Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Mütend: Generation Lockdown

Mütend: Generation Lockdown

Vorschau lesen

Mütend: Generation Lockdown

Länge:
270 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 20, 2021
ISBN:
9783754392706
Format:
Buch

Beschreibung

Was waren die gesellschaftlichen Konflikte in der Pandemie? Wie sehr litten Kinder und Jugendliche? Wie kann Aussöhnung gelingen? Das Buch ist der Versuch, einen Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Krise zu leisten, um aus der Geschichte zu lernen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 20, 2021
ISBN:
9783754392706
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor Joshua Beck möchte, dass wir aus der Pandemie-Geschichte lernen können, um auf kommende Pandemien besser vorbereitet zu sein. Für ihn ist als Mensch mit Asperger-Syndrom besonders wichtig, dass wir in der Krise nicht den Blick für das Soziale und Zwischenmenschliche verlieren.


Ähnlich wie Mütend

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

Mütend - Joshua Beck

Was waren die gesellschaftlichen Konflikte in der Pandemie? Wie sehr litten Kinder und Jugendliche? Wie kann Aussöhnung gelingen?

Das Buch ist der Versuch, einen Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Krise zu leisten, um aus der Geschichte zu lernen.

Der Autor Joshua Beck möchte, dass wir aus der Pandemie-Geschichte lernen können, um auf kommende Pandemien besser vorbereitet zu sein.

Für ihn ist als Mensch mit Asperger-Syndrom besonders wichtig, dass wir in der Krise nicht den Blick für das Soziale und Zwischenmenschliche verlieren.

Der einzige Zweck, zu dem Macht rechtmäßig über ein Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft gegen seinen Willen ausgeübt werden kann, ist, Schaden von anderen abzuwenden.

– John Stuart Mill.

Sobald die Epidemie anerkannt ist, kann sie in nichts anderes münden als in den einen, gemeinsamen Tod aller. Die von ihr ergriffen werden, erwarten – da es kein Mittel gegen sie gibt – die Ausführung des Urteils, das über sie verhängt ist. Nur die von der Epidemie Ergriffenen sind Masse: sie sind gleich in bezug auf das Schicksal, das sie erwartet.

Ihre Zahl nimmt mit wachsender Beschleunigung zu. Das Ziel, auf das sie sich hinbewegen, ist in wenigen Tagen erreicht. Sie enden in der größten Dichte, die menschlichen Leibern erlangbar ist, alle zusammen auf einem Leichenhaufen.

– Elias Canetti¹


¹ Canetti: 324

Inhalt

Danksagung

Vorwort

Einleitung

1. Die Furcht vor der Freiheit

2. Unsichtbare Gefahren

3. Probleme und Lösungsideen

4. Über das Leben

5. Diktatur und Widerstand

Anhang

Literatur

Über den Autor

Danksagung

Einen besonderen Dank für die Unterstützung in den schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie möchte ich meiner Familie sowie Meike Miller und Christine Preißmann widmen. Ebenso auch Marcel Dehmer, der mich darüber hinaus auch in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesem Buch unterstützt hat. Für die zahlreichen Gespräche während des Entstehens dieses Buches danke ich ebenso meinen Parteifreunden Melanie Wehrle, Stefan Sauerwein und Sandra Funken.

Vorwort

Der Titel des Buches ist ein Wort, welches im Jahr 2021 entstanden ist und durch die sozialen Medien, aber auch Talkshows wanderte, ist „mütend". Es ist die Kombination von müde und wütend. Es drückt etwas aus. Zum einen eine Pandemie-Müdigkeit, zum anderen aber auch die Wut über vieles, was schlecht oder falsch gelaufen ist. Diese Wut richtet sich besonders an die Politik und die Regierung. Diese Mischung von Müdigkeit und Wut kenne ich persönlich nur zu gut. Als Student mit Asperger-Syndrom habe ich die Krise aus einer sehr eigenen Perspektive erlebt.

Nun muss man sich klar machen, dass es leicht ist in der Rückschau auf Fehler zu zeigen. Aber weil es eben so leicht ist, wäre es nicht gut, die Chance zum Lernen verstreichen zu lassen. Aber es gab auch Fehler, die einfach nichts anderes sind als fahrlässig und unverantwortlich. Besonders auch über diese möchte ich schreiben. Diese Fehler sind auch nicht schön zu reden, sondern müssen in aller Klarheit benannt werden. Jemand, dem Fehler angelastet werden, könnte sich dadurch gekränkt fühlen.

