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Maigret und die Schleuse Nr. 1

Maigret und die Schleuse Nr. 1

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Maigret und die Schleuse Nr. 1

Länge:
163 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Okt. 2020
ISBN:
9783311701965
Format:
Buch

Beschreibung

Eine Woche bleibt Maigret, dann geht er in den Ruhestand. Die ist allerdings alles andere als ruhig: In einem Vorort, nahe der Schleuse Nummer 1, torkelt ein Betrunkener über einen Steg und fällt ins Wasser. Man fischt ihn heraus und entdeckt, dass da noch ein anderer liegt. Schwer verletzt wird der Mann geborgen: Es ist kein Geringerer als Émile Ducreau, der bedeutendste Reeder weit und breit, ein Mann, von dem viele Existenzen abhängen und dessen Charisma auch Maigret erliegt. Wer wollte Ducreau umbringen?
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Okt. 2020
ISBN:
9783311701965
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Maigret und die Schleuse Nr. 1 - Georges Simenon

1

Wenn wir Fische im Wasser beobachten und die Wasserschicht zwischen ihnen und uns jeden Kontakt verhindert, dann sehen wir sie oft lange und ohne ersichtlichen Grund reglos an einer Stelle schweben, bis plötzlich ein leises Zittern durch ihre Flossen geht und sie ein Stück weiterziehen, nur um dort erneut zu verharren.

Auf ähnliche Weise ruhig und scheinbar ebenso grundlos fuhr die Straßenbahn der Linie 13, die letzte Bastille-Créteil, mit ihren gelben Scheinwerfern den ganzen Quai des Carrières entlang. An einer Ecke, vor einer grünen Gaslaterne, schien es, als würde sie anhalten, doch der Schaffner zog an der Glocke, und sie fuhr unverzüglich weiter in Richtung Charenton.

Zurück blieb der Quai, stumm und unbewegt wie eine Landschaft unter Wasser. Zur Rechten im Kanal lagen Kähne, schwimmend im Mondlicht. Durch ein nicht ganz geschlossenes Schleusentor sickerte ein dünner Wasserstrahl. Es war das einzige Geräusch unter dem Himmel, der tiefer und stiller war als ein See.

Zwei Bistros waren noch erleuchtet. Sie lagen einander gegenüber, jedes an seiner Straßenecke. In dem einen spielten fünf Männer bedächtig und schweigend Karten. Drei von ihnen trugen Schiffer- oder Lotsenmützen. Der Wirt saß in Hemdsärmeln am Tisch dabei.

In dem anderen Lokal wurde nicht gespielt. Dort hielten sich nur drei Männer auf. Sie saßen um einen Tisch und stierten nachdenklich in ihre kleinen Schnapsgläser. Die Beleuchtung war grau und schummrig. Der Wirt, mit schwarzem Schnurrbart und blauer Strickjacke, gähnte von Zeit zu Zeit, streckte den Arm aus und griff nach seinem Glas.

Ihm gegenüber saß ein kleiner Mann, überwuchert von blonden Haarstoppeln wie von dreckigem Stroh. Er wirkte traurig oder schläfrig, vielleicht betrunken. Seine hellen Augen waren wässrig und trüb, und manchmal wiegte er den Kopf, als wollte er in einem inneren Gespräch jemandem beipflichten, während sein Nachbar, auch er ein Mann vom Kanal, den Blick nach draußen in die Nacht wandern ließ.

Die Zeit verstrich lautlos. Nicht einmal das Ticken einer Uhr war zu hören. Hinter dem Bistro befand sich eine Reihe Holzhütten, umgeben von kleinen Gärten, aber alle Lichter waren erloschen. Dann kam die Nummer 8, ein sechsstöckiges Haus, alleinstehend, alt und verrußt, für seine Höhe zu schmal. Im ersten Stock sickerte ein wenig Licht durch die Fensterläden, im zweiten, wo es keine gab, bildete die cremefarbene Jalousie ein helles Rechteck.

Gegenüber schließlich, am Ufer des Kanals, Steinhaufen, Sand, ein Kran, leere Kippwagen.

Und doch lag ein Zittern von Musik in der Luft. Schwer zu sagen, woher sie kam. Von weiter hinten als der Nummer 8, aus einer etwas tiefer liegenden Holzbaracke mit der Aufschrift Bal.

Aber niemand tanzte. Es war überhaupt niemand da, außer der dicken Wirtin, die ihre Zeitung las und sich manchmal erhob, um fünf Sous in das elektrische Klavier zu stecken.

