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Der Mann ohne Muttersprache

Der Mann ohne Muttersprache

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Der Mann ohne Muttersprache

Länge:
420 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 18, 2021
ISBN:
9783954612093
Format:
Buch

Beschreibung

»Mein Name ist Rahman und ich komme aus Paderborn.«
»Und woher kommst du ursprünglich?«
»Okay, dann eben die epische Variante! Ich bin ein burmesisch-indischstämmiger Ostwestfale: Burmesen sind häufig Buddhisten, viele Inder sind Hindus oder Moslems und die Ostwestfalen meist Christen. Also kurz und knapp: Ich bin ein kosmopolitischer Eintopf!«
Jetzt ist die Verwirrung komplett!
»Lassen Sie uns doch einfach noch mal von vorne anfangen – so schnell sollten wir nicht aufgeben!«
Dieses Buch ist ein Plädoyer für ein menschliches Miteinander. Es schlägt einen weiten Bogen über die verschiedensten Themengebiete: von Migration über Integration, Kultur, Rassismus, Sprache, Literatur, Religion, Meditation und Spiritualität bis hin zu Technik und Naturwissenschaften. Es soll unterhalten, Sie zum Lächeln bringen, aber auch zum Nachdenken anregen. Letztlich soll es Ihr Herz berühren.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 18, 2021
ISBN:
9783954612093
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der Mann ohne Muttersprache - Rahman Jamal

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Der Mann ohne Muttersprache

Rahman Jamal

unter Mitarbeit von Silke Loos

Erste Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 2021 by

Lektora GmbH

Schildern 17–19

33098 Paderborn

Tel.: 05251 6886809

Fax: 05251 6886815

www.lektora.de

Covermotiv: Rahman Jamal (Zeichnung Sonnenblume) & Silke Loos (Zeichnung Rahman)

Covermontage: Olivier Kleine, www.olivierkleine.de

Lektorat & Layout Inhalt: Denise Bretz, Lektora GmbH

ISBN: 978-3-95461-209-3

Für Farida, Sadrudin, Hamida, Munira und Hena.

Einiges vorweg

»Das Ziel ist dies: mich immer dahin zu stellen, wo ich am besten dienen kann, wo meine Art, meine Eigenschaften und Gaben den besten Boden, das größte Wirkungsfeld finden. Es gibt kein anderes Ziel.«

Hermann Hesse, Narziss und Goldmund

Stellen Sie sich vor, Sie sind zehn Jahre alt und kommen in ein fremdes Land. Außer Ihren Eltern und Ihren Geschwistern haben Sie niemanden. Die Sprache ist Ihnen fremd. Die Kultur ist komisch. Die Menschen sind eigenartig blass und sehen alle gleich aus. Alles ist farblos, ein einziges Grau in Grau. Noch dazu ist es immer kalt. Willkommen in Ihrer neuen Heimat!

Exakt so sah mein Start in Deutschland aus. Als hätte man mich ins kalte Wasser geworfen. Dieser Schubs war aber nur der Anfang, der eigentliche Tsunami an kulturellen und sprachlichen Überraschungen baute sich nämlich gerade erst am Horizont auf. Eins war mir schnell klar: Die monströse Flutwelle aufzuhalten, war völlig aussichtslos. Schwimmen ebenso. Was also sollte ich anderes machen, als mir das nächste Stück Holz zu schnappen und zu versuchen, mich damit über Wasser zu halten?

Fragen Sie mich nicht, wie oft ich Wasser schluckte! Denn an sprachlichen Unfällen sowie kulturellen und zwischenmenschlichen »Nose Dives« mangelte es nicht. Bisweilen mit gewisser Tragik versehen, bisweilen auch mit einer Prise Situationskomik.

Mein Leben in Deutschland würde ich in drei Phasen einteilen: In der ersten fühlte ich mich wie in der Waschmaschine – Schleudergang in Dauerschleife. Wesentlich besser ging es mir dann in der Zeit, als ich mich schon ganz gut in der Sprache und Kultur zurechtfinden konnte. Phase zwei war quasi bereits der Schongang. Und heute, in der dritten Phase, bescheinigt man mir sogar, dass ich den einen oder anderen Muttersprachler in meiner Ausdrucksweise und auch hinsichtlich vieler kultureller Gepflogenheiten übertreffe – auch, wenn ich das selbst nicht so sehe.

Als meine Familie und ich Mitte der 1970er Jahre nach Deutschland kamen, war das Phänomen »ausländische Mitbürger und Mitbürgerinnen« nur im Zusammenhang mit Gastarbeit bekannt. In erster Linie handelte es sich dabei um Menschen aus Italien und der Türkei – Exoten aus Burma wie uns gab es nur selten. Und auch das Bildungswesen war nicht auf Schüler und Schülerinnen eingestellt, deren Muttersprache nicht Deutsch war. Entsprechend überfordert waren auch die Lehrkräfte, die sich mit uns einer völlig neuen Situation ausgesetzt sahen. Erst mit den größeren Flüchtlingswellen in den 1990ern, als ich schon längst mit meinem Studium fertig war und ins Arbeitsleben eintrat, rückte das Thema »Migration« immer mehr in den Fokus der Medien, wodurch auch Bildungseinrichtungen mehr und mehr dafür sensibilisiert wurden.

Als frischgebackener Ingenieur zog ich nach München, um dort meine erste Arbeitsstelle anzutreten. Sowohl beruflich als auch in meiner persönlichen Entwicklung begann damit ein weiterer Lebensabschnitt für mich. Mein neuer Bekanntenkreis wusste natürlich nichts über meine Vorgeschichte. Durch mein tadelloses Hochdeutsch nahm man interessanterweise automatisch an, ich sei hier in Deutschland geboren. Das Erstaunen der neuen Bekannten, Freunde, Freundinnen und Geschäftskontakte war umso größer, als ich des Öfteren mal von dem einen oder anderen kuriosen Missverständnis erzählte – von denen es in meiner ersten Phase in Deutschland unzählige gab. Die meisten Leute konnten sich das gar nicht vorstellen, weil ich akzentfrei Deutsch sprach. Zwar wurde ihnen durchaus gewahr, dass ich in manchen Situationen eigentümlich reagierte, doch schob man dies nicht etwa auf meine mangelnde Kenntnis an kulturellen Begebenheiten, sondern auf mein literarisches Interesse (nach dem Motto: »Na ja, der ist halt kein Norm-Ingenieur, sondern sehr belesen!«). Dass ich mich selbst nicht auf sicherem Boden fühlte hinsichtlich der Sprache und Kultur, fiel den anderen gar nicht erst auf.

Meine dann folgende, steile Karriere im Berufsleben brachte einige Nebeneffekte mit sich. War doch meine Grundannahme in der Schule und im Studium gewesen, dass mein Deutsch nicht gut genug dafür sei, so frei zu sprechen wie ein Muttersprachler, belehrte mich mein beruflicher Alltag eines Besseren: Niemandem fiel mein interner Konflikt auf. Im Gegenteil, ich wurde sogar belächelt, wenn ich versuchte, das zu beschreiben, denn man glaubte, ich würde damit kokettieren, dass ich kein Muttersprachler war. Auf jeden Fall war ich nun gezwungen, mehr zu sprechen – und mein Deutsch wurde somit automatisch immer differenzierter. Auch mein Auftreten vor einem größeren Publikum wurde immer freier. Dazu trugen viele Elemente bei: allen voran die zahlreichen Keynotes, die ich auf großer Bühne halten durfte, aber natürlich auch der Austausch mit Geschäftskontakten, die vielen Auftritte in den Medien, das Führen globaler Teams, die zahlreichen Geschäftsreisen etc. Zudem wurde dadurch auch mein Sinn für die unzähligen Hürden der interkulturellen Kommunikation geschärft.

Auch wenn nun, nach mittlerweile über 30 Jahren Berufserfahrung, von außen kein Unterschied zu einem hier Aufgewachsenen zu sehen ist, sind mir persönlich meine Grenzen schon sehr bewusst. Denn selbst wenn mein Deutsch akzentfrei ist, bin ich doch nicht vor sprachlichen oder kulturellen Missverständnissen gefeit.

Mittlerweile sitze ich auf einem Fundus von unzähligen solcher Situationen. So bleibt es nicht aus, dass ich in Gesprächen ab und an die eine oder andere Anekdote erzähle. Das Spektrum der darauffolgenden Reaktionen reicht von Amüsement bis hin zur Betroffenheit. Berührt sind die Gesprächspartner und -partnerinnen aber allemal – häufig sagte man mir sogar: »Das solltest du aufschreiben! Das ist Stoff für ein Buch!« Allen voran mein Freund Ronald Heinze – wohlgemerkt der Leiter des (technischen) VDE-Verlags –, dessen Hartnäckigkeit Sie es zu verdanken haben, dass Sie dieses Buch nun in den Händen halten können.

Meine erste Reaktion war eher zögerlich. Denn ein Buch, das auf eine bloße Aneinanderreihung von unterhaltsamen Geschichtchen reduziert ist, würde der tieferen Bedeutung meiner Erlebnisse nicht gerecht werden. Mir war die Gefahr zu groß, dass die eigentliche Brisanz der hochexplosiven Themen hinter den Anekdoten dabei verschüttging: von den Herausforderungen der Migration über die Integration bis hin zu Phänomenen wie Diskriminierung und Alltagsrassismus.

Nach und nach aber dämmerte mir, dass dieses Buch eine einzigartige Chance war, etwas zu bewegen und letztlich auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Je instabiler die Welt um uns herum wurde, desto mehr wurde mir klar, dass ich – insbesondere mit meinem Hintergrund – hier aktiv werden musste. Die zunehmende Eskalation des Klimawandels, die Flüchtlingswelle und das damit verbundene Aufkommen populistischer Strömungen, Trumpismus in den USA, der weltweit wachsende Rassismus und seine Folgen machten einmal mehr deutlich, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angelangt ist, an dem wir unser Tun und Handeln überdenken müssen. Denn letztlich wollen wir alle eine nachhaltige Zukunft mit einer intakten Natur, ohne Krieg und ohne Armut. Das aber können wir nur erreichen, wenn jeder und jede Einzelne von uns der Welt etwas zurückgibt – auf seine/ihre Art, mit dem, was er/sie am besten kann. Spätestens in der COVID-19-Pandemie war ich an einem Point of no Return angelangt. Jetzt war die Zeit gekommen, dass ich beschloss, meine Erlebnisse und die damit verbundenen Reflektionen und Lernprozesse niederzuschreiben, um damit meinen Beitrag dazu leisten, die Welt zu verändern. Sie halten das für utopisch oder sogar naiv? Mag sein, dennoch konnte ich einfach nicht mehr stillsitzen und weiter zusehen.

Dieses Werk soll jedoch kein Lehrbuch oder gar eine soziologische Studie über die Situation der Migranten und Migrantinnen in Deutschland sein. Und vor allem will es weder polarisieren noch dem Leser mit erhobenem Zeigefinger die Welt erklären. Sein Ziel ist vielmehr, Brücken zu bauen, Menschen unterschiedlicher Couleur zusammenzubringen und zu zeigen, welche Stärke in der Vielfalt liegt. Es soll Mut machen, Hoffnung geben und zu mehr Verständnis führen. Wenn es eine Botschaft hat, dann diese: Wir können uns in jedem Augenblick dafür entscheiden, menschlich und tolerant miteinander umzugehen. Wenn Sie so wollen, ist es ein Plädoyer für das Miteinander und das Verständnis für das Anderssein. Bei fast all meinen hierin beschriebenen Erlebnissen gab es diesen einen Punkt, an dem losgeprustet oder zumindest geschmunzelt wurde. Daher wäre es für mich noch das Tüpfelchen auf dem »i«, wenn es auch dieses Buch schaffen würde, Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern oder Sie sogar zum Lachen zu bringen. Denn Humor ist für mich die beste Basis für einen fruchtbaren interkulturellen Austausch – besser als jede abstrakte Diskussion.

In diesem Buch gebe ich die tatsächlich stattgefundenen Ereignisse (mit Akteuren, die in der Danksagung aufgelistet sind) nach bestem Wissen und Gewissen wieder. Man möge es mir jedoch nachsehen, wenn ich das eine oder andere ein klein wenig pointierter oder überspitzt darstelle, um die Botschaft rüberzubringen. Sollte sich jemand also wiedererkennen und die Geschichte ganz anders in Erinnerung haben oder sich vielleicht auf den Schlips getreten fühlen, so möge er oder sie mir verzeihen und das alles mit einem Augenzwinkern lesen.