Dennoch habe ich mich dazu entschlossen, weil sich in den letzten eineinhalb Jahren gezeigt hat, dass freundliches und höfliches Bitten zu keinem Erfolg geführt hat. Es muss offen und in aller Klarheit benannt werden wenn Missstände von Verantwortlichen zu oft übersehen und vernachlässigt werden.

Zwei Dinge möchte ich dem Leser vorweg erläutern.

Erstens. Dieser Text ist Ausdruck großer Verzweiflung. Es ist die Angst, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, der ohnehin bereits erodiert ist, vollständig zu verschwinden droht. Es ist auch die Angst, dass psychosozial vorbelasteteund seelisch betroffene Menschen, wie auch Kinder, Jugendliche und Studierende immer weiter drangsaliert werden und schließlich gar nicht mehr weiter können.

Der Leser mag vielleicht fragen, wieso „drangsaliert", wenn doch nur notwendige Maßnahmen zum Gesundheitsschutz ergriffen wurden? Diese Wortwahl klingt vielleicht polemisch. Natürlich hatte ich meine ganz eigenen Gedanken in der Corona-Krise. Einige drücken Einsamkeit aus, andere Wut und ja, auch Zorn – das gebe ich offen zu. Die allermeisten jedoch Entsetzen. Vielleicht mögen einige Textstellen polemisch erscheinen, aber ich habe versucht nach bestem Wissen und Gewissen sachlich in der Kritik zu bleiben. Gewiss wäre ein Lektor für den Text von Vorteil gewesen. Leider musste ich darauf verzichten.

„Wir müssen einander viel verzeihen – und auch ich bitte um Verzeihung, wenn sich jemand durch Polemik unbeabsichtigt gekränkt fühlt. Dennoch bitte ich darum, „Polemik nicht als Ausrede zu benutzen, um sich ganz grundsätzlich nicht mit den Inhalten dieses Buches auseinandersetzen zu müssen. Wenn ich etwa von einer „neuen Banalität des Bösen" spreche, so meine ich in der Tat

Zweitens. Dass in der Krise besonders junge Menschen geradezu drangsaliert wurden. Dabei geht es weniger um Maßnahmen, die ergriffen wurden, als vielmehr um Maßnahmen, die unterlassen wurden. Um den grundsätzlichen Inhalt dieses Buches einzuordnen und gegenüber propagandistischem Missbrauch weniger anfällig zu machen, möchte ich ausführlicher erläutern, was ich damit meine.

Warum gab es überhaupt Maßnahmen im Sinne des Infektionsschutzgesetzes? Hierzu muss man sich klar machen, dass das Grundgesetz ein „Grundrecht auf Leben und „körperliche Unversehrtheit vorsieht. Dieses Element des Grundgesetzes ist bedeutend, da es das Individuum vor der Gewalt durch den Staat schützen soll. Zugleich bedeutet es aber auch eine Für- und Vorsorgepflicht des Staates gegenüber der Gesundheit des Individuums. Der Staat schützt das Individuum vor den Gefahren der Natur, welche natürlich sind. Aber wer oder was schützt das Individuum vor der Staatsmacht, welche nicht natürlich ist?

Dieser Absatz des Grundgesetzes. Er gibt somit den Handlungsspielraum des Staates und der Regierung vor. Es ist, um mit Michel Foucault zu sprechen, ein Dispositiv: Es ist beschrieben, was getan werden soll, zugleich aber auch zu unterlassen ist.

Mit Blick auf andere Regierungen (Johnson, Trump, Bolsonaro) war das Entsetzen über das Nicht-Ergreifen von Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung hierzulande groß: „Die verheizen ihre Leute oder auch „die UEFA ist für den Tod vieler Menschen verantwortlich waren Reaktionen. Dadurch indirekt beschrieben wird, wenngleich diese scharfen Worte nicht verwendet werden, ein Massenmord bzw. Euthanasie. Man muss sich einmal vorstellen, die Regierung hierzulande hätte angesichts einer Bedrohung für Leib und Leben weiter Teile der Bevölkerung keine Notwendigkeit für Maßnahmen gesehen.

Eine Gesellschaft hätte auch genauso gut sagen können, wir lassen alte Menschen einfach sterben. Das mag zwar ethisch und moralisch nicht richtig sein, aber ganz prinzipiell wäre es möglich gewesen. Precht spricht hier von einer „großen Errungenschaft" für den liberalen Staat. Dem stimme ich zu.

