bin verletzt.«

Ich suchte die Nummer des Tankstellenbesitzers Wester heraus und rief ihn an. Er bestätigte mir, daß es sich bei Shanks’ Anruf um keinen Bluff gehandelt hatte. Ich legte auf und blickte Milo an, der sein Gespräch inzwischen beendet hatte.

»Was gibt’s?« fragte er mich.

»Die Gangster haben Sandow und den Sheriff erwischt. Beide sind tot.«

»Er war nur wegen einiger kleinerer Delikte vorbestraft — im allgemeinen Warenhausdiebstähle«, sagte Milo. Er hatte im Archiv nachgefragt. »Seine letzte Strafe hat er vor zwei Jahren abgesessen.«

Ich stand auf. »Ich fahre jetzt zu Packers Frau. Versuche inzwischen herauszufinden, wer Sandows Freunde waren und für wen er arbeitete.«

Dann rief ich das Labor und die Fahrbereitschaft an. Die Gangster hatten meinen Jaguar in den Händen gehabt. Es war kaum anzunehmen, daß sie Fingerabdrücke darin zurückgelassen hatten, aber das mußte überprüft werden. Außerdem war es notwendig, die Funksprechanlage in Ordnung zu bringen. Das Ausbessern des Hecks hatte Zeit bis später.

Zwanzig Minuten später fuhr ich mit einem dunkelblauen Ford nach Long Island. Um halb elf Uhr stoppte ich vor dem Haus West Shore Drive 85 in Central Islip.

Haus und Grundstück machten einen gepflegten Eindruck. Sie fügten sich harmonisch in die von Villen und modernen Bungalows geprägte Umgebung ein. Auf dem glatten Rasen vor dem Haus drehte sich eine Rasensprenganlage.

Ich trat an das weißlackierte Portal und hob den Messingtürklopfer an. Im Haus ertönte ein Gong. Kyrz darauf wurde die Tür geöffnet. Eine ältere Frau trat hervor. Das graue, im Nacken verknotete Haar, die sehr strengen, von Altersfalten beherrschten Züge, ein auf die Brust herabbaumelndes Lorgnon und der unmodische Schnitt ihres langen Kleides ließen sie aussehen, als entstamme sie einer längst vergangenen Epoche.

»Mein Name ist Jesse Trevellian«, stellte ich mich ihr vor. »Ist ‘Mrs. Packer zu sprechen, bitte?«

Der Blick der alten Dame durchbohrte mich wie mit Messern. »Ich bin Mrs. Facker«, sagte sie scharf. Sie hatte eine laute, irgendwie unangenehme Stimme.

»Slim Packers Mutter?« fragte ich sie verblüfft.

»Nein«, antwortete sie. »Seine Frau!«

***

Ich hatte Mühe, meine Überraschung zu meistern. Die Frau, die vor mir stand, war mindestens sechzig Jahre alt. Slim Packer war etwa dreißig Jahre jünger gewesen.

»Ich bedaure, Ihnen eine sehr ernste und unangenehme Botschaft überbringen zu müssen«, hörte ich mich sagen. »Sie betrifft Ihren Mann.«

»Er ist tot, ich weiß«, sagte die Frau. »Kommen Sie von der Versicherung?«

»Nein, vom FBI.«

Die Frau machte abrupt kehrt. Ich folgte ihr durch eine stilvoll eingerichtete Halle in das Wohnzimmer. Die offenstehenden Terrassentüren wiesen zum Garten. Der Raum war behaglich möbliert. Die alten Möbel machten einen teuren, kostbaren Eindruck.

»Sie haben es in den Zeitungen gelesen?« fragte iah sie.

Die Frau nahm auf einem hohen Armlehnstuhl Platz, dessen Polster mit Gobelinstickerei verziert waren. »Ja«, sagte sie schroff. »Sie können sich setzen.«

Ich nahm die Einladung dankbar an. Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt. Was hatte Slim Packer veranlaßt, diese alte Frau zu heiraten? Noch mehr beschäftigte mich die Frage, warum er eine Lebensversicherung zugunten dieser Frau abgeschlossen hatte. Bei einer normalen Entwicklung hätte Sheila Packer ein paar Jahrzehnte vor ihm das Zeitliche segnen müssen.

