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Jugendstrafrecht

Jugendstrafrecht

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Jugendstrafrecht

Länge:
1,261 Seiten
11 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 8, 2020
ISBN:
9783811492769
Format:
Buch

Beschreibung

Inhalt und Konzeption:
Die für die Ausbildung und Prüfung im Schwerpunktbereich "Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug" relevanten Themen des Jugendstrafrechts sind in diesem Band vollständig und mit ihren wichtigsten kriminologischen und kriminalpolitischen Bezügen dargestellt. Es sind dies
- die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Jugendlichen und Heranwachsenden,
- die Jugendgerichtsverfassung mit den Besonderheiten des Jugendstrafverfahrens und den Verfahrensbeteiligten sowie
- das Rechtsfolgensystem, die Sanktionsformen und die Rechtsmittel.
Höchstrichterlich entschiedene Fälle aus der jugendstrafrechtlichen Praxis mit ihrer vom Verfasser kommentierten Lösung veranschaulichen den Lernstoff.
Ein umfangreicher Katalog von über 130 Prüfungsfragen dient der abschließenden Lernkontrolle. Zahlreiche Tabellen und Schaubilder stellen wichtige Themen im Überblick dar und geben Aufschluss über statistische Daten aus dem Jugendstrafrecht.

Die Neuauflage:
Inhaltliche Veränderungen gegenüber der Vorauflage haben sich im Bereich der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren und wegen einer Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung ergeben. Diese Änderungen sind im Dezember 2019/Januar 2020 in Kraft getreten. Gleichfalls eingearbeitet wurde das neue Recht der Vermögensabschöpfung, das auch im Jugendstrafrecht anwendbar ist.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 8, 2020
ISBN:
9783811492769
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Jugendstrafrecht - Franz Streng

Jugendstrafrecht

von

Dr. iur. Dr. h.c. Franz Streng

em. o. Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg

5., neu bearbeitete Auflage

kein Alternativtext verfügbar

www.cfmueller.de

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-8114-9276-9

E-Mail: kundenservice@cfmueller.de

Telefon: +49 89 2183 7923

Telefax: +49 89 2183 7620

www.cfmueller.de

www.cfmueller-campus.de

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Vorwort

Die vorliegende 5. Auflage aktualisiert das Studienbuch insgesamt. Dabei bleiben der im Vorwort zu den Vorauflagen dargestellte Zuschnitt und die Zielrichtung des Buches unverändert: Eine kompakte Darstellung, die auch wissenschaftliche Vertiefung bietet und markante Praxiskonstellationen mit Fallschilderungen verdeutlicht. Beibehalten wurde die Lernkontrolle durch Prüfungsfragen, welche für die Beantwortung auf einschlägige Abschnitte des Buches verweisen.

Inhaltliche Veränderungen gegenüber der Vorauflage haben sich insbesondere wegen der durch die Europäische Richtlinie 2016/800 veranlassten Entwicklungen im Bereich der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren und wegen einer Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung ergeben. Diese Änderungen sind im Dezember 2019/Januar 2020 in Kraft getreten. Bereits seit Juli 2017 gilt das neue Recht der Vermögensabschöpfung, das auch im Jugendstrafrecht anwendbar ist und gerade hier zu erheblicher Rechtsunsicherheit geführt hat. Seit August 2017 kann das Fahrverbot als Sanktion auch bei nicht verkehrsbezogener Kriminalität genutzt werden, was nicht zuletzt für das Jugendstrafrecht der Problematisierung bedarf.

Wiederum ist das vorliegende Buch ganz „aus einer Hand", weshalb gegebenenfalls jeder Mangel dem Verfasser allein zur Last zu legen ist. Gleichwohl ist an die wichtigen technischen Hilfen zu erinnern, die vor meiner Emeritierung von den damaligen Lehrstuhlmitarbeitern für die Herstellung der ersten drei Auflagen des Buches erbracht worden sind.

Erlangen, im Januar 2020

Franz Streng

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage

Das vorliegende Studienbuch gibt in kompakter und zugleich umfassender Form einen Überblick über das Jugendstrafrecht. Als Lernhilfe wendet es sich vor allem an Studenten der Rechtswissenschaft und an Rechtsreferendare. Als Einstiegshilfe wendet es sich an Berufsanfänger in der Jugendjustiz. Als Orientierungshilfe kann es juristisch nicht Vorgebildeten dienen, wenn sie in Ausbildung oder Berufspraxis mit jugendstrafrechtlichen Fragen konfrontiert sind.

Die punktuelle Nutzung von Fällen dient dem Zweck, besonders schwierige Konstellationen überschaubar zu machen und die Argumentationsmuster der obergerichtlichen Rechtsprechung zu veranschaulichen. Für die Auswahl der vertieft darzustellenden Problembereiche wurde die Prüfungspraxis in der Staatsexamens-Wahlfachgruppe „Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug" ausgewertet. Die so ermittelte Prüfungsrelevanz wird auch für den entsprechenden strafrechtlichen Schwerpunktbereich im künftigen universitären Teil des Ersten Juristischen Staatsexamens bedeutsam bleiben. Eine teils vertiefte Verzahnung des Jugendstrafrechts mit den anderen Fächern der Wahlfachgruppe bzw des künftigen Schwerpunktbereichs erfolgt insbesondere bei der Behandlung der Hintergründe der Jugendkriminalität, der Kriminalprognose, der Sanktionsevaluation und des Jugendstrafvollzugs. Die dem Charakter eines Studienbuches entsprechend begrenzte Literaturverwertung ist auf aktuelle Publikationen konzentriert.

Erlangen, im Juli 2003

Franz Streng

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur

Teil IEinführung

§ 1Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege

I.Zur quantitativen wie qualitativen Bedeutung der Jugendkriminalität

1.Phänomenologie der Jugendkriminalität

2.Hintergründe der Jugendkriminalität

II.Warum ein besonderes Jugendstrafrecht?

III.Der Erziehungsgedanke als Leitidee des heutigen Jugendstrafrechts

1.Grundlagen und Grenzen eines Täterstrafrechts

2.Bedenken gegen ein Erziehungsstrafrecht

3.Ein tragfähiges strafrechtliches Erziehungskonzept

§ 2Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht

I.Germanisches und mittelalterliches Recht

II.Vom Gemeinen Recht zu den Partikulargesetzbüchern

III.Schulenstreit und Jugendgerichtsbewegung

IV.Das „Dritte Reich"

V.Die Entwicklung seit 1945

Teil IIDer Geltungsbereich des JGG

§ 3Der sachliche und persönliche Anwendungsbereich des JGG

I.Sachlicher Anwendungsbereich

II.Persönlicher Anwendungsbereich

§ 4Die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Jugendlichen

I.Bedingte Strafmündigkeit

II.Folgen fehlender Strafmündigkeit

III.Das Verhältnis des § 3 JGG zu §§ 20, 21 StGB

IV.An Stelle einer Zusammenfassung: Ein Fall

V.Reformansätze

§ 5Die Heranwachsenden im Jugendstrafrecht

I.Grundstruktur der Anwendung des JGG auf Heranwachsende

II.Die Anwendung des materiellen Jugendstrafrechts gem. § 105 JGG

1.Grundlagen und Anwendungsstruktur

2.Das einem Jugendlichen Gleichstehen (§ 105 I Nr 1 JGG)

a)Die gesetzlichen Anforderungen

b)Die „Marburger Richtlinien" als Antwort auf Erkenntnisprobleme

c)Einzelfragen der Reifebeurteilung in der Praxis

3.Die Jugendverfehlung (§ 105 I Nr 2 JGG)

III.Überlegungen zur ungleichen Anwendung von § 105 JGG

Teil IIIJugendgerichtsverfassung, Beteiligte und Verfahren

§ 6Jugendgerichtsverfassung und Verfahrensbeteiligte

I.Jugendgerichte und Jugendrichter

1.Die Jugendgerichte

2.Sachliche Zuständigkeit

3.Sonderfragen der Zuständigkeit von Jugendgerichten

4.Örtliche Zuständigkeit

5.Jugendgerichtsverfassung: Heranwachsende

6.Die Aufgaben des zuständigen Jugendrichters

7.„Richter und Erzieher zugleich"?

8.Jugendschöffen

II.Jugendgerichtshilfe

1.Aufgaben und Rechtsstellung der Jugendgerichtshilfe

2.Probleme und Reformansätze

a)Problemfelder

b)Reformüberlegungen

3.Kriminologische Befunde

III.Jugendstaatsanwalt und Jugendpolizei

IV.Erziehungsberechtigte und gesetzlicher Vertreter

V.Strafverteidiger

VI.Beistand

VII.Sonstige Verfahrensbeteiligte

§ 7Besonderheiten des Jugendstrafverfahrens

I.Mitteilungen und Unterrichtungen

II.Täterbezogene Ermittlungen

1.Allgemeine Regelung

2.Staatsanwaltliche oder richterliche Vernehmung des Beschuldigten

3.Sachverständige Begutachtung

a)Ambulante Begutachtung

b)Stationäre Begutachtung

III.Im Vorverfahren anordenbare Maßnahmen

1.Vorläufige Anordnungen über die Erziehung

a)Ambulante Maßnahmen

b)Unterbringung

2.Untersuchungshaft

a)Voraussetzungen im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips

b)Haftvermeidung

c)Quantitative Dimensionen

d)Vollzug der Untersuchungshaft

e)Unterbringungsbefehl

3.Anrechnung von Freiheitsentziehung

IV.Vorzeitige Beendigung des förmlichen Strafverfahrens („Diversion bzw „formloses Erziehungsverfahren)

1.Allgemeines

2.Formen der Einstellung des Verfahrens

a)Staatsanwaltliche Einstellung (§ 45 JGG)

aa)Folgenlose Einstellung

bb)Einstellung aufgrund erzieherischer Maßnahmen

cc)Einstellung unter Beteiligung des Richters

b)Richterliche Einstellung (§ 47 JGG)

3.Verhältnis von §§ 45, 47 JGG zu den Einstellungsmöglichkeiten nach StPO

4.Die Einstellung wegen fehlender Strafmündigkeit

5.Situation in der Praxis, diversionskritische Ansätze und Evaluation

a)Quantitative Bedeutung und Entwicklung

b)Kritik

c)Befunde der Evaluationsforschung

V.Das Hauptverfahren und sein Abschluss

1.Die zulässigen Verfahrensarten

a)Überblick

b)Hintergründe und Einzelheiten

2.Die Anklage

3.Die Hauptverhandlung

a)Nichtöffentlichkeit

b)Vereidigung von Zeugen und Sachverständigen

c)Anwesenheitspflicht des Angeklagten

d)Durchbrechung des Anwesenheitsgrundsatzes

e)Ausschluss von Erziehungspersonen und anderen Anwesenheitsberechtigten

4.Das Urteil

5.Die Überweisung an das Familiengericht

6.Kosten

VI.Vereinfachtes Jugendverfahren

1.Einleitung

2.Verfahren und Urteil

3.Praxisrelevanz

VII.Verfahrensabsprachen

Teil IVStruktur und Grundlagen der Sanktionierung

§ 8Das Rechtsfolgensystem

I.Die Rechtsfolgen des JGG im Überblick

II.Rangfolge und Limitierung der Hauptsanktionen

III.Dem StGB entnommene Reaktionsformen

IV.Sonderfälle eines Ahndungsverzichts

1.Entbehrlichkeit wegen Unterbringung (§ 5 III JGG)

2.Absehen von Strafe (§ 60 StGB)

V.Verbindung von Maßnahmen und Jugendstrafe

1.Grundlagen

2.Ausprägungen des „Koppelungsverbots"

VI.Das Prinzip einheitlicher Sanktionierung

1.§ 31 JGG: Grundlagen

2.Einbeziehung eines Urteils

3.Absehen von der Einbeziehung

4.§ 66 JGG: Nachträgliche einheitliche Sanktionierung

VII.Mehrere Taten in verschiedenen Alters- und Reifestufen

1.§ 32 JGG: Grundlagen

2.§ 32 JGG: Analoge Anwendung

a)Anwendung von § 105 I, II JGG nach erwachsenenstrafrechtlicher Verurteilung

b)Aburteilung eines Jugendlichen nach erwachsenenstrafrechtlicher Verurteilung

c)Anwendung von Erwachsenenstrafrecht nach Jugendstrafrecht

d)Ansätze einer strafprozessualen Problembewältigung

VIII.Zusammenfassender Überblick zum Prinzip einheitlicher Sanktionierung

IX.Zur quantitativen Nutzung des Sanktionssystems

§ 9Die Kriminalprognose als Grundlage der Sanktionsbestimmung

I.Einführung

II.Prognosemethoden

1.Intuitive Prognose

2.Statistische Prognose

3.Klinische Prognose

4.Idealtypisch-vergleichende Prognose

III.Konsequenzen für die Praxis des Jugendstrafrechts

Teil VDie einzelnen Sanktionen

§ 10Erziehungsmaßregeln

I.Allgemeines

1.Rechtliche Grundlagen

2.Anwendungsstruktur

II.§ 10 JGG: Weisungen

1.Grundlagen

2.Die Katalogweisungen des § 10 I JGG

3.Richterliche Weisungen

4.Heilerzieherische Behandlung

5.Neben- und Folgeentscheidungen sowie Verfahren

6.Ungehorsamsarrest

7.Effizienz

III.§ 12 JGG: Hilfe zur Erziehung

1.Grundlagen

2.Erziehungsbeistandschaft

3.Heimerziehung

4.Jugendhilfe als Fremdkörper im Strafrecht

§ 11Zuchtmittel

I.Allgemeines

1.Rechtliche Grundlagen

2.Anwendungsstruktur

II.§ 14 JGG: Verwarnung

III.§ 15 JGG: Auflagen

1.Grundlagen

2.Der Auflagenkatalog

3.Abänderbarkeit, Erzwingbarkeit und Effizienz

IV.§ 16 JGG: Jugendarrest

1.Grundlagen

2.Arrestformen

3.Einstiegsarrest bzw „Warnschussarrest"

4.Arrestvollstreckung und -vollzug

5.Erfolg und Misserfolg von Jugendarrest

6.Kriminalpolitische Bewertung

§ 12Jugendstrafe und Bewährungssanktionen

I.Allgemeines

II.§ 17 II 1. Alt. JGG: Jugendstrafe wegen schädlicher Neigungen

III.§ 17 II 2. Alt. JGG: Jugendstrafe wegen Schwere der Schuld

1.Grundlagen und Anwendung

2.Grenzen einer Harmonisierung der Jugendstrafe-Alternativen

IV.§ 18 JGG: Strafzumessung

1.Jugendstrafrechtliche Strafrahmen

2.Relevante Strafzwecke und ihr Stellenwert

3.Einzelfragen der Strafzumessung

a)Täterorientierte Strafbegrenzung contra Tatorientierung

b)Aspekte des Rechtsstaatsprinzips

aa)Auswirkungen des Strafverfahrens

bb)Besondere Tat- oder Sanktionsfolgen

cc)Strafzumessungsrechtliches Doppelverwertungsverbot

V.§§ 21 ff JGG: Jugendstrafe mit Bewährung

1.Grundlagen

2.Voraussetzungen der Strafaussetzung

a)Allgemeine Voraussetzungen

b)Spezielle Voraussetzungen gem. § 21 II JGG

3.Die „Vorbewährung"

4.Nebenentscheidungen

a)Bewährungszeit

b)Weisungen

c)Auflagen

d)Zusagen des Angeklagten

e)Bewährungshilfe

f)Bewährungsplan

g)Effizienz von Bewährungshilfe

5.Verfahren und Anfechtung

6.Erlass oder Widerruf

VI.Jugendstrafvollzug

1.Vollstreckungsrechtlicher Rahmen

2.Rechtliche Grundlagen des Strafvollzugs

a)Rechtsentwicklung

b)Überblick über wesentliche Regelungen der Landesgesetze

aa)Grundlagen

bb)Erziehungsorientierte Durchführung des Jugendstrafvollzugs

3.Zur Situation des Jugendstrafvollzugs

a)Desiderata eines Erziehungsvollzugs

b)Problemfelder

VII.§ 88 JGG: Aussetzung des Restes der Jugendstrafe

1.Grundlagen und Abgrenzung zu § 57 StGB

2.Verfahrensfragen

VIII.Effizienz von Jugendstrafvollzug und Strafaussetzung zur Bewährung

IX.§§ 27 ff JGG: Die Aussetzung der Verhängung der Jugendstrafe

1.Rechtliche Grundlagen

2.Konsequenzen von Bewährungserfolg und -misserfolg

3.Praxisrelevanz, Effizienz und Probleme

§ 13Sicherungsverwahrung

I.Grundlagen

II.Vorbehaltene Sicherungsverwahrung

1.Allgemeines

2.Bei Anwendung von Jugendstrafrecht

3.Bei Verurteilung von Heranwachsenden nach allgemeinem Strafrecht

III.Nachträgliche Sicherungsverwahrung

1.Bei Anwendung von Jugendstrafrecht

2.Bei Aburteilung von Heranwachsenden nach allgemeinem Strafrecht

IV.Vollzug der Sicherungsverwahrung

Teil VIRechtsmittel und Strafregister

§ 14Die Rechtsmittel

I.Rechtsmittelbeschränkungen

1.Grundlagen

2.Nur ein Rechtsmittel

3.Beschränkte Rechtsfolgenanfechtung

II.Das Verschlechterungsverbot

III.Rechtsmittelverzicht und -rücknahme

IV.Teilvollstreckung

§ 15Zentralregister, Beseitigung des Strafmakels und Erziehungsregister

I.Allgemeines

II.Zentralregister

III.Beseitigung des Strafmakels

IV.Erziehungsregister

Anhang

Prüfungsfragen zum Jugendstrafrecht

I.Zu den Grundfragen

II.Zum Geltungsbereich des JGG

III.Zu Jugendgerichtsverfassung, Beteiligten und Verfahren

IV.Zu den Sanktionen

V.Zu Rechtsmitteln und Strafregister

Sachverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur[1]

Anmerkungen

[1]

Kommentare, Lehrbücher, Monographien und Sammelwerke. – Unselbstständige Veröffentlichungen sind nur in den Fußnoten nachgewiesen.

Teil I Einführung

Inhaltsverzeichnis

§ 1Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege

§ 2Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht

Teil I Einführung › § 1 Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege

§ 1 Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege

Inhaltsverzeichnis

I.Zur quantitativen wie qualitativen Bedeutung der Jugendkriminalität

II.Warum ein besonderes Jugendstrafrecht?

III.Der Erziehungsgedanke als Leitidee des heutigen Jugendstrafrechts

Teil I Einführung › § 1 Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege › I. Zur quantitativen wie qualitativen Bedeutung der Jugendkriminalität

I. Zur quantitativen wie qualitativen Bedeutung der Jugendkriminalität

1. Phänomenologie der Jugendkriminalität

1

Die Kriminalitätsbelastung der Jugendlichen und Heranwachsenden beträgt – in Relativzahlen gerechnet – etwa das Dreifache der Belastung der Erwachsenen. Gemäß Polizeilicher Kriminalstatistik der Bundesrepublik 2018 (PKS 2018) lässt sich anhand der der Polizei bekannt gewordenen Straftaten für die Jugendlichen (14- bis unter 18-Jährige) eine Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) von 4765 errechnen, für die Heranwachsenden (18- bis unter 21-Jährige) eine TVBZ von 5312 und für die Erwachsenen ab 21 Jahren eine TVBZ von 1771[1]. Ausländer sind aus diesen Berechnungen anhand der PKS primär deshalb ausgeschlossen, weil man die Taten der nicht zur inländischen Wohnbevölkerung zählenden Ausländer nicht einfach den hier wohnenden Ausländern auflasten darf und weil die – ua angesichts Aufenthaltsgesetz und Asylgesetz – mit der Ausländersituation verbundene spezifische Delinquenzgefährdung faire Vergleiche der Nationalitäten- und Altersgruppen erschwert[2]. – Die anhand der PKS dargestellte altersspezifisch ungleiche Verteilung der Kriminalität reproduziert sich immerhin tendenziell auch in Dunkelfeldstudien anhand Täterbefragungen[3].

Angesichts der Überrepräsentierung der jungen Generation stellten im Jahr 2018 die Jugendlichen 8,6 % und die Heranwachsenden 9,0 % aller Tatverdächtigen (100 % = 2 051 266); bezogen speziell auf die strafmündigen Tatverdächtigen beträgt der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden insgesamt 18,3 %[4]. In die Zuständigkeit der Jugendstaatsanwälte fällt also gut ein Sechstel des Arbeitsanfalls der Staatsanwaltschaften. Abgeurteilt wurden im Jahr 2017 von den Jugendgerichten 122 997 Jugendliche und Heranwachsende bei insgesamt 875 194 Aburteilungen, verurteilt wurden 78 913 Jugendliche und Heranwachsende[5] bei insgesamt 716 044 Verurteilten. Durch Jugendgerichte erfolgte also ein Siebtel aller Aburteilungen (14,1 %) und knapp ein Neuntel aller Verurteilungen (11 %)[6]. – Diese Zahlen umfassen alle Nationalitätengruppen.

2

Bezüglich der Entwicklung der registrierten Kriminalitätsbelastung der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden lässt sich ab 1984 eine erhebliche Zunahme konstatieren, wie Schaubild 1 belegt. Der zeitliche Startpunkt der hier nachgewiesenen Entwicklung – nämlich 1984 – ist allerdings insoweit zufällig, als er durch eine damals eingeführte Veränderung der statistischen Aufbereitung der Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik bedingt ist. Die neuere Situation ist seit 1998 durch eine Stagnation und inzwischen sogar durch eine Abschwächung der registrierten Kriminalität der jüngeren Bevölkerungsgruppen geprägt; die Belastungszahlen[7] für die Jugendlichen sind seit 2002 im Sinken begriffen, die der Heranwachsenden seit 2005[8].

Schaubild 1:

Kriminalitätsbelastung und Alter – ab 1994 nur Deutsche

kein Alternativtext verfügbar

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Diese Daten dürfen aber nicht einfach als Abbild der Wirklichkeit interpretiert werden. Denn die polizeilich registrierte Kriminalität ist ganz wesentlich durch die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung geprägt[9]. Auch insoweit können sich in den letzten Jahrzehnten Veränderungen ergeben haben, durch welche das statistisch erfasste Delikts-Hellfeld schon ganz unabhängig von Veränderungen der Kriminalitätslage beeinflusst wird[10]. Tatsächlich haben neuere Dunkelfelduntersuchungen gezeigt, dass etwa die Gewaltkriminalität junger Menschen nicht so stark gestiegen ist, wie in der Polizeilichen Kriminalstatistik für 1990 bis 2008[11] ausgewiesen; der Anstieg im Hellfeld stellt offenbar – zumindest auch – die Folge einer hinsichtlich Gewaltkriminalität gestiegenen Anzeigebereitschaft dar[12]. Als wesentlicher Unterschied zur registrierten Kriminalität hat sich in Dunkelfeldstudien zudem ergeben, dass in den Täterbefragungen die höchste Deliktsbelastung bereits um das 14. - 15. Lebensjahr erreicht war[13]; dies spricht dafür, dass sehr junge Täter oft nicht angezeigt werden.

3

Für den Vergleich der Kriminalitätsbelastung der jüngeren und der älteren Bundesbürger ist im Übrigen zu beachten, dass die Kriminalität der Erwachsenen und die der jüngeren Altersgruppen sich qualitativ nicht unerheblich unterscheiden, insofern Erwachsenenkriminalität im Schnitt schwerer als Jugendkriminalität ist[14]. Die Einstufung der Delinquenz junger Menschen als durchschnittlich leichter als diejenige der älteren Täter schlägt sich auch darin nieder, dass in Relation zum drastischen Anstieg der Tatverdächtigenrate die Verurteiltenziffer (Verurteilte pro 100 000 der deutschen Wohnbevölkerung) speziell bei den Jugendlichen zwischen 1984 und 2000 deutlich schwächer angestiegen ist[15].

Die Behauptung einer durchschnittlich eher leichten Jugendkriminalität gilt, obwohl bei dieser auch Gewaltkriminalität in Form von Körperverletzung und Raub im Vordergrund steht. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sind männliche Jugendliche und Heranwachsende erheblich überrepräsentiert bei der Begehung von Raubdelikten, Körperverletzungen, schwerem Diebstahl, Sachbeschädigungen, Waffendelikten und Betäubungsmitteldelikten. Bei den weiblichen Jungtätern steht hingegen ganz der einfache Diebstahl im Vordergrund; es beträgt die Kriminalitätsbelastung der Mädchen nur ca. ein Drittel ihrer männlichen Altersgenossen[16]. Insgesamt weist die Kriminalitätsbelastung der jüngeren Altersgruppen eine Struktur auf, in der geradlinige, wenig vorgeplante, impulsive Tatbegehungen dominieren: das Wegnehmen, das Überwältigen, das Zuschlagen. Die Bedeutung von Körperverletzungstaten und von Waffenvergehen verweist auf verbreitete Selbstwertprobleme bzw auf die Relevanz von Statusgewinn-Strategien. Angesichts der jugendtypischen Bedeutung von peer groups, Freundesgruppen und Cliquen[17] ist auch der hohe Anteil an gemeinsamer Tatbegehung in Gruppen oder Banden wenig überraschend[18].

2. Hintergründe der Jugendkriminalität

4

Eine zunächst individualisierende Betrachtung der Entstehung abweichenden Verhaltens im Jugendalter berücksichtigt, dass problematische Anlagefaktoren und Sozialisationsdefizite der Kindheit mit den steigenden Anforderungen an das Individuum beim Älterwerden an Gewicht gewinnen. Infolge einer Vorbelastung oder -schädigung fällt das angemessene Bewältigen der weiteren Entwicklungsschritte schwer; Belastungs-Kumulationen bzw Aufschaukelungseffekte in der Interaktion mit dem sozialen Umfeld fördern das Entstehen zunehmend gravierender Defizite und Verhaltensauffälligkeiten[19]. Diese fallen, angesichts der mit dem Alter zunehmenden Anpassungs- und Leistungsanforderungen der Gesellschaft an das Individuum bei zugleich abnehmender familiärer Schutzfunktion, immer stärker als strafrechtsrelevant ins Gewicht. – Schon angesichts dieses bedeutsamen Aspekts erscheint plausibel, dass sich Jugendkriminalität zunächst als individuelles Phänomen mit höchst individuellen Bedingungsfaktoren verstehen lässt; und eine solche individualisierende Sichtweise ist dem auf Zuschreiben und Einfordern von Verantwortung abstellenden Strafrecht in ganz besonderer Form zu eigen.

5

Ein zweiter, stärker verallgemeinernder Ansatz stellt auf den normalen biologischen und zugleich sozialen Umbruch in der Pubertäts- und Spätpubertätsphase ab[20]. Dass diese Umbruchsphase mit vielfältigen Verunsicherungen und zugleich mit einer Neigung zum Austesten der Grenzen der neuen Rolle verbunden ist, liegt nahe. Damit lässt sich eine allgemein höhere Kriminalitätsanfälligkeit der Jugendlichen, Heranwachsenden und Jungerwachsenen gegenüber den Kindern einerseits und den Erwachsenen andererseits immerhin ansatzweise plausibel machen[21]. Allerdings kann die Konstante einer „biologisch-sozialen Lage" irgendwelche Unterschiede der Kriminalitätsbelastung dieser jüngeren Altersgruppen zwischen verschiedenen Generationen – etwa den Jugendlichen des Jahres 1984 und des Jahres 2004 (vgl Schaubild 1) – genauso wenig erklären wie der auf die individuellen Probleme des Jugendlichen abstellende Ansatz.

6

Dieses Erklärungsdefizit verdeutlicht, dass weitere, wesentliche Aspekte Beachtung verdienen; es erscheint eine Individualität zwar einkalkulierende, letztlich aber meta-individuelle Betrachtung notwendig. Eine derartige Gesamtbetrachtung umfasst drei Bereiche: (1) die adoleszenz-typische Befangenheit in biologischem, psychischem wie sozialem Umbruch, (2) die in der Adoleszenz sich zuspitzenden Probleme des Einzelnen sowie (3) die gesellschaftliche Lage mit ihren spezifischen Lebensbedingungen für junge Menschen. Durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Anforderungen an die Einzelnen gewinnen die individuellen Probleme, Anpassungsnotwendigkeiten und Rollenveränderungen der Adoleszenten ihre jeweilige Ausprägung und uU Dramatik. In jedem Fall wird man von einer hohen Vulnerabilität gerade der Jugendlichen und Heranwachsenden auszugehen haben. Denn auf die in persönlicher wie sozialer Entwicklung Lebenden und daher in einer instabilen Lage sich Befindenden wirken sich die von außen hinzutretenden zeit- und gesellschaftsspezifischen Belastungen besonders gefährdend aus.

7

Verdeutlichen lässt sich das an den Besonderheiten unserer Gesellschaft. Diese ist ua dadurch geprägt, dass sie infolge zunehmender Mobilität und Anonymität den jungen Menschen immer weniger Betreuung und Überwachung zuteil werden lässt. Der weitgehende Wegfall der staatlichen Jugendbetreuung in den neuen Bundesländern hat nachdrücklich verdeutlicht, welche kriminogenen Potenziale in solcher Entstrukturierung des Freizeitbereichs liegen[22]. Viele Familien sind nicht in der Lage, ein derartiges Betreuungs- und Kontrollvakuum ausreichend zu füllen[23]. Einen weiteren ins Auge springenden kriminogenen Faktor stellt die Konsumorientierung unserer Gesellschaft dar, die die jungen Menschen zu gezielt angesprochenen Käufern bzw Verbrauchern hat werden lassen[24]. Dass hier eine größere Appetenz geweckt wird als von vielen Konsum-Adressaten legal zu befriedigen ist, steht nur zu oft hinter einfacher Eigentums- und Vermögensdelinquenz aber auch hinter vielen Fällen von Raub und Erpressung. Der Funktionsverlust der Familien bei gleichzeitig verstärkter Steuerung der Bedürfnis- und Idealbildung durch die Medien schwächt die durch die Familien zu leistende Persönlichkeitsprägung und Schutzfunktion[25]. Dieser Verlust an bevormundender Fürsorge und Überwachung durch die Familie und andere Erwachsene aus dem sozialen Nahraum fördert den nicht selten problematischen Einfluss von peer groups[26] und führt junge Menschen früh in einen Pseudo-Erwachsenenstatus. Die zunehmend erhobene Forderung nach Abstrafung schon der vermeintlich doch so frühreifen kindlichen Täter ist Frucht dieses, auf den allzu frühzeitigen Verlust von sozialen Schutzverhältnissen für junge Menschen zurückzuführenden, Erwachsenheits-Missverständnisses[27].

8

Besonderer Erwähnung bedarf die direkte und indirekte Drogenkriminalität, bei der die Jugendlichen und Heranwachsenden weit überrepräsentiert sind. Neben eigentlichen Betäubungsmitteldelikten, die über Jahrzehnte hinweg bis zum Jahr 2004 nahezu kontinuierlich im Anstieg begriffen waren[28], werden von drogensüchtigen jungen Menschen vor allem Eigentumsdelikte und leichtere Formen des Raubes (Handtaschenraub) begangen, die der Finanzierung des Drogenkonsums dienen. Drogenabhängigkeit ist zunächst ein individuelles Problem, jedoch in ihrer auch gesellschaftlichen Bedingtheit unverkennbar. Sie entsteht oft infolge defizitärer emotionaler und/oder struktureller Einbindung von Kindern und Jugendlichen in ihre Herkunftsfamilie und auf Grund von Schwierigkeiten, die im Rahmen der Reifung anstehenden Entwicklungsaufgaben zu meistern, also in eine Erwachsenenrolle hineinzuwachsen. Zum anderen führt die Unfähigkeit der Gesellschaft, das illegale (wie legale) Drogenangebot besser zu kontrollieren, zu – oftmals peer group-induzierten – Probierhandlungen mit anschließender Verfestigung von Konsum in Form einer Sucht bei den dafür Anfälligen[29].

9

Doch ist Jugendkriminalität beileibe nicht immer oder auch nur überwiegend Endpunkt einer sich verschärfenden Krise. Abweichendes Verhalten ist gerade im Jugendalter zumeist punktuelles oder temporäres Ereignis[30]. Als Warnzeichen hinsichtlich einer drohenden kriminellen Karriere gilt Kinder- und Jugendkriminalität erst bei wiederholten schweren Delikten oder bei sehr früher und nachhaltiger Kinderkriminalität[31]. Von daher wird von Kriminologen ganz berechtigt empfohlen, Jugendkriminalität nicht zu dramatisieren, insbesondere mit Strafrechtseinsatz möglichst zurückzuhalten. Es geht dann darum, einem „Selbstheilungsprozess" möglichst wenig im Wege zu stehen. Denn der strafrechtliche Zugriff stellt ein höchst isoliertes Ereignis mit daher nur geringen sozialisationsfördernden Potenzialen dar, das andererseits den Jugendlichen in schädlicher Weise als Abweichler abstempeln kann[32]. Eine stärker interventionsorientierte Perspektive verfolgt man für die von Polizei und Politikern immer wieder hervorgehobenen „jugendlichen Intensivtäter". Hierbei handelt es sich um – jedenfalls temporär – besonders auffällige Rückfalltäter, über deren pädagogische Beeinflussbarkeit und weitere Entwicklung mit dem Etikett des Intensivtäters[33] noch wenig ausgesagt ist[34].

Da mit diesen Hinweisen gewiss keine erschöpfende Behandlung der jugendkriminologischen Fragestellungen geleistet ist, sei insoweit auf einschlägige kriminologische Literatur verwiesen[35]. Befunde zur Effizienz verschiedener Reaktions- und Sanktionsformen des Jugendstrafrechts werden später (in §§ 10 – 12) im Zusammenhang mit den juristischen Fragen dargestellt werden.

Teil I Einführung › § 1 Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege › II. Warum ein besonderes Jugendstrafrecht?

II. Warum ein besonderes Jugendstrafrecht?

10

Bereits das statistische Faktum der knapp dreifachen Überrepräsentierung der Jugendlichen und Heranwachsenden unter den Tatverdächtigen (vgl Schaubild 1) lässt erkennen, dass es nicht etwa eine Aufgabe minderer Bedeutung und Herausforderung für die Justiz darstellt, wenn man es „nur" mit jungen Beschuldigten zu tun hat. Ganz im Gegenteil erfordert das kritische Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenenalter als ganz offenbar „sensible Phase" der Sozialisation einen behutsamen und individualisierenden Zugriff auf den jungen Rechtsbrecher bzw Verdächtigen. Daher gewinnen im Jugendstrafrecht als Sonderstrafrecht für junge Täter die Grundprinzipien der Mäßigung in der strafenden Reaktion sowie der Erforschung der Täterpersönlichkeit zum Zwecke einer individualisierenden Reaktion in besonderer Weise Bedeutung[36]. Nachdem der Gedanke der Abschreckung sich als nicht realistisch erwiesen hat und Normbestätigung keine harte Strafe, sondern lediglich eine eindeutige gesellschaftliche Antwort auf Straftaten erfordert, lässt sich gerade im Jugendstrafrecht die Idee des zurückhaltenden Sanktionierens im Sinne von „im Zweifel weniger" mit guten Gründen hochhalten. Befunde aus Rückfallstudien stützen diese Strategie, die auch im Schlagwort von der „Austauschbarkeit der Sanktionen" ihren Ausdruck gefunden hat[37] – wobei Austauschbarkeit hier nicht Beliebigkeit meint, sondern das Eröffnen von Spielräumen zu Gunsten konstruktiver und unterstützender Sanktionen.

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Des Weiteren ist auf Erfordernisse „jugendspezifischer Kommunikation" abzustellen[38]. Demzufolge ist das Jugendverfahren anders zu gestalten als das Verfahren des Allgemeinen Strafrechts. Der Ruf nach einer besonderen Kommunikationsstruktur entspricht der Notwendigkeit, die Tathintergründe und erzieherischen Defizite aufzuhellen und den vielfach in der Kommunikationsfähigkeit (noch) eingeschränkten Jugendlichen Hilfestellungen bei der Artikulation ihrer Sichtweise und ihrer Probleme zu leisten. Wichtig ist auch, den Jugendlichen den Eindruck zu vermitteln, fair behandelt zu werden und als Person ernst genommen worden zu sein[39]. Dies bedarf gerade angesichts der zumindest im Allgemeinen Strafverfahren weit im Vordergrund stehenden Objektivierung des Beschuldigten, nämlich der Orientierung an der Wahrheitserforschung und am erfolgsunrechts-orientierten Tatausgleich, der Hervorhebung.

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Ermöglicht wird die Realisierung dieser Prinzipien durch den im Vergleich zu entsprechenden Taten Erwachsener gegenüber jungen Tätern schwächeren Schuldvorwurf. Folgt man dem auf dem Freiheitspostulat aufbauenden herkömmlichen Schuldbegriff, dann ergibt sich die geringere Schuld schon daraus, dass Jugendliche und auch Heranwachsende noch weit stärker von Dritten – nämlich den Erziehungspersonen – gelenkt und geprägt sind als Erwachsene. Denn jugendliches Fehlverhalten ist weithin von den Eltern oder vom sozialen Umfeld zu verantworten, nicht aber von den jungen Menschen als eigentlichen Opfern der Gefährdungslage. Bei funktionaler Betrachtung ergibt sich die Schuldminderung daraus, dass junge Menschen noch nicht als vollwertige Sozialpartner angesehen werden. Ein Rechtsbruch Jugendlicher löst folglich keine so großen Erschütterungen des Vertrauens in die Normgeltung und demnach auch keine so starken Strafbedürfnisse aus wie eine vergleichbare Tat Erwachsener[40]. Dies schafft Spielräume für eine Zurückdrängung tatorientierter Strategien zu Gunsten täterorientierter.

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Nicht zuletzt auf dieser Schiene wurde in Teilen der jugendstrafrechtlichen Lehre der Grundsatz entwickelt, dass Jugendliche im Strafrecht keinesfalls schlechter behandelt werden dürften als Erwachsene[41]. Ein Schlechterstellungsverbot lässt sich freilich aus dem verfassungsrechtlichen Gleichheitssatz (Art. 3 I GG) nicht herleiten, solange eben die besondere Lage des Jugendlichen auch besondere Maßnahmen erfordert; denn Ungleiches auch ungleich zu behandeln, ist mit dem Gleichheitssatz durchaus vereinbar. Es stellt diese Differenzierungsnotwendigkeit letztlich die Legitimationsbasis eines eigenständigen Jugendstrafrechts dar[42]. Wenn Maßnahmen gegen Jugendliche im Einzelfall stärker belastend ausfallen als gegen Erwachsene in ansonsten vergleichbarer Lage, ist allerdings eine sorgfältige Prüfung angesagt, ob etwa die Grenzen des Schuldangemessenen oder des Verhältnismäßigen, die im Jugendstrafrecht selbstverständlich genauso gelten wie im Allgemeinen Strafrecht, überschritten wurden.

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Den aufgezeigten Anforderungen an eine verantwortliche Sonderbehandlung junger Täter lässt sich nur in einem auf Verfahrensebene wie auf Rechtsfolgenebene speziell zugeschnittenen Sonderstrafrecht gerecht werden, das sich insbesondere durch Flexibilität auszeichnet[43]. Das deutsche Jugendstrafrecht bleibt dabei eindeutig Strafrecht, folgt also dem „Justizmodell (Gerechtigkeitsmodell), nicht aber einem strafrechtsabstinenten Umgang mit Jugendkriminalität nach dem „Wohlfahrtsmodell, wie es insbesondere in den skandinavischen Ländern praktiziert wird bzw wurde[44]. Der spezifische Zuschnitt unseres Jugendstrafrechts als – zumindest auch – hilfe- und täterorientiert verlangt Konsequenzen für die Ausbildung und Fortbildung der (künftig) in der Jugendstrafrechtspflege Tätigen, insbesondere der Jugendrichter. Jugendkriminologie und forensische Psychologie als außerhalb der juristischen Standardausbildung liegende Disziplinen verdienen für eine verantwortungsvolle Tätigkeit im Rahmen der Jugendjustiz angemessene Beachtung.

Teil I Einführung › § 1 Grundsätzliches zur Jugendkriminalität und zu den Aufgaben der Jugendstrafrechtspflege › III. Der Erziehungsgedanke als Leitidee des heutigen Jugendstrafrechts

III. Der Erziehungsgedanke als Leitidee des heutigen Jugendstrafrechts

1. Grundlagen und Grenzen eines Täterstrafrechts

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Letztlich gar nicht bestreitbar dominiert der Erziehungsgedanke unser Jugendstrafrecht. Etwa konstatiert der BGH[45]: „Im Vordergrund steht der Erziehungsgedanke als Basis aller Regelungen des Jugendstrafrechts". Tatsächlich nimmt das JGG seit jeher in einer Vielzahl von Sonderregelungen für das Verfahren und für die Sanktionierung von Jugendlichen und Heranwachsenden ausdrücklich oder implizit auf Erziehung Bezug (ausdrücklich etwa in §§ 9, 10 I, 12, 16a, 17 II, 18 II, 21 I, 24 I, III, 31 III, 35 II, 37, 38 II, 45 II, 46, 47 I, 48 III, 51 I, 52a I, 54 II, 61 II, 69 II, 71 I, 90 I JGG). Durch § 2 I idF des 2. JGGÄndG vom Dezember 2007 wird nun auch in einer zentralen programmatischen Vorschrift der Erziehungsgedanke hervorgehoben, nämlich als Grundlage für eine Anwendung des Jugendstrafrechts zur Verhinderung erneuter Straftaten[46]. Man spricht daher von einem Erziehungsstrafrecht, das idealtypischerweise als Täterstrafrecht in Kontrast zu einem Tatstrafrecht beschreibbar ist. Die Rechtsprechung hat den täterstrafrechtlichen Vorrang des Erziehungsprinzips sogar für die durch die Tatschwere geprägte Jugendstrafe wegen Schwere der Schuld (§ 17 II 2. Alt. JGG) aufrechtzuerhalten versucht, obwohl dies von Wortlaut wie System des Gesetzes und von der Gesetzgebungsgeschichte her alles andere als nahe liegend ist[47].

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Trotz der durchaus nicht unangebrachten Charakterisierung des Jugendstrafrechts als Erziehungsstrafrecht wäre es naiv davon auszugehen, das Jugendstrafrecht verdanke dem Erziehungsanliegen seine Existenz. Wollte man nämlich wirklich nur erziehen, dann wäre für diese Aufgabe das Jugendstrafrecht mit seinen mannigfaltigen erzieherischen Handikaps fehl am Platze, vielmehr müsste man ganz auf Jugendhilfe setzen. Einzuräumen ist folglich zunächst einmal, dass dem Jugendstrafrecht als echtem Strafrecht ganz wesentlich die Funktion zukommt, die Werte und Normen der Gesellschaft zu bestätigen und derart den Rechtsfrieden zu verteidigen[48]. Deutlich wird diese generalpräventive Grundlage auch des Jugendstrafrechts ua daran, dass auf die Straftaten junger „reisender Täter ganz selbstverständlich jugendstrafrechtlich reagiert wird, obwohl dem Erziehungsgedanken hier keine wesentliche Bedeutung zukommt[49]. Und Entsprechendes gilt für die um Jahrzehnte verspätet erfolgende jugendstrafrechtliche Aburteilung von Mordtaten eines damals jungen Wehrmachtssoldaten oder Mauerschützen[50], wenn ein inzwischen bestens integrierter „braver Bürger durch Strafe eigentlich nur entsozialisiert werden kann[51].

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Seine also unleugbare generalpräventive Funktion legt das Jugendstrafrecht jedoch nicht etwa einseitig auf Repression, dh Übelzufügung zum Zwecke des Tatausgleichs, fest. Die auf der Makroebene letztlich generalpräventive Legitimation von Strafrecht muss nämlich nicht ohne weiteres auf die Mikroebene der einzelnen strafrechtlichen Maßnahmen durchschlagen. Unterhalb der ganz gravierenden, die Gemeinschaft herausfordernden Straftaten besteht großer Spielraum für die Berücksichtigung spezialpräventiver Strategien – solange die Tätigkeit der Justiz die Botschaft an den Täter wie an die Allgemeinheit enthält, dass Rechtsbruch inakzeptabel ist[52]. Gerade für die Behandlung der unser Rechtsgefühl noch relativ wenig herausfordernden ganz jungen Täter ist große Offenheit für schonende oder gar entwicklungsfördernde Strategien gegeben. Es sind also zwei Hauptkriterien für die zwischen den beiden Polen der erzieherischen Hilfe und der Repression nutzbaren Entscheidungsspielräume erkennbar: das Alter des Täters und die Tatschwere. Je jünger der Täter und je leichter die Tat, desto größer sind die für ein Erziehungsanliegen nutzbaren repressionsfreien oder -armen Möglichkeiten.

2. Bedenken gegen ein Erziehungsstrafrecht

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Problematisch ist an dieser Erziehungsorientierung seit jeher, dass sich kein eindeutiges und erst recht kein zeitüberdauerndes Erziehungskonzept entwickelt hat[53]. Die konträren Konzepte der „Erziehung statt Strafe und der „Erziehung durch Strafe machen dieses Problem ganz deutlich. Und epochale Veränderungen in den pädagogischen Grundlagen[54] wirken naheliegenderweise in das jeweils aktuelle jugendstrafrechtliche Erziehungsverständnis hinein. Darüber hinaus hat der kriminalpädagogische Behandlungsoptimismus in den letzten Jahrzehnten stark nachgelassen[55]. Ganz komplementär dazu ist – anders als noch zur Zeit der Jugendgerichtsbewegung – in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts der Gedanke der Non-Intervention in den Vordergrund getreten und hat sich auch in der Kriminalpolitik ausgewirkt. Neuerdings verspricht man sich von der Begegnung oder Konfrontation des Täters mit dem Opfer im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs besondere erzieherische Wirkungen, etwa in Folge einer Verdeutlichung der Verantwortung für das eigene Tun.

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Gegen den Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht hat man immer wieder vorgebracht, dass den jungen Tätern vielfach sogar größere strafrechtliche Belastungen zugemutet würden als den nach Allgemeinem Strafrecht Verurteilten. Das daran anknüpfende Postulat eines generellen Schlechterstellungsverbots besitzt freilich wenig Überzeugungskraft (vgl oben Rn 13). Gewichtig ist jedoch das Bedenken, dass von einem illusionären Erziehungsanspruch aus der Rechtsanwender dazu verführt sein mag, die unverzichtbaren strafrechtlichen Limitierungsdimensionen der Tatschuld bzw des Verhältnismäßigkeitsprinzips hintanzustellen[56]. Nicht zuletzt dem BGH ist dieser Kardinalfehler anfangs unterlaufen, als er im Jugendstrafrecht die Überschreitung der Strafrahmen des Allgemeinen Strafrechts zu Erziehungszwecken zuließ[57]. Zur angemessenen Einstufung solcher Fehlleistung ist freilich im Auge zu behalten, dass derartige Erziehungs-Exzesse nicht zuletzt Folge von unklaren und dann fehlinterpretierten Regelungen des JGG waren – man denke nur an die Erziehungsklausel im Rahmen der Strafzumessungsregelung des § 18 II JGG[58] – also durchaus vermeidbare Auswirkungen des Erziehungsprinzips darstellen. Auch wurde inzwischen eine ehemals verbreitete Fehlinterpretation von Daten zum Rückfall nach Jugendstrafrecht, wonach längere Jugendstrafe erzieherisch besonders wirksam sei, nachdrücklich korrigiert[59]. In der Folge hat sich das Schlechterbehandlungs-Problem bezüglich der Strafbemessung weitestgehend in dem Sinne geklärt, dass Erziehung im Strafrecht keinesfalls der Eingriffserweiterung gegenüber einem tatausgleichenden Strafrecht dienen darf und folglich die Strafrahmenobergrenzen des Allgemeinen Strafrechts nicht überschritten – eigentlich noch nicht einmal annähernd erreicht – werden dürfen (vgl Rn 443). Damit sind die einzigen wirklich ernsthaften Bedenken aus dem Feld des „Schlechterstellungsverbots" entschärft.

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Weitere Schwachstellen eines erzieherisch verstandenen Jugendstrafrechts liegen im Effizienz-Defizit. Das Jugendstrafrecht führt zur Integration von erzieherischen Hilfsangeboten in ein strafrechtliches Verfahren und allein schon deshalb zu einer erheblich verringerten Wirkmöglichkeit pädagogischer Bemühungen. Neben der an sich schon erziehungsfeindlichen repressiven Einfärbung ist hier bedeutsam, dass die in der Täterbiographie nur punktuelle und daher erzieherisch marginale jugendstrafrechtliche Sanktion dem strafrechtlichen Zugriff kaum dauerhaft konstruktive Züge zu verleihen vermag; der unvermeidlich stigmatisierende Zugriff erscheint von daher vor allem als entwicklungsgefährdend. Belegt wird dies durch Befunde, denen zufolge die nach einer Tat nicht entdeckten jugendlichen Delinquenten häufiger ohne Rückfälle blieben als Täter, die strafrechtlich sanktioniert wurden[60]. Insgesamt stützt die pönologische Wirkungsforschung die erheblichen Zweifel an einem unter dem Strich positiven erzieherischen Ertrag des jugendstrafrechtlichen Zugriffs, wobei die Bilanz umso ernüchternder ausfällt, je repressiver der Sanktionscharakter ist[61].

3. Ein tragfähiges strafrechtliches Erziehungskonzept

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Angesichts der erkennbaren Defizite des Erziehungsgedankens nehmen die Einwände gegen dieses jugendstrafrechtliche Leitprinzip zu. Teils hat man sich dafür ausgesprochen, den Erziehungsansatz begrifflich präziser zu fassen, nämlich als „Sozialisation"[62]. Trotz dieses dem Erziehungsbegriff wohl ebenbürtigen und unstrittig moderneren Begriffs würde man aber letztlich nur ein Wort austauschen. Näherliegend mag es erscheinen, den Aspekt des „Wohls des Jugendlichen", der in den „Mindestgrundsätzen der Vereinten Nationen für die Jugendgerichtsbarkeit dominiert[63], in den Vordergrund des jugendstrafrechtlichen Sonderweges zu stellen. Auch dies führt aber nicht weiter, da das Leitprinzip des „Wohls des Jugendlichen noch mehr als der Erziehungsgedanke die grundsätzliche Orientierung strafrechtlichen Vorgehens an den Interessen der Allgemeinheit und den daraus resultierenden Zwangscharakter verschleiert[64]. Neuestens gipfeln die Reformüberlegungen schließlich in der Forderung nach Eliminierung des Erziehungsgrundsatzes[65]. Jedoch kommt der Erziehung (oder Sozialisation) im Jugendstrafrecht nachgerade naturwüchsig substanzielle Bedeutung zu, weshalb man ganz überwiegend ein Beibehalten dieser Ausrichtung fordert[66]. Im 2. JGGÄndG vom Dezember 2007 hat sich der Gesetzgeber mit dem neuen § 2 I S. 2 JGG dieser Position angeschlossen[67].

22

In Kontrast zum Präventionsanliegen des Allgemeinen Strafrechts stärkere Konturen gewinnt der Erziehungsgedanke schon daraus, dass richtig verstandene „Erziehung" in besonderer Weise auch eine Begrenzungsfunktion gegen Repression verkörpert und als interpretationsoffener Begriff als „Türöffner" für jugendangemessene Strategien im Strafrecht tauglich ist[68]. Unverkennbar ist gleichwohl, dass das im Wesentlichen punktuell einwirkende Strafrecht kaum Erziehung im allgemein-pädagogischen Sinn wird bewirken können. Lediglich im Rahmen von Freiheitsentziehung, welche die Wahrnehmung der erzieherischen Aufgaben seitens der Eltern verhindert, ist ein allgemeinerziehendes Mandat der Justiz unabweisbar – jedoch endet dieses mit der Volljährigkeit des Gefangenen[69]. Angesichts der Anknüpfung des Strafrechts allein an Straftaten kann es bei Erziehung im oder durch Strafrecht im Übrigen allein um die Förderung künftiger Straffreiheit gehen[70], wie neuestens § 2 I JGG hervorhebt.

Dabei erscheint eine Ausrichtung an normbezogenen Erziehungsdimensionen, nämlich an Normbestätigung, nahe liegend. Insbesondere die Forschungen zu den generalpräventiven Wirkungen des Strafrechts sprechen dafür, dass Normkonformität vor allem durch Normakzeptanz iS einer Bindung an die vor allem in der Sozialisation verinnerlichten Werte gefördert wird[71]. Als Minimalaufgabe strafrechtlichen Zugriffs auf einen Jugendlichen wird man deshalb eine spezialpräventiv wirksame Normbestätigung als Grundlage für künftige Straffreiheit anzustreben haben. Dass diese positive Spezialprävention ganz unabhängig von irgendwelchen Sozialisationsdefiziten des Täters strafrechtliche Basisaufgabe ist, ergibt sich schon daraus, dass ein Nichtreagieren trotz Überführung des verantwortungsfähigen Täters die übertretene Norm desavouieren müsste – ihm selbst wie auch der Allgemeinheit gegenüber[72]. Zu den jugendangemessenen Strategien gehört schließlich ein Ernstnehmen des Beschleunigungsgrundsatzes. Denn bei vorliegenden Erziehungsbedürfnissen schwächt jedes Zögern die Effizienzpotenziale einer Intervention. Und im Übrigen fördert lange Verfahrensdauer Rationalisierungs- und Verdrängungsneigung, was der Normbestätigungsaufgabe ahndender Sanktionierung entgegenwirkt[73]. Beschleunigung darf freilich nicht zur Vernachlässigung personenbezogener Ermittlungen führen, sondern setzt enge Kooperation der Verfahrensbeteiligten voraus[74]. Dass der Beschleunigungsgrundsatz keine Relativierung der gesetzlichen Standards des Beschuldigten- und Angeklagtenschutzes bewirken darf, versteht sich von selbst.

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Der Erziehungsgedanke thematisiert die Verantwortung der Gesellschaft für ihre Jugend und fördert daher Rücksichtnahme auf die vielfältig sensible Phase des Jugendalters. Um dem Jugendlichen im Rahmen des Strafrechts möglichst wenig zu schaden, ist Gesetzesauslegung und -anwendung unter Zurückdrängung von formellen Sanktionen zu Gunsten informellen Reagierens (sog. Diversion; vgl unten Rn 172 ff) und insbesondere unter Vermeidung harter Sanktionen erforderlich. Bei Erziehung im Strafrecht geht es zuallererst um Rücksichtnahme auf Entwicklungsvorgänge und auf anderweitig zu leistende Erziehung. Es sind möglichst wenig schädliche Eingriffe in diejenige Erziehung vorzunehmen, die von dazu Berufeneren (Eltern, Lehrern, Ausbilder, Jugendhilfe) geleistet wird. Zudem stellt sich die Aufgabe, bislang versäumte und in weniger gut kontrollierbaren Zusammenhängen gar nicht initiierbare Lernvorgänge voranzutreiben; und angesichts des vorgegebenen Handlungsrahmens „Strafrecht" gilt dies unabhängig von strafrechtsimmanenten Wirksamkeitshindernissen. Speziell im Jugendstrafvollzug müssen darüber hinaus die hier weitgehend ausfallenden Erziehungspersonen in ihrer pädagogischen Aufgabe ersetzt werden.

Die besonderen Anforderungen des Umgangs mit jungen Straftätern lassen sich daher am besten anhand des Leitprinzips „Verantwortung" veranschaulichen: Auf der einen Seite Verantwortung der Gesellschaft für diejenigen, die unverschuldet den Sozialisations-Risiken eben dieser Gesellschaft ausgesetzt sind, nämlich die Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden; auf der anderen Seite die Befähigung junger Menschen dazu, für ihre Taten und für ihr künftiges Leben in dieser Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

Anmerkungen

[1]

Vgl PKS, Bd. 3, 2018, S. 27, 101. TVBZ = Verdächtige pro 100 000 der entsprechenden Wohnbevölkerung; vgl PKS, Bd. 3, 2018, S. 162 f.

[2]

Vgl Schöch/Gebauer, Ausländerkriminalität, S. 40 ff; Streng, JZ 1993, 109, 110; Heinz, ZStW 114 (2002), 519, 552 ff; ders., in: HdbStrafrecht, Bd. 1, § 22 Rn 17.

[3]

Vgl Hermann, Werte, S. 190 f; ferner Kaiser, Kriminologie, § 37 Rn 88; Kerner, in: DVJJ, Fördern, S. 31, 41; Heinz, in: HdbFP 4, S. 1, 29 ff.

[4]

Vgl PKS, Bd. 3, 2018, S. 27.

[5]

Davon 19 245 Heranwachsende unter Anwendung Allgemeinen Strafrechts.

[6]

Vgl zum Ganzen Strafverfolgung 2017, S. 16, 24 f.

[7]

Zur TVBZ vgl oben Fn 1.

[8]

Vgl auch PKS 2012, S. 100 f; PKS 2018, Bd. 3, S. 101 ff, 105; Heinz, Kriminelle Jugendliche, S. 17 ff, 45 ff; Meier, Kriminologie, § 5 Rn 48 ff (Abb. 5.2); zur entspr. Entwicklung in Europa vgl H.-J. Albrecht, RdJB 2018, 382, 383 f.

[9]

Vgl Kaiser, Kriminologie, § 50 Rn 8 ff; Schwind, Kriminologie, § 20 Rn 3 ff.

[10]

Vgl zum Ganzen Heinz, in: FS Jesionek, S. 103 ff; ders., Kriminelle Jugendliche, S. 32 ff, 42 ff; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, Rn 413, 522; Streng, Kriminalitätswahrnehmung, S. 11 ff.

[11]

Vgl Heinz, ZJJ 2017, 115, 119 ff (Schaubild 9).

[12]

Vgl Oberwittler/Köllisch, NK 4/2004, 144 ff; Boers/Walburg/Reinecke, MschrKrim 89 (2006), 63, 70 f; Pfeiffer/Wetzels, in: FS Schwind, S. 1109 ff; Eisenberg/Kölbel, Kriminologie, § 26 Rn 18 f; Neubacher, Kriminologie, 3 Rn 16; Heinz, in: HdbStrafrecht, Bd. 1, § 22 Rn 3, 25 ff; anders Killias/Kuhn/Aebi, Kriminologie, Rn 256.

[13]

Vgl Boers/Reinecke ua, MschrKrim 97 (2014), 183, 187 ff; Heinz, ZJJ 2017, 115, 117; Stemmler/Wallner/Weiss, in: FS Streng, S. 627, 631 ff; Boers, MschrKrim 102 (2019), 3, 8.

[14]

Vgl etwa Wolfgang/Thornberry/Figlio, Delinquency, S. 41 ff; Walter, JA 1992, 77 ff; Heinz, Kriminelle Jugendliche, S. 20 ff; ders., in: HdbFP 4, S. 1, 67, 70.

[15]

Vgl Heinz, ZStW 114 (2002), 519, 542 ff.

[16]

Vgl PKS 2012, S. 98 ff (TVBZ 3564 zu 7560 bei deutschen Jugendlichen bzw 3143 zu 9887 bei deutschen Heranwachsenden); PKS 2018, Bd. 3, S. 101, 109, 111 (TVBZ 2845 zu 6586 bei deutschen Jugendlichen bzw 2504 zu 7983 bei deutschen Heranwachsenden); Heinz, Kriminelle Jugendliche, S. 71 ff; Zweiter Sicherheitsbericht, S. 366 ff; Trenczek/Goldberg, Jugendkriminalität, S. 84 ff; Micus-Loos, in: Hermann/Pöge, Kriminalsoziologie, S. 219 ff.

[17]

Vgl dazu etwa Böhnisch, Abweichendes Verhalten, S. 131 ff; Bliesener, in: FS Lampe, S. 139, 153 f; Sabaß, Schülergremien, S. 7 ff; Kolberg, Gericht, S. 31 ff.

[18]

Vgl zum Ganzen Kaiser, Kriminologie, § 51 Rn 38 ff; Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 47; Zweiter Sicherheitsbericht, S. 363 ff; Hartmann, in: HdbFP 4, S. 209, 213 f; Schwind, Kriminologie, § 3 Rn 22; Eisenberg/Kölbel, Kriminologie, § 58 Rn 7 f.

[19]

Vgl Lösel, in: Dölling, Täter-Individualprognose, S. 29, 39 ff; ders., in: Lempp/Schütze/Köhnken, Forensische Psychiatrie, S. 221, 225 ff; Schneider, Kriminalistik 2000, 87, 90 ff; Lay/Ihle/Esser/Schmidt, MschrKrim 84 (2001), 119, 124 ff; Lösel/Bliesener, Aggression, 2003, S. 10 ff, 80 ff; ferner Küfner/Bühringer/Schumann/Duwe, in: Egg, Drogenmissbrauch, S. 9, 18 f; Pfeiffer/Delzer/Enzmann/Wetzels, in: DVJJ, Kinder und Jugendliche, S. 58, 166 ff; Bliesener, in: FS Lampe, S. 139, 152 f; Killias/Kuhn/Aebi, Kriminologie, Rn 658; Stemmler/Wallner/Link, in: Hermann/Pöge, Kriminalsoziologie, S. 247 ff.

[20]

Speziell zu Pubertätseffekten Felson/Haynie, Criminology 40 (2002), 967, 977 ff; ferner Böhnisch, Abweichendes Verhalten, S. 127 ff; relativierend Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 53 f.

[21]

Vgl Mischkowitz, MschrKrim 78 (1995), 165 ff; v. Hirsch, in: FS Roxin, S. 1077, 1089 ff; Ludwig, in: DJT, Verhandlungen, N 9, 11 f; skeptisch Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 53 f; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, Rn 143 f.

[22]

Vgl Pfeiffer, Kriminalität, S. 106 ff; Frehsee, in: DVJJ, Sozialer Wandel, S. 15, 30; Streng, in: FS Link, S. 959, 970.

[23]

Vgl Schütze, DVJJ-Journal 1997, 366, 369; Lösel, in: Lempp/Schütze/Köhnken, Forensische Psychiatrie, S. 221, 226 f; Böhnisch, Abweichendes Verhalten, S. 106 ff.

[24]

Vgl Pilz, in: DVJJ, Sozialer Wandel, S. 44, 48 ff; Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 64.

[25]

Vgl Streng, in: FS Link, S. 959, 972 f; Göppinger/Bock, Kriminologie, § 24 Rn 63 f.

[26]

Vgl Kaiser, Kriminologie, § 45 Rn 13 f, § 54 Rn 21; Lösel/Bliesener, Aggression, 2003, S. 15 f, 72 f; Rössner, in: FS Jesionek, S. 455, 466; Schumann, in: Dessecker, Jugendarbeitslosigkeit, S. 43, 56 f; Baier/Wetzels, in: Dessecker, Jugendarbeitslosigkeit, S. 69, 83 ff; Eisenberg/Kölbel, Kriminologie, § 58 Rn 8 ff.

[27]

Vgl Frehsee, in: FS Schüler-Springorum, S. 379, 388 ff; Kerner/Sonnen, DVJJ-Journal 1997, 339, 343 f; Streng, in: FS Gössel, S. 501, 507 f; Schepker/Toker, Z. Kinder-Jugendpsychiatr. Psychother. 35 (2007), 9, 13, 14.

[28]

Vgl PKS 2018, Bd. 4, S. 153; PKS 2012, S. 247; PKS 1987, S. 158.

[29]

Vgl zum Ganzen Kreuzer/Römer-Klees/Schneider, Beschaffungskriminalität, S. 84 ff, 125 ff; Kindermann, in: Reindl/Nickolai, Drogen, S. 48, 50; Lösel/Bliesener, Kindheit und Entwicklung 7 (1998), 208, 216 f; Bühringer, in: Kreuzer, Betäubungsmittelstrafrecht, § 6 Rn 24 ff; Küfner/Bühringer/Schumann/Duwe, in: Egg, Drogenmissbrauch, S. 9, 18 ff.

[30]

Vgl Heinz, Kriminelle Jugendliche, S. 19 f; Naplava, BewHi 2006, 260 ff, 266 ff; Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 50; Heinz, in: HdbFP 4, S. 1, 28; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, Rn 385, 394; Bliesener, in: Bliesener ua, Rechtspsychologie, S. 64, 65; Eisenberg/Kölbel, Kriminologie, § 55 Rn 1 ff; Neubacher, Kriminologie, 6 Rn 3; Boers, MschrKrim 102 (2019), 3, 7 ff.

[31]

Vgl Lamnek, in: Albrecht/Schüler-Springorum, Jugendstrafe, S. 17, 45; Wolfgang/Thornberry/Figlio, Delinquency, S. 24 f; Lösel, in: Dölling, Täter-Individualprognose, S. 29, 35 ff; Laubenthal, Jugendgerichtshilfe, S. 21 ff; Kaiser, Kriminologie, § 43 Rn 19 f.

[32]

Vgl Jung, ZRP 1981, 36, 43; Heinz, ZStW 104 (1992), 591, 622; ders., ZStW 114 (2002), 519, 529 ff, 533; Kerner, in: Nickolai/Reindl, Sozialarbeit, S. 28, 45 f; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, Rn 553; zu den Grenzen dieser Strategie vgl Lösel, in: Dölling, Täter-Individualprognose, S. 29, 31 f; Bock, in: FS Hanack, S. 625, 633 ff.

[33]

Vgl zum Begriff Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24 Rn 52; Kopp, ZJJ 2012, 265 ff; Goeckenjan, ZJJ 2015, 26, 28; Boers, in: DVJJ, Jugend ohne Rettungsschirm, S. 567, 570 ff; Yurkov, Der rechtliche Umgang, S. 12 ff; Neubacher, Kriminologie, 6 Rn 5; ferner Meier, Kriminologie, § 6 Rn 16 ff; Ostendorf, ZJJ 2017, 332, 339 f; krit. Kunz, ZJJ 2013, 359, 362 f.

[34]

Zu Forschungsergebnissen Koch-Arzberger ua, Mehrfach- und Intensivtäter, S. 31 ff, 187 ff; Bliesener, in: Bliesener ua, Rechtspsychologie, S. 64, 68 f; Endres/Breuer, ZJJ 2014, 127, 132; Boers, in: DVJJ, Jugend ohne Rettungsschirm, S. 567, 576 ff; Yurkov, Der rechtliche Umgang, S. 74 ff; Eisenberg/Kölbel, Kriminologie, § 55 Rn 6 ff; Boers, MschrKrim 102 (2019), 3, 9 ff; zu Intensivtäterprogrammen vgl Schwind/Schwind, in: FS Kerner, S. 221, 225 ff; Riekenbrauk, in: GedS Walter, S. 379 ff; Scheidler, ZJJ 2015, 413 ff.

[35]

Vgl etwa bei Kaiser, Kriminologie, § 53; Lösel/Bliesener, Aggression; Göppinger/Maschke, Kriminologie, § 24; Killias/Kuhn/Aebi, Kriminologie, Rn 626 ff; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität; Schwind, Kriminologie, § 3 Rn 19 ff.

[36]

Ausführl. Lenz, Rechtsfolgensystematik, S. 66 ff.

[37]

Ausführl. Streng, in: Lösel ua, Kriminologie, S. 64 ff; vgl auch Heinz, in: FS Miyazawa, S. 93, 133 ff; ders., BewHi 2000, 131, 152; Kerner, in: Kerner/Dolde/Mey, Jugendstrafvollzug, S. 3, 89; ders., in: Dölling, Jugendstrafrecht, S. 119 ff; H.-J. Albrecht, ZJJ 2003, 224, 228 f; Heinz, in: DVJJ, Verantwortung, S. 62, 93 ff; Kerner, in: DVJJ, Fördern, S. 31, 49 ff; Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, Rn 561; Spiess, in: FS Heinz, S. 287, 293 f; Streng, Sanktionen, Rn 326 ff, 331 f; Verrel, in: FS Heinz, S. 521, 526 f; NomK-StGB/Villmow, Vor § 38 Rn 68 ff, 75; Trenczek/Goldberg, Jugendkriminalität, S. 137 f; kritisch Bock, GA 1997, 1 ff.

[38]

Ostendorf, DRiZ 1999, 63, 66; ebenso Hauber, ZfJ 67 (1980), 509, 516 f; Pfeiffer, Kriminalprävention, S. 110 f, 322 ff; Eisenberg, JGG, § 50 Rn 11 ff; ferner Schild, Richter, S. 21; Grunewald, NJW 2003, 1995 ff.

[39]

Vgl Jung, ZRP 1981, 36, 39, 41; Kunz, Bürgerfreiheit, S. 218 f; Henninger, Nichtdeutsche, S. 228 ff; Killias/Kuhn/Aebi, Kriminologie, Rn 1118.

[40]

Vgl zum Ganzen Tenckhoff, JR 1977, 485, 489 f; Streng, ZStW 92 (1980), 637, 654; ders., GA 1984, 149, 164 mit Fn 52; Heinz, RdJ 40 (1992), 123, 128; Frehsee, in: FS Schüler-Springorum, S. 379, 387 f; Jäger, GA 2003, 469, 472 ff; Petersen, Sanktionsmaßstäbe, S. 120 f; Ostendorf/Ostendorf, JGG, § 18 Rn. 6.

[41]

Vgl Nothacker, Erziehungsvorrang, S. 306 ff; Walter, ZStW 113 (2001), 743, 769; Keiser, JuS 2002, 981, 896; Reuther, Elternrecht, S. 187; Frahm, Kronzeugenregelung, S. 161 ff; Ostendorf/Ostendorf, JGG, § 5 Rn 4; Eisenberg, JGG, § 2 Rn 6, § 45 Rn 9a.

[42]

Vgl Schlüchter, Erziehungsgedanke, S. 81 ff; Kaiser, ZRP 1997, 451, 454 f; Bock, in: FS Hanack, S. 625, 629 f; Grunewald, NStZ 2002, 452, 456; Fahl, in: FS Schreiber, S. 63, 68 ff; ders., NStZ 2009, 613, 615 f; Rose, NStZ 2003, 588, 591; Böhm/Feuerhelm, JugStrR, S. 12; Petersen, Sanktionsmaßstäbe, S. 214 f; Schaffstein/Beulke/Swoboda, JugStrR, Rn 575; MünK-StPO/Höffler/Kaspar, JGG Einl. Rn 36 ff; detailliert Burscheidt, Schlechterstellung, S. 163 ff.

[43]

Zu Vor- und Nachteilen jugendstrafrechtlicher Flexibilität ausführlich Ostendorf, GA 2006, 515 ff.

[44]

Vgl Jung, ZRP 1981, 36, 42; Kaiser, ZRP 1997, 451, 452 f; Dünkel, RdJ 47 (1999), 291, 292; ders., NK 3/2008, 102, 104; Pruin, Heranwachsendenregelung, S. 193 f; Dünkel, NK 2017, 273, 276 ff; H.-J. Albrecht, RdJB 2018, 382, 392; für einen ausführl. Überblick über die in Europa konkurrierenden Jugendstrafrechtsmodelle vgl Albrecht/Kilchling, Jugendstrafrecht (insbes. Kilchling, aaO, S. 475 ff).

[45]

BGHSt 36, 37, 42; BGH, NJW 2002, 73, 76; für ähnlich markante Aussagen in weiteren höchstrichterlichen Leitentscheidungen vgl BGHSt 24, 360, 363; BGHSt 27, 295, 297; BGHSt 36, 294, 296; BGHSt 37, 34, 37; BGHSt 37, 75, 77; BGHSt 37, 373, 374; BGHSt 39, 92, 95.

[46]

Dazu ausführl. Goerdeler, ZJJ 2008, 137 ff.

[47]

Vgl Wolf, Strafe, S. 244 ff; Streng, StV 1998, 336 f; ausführl. Rn 435 ff.

[48]

Vgl BVerfGE 107, 104, 118 f; Eckert, ZfJ 69 (1982), 135, 141 f; Bottke, Generalprävention, S. 34, 40 ff; Frehsee, MschrKrim 71 (1988), 281, 296; Miehe, in: Mußgnug, Rechtsentwicklung, S. 249, 267 f; Heinz, RdJ 40 (1992), 123, 128; Meyer-Odewald, Jugendstrafe, S. 176 ff; Streng, ZStW 106 (1994), 60, 77 ff; Böttcher, in: DVJJ, Jugend, S. 543, 544 f; Ostendorf, DRiZ 1999, 63, 68 f; Hackstock, Generalpräventive Aspekte, S. 186 ff, 313 ff; Kornprobst, JR 2002, 309, 310; Synowiec, Wirkung, S. 80 ff, 92 ff, 444 f; Kaspar, in: FS Schöch, S. 209, 215 ff; Weber, Schuldprinzip, S. 167 ff; Swoboda, ZStW 125 (2013), 86, 100 ff.

[49]

Vgl Streng, DVJJ-Journal 1995, 163, 166; ferner Henninger, Nichtdeutsche, S. 363 ff.

[50]

Vgl bei Schaffstein/Beulke/Swoboda, JugStrR, Rn 473; Diemer/Schatz/Sonnen, JGG, § 105 Rn 13; Swoboda, ZStW 125 (2013), 86, 107.

[51]

Zur Relativierung des Erziehungsgedankens bei der Jugendstrafe-Verhängung gegen inzwischen Erwachsene vgl BGH, NStZ 2016, 101 f; dagegen Sonnen, ZJJ 2016, 76 f.

[52]

Vgl Streng, in: DVJJ, Sozialer Wandel, S. 425, 430 ff; zum Kommunikationsaspekt Hörnle, Strafzumessung, S. 112 ff; Puppe, in: FS Grünwald, S. 469, 475 ff.

[53]

Vgl etwa Nothacker, Erziehungsvorrang, S. 33 ff, 59 ff; Kuhlen, Diversion, S. 23 ff; Jung, Strafe, S. 42 ff; Putzke, Beschleunigtes Verfahren, S. 28 ff; Brunner/Dölling, JGG, Einf. Rn 84 ff; Weber, Schuldprinzip, S. 61 ff, 224 ff; Swoboda, ZStW 125 (2013), 86, 95 ff; Trenczek/Goldberg, Jugendkriminalität, S. 312 ff; zum noch wenig geklärten Erziehungsbegriff in der EMRK-Rspr des EGMR vgl Knauer, ZJJ 2019, 39, 48.

[54]

Vgl dazu etwa v. Wolffersdorff, ZJJ 2009, 96 ff.

[55]

Zur „nothing works"-Debatte vgl Kury, in: FS Böhm, S. 251, 258 ff; Kunz, Bürgerfreiheit, S. 174 ff; Streng, Sanktionen, Rn 321.

[56]

Nachweise bei Dünkel, Freiheitsentzug, S. 124 ff; Weber, Jugendstrafe, S. 165 f, 182 f; Kölbel, ZfJ 85 (1998), 10, 15; P.-A. Albrecht, JugStrR, § 8 V 1; ferner Blau, ZfJ 46 (1959), 117, 118 f; Brandler, Kriminalistik 1995, 762, 764 f; Böhm/Feuerhelm, JugStrR, S. 12 f; inzwischen weitgehende Entwarnung für den Bereich der Strafzumessung bei Streng, in: FS Böttcher, S. 447 ff; Jehle/Palmowski, in: FS Pfeiffer, S. 323, 331 ff; Neubacher, in: BMJV, Berliner Symposium, S. 121, 139 ff.

[57]

Vgl BGH, MDR 1955, 372 f; BGH, StV 1982, 27 f.

[58]

Dazu Streng, StV 1998, 336, 337.

[59]

Vgl Böhm, RdJ 23 (1973), 33, 39; Streng, GA 1984, 149, 154 f; Brandler, Kriminalistik 1995, 762, 764.

[60]

Vgl Streng, in: DVJJ, Sozialer Wandel, S. 425, 430 f; Schumann/Prein/Seus, in: FS Kaiser, S. 1109, 1128 f.

[61]

Vgl zum Ganzen Schüler-Springorum, in: FS Dünnebier, S. 649, 651, 655; Beulke, in: GedS Kh. Meyer, S. 677, 682 f; Heinz, ZStW 104 (1992), 591, 610 ff; ders., BewHi 2000, 131, 148 ff; Dölling, RdJ 41 (1993), 370 ff; Kerner, in: Nickolai/Reindl, Sozialarbeit, S. 28, 60 f; Streng, ZStW 106 (1994), 60, 85 f; H.-J. Albrecht, Gutachten, D 51 ff; Reuther, Elternrecht, S. 172 ff.

[62]

Vgl Nothacker, Erziehungsvorrang, S. 70 ff; Kuhlen, Diversion, S. 25 f.

[63]

Vgl Schüler-Springorum, ZStW 99 (1987), 809, 826, 843.

[64]

Vgl Streng, ZStW 106 (1994), 60, 72 ff, 90.

[65]

Vgl H.-J. Albrecht, Gutachten, D 97 ff; Weyel, ZJJ 2003, 406 ff; Kusch, NStZ 2006, 65, 66; ferner Laubenthal, JZ 2002, 807, 813; Remschmidt, in: FS Rössner, S. 338, 352 f.

[66]

Vgl Pieplow, in: Walter, Erziehung, S. 5, 44 ff; Schlüchter, Erziehungsgedanke, S. 31 ff; Streng, ZStW 106 (1994), 60, 83 ff, 90 ff; Kaiser, ZRP 1997, 451, 454 ff; Kreuzer, UJ 1999, 56, 65; Dölling, in: Dölling, Jugendstrafrecht, S. 181, 182 f; Walter, ZStW 113 (2001), 743, 768 f; Grunewald, NStZ 2002, 452, 457 f; Landau, in: DJT, Verhandlungen, N 37, 41 ff; Streng, in: DJT, Verhandlungen, N 69, 71 ff; Beschlüsse des 64. DJT, NJW 2002, 3077 (II 2); Dölling, in: FS Lampe, S. 597, 608 f; Ostendorf, NStZ 2005, 320 ff; Czerner, Freiheitsentziehung, S. 162 ff, 179 f; Keiser, ZStW 120 (2008), 25, 66 f; Pankiewicz, Absprachen, S. 38 f; Weber, Schuldprinzip, S. 240 ff, 256 f; Pieplow, in: GedS Walter, S. 341, 356; Schaffstein/Beulke/Swoboda, JugStrR, Rn 133.

[67]

BGBl. 2007, I, S. 2894; zur Begründung vgl BT-Drs. 16/6293, S. 9 f.

[68]

Vgl zum Ganzen Viehmann, GA 1988, 519, 522 f; Heinz, RdJ 40 (1992), 123, 125, 134; Jung, Sanktionensysteme, S. 108 f; Walter, NStZ 1992, 470, 471, 477; Laubenthal, Jugendgerichtshilfe, S. 26 f; Schlüchter, Erziehungsgedanke, S. 55; Streng, ZStW 106 (1994), 60, 85; Jung, in: FS Kaiser, S. 1047, 1064 f; Trenczek, in: DVJJ, Ambulante Maßnahmen, S. 17, 74 f; Kunz, ZJJ 2013, 359, 365; Swoboda, ZStW 125 (2013), 86, 92, 106; dies., in: Strafverteidigervereinigungen, Räume der Unfreiheit, S. 345, 364 f; Böttcher/Schütrumpf, in: HdbStrafverteidigung, § 53 Rn 31; Trenczek/Goldberg, Jugendkriminalität, S. 319 ff.

[69]

Vgl dazu Bachmann, JZ 2019, 759, 760 ff; ferner Beulke, in: FS Streng, S. 403 ff.

[70]

Vgl Miehe, Bedeutung der Tat, S. 22 f; Streng, GA 1984, 149, 152; Wolf, Strafe, S. 255; Breymann, ZfJ 75 (1988), 448 f; Balbier, DRiZ 1989, 404, 406 f; Heinz, RdJ 40 (1992), 123, 129; Schlüchter, ZRP 1992, 390, 391 f; P.-A. Albrecht, JugStrR, § 9 II 2, § 33 II 2; Trenczek, in: DVJJ, Ambulante Maßnahmen, S. 17, 72 f; Lenz, Rechtsfolgensystematik, S. 53 ff, 57; Goerdeler, ZJJ 2008, 137, 140 f; Brunner/Dölling, JGG, § 21 Rn 10; Meier/Rössner/Bannenberg/Höffler, JugStrR, § 12 Rn 7 f; Eisenberg, JGG, § 2 Rn 8, § 5 Rn 5.

[71]

Vgl Hermann, Werte, S. 185 ff, 195 ff, 332 f; Streng, Sanktionen, Rn 59 ff.

[72]

Ausführl. zum Ganzen Streng, ZStW 106 (1994), 60, 86 ff; ders., in: FS Heinz, S. 677, 686 ff; ferner Frommel/Maelicke, NK 3/1994, 28, 29 ff; Ludwig, in: DJT, Verhandlungen, N 9, 14 ff; Budelmann, Jugendstrafrecht, S. 20 ff; Hassemer, in: DVJJ, Verantwortung, S. 31, 52 f; Dünkel, NK 1/2008, 2, 3; Schmitz-Justen, in: DAV, Strafverteidigung, S. 819, 825; Meier, in: Höffler, Reform, S. 165, 168; krit. aber Grunewald, NJW 2003, 1995, 1996.

[73]

Vgl zum Ganzen etwa Mann, Beschleunigungspotential, S. 15 ff; Putzke, Beschleunigtes Verfahren, S. 56 ff; Rose, NStZ 2013, 315, 317 f; Ostendorf, ZJJ 2014, 253, 254; ders., ZJJ 2017, 332, 340; Andrews/Bonta, Psychology, S. 444; Ben Miled, Neuköllner Modell, S. 58 ff; relativierend Mertens, Schnell, S. 30 ff, 86 ff; Bliesener/Thomas, ZJJ 2012, 382, 387 f; Verrel, in: FS Heinz, S. 521, 526, 528 f; Dünkel, ZJJ 2015, 19, 21; Dollinger, ZJJ 2015, 192 ff; Plewig, in: FS Ostendorf, S. 669, 674 ff; Schatz, in: FS Ostendorf, S. 797, 802 ff; Trenczek/Goldberg, Jugendkriminalität, S. 461 ff.

[74]

Vgl Ostendorf, DVJJ-Journal 1998, 240 f; Vieten-Groß, in: DVJJ, Kinder und Jugendliche, S. 590 ff; Feuerhelm/Kügler, Haus des Jugendrechts, S. 94 ff; Wolff, in: DVJJ, Gesellschaft und Recht, S. 360, 362 ff; Mann, Beschleunigungspotential, S. 234 ff; Brunner/Dölling, JGG, § 43 Rn 21 f; Zieger/Nöding, Verteidigung, Rn 191; Ostendorf, ZJJ 2014, 253, 254; Riekenbrauk, in: GedS Walter, S. 379, 381 ff, 387 ff; Dünkel, in: FS Ostendorf, S. 271, 275 f.