Da das Buch in Themengebiete aufgeteilt, sprich, nicht chronologisch aufgebaut ist, lässt sich jedes Kapitel unabhängig von den anderen lesen. Sie müssen das Werk also nicht von vorne bis hinten durcharbeiten, sondern können es auch mittendrin aufschlagen oder sich ein Thema herauspicken, das Sie besonders interessiert. Ganz egal! Abgerundet wird jedes Kapitel mit einer Reflexion, die einen übergeordneten Aspekt des Kapitels besonders hervorheben soll, der mir am Herzen liegt.

Last, but not least war mir besonders wichtig, dass dieses Buch für jedermann (und jederfrau) gut lesbar und verständlich ist. Ob für den Hauptschüler, der es im Deutschunterricht liest, den normalen Berufstätigen von nebenan, die Soziologieprofessorin oder die Großmutter: Es soll alle Bevölkerungsschichten erreichen und für alle nicht nur lehrreich und bisweilen vielleicht erhellend, sondern auch unterhaltsam sein. Und hier kommt meine Co-Autorin und Sparring-Partnerin Silke Loos ins Spiel – und mit Sparring meine ich auch ziemlich genau das: Mit ihr stieg ich nämlich jeden Tag erneut in den Ring und wir kämpften miteinander um jeden Inhalt, jeden Satz und sogar jedes einzelne Wort. Während ich die sprachlichen, kulturellen, philosophischen und technischen Grenzen immer ausreizen wollte, war sie als Sprachlerin darauf bedacht, dass der Text auch für den »normalen Leser« lesbar und verständlich bleibt. Am Ende des Tages aber schafften wir es immer, uns irgendwie zu einigen (sonst hätte es kein Buch gegeben), und kamen beide mit maximal einem blauen Auge und ohne größere Verluste davon.

Besonders knifflig wurde es etwa bei den spirituellen Themen, als es darum ging, das Nicht-Ausdrückbare, das, was zwischen den Worten schwingt, irgendwie zu Papier zu bringen. Merken Sie’s? Ich wette, der letzte Satz hat bei Ihnen schon Fragezeichen im Kopf aufkommen lassen. Jetzt haben Sie einen Vorgeschmack, wie es meiner Sparring-Partnerin erging, die sicherstellen sollte, dass meine Texte greifbar bleiben und auch denjenigen zugänglich werden, die sich bisher nicht oder nicht so intensiv mit dieser Thematik beschäftigt haben wie ich. Bei den Schilderungen handelt es sich – das versteht sich von selbst – um meine eigenen Erlebnisse. Hiermit versichere ich, dass Silke nichts damit zu tun hat!

Und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Lektüre!

Ihr Rahman Jamal

So eine Art Einleitung

»Ich will hier nicht wieder den Versuch machen, ein Tagebuch zu führen, wohl aber Dinge aufzuzeichnen, die ich nicht gerne vergessen möchte.«

Robert Musil, Tagebücher (Heft 7)

Erste Eindrücke

»Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.«

Rainer Maria Rilke, Notizen zur Melodie der Dinge

Die seltsam bunte Landschaft, die an mir vorbeizog, kam mir so unwirklich vor, als sei ich soeben auf einem anderen Planeten gelandet. Wie in einem Science-Fiction-Film, den ich durch ein großes Fenster sah, zogen die merkwürdigsten Häuser an mir vorüber. Häuser mit schrägen Dächern! Und Gebäude mit Türmen, die eine Zwiebel auf dem Kopf trugen! Alles schien steril, die Luft war kristallklar, frei von jeglichem Staub, so dass man alles gestochen scharf sehen konnte. Die Felder waren ordentlich abgegrenzt, die äquidistant angeordneten Bäume leuchteten in frischem, saftigem Grün. Immer wieder tauchten sehr seltsame schwarz-weiße Wesen auf, die träge und teilnahmslos in der Gegend herumstanden, als ob sie sich ob ihrer immensen Körperfülle nicht bewegen könnten. Ihre Gesichter erinnerten mich an Kühe, der Rest aber entsprach rein gar nicht dem, was mir als Kuh geläufig war: Diese Tiere waren weder beige-braun noch faltig, knochig oder sichtlich unterernährt. Sie schienen happy und zufrieden, und nicht schon des Lebens müde, einen fast schon resignierten Blick zur Schau tragend, mit langen Gesichtern und herunterhängender Haut. So zumindest waren meine Erinnerungen an diese Tiere aus den unterschiedlichen Entwicklungsländern, in denen ich meine bisherige Kindheit verbracht hatte.

Diese ersten Eindrücke von Deutschland waren einschneidend für mich. Die Zugfahrt von Frankfurt, wo wir gelandet waren, nach Ostwestfalen werde ich nie vergessen! Noch heute sehe ich das alles so klar vor mir, als sei ich gerade erst aus dem Zug ausgestiegen.

Auch die Bahn selbst schien einem abgespaceten Roman entnommen. In einer Affengeschwindigkeit raste sie durch Landschaften und Tunnels. Innen war allerdings seltsamerweise nichts zu hören, so als hätte man mir heimlich, still und leise einen Noise-Cancellation-Kopfhörer aufgesetzt. Die Abteile wirkten auf mich wie ein Passagierflugzeug mit einer Aneinanderreihung von Einzelkabinen, die wie ein Wohnzimmer anmuteten (so viele Sofas wie hier hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen). Das Interieur war ebenfalls steril, alles schien sehr geräumig, und obwohl fast alle Sitzplätze belegt waren, wirkte der Zug nahezu menschenleer. Von der völlig abgefahrenen Toilette mal abgesehen. Meine zwei Schwestern und ich staunten Bauklötze!

Endlich an unserem Ziel angekommen, bemerkten wir nicht einmal, dass die Bahn zum Stillstand gekommen war. Kein ohrenbetäubendes Bremsenkreischen, kein abruptes Stehenbleiben von 100 auf 0 – einfach nur ein sanfter Stopp. Auch am Zielbahnhof war alles fast schon totenstill, und er wirkte nahezu verlassen. Weder gab es drängelnde Menschenmengen noch Kulis, also Laufburschen, die das Gepäck auf dem Kopf trugen, dafür wurden manche Koffer seltsamerweise auf Rädern transportiert. Auch die Händler fehlten, die den Reisenden vor ihrer Abfahrt schnell noch etwas verkaufen wollten. Im Vergleich zu der mir gewohnten Geräuschkulisse oder dem Grundrauschen der Umgebung war es in Deutschland sehr leise. Dann plötzlich vernahmen wir ein ohrenbetäubendes »Diiing-Dooong-Diiing-Dooong!«. Natürlich waren das Kirchenglocken, aber die kannten wir aus unserem Kulturkreis nicht. Gerade für uns Kinder klang das ziemlich abgespacet, und wir waren total geplättet, dass alle fünf Minuten ein völlig neuer Eindruck um die Ecke kam. Das konnten wir gar nicht alles so richtig verarbeiten – ein regelrechter Information Overflow!

Hinzu kam eine Sprache, die wie rückwärts gesprochen klang und obendrein auch noch sehr streng daherkam – fast schon befehlsartig. Ihr fehlte eine gewisse Leichtigkeit, auch gab es nicht diese Melodie, die ich von den Sprachen, die ich bis dahin kennengelernt hatte, gewohnt war. Für meine Ohren erschien sie alles andere als harmonisch – in etwa so wohlklingend, wie wenn man mit dem Fingernagel über einen Luftballon kratzt.

Überhaupt war es aus der Sicht eines Zehnjährigen alles sehr ungewohnt, und in den ersten Wochen und Monaten warteten ähnlich verwirrende Überraschungen auf mich. Besonders gewöhnungsbedürftig war, dass ich überall – ob beim Einkaufen oder auf der Straße – immer von großen, blassen Menschen umgeben war. Menschen, die mit ernsten Gesichtern und beinahe schon hektisch durch die Gegend eilten, als hätten sie nichts zu lachen. Dafür waren sie sehr gut gekleidet und offenbar sehr entschlossen in dem, was sie taten. Und sie waren äußerst diszipliniert: Man stellte sich beim Bus ordentlich in der Schlange an, keiner tanzte aus der Reihe, keiner hupte wild auf der Straße oder brüllte in der Gegend herum.

Die Gesichter all dieser blassen Menschen waren für mich kaum auseinanderzuhalten, denn ich war ja auf eher schokofarbige Antlitze mit entsprechenden Zügen geeicht. So viele weiße Gesichter auf einmal hatte ich schlichtweg noch nie in meinem Leben gesehen. Noch dazu hatte uns unsere Großmutter erklärt, dass Geister blass und hell leuchtend aussehen. Und jetzt waren auf einmal lauter blasse, helle Leute um uns herum – Sie können sich vorstellen, dass mir das richtig unheimlich war und ich deshalb vorsichtshalber immer einen gewissen Sicherheitsabstand hielt. Was denken Sie, wie ich zusammenzuckte, wenn mir doch jemand zu nahe kam und mich sogar anfasste? Ich war ja gerade einmal zehn Jahre alt. Natürlich passierte mir nie etwas, so dass ich mich irgendwann dann doch daran gewöhnte.

Trotz ihrer furchteinflößenden hellen Haut fand ich es doch irgendwie spannend, dass man bei manchen Leuten sogar die blauen Venen sehen konnte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, so etwas je entdeckt zu haben, denn weder bei mir noch bei meiner Familie oder meinen Freunden gab es dieses Phänomen. Den blassen Leuten sah man regelrecht an, wie dünn und transparent ihre Haut war, und ich tat mir lange Zeit schwer, eine solche zu berühren, aus Angst, etwas kaputtzumachen. Es war einfach sehr ungewöhnlich.

Hinzu kamen noch die fremdartigen Frisuren. Hierzulande trugen sogar die Jungs eine lange Mähne, die Mädchen hingegen hatten manchmal Kurzhaarfrisuren. Wie sollte ich denn da erkennen, wer was ist? Denn meine kindliche Logik besagte: lange Haare = Mädchen, kurze Haare = Junge.

Von den vielen Farben und Formen der hiesigen Frisuren mal ganz abgesehen. Bei den typischen wirren Lockennestern der 1970er, die ich überall sah, fragte ich mich, mit welchem Zaubertrick die Leute es schafften, ihre dünnen Haare so aufzutürmen, dass sie sich nicht einmal im Wind bewegten. Und vor allem: Wie schliefen sie mit diesen Nestern auf dem Kopf? Das konnten nur Perücken sein! Dass da diverse Hilfsmittel involviert waren – angefangen bei der Föhnwelle über Tonnen von Schaumfestiger und Spray bis hin zur Dauerwelle –, dämmerte mir erst viel später durch Fernsehwerbung. Ich sage nur: »Hamburg, München, Rom, Paderborn – die Frisur sitzt!«

Von den Farben mal ganz zu schweigen. Für mich gab es nur schwarze Haare, hier aber schillerten die Köpfe in allen Farben des Regenbogens: blond, brünett oder irgendwas dazwischen (»dunkelblond«), ja, sogar rot – und auch noch in verschiedenen Tönen! Und die seltsamen Streifen erst, wie bei einer Katze! Aber wehe, man nannte sie Streifen, dann bekam man sofort Stress und wurde pikiert darauf hingewiesen, dass es sich doch schließlich um »Strähnchen« handele. Das war doch zum Haareraufen!

Auch die Gegenseite hatte offensichtlich den Unterschied festgestellt, denn obwohl man eine so große Auswahl an bunten Farben zur Verfügung hatte, beneidete man mich plötzlich wegen meiner rabenschwarzen Mähne und wollte unbedingt auch Haare, die schwarz wie die Nacht sind. Mehr noch: Auch wenn Sie vielleicht glauben, das sei an denselbigen herbeigezogen – auf einmal wollten mich alle Leute am Kopf anfassen, weil sie noch nie so schwarze, dichte und feste Haare gesehen hatten. Meistens folgte dann ein Ausruf wie: »Das fühlt sich ja an wie Stahlwolle!« oder: »Du hast ein richtiges seidiges Fell – wie eine schwarze Miezekatze!« Also wirklich ... Besonders spaßig fanden sie es, mir so durch den Schopf zu wuscheln, dass sie mir meine Frisur völlig durcheinanderbrachten. Ich sah dann immer aus, als sei ich gerade erst aus dem Bett gekommen. Das ärgerte mich so, dass ich irgendwann dazu überging, die Haare extrem kurz schneiden zu lassen.

Die (mehr oder weniger) natürliche Kopfbedeckung schien bei den Deutschen eine zentrale Rolle zu spielen. Deshalb wunderte es mich auch nicht, dass es im Fernsehen so unglaublich viel Werbung zu Haarprodukten gab – neben Reklame für Waschmittel, Kaffee und Gardinen (mit der so genannten Goldkante).

Schule

»Wissen überbrückt nicht immer die Abgründe unserer Furcht.«

Helga Königsdorf, Bolero

Soweit also die ersten fragmentarischen Eindrücke. So richtig heftig wurden die Überraschungen aber dann erst in der Schule. Aufgrund meiner mangelnden (um nicht zu sagen: nahezu nicht vorhandenen) Deutschkenntnisse wurde ich zunächst ohne weitere Eignungstests in die Hauptschule eingeordnet. So startete ich meine schulische Laufbahn in Deutschland in der sechsten Klasse der Hauptschule Schloß Neuhaus im Kreis Paderborn.

Das Niveau meiner Deutschkenntnisse war sogar so niedrig, dass es nicht einmal für die Note 6 im Fach Deutsch reichte. Zu meinem Glück hatte man ein Einsehen mit mir und ließ im Zeugnis die Stelle für diese Note leer. Natürlich verstand ich kaum etwas in der Klasse, brachte alles durcheinander, konnte mit den deutschen Namen auch nicht viel anfangen und verwechselte so »Andreas« mit »Andrea«, »Peter« mit »Petra« und so weiter. Immerhin waren das ja alles Namen, die ich zum allerersten Mal hörte! Und auch hier prasselten viele Eindrücke auf mich ein. An meinem ersten Schultag dachte ich, ich sei in der falschen Klasse, weil die anderen Kinder alle viel größer waren als ich und so aussahen, als gehörten sie eigentlich in die achte oder neunte Stufe. Nachdem man mir versichert hatte, dass das schon die richtige Klasse sei, musste ich mir erst einmal einen Platz in der ersten Reihe suchen, um überhaupt etwas zu sehen und nicht ständig einen Kopf im Sichtfeld zu haben. Aber das war eher nicht das Problem – die erste Reihe war seltsamerweise nicht so populär ... Und überhaupt war der Tisch viel zu hoch für mich! Noch mit der Größe des Tisches beschäftigt, bekam ich gar nicht mit, dass der Unterricht bereits begonnen hatte, denn am Lärmpegel war das nicht auszumachen. Im Gegensatz zur geringen Lautstärke auf der Straße war hier die Geräuschkulisse sehr hoch – und das im Klassenzimmer, fast genauso wie auf dem Pausenhof! Erst als der Lehrer sie ein paar Mal ermahnt hatte, verstummten die Schüler und Schülerinnen allmählich und kramten raschelnd ihre Hefte aus den Schultaschen. Außerdem förderten sie seltsame Dinger zu Tage, die aussahen wie überdimensionierte Portemonnaies und sich später als Aufbewahrungsbehälter für Stifte entpuppten. Ein Federmäppchen war mir bis dato einfach noch nie untergekommen, allein schon deshalb, weil wir in meinen bisherigen Schulen nur einen Bleistift, einen Füller, einen Radiergummi und ein Lineal gehabt hatten. Bunt- und Filzstifte, Geodreieck & Co. waren mir gänzlich unbekannt. Kein Wunder, dass man für solch ein Bataillon an Utensilien einen Werkzeugkasten benötigte! Ebenso merkwürdig fand ich die kleinen Gegenstände, die es in den sonderbarsten Formen, mit den schillerndsten Farben und unterschiedlichsten Duftnoten links und rechts von mir gab. Nein, das waren nicht etwa Süßigkeiten, die man in die Klasse eingeschmuggelt hatte, sondern schlicht und einfach Radiergummis, die ich nicht mal im Traum für solche gehalten hätte. Die Krönung aber waren diese Zauberstäbe, mit denen man die Schrift auf dem Papier verschwinden lassen konnte! Die anderen nannten sie »Killer« – ein Begriff, den ich natürlich aus dem Englischen kannte. Es handelte sich natürlich um Tintenkiller und im wahrsten Sinne also um ein Mordswerkzeug! Und als ich dann auch noch aneinandergereihte Patronen in den Federmäppchen sah, war meine Assoziation eine völlig andere. Dass es sich lediglich um Tintenbehältnisse handelte, stellte ich erst dann fest, als ich meinen Nachbarn beobachtete, wie er die Patrone in seinem Füller wechselte. Selbst die Schulbücher und Schulhefte waren anders als ich sie gewohnt war. Während die Exemplare, die ich in meinen bisherigen Schulen genutzt hatte, allesamt aus Altpapier waren und somit einen Gelbstich hatten, glänzte das Papier hier regelrecht in sterilem Weiß. So weiße Blätter kannte ich überhaupt nicht und ich scheute mich sogar, darauf zu schreiben, weil sie so »sauber« und ordentlich aussahen. Auch der verschwenderische Umgang mit Papier war sehr auffällig. Nicht nur rissen die Kids oftmals Seiten aus ihrem Schulheft, wenn sie sich verschrieben hatten, sondern auch, um daraus Papierflieger zu bauen. Noch schlimmer: Ein ebenso reines und blütenweißes Papier wurde sogar dafür genutzt, sich den Allerwertesten damit abzuputzen! Das sagte ja schon alles ...

