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Das Science Fiction Jahr 2021

Das Science Fiction Jahr 2021

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Das Science Fiction Jahr 2021

Länge:
1,071 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 25, 2021
ISBN:
9783949452130
Format:
Buch

Beschreibung

Science Fiction und Klima: Visionen, Chancen und Dystopien
Das Klima und sein Wandel beschäftigen uns in der Politik, im Alltag, aber auch in der Fiktion. Gerade die Science Fiction hat die Möglichkeit, sich dem Thema auf innovative Art anzunähern und Zukunftsvisionen zu entwickeln. Daher ist es nur naheliegend, "Das Science Fiction Jahr 2021" dem Thema "Klima in der Science Fiction" zu widmen und Autor*innen wie Bettina Wurche, Gary Westfahl oder Wenzel Mehnert zu Wort kommen zu lassen. Weiterhin wird in Essays von Bernd Flessner, Karlheinz Steinmüller, Peter Kempin und Wolfgang Neuhaus der Visionär, Philosoph und Autor Stanisław Lem gewürdigt, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Über die Buchreihe
2021 erscheint die 36. Ausgabe des von Wolfgang Jeschke 1986 ins Leben gerufenen Jahrbuchs über die Science Fiction. Dabei gewährt das Jahrbuch einen umfangreichen Überblick über die Entwicklungen des Genres in unterschiedlichen Medien wie Film, Serien, Gaming, Comics und vor allem dem Buch. Etwa 30 Autor*innen steuern jedes Jahr Rezensionen, Essays und anderweitige Beiträge zu diesem Jahresrückblick bei. Abgerundet wird er mit einer Liste der Genre-Preise, Nachrufen sowie einer Bibliografie der Bücher, die jeweils im Vorjahr erstmals auf Deutsch erschienen sind.

Seit 2019 erscheint DAS SCIENCE FICTION JAHR im Hirnkost Verlag und wird von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz herausgegeben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 25, 2021
ISBN:
9783949452130
Format:
Buch

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Buchvorschau

Das Science Fiction Jahr 2021 - Hirnkost

Herausgegeben von Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz

Impressum

Das Science Fiction Jahr 2021

Originalausgabe

© 2021 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin

prverlag@hirnkost.de

www.hirnkost.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage September 2021

Vertrieb für den Buchhandel:

Runge Verlagsauslieferung: msr@rungeva.de

Privatkunden und Mailorder: https://shop.hirnkost.de/

Die Rechte an den einzelnen Texten liegen bei den Autor*innen und Übersetzer*innen.

Redaktion: Melanie Wylutzki, Hardy Kettlitz, Wolfgang Neuhaus

Lektorat: Melanie Wylutzki

Korrektur: Michelle Giffels, Robert Schekulin, Tanja Simonsen

Umschlaggestaltung: s.BENeš [https://benswerk.com]

Titelfotos: www.nasa.gov

Layout & Satz: Hardy Kettlitz

Druck: Werbeproduktion Bucher, Berlin

ISBN:

Buch: 978-3-949452-12-3

E-Book: 978-3-949452-13-0

PDF: 978-3-949452-14-7

Dieses Buch gibt es auch als E-Book – bei allen Anbietern und für alle Formate.

Aktuelle Infos auch unter: www.facebook.com/ScienceFictionJahr

Das Science Fiction Jahr kann man auch abonnieren:

https://shop.hirnkost.de/produkt/das-science-fiction-jahr-abonnement/

Inhalt

Impressum

Inhalt

Editorial

Wolfgang Both: Auf nach Ökotopia!

Gery Westfahl: Kalte Schultern und schwitzige Hände

Silke Brandt: »All Humans Must Die!«

Thore D. Hansen: Climate Fiction – von der Apokalypse zur Utopie

Bettina Wurche: Flooded Futures

Dominik Irtenkauf: Der Öko-Thriller als literarische Hochrechnung

Heide Franck: Climate Fiction muss nicht zwingend den Kampf gegen Naturkatastrophen beschreiben

Kai U. Jürgens: »Sicher war etwas faul am Lebensstil des 20. Jahrhunderts«

Dominik Irtenkauf: Klimakulturen in der Science Fiction

Fritz Heidorn: Kim Stanley Robinson – Erzähler des Klimawandels

Hartmut Kasper: Die Wettervorhersagen des J. G. Ballard

Wenzel Mehnert: Solarpunk oder wie SF die Welt retten will

Uwe Neuhold: Science Fiction als Klimarettung?

REVIEW | BUCH

REVIEW | SACHBUCH

Wolfgang Neuhaus: Die Extension des Cyberpunk

Udo Klotz: Plausibel, exotisch oder obskur: Deutschsprachige SF-Romane 2020

Simon Weinert: Ein Jahr im Leben einer geistigen Tankstelle

Simon Spiegel: Wenn Theorie zu Science Fiction wird

Christian Endres: Neusprech in geballter Neuübersetzung

Lena Richter: Eine Stimme für alle

COMIC

Stefan Pannor: Future State, oder: Der Zustand des Comics im Jahr der Nadel

Thorsten Hanisch: REVIEW |FILM-HIGHLIGHTS 2020

REVIEW | SERIEN

Lutz Göllner: Die Nullrunde

REVIEW | GAME

Johannes Hahn: (K)ein Krisenjahr für Videospiele – der Jahresrückblick 2020

Bernd Flessner: Lems Zukunft

Karlheinz Steinmüller: Gedankenexperimente zur Wiedervorlage: Summa Technologiae

Peter Kempin und Wolfgang Neuhaus: Chronist des Zufalls

PREISE

Erik Simon: Russische SF-Preise 2020

TODESFÄLLE

BIBLIOGRAFIE

AUTOR*INNEN UND MITARBEITER*INNEN

Editorial

Liebe Leser*innen,

Wir leben in einer Zeit, die beinahe so wirkt, als wäre sie einem kreativen Kopf bei der Suche nach Themen für seinen nächsten Science-Fiction-Roman entsprungen: Von selbstfahrenden Autos sind wir weniger weit entfernt als wir glauben, von Drohnen ausgelieferte Pakete sind schon in die nächste Zukunft gerückt. Und seien wir mal ehrlich: Wie viele sind nicht auf gewisse Weise schon Cyborg und lassen sich mithilfe von KI und Co. »enhancen«, gerade wenn man dieses Konzept um externe Devices erweitern will. Doch 2020 und 2021 kämpfen wir auch mit anderen, dystopisch anmutenden Motiven aus der Science Fiction, die alle mit der Natur zu tun haben: Ein kleines Virus versetzt die ganze Welt in Schrecken und sorgt dafür, dass ganze Gesellschaften stillgelegt werden, Brände zerstören die für uns so wichtigen letzten Regenwälder, Hitzewellen mit mehr als 30 Grad Celsius lassen den sibirischen Permafrost dahinschmelzen und Flutwellen aufgrund von Starkregen reißen nicht nur in Deutschland ganze Dörfer nieder. Kaum zu glauben, dass die Politik immer noch eher träge reagiert, wenn es darum geht, den CO₂-Austoß zu minimieren, den Kohleabbau schneller zu stoppen oder weniger Verbrennungsmotoren in Umlauf zu bringen. Welch großen Einfluss das Klima auf jeden Einzelnen von uns hat, wie wertvoll diese Erde ist, auf der wir leben, und wie viel Zerstörung wir als Menschen schon angerichtet haben, wird uns in dieser Zeit immer schmerzlicher bewusst. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb erst Richard Branson, dann Jeff Bezos als erste Privatmänner ihr Vermögen verballern, um den möglichen Lebensraum für Homo sapiens 2.0 zu erkunden? Bleibt nur zu hoffen, dass sie sorgsamer mit dem terraformten Planeten umgehen werden, sollte es dazu kommen. Es wird wohl deutlich, warum wir beschlossen haben, dem Klima in der Science Fiction im vorliegenden Jahrbuch besonders viel Platz zu geben. Denn nicht erst seit den Fridays for Future beschäftigt sich das Genre mit diesem Thema. Wir freuen uns über Beiträge von Wolfgang Both, Gary Westfahl und Silke Brandt, die uns einen Überblick über die Entwicklung des Themas in der SF geben, von Bettina Wurche über die Fluten der Zukunft, von Thore D. Hansen und Heide Franck im Gespräch mit Lisa-Marie Reuter über die Perspektiven der Schreibenden auf das Thema. Zudem werden Autoren wie Kim Stanley Robinson von Fritz Heidorn, Brian W. Aldiss von Kai U. Jürgens, J. G. Ballard von Hartmut Kasper oder Dirk C. Fleck von Dominik Irtenkauf näher betrachtet, die sich durch die Beschäftigung mit Klima und Umwelt in ihrem literarischen Werk besonders hervorgetan haben. Natürlich darf auch die Hoffnung und Vision nicht fehlen, auf der, wie Wenzel Mehnert darstellt, vor allem im Solarpunk der Fokus liegt.

Darüber hinaus hat Das Science Fiction Jahr 2021 noch einiges mehr zu bieten. 2020 und 2021 feierten einige große Persönlichkeiten der SF ihren 100. Geburtstag. Darunter Ray Bradbury, Isaac Asimov, Frank Herbert und Gene Roddenberry. Besonders am Herzen liegt uns jedoch der polnische Autor, Futurologe und Philosoph Stanisław Lem. Mit Romanen wie Solaris, Der futurologische Kongress oder Also sprach Golem nahm er großen Einfluss auf viele SF-Interessierte. Das theoretische und literarische Werk dieses außergewöhnlichen Autors würdigen Bernd Flessner, Karlheinz Steinmüller sowie Peter Kempin und Wolfgang Neuhaus in einem kleineren Schwerpunkt.