Die Frau hob ihr Lorgnon an die Augen und musterte mich scharf. Ich hatte abermals das Empfinden, von ihren Blicken förmlich durchbohrt zu werden.

»Stellen Sie Ihre Fragen«, befahl sie. »Aber fassen Sie sich bitte kurz.«

Sie benahm sich wie eine alternde Monarchin, die mir eine Audienz gewährt. Ich kam sofort zur Sache.

»Warum haben Sie ihn geheiratet?«

»Weil er jung war«, sagte sie ohne Umschweife. »Ich habe ihn mir gekauft, wie man eine Ware kauft. Ich dachte, er sei eine gute Wahl, aber ich mußte feststellen, daß er nichts taugte. Da trennte ich mich von ihm.«

»Warum ließen Sie sich nicht scheiden?«

»Das ist wohl meine Sache.«

»Seit wann leben Sie von ihm getrennt?«

»Etwa ein halbes Jahr«, antwortete sie. »Vielleicht auch etwas länger.«

»Wohnte er damals noch bei Ihnen?«

»Ja, er zog meines Wissens von hier zur Skillman Avenue.«

»Wann haben Sie ihn das letztemal gesehen oder gesprochen?« wollte ich wissen.

»Vor vier Wochen«, antwortete die Frau. »Er kam her und wollte Geld von mir haben. Selbstverständlich habe ich ihn ’rausgeworfen.«

»War er häufig knapp bei Kasse?« Sheila Packer schüttelte ihren Kopf. »Das will ich nicht sagen. Slim war durchaus imstande, Geld zu machen — aber er konnte damit nicht haushalten.«

»Kennen Sie seine Geschäftspartner?«

»Gerechter Himmel, nein.«

»Sie sagen das, als hätte ich Sie nach einer ansteckenden Krankheit gefragt.«

»Mit gutem Grund. Ein Kerl wie Slim brachte es einfach nicht fertig, sich mit anständigen Leuten zu umgeben. Sie können nicht erwarten, daß ich mich für das Gesindel interessierte, das er mir gegenüber als seine Freunde bezeichnete.«

»Sie sagten, daß Sie ihn wie eine Ware kauften. Womit?«

»Mit meinem Geld natürlich. Er hätte ein paar Millionen erben können, wenn er mir treu geblieben wäre — aber als er sich mit albernen jungen Gänsen einließ, hatte er diese Chance vertan. Es tut mir nicht leid, daß er auf diese Weise enden mußte. Ich habe ihm das oft genug prophezeit.«

»Ein Ende durch Mord?« fragte ich rasch.

»Unsinn. Ein Ende mit Schrecken. Meine Worte haben sich erfüllt, nicht wahr?«

»Gaben Sie ihm für die Heirat Geld?«

»Hunderttausend — als Startkapital. Den größten Teil davon hat er buchstäblich verschleudert. Ich schob noch einmal zwanzigtausend nach, aber dann riß mir der Geduldsfaden.«

»Vor einem Jahr schloß ihr Mann eine Lebensversicherung von ungewöhnlicher Höhe ab. Im Falle seines Todes sollen Sie die Versicherungssumme ausgezahlt bekommen.«

»Ganz recht — aber leider nicht bei Mord«, seufzte die Frau. »Ich werde keinen Cent kriegen.«

»Die Täterin, Sue Wharton, verteidigte ihr Handeln mit dem Hinweis, daß Slim Packer sie entführt habe und Mitglied eines Mädchenhandelsyndikats gewesen sei. Können Sie mir darüber etwas sagen?«

Sheila Packer, hob ihre schmalen Augenbrauen zu spitzen Bogen der Empörung. »Wofür halten Sie mich eigentlich, Mister?« fragte sie wütend. »Für die Vertraute eines Gangsters, der unglücklicherweise mein Mann war? Slim war nicht dumm. Er wußte, daß er es nicht riskieren konnte, mich in seine schmutzigen

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über 9 Klasse-Thriller im September 2021 denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen