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Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

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Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

Länge:
1,040 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
Nov 10, 2016
ISBN:
9783038487845
Format:
Buch

Beschreibung

366 Lebensbilder von herausragenden reformatorischen Gestalten, chronologisch geordnet und jedem Tag des Jahres zugeordnet, wecken im Leser Staunen und Dankbarkeit. Franz von Assisi erscheint hier genauso wie William Booth, Theresa von Ávila, Martin Luther, Pandita Ramabai, Dag Hammarskjöld, Argula von Grumbach, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Martin Bucer, Helmut Thielicke, Ruth Bell Graham und Konstantin von Tischendorf.
Freigegeben:
Nov 10, 2016
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9783038487845
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Gesichter und Geschichten der Reformation - Fontis - Brunnen Basel

Roland Werner & Johannes Nehlsen (Hrsg.)

Gesichter und Geschichten der Reformation

www.fontis-verlag.com

Roland Werner &

Johannes Nehlsen

(Hrsg.)

Gesichter und Geschichten

der Reformation

366 Lebensbilder aus allen Epochen

Logo_fontis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Zu den Fotos im Innenteil:

Viele Bilder, soweit nicht anders angegeben, sind «Wikipedia.org»

bzw. «Wikimedia Commons» entnommen. Viele weitere Fotos stammen aus alten, nicht näher bestimmten Quellen.

© 2016 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olav Johannson, Langgöns

Fotos Umschlag: (Reformation) s_maria/Shutterstock.com

(Betende Hände) Halfpoint/Shutterstock.com

E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel

E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-784-5

ISBN (MOBI) 978-3-03848-785-2

www.fontis-verlag.com

Vorwort

Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Daniel 12,3

Denkt an eure Leiter, die, die euch die Botschaft Gottes weitergegeben haben. Schaut euch ihr Lebensende an, und nehmt euch ihr Vertrauen auf Gott zum Vorbild!

Hebräer 13,7

Wenige Aufbrüche haben die Kirche und die Welt so sehr bewegt wie die Reformation vor fünfhundert Jahren. Diese epochale Wende veränderte das Verständnis des Evangeliums für alle Zeiten. Die Männer und Frauen, die damals neu vom Evangelium entzündet waren, setzten jedoch alles dafür ein, dass es nicht nur bei einer neuen Klarheit der Lehre blieb. Mit Haut und Haaren, in Predigt und Schrift, mit Wort und Tat, ja, mit dem eigenen Leben kämpften sie um die Erneuerung ihrer Kirche.

Nicht um Trennung ging es ihnen, sondern darum, das ganze Licht der Gnade, die ganze Kraft des Glaubens, die ganze Klarheit der Heiligen Schrift und die ganze Fülle von Jesus Christus wieder ins Zentrum zu stellen.

Sie verstanden sich nicht als Neuerer, sondern als Erneuerer. Dass es auch schon vorher unzählige Menschen gab, gerade in den Klöstern, die mit gleicher Leidenschaft um die Erneuerung der Kirche kämpften, war ihnen Anstoß und Ermutigung. Sie standen auf den Schultern dieser Heldinnen und Helden des Glaubens. Sie hörten auf die Stimmen derer, die vor ihnen den Wettkampf des Glaubens bestritten hatten. Sie achteten auf die Wegweisung der Apostel und der frühen Kirche.

Doch ihr Blick blieb nicht in der Vergangenheit kleben. Vielmehr nahmen sie ihre eigene Zeit bewusst wahr, mit ihren Fragen und Nöten und Auseinandersetzungen. Und sie waren bereit, für das Evangelium zu streiten, im Namen von Jesus Christus, und es in Wort und Tat zu leben und weiterzugeben.

Deshalb ist Reformation niemals ein bloßes Augenblicksgeschehen. Die einmal erneuerte Kirche muss sich immer wieder erneuern: «Ecclesia reformata semper reformanda!» Doch dies geschieht nur auf den «Wegen, die das Evangelium lehrt», wie es Blaise Pascal in seinem bewegenden «Mémorial» niederschrieb.

Und so geht die Erneuerung der Kirche immer weiter, und dadurch auch Zeugnis und Dienst an der Welt. Dieser Strom der Erneuerung reißt niemals ab. Reformation geschah und geschieht immer. Der Geist weht, wo er will. Und er weht! In den gefestigten Strukturen und außerhalb von Amt und Tradition. Diese erstaunliche Tatsache wird auch in den hier dargestellten Kurzbiografien deutlich.

366 Lebensbilder von Christuszeugen, Frauen und Männern, chronologisch geordnet und jedem Tag des Jahres zugeordnet, wecken im Leser Staunen und Dankbarkeit. Franz von Assisi erscheint hier genauso wie William Booth, Teresa von Ávila wie Martin Luther, Pandita Ramabai wie Dag Hammarskjöld, Argula von Grumbach wie Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Martin Bucer wie Helmut Thielicke, Ruth Bell Graham wie Konstantin von Tischendorf.

Was all diese Träger einer gelebten Reformation verbindet, bekannte wie unbekannte: Sie waren ergriffen vom Evangelium. Sie hörten den Ruf Gottes. Sie ergriffen ihre Berufung. Sie waren bereit, Opfer auf sich zu nehmen. Und sie setzten sich mit Leidenschaft ein, für Gott und für die Menschen, die sie mit seinen Augen sehen lernten. Von ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe lesen wir in diesem Buch.

Wir sind dankbar, dass über hundert Autoren sich daran mitbeteiligt haben, diese Gesichter und Geschichten gelebter Reformation neu vor uns lebendig werden zu lassen. Mit der Bitte, dass Gottes Geist uns immer wieder neu belebt und in Bewegung setzt und dass diese Lebensbilder dazu beitragen mögen, legen wir dieses Buch vor.

Roland Werner und Johannes Nehlsen

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PS: Ein herzlicher Dank geht an alle Mit-Autoren für alle Lebensbilder, an den Fontis-Verlag für die gute Zusammenarbeit und an Daniel Riesner, der uns bei der Bildbeschaffung sehr unterstützt hat.

1. Nino

Etwa 290–340

Zeige mir, Gott meines Vaters und meiner Mutter, die Bekehrung aller Ecken dieses Landes, damit sie Freude finden und allein dich, den wahren Gott, durch deinen Sohn Jesus Christus anbeten! Ihm sei Dank und Lob!

In Kappadokien in der heutigen Türkei geboren, leitete die heilige Nino die Bekehrung der Georgier zum Christentum ein. Die georgische orthodoxe Apostelkirche nennt sie die «Erleuchterin Georgiens» und stellt sie den Aposteln gleich. Über ihre Herkunft ranken sich verschiedene Geschichten. Nach der ostkirchlichen Tradition stammte ihr Vater Zabylon aus Kappadokien. Ihre Mutter Susanna stammte aus Kolossä in Phrygien und war eine leibliche Schwester des Jerusalemer Patriarchen Juvenal. Ninos Eltern sollen einander in Jerusalem kennen gelernt und geheiratet haben.

Über verschiedene Stationen kam Nino zusammen mit ihren Gefährtinnen Hripsime und Gaiana nach Georgien. Dort wohnte sie in der Hauptstadt Mzcheta in einer Hütte. Sie begann, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen und die Kranken zu heilen. Dabei trug sie stets ein selbst gemachtes Kreuz aus Weinreben mit sich, das sie mit ihrem eigenen Haar zusammenband.

Nino betete für ein krankes Kind, das nach landesüblicher Sitte durch die Straßen getragen wurde, um Heilung zu finden. Daraufhin wurde es gesund. Als die todkranke Königin Nana davon erfuhr, ließ sie sich zu Nino bringen und wurde ebenfalls von ihr geheilt. Glücklich rief sie aus: «Es gibt keinen anderen Gott außer dem, den diese Sklavin verkündigt!», und fand so zum Glauben.

König Mirian III. wollte Nino mit Gold und Silber belohnen, doch Nino lehnte das ab. Als Mirian auf einer Jagd von einer Finsternis überrascht wurde, versprach er nach vergeblichen Gebeten an die überkommenen Götter, er werde den Gott Ninos verehren, wenn er aus seiner Notlage befreit werde. Das Wunder geschah, das Licht erschien wieder, und er konnte wohlbehalten nach Mzcheta zurückkehren. Mirian III. erhob das Christentum 337 – nach Auffassung der georgischen orthodoxen Apostelkirche 326 – zur Staatsreligion.

Überall in Georgien verkündigte Nino das Evangelium. Auf der Rückreise aus Ostgeorgien starb sie in Bodbe in Kachetien und wurde dort begraben. König Mirian ließ über ihrem Grab eine Kirche errichten. Das dortige Kloster wird heute von einem orthodoxen Nonnenkonvent genutzt. (IO)

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2. Aurelius Augustinus

354–430

So viel in dir die Liebe wächst, so viel wächst die Schönheit in dir. Denn die Liebe ist die Schönheit der Seele.

Kirchenvater und Bischof – ein Riese des Geistes und der Gottesgelehrtheit, Heiliger, erster Autobiograf der Geschichte, bedeutendster Philosoph unter den antiken Lehrern der Kirche und bis heute ein in allen Konfessionen anerkannter Gottesdenker: Aurelius Augustinus, meist Augustinus genannt. 354 kam er im heutigen Algerien zur Welt, wurde Lehrer in Karthago, Rom und Mailand und lernte die großen Weltanschauungen seiner Zeit kennen. Seine Klugheit erfüllte ihn nicht, er blieb ein Suchender bis zu einem Erlebnis, das er als Bekehrung zu Christus erkannte. 387 ließ er sich taufen, wurde 391 Priester und 396 Bischof von Hippo Regius (heute Algerien).

Augustinus hat nicht bloß die gesamte Theologie durchdacht, sondern ihr vielfach überhaupt erst systematisch und begrifflich ein Fundament gelegt: Wer ist der dreieinige Gott, was ist Gnade, was sind die Sakramente, was ist die Kirche, wer ist der Mensch, was ist das Gute und das Böse, und wie greift Gott in die Geschichte ein? Seine Antworten legte er in über hundert teils umfangreichen Werken nieder. Sie kreisen um das Geheimnis Gottes – denn Augustinus erkennt, dass Gott sich unserem Denken entzieht, je mehr wir meinen, etwas über ihn zu wissen. «Ja, ist denn, Herr, mein Gott, etwas in mir, das dich fassen könnte?»

In seiner Lebensbeschreibung, den Bekenntnissen, meditiert er die großen Fragen der Theologie und der Philosophie in der Gestalt eines Gebetes und zeigt damit, dass zu jeder Erkenntnis immer auch Demut gehört. Gegen das Bescheidwissen über Gott und Mensch und Welt setzt Augustinus die Frage, das Nachdenken und den Zweifel. Unermüdlich sucht er danach, ob es eine Verbindung zwischen Zeit und Ewigkeit gibt und wie wir das eine im anderen erkennen können.

Als die Vandalen Hippo Regius belagerten, half er tatkräftig unter den Kriegsflüchtlingen und spendete den Kirchenschatz. Augustinus starb 430; er hinterließ keine persönlichen Gegenstände, sondern nur Bücher und Manuskripte. Zuletzt soll er, dieser Lehrer Europas, nur noch gebetet haben – aus den Bußpsalmen, die über seinem Bett hingen. (FL)

002_025_Augustinus

3. Bernhard von Clairvaux

1090/91–1153

Pflegst du Erörterungen – ich finde keinen Geschmack daran, wenn nicht der Name JESUS darin erklingt.

Er prägte das 12. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Deshalb spricht man auch bis heute vom bernhardinischen Zeitalter. Luther schätzte ihn mehr «als alle Mönche auf Erden». Bernhard – der Mönch, der als Jugendlicher in ein Kloster eintrat und als Mittzwanziger bereits die Leitung übernommen und weitere Klöster gegründet hatte, der mit führenden Persönlichkeiten in Europa in Kontakt stand und vielerorts ein begehrter Redner war, dessen Predigten oft göttliche Heilungen folgten – Bernhard war ein Charismatiker der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.

Etwa sechzehnjährig trifft ihn unerwartet der Tod der geliebten Mutter. Vielleicht dadurch mit beeinflusst, fasst Bernhard den Entschluss, ins Kloster einzutreten. Er bewegt mehrere Verwandte und Freunde zum gleichen Schritt. Nach einem gemeinsamen Vorbereitungsjahr klopft die dreißig Mann starke Schar von Edelleuten und Rittern an die Pforten des neu gegründeten Reformklosters Citeaux in der Region Burgund.

Schon mit 25 Jahren wird Bernhard zum Abt, zum Vorsteher der Klostergemeinschaft, berufen. Bald gründet er neue Glaubensgemeinschaften von Brüdern, die ebenso entschieden Jesus suchen und ihm nachfolgen wollen. Zahllose Abteien und Stifte unterstellen sich seiner geistlichen Leitung und nehmen die Regel seiner Klöster an, die Zisterzienser-Regel.

Die Gegenwart Gottes und die Liebe seines Erlösers erfährt Bernhard am intensivsten in seiner schlichten kleinen Mansardenklosterzelle. Obwohl er mit den Mächtigen seiner Zeit verkehrt, bezeugt er ganz klar, welche Person, welcher Name ihm am wichtigsten ist. Es ist der Name Jesus: «Hat Gott uns nicht im Licht dieses Namens zu seinem wunderbaren Licht berufen? Was erfrischt die ermatteten Sinne und stärkt die Sinneskräfte? Ist einer betrübt unter euch? Lass Jesus in sein Herz kommen. Lass Jesus dann von seinem Herzen auf seine Zunge kommen: Das Licht, das aufleuchtet in diesem Namen, verscheucht dir alle Nebel, macht alles hell! Wem hätte, vor Gefahren zitternd, der Anruf dieses starken Namens nicht also gleich Vertrauen eingeflößt und alle Furcht verjagt? Wem ist nicht, als er in Zweifeln hin- und hergerissen war, sobald er in diesem lichten Namen zu beten anfing, innere Gewissheit geschenkt worden? Suchst du einen Beweis? ‹Ruf mich an am Tag der Trübsal›, so steht geschrieben, ‹so will ich dich erretten, und du wirst mich preisen!›» (GB)

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4. Valdes

Um 1140– um 1210

Weil der Glaube nach dem Apostel Jakobus ohne Werke tot ist, haben wir der Welt abgesagt und haben unseren Besitz, wie es der Herr geraten hat, den Armen gegeben.

Lyon im Jahre 1180. Der ehemals reiche Kaufmann Valdes legt ein Glaubensbekenntnis ab, in dem er sich zur katholischen Kirche und ihren Lehren bekennt, aber auch bekräftigt, dass er und seine Anhänger und Anhängerinnen streng nach der Lehre Jesu leben wollen: arm und friedfertig. Immer zu zweit, darunter auch Frauen, ziehen sie durch die Lande und leben und predigen das Evangelium. Voller Anerkennung konstatierten selbst ihre Kritiker: «Nackt folgen sie dem nackten Christus nach.»

Doch das alles schützte sie nicht vor Verfolgung. Der Papst gestattete den «Waldensern» das Leben in öffentlich demonstrierter Armut, untersagte ihnen aber strikt, über Glaubensfragen zu predigen. Doch daran hielten sie sich nicht. Vielleicht schon 1184, spätestens aber 1215 wurden die ersten Waldenser von Synoden exkommuniziert, gewaltsame Verfolgungen schlossen sich an. Da sich die Waldenser aber immer wieder in einsame Alpentäler, vor allem in der Region Aosta/Turin, zurückziehen konnten, überlebten sie das Mittelalter und schlossen sich im 16. Jahrhundert der Reformation an.

Zu erneuten Verfolgungen kam es im 17. Jahrhundert. Viele flüchteten sich nun nach Deutschland und gründeten Orte wie Walldorf, Schönenberg, Gewissenruh, Gottstreu, Villars, die mit ihren Ortsnamen noch heute von den Waldensern und ihrer Flucht zeugen.

Valdes hatte bereits um 1176/77, angestoßen von Bibeltexten wie Matthäus 10,1–15, eine Lebenswende vollzogen. Seine Frau und seine beiden Töchter brachte er in Klöstern unter und verschenkte anschließend seinen Besitz an Arme. Rasch fand er Anhänger. 1179 nahm er mit Gefolgsleuten in Rom am III. Laterankonzil teil, wo er aber wegen seiner mangelhaften theologischen Bildung ausgelacht wurde. Über sein Leben ist ansonsten nur wenig bekannt. Man legte ihm später den Vornamen Petrus bei, wohl um ihn als rechten Apostelnachfolger zu kennzeichnen.

Die von Valdes gegründete Waldenser-Kirche existiert noch heute. Weltweit zählt sie 50.000 Mitglieder. Bekannt ist vor allem die «Chiesa Evangelica Valdese» in Italien. (MJ)

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5. Franz von Assisi

1181/82–1226

Laudato si', o mi' signore! – Gelobt seist du, mein Herr!

Er ist der bekannteste Heilige der westlichen Kirche. Von vielen Christen als Vorbild verehrt, verbirgt sich unter seinem «Heiligenschein» ein radikaler Christ des Mittelalters mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Geboren 1181 (oder 1182) mit dem Taufnamen Johannes, wurde er von seinem Vater, einem reichen Stoffhändler, Francesco, kleiner Franzose, genannt. Kindheit und Jugend verlebte Franz behütet. Er träumte von Heldentaten und Ruhm, als er 1202 für seine Heimatstadt Assisi in den Krieg zog. Es kam anders als erhofft, er wurde gefangen genommen. Dort im Kerker kam es zu einer Lebenswende. Nach einem Jahr aus der Kriegsgefangenschaft freigekauft, kehrte Franz krank nach Hause zurück. Er fing an, Gott zu suchen, bei den Aussätzigen schien er ihn zu finden.

Die Bekehrung zur Nachfolge Christi war ein längerer Prozess (1204 bis 1207). Nach und nach veränderte sich alles: Franz trennte sich von seiner leiblichen Familie. Vom Bischof unterstützt, führte er ein «Leben der Buße» und kümmerte sich um Kranke und Arme. Beim Gebet in der kleinen Kirche von San Damiano sprach Jesus ihn vom Kreuz herab an: «Franz, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.» Zunächst verstand er diese Aufforderung ganz wörtlich und reparierte das verfallene Kirchengebäude von San Damiano mit seinen eigenen Händen und erbettelten Baumaterialien. Dann fing Franz auch an, von seinem Glauben zu predigen, um die Kirche insgesamt zu erneuern. Diese Lebensweise wirkte ansteckend, andere Männer wollten wie Franz leben. So entstand eine erste Gruppe von Brüdern.

Verse aus den Evangelien wurden als «erste Regel» für die neue Gemeinschaft zusammengestellt. Dabei waren Besitzlosigkeit und Buße zentral, verbunden mit der Freude an Gottes Welt. Jesu Ruf in seine Nachfolge wortwörtlich zu befolgen, war die Grundlage des Lebens von Franz und seinen Anhängern. Bald ergaben sich Spannungen zwischen einzelnen Franziskanern, die ohne Besitz radikal und evangeliumsgemäß leben wollten, und dem schnell wachsenden Franziskanerorden. Franz selbst entschied sich, besitzlos und fröhlich in der Gegenwart Gottes zu leben. Mit der Leitung des Ordens hatte er bald andere beauftragt. In Nachahmung des Leidens Jesu lebte er am Ende seines Lebens wie ein Einsiedler. In dieser Zeit verfasste er den «Sonnengesang» und sein Testament. Er starb am 3. Oktober 1226. (VM)

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© Nancy Bauer/Shutterstock

6. Elisabeth von Thüringen

1207–1231

Wir müssen die Menschen fröhlich machen!

Schnell, beeilt euch, ruft sie zusammen! Ruft die Armen im Umkreis von zwölf Meilen zusammen, sie sollen alle zu mir kommen! Ich will sie reich beschenken.» Die Augen der schmalen jungen Frau leuchteten vor Freude. Almosen zu verschenken, den Hungrigen zu essen zu geben und die Kranken zu pflegen, war zu ihrem alles bestimmenden Lebensinhalt geworden. Dafür hatte die ehemalige Landgräfin von Thüringen alles aufgegeben.

Im Alter von vier Jahren war die ungarische Königstochter an den thüringischen Fürstenhof gebracht worden, um dort als Verlobte des Thronfolgers erzogen zu werden, dem sie mit vierzehn Jahren das Jawort gab. Die Ehe der beiden galt als überaus glücklich: «Sie küssten sich mit Herz und Mund.» Schon als Kind empfand Elisabeth eine innige Liebe zu Christus. Ihr Glaubensleben war zutiefst von der Lehre des Franz von Assisi geprägt. Sehr zum Unwillen der fürstlichen Verwandtschaft, aber mit Billigung von Seiten ihres Ehemannes, verschenkte Elisabeth Schmuckstücke aus ihrem Brautschatz und öffnete in der Hungersnot von 1226 die Kornkammern der Burg für die notleidende Bevölkerung.

Im Gefolge von Kaiser Friedrich II. brach Ludwig 1227 zum fünften Kreuzzug auf. Noch bevor sie das Heilige Land erreicht hatten, verstarb der junge Landgraf im italienischen Otranto an einer Seuche. Zu diesem Zeitpunkt war Elisabeth neunzehn Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Nach Ludwigs Tod vertraute sich die junge Witwe ganz ihrem Beichtvater Konrad von Marburg an, der versuchte, sie immer mehr unter seinen Einfluss zu bringen, und ihr oft Kasteiungen und strenge Bußübungen auferlegte. Um nach ihrer Glaubensüberzeugung leben zu können, verließ Elisabeth die Wartburg und begab sich auf Anweisung Konrads nach Marburg. Von ihrem Witwengut ließ sie dort ein Hospital errichten. Dort diente sie den Armen und Kranken und ging dabei oftmals über die Grenzen ihrer körperlichen Kräfte hinaus.

Elisabeth wurde nur 24 Jahre alt. Und doch hat ihre bedingungslose Liebe zu Gott und zu den Armen und Kranken die Jahrhunderte überdauert. Sie wurde fünf Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen und ist bis heute Patronin vieler karitativer Einrichtungen. Die großartige Elisabethkirche in Marburg erinnert an ihr Leben für Jesus und die Armen. (MA)

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7. Meister Eckhart

1260–1328

Darauf richte all deinen Sinn, dass Gott dir groß werde.

Der Dominikanermönch Johannes Eckhart, genannt Meister Eckhart, gehört zu den größten Reformern der mittelalterlichen Spiritualität. Schon als junger Prior des Erfurter Dominikanerklosters dachte er mit seinen Brüdern über eine Erneuerung der klassischen Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam nach. Entschieden widersprach er jeder Leistungsfrömmigkeit: Die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Unser Ansehen vor Gott beruht niemals auf dem, was wir tun, sondern nur darauf, was wir durch Gottes Liebe sind. Auch in den frömmsten Anstrengungen kann man noch ganz dem Eigenwillen verfallen sein und selbst vor Gott etwas gelten wollen. Dagegen helfe nur eins: Lass dich! Wahre Gelassenheit ist die Haltung, in welcher der Mensch ganz aus der Verbundenheit mit Gottes Liebe handelt.

In seinen reifen Jahren wurde Eckhart zum Theologieprofessor in Paris und Köln berufen. Wie andere Mystiker auch betonte er die Einheit mit Gott, ohne die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf in Frage zu stellen. Anders als viele andere lehrte er keinen mühsamen Aufstiegsprozess der Seele zu Gott. Gott ist vielmehr im Grunde der Seele immer schon anwesend, wenn der Mensch sich ihm einfältig und ganz überlässt.

Während viele mittelalterliche Theologen überzeugt waren von der Unterlegenheit der Frauen, schrieb Eckhart: «Gott schuf die Frau aus des Mannes Seite, auf dass sie ihm gleich sei. Er schuf sie weder aus seinem Haupt noch aus seinen Füßen, auf dass sie weder unter noch über ihm wäre, sondern dass sie ihm gleich wäre.»

Eckhart ließ sich offen auf griechisch-antike, jüdische und arabische Philosophen ein, was zunehmend für Anstoß sorgte. In einem für die damalige Zeit verhältnismäßig fairen Ketzerprozess wurde Eckhart am Ende seines Lebens milde verurteilt. Die Kurie warf ihm vor, dass er in einigen Fragen mehr wissen wollte, als nötig war. Da mag etwas dran sein. Und doch zeugen viele seiner Predigten bis heute von der Größe Gottes und der Höhe der menschlichen Berufung. (TD)

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© Heiligenlexikon.de

8. Johannes Tauler

Um 1300–1361

Sei kein Lesemeister, sondern ein Lebemeister!

Wenig hat er hinterlassen: Ein Brief, ein Grabstein und etwa achtzig Predigtnachschriften sind von Johannes Tauler überliefert. Ihn selbst hätte das nicht gestört. Er wollte einfach auf Jesus hinweisen. Deshalb zeigt ihn auch seine Grabplatte als Johannes den Täufer mit dem Lamm Gottes auf dem Arm. Johannes stammte aus einer reichen Bürgerfamilie in Straßburg. Als Jugendlicher trat er in das Dominikanerkloster seiner Heimatstadt ein. Dort erhielt er eine gründliche theologische Ausbildung, wurde zum Priester geweiht und als Seelsorger in verschiedenen Klöstern eingesetzt.

Seine geistliche Prägung erhielt Tauler durch zwei Impulse: die Deutsche Mystik und die Bewegung der «Gottesfreunde». Tauler empfand das christliche Leben seiner Zeit als schwach und glaubensarm. Papst und deutscher Kaiser stritten miteinander, Kirche und Papsttum waren gespalten. Tauler musste aufgrund dieser politischen Schwierigkeiten 1338 seine Heimat verlassen und einige Jahre als Seelsorger und Prediger in Basel für seinen Orden arbeiten.

Inmitten der äußeren Unruhe suchte Tauler nach Gott: Er wollte mehr von Gott, er wollte alles. Dabei war sein Verlangen auf Jesus ausgerichtet. Die Erneuerung, die Bekehrung zu Gott hin wollte er erleben und nicht nur davon reden. So predigte er die Einheit mit Gott im Sinne der Deutschen Mystik. Sein Lehrer war dabei der berühmte Dominikaner Meister Eckhart, der zum selben Orden gehörte. Wahrscheinlich sind sich die beiden im Kloster in Straßburg begegnet.

Tauler erkannte, dass alles Denken und auch die Vernunft eine Bekehrung, eine Umkehr braucht, um zu Gott zu gelangen. Der Verstand schafft es nicht, von sich aus auf Gott hin ausgerichtet zu sein. Diese Gedanken nahm Tauler von den «Charismatikern» seiner Zeit auf. Die «Gottesfreunde» lehrten ihn, dass es wichtigere Dinge als Theologie und Verstandesarbeit gibt. Das sprach ihn unmittelbar an. Tauler stimmte mit ihnen überein: Wir müssen die Nachfolge Christi in den Alltag des Lebens hineinholen. Nicht allein hinter Klostermauern, sondern überall können Christen sich ganz auf Gott werfen und im Einklang mit ihm leben.

Martin Luther hat Tauler sehr geschätzt. Auch wir können von ihm lernen, dass wir Gott mitten im Alltag erfahren können. (VM)

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9. John Wycliffe

1320/30–1384

Habt vollständiges Vertrauen in Christus, verlasst euch ganz auf sein Leiden! Hütet euch davor, auf einem anderen Weg gerechtfertigt werden zu wollen als durch seine Gerechtigkeit. Glaube an unseren Herrn Jesus Christus ist für die Errettung ausreichend.

Nachdem der wahrscheinlich in Yorkshire geborene Wycliffe in Oxford seine langen Theologiestudien mit dem Doktor der Theologie abgeschlossen hatte, wurde er zu einer diplomatischen Mission nach Rom gesandt. Dort sollte er mit den päpstlichen Emissären über die horrenden Abgaben Englands verhandeln. Als Theologe suchte er Inspiration in der Bibel und den Kirchenvätern und nicht in der Spekulation der Scholastik. So hielt er Vorlesungen über die ganze Bibel.

Anfänglich genoss Wycliffe Ansehen in der Bevölkerung und in der Universität. Schwierigkeiten bekam er erst, als er aufgrund seiner Studien begann, das Amt des Papstes in Frage zu stellen. Christus allein sei Oberhaupt der Kirche. Als Mittel gegen den weltlichen Besitz der Kirche schlug er deren Enteignung durch den Staat vor. Darüber hinaus wandte er sich gegen die erzwungene Ehelosigkeit der Priester, gegen das Ablasswesen, gegen die Letzte Ölung, gegen Totenmessen und auch gegen Heiligenverehrung, da all dies die Bibel nicht vorschreibe.

Wycliffe stritt letztlich der römischen Kirche ab, im biblischen Sinne Kirche zu sein. Sie finde sich stattdessen bei den armen Gläubigen, die Christus nachfolgen. Als er schließlich auch die Transsubstantiationslehre in Frage stellte, nämlich, dass sich Brot und Wein in den tatsächlichen Leib und das Blut Jesu verwandeln würden, verlor er fast alle seine Ämter und wurde aus Oxford vertrieben.

In seiner Pfarrstelle in Lutterworth, wohin er sich zurückgezogen hatte, übersetzte er die Bibel von der lateinischen in die englische Sprache, was damals streng verboten war. Die Klarheit und Schönheit dieser Übersetzung sollte die englische Sprache für Jahrhunderte prägen. Wycliffe sandte jetzt eine Schar von Laienpriestern aus, Lollarden genannt, die seine Botschaft im Volk verbreiteten. Wycliffes Lehre inspirierte später Jan Hus in Prag. Deshalb wurde auch auf dem Konzil in Konstanz 1415 nach der Exkommunikation und Hinrichtung von Jan Hus beschlossen, dass die Leiche Wycliffes exhumiert und seine Gebeine verbrannt werden sollten. (GoS)

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10. Jan Hus

Um 1370–1415

Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen!

Wer war dieser Mann, Jan Hus – auf Deutsch «Jan Gans» –, gegen den sich Kaiser und Papst verbündeten? Geboren in einem Dorf in Südböhmen, war er nach Studium und Priesterweihe in Prag bald zum Dekan der Philosophischen Fakultät und dann zum Rektor der dortigen ehrwürdigen Universität aufgestiegen. Inspiriert von den Schriften John Wycliffes, begann er, in der böhmischen Volkssprache zu predigen. Er entwarf eine eigene Orthografie, die es allen erleichtern sollte, diese westslawische Sprache zu lesen und zu schreiben.

Tausende strömten zu seinen Predigten. Seine Anhängerschaft stammte meist aus der tschechischen Bevölkerung, weniger aus der deutschsprachigen Oberschicht. Genauso wie der tschechische Volksprediger Jan Milíc wollte er die nationale Identität stärken, aber immer mit dem Ziel, den Menschen das Evangelium nahezubringen. Er kritisierte den Besitz der Kirche, die Korruption und den Ablasshandel und trat für Gewissensfreiheit ein. Alleiniger Maßstab für Glaube und Leben sollte die Heilige Schrift sein.

Das brachte ihn in Konflikt mit dem Papsttum. Zu seiner Zeit gab es zeitweise drei Gegenpäpste. Einer von ihnen, Alexander V., verurteilte 1410 Wycliffes Schriften. Damit war auch Hus gefährdet. 1410 wurde der Kirchenbann über ihn verhängt. Doch die flächendeckende Unterstützung des Volkes ermöglichte es ihm bis 1412, frei zu predigen. Schließlich musste er doch fliehen und fand auf einem Schloss bei adligen Unterstützern Zuflucht. Hier schrieb er sein Hauptwerk «De ecclesia» – «Über die Kirche». 1414 wurde Jan Hus aufgefordert, zum Konzil nach Konstanz zu kommen. Dort sollte das Kirchenschisma aufgehoben und über als häretisch angesehene Lehren geurteilt werden. König Sigismund sicherte ihm freies Geleit zu.

Auf seiner Reise wurde Hus von vielen, auch von Geistlichen, begeistert empfangen. Doch gleich bei seiner Ankunft wurde er in der Burg des Konstanzer Bischofs eingekerkert. Da er sich weigerte, seine Lehren zu widerrufen, besonders die Aussage, dass Jesus Christus allein Haupt der Kirche sei, wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt und seine Asche in den Rhein gestreut. Jan Hus gilt bis heute als tschechischer Nationalheiliger. In jüngster Zeit hat die katholische Kirche ihr Urteil über ihn revidiert. (RW)

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11. Niklaus von Flüe (Bruder Klaus)

1417–1487

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir.

Ende 1481 befand sich die junge Eidgenossenschaft in einer schweren Krise. Die Abgeordneten der acht alten Kantone hatten auf der Tagsatzung in Stans ihre Verhandlungen am Vormittag erbittert abgebrochen. Nun sollte der Streit mit den Waffen entschieden werden. Die Schweiz stand unmittelbar vor einem Bürgerkrieg. Doch am Abend desselben Tages läuteten im ganzen Land die Friedensglocken. Was hatte zu einer so überraschenden Wendung der Dinge geführt?

Auf das eindringliche Bitten des Stanser Pfarrers Heimo am Grund hatten sich die Abgeordneten ein letztes Mal zusammengefunden, um den Rat des Einsiedlers Niklaus von Flüe anzuhören. Dieser warnte vor eigenstaatlichem Egoismus, vor Soldbündnissen und übermäßiger Expansionspolitik. Die Abgeordneten hörten auf ihn und schlossen einen Kompromiss, der Dauer haben sollte. Über dreihundert Jahre bildete das «Stanser Verkommnis» die Rechtsgrundlage der Eidgenossenschaft. Warum hörten die hartgesottenen Politiker auf den Rat dieses Einsiedlers?

Niklaus von Flüe wuchs in Flüeli in der Zentralschweiz auf einem Bauernhof auf und wurde selber Bauer. Im Militär bekleidete er den Rang eines Hauptmanns. Er betätigte sich als Richter, als Gemeindepräsident, als Mitglied der kantonalen Regierung und als Tagsatzungsabgeordneter. Aufgrund seines Gerechtigkeitssinnes belastete ihn die politische Arbeit stark. Pfarrer am Grund riet ihm, täglich über das Leben Christi nachzusinnen. Niklaus: «Darauf hielt ich Einkehr in mich und begann, die Übung täglich zu erfüllen, in welcher ich durch die Barmherzigkeit meines Erlösers für meine Armut Fortschritte machte. Und weil ich in viele weltliche Geschäfte und Beamtungen verstrickt war, sah ich, dass ich dies in der Gesellschaft der Menschen weniger andächtig verbringen könne.»

Deshalb zog er sich mit fünfzig Jahren an einen Ort unweit seines Bauernhofs zurück. In einer einfachen Klause fastete er und widmete sich der Meditation und Fürbitte. Immer mehr einfache und hochgestellte Leute suchten bei ihm seelsorgerlichen Rat. Täglich lag er auf den Knien und betete um die Rettung seines Vaterlandes. (HN)

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12. Hermann von Wied

1477–1552

Man muss das ernstlich denken, weil Papst und Kaiser die Religion nur zum Vorwand brauchten, um alle Fürsten Deutschlands zu unterdrücken!

Fast wäre Köln evangelisch geworden. Die «Kölner Reformation» hing mit Hermann von Wied zusammen. In eine gräfliche Familie hineingeboren, wurde er mit sechs Jahren Teil des Kölner Domkapitels. 1515 wählte ihn dieses zum Nachfolger des verstorbenen Erzbischofs. Er wurde erst drei Jahre später inthronisiert, da er zuerst noch zum Priester und Bischof geweiht werden musste. Kaiser Maximilian I. ernannte ihn auch zum Kurfürsten. Als Erzbischof krönte er dann auch 1520 den neu gewählten Kaiser Karl V. in Aachen.

Zunächst war er ein Gegner der Reformation und 1529 an der Hinrichtung der evangelischen Prediger Adolf Clarenbach und Peter Fliesteden als Ketzer beteiligt. Er erkannte jedoch die Reformbedürftigkeit der Kirche. Die von ihm vorgeschlagene und 1536 von der Synode angenommene Kirchenreform stagnierte allerdings. Neue Impulse brachte 1541 der Reichstag in Regensburg, der von den geistlichen Reichsfürsten die Einführung einer «christlichen Ordnung und Reformation» verlangte.

1542 lud der Erzbischof den ausgleichenden Reformator Martin Bucer ein. Der Landtag erklärte sich mit der geplanten Reform einverstanden, das Domkapitel auch, jedoch unter der Bedingung, dass «den alten Gewohnheiten und der Succession hiermit nicht abgebrochen werden möchte». An Ostern 1543 empfing Hermann das Abendmahl nach evangelischer Ordnung, mit Brot und Wein.

In Köln jedoch wurden die evangelisch Gesinnten ausgewiesen. Viele fanden Zuflucht in Bonn, wohin im April 1543 auch Melanchthon, der Weggefährte Luthers, kam. Die 1543 verfasste Schrift: «Einfaltiges Bedencken, worauff ein Christliche, in dem Wort Gottes gegrünte Reformation anzurichten seye» enthält eine Zusammenfassung der evangelischen Lehre sowie eine Gottesdienst- und Kirchenordnung. 1543 schlossen sich auch die Franziskaner in Bonn der Reformation an.

Die Reaktion von Papst und Kaiser ließ nicht lange auf sich warten. Der Erzbischof wurde exkommuniziert und seines kurfürstlichen Amtes enthoben. Als sich die Bevölkerung auf seine Seite stellte und zum Kampf gegen die kaiserlichen Truppen rüstete, dankte Hermann freiwillig ab, um Blutvergießen zu vermeiden. Er lebte bis zu seinem Tod auf seiner Stammburg Wied und führte dort die Reformation ein. (RW)

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13. Martin Luther

1483–1546

Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.

Als Martin Luther auf sein Leben zurückblickt, berichtet er von seiner entscheidenden Entdeckung: Gott ist gerecht – ja! Aber nicht in dem Sinne, dass er jedem Menschen das gibt, was er verdient. Gottes Gerechtigkeit besteht vielmehr darin, dass er jeden unendlich liebt und eine Beziehung zu ihm möchte. Deswegen wird er in Jesus Christus Mensch. Und wer mit Jesus im Glauben verbunden ist, hat damit alles, was er braucht, um gut zu leben und zu handeln und um getrost zu sterben.

Mit dieser Entdeckung gerät Luther schnell in Spannung zur römisch-katholischen Kirche, in deren Tradition er groß geworden ist. 1483 in Eisleben geboren, studiert er nach der Schulzeit in Erfurt, tritt dem Bettelorden der Augustiner bei und wird zum Priester geweiht. Anschließend lehrt er Theologie in Wittenberg. Die intensive Beschäftigung mit den biblischen Quellen lässt ihn aufstehen gegen den Ablasshandel, die kirchliche Praxis, für Geld Vergebung der Sünden anzubieten. Seine 95 Thesen von 1517 gelten bis heute als Startschuss der Reformation.

Seine anhaltende Kritik an Kirche und Papst fordert Rom heraus: 1521 wird der Bann über Luther verhängt. Es folgt die Reichsacht, die Kaiser Karl auf dem Reichstag zu Worms ausspricht, nachdem Luther den Widerruf seiner Schriften verweigert hat: «Hier stehe ich und kann nicht anders …» Jetzt wird es für Luther gefährlich. Sein wichtigster Unterstützer Kurfürst Friedrich der Weise lässt ihn auf die Wartburg bringen, wo er das Neue Testament aus dem griechischen Urtext ins Deutsche übersetzt.

Ein Jahr später kehrt Luther nach Wittenberg zurück. Der Bruch mit der Kirche von Rom – von Luther ursprünglich nicht gewollt – wird innerlich und äußerlich nun immer deutlicher sichtbar. Auch dadurch, dass Luther 1525 heiratet: Katharina von Bora, eine aus dem Kloster entflohene Nonne.

Luthers umfangreiche Lehr- und Predigttätigkeit trägt maßgeblich zur Ausbreitung der Reformation bei. 1546 stirbt Luther bei einer Reise in seiner Heimatstadt Eisleben. Dass wir alles Entscheidende im Leben nicht selber machen, sondern nur als Geschenk empfangen können, kommt auch in seinen letzten Worten zum Ausdruck: «Wir sind Bettler. Das ist wahr.» (RG)

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14. Huldrych Zwingli

1484–1531

Die Mehrheit macht nicht die Wahrheit. Gottes Wort muss Widerstand haben, damit man seine Kraft sieht.

Huldrych Zwingli wurde 1484 in Wildhaus geboren. Nach Schulbesuch in Basel, Bern und Wien studierte er in Basel Theologie. 1506 wurde er Pfarrer in Glarus. 1516 wechselte er nach Einsiedeln. Seine Bibelauslegungen machten ihn bekannt, so dass er 1519 als Leutpriester an das Großmünster in Zürich berufen wurde. Hier legte er täglich fortlaufend das Matthäus-Evangelium aus und verlegte so das Schwergewicht von den Sakramenten auf die Predigt: «Hört das Evangelium, es ist eine gewisse Botschaft», rief er den Zuhörern zu. «Christus steht mit offenen Armen vor dir und lädt dich ein – was für eine fröhliche Botschaft!»

1523 verfasste er 67 Thesen, in denen er «solus Christus» und «sola scriptura» als alleinige Richtschnur postulierte. Der Rat der Stadt entschied sich in der ersten Zürcher Disputation dafür und setzte in allen Kirchen das reformatorische Schriftprinzip ein. Fortan war es Zwinglis Bestreben, Kirche und Gesellschaft vom Evangelium her neu zu gestalten. Er wandte sich gegen Ausbeutung durch Wucherzinse. Er rang um ein bibelgemäßes Verständnis von Taufe, Abendmahl und Ehe. 1524 heiratete er. Er gründete zur Schulung der Pfarrer die «Prophezei». Und er nahm die Arbeit an der «Zürcher Bibel» in Angriff.

Gegenüber seinen Gegnern legte er eine große Härte an den Tag. Ein dunkles Kapitel ist seine unerbittliche Verfolgung der Wiedertäufer. Schließlich sah er sich gezwungen, die Reformation mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Seine letzten Lebensjahre waren von Tragik überschattet. 1531 fiel er als Feldprediger in der Schlacht bei Kappel am Albis.

Zwingli wollte nie als Reformator bezeichnet werden: «Ich will keinen andern Namen tragen als den meines Hauptmannes Christus, dessen Soldat ich bin. Mein einziger Kampf gilt der Ausbreitung des Evangeliums.» Er betonte unermüdlich den zentralen Stellenwert der Bibel: «Traget dem heiligen Gotteswort so Sorge, dass es getreulich und ohne Zusatz gepredigt wird.» Letztlich blieb er in seinem Herzen ein Evangelist: «Einem Menschen kann kein größeres Glück zuteilwerden, als wenn er das Netz des Herrn ausspannen darf und im Weltenmeer unermesslich viele große Fische fangen und in das Schiff Christi ziehen kann.» (HN)

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15. Johannes Bugenhagen

1485–1558

Was wider und ohne Gottes Wort ist, das soll ferne von den Christen sein.