Für die Pandemie-Politik gibt das Grundgesetz durch sein Dispositiv den Rahmen vor. Es wäre unvorstellbar gewesen, für den Gesundheitsschutz älterer Menschen und der der vulnerablen Gruppen keine Maßnahmen zu ergreifen, um sie vor der Gefahr durch das Virus zu schützen. Alten- und Pflegeheimbewohner etwa sind auf diese Hilfe angewiesen. Sie können sich nicht selbst ausreichend schützen. Umso bemerkenswerter und unverständlicher ist es doch, weshalb keine Maßnahmen zum Gesundheitsschutz jüngerer Menschen, Studierende, Jugendliche oder Kinder ergriffen wurden.

Keine Maßnahmen? Das Gesundheitsrisiko durch das Virus ist für diese Gruppen verschwindend gering. Homeschooling, Online-Lehre, Kontaktbeschränkungen, all das dient nicht ihrem Gesundheitsschutz, sondern produziert Gefahren für ihre Gesundheit. Es ist ganz einfach: Maßnahmen an einer Stelle führen zu Problemen an anderer Stelle. Das Schlüsselwort ist (solidarische) Lastenverteilung. Auch dafür braucht es erneute Lösungen.

Zunächst sind insbesondere psychische Leiden durch Lockdown und andere Maßnahmen entstanden. Diese übersetzen sich langfristig jedoch sehr wohl auch in physische Leiden. Politisch hat man nicht einmal daran gedacht, etwas dagegen zu versuchen. Diesen Vorwurf erhebe ich. Stattdessen hieß es, Verzicht täte gut und die jungen Menschen haben keinen Grund sich zu beklagen – anderen ginge es ja schließlich viel schlechter.

Obschon man zu Beginn des Lockdowns wusste, dass besonders junge Menschen leiden würden, hat man nicht Kontaktbörsen eingerichtet oder Krisenchats, als analoge Modelle zu den Einkaufshelden etwa. Hier hätte jeder Bürger seine Gesprächsbereitschaft anbieten oder eine Möglichkeit zu dieser bei Bedarf finden können. Das war ein Versäumnis. Es braucht jeden Menschen und es ist mehr Aufgabe der Regierung eines liberalen Staates, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, als ein Monopol auf alle Hilfeleistungen zu beanspruchen.

Als Kai Lanz aber als Krisenchat-Gründer sich an die Regierung wandte, wurde ihm Hilfe verweigert. Lanz will einen Chat aufbauen, der jungen Menschen bis 25 Jahren eine unmittelbare Zufluchtsstelle bietet. Kinder in häuslicher Gewalt, Jugendliche mit Suizidgedanken oder Studierende mit Depressionen - alle sollen eine Möglichkeit haben, jederzeit einen Ansprechpartner ohne großen Aufwand erreichen zu können. Das Projekt ist ein ehrenamtliches. Aber die Bundesregierung verweigert durch das Familienministerium Hilfe aufgrund „datenschutzrechtlicher Bedenken". Auf Anfrage Hilfe hier zu verweigern, ist unverzeihlich und durch nichts zu entschuldigen.

Was macht es mit jungen Studierenden, drei oder vielleicht vier Semester zu Hause etwa zehn Stunden täglich vor dem Rechner zu sitzen und als Lernmaschine nur noch Wissen stumpf zu konsumieren und in Prüfungen abzuladen? Warum ist es machbar, in der nächsten Bundesliga-Saison 25.000 Menschen in ein Stadion zu lassen, während an Schulen man sich auf Wechselunterricht einstellen muss?

Das Nichtstun des Lockdowns ist eine sehr erschöpfende Tätigkeit. Soziale Kontakte „auf Distanz zu erhalten, ist vielen zu anstrengend. Meine These ist, dass die Pandemie-Gesellschaft bedingungslos vor der Gefahr kapituliert. Das zeigt sich auch in den Spots „Corona Helden der Bundesregierung: „Eine unsichtbare Gefahr bedrohte alles, woran wir glaubten. [wir taten] das einzig richtige: … nichts. (.) Das war unser Schicksal., „Nichtstun war ein Dienst an der Gemeinschaft, „Wir schimmelten zuhause rum (.)" Eine allgemeine Passivität verstärkt Passivität. Die Bindungen nach außen werden aufgegeben.

Von anderen Fällen autistischer Menschen wurde mir beschrieben, dass sie wie Schwerbehinderte nur noch in Betten vor sich hin schimmelten. Das Einschlafen des Gehirns, was sich „depressive Pseudodemenz" nennt, macht aus einem jungen Menschen einen Greis, der sich nicht einmal mehr leichte Dinge merken kann, und in manchen Fällen völlig vergisst, wo er ist und was er wollte. Das Gehirn floss dahin wie Brei. Das Dahinvegetieren kennt keine Menschenwürde mehr. Diese Tage kenne ich selbst nur zu gut. Das waren die Tage, an denen man sich einen Gnadenschuss gewünscht hat. Da gibt es auch überhaupt nichts schön zu reden. Nicht weil man glaubte, niemals würde der Lockdown enden. Die Schmerzen waren schlicht nicht mehr zu ertragen.

Natürlich bin ich mit meinen persönlichen psychosozialen Vorbedingungen besonders belastet. Aber das darf nicht davon ablenken, dass eine ganze Generation am Abgrund steht. Statt unseren Kindern zu helfen, überladen wir sie weiter mit „Aufholprogrammen", sodass auch keine Lücke in ihrem Lebenslauf entsteht. Damit wir in ein paar Jahren sagen können, es habe all diese Probleme nie gegeben? Der drohende Suizid der Kinder und Jugendlichen ist Ausdruck der höchsten Verzweiflung. Ich spreche es offen aus. Was niemand gerne ausspricht und noch weniger hören will, geschieht dennoch.

Um das zu sehen, muss man nur einen Blick in die Kinder- und Jugendpsychiatrie werfen. Aber auch bei all denen, die nicht Selbstmord gefährdet sind, ist eine lebenslange Prägung abzusehen.² Ihre Flucht in die langjährige und zähfließende Destruktivität wird sich vor allem zeigen in Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum, in leichtinnigen Verhaltensweisen wie Fahrten mit überhöhter Geschwindigkeit oder im alkoholisierten Zustand, oder aber auch einfach nur im geistesabwesenden Straßenüberqueren. Immer wird man „andere Ursachen finden. Über die Hälfte der jungen Menschen fühlt sich vergessen und „nicht wichtig. 61% der Jugendlichen „einsam, 64% „psychisch belastet, 69% haben „Zukunftssorgen". Über die seelische Notlage vieler Menschen schreibt das Deutsche Ärzteblatt, dass 22% sich eine psychotherapeutische Behandlung wünschen und von depressiven Erkrankungen berichten. Von den Betroffenen von Depressionen gaben 89% fehlende soziale Kontakte an, 8% erklärten sogar, sie hätten Suizidgedanken.

Es wäre unendlich wichtig gewesen, „flatten the curve mit „keep in touch zu ergänzen: „Sprich jeden Tag mit einem Freund". Oder wenigstens einmal im Monat. Den Menschen klar machen, dass sich der Trägheit einfach zu ergeben, keine Option ist, sondern alles zu versuchen, unter vertretbaren Bedingungen Kontakte zu pflegen, statt Freundschaften auslaufen zu lassen. Die Politik trägt die Verantwortung, Maßnahmen auf Nutzen und Verhältnismäßigkeit abzuwägen und Bedingungen zu benennen. Aber die Gesellschaft trägt die Verantwortung, wie diese genutzt werden. Wenn Treffen in Innenräumen zu gefährlich sind, kann man draußen spazieren gehen. Oder man telefoniert wenigstens einmal in der Woche miteinander.

Und auch wenn es anstrengend ist, hätte die Botschaft klar sein müssen: Gebt eure Freundschaften nicht auf und wenn ihr jemanden kennt, der einsam ist, lasst ihn nicht verrotten. Die Politik muss die Risikogruppe vor dem Virus schützen, die Gesellschaft die Risikogruppe vor den Folgen durch den Kampf gegen das Virus. Letzteres hat die Politik vergessen klar zu benennen. Solidarität wurde eine altersbedingte Einbahnstraße.

Der Mensch, anders als das Tier, hat nämlich auch ein fundamentales seelisches Bedürfnis. Der Kranke ist der Gesunde, und der Gesunde der eigentlich Kranke, der es nur schafft, all seine Symptome zu unterdrücken - ist Fromms provozierende These. Ich glaube, mit dieser Einstellung, das eigentlich unerträgliche Schicksal der Einsamkeit klaglos zu ertragen, um weiter als gesund zu gelten, während Menschen, die dies nicht ausgehalten haben als psychisch krank erscheinen und medikamentös oder stationär behandelt wurden, ist der Mensch in dieser Zeit verschwunden „wie ein Gesicht im Strand am Meer", um mit Foucault zu sprechen. Der Mensch wurde nicht von seinem Körper her von außen verletzt, er wurde seelisch von innen heraus zersetzt. Und den Hungertod der Seele stirbt ein Mensch ebenso wenig ruhig, wie er den Hungertod seines Körpers nicht ruhig stirbt, stellt Fromm zurecht fest.