Teil I Einführung › § 2 Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht

§ 2 Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht

Inhaltsverzeichnis

I.Germanisches und mittelalterliches Recht

II.Vom Gemeinen Recht zu den Partikulargesetzbüchern

III.Schulenstreit und Jugendgerichtsbewegung

IV.Das „Dritte Reich"

V.Die Entwicklung seit 1945

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Die aufgezeigte Zurücknahme des strafenden Zugriffs bei Straftaten junger Menschen scheint eine nachgerade selbstverständliche Rücksicht auf die spezifische Lage der jungen Menschen darzustellen. Trotz solcher Besonderheiten im Umgang mit jungen Straftätern zeigt ein Blick zurück, dass eine echte strafrechtliche Sonderbehandlung junger Rechtsbrecher bzw Verdächtiger in der Vergangenheit – auch der jüngeren Vergangenheit – keinesfalls selbstverständlich war, aber doch vielfach versucht worden ist. Ernsthafte Ansätze einer pädagogisch begründeten, also erzieherischen Sonderbehandlung junger Täter gab es jedoch erst im 18. Jahrhundert.

Teil I Einführung › § 2 Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht › I. Germanisches und mittelalterliches Recht

I. Germanisches und mittelalterliches Recht

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In den Zeiten der germanischen Volksrechte und der Stadtrechte des Mittelalters bestanden noch überwiegend überschaubare, geordnete Gemeinschaften, in welchen Jugendkriminalität kaum Probleme bereitete. Wenn es aber einmal zu regelrechten Verfahren kam, konnte der Täter in seine Familie oder Sippe zwecks weiterer Erziehung und Beaufsichtigung zurückgegeben werden. Öffentliche Erziehung war überflüssig. Bei einem notwendig werdenden Ausgleich mit anderen Sippen trug man der geringeren oder gar fehlenden Vorwerfbarkeit bei Taten junger Menschen durch Strafmilderungen oder -ausschlüsse wohl einigermaßen Rechnung. Etwa unterschied man in Teilen des germanischen Rechts zwischen einer Straflosigkeit der Unmündigen und einer Halbbüßigkeit, als reduzierter, nicht selten halbierter, Verpflichtung zu Bußzahlungen an die Opferseite (sog. Wergeld) oder an die Obrigkeit (sog. Brüche). Darüber hinaus finden sich in den Rechtsbüchern gelegentlich auch Regelungen für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, in welchen bereits erste intuitive Erziehungsansätze aufschienen[1].

26

Für das Mittelalter im deutschen Reich lässt sich, bei allen Unterschieden im Einzelnen, das 12. Lebensjahr als besonders relevante Altersschwelle für die Zuerkennung voller strafrechtlicher Verantwortlichkeit festhalten, wobei aber nicht selten eine relative Strafmündigkeit in Form abgemilderter Deliktshaftung vorgeschaltet war. Auch waren Ansätze erkennbar, der individuell ausgeprägten Einsichtsfähigkeit junger Täter – etwa im Lübecker Stadtrecht mittels des Apfel-Münze-Tests – Rechnung zu tragen[2]. Die partielle Auflösung der quasi von selbst erziehenden und kontrollierenden sozialen Gemeinschaften am Ende des Mittelalters brachte vermehrt Jugendkriminalität mit sich und einen erheblichen Bedarf an öffentlicher Erziehung. Mangels entsprechender pädagogischer Ansätze und organisatorischer Ressourcen reagierte man auf die Herausforderung durch die Jugendkriminalität traditionalistisch. Die im bisherigen Kontrollsystem angelegten Sanktionsformen wurden – soweit durchführbar – immer weiter gesteigert. An die Stelle der gerade auf junge Täter häufig angewandten Strafen an Haut und Haaren, etwa dem „Streichen mit Ruten", traten zunehmend auch sonstige körperliche Strafen wie gegen Erwachsene, etwa wurden auch an Kindern und Jugendlichen Verstümmelungen sowie Hinrichtungen vollzogen[3]. So strebten Grausamkeit und kriminalpolitische Ineffizienz einem Höhepunkt zu. Insbesondere im Falle von Stadt- oder Landverweisungen, die zur Vermeidung von Leibes- oder Lebensstrafen gerade auch bei Delinquenz Jugendlicher ausgesprochen wurden, blieb den so Bestraften kaum etwas anderes übrig, als mit weiteren Straftaten ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – was im Falle der Ergreifung regelmäßig zur Hinrichtung führte[4].

Teil I Einführung › § 2 Der Weg zu einem eigenständigen Jugendstrafrecht › II. Vom Gemeinen Recht zu den Partikulargesetzbüchern

II. Vom Gemeinen Recht zu den Partikulargesetzbüchern

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Die Rezeption des römischen Rechts insbesondere durch die Constitutio Criminalis Carolina (CCC = „Peinliche Gerichtsordnung Karls des V.) von 1532 ließ eigentlich eine Besserung der Situation erwarten, da die Systematisierung des Schuldgedankens gerade zu einem schonenderen Umgang mit jungen Tätern hätte führen müssen. Auch wurde die Sondersituation junger Menschen in Art. 179 der CCC angesprochen, demzufolge Jugend, neben „anderen Gebrechen, den Richter dazu veranlassen sollte, sachkundigen Rat für die Behandlung solcher Täter einzuholen (vgl Art. 219 CCC). Im Gemeinen Recht, das sich aus dem rezipierten römischen Recht entwickelte, setzte die strafrechtliche Verantwortlichkeit bereits mit dem 7. Lebensjahr ein, wobei allerdings in einer Übergangsphase bis zum 14. Lebensjahr im Sinne einer „bedingten Strafmündigkeit nach dem Entwicklungsstand individualisierend entschieden wurde; auch bestanden für junge Täter Strafmilderungsregelungen. Trotz Geltung eigentlich eindeutiger Altersgrenzen waren in dieser Epoche durchaus Ausnahmen für den Fall möglich, dass „die Bosheit das Alter erfüllt (bzw übertrifft) – was bedeutete, dass dann auch eigentlich Strafunmündige nach der Härte des Gesetzes abgestraft wurden. Infolge der instabilen politischen und gesellschaftlichen Situation herrschte auch im Rahmen des gemeinen Rechts weiterhin Rechtsunsicherheit vor und es kam zu teils überaus harten Strafen auch gegen junge Täter[5].

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Besonders bei jugendlichen Tätern wurde die Einsperrung in das Lochgefängnis, den Karzer oder den Turm als Strafmaßnahme angeordnet, um härtere Erwachsenen-Sanktionen nicht anwenden zu müssen. Solche Einsperrung wurde teils bis ins 19. Jahrhundert hinein praktiziert. Es handelte sich dabei um eine bei längerer Dauer brutale Leibesstrafe. Im Normalfall diente sie der Verwahrung der Gefangenen bis zum Prozess oder bis zur Hinrichtung. Kürzere Einsperrung als selbstständige Strafmaßnahme gegen junge Täter war trotz ihres besonderen Charakters mit der modernen Freiheitsstrafe nicht vergleichbar[6]. Die in fehlenden Betreuungs- und Erziehungspotenzialen und in der in jeder Hinsicht ungesunden Unterbringung wurzelnden Missstände führten bereits im 16. Jahrhundert zu Reformansätzen.

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Die Anfänge der modernen Freiheitsstrafe liegen in der Sozialethik des Calvinismus begründet, wonach in beruflichem und insbesondere finanziellem Erfolg göttlicher Segen waltet. Auf der anderen Seite wurde der nicht Arbeitende als jemand angesehen, der sich dem Ruf Gottes entzog. Arbeit gab dem fleißigen Erwerbstätigen die Möglichkeit zu „innerweltlicher Askese" und stand daher gleichberechtigt neben der Weltflucht des Mönchs. Von daher waren Zwang und Erziehung zu Arbeit ein Weg, den Bettler oder Straftäter auf den Weg zu Gott zu führen. Im Rahmen dieses ideellen Hintergrundes überließ der englische König Eduard VI. das Schloss Bridewell der Stadt London, damit diese eine Anstalt einrichten konnte, in welcher Vagabunden zur Arbeit angehalten werden sollten. Die wachsende Scheu, jugendliche Delinquenten und nicht allzu schwerer Straftaten schuldige Erwachsene hinzurichten, dürfte einer der Hauptgründe gewesen sein, diese neue Anstalt zu schaffen. Die workhouse (Arbeitshaus) bzw später house of correction (Zuchthaus) benannte Anstalt wurde 1555 ihrem Verwendungszweck übergeben. Bald errichtete man auch in anderen englischen Grafschaften derartige Institutionen.

Die eigentliche Initialzündung für den Siegeszug der modernen Freiheitsstrafe aber ging von den Niederlanden aus, wo sich speziell in Amsterdam das englische Vorbild weiterentwickelte. Es verstärkte sich Ende des 16. Jahrhunderts beim Amsterdamer Gericht das Unwohlsein gegenüber dem bisherigen Verfahren der Hinrichtung jugendlicher Diebe. Im Jahre 1588 schließlich weigerten sich die Schöffen, gegen einen 16-jährigen Dieb und Einbrecher das Todesurteil zu verhängen. Sie forderten Mittel, „derartige Bürgerskinder in dauernder Arbeit zu halten und womöglich dadurch zu einem besseren Lebenswandel zu erziehen". Im Jahre 1589 wurde im Rat der Stadt dann der Beschluss gefasst, in einem ehemaligen Kloster ein Zuchthaus einzurichten. Im Februar 1596 wurden in das Zuchthaus von Amsterdam die ersten zwölf Gefangenen eingeliefert. In der Folge entstanden in ganz Europa Zuchthäuser nach dem Muster von Amsterdam. Die Umsetzung des Zuchthauskonzepts war freilich noch weit von dem entfernt, was man unter den Aspekten der Trennung der jungen Häftlinge von anderen Gefangenengruppen und der gesundheitlichen wie pädagogischen Betreuung eigentlich wünschen musste[7].

30

Als Vater des modernen Erziehungsstrafvollzugs für Jugendliche ist daher wohl Papst Clemens XI. zu nennen. Er ließ in Rom 1703 das Knabengefängnis („Bösebubenhaus) San Michelo einrichten. Von Erwachsenen und Angehörigen des anderen Geschlechts abgesondert, wurden die Insassen nach Alter, sittlicher Beschaffenheit, Grad der Verwahrlosung oder Kriminalität kategorisiert und getrennt untergebracht. Für die als Arbeitszucht verstandene tägliche Arbeit galt das Schweigegebot. Als weiteres Erziehungsmittel wurden geistliche Unterweisung in Form von Unterricht und religiösen Übungen eingesetzt. Nachts waren die Knaben in Einzelzellen untergebracht, um gegen Übergriffe anderer Gefangener und gegen Schädigungen durch kriminelle Ansteckung geschützt zu sein. Die Anstalt San Michelo vermied so sehr viele Probleme und Schwächen, die den anderen Zuchthäusern dieser Zeit anhafteten. Ähnliches gilt für das in den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts in Gent gegründete „maison de force. Freilich blieb deren unmittelbare Außenwirkung als Modell für eine zu reformierende Freiheitsstrafe zunächst eher gering[8].

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Die Weiterentwicklung von Wissenschaft sowie von Handel und Industrie führte dazu, die ganz offenbar ineffiziente und inhumane Strafpraxis des Mittelalters zu Gunsten des Freiheitsentzugs zurückzudrängen. Nicht nur das Vorbild eines Erziehungsvollzugs, wie er etwa in San Michelo praktiziert wurde, sondern vor allem das Aufkommen des Merkantilismus, der den Menschen mit seiner Arbeitskraft für die Gesellschaft wichtig machte, wirkten sich hier aus. Die Manufakturen weckten einen Bedarf an Arbeitskräften und schufen die

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