Schuldig des Landesverrats!» Das Urteil kam für die drei Männer nicht überraschend. Sie hatten sich gegen ihren Herzog, Philipp von Pommern, gestellt und Pläne für dessen Absetzung geschmiedet. Doch bevor das Todesurteil vollstreckt werden konnte, bekam der Herzog Besuch auf seiner Burg in Ueckermünde. Der Gast war kein Geringerer als Johannes Bugenhagen, einer der engsten Mitarbeiter Martin Luthers aus Wittenberg. Bugenhagen hatte sich als Kirchenorganisator einen Namen gemacht. Er war an der Einführung der Reformation in Braunschweig, Hamburg und Lübeck beteiligt gewesen. Nach Pommern war Bugenhagen gereist, weil die dortigen Herzöge 1534 beschlossen hatten, auch in ihrem Herrschaftsbereich die Kirche nach reformatorischen Grundsätzen umzugestalten. So erhielt er den Auftrag, eine Kirchenordnung für Pommern zu schreiben.

Eher zufällig erfuhr Bugenhagen von dem Prozess gegen die drei Aufständischen. Ausführlich ließ er sich den Sachverhalt schildern. Nach einer Weile sprach er den Herzog direkt an: Auch wenn er als Landesherr Macht über das Leben von Menschen habe, so sei er vor Gott doch ein armer Sünder und lebe nur aus dessen Gnade. Diese drei Männer seien ebenfalls Sünder und bedürften nun ebenfalls der Gnade. Er möge das Urteil doch noch einmal überdenken. Herzog Philipp verstand, hob die Todesstrafe auf und wandelte sie in eine Geldbuße um.

Die Geschichte steht exemplarisch für Bugenhagens Bemühen, die Erkenntnisse der Reformation in die konkrete Lebensführung zu übertragen. Wenn ich aus der Gnade Gottes heraus lebe, stehe ich in der Verantwortung, auch mit meinen Mitmenschen gnädig umzugehen. Bugenhagen war kein Theoretiker, sondern ein Mann der Praxis. Die von ihm verfassten Kirchenordnungen regelten neben den kirchlichen Fragen auch die Armenversorgung sowie den Aufbau eines allgemeinen Schulwesens. Bugenhagen legte Wert darauf, dass nicht allein die Reichen, sondern auch die Armen von der Botschaft des Evangeliums profitieren, indem ihnen Essen und Schulbildung zur Verfügung gestellt werden. Damit erwies er sich als Vordenker einer gerechteren Gesellschaft und als vorbildlicher Zeuge des Evangeliums. (TSa)

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16. William Tyndale

Um 1490–1536

Wenn mir Gott noch weitere Jahre mein Leben erhält, dann werde ich bewirken, dass ein Junge, der den Pflug zieht, mehr von der Heiligen Schrift versteht als du!

Diese Worte, die William Tyndale an einen Geistlichen richtete, offenbaren seinen großen Traum: Alle seine Landsleute sollen die Bibel textgetreu in ihrer englischen Sprache, in klaren, verständlichen Worten lesen können. Der Traum ging tatsächlich in Erfüllung – aber erst nach seinem Tod. Im Oktober 1536 wurde er erdrosselt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Doch wenige Monate danach wurde seine Übersetzung von König Heinrich VIII. für den Druck freigegeben und allen Kirchen Englands zugänglich gemacht.

Tyndale studiert in Oxford und Cambridge, wo er 1521 zum Priester geweiht wird. Dort hört er auch von den reformatorischen Gedanken Martin Luthers. Mit Kollegen diskutiert er über die Unterschiede zwischen biblischen Aussagen und der kirchlichen Praxis und Lehre. Um 1520 wird er bei Sir John Walsh in Gloucestershire Hauslehrer. Walsh empfängt viele Gäste. Tyndale stellt entsetzt fest, dass selbst die gebildeten Geistlichen unter ihnen wenig Bibelkenntnis besitzen. Die lateinische Vulgata wird wenig gelesen, und die hundert Jahre zuvor von John Wycliffe angefertigte Übersetzung ist verboten. Tyndale erkennt: Eine neue englische Bibel muss her!

So macht er sich ans Werk, zunächst in London, von Freunden finanziert. Doch Kirche und König sind weder damit noch mit seinen reformatorischen Gedanken einverstanden. Ihm drohen Prozess und Haft. So flieht er auf den Kontinent, zunächst nach Wittenberg und Hamburg. Erste Teile seiner Bibel werden 1525 heimlich in Köln gedruckt. Die Sache fliegt auf. Er flieht nach Worms. Dort wird 1526 das ganze Neue Testament gedruckt und nach England geschmuggelt. Die Exemplare, die entdeckt werden, werden in London öffentlich verbrannt. Tyndale liefert nach. Die Nachfrage ist groß. Es folgen Teile des Alten Testaments und reformatorische Streitschriften, die auch den König anklagen. Tyndales Gegner ziehen die Kreise immer enger um ihn. In Antwerpen greift ein englischer Spion ihn auf. Kaiserliche Soldaten nehmen ihn gefangen, und er wird von der Inquisition zum Tode verurteilt. Den Erfolg seines Lebenswerkes konnte er nicht mehr selbst erleben. (AnK)

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17. Martin Bucer

1491–1551

In der wahren Gotteserkenntnis weiß jemand eigentlich nur so viel, wie er im eigenen Leben zum Ausdruck bringt.

Martin Bucer war neben Luther und Melanchthon der dritte große deutsche Reformator der ersten Stunde. Als Student und Dominikaner-Mönch hatte er 1518 Luther bei der Heidelberger Disputation gehört und sich der Reformation angeschlossen. Er stellte aber fest, dass in Luthers Lehre das Wirken des Heiligen Geistes, der die Gläubigen verändert, fehlt. Bald wurde er Hauptreformator der Reichsstadt Straßburg und Sprecher der Reformation im gesamten Süden des Reiches.

Er schrieb 96 Bücher und ungezählte Stellungnahmen, darunter die erste Pastoraltheologie und Werke, die den Grund für eine neue Sicht von Ehe, Familie und Scheidung im Protestantismus legten. Er besaß die größte Privatbibliothek der damaligen Welt. Deshalb wohnten viele bedeutende Leute zeitweise bei ihm, etwa Calvin für drei Jahre. Bucer war allen Flügeln der Reformation eng verbunden. Er betätigte sich auch erfolgreich als Heiratsvermittler bei über einem Dutzend Reformatoren, darunter auch Calvin. Mit Vorliebe vermittelte er Witwen von Täuferführern, von denen viele in Straßburg lebten.

Er war der einzige Reformator, der fortlaufend Gespräche mit den Täufern führte und erkennbar von ihnen lernte. Bucer organisierte Gespräche zwischen Katholiken und Protestanten sowie

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