Gewiss habe ich Verständnis dafür, dass Menschen Angst vor dem Virus haben. Und besonders Entscheidungstragende sind einer ungeheuren Angst ausgesetzt. Eine Pandemie ist eine Zeit, in der das Gute verschwunden ist. Es dominiert die Todesmacht, nicht die Lebensmacht. Es gibt kein schlimmeres Gefühl als zu wissen, dass man absolut gar nichts tun kann. Aber dem ist nicht so. Widerstand gegen das Virus ist aktiv möglich und auch im Lockdown kann man ganz Mensch bleiben.

Das hätten die Spots abbilden können: Mut statt Resignation. Sport treiben, sich gesund ernähren, täglich spazieren gehen oder einen Apfel essen - bereits dies hätte eine aktive Widerstandshandlung gegen die Pandemie sein können. Kontakttagebücher, Kontaktnachverfolgung, sich mit Freunden im Freien treffen oder telefonieren - all das hätte Aktivität ermöglicht. Viele Menschen und besonders Kinder haben dagegen in der Pandemie bedeutend zugenommen. Für den Anspruch einer Politik, die Gesundheit ihrer Bürger zu schützen, ist dies harter Tobak. Dabei haben Studien gezeigt, dass das Risiko einer schweren Corona-Erkrankung auf ein Drittel sinkt, wenn man regelmäßig Sport treibt.

Stattdessen zeigten die Spots der Bundesregierung einen autoritären Charakter; dessen Mut ist im Wesentlichen ein Mut, dieses Schicksal zu ertragen, ohne zu klagen. Das macht seinen Heroismus aus. „Auch wenn ein solcher Konformist biologisch weiterlebt, so ist er dennoch emotional und seelisch tot, so Fromm sehr klar. Was passiert hier gerade in diesem Land? Zu Beginn der Krise war das Credo: „Solidarität für ältere Menschen. Der Spiegel titelt heute: „Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern und „Man muss Schülern einbläuen, dass sie schon am Nachmittag infektiös sein können. Die WELT hat erst kürzlich vor einer „Kriminalisierung von Jugendlichen" gewarnt. Das alles zersetzt unsere Gesellschaft von innen heraus. Ein panoptischer Kontrollstaat entsteht, sodass ein jeder sich aus Angst vor Musterung durch sein Umfeld in vorauseilendem Gehorsam selbst maßregelt und sich fast bedingungslos allen Maßgaben unterwirft.

Man kann Menschen bis ins Detail „empfehlen, wie sie sich verhalten sollen, ja welche Art Maske sie unter welchen Bedingungen beim Autofahren zu tragen haben, wie sie die Köpfe beim Umarmen zueinander halten sollen oder dass sie beim Fußball „Goal statt „Tor" schreien sollen, um weniger Aerosole auszustoßen, damit sie haargenau den mathematischen Modellen genügen, die Wissenschaftler erschaffen haben – all das ist Ausdruck totaler Herrschaft. Die Bilder, mit denen der Lockdown propagiert wurde, kennen keine Spontanität. Ohne diese aber als Bedingung für menschliche Verhaltensweise, schreibt Arendt, ist der Mensch ein Ding, dass sich unter gleichen Bedingungen immer gleich verhält, also etwas, was selbst Tiere nicht sind.

Es ist falsch, dass der Staat umso stärker auftreten müsse, je hilfloser sich der Einzelne fühlt. Je bedeutungsloser sich der Einzelne fühlt, desto stärker muss ihn der Staat dabei unterstützen, selbstbestimmt handeln zu können. Die Macht der Bilder kann nur schwer überschätzt werden. Ich glaube, wenn es gelungen wäre, allgemeine Bilder der trotz Einschränkungen möglichen Aktivität zu erzeugen, dass der Mensch seelisch nicht abgestorben wäre, sondern seine Individualität, seine Spontanität, seine Würde und seine Selbstbestimmung trotz Lockdown hätte bewahren können.

Eine Autistin schrieb einmal:³ „Erwachsene Autisten bekommen bekannterweise

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Mütend denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen