Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Falkenrache: Spiegelmagie Band 9
Falkenrache: Spiegelmagie Band 9
Falkenrache: Spiegelmagie Band 9
eBook338 Seiten4 Stunden

Falkenrache: Spiegelmagie Band 9

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Man sagt den Mehme nach, dass sie ein Drachengedächtnis haben. Kränkungen werden von ihnen weder vergessen noch vergeben, egal, wie lange sie zurückliegen. Die Beziehungen zwischen ihnen und dem karapakischen Königshaus sind deshalb bestenfalls schlecht. Und die Abneigung ist gegenseitig.
Als jedoch Na-Ochone, der letzte der Mehme-Barone, vom König zutiefst gedemütigt wird, ist das Maß voll. Na-Ochone schwört blutige Rache. Eine Rache, der selbst die Zauberer wohlwollend gegenüberstehen.
Allerdings haben die Mehme ihr Familienmotto nicht ohne Grund: Traue niemals einem Zauberer!
SpracheDeutsch
HerausgeberMachandel Verlag
Erscheinungsdatum20. Okt. 2021
ISBN9783959593311
Falkenrache: Spiegelmagie Band 9
Vorschau lesen

Ähnlich wie Falkenrache

Titel in dieser Serie (11)

Mehr anzeigen

Rezensionen für Falkenrache

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Falkenrache - Chris Svartbeck

    Falkenrache

    Spiegelmagie Band 9

    Chris Svartbeck

    Falkenkopf

    ©Chris Svartbeck 2021

    Machandel Verlag

    Charlotte Erpenbeck

    ISBN 978-3-95959-331-1

    Bildquelle cover: romankybus /www. 123-rf.com

    Titelvignette: 4ek/www.shutterstock.com

    Alle Personen, Namen und Vorkommnisse in diesem Buch

    sind rein fiktiv und haben keine Vorlage in unserer realen Welt.

    Was allerdings sehr wohl in unserer realen Welt vorkommt,

    sind die diversen kleinen und großen Katastrophen

    der zwischenmenschlichen Beziehungen.

    Vorwort

    Der Falke ist ihr Wappen. Sie tragen ihn selbstbewusst trotz der Schande, die er über sie gebracht hat, denn ihr Stolz ist das Einzige, was ihnen nach der Verbannung ihrer Sippe an die Südgrenze Karapaks geblieben ist. Aber wie lange kann die Fehde der Mehme mit dem Königshaus noch andauern, bevor sie komplett ausgelöscht werden?

    Zur zeitlichen Einordnung:

    Dieses Buch spielt mehrere Jahrhunderte nach dem Band Falkenblut, aber noch rund 200 Jahre vor dem Band Königsfalke

    Hinweis: 

    Karapak ist eine gewalttätige, extrem patriarchalische Welt. Das Leben eines Mannes gilt wenig, das von Frauen und Kindern noch weniger, und eine falsche Geste kann Kriege auslösen. 

    Dass die Zauberer ebenfalls über Leichen gehen, ist noch ihre liebenswürdigste Seite.

    Schlechte Nachrichten

    „Das ist nicht dein Ernst!" Großmeister Ro starrte Ze Braunhand fassungslos an.

    „Kein einziger?"

    „Kein einziger!", bekräftigte Ze.

    Ro sank fassungslos auf den Schemel. Das fehlte gerade noch. Die Kristallkammer war seit dem Aufstand chronisch unterbesetzt. Es hatte ihn mehr als drei Menschengenerationen Zeit gekostet, sie auch nur einigermaßen wieder arbeitsfähig zu bekommen. Aber wenn jetzt auch noch der Rohstoff fehlte ...

    „Hast du in den Eisbergen nachgesehen? In den östlichen Himmelsbergen? Und im Süden?"

    „Vom Nordmeer bis in die letzte Spitze der Drachenschwanzberge. Nichts. Nirgends. Kein einziger Drache mehr."

    Der letzte Sucher hatte noch Drachen fliegen sehen. Zugegeben, nur zwei sehr müde, alte Drachen, aber trotzdem ...

    Das war wie lange her? Ro rechnete nach. Achtzehn Regenzeiten. Das bedeutete, sie hatten keine Jungen mehr gezeugt.

    Und ohne junge Drachen gab es auch keine jungen Zauberer.