Zurück in der Gegenwart erläutert Lena Richter, wie sich die Publikationswege ändern, Simon Spiegel berichtet von seiner Lesereise in Daths Niegeschichte und Christian Endres spricht mit den Übersetzer*innen, die sich nun, da George Orwells Werk gemeinfrei wurde, im Auftrag unterschiedlichster Verlage und mit immer anderen Ansätzen an die Übertragung seiner prägendsten Werke gemacht haben.

Ein Jahrbuch wäre jedoch kein Jahrbuch, würde es nicht zurückblicken auf die Entwicklungen des vergangenen Jahres. So schauen wir auf das, was sich im Film (Thorsten Hanisch), bei Serien (Lutz Göllner), in Comics (Stefan Pannor) und Spielen (Johannes Hahn) und der deutschsprachigen Science Fiction (Udo Klotz) getan hat, ergänzt um einen umfangreichen Rezensionsblock. Abgerundet wird Das Science Fiction Jahr 2021 in gewohnter Weise durch eine Übersicht der wichtigsten Genrepreise, einen Nekrolog sowie eine umfassende Bibliographie der Bücher, die 2020 erstmals auf Deutsch erschienen sind.

Wir freuen uns über das bunte Portfolio an Autor*innen und Beitragenden, die uns bei der 36. Ausgabe des Almanachs unterstützt haben. Und wir sind dankbar für die vielen spannenden Beiträge, vielseitigen Stimmen, die zu Wort kommen konnten und das Jahrbuch bereichern. Wir hoffen, dass es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, genauso viel Freude bereitet wie uns.

In diesem Sinne wünschen wir eine anregende Lektüre,

Melanie Wylutzki & Hardy Kettlitz

Wolfgang Both

Auf nach Ökotopia!

Vom Wachsen des ökologischen Bewusstseins in der Science Fiction

In den frühen Utopien spielten Umweltbewusstsein und ökologisches Verhalten noch keine Rolle. Mit der Aufklärung werden sich die Menschen der Natur, ihrer Umgebung, Fragen des Klimas – nicht nur des Wetters – bewusster, was zum einen Ausdruck in der Romantik, zum anderen in rousseauistischen Naturidealen findet. Mit der Industrialisierung nahmen Umweltprobleme zu, die aber erst mit dem Ölpreisschock Anfang der 1970er-Jahre zu einer konkreten politischen Bewegung führten. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Science Fiction aus, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Ökologie

Der Begriff »Ökologie« ist umfassender als Klima oder Umwelt. Eingeführt wurde er von Ernst Haeckel (1834–1919):

»Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle »Existenz-Bedingungen« rechnen können. Diese sind theils organischer, theils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind, wie wir vorher gezeigt haben, von der grössten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen.« (1866)

Diese Definition umfasst also das biologische Leben in seiner Gänze und die Wechselwirkungen untereinander sowie zur unbelebten Umwelt. Grundsätzlich wird zwischen der theoretischen und der angewandten Ökologie unterschieden. Inzwischen gibt es zahlreiche Spezialdisziplinen, in denen Methoden aus verwandten Wissenschaften wie Genetik, Statistik, Bodenkunde oder Meteorologie angewandt werden. Und der Begriff hat sich auch auf die Ökonomie ausgedehnt, wenn sich wirtschaftliche und wissenschaftliche Abhängigkeiten und Beziehungsketten in bestimmten Branchen oder Nischen herausgebildet haben, die ein Wirtschaftscluster – ein Ökosystem – bilden.

Ökologisches Verhalten des Menschen meint also, eine bewusste Beziehung zu seiner Umwelt einzugehen, sich der Wirkungen des eigenen Handelns im materiellen wie im sozialen Bereich klarzuwerden. Daraus sollte sich zwangsläufig ein schonender Umgang mit der Umwelt ableiten.

Vor der Umweltfrage steht die soziale Frage

Wie bereits erwähnt spielte in den frühen Utopien die Umwelt, der bewusste Umgang mit der Natur noch keine Rolle. Zwar wird immer mal Naturverbundenheit propagiert. Aber Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit stehen im Vordergrund der Utopien. Auf der Insel Utopia und in anderen Gärten Eden herrscht stets gutes Wetter – oder zumindest ein für die Landwirtschaft hilfreiches. Von Naturkatastrophen bleiben die Menschen verschont, das Wasser aus dem Bergbach ist klar und sauber, alle erfreuen sich guter Gesundheit. Eine natürliche, bäuerliche Lebensweise ohne Obrigkeit und Kirche, Militär und Großgrundbesitzer wird gezeichnet – Schmarotzer gibt es nicht mehr. Diese paradiesischen Zustände finden wir in Utopia von Thomas Morus (1517), ebenso bei Johann Valentin Andreaes Christianopolis (1619), Tommaso Campanellas Der Sonnenstaat (1623) und Francis Bacons Neu-Atlantis (1624). Die Bauernschaft wie die Handwerker sind vom Joch der Fürsten und Grundbesitzer befreit und können in einer Gesellschaft freier und gleicher Bürger ihren Gewerken nachgehen. Noch sind ihre Misthaufen und Abfallgruben überschaubar, nur manch übel riechende Gewerke wurden an den Siedlungsrand abgedrängt wie die Färbergassen oder Gerbergassen.

Eine Reise nach Ikarien

Bei den Frühsozialisten – von Marx und Engels als utopische Sozialisten diffamiert – standen die sozialen Fragen im Mittelpunkt ihrer Programme. Neben politischen Traktaten versuchten sie auch, die Not der Proletarier durch konkrete Projekte zu lindern. So baute der Unternehmer Robert Owen (1771–1858) die Siedlung New Harmony auf und versuchte, sie als unabhängige Kommune zu etablieren. Andere, wie Charles Fourier (1772–1837), entwarfen vergleichbare Gebilde, »Phalansterien« genannt. Einen utopischen Entwurf hat uns Étienne Cabet (1788–1856) mit dem Roman Reise nach Ikarien (1840) hinterlassen. Auch er betont die Gleichheit aller. Seine politische Schrift verband er mit dem Aufruf:

»Arbeiter, auf nach Ikarien! Denkt über euer Los nach und ihr müßt einsehen, daß euch das Elend packt, wenn ihr den Mutterleib verlassen habt, und daß es sich nicht eher von euch trennt als wenn ihr im Sarge ruht. Ihr, Proletarier, Söhne der Proletarier, wandelt in schmutzigen Lumpen einher, darbt am Geist und hungert am Magen.«[1]

Und der Aufruf wurde gehört. Im Revolutionsjahr 1848 sammelten sich Aktivisten, die mit Cabet ein solches Gemeinwesen aufbauen wollten. Man fand einen Platz im amerikanischen Bundesstaat Texas und errichtete dort eine ikarische Kolonie. Neben Robert Owens Siedlung New Harmony war dies also eine erste gelebte Utopie, die immerhin sieben Jahre Bestand hatte.

Vierzig Jahre später legte der Amerikaner Edward Bellamy (1850–1898) einen Gesellschaftsentwurf vor, bei dem durch schleichende Nationalisierung eine Klassenharmonie erreicht werden sollte. Der Aufschwung der Sozialistenbewegung in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika beförderte dieses Zukunftsbild weltweit auf die Bestsellerlisten, zahllose Übersetzungen erschienen. Hinzu kam, dass der Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887 (1888) ein scheinbar realisierbares Versprechen auf die Zukunft enthielt. Die Erlebnisse von Julian West imaginierten ein Bild vom Zukunftsstaat, das alle Parteitagsreden nicht liefern konnten. Außerdem verlegte er die Umsetzung seines utopischen Gesellschaftsentwurfs nicht auf eine imaginäre Insel, sondern in das Jahr 2000, hoffnungsvoll in eine nur hundert Jahre entfernte Zukunft. Mit dem »Jahr 2000« kreierte er einen Fixpunkt, der Einfluss auf die nachfolgende SF-Literatur hatte. Bei Bellamy herrscht Arbeitspflicht in einer durchorganisierten und automatisierten Industriegesellschaft. Inzwischen sind Landwirtschaft und Bauernstand durch die Industrialisierung als tragende wirtschaftliche Säulen abgelöst. Auch seine Zukunft war noch nicht vom Umweltgedanken geprägt, aber doch vom sinnvollen Umgang mit den Ressourcen: »Eine Überproduktion in einzelnen Industriezweigen, das furchtbare Schreckgespenst ihrer Zeit, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Durch die Regelung der Verteilung und der Produktion richtet sich das Angebot so genau nach der Nachfrage wie der Gang der Maschine nach dem Regulator.«

Jeder Bewohner erhielt – Arbeitsdienst vorausgesetzt – zum Anfang des Jahres einen festen Betrag, mit dem er seine Bedürfnisse abdecken konnte:

»›Ein solches System ermutigt die Bürger gerade nicht zur Sparsamkeit‹, warf ich ein.

›Das soll es auch nicht‹, lautete die Antwort. ›Die Nation ist reich, und sie wünscht keineswegs, dass sich jemand eine Annehmlichkeit versage.‹«[2]

Keiner muss verzichten, es gibt gemeinsame Speisesäle, Großwäschereien, öffentlichen Nahverkehr. Den Gegensatz zur Situation Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt Bellamy in einer Traumsequenz seines Protagonisten. Darin wird Julian West noch einmal in das Boston von 1887 zurückgeworfen.

Bellamys Vision elektrisierte seine Leser, es bildeten sich landesweit Bellamy-Klubs, eine politische Bewegung für die Umsetzung seiner Ideen entstand, eine (kurzlebige) Partei ging daraus hervor. Sein Buch ist heute ein Klassiker.

Und natürlich fanden sich Gegner, auch im eigenen Lager. So war der englische Sozialist William Morris (1834–1896) über die durchgehende Industrialisierung verärgert und verfasste mit Kunde von Nirgendwo (1889) eine Antiutopie, in der er das bäuerliche Landleben zur Idylle stilisierte. Auf der einen Seite wandte er sich gegen den Tand industrieller Massenproduktion, auf der anderen Seite beschrieb er einen Traum der englischen Middle-Class vom Landleben der Upper-Class. Mit rein handwerklicher Produktion waren die Bedürfnisse einer wachsenden Gesellschaft wohl nicht mehr zu befriedigen.

Der neue Traum vom Paradies

Die Idylle gemeinsamer Feldarbeit mit Hacke und Sense bei schönem Wetter finden wir nicht nur bei Morris, sondern in der Folge auch in weiteren Utopien. Paradiesische Lebensverhältnisse sind seit jeher ein Menschheitstraum. Die Naturverbundenheit kann so weit gehen, dass wilden Tieren der Jagdinstinkt weggezüchtet wird, Wolf und Lämmchen friedlich nebeneinander leben. Drei junge Männer landen zufällig auf einem abgeschiedenen Hochplateau, auf dem eine reine Frauengesellschaft lebt. Charlotte Perkins Gilman (1860–1935) zeigt in ihrer feministischen Utopie Herland (1915) nicht nur die sich ergebenden sozialen Missverständnisse und Verwerfungen, sondern auch ein eigenes Naturverständnis. Die Eingriffe in die Natur sind massiv und nachhaltig. Die Hochebene ist ein subtropischer Garten ohne Schädlinge und Unkraut, dafür mit reich tragenden Bäumen und Sträuchern. Eine völlig kultivierte Umwelt, ergänzt durch eine Abfallwirtschaft. Nutztiere sind abgeschafft, man ernährt sich rein vegetarisch. Und die Katzen lassen das Mausen. Die Frauen leben in einem vollendeten Kreislauf von Schwesternschaft, Mutterschaft und Natur.

Bei Theodor Hertzka (1845–1924) zieht man in Freiland (1889) auf eine afrikanische Hochebene hinter einem Pass, genannt »Edental«. Hier lässt sich eine Kommune nieder, um ihren Traum vom genossenschaftlichen Leben zu verwirklichen. Dieses Buch löste um die Jahrhundertwende eine umfangreiche Freilandbewegung aus, Gelder wurden gesammelt, Freiwillige charterten ein Schiff. Die Realisierung scheiterte nur daran, dass die Kolonialbehörden das erhoffte Stück Land nicht hergeben mochten – keine Freigabe für Freiland.

Emil Feldens (1874–1959) Roman mit dem programmatischen Titel Menschen von Morgen – ein Roman aus zukünftigen Tagen (1918) favorisiert das Gartenstadtmodell als ideale Verbindung von Stadt- und Landleben. Die Einführung von »Schwundgeld« nach Silvio Gsell stimuliert das Investitionsverhalten, sodass umfangreiche ökonomische und ökologische Projekte wie die Erschließung von Brachland angegangen werden können. Hier zeigt eine neue Finanzpolitik eine direkte Wirkung auf die Umwelt.

Der Rückzug ins Paradies kann aber auch ein Trost sein. In seinem Roman In Utöpchen (1947) beschreibt der Mikrobiologe Ernst Wilhelm Schmidt die »Geschichte einer Sehnsucht«. In dem während des Zweiten Weltkriegs verfassten Text rettet er sich in einen Traum. Auf mecklenburgischer Scholle zieht er Kartoffeln, häufelt Erbsen und erntet Erdbeeren. Für Gespräche reichen der Nachbar Konrad und der Bahnwärter. Entrückt aus der Wirklichkeit, völlig unpolitisch, kann »in Utöpchens Erde nur das Gute wachsen. Das Schlechte findet keinen Boden und Bosheit würde an sich selbst zugrunde gehen.«[3]

Vom Kippen der Erdachse und anderen Experimenten

Menschliche Hybris findet sich in zahlreichen Großprojekten der SF. So wollte der Gun Club aus Baltimore die Erdachse kippen, um an die Kohlevorräte nördlich des Polarkreises zu kommen. Jules Verne (1828–1905) lässt in seinem Roman Kein Durcheinander (1889) wieder die Mannschaft aus der Reise von der Erde zum Mond (1865) antreten, um die Schürfrechte am Nordpol durch massive Klimaveränderung zu nutzen. Am Kilimandscharo wird erneut eine gewaltige Kanone gebaut, der Rückstoß des Geschosses soll die notwendige Wirkung hervorrufen. Massive Proteste wegen der Klimaveränderung werden missachtet, nur ein Rechenfehler verhindert die katastrophale Veränderung – Erdachse und Klima bleiben stabil.

Mit dem Absperren des Mittelmeeres zwischen Afrika und Gibraltar wollte Herman Sörgel (1885–1952) ein Absenken des Meeresspiegels, die Verbindung der beiden Kontinente und gewaltige Stromgewinnung mittels Staudamm erreichen. Das »Atlantropa«-Projekt (1932) wurde ernsthaft diskutiert und mit dem Fluten der Qattara-Senke in der nördlichen Sahara gibt es ein vergleichbares Projekt (Maak: Technophoria, 2020).

Der Fortschrittsglaube der 1950er-Jahre brachte auch den Mond zum Leuchten. In H. L. Fahlbergs Roman Erde ohne Nacht (1956) wird die Idee des Physikers und Raketenpioniers Oberth, einen Spiegel im All zu positionieren, um Areale der Erde auch bei Nacht zu beleuchten, abgelehnt. Dafür wird überlegt, den Mondstaub zu entzünden und ein atomares Feuer auszulösen:

»Die Nacht war besiegt! Die Menschen hatten eine zweite Sonne geschaffen. … In den südlichen und nördlichen Polargebieten gingen Eis und Schnee schnell zurück. Die Gletscher schmolzen ab, und das unter ihnen begrabene Land kam hervor und begann zu grünen.«[4]

Aber auch für die Kriegführung wird gezielte Klimaveränderung eingesetzt. So wird bei Hans Roseggers (1880–1929) Roman Der Golfstrom (1913) dieser durch Abbaggern von Florida so umgelenkt, dass die amerikanische Küste vom warmen Wasser profitiert, aber Europa und insbesondere Großbritannien von der Klimaabkühlung hart getroffen werden. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wird dies mit nationalistischen und völkischen Parolen vermischt; während die Amerikaner im tropischen Klima verweichlichen, gehen die Europäer gestählt aus dem Anpassungsprozess hervor.

Wachsendes Umweltbewusstsein in der Science Fiction – Die Zerstörung von Neu Tahiti

Ab Beginn der 1960er-Jahre kann die SF ihr Potenzial als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen ausspielen. Noch vor dem Ölpreisschock und dem Report des Club of Rome (1972) gehen hier alle Warnlampen an. Dabei geht es nicht um Naturkatastrophen oder ein außerirdisches Virus, sondern um menschengemachte Eingriffe in unser Ökosystem. In zahlreichen Romanen werden das Umweltthema angesprochen, die sozialen Herausforderungen beschrieben und die Auswirkungen von ungebremster Ausbeutung von Natur, Rohstoffen und Menschen geschildert. In seinen Erstlingswerken griff James G. Ballard (1930–2009) verschiedene Herausforderungen auf. So geht es in Der Sturm aus dem Nichts (1961) um Sturmkatastrophen, in Karneval der Alligatoren (1962) um Temperaturanstieg und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels. The Burning World (1964, auch als The Drought, dt. Welt in Flammen) thematisiert dagegen Wassermangel und Dürre (s. Beitrag von Hartmut Kasper).

Als ein Beispiel für ökologisches Leben wird Frank Herberts (1920–1986) Wüstenplanet (1965) hervorgehoben. Die Ureinwohner des Wüstenplaneten Arrakis, die Fremen, leben im Einklang mit der Wüste, haben Überlebensstrategien in dieser lebensfeindlichen Umwelt entwickelt und können den Sandwurm reiten sowie das begehrte »Gewürz« ernten. Anregung für Herberts Roman war tatsächlich das Vordringen der Wüste in Oregon. Über das Projekt der Stabilisierung der Wanderdünen schrieb er den Artikel »They stopped the moving Sand« und befasste sich tiefergehend mit Umweltfragen. Die Lektüre hat viele jüngere Autoren (z. B. Kim Stanley Robinson) sehr beeindruckt und inspiriert (s. Beitrag von Fritz Heidorn).

Ursula K. Le Guins (1929–2018) Roman Das Wort für Welt ist Wald (1972) ist eine schreiende Anklage gegen kolonialistische Umweltzerstörung sowie Vertreibung und Unterdrückung der Ureinwohner. Die ursprünglich paradiesische Lebensumgebung des erdähnlichen Planeten Neu Tahiti wird durch den ungezügelten Holzeinschlag der Kolonisten von der Erde schrittweise in eine leblose Wüstenei verwandelt. Gleichzeitig verlieren die friedvollen Ureinwohner ihre Unschuld: Sie lernen Mord und Unterdrückung kennen und wenden sich schließlich gegen die Eindringlinge von der Erde, das Paradies wird zu einem Friedhof für viele Kolonisten. Le Guin beschreibt sehr genau, wie sich der Kahlschlag der Regenwälder auswirkt: Tropischer Regen wäscht den ungeschützten, fruchtbaren Boden fort, zurück bleiben unfruchtbarer Fels und tiefe Rinnen in der Landschaft, die sich die Natur erst nach Jahrzehnten zurückerobern kann. Selbst Lichtjahre von der Erde entfernt setzt der Mensch sein Zerstörungswerk fort, der »Kolonial-Ökologe« in der Expedition kann dies nicht verhindern. Nur der Ethnologe Ljubow versucht sich dem Raubbau entgegenzustemmen, die Lebensweise der indigenen Bevölkerung zu verstehen. Le Guin deutet die Situation auf der ausgelaugten Erde nur in gelegentlichen Nebensätzen an. Aber klar ist: Holz ist dort inzwischen wertvoller als Gold, die Ausbeutung dieses Planeten lohnt sich.

Es zeigt sich heute leider, dass wir in den fünfzig Jahren seit Erscheinen ihrer Geschichte nichts dazugelernt haben: Rund um den Äquator fallen weiterhin unberührte Landschaften dem Profitwahn zum Opfer, der Lebensraum vieler Wesen schrumpft. Ihre Anklage verhallte – trotz Hugo Award – scheinbar ungehört.

Großen Einfluss auf die Umweltbewegung und die Gründung politischer Parteien mit dem Schwerpunkt Umwelt hatte Ernest Callenbachs (1929–2012) Roman Ökotopia (1975). Im Stil eines frühen Reiseromans liefern die Aufzeichnungen des Journalisten William Weston einen Einblick in die seit über 20 Jahren abgeschottete Region Ecotopia. Hier versucht man, dem US-Lebensstil eine Alternative entgegenzusetzen. Umweltfreundliche Energiegewinnung, nachhaltige Gebäude und Produkte sowie Recycling sind Ergebnis einer vorgeschalteten Technologiefolgenabschätzung. Aber auch soziale Fragen, wie die dezentralisierte politische Macht, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, Formen des Zusammenlebens in den lokalen Gemeinschaften werden adressiert. Basisdemokratische Entscheidungsprozesse sind durch fortschrittliche Kommunikationsmöglichkeiten schnell und technisch reibungslos zu gestalten. Seine Ideen hatten eine große Anziehungskraft auf die Leserschaft. Ähnlich wie bei Bellamys oder Hertzkas Romanen entstand in der Folge eine breite »Grüne Bewegung« und in den Industrienationen Öko-Parteien.

Offiziell gab es die Umweltproblematik in der DDR nicht. Aber jeder dort verstand den »Modderwind« in Günter und Johanna Brauns Roman Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI (1974) synonym für vergiftete Flüsse, den Silbersee bei Bitterfeld oder Mülldeponien, die, vom Westen für Devisen befüllt, hemmungslos wuchsen. Auswanderer hatten auf Omega XI ein Paradies vorgefunden, aber durch Überproduktion in eine sterbende Landschaft verwandelt – ähnlich wie bei Le Guin, aber mit einer satirischen Note, eine bittere Anklage und Warnung.

Der DDR-Dissident Robert Havemann (1910–1982) entwickelte in seiner Abrechnung Morgen (1980) den Entwurf einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft, die gleichzeitig die ökologischen Probleme der Industriegesellschaft gelöst hat. Dem DDR-Modell des real existierenden Sozialismus prophezeite er keine Zukunft: »Und gegenüber der herannahenden ökonomischen und ökologischen Krise wird der reale Sozialismus womöglich noch blinder sein als sein angebetetes ökonomisches Vorbild.«[5] Eine Voraussage, die nur zehn Jahre später ihren ganzen Wahrheitsgehalt entfalten sollte. Eingebettet in seine Abhandlung ist die Utopie »Die Reise in das Land unserer Hoffnungen«, eine linke DDR-Eutopie reinsten Wassers. Der Marxist Havemann unterläuft das marxistische Bilderverbot. Und muss sein Buch folgerichtig in der Bundesrepublik veröffentlichen.

Climate Fiction

Inzwischen hat sich mit Climate Fiction (CliFi) ein neues Genre herausgebildet. Auch Öko-Thriller liegen auf den Büchertischen, Umwelt- und Klimathemen finden zunehmend Absatz in den Buchhandlungen. Hier bekommt die Science Fiction also neue Facetten und beweist damit ihre Sensibilität für aktuelle gesellschaftliche Themen und die Fähigkeit, Entwicklungen zu antizipieren.


[1] Cabet, Étienne: »Reise nach Ikarien«, in: Dokumente der Menschlichkeit, Dreiländerverlag München, 1919

[2] Bellamy, Edward: Rückblick aus dem Jahr 2000, Golkonda Verlag Berlin, 2017

[3] Schmidt, Ernst Wilhelm: In Utöpchen, Siebeneicher Verlag Berlin, 1947

[4] Schmidt, Ernst Wilhelm: In Utöpchen, Siebeneicher Verlag, 1947

[5] Havemann, Robert: Morgen, Mitteldeutscher Verlag Halle, 1990, S. 58

Gary Westfahl

Kalte Schultern und schwitzige Hände

Eine Geschichte des Klimawandels in der Science Fiction

Über die letzten zwei Jahrhunderte hat die Wissenschaft schrittweise nachgewiesen, dass die Erde während der Milliarden Jahre ihrer Existenz viele signifikante Klimaveränderungen durchgemacht hat, die durch natürliche Ereignisse verursacht wurden, deren Bandbreite von gewaltigen Vulkanausbrüchen bis zu Asteroideneinschlägen reicht. Daher haben Science-Fiction-Autor*innen schon lange bevor Befürchtungen bezüglich des Klimawandels ein zentrales Thema des öffentlichen Interesses wurden, realisiert, dass sich das Klima der Erde – ob durch natürliche oder von Menschen gemachte Ursachen – in der nahen Zukunft verändern und damit das Fortbestehen der Menschheit gefährden könnte.

Doch zunächst sollte festgestellt werden, dass einige erwähnenswerte Autoren die Thematik nie angesprochen haben. Ich bin zum Beispiel vertraut mit den Werken von Science-Fiction-Autoren wie Isaac Asimov, Philip K. Dick, Robert A. Heinlein und Clifford Simak, doch ich kann mich adhoc nicht erinnern, dass sie in ihren Visionen einer zukünftigen Erde Veränderungen im Klima zum Thema gemacht hätten, abgesehen von der Verwüstung der Erde durch einen Atomkrieg. Wobei strittig ist, ob solche Geschichten wirklich unter die Kategorie Klimawandel fallen. Es gibt auch Werke wie E. M. Forsters Die Maschine steht still (1909) und Asimovs Die Stahlhöhlen (1954), die eine Zukunft vorhersagen, in der fast alle Menschen ihr gesamtes Leben in klimakontrollierten Enklaven verbringen – bei Forster sind es unterirdische Kammern, bei Asimov Kuppelstädte. Solche Vorhersagen betrachten Sorgen über das Klima der Erde als irrelevant, da sie annehmen, dass die zukünftige Menschheit in der Lage sein wird, selbst erschaffene künstliche Umgebungen zu bewohnen, ohne durch irgendetwas außerhalb dieser Habitate beeinträchtigt zu werden. Eine weitere in diesem Kontext erwähnenswerte Geschichte ist Arthur C. Clarkes Vergessene Zukunft (1953), die 1956 überarbeitet in Die sieben Sonnen erschien. Sie erzählt von einer fernen Zukunft und den Menschen in der eingeschlossenen Stadt Daspar, die ein stets angenehmes, von Computern kontrolliertes Klima genießen, nichts ahnend von der kargen Wüste, zu der die Welt außerhalb ihrer Heimstätte geworden ist.

Es gibt viele weitere Werke, die Visionen der schädlichen Folgen des Klimawandels für die Erdbevölkerung präsentieren; diese enthalten Modelle, in denen es auf der Erde extrem warm wird, auf denen sich entweder ein weltweiter Dschungel ausbreitet, die ganze Welt von einem Ozean bedeckt ist oder sich in eine Wüste verwandelt hat. Und doch bestand die größte Furcht der Science-Fiction-Autor*innen darin, dass es auf der Erde tödlich kalt werden könnte, sie von Gletschern bedeckt und menschliches Leben unmöglich ist.

Aus mehreren Gründen ist es nur verständlich, die Bedenken auf diese Art des Klimawandels zu fokussieren. Erstens, auch wenn es Perioden in der Erdgeschichte vor Entstehung des Menschen gab, die besonders heiß waren, mussten unsere Vorfahren vor nur wenigen Tausend Jahren mit mindestens einer Eiszeit zurechtkommen. Durch zahlreiche Belege wird sie zu einem vertrauteren und gewichtigeren Szenario, das für die nähere Zukunft sogar wahrscheinlicher erscheint. Und zweitens, obwohl das Konzept des Erbgedächtnisses äußerst fragwürdig ist, trifft es eindeutig zu, dass die Menschheit ihren Ursprung in einer sehr warmen Region Afrikas hat, was durchaus eine in den Genen der Menschen verankerte Vorliebe für wärmeres Wetter und eine Abneigung gegen Kälte bedeuten könnte.

Wenn man all diese Faktoren berücksichtigt, scheint es unausweichlich, dass Autor*innen, die sich mit dem Überleben der Menschheit beschäftigen, sich vor allem auf die Gefahr einer neuen Eiszeit konzentrieren. Und Warnungen vor einer unausweichlichen neuen Eiszeit dominieren die wissenschaftliche Literatur der 1970er-Jahre. Es könnte tatsächlich sein, dass Menschen, die Angst vor extremer Kälte haben und extreme Hitze weniger fürchten, viel leichter für das Problem des Klimawandels erreichbar wären, wenn Wissenschaftler voraussagen würden, dass der ansteigende CO2-Ausstoß zu einem kälteren Klima führen würde statt zu einem wärmeren. Doch da diese Emissionen unstreitbar die Erderwärmung beschleunigen werden, dominiert diese Möglichkeit sowohl die jüngste wissenschaftliche Forschung als auch die aktuelle Science Fiction.