Irgendwann musste sich etwas oder jemand bewegen. Es war der stark behaarte Schiffer im rechten Bistro. Mühsam stand er auf, blickte auf die Gläser hinunter und rechnete im Kopf, während er in seiner Tasche kramte. Als er das Geld abgezählt hatte, legte er es auf die blanke Tischplatte, tippte an den Rand seiner Mütze und schlingerte zur Tür.

Die beiden andern sahen sich an. Der Wirt zwinkerte. Die Hand des Mannes tastete ins Leere, bevor sie die Klinke ergriff, und er schwankte, als er sich draußen noch einmal umdrehte, um die Tür hinter sich zu schließen.

Seine Schritte klangen ungleichmäßig und als ginge er über hohles Pflaster. Drei- oder viermal blieb er stehen, als zögerte er oder versuchte, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Am Kanal angekommen, stieß er dröhnend gegen die Brüstung, ging dann die Steintreppe hinunter und gelangte auf den Verladequai.

Die Umrisse der Schiffe waren im Mondlicht deutlich zu erkennen, die Namen so leserlich wie am helllichten Tag. Der nächstliegende Kahn, den nur ein Brettersteg vom Ufer trennte, hieß Toison d’Or. Weitere Schiffe lagen dahinter, links und rechts, in mindestens fünf Reihen. Die einen warteten mit geöffnetem Bauch darauf, von einem Kran entladen zu werden, andere hatten die Nase schon am Schleusentor, das sie frühmorgens durchfahren würden. Und wie meistens in einem Hafen lagen manche Schiffe einfach da, warum auch immer, als hätten sie keinen Nutzen.

Der Alte, ganz allein in dieser unbewegten Welt, hickste und betrat den Steg, der sich unter ihm bog. In der Mitte fiel ihm plötzlich ein, sich umzudrehen. Vielleicht wollte er die Fenster des Bistros sehen. Der erste Teil der Bewegung glückte ihm, dann schwankte er, verkrampfte sich und stürzte im nächsten Augenblick ins Wasser. Mit einer Hand umklammerte er den Steg.

Er hatte nicht geschrien, nicht einmal gemurrt. Nur das Aufklatschen auf dem Wasser war zu hören gewesen, aber nur kurz, denn der Mann bewegte sich kaum. Die Stirn in Falten, als müsste er nachdenken, versuchte er mit aller Kraft, sich an dem Brett hochzuziehen. Es gelang ihm nicht, aber er gab nicht auf, verbissen und keuchend.

Ein Liebespaar auf dem Quai stand an die Steinmauer gepresst und lauschte mit angehaltenem Atem. In Charenton hupte ein Auto.

Dann plötzlich erhob sich Geheul. Eine gewaltige Klage zerriss die Stille.

Es war der Alte, der im Wasser vor Angst aus voller Kehle schrie. Er unternahm keinerlei vernünftige Anstrengung mehr, sondern strampelte wie ein Wahnsinniger, trat mit den Füßen um sich, sodass ringsum das Wasser aufspritzte und schäumte.

Andere Laute kamen hinzu. Auf einem der Kähne entstand Bewegung, auf einem anderen sagte eine verschlafene Frauenstimme:

»Sieh doch mal nach.«

Oben auf dem Quai öffneten sich die Türen der beiden Bistros. Das Pärchen an der Steinmauer löste sich aus seiner Umarmung, und der Mann flüsterte:

»Lauf schnell nach Hause!«

Er machte zögernd ein paar Schritte, dann rief er laut:

»Wo sind Sie?«

Er hörte das Schreien und versuchte zu bestimmen, von wo es kam. Andere Stimmen näherten sich, und Leute beugten sich über die Brüstung.

»Was ist da los?«

Der junge Mann, der auf die Kante zulief, antwortete:

»Ich weiß es noch nicht. Dort … im Wasser …«

Seine Begleiterin blieb mit gefalteten Händen stehen und wagte nicht, sich vom Fleck zu rühren.

»Ich sehe ihn! Kommen Sie, schnell.«

Das Schreien wurde leiser und ging in ein unheimliches Röcheln über. Der junge Mann sah die Hände, die sich an den Steg klammerten, und den Kopf, der aus dem Wasser auftauchte, aber er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er drehte sich zur Treppe um und rief:

»Kommen Sie, schnell …«

Ungerührt sagte jemand:

»Das ist Gassin.«

Sieben Männer kamen herbei. Es waren die fünf aus dem einen und die zwei aus dem anderen Bistro.

»Geh noch ein Stück weiter. Du packst ihn an dem einen Arm und ich am anderen.«

»Vorsicht, der Steg!«

Der Steg bog sich unter der Last. Aus der Luke des Kahns kam eine weiße Gestalt mit hellen Haaren hervor.