Überhaupt warf man hier Dinge fort, die wir in meiner Heimat aufgehoben und wiederverwendet bzw. recycelt hätten. Was sich alles in den Mülleimern auf dem Pausenhof befand, war unglaublich! Neben dem bereits erwähnten Papier auch Plastiktüten, Verpackungen, Flaschen und Getränkekartons – alles achtlos weggeschmissen! Ich war richtig entsetzt, dass man solche wertvollen Dinge wegwarf. Dies sind nur einige wenige der unzähligen Details, die mir tagtäglich begegneten und mir merk-würdig erschienen.

Was mir besonders auffiel, war, dass die Kinder den Lehrkräften gegenüber nicht die Disziplin entgegenzubringen schienen, die ich gewohnt war. Ganz im Gegenteil – sie widersprachen ihnen sogar! Viel gravierender: Sie zeigten überdeutlich ihr Desinteresse durch Schwätzen im Unterricht! Für mich undenkbar, denn die Lehrkräfte waren doch schließlich die Menschen, die einem etwas beibrachten und daher höchsten Respekt verdienten. Den Klassenkameraden und -kameradinnen hingegen schien das völlig egal. Wurden sie dann aber doch mal bei irgendetwas erwischt, fiel mir auf, dass ihr Gesicht die Farbe wechselte: von käsebleich zu knallrot. Und kaum war der Ärger vorbei, waren sie auch schon wieder blass. Meine Mitschüler und Mitschülerinnen konnten anscheinend ihre Gesichtsfarbe ändern wie Chamäleons! Wie machten sie das nur? Zwar kannte ich es durchaus, dass mir in unangenehmen Situationen im Gesicht heiß wurde, aber Erröten war mir völlig fremd. Heute weiß ich natürlich, dass das allein an meiner Hautfarbe liegt. Sicherlich laufe ich auch rot an, aber man sieht es eben nicht. Manchmal ist das schon von Vorteil, wenn andere einem nicht schon am Gesicht ansehen, dass man nervös oder aufgeregt ist.

Apropos Farben im Gesicht: Sehr rätselhaft fand ich auch die vielen bräunlichen Punkte, die bei gewissen Jugendlichen im Sommer plötzlich im Gesicht auftauchten und im Winter wieder verschwanden. Erst hielt ich sie für Muttermale und wunderte mich, dass es gleich so viele auf einmal waren und dass ihre Anzahl so sprunghaft anstieg. Um eine Krankheit, wie etwa die Masern, konnte es sich auch nicht handeln, denn die Jungen und Mädchen sahen ansonsten sehr gesund aus. Die Menge dieser Tupfen schien proportional zum Temperaturanstieg im Sommer zu steigen. Später lernte ich dann, dass dieses Phänomen sogar einen Namen hatte: Sommersprossen. Und genauso war das: Im Sommer sprossen diese Dinger geradezu aus dem Gesicht!

Und anders als die Leute auf der Straße erschienen mir die Jugendlichen – bis auf wenige Ausnahmen natürlich – geradezu ungepflegt. Sicherlich hatte ich eine verzerrte Sichtweise, schon allein deshalb, weil in den Schulen, die ich bisher besucht hatte, tipptopp gebügelte Schuluniformen Pflicht waren, die Schuhe mussten penibel geputzt und auf Hochglanz poliert sein und auch der Haarschnitt bei den Jungen war fast schon militärisch kurz. Die Schulstimmung, die dort herrschte, war geprägt von Ernsthaftigkeit, Disziplin, Fleiß und dem starken Willen, das Privileg der Bildung bestmöglich auszunutzen. Der Blick durch diese kulturelle Brille ließ mich daran zweifeln, dass es sich hier in Deutschland tatsächlich um eine Schule

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