In der frühen Science Fiction gibt es zahllose Visionen von gefrorenen oder kalten Zukünften der Erde. Darunter auch Louis Boussenards Dix mille ans dans un Bloc de Glace (1889), wo eine zukünftige Erde beschrieben wird, in der Gletscher nur einen schmalen Streifen von Land auf dem Äquator übrig gelassen haben, auf dem die klimatischen Bedingungen noch Leben ermöglichen. Oder Camille Flammarions La Fin du Monde (1893–1894), in dem nach anderen Katastrophen eine schwächelnde Sonne die Erde abkühlt und allmählich all ihre Bewohner umbringt. In H. G. Wells’ Die Zeitmaschine (1895) gibt es die letzte Vision des Zeitreisenden von einer sterbenden Erde mit einer verblassenden Sonne. Lysander Salmon Richards beschreibt in Breaking Up: Or the Birth, Development and Death of the Earth and Its Satellite in Story (1896), wie ein außerirdischer Beobachter in der Zukunft die Reduktion der Sonnenstrahlung beschreibt, die dazu führt, dass die Erde nur noch am Äquator bewohnbar ist. In »The Last Days of Earth; Being the Story of the Launching of the ›Red Sphere‹« (1901) von George C. Wallis wird beschrieben, wie eine tote Sonne ein Paar dazu treibt, von der gefrorenen Erde zu fliehen. Gabriel de Tardes Fragment d’histoire future (1905) handelt von der schwindenden Sonnenstrahlung, die die Erde so erkalten lässt, dass die Menschen in unterirdische Lebensräume fliehen. Louis Pope Gratacaps The Evacuation of England: The Twist in the Gulf Stream (1908) erzählt davon, wie der Golfstrom durch ein versinkendes Mittelamerika seine Richtung ändert und dafür sorgt, dass Großbritannien unbewohnbar kalt wird. In Ambrose Bierce’ »For the Ahkoond« (1909) geht es um einen Wissenschaftler in der Zukunft, der untersucht, wie eine Vereisung der Erde im 20. Jahrhundert fast alle Lebensformen ausgelöscht hat. Homer Eon Flints »The King of Conserve Island« (1918) erzählt von einem Wissenschaftler, der die Sonnenstrahlung blockiert, weil er die Erde einfrieren will, um seine angestrebten Ziele zu erreichen. In Der Stern von Afrika – Ein Roman aus dem Jahr 3000 (1921) von Bruno Hans Bürgel droht eine kosmische Wolke eine Eiszeit auszulösen, die das Ende der Menschheit bedeuten würde. Und Ray Cummings erzählt in The Man Who Mastered Time (1924) von Reisenden, die in der Zukunft auf Menschen stoßen, die auf einer nun vereisten Erde versuchen, ihre Zivilisation aufrechtzuerhalten.

In der etwas aktuelleren Science Fiction ist es wohl Arthur C. Clarke, der sich am häufigsten über eine kommende Eiszeit sorgt. Sein frühes Gedicht »The Twilight of a Sun« (1939) erzählt, wie eine sterbende Sonne die Menschheit dazu bringt, von der Erde zu fliehen. Zwei seiner Geschichten, »Der vergessene Feind« (1948) und »Geschichtsunterricht« (1949), beschreiben verschiedene Wege, auf denen die Menschheit ausgelöscht wird, nachdem eine Vereisung, die von beiden Polen ausgeht, schrittweise den gesamten Planeten umhüllt. In der ersten Geschichte realisiert ein einsamer Überlebender in London unglücklicherweise, dass die Geräusche, von denen er dachte, sie würden die Rückkehr menschlicher Aktivitäten signalisieren, tatsächlich von den vorrückenden Gletschern stammen, die drohen, die Stadt zu zerstören. In der zweiten, denkwürdigeren Geschichte kämpft eine zur Barbarei degenerierte Gruppe von Menschen gegen das immer kälter werdende Klima, um eine Kiste mit einem Artefakt aus ihrer glorreichen Vergangenheit zu beschützen, bevor ihr unausweichliches Schicksal durch das vorrückende Eis, das den gesamten Planeten zu bedecken droht, besiegelt ist: eine Filmrolle mit einem Micky-Maus-Zeichentrickfilm. Später reduzieren Forscher von der bewohnten Venus die Beschaffenheit der menschlichen Zivilisation auf den einzigen Beweis, der für deren Existenz übrig geblieben ist: den Zeichentrickfilm. Und auch in Clarkes Fahrstuhl zu den Sternen (1979) wird eine Erde besucht, die durch sich abschwächende Sonneneinstrahlung unbewohnbar wurde.

Auch andere spätere Autoren haben die düstere Aussicht einer erkaltenden Erde in der fernen Zukunft erkundet. Zum Beispiel Jack Vance in Die sterbende Erde (1950), wo in einer fernen Zukunft das Ende der Erde durch eine schwächer werdende Sonne droht. Eindeutig von dieser Geschichte beeinflusst wurde Gene Wolfes epische Reihe DAS BUCH DER NEUEN SONNE (1980–1983), die ebenfalls von einer unfassbar fernen Zukunft erzählt, in der der Menschheit scheinbar ein ähnliches Schicksal aufgrund einer sterbenden Sonne droht. Imaginierte Eiszeiten sind auch zentrales Thema in den Romanen The World in Winter (1962) von John Christopher, Die Stadt unter dem Eis (1964) von Robert Silverberg und The Sixth Winter (1979) von John Gribbin und Douglas Orgill.

In Fritz Leibers »A Pail of Air« (1951) friert ein kosmisches Ereignis die Erdatmosphäre ein; und eine der Auswirkungen der sich nähernden empfindungsfähigen Wolke in Fred Hoyles Die schwarze Wolke (1957) ist die gefährliche Reduzierung der Sonnenstrahlung, die die Erde erreicht. Besondere Aufmerksamkeit verdient das sehr aufrüttelnde Porträt einer zukünftigen Eiszeit in Anna Kavans gefeiertem Eis (1967), das seltsamerweise ursprünglich als realistischer Roman über einen Mann geschrieben wurde, der obsessiv eine Frau verfolgt, wobei das Ganze allerdings auf einer vereisten Erde spielt. Der Film Quintett (1979) handelt von einer zukünftigen Erde, die unter einer neuen Eiszeit leidet, während die Bewohner davon besessen sind, Spiele zu spielen. Und in Tödliche Ernte (1977) sorgen sinkende Temperaturen für eine Nahrungsmittelknappheit.

Selbst in den 1990ern und danach, als Ängste vor einer globalen Erwärmung den öffentlichen Diskurs dominierten, beschäftigten sich einige Autor*innen weiterhin mit der Möglichkeit einer neuen Eiszeit. In Larry Nivens, Jerry Pournelles und Michael Flynns Gefallene Engel (1991) führen fehlgeleitete Anstrengungen, die globale Erwärmung zu stoppen, zur Abkühlung der Erde. In Maggie Gees The Ice People (1998) sorgen sinkende Temperaturen dafür, dass Männer und Frauen voneinander getrennte Leben führen. Doris Lessings Mara und Dann (1999) sowie die Fortsetzung Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund (2005) konzentrieren sich auf zwei Kinder, die in einer zukünftigen Welt während einer neuen Eiszeit ums Überleben kämpfen. In Adam Roberts’ The Snow (2004) ist die Welt auf seltsame Weise komplett von Schnee bedeckt. Und in A. Ahads First Ark to Alpha Centauri (2005) muss die Menschheit nach Alpha Centauri auswandern, um der erfrierenden Erde zu entkommen. Im Film The Day After Tomorrow (2004) wird die Welt merkwürdigerweise dank der Klimaerwärmung von frostigen Temperaturen heimgesucht, während das daraus resultierende Eis auch für weitverbreitete Überflutungen sorgt. The Colony (2013) erzählt von Menschen, die aufgrund einer neuen Eiszeit unterirdisch leben müssen.

In der aktuelleren Belletristik ist die Sorge über einen desaströsen Klimawandel immer häufiger auch Thema von Autor*innen, die sonst nicht mit Science Fiction in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören zum Beispiel Dakota James mit Greenhouse: It Will Happen in 1997 (1984) und Milwaukee the Beautiful (1987), die beide von Problemen erzählen, die in einem dramatisch heißer werdenden Wisconsin entstehen; T. C. Boyle mit Ein Freund der Erde (2000), das sich auf die Ausrottung zahlreicher Arten durch den Klimawandel konzentriert; Julie Bertagna mit den drei zusammenhängenden Romanen Exodus (2002), Zenith (2007) und Aurora (2011), über Menschen, die aufgrund von Überflutungen – ausgelöst durch die Klimaerwärmung – ihre Heimat verlieren; Ray Hammond mit Extinction (2005), in dem er verschiedene verheerende Auswirkungen der Erderwärmung schildert; und Ian McEwan mit Solar (2010) über einen Wissenschaftler, der darum kämpft, die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen, indem er an innovativen Wegen arbeitet, Solarenergie zu nutzen.

Auch in der Fantasy- und Horrorliteratur taucht die Sorge vor dem Klimwandel auf. Zum Beispiel in John Langans The Fisherman (2016) und Victor LaValles The Ballad of Black Tom (2016), die beide mit der Aussicht enden, dass die Erde bald überflutet wird. Einige Kommentatoren beschreiben inzwischen Geschichten über den Klimawandel als ein neues Untergenre mit den Bezeichnungen »Climate Fiction« oder »Cli-Fi«.

Aufgrund der zahlreichen Beispiele, die ich aufgeführt habe, kann niemand behaupten, dass die Science Fiction die Thematik zukünftiger Klimaveränderungen und ihrer potenziell katastrophalen Folgen ignorieren würde; tatsächlich hat das Genre das Thema bereits aufgegriffen, bevor Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger und die allgemeine Öffentlichkeit überhaupt darauf aufmerksam wurden. Und bis zu einem gewissen Grad kann man das Interesse der frühen Science Fiction am Klimawandel beziffern. Viele Beispiele in diesem Essay stammen aus zwei wichtigen Referenzwerken, nämlich Science-Fiction: The Early Years (1990) von Everett F. Bleiler und Science-Fiction: The Gernsback Years (1998) von Everett F. Bleiler und Richard Bleiler. Das erste Buch listet Werke aus der Zeit vor der Magazin-Ära und fasst die insgesamt 2475 Werke zusammen, während das zweite alle Geschichten abdeckt, die von 1926 bis 1936 in Science-Fiction-Magazinen erschienen sind, und 1835 Titel umfasst. Beide Bücher beinhalten thematische Indizes, die aufzählen, welche Geschichten sich mit welchen Themen beschäftigen. Diese Indizes weisen etwa 92 Geschichten aus beiden Perioden aus, die sich auf irgendeine Weise mit zukünftigem Klimawandel beschäftigen, was ungefähr zwei Prozent aller bis 1936 veröffentlichten Geschichten ausmacht. Das mag nur eine geringe Zahl an Geschichten sein, doch wenn man berücksichtigt, dass sonst kaum jemand auf der Welt über die Auswirkungen eines zukünftigen Klimawandels nachdachte, ist es tatsächlich ziemlich eindrucksvoll.