    Ro wurde heiß und kalt zugleich. Sie waren die letzten. Außerhalb dieser kristallinen Wände gab es keinen einzigen Zauberer der ersten Generation mehr. Keine Verstärkung. Keinen Nachwuchs. Sie hatten ihren Ursprung verloren.

    Und damit die Quelle ihrer Kraft.

    Ro spürte, wie sich eine eisige Faust um ihn schloss. Wie sollte er das den anderen erklären?

    Mit einer schroffen Handbewegung entließ er Ze Braunhand. Dann trat er an die Wand, zog mit dem Zeigefinger eine kaum sichtbare Linie nach. Die Wand wurde wasserklar.

    Tief unter ihm lag Sawateenatari, ausgebreitet und übersichtlich wie eine Landkarte. Weit genug weg, dass er weder von dem Dreck noch von dem Lärm belästigt wurde. Nah genug, um alles im Auge zu behalten. Auch ... Ros Blick wanderte zu dem höchsten Punkt der Anhöhe, auf der die Stadt gegründet worden war. Schlanke Türme, trutzige Mauern. Der Palast. Die einzige andere Quelle der Zauberei, die Karapak verblieben war.

    Und tabu.

    Dieser verdammte Pakt. Welcher Sandteufel hatte ihn damals bloß bewogen, so einem hirnverbrannten Blödsinn zuzustimmen? Gewaltentrennung. Pah! Wo doch sowieso ein Zauberer auf dem Thron saß. Aber die Kristallkammer hatte es geschrieben und geschworen. Keine Einmischung in die Politik oder in Belange des Königshauses. Also konnte er von dort keinen Nachschub bekommen. Keine Zauberer und erst recht keine neuen Spiegel. Von den sehr wenigen Mitgliedern abgesehen, die freiwillig kamen, war die Nahne-Sippe für ihn sakrosankt.

    Allerdings nur so lange, wie sie das Königshaus stellten.

    Das musste nicht für immer sein.

    Vielleicht ergab sich ja eine Möglichkeit ...

    Ro war bereit, geduldig darauf zu warten. Mit Warten kannte er sich aus. Das hatte er schon einmal über ein paar Jahrhunderte bewiesen. Und gegebenenfalls konnte er ja etwas nachhelfen, wenn es zu lange dauerte.

    Im Schatten

    „...und Tariki hat definitiv zu viel für sein neues Pony bezahlt!"

    Akiana drückte sich tiefer in die Nische und zog ihr Schultertuch über den Kopf. Mit etwas Glück würden ihre jüngeren Brüder sie für eine der Dienerinnen halten und nicht beachten.

    „Das Pony hatte aber das Flussuferrennen gewonnen!"

    „Klar hat es. Graf Mischekoko soll schließlich die anderen Reiter kräftig bestochen haben, dass sie ihre Ponys zurückhielten."

    „Schlauer Sandteufel!"

    Schritte und Gespräch verklangen. Akiana atmete auf. Ihre Brüder hatten sie nicht bemerkt. Vorsichtig streckte sie den Kopf aus der Nische und spähte den Flur entlang. Niemand in Sicht. So lautlos wie möglich folgte sie den Prinzen.

    Onkel Toleke wartete bereits im Lilienhof auf seine Schüler. Sehnsüchtig dachte Akiana an die Zeit, als sie noch offen am Unterricht teilnehmen konnte. Onkel Toleke hatte nie kapiert, dass sie nur ein Mädchen war. Was, wie ihr Vater ihr mit grimmiger Miene mitgeteilt hatte, daran lag, dass Toleke kein besonders starker Zauberer war. Der kleine Zauber, der ihre Haare immer wieder abbrechen ließ und somit kurz hielt, hatte ausgereicht, Toleke in die Irre zu führen, und er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie überhaupt einen Zauber auf sich gelegt hatte. Bei ihm, hatte ihr Vater hinzugefügt, wäre sie mit derartigen Narrheiten niemals durchgekommen. Und falls sie das je noch einmal versuchen sollte ...

    Er hatte seine Drohung nicht aussprechen müssen. Akiana hatte mehr als eine Frau im Sommerharem sterben sehen, die den Unmut ihres jähzornigen Vaters erregt hatte. Selbst einer seiner Söhne hatte erfahren müssen, zu was ihr Vater fähig war. Ihr jüngster Bruder Piritoka war kaum fünf Jahre alt gewesen, als die junge Katze, mit der er so gerne spielte, dem Vater zwischen die Beine lief und ihn ins Straucheln brachte. Akiana hatte das wutverzerrte Gesicht ihres Vaters gesehen, als er Piritoka befahl, dem unnützen Tier auf der Stelle die Kehle durchzuschneiden. Ihr Bruder hatte es nicht fertiggebracht und zu weinen begonnen. Da hatte der Vater die Katze ergriffen und ihr vor den Augen des Kleinen den Kopf abgeschnitten.

    Und dann hatte er das Gleiche mit ihrem Bruder getan.

    Hastig verdrängte sie die Erinnerung und konzentrierte sich auf das, was Onkel Toleke gerade erklärte. Trugbilder, wie schon seit sechs Tagen. Trugbilder waren überaus nützlich. Ihre Mutter liebte es, Trugbildschmuck zu tragen. Der echte Schmuck war ihr viel zu schwer, den benutzte sie nur zu besonders feierlichen Anlässen.

    Onkel Toleke allerdings zählte gerade einige Beispiele für eine viel nützlichere Anwendung auf. Zum Beispiel, dass man damit einem einfachen Stock das Aussehen eines gefährlichen Schwertes geben konnte.

    „Wenn die Illusion gut genug ist, glaubt dein Gegner sie. Und wenn er sie fest genug glaubt, vermag ihn selbst eine bloße Illusion zu töten."

    „Und wenn er sie nicht fest genug glaubt?"

    „Dann braucht ihr zusätzlich zu der Illusion noch eine Transformation. Selbst Holz vermag zu schneiden, wenn man ihm eine scharfe Kante verleiht. Aber so weit seid ihr noch nicht. Versucht bitte erst einmal die Illusion."

    Akiana pflückte sich ein Oleanderblatt aus dem nahen Pflanzkübel und konzentrierte sich. Drei Herzschläge später hielt sie einen schlanken, nadelspitzen Dolch in der Hand. Töten würde sie damit nicht können. Blätter waren einfach nicht so stark wie Holz. Andererseits ... Waren nicht Blatt wie Holz Produkte einer Pflanze? Wenn die Pflanze das eine wie das andere erschaffen konnte, war es vielleicht möglich, beides ineinander umzuwandeln. Sie konzentrierte sich erneut. Das Trugbild in ihrer Hand wurde schwerer, größer, passte seine Form ihren Gedanken an. Vorsichtig fühlte sie mit der anderen Hand die Klinge entlang. Tatsächlich. Echtes Holz.

    „Es geht nicht!"

    Die Jammerstimme Nolokatas ließ Akiana aufsehen. Ihr zweitältester Bruder hatte immer Schwierigkeiten mit den magischen Übungen.

    „Du konzentrierst dich nicht genug, tadelte Onkel Toleke. „Hier, ich zeig dir noch einmal, wie es geht. Schau auf meine Aura!

    „Wie soll ich die in der Sonne überhaupt sehen können?"

    Akiana unterdrückte ein frustriertes Stöhnen. Eine Aura zu sehen war doch nun wirklich ein Kinderspiel.

    Ihr Onkel unterdrückte sein Stöhnen nicht. „Hast du überhaupt etwas von dem begriffen, was wir jetzt seit acht Monden machen? Du bist nicht bei der Sache. Pass besser auf. Mach das so!"

    Schon wieder folgte eine Konzentrationsübung. Akiana runzelte die Stirn. Ihr Onkel mochte Auren sehen können, lesen konnte er sie aber offenbar nicht. Sonst hätte er längst bemerkt, dass Nolokata keineswegs zu faul war zum Lernen. Er war nur schlichtweg unfähig zu höherer Magie. Nolokatas magische Fähigkeiten waren nicht größer als die jener Bastarde, die ihr Vater mit jeder vollkommen unmagischen Sklavin zeugen konnte.

    Akiana starrte auf ihren Trugbild-Dolch. Und wenn sie sich jetzt verteidigen müsste? Ihre Brüder mochten Kraft genug haben, auch mit einem hölzernen Dolch zu stechen und zu schneiden, sie nicht. Sie brauchte mehr. Behutsam griffen ihre Gedanken erneut nach dem Dolch. Das Material wehrte sich. Holz und Metall waren natürliche Feinde. Mit einem Seufzer griff sie nach der Lebensenergie des Oleanders und zwang das Holz, ihren Wünschen zu gehorchen. Dann ließ sie das Trugbild fallen. Noch lebenswarm, aber bereits zu tödlicher Kühle erkaltend, lag ein reales Ebenbild des Trugbildes in ihrer Hand. Sie strich sanft mit der Fingerspitze über die Schneide. Hinter ihr fielen die letzten Blätter des verdorrten Oleanders zu Boden.

    Toleke lächelte, während seine Schüler sich mit einer Verbeugung verabschiedeten. Er lächelte noch immer, während er sie davongehen sah. Erst als der letzte von ihnen außer Sicht war, erlaubte er seinen Gesichtsmuskeln, sich zu entspannen. Auf keinen Fall durften die jungen Prinzen merken, wie wenig er von ihnen hielt. Immerhin würde einer von ihnen in nicht allzu ferner Zukunft sein König sein. Toleke tippte auf Ajitaka. Er war intelligent, ehrgeizig und, was vermutlich am wichtigsten war, trotz aller offensichtlichen Mängel der beste Zauberer dieser Generation. Ausgestattet mit einem ausreichenden Mangel an Rücksicht, um diese Zauberkraft gegebenenfalls erbarmungslos gegen seine Brüder und Halbbrüder einzusetzen.

    Na schön, vielleicht doch nicht der beste Zauberer, wies Toleke sich in Gedanken zurecht. Seine jüngere Schwester Akiana war eindeutig stärker. Sie führte mit ihren sieben Jahren bereits Zauber aus, deren Grundzüge ihre älteren Brüder noch nicht einmal ansatzweise begriffen hatten. Und sie wusste genau, wie sie an die dazu nötige Kraft herankam. Toleke hatte den verdorrten Oleander bemerkt.

    Dummerweise war Akiana nur ein Mädchen, dazu bestimmt, in wenigen Jahren bereits verheiratet zu werden. Was effektiv jeder Ausbildung ein Veto setzte. Zumal, seit ihr Vater es ihr ausdrücklich verboten hatte, weiterzulernen.

    Natürlich lauschte Akiana jetzt heimlich seinem Unterricht. Und Toleke tat so, als ob er es nicht bemerkte. Jemand, der so stark war, musste einfach ein Mindestmaß an Ausbildung bekommen. Die Kleine wäre sonst eine Gefahr für sich und den ganzen Palast. Aber es war eben auch wirklich nur ein Mindestmaß. Mehr würden ihre Brüder ohnehin nie kapieren, folglich würde er die Themen höherer Magie auch nicht im Unterricht ansprechen. Akiana würde niemals ihren Fähigkeiten entsprechend ausgebildet werden können.

    Toleke seufzte. So eine Verschwendung von Potenzial! Wenn Akiana ein Junge wäre ... Seine Gedanken wanderten zu ihrem Onkel Gorato, dem älteren Bruder Ajitakas. Wenn er jemals einen guten Schüler gehabt hatte, dann ihn. So ein Talent war in der Politik geradezu verschwendet. Er hatte dem Jungen geraten, in die Kristallkammer einzutreten. Den Berichten nach war er ein äußerst fähiger Zauberer geworden. Großmeister Ro hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil seiner Ausbildung persönlich zu überwachen.

    Großmeister Ro hätte vermutlich auch Akiana gerne in den Kristalltürmen gesehen. Nur dass Toleke sich verdammt sicher war, dass sein königlicher Bruder ihm den Kopf abreißen würde, wenn er es wagte, noch eines der königlichen Kinder für die Kristallkammer zu rekrutieren. Und wer weiß, womöglich war das sogar besser für das Mädchen. Schließlich hatte es seit mehr als vierhundert Jahren keine Frau mehr geschafft, die Ausbildung zu überleben.

    Trotzdem ...

    Er dachte an den schlanken, spitzen, tödlichen Metalldolch in ihrer Hand. Ein Dolch, geformt aus einem Oleanderblatt. Akiana hätte es schaffen können.

    Toleke seufzte noch einmal abgrundtief, bevor er sich mühsam erhob und seinen arthritischen Körper in Bewegung zwang. Hoffentlich hatte sein Leibsklave den Mohntee bereits aufgegossen. Das war das Einzige, was sowohl seine Schmerzen linderte als auch süßen Schlummer schenkte.

    Früher sollten die Zauberer imstande gewesen sein, Krankheiten wie die seine zu heilen.

    Früher.

    Heute wussten sie nur noch, wie man tötet.

    Wie sein Bruder, der König, mit jedem neuen Feldzug unter Beweis stellte.

    Narren, allesamt.

    Akiana wartete, bis die schleifenden Schritte verklungen waren. Dann erst setzte sie sich selbst wieder in Bewegung. Ob Onkel Toleke sie bemerkt hatte? Vermutlich nicht. Er hatte kein einziges Mal zu ihr herüber gesehen.

    Andererseits – Onkel Toleke hatte andere Wahrnehmungsmöglichkeiten als nur seine Augen. Wenn er sie also doch bemerkt hatte? Ein Glück, dass er ihren Vater, seinen Bruder, nicht besonders gut leiden konnte. Die beiden sprachen nur das Nötigste miteinander. Toleke würde sie vermutlich nicht verraten.

    Lautlos huschte sie den Gang entlang, bog dann in den Orchideengarten ab und schlüpfte schließlich durch die kleine Pforte in den Pfauenhof. Hier war zurzeit niemand, die Pfauen waren in der Mauser und sahen wenig attraktiv aus. Hier konnte sie in Ruhe weiter üben.

    Ajitaka

    Es war niemals gut, wenn der König seine Söhne zu sich befahl. Ajitaka fühlte, wie sein Magen sich verknotete. Letztes Mal war er gnädig davongekommen. Hatte lediglich einen Verweis kassiert dafür, dass er mit einem seiner Freunde gewürfelt und verloren hatte.

    „Wir sind Zauberer, hatte sein Vater ihm mit finster zusammengezogenen Augenbrauen erklärt. „Wir beeinflussen das Schicksal eines ganzen Landes. Da solltest du doch wohl wenigstens fähig sein, zwei so kleine Würfel zu beeinflussen. Ein Nahne verliert nicht!

    In den folgenden Zehntagen war der Vater seines Freundes am Hof irgendwie in Ungnade gefallen und kurz danach mit seiner ganzen Familie auffällig hastig aus der Hauptstadt verschwunden.

    Und Ajitaka hatte beim nächsten Spiel mit Hilfe seiner Zauberkräfte gemogelt.

    Wieder und wieder ging er in Gedanken durch, was er in den letzten Monden gemacht hatte. Aber da war nichts, was seinem Vater unangenehm aufgefallen sein konnte, oder? Hatte er einen Fehler gemacht und es nicht bemerkt? Das wäre fast noch schlimmer.

    Sein Vater hatte ihn in die Wappenkammer rufen lassen. Jenem Raum, in dem traditionell die Kriegsrüstungen, Waffen und Wappenfahnen der Nahne aufbewahrt wurden. Die glasierten Ziegel der Wände waren so rot wie der Fuchs auf dem königlichen Wappen.

    Der König stand breitbeinig mitten im Raum, als Ajitaka eintrat. Drei weitere seiner Söhne waren bereits anwesend, und auch die restlichen fünf kamen jetzt.

    Ajitaka atmete auf. Offenbar ging es nicht um Bestrafung.

    Ein stechender Blick aus königlichen Augen traf ihn. Es kostete seine ganze Selbstbeherrschung, diesen Blick ruhig zu erwidern. Ajitaka sah, dass mehrere seiner Brüder die Augen niederschlugen.

    Sein Vater nannte ihre Namen, befahl ihnen, an die Wand zurückzutreten.

    Nur Ajitaka, Kohomeka und Nolokata standen noch vor ihrem Vater.

    Der Vater öffnete die Hand. Drei kleine Feuerkugeln rollten heraus, flogen auf seine Söhne zu. Kohomeka ließ die Feuerkugel an einer magischen Barriere zerplatzen. Ajitaka sandte seine Kugel gegen die Decke, wo sie in einem Funkenregen zerstäubte. Nolokata war, wie immer, zu langsam. Die Kugel traf seine Brust. Schmerzerfüllt jaulte er kurz auf, als das Feuer ihn versengte, rührte aber keine Hand und blieb stoisch stehen.

    Sein Vater musterte ihn abschätzig. „Unbrauchbar als König. Aber jemand wie du wäre vermutlich ein brauchbarer Feldherr. Geh, melde dich in der Kaserne der Garde. Ab sofort ist dein Platz dort."

    Nolokata drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Ajitaka spürte deutlich die Erleichterung seines Bruders. Kaserne, das bedeutete, dass er von den anstrengenden, langweiligen Übungsstunden bei Onkel Toleke befreit war. Genau das, was Nolokata immer gewollt hatte. Auf dem Schlachtfeld würde er glücklicher sein als im Palast.

    Der Vater wandte sich Ajitaka zu. „Du reagierst brauchbar, aber zu schwach. Ich dachte, du hättest mehr von mir. Sollte ich mich so getäuscht haben, als ich dich zu meinem Thronerben ernannte?"

    Er ließ seinen Blick über die versammelten Söhne wandern. „Hat Toleke euch bereits einen Seelenspiegel machen lassen?"

    Ajitaka und Kohomeka bejahten mit einer Handbewegung.

    „Und womit?"

    Ajitaka spürte Schweißperlen auf seiner Stirn. Er war froh, dass sein Bruder antwortete. „Wir haben mit Mäusen gearbeitet."

    „Mäuse!, sagte sein Vater verächtlich. „Das ist etwas für Schwächlinge, nicht für einen zukünftigen König. Eure Spiegel sollten Menschen sein. Mäuse sind viel zu schwach für Kriegszauber.

    Sein Blick fixierte Kohomeka. „Willst du anstelle von Ajitaka König werden?"

    „Natürlich!", entfuhr es Kohomeka.

    Ein spöttisches Lächeln umspielte kurz die königlichen Lippen. „Dein Spiegel!"

    Kohomeka zückte wortlos seinen Arbeitsspiegel.

    Ein Wink seines Vaters. „Tihomeka!"

    Der jüngste seiner Söhne löste sich von der Wand und kam unsicher zurück in die Raummitte.

    „Da steht dein zukünftiger Spiegel. Sieh zu, dass du ihn vernünftig formst."

    Kohomeka war leichenfahl geworden. Die Hand, die den Spiegel hielt, zitterte. Ajitaka spürte einen Anflug von Mitleid. Kohomeka und Tihomeka waren Söhne der gleichen Mutter. Jeder im Palast wusste, wie sehr Tihomeka an seinem älteren Bruder hing und wie stark Kohomekas Zuneigung zu seinem jüngeren Bruder war.

    Kohomeka hob den Spiegel.

    Tihomeka begann zu weinen, lautlos, aber er blieb gerade stehen, sah seinem Bruder ins Gesicht.

    Der Spiegel kam näher. Die Gestalt des Jungen zitterte unter dem unsichtbaren Sog.

    Kohomekas Arm fiel herab, der Sog des Spiegels erlosch. „Ich kann es nicht."

    „Dann kannst du auch kein König sein. Ein König darf keine Schwäche zeigen. Niemals."

    Zitternd blieb Kohomeka vor seinem Vater stehen

    Der Kopf des Königs fuhr herum, er nahm Ajitaka in den Blick. „Kannst du es besser?"

    Wenn Ajitaka eines sicher wusste, dann die Tatsache, dass Tihomeka so oder so verloren war. Sein Vater würde ihn niemals lebend aus dem Raum entlassen. Das einzige, was er für ihn tun konnte, war, ihm ein schnelles Ende zu geben. Wortlos zückte Ajitaka seinen eigenen Spiegel, trat zu seinem jüngeren Bruder und berührte ihn mit seinem Spiegel.

    Es war überraschend leicht. Ajitaka spürte kaum Widerstand. Und dann war der Spiegel in seiner Hand groß und schwer und voller Energie.

    „Sieht fast so aus, als ob du doch noch der nächste König auf Karapaks Thron sein wirst."

    Ajitaka fror beim Tonfall der väterlichen Stimme. Es war noch nicht vorbei, der König noch nicht zufrieden.

    „Allerdings braucht Karapak einen König, der kämpfen kann. Kannst du es? Sein Vater deutete auf Kohomeka. „Da steht dein Gegner! Einer von euch beiden wird der zukünftige König. Der andere verlässt diesen Raum nur noch als Spiegel.

    Er trat zurück.

    „Fechtet es untereinander aus. Jetzt."

    Der Kampf konnte nur unfair sein. Kohomeka wusste das so gut wie Ajitaka. Ein Seelenspiegel gegen einen armseligen Arbeitsspiegel. Kohomeka hatte keine Chance. Aber er war verzweifelt, und die Verzweiflung trieb ihn zu einem letzten, machtvollen Aufbäumen. Ajitaka spürte, wie sein Spiegel den kleineren Arbeitsspiegel seines Bruders leer sog. Er spürte, dass bereits mit der ersten Berührung das Schicksal seines Bruders besiegelt war. Und dann ... dann verbündeten die Energien seines noch lebenden Bruders sich mit denen, die bereits im Spiegel steckten, und Kohomeka griff ihn ein letztes Mal an, packte ihn, versuchte, ihn mit in den Spiegel zu zerren. Einen fürchterlichen Moment verspürte Ajitaka nichts als Panik. Dann erinnerte er sich, fokussierte. Der Zugriff seines Bruders glitt ab, die angreifenden Energien wurden in den Spiegel gesogen. Zum ersten Mal in seinem Leben war Ajitaka aufrichtig dankbar für die endlosen Konzentrationsübungen, die Onkel Toleke ihnen immer und immer wieder auferlegt hatte.

    Zwei Atemzüge, und schon war es vorbei. Der Spiegel lag schwer in seiner Hand. Makellos glatt die Oberfläche, spröde und rau die Umrahmung, dumpfe Verzweiflung darunter. Und als er von dem Spiegel hochsah, blickte er in das zufrieden lächelnde Gesicht seines Vaters.

    Mit diesem Spiegel war Ajitaka endgültig der auserwählte, beneidete Thronerbe. Mit diesem Spiegel war er dauerhaft eine Gefahr für seine Brüder. Und mit diesem Spiegel loderte in ihm ein Hass gegen seinen Vater, den nur der Tod beenden konnte.

    Der Sommerharem reagierte wie gelähmt. Seit Generationen hatte es nicht mehr eine so gnadenlose Probe für die Thronbewerber gegeben. Die Frauen flüsterten nur noch. Die Kinder wagten nicht einmal das. Die Mutter der beiden toten Prinzen, die Zweite Gemahlin, schrie einmal auf, als sie vom Schicksal ihrer Kinder hörte. Dann legte sie ihre Festkleidung an, ließ sich von ihrer Zofe kunstvoll schminken, schmückte sich mit allem, was ihre Truhen hergaben, schickte dann ihre Dienerinnen und Sklavinnen fort und bestieg alleine und unbegleitet den großen Eckturm an der Flussseite. Mit klopfendem Herzen stand Akiana im Pfauenhof, sah in der Ferne die winzig erscheinende Gestalt ihrer Tante, deren Geschmeide mit jeder Bewegung in der Sonne glitzerte, sah sie dort stehen, oben auf dem Turm, viele Herzschläge lang. Und sah sie verschwinden.

    Es hieß, ihre Leiche sei von den Leuten aus dem Flussviertel ausgeplündert worden, bevor die Wachen sie erreichen konnten, und man habe sie halb entkleidet vorgefunden. Akiana wusste, was ihre Tante damit bezweckt und erreicht hatte. Ihr Tod würde für immer einen Flecken der Schande auf der Ehre ihres Gatten, des Königs, hinterlassen.

    Es dauerte bis zur Regenzeit, bevor sich das Leben im Sommerharem einigermaßen wieder normalisierte, und es wurde nie wieder das gleiche.

    Nichts für Frauen

    Fast sehnte Akiana die Tage zurück, an denen sie noch neun Brüdern hatte ausweichen müssen, wenn sie etwas lernen wollte.

    Jetzt hatte einer ihrer Brüder den Palast verlassen, zwei waren tot, und die restlichen versuchten, sich so unauffällig wie möglich fern von jedem Geschehen zu halten, das sie in Kontakt mit ihrem Vater bringen konnte.

    Alle, bis auf einen: Ajitaka. Der zukünftige König war auch der einzige, der von Onkel Toleke noch unterrichtet wurde. Die anderen waren auf Befehl des Königs vom weiteren Unterricht verbannt.

    Ajitaka lernte jetzt Kriegszauber. Zauber, die mit Spiegeln gemacht wurden, und die Tod und Zerstörung bedeuteten.

    Akiana war ratlos. Nicht nur, dass es merkwürdigerweise schwieriger war, einem einzigen Bruder auszuweichen, als zuvor neun. Diese Spiegelzauber gingen auch weit über das

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1