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Tod in engen Gassen: Paul Pecks achter Fall. Österreichkrimi
Tod in engen Gassen: Paul Pecks achter Fall. Österreichkrimi
Tod in engen Gassen: Paul Pecks achter Fall. Österreichkrimi
eBook315 Seiten4 Stunden

Tod in engen Gassen: Paul Pecks achter Fall. Österreichkrimi

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Über dieses E-Book

Hallein, eine malerische, verwinkelte Stadt im Salzburger Land. Hilde Gabler, eine hübsche Witwe, wendet sich an Paul Peck. Sie hat entsetzliche Angst. Ihr Mann ist vor die S-Bahn gestürzt. Selbstmord, sagt die Polizei. Hilde glaubt nicht an Selbstmord. Und seit einigen Tagen fühlt sie sich von einem Mann verfolgt. Rätselhafte Dinge gehen in dem Unternehmen vor sich, das Hildes Ehemann vor Jahren gegründet hat und das jetzt vor dem Bankrott stehen soll. Wo sind die Firmenmillionen geblieben? Und warum stürzt genau jetzt einer der Geschäftsführer mit einem Kleinflugzeug in den Tod? War es ein Unfall? Detektiv Paul Peck steht vor einem Rätsel. Er stößt auf gewaltbereite Firmenchefs, auf einen leeren Sarg – und auf eine weitere Leiche. Nach und nach kommt er einem grausamen Geheimnis auf die Spur und gerät selbst in tödliche Gefahr. Paul Peck und sein unkonventioneller Mitarbeiter Braunschweiger ermitteln in Hallein vor der atmosphärischen Kulisse des Salzburger Landes. Ein neuer Fall und der achte Band in der Serie um den Privatdetektiv Paul Peck.

SpracheDeutsch
HerausgeberFederfrei Verlag
Erscheinungsdatum1. Okt. 2021
ISBN9783990741689
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    Buchvorschau

    Tod in engen Gassen - Max Oban

    Personen

    Baumgartner Ralf (»Wabbelbauch«): Projektmanager im Unternehmen

    Brandner Julius: Halleiner Bestattungsunternehmer

    Braunschweiger: Pecks Mitarbeiter und Assistent

    Dahlkamp Boris: Proaktiv agierender und ergebnisorientierter Firmenbesitzer

    Dahlkamp Sylvia: Seine Ehefrau

    Dahlkamp Daniel: Deren älterer Sohn

    Dahlkamp Simon: Deren jüngerer Sohn

    Dolezal Georgius: Nicht immer sympathischer Nachfolger Funkes im LKA Salzburg

    Freiwald Kurt, Dr.: Leiter der Gerichtsmedizin

    Funke Leopold: In Ehren ergrauter Kripo-Beamter in Salzburg

    Fürberg Georg: Mitarbeiter des Bestatters Julius Brandner

    Gabler Hilde: Attraktive Halleinerin

    Gabler Stefanie: Ihre Tochter

    Holzapfel Konrad: Pilot und Opfer des Flugzeugabsturzes

    Hölzl Katharina, Dr.: Direktorin eines interfakultativen Fachbereichs der Universität

    Klupka Karl (»Herr Karl«): Hildes aufdringlicher Nachbar

    Messner Franz: Hausmeister

    Mössbauer Peter: Chef der ÖBB Leitstellen in Salzburg Peck Paul: Chef des Detektivbüros Seriosität & Durchblick

    Padberg Horst: Zweiter Geschäftsinhaber im Unternehmen

    Padberg Ute: Seine Frau

    Polinsky Anton, Dr.med.: Facharzt für Allgemeinmedizin in Marktschellenberg bei Berchtesgaden

    Polperer Roman: Mitarbeiter von Dr. Hölzl

    Sophia: Buchhändlerin in Salzburg, verständnisvolle und freche Gefährtin Pecks

    Stricker Bernhard: Bankdirektor

    Wüst Roland: Architekt in der Firma

    Kapitel 1

    »Sunday is gloomy, my hours are slumberless.«

    Das traurige Lied aus dem Radio passte zu ihrer Stimmung. Vom Küchenfenster aus starrte sie auf die regennasse Straße hinunter, auf der ab und zu ein Auto vorbeifuhr. Langsam legte sich die Dämmerung über die Stadt.

    Lächelnd sah sie Herrn Klupka zu, der mit seinem Hund um die Ecke bog. Beide watschelten den Gehsteig entlang, übergewichtig und bedächtig. Karl Klupka, der es seit Jahren auf sie abgesehen hatte. Als Einzige in ihrem Haus durfte sie ihn Herr Karl nennen. Dummerweise war sie auf den Vorschlag eingegangen, den ihr Klupka gemacht hatte, als sie in das Haus eingezogen war. Viele Jahre her. Der Mann wohnte ein Stockwerk über ihr und, begleitet von einem augenzwinkernden, ordinären Lächeln, erkundigte er sich jedes Mal, wenn sie sich zufällig trafen, wie es ihr gehe. Und wann sie endlich seine Einladung annehmen würde. »Zum Abendessen und so … Machen Sie mir doch die Freude.«

    Der Herr Karl blieb an einer der alten Kastanienbäume vor dem Haus stehen und wartete, bis der kleine Foxterrier sein Geschäft beendet hatte. »Machen Sie mir doch die Freude. Ich kenne ein kleines Beisl gleich in der Nähe. Hervorragender Schweinsbraten mit herrlich fluffigen Semmelknödeln«. Sie mochte weder Beisln, noch fetten Schweinsbraten mit Knödeln. Und sie mochte das ordinäre Augenzwinkern von Herrn Klupka nicht, mit dem er sein Werben begleitete. Wie alt er wohl war? Vielleicht etwas älter als sie. Oder so alt wie Martin, Gott hab ihn selig…

    Die roten Leuchtziffern an dem Schmuckgeschäft gegenüber zeigte die Uhrzeit. Neunzehn Uhr zweiunddreißig. Und sechzehn Grad Celsius. Sie sah zum Himmel. Alles grau verhangen. Ein schwarzer Vogel erhob sich flatternd von einem der Äste und flog nach oben, bis er ihren Blicken entschwand. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Sonntagen, als ihr Mann noch lebte.

    »Gloomy is Sunday with shadows I spend it all

    My heart and I have decided to end it all.«

    sang die düstere Stimme im Radio.

    »I have decided to end it all…«

    Energisch schaltete sie das Radio aus und ging ins Wohnzimmer. Auf dem niedrigen Tisch neben der Couch lag ein Roman und ihr fiel ein, dass sie nicht einmal wusste, worum es in dem Buch ging. Es lag schon wochenlang neben der Leselampe, ohne dass sie es aufgeschlagen hatte.

    Was sollte sie jetzt tun? Gelangweilt schaltete sie den Fernseher ein. Offenbar hatte sie einen Nachrichtenkanal erwischt. Ein seriös aussehender Mann las mit monotoner Stimme Texte vor, die sich wie Berichte zur Lage des Landes anhörten. Wenn der Fernseher läuft, so will man sich entspannen, sagte sie sich, man will unterhalten aber nicht belehrt werden.

    Fernsehen stiehlt einem die Zeit und ist folgedessen etwas Unvernünftiges. Sie musste lächeln, als ihr der Satz einfiel, den ihre Tochter Stefanie einmal gesagt hatte. Vorwurfsvoll natürlich. In den Fernsehapparat zu glotzen bezeichnete sie als passive Freizeitgestaltung und puren Zeitvertreib. Die Zeit vertreiben … das war natürlich nach Meinung ihrer Tochter total verboten.

    Auf einem anderen Sender lief ein Fernsehspiel, in dem sich drei dunkel gekleidete Menschen aufgeregt miteinander unterhielten. Sie wusste zwar nicht, worum es ging, ließ aber den Fernseher eingeschaltet. Es beruhigte sie, die Stimmen zu hören. Das vertrieb das Gefühl, allein zu sein.

    Nach einigen unruhigen Schritten in die Küche und wieder zurück trat sie ans Fenster, zog den Vorhang ein wenig beiseite und schaute durch den Spalt auf die Straße. Sie erstarrte. Auf dem Gehsteig gegenüber stand ein Mann. Er war ihr schon einmal aufgefallen. Vor zwei oder drei Tagen. Regungslos stand die stämmige Gestalt in der Dunkelheit zwischen zwei Straßenlampen. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. So als ob er kein Gesicht hätte. Nur die Füße waren ins Licht getaucht. Als sich die Gestalt etwas bewegte, fiel ihr der breitkrempige Hut des Mannes auf, der langsam den Kopf hob. Schaute er zu ihr herauf? Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sich ihre Blicke trafen. Erschrocken schloss sie den Vorhang und trat einen Schritt zurück. Angst schnürte ihr die Kehle zu.

    Sie beschloss, in den Nebenraum zu gehen. Von dort müsste sie den Mann besser beobachten können. In der Dunkelheit des Schlafzimmers fühlte sie sich wohler. Sie sah aus dem Fenster. Der Mann war verschwunden. Eine Weile verharrte sie in Ruhe und starrte auf den gegenüberliegenden Gehsteig. Das Fenster war gekippt und sie lauschte auf die Geräusche von draußen. Von der Ferne hörte man den Autolärm von der Hauptstraße. Der Wind war stärker geworden und zerrte an den Ästen der Bäume in der schmalen Straße. Vorsichtig schob sie die Gardine zur Seite, näherte sich mit ihrem Kopf dem Fenster und versuchte zu erkennen, ob jemand auf dem Gehsteig gegenüber stand. Aber da war niemand.

    Von irgendwoher war ein klopfendes Geräusch zu hören. Das kam nicht von draußen. Mach dich nicht verrückt, sagte sie sich, während sie zurück ins Wohnzimmer ging. Wahrscheinlich kam das Geräusch von der Heizung. Der Herr Karl fiel ihr ein, der vor kurzem mit seinem Hund ins Haus gekommen war. Hoffentlich hat er nicht wieder vergessen, die Eingangstür zuzusperren.

    Unschlüssig wanderte ihr Blick von der kleinen Anrichte, auf der ihr Telefon lag, zum Fenster. Da stand der Mann wieder genau vor ihrem Haus und sah zu ihr herauf. Reflexartig zuckte sie vom Vorhang zurück. Der Herr Karl … einen Moment überlegte sie, zu ihm hinaufzugehen und ihn um Hilfe zu bitten. Doch rasch verwarf sie den Gedanken. Zu viele Nachteile.

    Vor der Vitrine stehend blätterte sie lange in den Gelben Seiten des Telefonbuchs. Dann griff sie nach ihrem Handy.

    Kapitel 2

    Er hatte keine Ahnung, weshalb er zu diesem Treffen in die Firma gerufen wurde. Noch dazu an einem Sonntag. Aus gegebenem Anlass, stand in dem Mail. Horst, der ihm auf der Treppe entgegenkam und mit einigen Aktenordnern bepackt war, blieb kurz auf der Treppe stehen und deutete mit dem Kinn nach oben. »Wir treffen uns bei Boris im Büro. Ich bin in fünf Minuten bei euch.«

    »Wer kommt noch?«

    Die Aktenordner, die Horst wie einen Stapel Brennholz in den Armen hielt, drohten zu verrutschen und er zappelte herum. »Außer dir noch Boris und Roland.«

    Bei Boris im Büro … Also war es kein offizielles Treffen der Gesellschafter.

    Er sah auf die Uhr und ging langsam die Stiege nach oben. Eine Besprechung zu viert, die beiden Inhaber und er mit Roland als sogenannte Mitglieder der Geschäftsleitung. Sogenannt und geduldet. Ob er heute erfahren würde, wie es tatsächlich um ihre Firma stand? Aber wahrscheinlich wollte sich Boris nur in den Urlaub verabschieden. Der faule Hund. Das kleine Messingschild neben der Tür war blank poliert.

    Boris Dahlkamp

    Bauunternehmen GmbH

    Renovierung – Neubau - Planung

    Präsident

    Das Büro war leer. Baumgartner pflügte sich durch den dicken Teppichvelour und stellte sich ans Fenster. Es war später Vormittag und auf der Wüstenrotstraße war wenig Verkehr. Kindergeschrei drang an sein Ohr. Auf der gegenüberliegenden Seite turnten Kinder auf einem hölzernen Kletterturm und er konnte das Geschrei bis herauf hören.

    Roland und Horst betraten den Raum, murmelten eine Begrüßung und gaben sich die Hände. »Schönen Sonntag«, sagte Ralf. Keiner sah ihn an. Boris Dahlkamp stieß mit dem Fuß gegen die Tür und schob einen klapprigen Servierwagen herein, auf dem sich zwei Flaschen Rotwein, Käse in mundgerechten Stücken und einige in Scheiben geschnittene Weißbrote befanden.

    »Weil ich ab dem heutigen Abend auf Urlaub bin.« Boris zeigte sein unsympathisches Lächeln.

    »Und deshalb holt ihr mich am Sonntag hierher?«, sagte Roland mit ärgerlicher Stimme. »Ich hoffe, es gibt noch andere Themen zu besprechen oder wenigstens was Ordentliches zu trinken.«

    Boris lächelte in die Runde und deutete auf den Servierwagen. »Bedient euch. Dort wo ich hinfahre, heißt der Käse Bavaria Blu und schmeckt wie alles in Bayern nach duftenden Almwiesen und glücklichen Kühen. Genau da, wo ich ab morgen anzutreffen bin.« Er grinste. »Nur der Rotwein kommt aus Italien.

    Horst Padberg gähnte herzhaft und hielt sich erst die Hand vor den Mund, als ihn alle ansahen. »Und am Firmenjubiläum erzählen wir allen, dass du wegen Urlaubs nicht teilnehmen kannst.«

    »Meine Sekretärin hat meine motivierende Ansprache auf Video aufgezeichnet. Und am Firmenabend können mich unsere Leute auf der Leinwand bewundern. Im Übrigen erzählt keiner von euch, dass ich auf Urlaub bin. Ich befinde mich ab heute auf einer wichtigen Dienstreise in den Arabischen Emiraten.« Er sah grinsend auf die Uhr. »In genau zwei Stunden bin ich schon in den bayerischen Bergen.«

    »Wo genau?«

    »Unterwössen. Ich mag den Flugplatz. Für mich einer der schönsten in den Alpen. Nördlich liegt der Chiemsee, und ringsherum Geigelstein, Hochplatte und der Hochgern. Alle knapp unter 2000 Meter. Ein super Ausgangspunkt für Streckenflüge in die Chiemgauer Alpen.«

    Baumgartner sah zu, wie sich Horst Padberg einige Käsestücke umständlich auf den Teller schaufelte. Dann wandte er sich Boris zu. »Ich wünsche dir gutes Flugwetter. Bleibt deine Frau in Hallein?«

    »Natürlich. In Unterwössen wird übrigens Premiere gefeiert. Ich besteige das erste Mal mein neues Flugzeug.«

    »Kannst du dir das leisten? Bei dieser beschissenen Auftragslage.« Er deutete auf Roland Wüst, der sich bereits das zweite Glas Wein einschenkte. »Unser Architekt mit seinen Leuten hat schon seit Wochen kaum Arbeit. Das lässt für den Rest des Jahres nichts Gutes erwarten.«

    Dahlkamps Lächeln verschwand. »Wabbelbauch, so eine Rede steht dir nicht zu.« Er stellte sein Weinglas ab, griff in die Innentasche seines Blazers und warf lässig eine Fotografie auf den Tisch. »Voilà! Eine Cessna 162, genannt Skycatcher. Ich habe sie fast neuwertig gekauft. Ein kleines, bescheidenes Flugzeug übrigens. Es steht am Flughafen Unterwössen im Hangar.«

    Baumgartner konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ein kleines Flugzeug für einen kleinen Piloten. Noch im Sitzen sah man, dass Boris nicht einmal ein Meter siebzig groß war. Das schwarze Haar trug er straff zurückgekämmt, was ihm einen strengen und selbstbewussten Eindruck gab.

    »Warum parkt dein Flugzeug eigentlich in Bayern? Es gibt ja auch bei uns schöne kleine Flugplätze.«

    Boris machte eine Handbewegung, aus der man nicht ableiten konnte, ob sie etwas Negatives oder Positives ausdrücken sollte. »Leider hat die Cessna 162 in Österreich keine Zulassung. Die Deutschen sind da großzügiger.« Er klopfte mit dem Zeigefinger auf die Fotografie, die aber offenbar keinen interessierte. Horst lümmelte auf dem Stuhl und deutete auf das Foto. »Wieviel hat der Skycatcher dir und der Firma gekostet?«

    »Horst, deine Anspielung ist obszön. Eine gebrauchte Maschine, weniger als hunderttausend und jeder Euro von meinen privaten Ersparnissen.«

    Einen Moment war es still im Raum. Baumgartner überlegte, wie er das Gespräch in ruhigere Gefilde bringen könnte.

    »Horst ist für die Finanzen verantwortlich. Und er weist zurecht darauf hin, dass sich die Firma in einer prekären Geschäftslage befindet. Unsere lukrativen Projekte im Salzburger Land sind abgeschlossen und abgerechnet. Also fragen wir uns, wo die neuen Aufträge bleiben, die uns die Zukunft sichern sollen. Zumindest die nächsten Monate.«

    Von dem Spielplatz auf der anderen Straßenseite tönte lautes Kindergeschrei herüber. Roland ging auf etwas wackeligen Beinen zum Fenster und schloss es. »Martin fehlt uns. Er hatte die Verbindungen, die man im Vertrieb braucht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich mit seinem Tod unser gesamtes Netzwerk verflüchtigt hat.«

    Boris lachte. »Mir scheint, dass wenigstens unserem Architekten Roland der italienische Rotwein mundet.«

    »Mir scheint auch etwas«, sagte Baumgartner und wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn, »... nämlich, dass wir unsere eigenen Beschlüsse nicht umsetzen. Schon im letzten Quartal hatten wir drastische Kosteneinsparungen vereinbart.« Er hielt den rechten Zeigefinger wie den Lauf einer Pistole zuerst auf Boris, dann auf Horst gerichtet. »Ihr zwei seid die Anteilseigner und Inhaber unserer Firma. Also – wie sieht eure Strategie aus? Wo sind die Konzepte, die uns zu neuen Aufträgen führen … und was ich bei dieser Gelegenheit ebenfalls von euch beiden wissen möchte: Wo befindet sich unser gesamtes Firmenvermögen? Solange Martin Gabler lebte, war die finanzielle Lage unserer Firma einigermaßen transparent. Jedenfalls für mich. Bei irgendeiner Gelegenheit versicherte mir Martin, dass unser Eigenkapital und die gesamten Liquiditätsreserven sicher angelegt sind … auf diversen Banken zwischen Matterhorn und dem Schwarzwald. Ist das heute noch so? Und wieviel Millionen liegen in den Depots. Ihr zwei müsst das wissen … also, wo ist der Mammon? Horst … klär uns auf! Das Firmenvermögen ist dein Thema.«

    Einige Momente herrschte angespannte Stille im Raum. Jeder sah auf Horst Padberg, der langsam den Kopf Boris zuwandte. »Wabbelbauch, du stellst anstößige Fragen … und ich denke, das sind keine Themen für heute. Wir sind alle mit dem Geschäftsverlauf nicht zufrieden … jetzt gilt es, die Einsparpotenziale auszuschöpfen.«

    »Einsparpotenziale ausschöpfen … diese Schlagworte hören wir jetzt schon seit Monaten von euch.« Roland redete mit zunehmender Lautstärke und sogar seine Hakennase lief rot an.

    Boris schnitt eine Grimasse. Man sah ihm an, dass er mit dieser Anklage nicht einverstanden war. Bevor er den Mund aufmachen konnte, setzte Roland fort: »Nimm beispielsweise unseren Bauhof in der Löwensternstraße. Mehrere große und leerstehende Hallen, ein Riesenbüro, in dem sich eine Sekretärin und zwei technische Zeichner langweilen, und das alles auf mehr als zehntausend Quadratmetern. Wir vergeben die Mehrzahl der Bauaufträge - so wir überhaupt welche hätten - an Fremdfirmen … also brauchen wir auch keinen Bauhof. Weg damit!«

    »Auch wenn deine Stimme von Rotwein trieft, du hast recht«, sagte Boris. »Darüber sollten wir ernsthaft nachdenken. Gute Idee, Ralf.«

    Als ob er erschrocken wäre, zog Baumgartner die Augenbrauen hoch. »Na und? Darüber sollten wir nachdenken und Sparpotenziale ausschöpfen … Aber keiner tut was. Und das Firmenvermögen? Liegen unsere Millionen nun in der Schweiz oder nicht? Über wieviel liquide Reserven verfügen wir eigentlich?«

    Roland Wüst blätterte in einem Notizbuch. »Nach meiner Rechnung müssten das mehr als zwanzig Millionen sein.« Er klappte das Buch mit einem Knall zu. »Wenn es mit den Aufträgen so weitergeht, werden wir diese Reserven schneller brauchen als wir glauben.«

    »Ich habe noch einen Punkt auf der Agenda«, sagte Baumgartner. »Das Firmenjubiläum, von dem vorher die Rede war … So wie es der Firma geht, wäre es besser, das Fest abzusagen.«

    Roland nickte zustimmend. »Unser lieber Boris zieht ohnehin den Urlaub vor … und ich sage ehrlich, dass auch mir nicht zum Feiern zumute ist.«

    Boris Dahlkamp schüttelte energisch den Kopf. »Wir bleiben dabei! Das können wir unseren Mitarbeitern nicht antun. Außerdem sind die Einladungen an die Kunden seit langem verschickt. Die Feier findet statt.«

    *

    Peck hatte schlecht geschlafen. War es die nächtliche Hitze gewesen? Er lag auf dem Rücken und hörte Sophia in der Küche hantieren. Machte sie das Frühstück? Warum war sie noch nicht in ihrer Buchhandlung? Wie spät war es überhaupt? Er schloss einige Sekunden die Augen und sah dann auf die Tapete mit den hellblauen waagrechten Streifen, die er schon einige Male gezählt hatte. Langsam und systematisch begann er nochmals, die Striche an der schmalen Seite des Schlafzimmers zu zählen. Es fehlte kein einziger Streifen.

    »Du hast gestöhnt heut Nacht«, sagte Sophia, als er in die Küche kam. »War dein Traum so grauenhaft?«

    »Ja«, antwortete er, »ich hab von dir geträumt.« Um möglichen Repressalien zuvorzukommen, lief er aus dem Zimmer und rettete sich ins Bad.

    »Wie schön ist doch dieser Morgen«, sagte Peck, als sie nebeneinander in der Küche saßen. »Was gibt’s zum Frühstück?«

    Sie sah auf die Uhr. »Für ein schnelles Frühstück ist noch Zeit. Magda steht schon seit einer halben Stunde in der Buchhandlung.«

    Überrascht wandte er ihr den Kopf zu. »Wer ist Magda?«

    »Magdalena Koppenwallner. Eine Freundin und alte Schulkollegin. Sie war Deutschlehrerin bei den Ursulinen und seit diesem Jahr in Pension. Ihr fällt die Decke auf den Kopf, sagt sie. Jetzt kommt sie aushilfsweise zu mir in die Buchhandlung. Außerdem ist sie eine begeisterte Frühaufsteherin.«

    »Ich mag Frühaufsteher nicht«, sagte Peck.

    »Aber dadurch habe ich mehr Zeit für dich und kann schon morgens auf dich aufpassen, dass du gesund frühstückst. Topfen und Obst und so … Freust du dich?«

    Peck biss sich auf die Lippen.

    »Du kannst mich aber in die Buchhandlung begleiten. Gestern sind zwei Paletten Bücher eingetroffen. Die gehören in die Regale einsortiert.«

    »Ich muss dringend ins Büro«, sagte er.

    Die Rathausuhr zeigte halb elf Uhr, als Peck über den Makartsteg spazierte. Seiner Gewohnheit folgend würde er es schaffen, den unumgänglichen Erstkaffee vor elf Uhr zu genießen. Als wonderful coffee - a meal in itself, wie es Willy Loman formulierte, der Protagonist in Arthur Millers´ Tod eines Handlungsreisenden. Nicht als Getränk zum Frühstück und nicht als Add-on nach dem Mittagessen. Ein Stand-alone-Event. Das entsprach Pecks Kaffeephilosophie.

    Auf dem Makartsteg toste der Herbstföhn und ein wolkenloser Himmel spannte sich über die Stadt. Peck blieb mitten auf der Brücke stehen. Die Sonne beschien die vor ihm liegende Szenerie, die grüne Salzach, den Turm des Alten Rathauses, darüber die Festung Hohensalzburg, weiter links die Staatsbrücke, auf der sich die Autos in beiden Richtungen stauten, und rechts der Untersberg als nördlichster Ausläufer der Berchtesgadener Alpen an der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Eine Gruppe japanischer Touristen marschierte diszipliniert über den schmalen Fußgängerüberweg, die älteren mit Mundschutz und Sonnenschirm gegen alle Umwelteinflüsse geschützt, die jüngeren wischten auf ihren Mobiltelefonen herum oder fotografierten scheinbar willkürlich in alle Richtungen.

    Am Ende des Stegs saß eine alte Frau mitten auf der Brücke, sodass Peck in einem Bogen um sie herumgehen musste. Als sie ihn sah, fuhr sie sich mit den Fingern durch ihr graues Haar, das strähnig vom Kopf abstand. Wie mit einem Kamm. Sie lehnte an dem Brückengeländer und bettelte nicht. Sie saß nur da, sah ihn mit traurigen Augen an und ihr Blick folgte ihm, als er an ihr vorbeiging. Er spürte, wie sich sein schlechtes Gewissen regte, weil er ihr nichts gegeben hatte.

    Nachdem Peck rechts abgebogen war, erreichte er nach einigen Schritten die um diese Zeit feierliche Stille des Café Bazar. Der Kellner servierte ihm auf leisen Sohlen den Großen Braunen und dazu ein Glas Wasser, während Peck in den Salzburger Nachrichten blätterte, um sich zu vergewissern, dass Österreich noch der Mittelpunkt der Welt war.

    Neben ihm waren drei Tische zusammengeschoben, auf denen Reserviert-Schilder standen. Die dazugehörigen Gäste entpuppten sich wenig später als ein Dutzend lärmender Wiener, jugendlich gekleidet und zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Die Männer trugen durchwegs weiße Hemden, ein dunkles Sakko aus edlem Tuch und den Bauch über die Hose quellend. Die Frauen, in luftigen, mit großformatigen Blumenmotiven bedruckten Kleidern, tranken Prosecco, die Männer durchwegs Bier. Es lebe die Kaffeehauskultur, dachte Peck.

    In diesem Moment betrat Braunschweiger grinsend das Kaffeehaus.

    »Braunschweiger!« Überrascht ließ Peck die Zeitung sinken. »Wie haben Sie mich gefunden?«

    »Zufall.«

    Peck schüttelte den Kopf. »Ich lese gerade ein Buch über Quantenphysik und deshalb weiß ich, wovon ich rede. In der Naturwissenschaft, an die ich glaube, hat der Zufall keinen Platz. Und schon gar nicht für einen Detektiv, der Sie einmal werden möchten.«

    »Der ich bereits bin«, korrigierte Braunschweiger und machte ein beleidigtes Gesicht.

    »Ein Detektiv muss stets einen Plan haben, merken Sie sich das.«

    Braunschweiger nickte mehrmals, sodass seine Frisur durcheinandergeriet.

    »Planen heißt, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen. Steht in dem Buch, das ich gerade lese.«

    »Braunschweiger, Sie sind ein Anarchist. Wissen Sie, was das ist?«

    »Wenn Sie mich so fragen … annäherungsweise, Chef. Was machen wir jetzt?«

    Peck schnaufte und winkte nach dem Kellner, der sich mit dem Kommen nicht gerade beeilte.

    »Es ist Zeit für ein Gabelfrühstück. Wir bestellen jetzt eine Kleinigkeit und dann schmieden wir den Plan, über den ich vorher gesprochen habe.«

    Braunschweiger diskutierte einige Zeit mit dem Kellner und bestellte schließlich einen Cappuccino.

    Wann hatte er seinen Mitarbeiter zum ersten Mal getroffen? Das muss vor fünf oder sechs Jahren gewesen sein. Peck war damals durch mehrere und noch dazu arbeitsintensive Aufträge belastet, die ihm gehörig über den Kopf gewachsen waren.

    Mein Cousin Braunschweiger wäre ein geeigneter Mitarbeiter für dich. Er ist klug, sucht einen Job und du könntest einen Mitarbeiter in deinem Detektivbüro brauchen. Eine echte Win-win-Strategie. Mit diesem Satz Paulas begann der Prozess, der schließlich aus der Ein-Mann-Detektei ein kleines Unternehmen formte, das aus dem Chef und seinem Mitarbeiter bestand.

    Peck und Braunschweiger saßen an ihren Schreibtischen und arbeiteten intensiv an der Abschlussdokumentation zu ihrem letzten Fall, an den Peck ungern zurückdachte. Bei der Verfolgung eines Verdächtigen durch unwegsames Gelände hatte er eine Hose ruiniert und ein Paar Schuhe in einem Sumpf verloren.

    Es klingelte. Braunschweiger betätigte

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