Doch selbst wenn die Science Fiction ein Bewusstsein für einen möglichen Klimawandel und seine schädlichen Auswirkungen geschaffen hat, mag es einen Grund zur Kritik am Umgang der Science Fiction mit dieser Gefahr geben. Dafür muss man sich Hugo Gernsbacks wegweisende Argumente für Science Fiction in Erinnerung rufen: dass Autor*innen nicht nur zukünftige Ereignisse vorhersehen könnten, sondern auch hilfreiche Ideen präsentieren sollten, von der die Gesellschaft profitieren könne. Doch welche Art von Lösung hat die Science Fiction zum Klimawandel vorgeschlagen? Die Antworten, basierend auf meinem Wissen über das Genre, sind erstaunlich beschränkt. In einer überwältigenden Mehrheit von Fällen werden unsere Nachfahren als hilflose Opfer des Klimawandels dargestellt, die den Entwicklungen nichts entgegensetzen können und daher gezwungen sind, sich entweder an die Veränderungen anzupassen oder sich in eine andere Welt zu flüchten. Zu den Geschichten, in denen es darum geht, dass die Menschen von einer transformierten Erde fliehen, gehört Bürgels Der Stern von Afrika, wo ein Wissenschaftler eine Expedition zum Mond startet, in der Hoffnung, dort eine lebensfreundlichere Umgebung für die Menschheit zu finden. John W. Campbells The Voice in the Void (1930) erzählt von Menschen, die dazu gezwungen sind, auf Planeten zu ziehen, die den Stern Beteigeuze umkreisen. In Paul H. Loverings When Earth Grew Cold (1929) wandert die Menschheit auf einen fernen Planeten namens Hope (Hoffnung) aus. In Stanton A. Coblentz’ The Blue Barbarians (1931) wird die Venus als neue Heimat der Menschheit in Betracht gezogen. Und John Wyndhams Worlds to Barter (1931) bietet eine originellere Idee an, indem die Menschen der Zukunft in die Vergangenheit der Erde reisen, um den ungemütlichen Folgen des Klimawandels zu entkommen.

Die relative Abwesenheit von Lösungsvorschlägen für den katastrophalen Klimawandel ist schon etwas überraschend angesichts des beträchtlichen Aufwands, den viele Geschichten betreiben, um Wege zu beschreiben, auf denen die Menschen das schädliche Klima von Planeten wie der Venus oder dem Mars verändern, um sie für Menschen bewohnbar zu machen. Und doch geht die Mehrheit nicht darauf ein, wie die Menschen der Zukunft das schädliche Klima der Erde so ändern könnten, dass sie wieder bewohnbar wird.

Zu diesem Zeitpunkt fällt mir nur eine sehr begrenzte Zahl an Geschichten ein, in denen es um wissenschaftliche Versuche geht, den Klimawandel zu verhindern oder seine Auswirkungen in Nachhinein rückgängig zu machen. Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen es darum geht, wie Menschen in der Zukunft das Wetter der Erde kontrollieren können. Dazu gehören Theodore L. Thomas’ »Die Wettermacher« (1962) und Ben Bovas Projekt Tornado (1967), doch sie präsentieren diese Methoden nicht als eine Möglichkeit, das Klima der Erde dauerhaft zu verändern. In Marius’ »The Sixth Glacier« werden die bedrohlichen Gletscher zerstört, indem man die Meeresströmungen aus den südlichen Gefilden umleitet und eine Art Heizgerät installiert, um sie zu schmelzen, wodurch die Temperaturen schon bald auf ihr normales Niveau steigen. In Kostkos »Earth Rehabilitators, Incorporated« (1935) kehrt die Erde auf unglaubwürdige Weise zu ihrem ursprünglichen Klima zurück, nachdem ein Wissenschaftler eine Methode entdeckt, die verloren gegangene Atmosphäre zurück auf den Planeten zu ziehen. Am Ende von Clarkes Die sieben Sonnen (1956) befinden sich Maßnahmen in Gang, um die Ozeane der Erde wiederherzustellen, entweder dadurch, Wasser aus dem Untergrund an die Oberfläche zu bringen oder Pflanzen zu setzen, um mehr Wasser zu erzeugen. In In der Stickstoffklemme (1980) beschreibt Hal Clement eine zukünftige Erde, auf der durch den Klimawandel sämtlicher Sauerstoff in der Atmosphäre vernichtet wurde, weshalb die Menschen eine spezielle Ausrüstung tragen müssen, um atmen zu können, bis sich zu Besuch kommende Außerirdische an eine Methode erinnern, mit der andere Planeten terraformt wurden, woraufhin sie sich dazu entscheiden, Pflanzen zu erzeugen und zu verteilen, die schrittweise Sauerstoff zurück in die Atmosphäre bringen. Arthur C. Clarke und Stephen Baxter beschreiben in Sonnensturm (2007), wie die Menschheit erfährt, dass böse Aliens einen »Sonnensturm« auslösen werden, dessen Strahlung das Leben auf der Erde vernichten würde. Doch es gelingt ihnen, einen gewaltigen Schild zwischen der Sonne und der Erde zu bauen, der diese Effekte abschwächt – eine Methode, die auch funktionieren könnte, wenn natürliche Veränderungen in der Sonne die Erde weiter aufheizen und die Menschheit gefährden würden. Ein weiteres beängstigendes Szenario, über das Clarke sich Sorgen machte – dass die Sonne langsam erlöschen könnte und die Erde schrittweise einfriert –, spricht der Film Sunshine (2007) an und präsentiert eine unwahrscheinliche Lösung, indem Astronauten zur Sonne geschickt werden, um eine Bombe zu platzieren, die die Sonne neu entzünden soll. Etwas wahrscheinlicher fällt das Szenario in Wolfes DAS BUCH DER NEUEN SONNE aus, in dem er prophezeit, dass unsere fernen Nachfahren eine so fortschrittliche Technologie besitzen, mit der die Sonne neu belebt werden könnte. Und in Jack Williamsons Die Endzeit-Ingenieure (1999) zerstört ein Meteorit das Leben auf der Erde, doch Menschen konnten auf dem Mond überleben und schicken Klone und helfende Tiere und pflanzliches Leben auf die Erde, um dort eine neue lebendige Zivilisation zu etablieren.

Insgesamt kann man die Art, wie der Klimawandel in der Science Fiction behandelt wurde, einerseits als Erfolg ansehen, andererseits muss man sie aber auch kritisch betrachten. Wiederholt haben Autor*innen die verheerenden Folgen zukünftiger Veränderungen des Erdklimas beschrieben, es dabei jedoch weitgehend versäumt, mögliche Methoden zu benennen, mit denen solche Veränderungen verhindert oder wie ihren Auswirkungen entgegengewirkt werden könnte. Vielleicht ist das einfach eine Konsequenz aus den Notwendigkeiten des Geschichtenerzählens: dass es große dramatische Ereignisse geben muss, aufgrund derer die Menschen auf einer drastisch veränderten und nun lebensfeindlichen Erde ums Überleben kämpfen müssen. Zudem bietet es großes dramatisches Potenzial zu beschreiben, wie ein wüstenhafter Planet mit dünner Atmosphäre wie der Mars in eine Nachbildung der Erde transformiert werden könnte. Während deutlich weniger Dramatik in einer Geschichte steckt, die beschreibt, wie man die Erde erfolgreich wieder in jenen so fruchtbaren Planeten verwandelt, der sie einst gewesen war. Doch die Herangehensweise der Science-Fiction-Autor*innen könnte auch als zynisch gewertet werden, reflektiert sie doch ihren Glauben daran, dass die Menschheit schlussendlich daran scheitern wird, jene Probleme zu lösen, die zu einer drastischen Veränderung des Klimas führen werden, und deshalb dazu verdammt sein wird, an den Folgen dieser Vernachlässigung zu leiden. Die optimistischste Vision kommt von Hal Clement, der darauf zählt, dass Außerirdische eingreifen werden, um die Menschheit vor den Torheiten ihrer Vergangenheit zu retten.

Bleibt zu hoffen, dass die Menschheit aufgrund der sehr wahrscheinlichen Abwesenheit außerirdischer Retter selbst in der Lage sein wird, die notwendigen Maßnahmen gegen zukünftige Katastrophen bedingt durch die von Menschen ausgelösten Klimaveränderungen zu ergreifen. Wie auch immer, es scheint, als würden die nützlichsten Ideen für wissenschaftliche Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels – wie die Freisetzung von gewaltigen Mengen an Material in der oberen Erdatmosphäre zur Reduzierung von Kohlenstoffdioxid – von besorgten Wissenschaftler*innen kommen und nicht von Science-Fiction-Autor*innen. Trotzdem kann die Science Fiction weiterhin einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Bedrohung durch einen katastrophalen Klimawandel zu lenken, und sie dazu inspirieren, präventive Maßnahmen in Angriff zu nehmen.

Bei diesem Essay handelt es sich um einen Originalbeitrag.

Wir danken Fritz Heidorn für die Vermittlung.

Deutsch von Markus Mäurer.

Silke Brandt

»All Humans Must Die!«

Pessimistischer Posthumanismus im Klimawandel

Die Kombination von Science Fiction und dem Motiv des Klimawandels erscheint auf den ersten Blick als etwas Selbsterklärendes. Die Ausbeutung von Naturressourcen und die Folgen der Energiegewinnung – Umweltverschmutzung, globale Erwärmung und Zerstörung von Habitaten – sind längst wissenschaftlich belegt, werden aber erst in der Zukunft ihre vollen Konsequenzen entfalten. Das Thema eignet sich für Dystopien und Social Science Fiction, aber auch für utopische Abenteuergeschichten, die ihre Warnung nur ganz am Rande aussprechen. CliFi ist inzwischen ein Genre mit eigenen Unterkategorien wie zum Beispiel Postapokalypse, Ecocollapse, Solarpunk und ClimatePunk, bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Folgen des Klimawandels selten mehr als eine Kulisse sind, in der sich davon losgelöste Konflikte abspielen – Konflikte, die sich ebenso gut in einem historisch-ruralen Setting erzählen ließen. Auch werden die eigentlichen Ursachen für Ökokollaps bzw. Klimawandel nicht thematisiert: Überbevölkerung (auf Englisch prägnanter: human overbreeding) und Speziesismus, beides unterstützt von verschiedenen Religionen.

In diesem Beitrag werde ich an ausgewählten Beispielen die Gründe untersuchen, aus denen eine Climate Science Fiction sehr viel komplexer ist als nur ihr dystopisches Setting, und worin die Schwierigkeiten liegen, entsprechende Geschichten mit traditionellem narrativem Handwerkszeug zu erzählen. Danach werde ich die Prämissen, Motive und Themen untersuchen, die sich hinter einer CliFi verstecken und die einen – möglicherweise unbewussten – Subtext aufzeigen: Dystopien nicht mehr als Warnung verstanden, sondern als eine vorweggenommene Melancholie alles Verlorenen; die Faszination am Abandoned, am vom Menschen aufgegebenen Kulturraum. Die Welt ohne uns als neue Utopie.

Hierbei verwende ich den Begriff des Posthumanismus nicht alternativ zum Transhumanismus – der durch Technik und Medizin weiterentwickelte Mensch beziehungsweise die empfindungsfähige künstliche Intelligenz (KI) –, sondern als Epoche nach dem Aussterben des heutigen Menschen.

Von der utopischen Gesellschaft zur Postapokalypse – Klimawandel als literarischer Konflikt

»Ambition ist eine Droge, die aus ihren Süchtigen potenzielle Wahnsinnige macht.« [1]

Wie die Science Fiction selbst, lässt sich das erzählte Anthropozän – das Zeitalter der maßgeblichen Umweltbeeinflussung durch den Menschen – in Utopie und Dystopie aufteilen.

Utopien begründeten die SF als Genre, entwarfen in Zeiten der Aufklärung und sozialer Emanzipation ein Ziel, auf das sich die Menschheit idealerweise »zuentwickeln« würde: Thomas Morus’ Utopia (1516), Louis-Sébastien Merciers L’An 2440 (1771, dt. Das Jahr 2440: ein Traum aller Träume) und Betje Wolffs Holland in ’t jaar MM CCCC XL (1777, dt. Holland im Jahr 2440).

Die Industrialisierung versetzte dem Entwurf einer unbedingt positiven Entwicklung säkular-demokratischer Gesellschaften einen ersten Dämpfer: Mary Shelley verband in ihrem Frankenstein or The Modern Prometheus (1818, dt. Frankenstein oder Der moderne Prometheus) zum ersten Mal die Genres Horror und SF. Der Roman könnte im Hinblick auf Medizin auch als Dystopie verstanden werden, in dem eine dunkle Seite des Transhumanismus erzählt wird: Aus den utopischen Träumen eines Wissenschaftlers erwächst kein Triumph über die Sterblichkeit, sondern ein untotes Monster, dem kein Platz in der Sozialgemeinschaft zugestanden wird. Dieser Mechanismus spiegelt sich in aktueller Praxis wie auch in SF-Erzählungen seit den 1960ern wider: Dem ökologischen Fallout technisch-medizinischer Errungenschaften werden weitere Innovationen entgegengesetzt – die Kernenergie befreit uns von der Rohölindustrie, plastikfressende Bakterien vom Trash Vortex, und wenn alles nicht mehr hilft, bleibt noch die Besiedlung anderer Planeten. Dabei sitzen wir erneut der gleichen Naivität eines Neustarts auf, die jenen ersten Utopien anhaftet.

Die Folgen unseres Handelns sind kein in die Zukunft projiziertes Schreckensszenario, sondern geschehen bereits im Hier und Jetzt. In seinem Essay »(Post)Human Temporalities: Science Fiction in the Anthropocene« schreibt Jonathan Hay: »Der Begriff ›Anthropozän‹ ist allerdings kein Ausdruck von Hybris, sondern eine selbstbezichtigende Einsicht, dass die globalen Veränderungen ausgelöst werden durch das unerhörte Versagen unserer Spezies, in einer gegenseitigen Interaktion mit der Erde zu leben. Die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels werden nicht nur das Fortbestehen unserer eigenen Spezies gefährden, sondern – auf lange Sicht – die Existenz eines Großteils allen Lebens auf der Erde.« [2]

Erzählende Prosa besitzt als zentrale Elemente einen literarischen Konflikt und eine Entwicklung der Protagonisten beziehungsweise Erzählenden. Eine postapokalyptische SF, die keine Alien-Invasion oder Krieg der Welten enthält, sondern von der Erde im Klimawandel oder nach dem ökologischen Kollaps berichtet, hat jedoch weder einen unvorhergesehenen Twist noch eine Charakterentwicklung. Das Leben derjenigen, die eine Geschichte erzählen könnten, ist ausgelöscht, und was bleibt, ist der Schauplatz – ohne einen Schauenden. Persönliche Einsicht, Entwicklung und sogar humanoide Evolution werden irrelevant ob des Ausmaßes der Zerstörung nicht humanen Lebens. Und möglicherweise bleibt uns nur die Kapitulation: »›Ein einziges individuelles Opfer [die Art, wie es in reichen westlichen Ländern als Änderungen des Lebensstils propagiert wird: reduzierter Konsum, Einfachheit und Lokalität] ist bedeutungslos, wenn es nicht von einer breiteren, systematischen sozialen Veränderung getragen wird.‹ Wir leben gleichzeitig in einer Kultur des Individualismus und in einer Welt, in der nahezu jegliche signifikante Veränderung jenseits individueller Kontrolle ist. Realistische Beispiele für den Ökokollaps und das Aussterben des Menschen können helfen, uns Einzelnen zu ermöglichen, jenseits einer vagen Idee vom ›Aussterben einer gesamten Spezies‹ den Tod selbst zu akzeptieren.« [3]

Wie David Wallace-Wells im Kapitel »Storytelling« seines The Uninhabitable Earth – A Story of the Future ausführt [4], ist die Klima-Postapokalypse, obwohl sich CliFi als ein neues Untergenre etablierte, zwar ein Schauplatz, aber selten literarischer Konflikt. Plots behandeln häufig einen retro-ruralen Kampf um Ressourcen und Territorium; CliFi Geschichten sind letztlich traditionelle Last Frontier-Storys, die vor einem endzeitlichen Hintergrund erzählt werden – in einem wüstenähnlichen Niemandsland, nuklearen Winter oder einer Inselwelt inmitten eines globalen ›Land Unters‹. Amitav Ghosh schreibt: »Ich habe erkannt, dass die Herausforderungen, die der Klimawandel für den zeitgenössischen Schriftsteller darstellt, obwohl sie spezifisch sein können, auch Produkte von etwas Breiterem und Älterem sind. Dass sie letztendlich ein Raster literarischer Formen und Konventionen bilden, die die narrative Vorstellungskraft genau in jener Zeit prägen, als die Ansammlung von Kohlenstoff in der Atmosphäre das Schicksal der Erde neu schrieb.« [5]

Ging es in diesem Kapitel um die Schwierigkeiten, Prämissen und literarische Konflikte zu erdenken, die tatsächlich Aussagen über den Klimawandel erlauben, behandelt das folgende jene Problemfelder, die als Auslöser für den menschgemachten Klimawandel gelten: das Reproduktionsverhalten der Menschen, die Zerstörung des eigenen Habitats durch Ausbeutung und Verschmutzung.

Homo sapiens, eine invasive Spezies

»Wir haben die Seuche Mensch; eine Krankheit, bei der die Welt vom Menschen infiziert ist.« [6]

Die berühmte Studie des Club of Rome (Die Grenzen des Wachstums, 1972), einer der maßgebenden Auslöser für die erste regierungsrelevante Umweltbewegung, wurde nur unwesentlich nach einer Reihe von pessimistischen SF-Erzählungen veröffentlicht, die vergleichbare Schlüsse zogen. Allen voran Harry Harrisons Roman Make Room! Make Room! (1966, dt. New York 1999) und die Neufassung als Kurzgeschichte »Roommates« (1971, dt. »Wohngemeinschaft«). Beide dienten dem Film Soylent Green (1973, dt. Jahr 2022 – Die überleben wollen) als Inspiration. Zum Unmut des Autors änderte die Verfilmung jedoch den Hauptkonflikt: Während Harrison die Klimakatastrophe mit human overbreeding in Abhängigkeit bringt, schockte Soylent Green mit indirektem Kannibalismus. Der Film erscheint damit stärker fiktional und fordert keine Verhaltensänderungen seitens seiner Zuschauer. Besonders Harrisons »Roommate« ist eine effektive Parabel auf menschgemachten Klimawandel, Ressourcenknappheit und die Überbevölkerung: Der Polizist Andy Rush ist gezwungen, sein winziges Apartment mit einer mehrköpfigen Familie zu teilen, die ihre rücksichtslos alles zerstörenden und verschlingenden Kleinkinder ohne Sozialbewusstsein agieren lässt. Aggressiv und grausam zertrampeln sie die selbst angebauten Pflanzen und die letzten gesunden Lebensmittel. Rush steht diesem Ansturm ebenso hilflos gegenüber wie die Lesenden selbst den globalen Folgen einer exponentialen Vermehrung einer singulär-dominanten Spezies, deren Alleinstellungsmerkmal unter anderem ist, dass sie bewusst ihr eigenes Habitat zerstört.