»Hältst du ihn?«

Der Alte schrie nicht mehr. Er war nicht ohnmächtig. Er stierte vor sich hin, ohne etwas zu begreifen, ohne selbst zu seiner Rettung beizutragen und es den Helfern leichter zu machen.

Ganz allmählich wurde er aus dem Wasser gehievt. Er war so schwach, dass man ihn bis zur Böschung schleppen musste.

Die weiße Gestalt näherte sich auf dem Steg. Es war eine junge Frau, barfuß und im Nachthemd. Im Mondschein schimmerte ihr nackter Körper durch den dünnen Stoff hindurch. Sie war die Einzige, die noch ins Wasser blickte, das sich wieder glättete. Und plötzlich begann auch sie zu schreien und zeigte auf etwas, unförmig und bleich wie eine Qualle.

Zwei von denen, die sich um den Schiffer kümmerten, drehten sich um, und als sie den milchigen Fleck im schwarzen Wasser bemerkten, lief es auch ihnen kalt den Rücken hinunter.

»Seht doch bloß … Da …«

Alle sahen hin und vergaßen darüber ganz den Schiffer, der in einer Wasserpfütze auf dem Pflaster lag.

»Hol einen Bootshaken!«

Die junge Frau griff einen vom Deck des Kahns und reichte ihn hinüber. Sie waren alle wie verwandelt. Die Atmosphäre hatte sich geändert, sogar die Temperatur der Nacht. Die Luft war auf einmal kühler geworden, mit einzelnen milderen Schwaden.

»Erreichst du ihn?«

Der Eisenhaken glitt im Wasser hin und her, stieß aber die einförmige Masse nur weiter zurück, wenn er sie zu fassen versuchte. Ein Mann lag bäuchlings auf dem Steg und fuhr mit der Hand durchs Wasser, um einen Zipfel der Kleidung zu greifen.

In der Dunkelheit erahnte man Menschen, die stumm auf ihren Kähnen standen und warteten.

»Ich habe ihn!«

»Zieh ihn vorsichtig raus.«

Der Alte auf dem Quai gab immer noch Wasser von sich wie ein vollgesogener Schwamm, während ein Ertrunkener herausgezogen wurde. Er war dicker, schwerer und leblos. Von einem sehr fernen Schlepper fragte eine Stimme schlicht:

»Tot?«

Die junge Frau im Nachthemd sah den Leuten zu, wie sie den Körper auf den Quai legten, etwa einen Meter entfernt neben den anderen. Sie schien das alles nicht zu begreifen, ihre Lippen zitterten, als wollte sie gleich weinen.

»Um Himmels willen … das ist Mimile!«

»Ducrau!«

Die Männer, die um die beiden Körper auf den Steinen herumstanden, wussten nicht, wo sie hinsehen sollten. Die Angst hatte sie gepackt. Sie wollten etwas tun, schienen sich aber zu fürchten.

»Man muss sofort …«

»Ja … Ich gehe …«

Jemand rannte zur Schleuse. Man hörte ihn mit beiden Fäusten an die Tür trommeln und rufen:

»Schnell! Euer Apparat! Es ist Émile Ducrau!«

»Émile Ducrau … Émile Ducrau … Mimile? Ducrau …« So wurde es von Kahn zu Kahn weitergesagt. Und die Leute stiegen über die Ruder und Stege, während der Wirt des Bistros die Arme des Ertrunkenen hob und senkte.

Um den Alten kümmerte sich niemand. Man merkte nicht einmal, dass er sich da unten zwischen den Beinen, die um ihn herumstanden, aufsetzte und verstört um sich blickte.

Der Schleusenwärter eilte herbei. Ein Mann kam die Treppe heruntergelaufen, gefolgt von einem Polizisten.

Im zweiten Stock des hohen Hauses öffnete sich ein Fenster, und eine Frau beugte sich hinaus, eine rosa Gestalt im rosigen Licht eines seidenen Lampenschirms.

»Ist er tot?«, wurde geflüstert.

Keiner wusste es. Man konnte es nicht wissen. Der Schleusenwärter stellte das Beatmungsgerät an, und man hörte das regelmäßige Geräusch des Apparats.

Inmitten der allgemeinen Verwirrung, der gestammelten Worte, der leisen Anweisungen, der auf den Steinen knirschenden Schritte stützte sich der Schiffer auf seine Arme, taumelte und stieß gegen einen neben ihm Stehenden, der ihm auf die Beine half.

Es hatte alles etwas Waberndes und Unklares, wirkte gedämpft und formlos wie eine Unterwasserszene.

Der Alte konnte sich kaum aufrecht halten. Er betrachtete wie im Traum den anderen Körper, der dort lag, und keuchend, immer noch betrunken und nach

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