Thomas M. Disch hält der Menschheit in seinem Roman The Genocides (Die Feuerteufel, 1965) einen Spiegel vor: »Auf einer anderen Ebene allegorisiert [er] die biotische Invasion der Neuen Welt, was in der Massenvernichtung aller ursprünglichen Kulturen und Lebensweisen mündete. Wie die Europäer in Amerika rekonfigurieren die Aliens das vorgefundene Ökosystem gemäß ihrer eigenen Bedürfnisse, wobei sie erst die Ureinwohner ignorieren und sie dann – wenn es einen Konflikt der Kultivierungsmethoden gibt – brutal auslöschen. Wie die erwähnte Historie des ökologischen Imperialismus zeigt, ist die effektivste Methode des Genozids die Veränderung der Umwelt durch die Invasoren, die sämtliche Methoden ursprünglichen Anbaus buchstäblich unmöglich macht. [7] Amitav Ghosh verfolgt diesen Gedanken weiter: »Das Anthropozän hat die temporale Ordnung der Moderne umgekehrt: Diejenigen, die an den Rändern [der Industriegesellschaften] existieren, erleben die Zukunft, die uns allen beschieden ist, nun als erste.« [8]

Der Bericht des Club of Rome spiegelte sich nicht nur in SF-Erzählungen kurz vor und nach seiner Veröffentlichung wider, sondern brachte eine politische Bewegung hervor: ZPG / Zero Population Growth. »Die Organisation beschränkte sich nicht auf Filmvorführungen und das Verteilen von Kondomen. Sie regte auch Änderungen in bevölkerungspolitischen Maßnahmen und Abtreibungsgesetzen an und eröffnete Vasektomie-Kliniken.« Z. P. G. war auch der Titel eines SF-Films von 1972, dessen Ausrichtung einem der Slogans der Bewegung entspricht: »Stop Heir Pollution!«. [9]

Heute ist das Problem nicht mehr so kompromisslos anzusprechen wie in den 1970ern, wobei die Gründe einerseits in einer gut gemeinten Political Correctness und andererseits dem Einfluss patriarchal-konservativer Glaubensmuster liegen könnten. Religion als gesetzlich geschütztes Persönlichkeitsrecht macht human overbreeding inzwischen zu dem sprichwörtlichen Elefanten im Raum, der – um die irrationalen Gefühle Gläubiger nicht zu verletzen – nur mit äußerster Vorsicht angesprochen werden kann. Die daraus resultierende Verzögerung kann sich unsere Spezies allerdings nicht mehr erlauben. Als augenzwinkernde Kritik findet sich das Thema daher inzwischen sogar im Mainstream: In einer Episode der kanadischen TV-Serie MURDOCH MYSTERIES übernehmen empathische Aliens die Kontrolle über das Sozialverhalten der Menschen und erklären: »Alle Menschen müssen sterben, George, sodass alle anderen Kreaturen auf dieser Welt leben können!« [10] Dabei zeigt die Episode eine ungewöhnliche Variante ihres typischen Optimismus: Die Aliens sind erfolgreich; menschliches Verhalten, wie wir es kennen, wird ausgelöscht.

In den 1940ern und 50ern noch Aufbruchstimmung, ist das Entkommen ins All inzwischen eine Verzweiflungstat; ein Manöver des letzten Augenblicks. Wie in der Teerunde in Alice im Wunderland rücken wir weg von unserem dreckigen Geschirr … einen Platz bzw. Planeten weiter. In der Konsequenz verwischen herkömmliche Konnotationen von Fortschritt und Rückschritt. Das folgende Kapitel untersucht dies vor dem Hintergrund des Klimawandels.

Soylent Green – Eine grüne Dystopie?

»Und so wurde die Zukunft geboren, die Vision eines unumstößlichen Glücklichseins, ein konstruiertes Paradies, in dem kein Zufall existiert. Solch eine Sache zu beschreiben würde bedeuten, den Bereich des Unvorstellbaren zu betreten.« [11]

Obwohl an postapokalyptischen Schauplätzen angesiedelt, kann der Klimawandel in der SF durchaus gemäß der klassischen Utopie erzählt werden: Ronald Wrights A Scientific Romance lässt den Nachbau von Wells’ Zeitmaschine in einem menschenleeren London landen. Tropische Pflanzen, Papageien und ein schwarzer Panther besiedeln die Ruinen. Der Erzähler trifft schließlich in Schottland auf evolutionierte Highlander, deren melaninpigmentierte Haut sich den Konsequenzen der Ozonlöcher angepasst hat. Und anders als der oft unpolitische Steampunk reflektieren »Klimapunks« aktuelle Protestbewegungen, die auf Verantwortung, Sozial- und Umweltbewusstsein abzielen. In der Einleitung zur Anthologie Sunvault rekurriert Andrew Dincher auf Xtinction Rebellion und versucht, die Leserschaft mit einer Aussicht auf eine positive Zukunft zu engagieren. [12] Und im Vorwort zur gleichnamigen Anthologie schreibt Herausgeberin Liz Grzyb: »EcoPunk – Speculative Tales of Radical Futures untersucht, inwiefern die Menschheit die dramatischen Veränderungen ihrer Umwelt bewältigen könnte, und wie sie lernen könnte, diese als neue Normalität zu betrachten.« [13]

Während die überwiegende Mehrheit der Geschichten dieser Anthologien, wie auch Drowned Worlds – Tales From the Anthropocene and Beyond actionreiche Unterhaltung und teils fantasyartige, exotische Schauplätze bieten, zeigt Dmitry Gluchovskys smogbelastetes, stickiges Überbevölkerungs-Szenario Futu.re (2013) die Welt einer despotischen Oberschicht und empathieloser Bevölkerungskontrolle. Ähnlich wie im oben erwähnten Film Z. P. G. ist das Reproduktionsrecht eingeschränkt: Jedes Neugeborene muss angemeldet werden, illegale »Überproduktionen« werden von einem SS-artigen Sonderkommando getötet. Der Roman beginnt mit dem Schicksal einzelner Familien, wobei der Erzähler aufseiten der Exekutive steht. Eine Begegnung lässt ihn jedoch umdenken und er stellt sich auf die Seite der Rebellen, die unbegrenzte Reproduktion fordern. Anders als sein philosophischer, weitsichtig-pessimistischer Erstling Metro 2033 – in dem Glukhovsky die Spezies Homo sapiens in einem verzweifelten Genozid ihre eigene perfektionierte Mutation auslöscht und damit auch ihr eigenes Schicksal besiegelt –, beginnt Futu.re mit einer ebenso scharfsichtigen Prämisse, erliegt aber dem sentimentalen Motto »(M)Einer geht noch!« und lässt den Roman anstatt in einer sozialeren Welt mit einer Glorifizierung des human overbreeding enden. Die Durchsetzung individueller Wünsche wird über das Überleben des Planeten gestellt – eine unzeitgemäße, kurzsichtige und hier reaktionäre Position, die ihre Prämisse einer durch Überbevölkerung zerstörten Welt schließlich ignoriert. Das Buch spiegelt damit die Haltung realer Menschen wider, die nicht weiter als bis zur eigenen Generation blicken: eine SF, die die Zukunft ignoriert.

In seinem Manifest A Critique of Affirmative Morality. A Reflection of Death, Birth and the Value of Life kritisiert der emeritierte Philosophieprofessor und Filmtheoretiker Julio Cabrera das vordergründig empathische Recht auf unbeschränkte menschliche Reproduktion:

»Bejahende Gesellschaften interpretieren ›nihilistisch‹ als jedweden Versuch, der Nichtexistenz einen positiven Beiklang zu verleihen. Sie ziehen es vor, einer Moralvorstellung zu folgen, die alles Nicht-Sein als etwas ›Böses‹ interpretiert. Die ›Anwesenheit des Bösen in der Welt‹ – eine der Prämissen der Theodizee – wird getragen von einer rein negativen Interpretation des Nicht-Seins; im Gegensatz zum Sein als ein unproblematisches Affirmativ, in dem Nicht-Sein lediglich bis in die Unendlichkeit ›vertagt‹ wird.« [14]

Die Ablehnung, die Bevölkerungskontrolle bei vielen auslöst, liegt nicht nur im Egoismus – dem Willen nach Selbstverwirklichung – und religiösen Doktrinen begründet: Wo die natürliche Selbstregulation versagt, muss die Politik eingreifen. Alle mir bekannte SF, die human overbreeding zum Thema nimmt, spielt in totalitären Staaten. Ganz gleich, ob die Dezimierung der Homo sapiens als utopisch oder dystopisch dargestellt wird, gerät die Forderung nach Zero Population Growth (ZPG) zu einem Konflikt. Dessen Ursprung mag in den ersten Schriften liegen, die sich mit dem problematischen Runaway Population Growth beschäftigten, allen voran Thomas Robert Malthus’ An Essay on the Principle of Population (1798, dt. Bevölkerungsgesetz). Diese Theorien verlangten eine Eindämmung der Reproduktion nur der Arbeiterklasse, nicht des Bildungsbürgertums, womit ihre Konzepte in heutiger Zeit nah an nazistische Euthanasie oder Rassismus geraten. Dass die exponentielle Vermehrung des Homo sapiens ebenso wenig möglich ist wie unendliches Wirtschaftswachstum, steht jedoch außer Frage. Der Speziesismus der Postmoderne (vgl. Donna Haraway und Jacques Derrida) stellt ZPG jedoch in einen globalen Kontext von der Gleichberechtigung aller Spezies und sollte so die Möglichkeit zu einer zukünftigen kritischen SF eröffnen: »Da diese Ökokollaps-Fiktionen keine moralisch lehrreichen Spekulationen mit

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