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Im Bund der Lebenden

Im Bund der Lebenden

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Im Bund der Lebenden

Länge:
164 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
13. Okt. 2021
ISBN:
9783772544279
Format:
Buch

Beschreibung

Zwischen Aharon Appelfeld und Valérie Zenatti, der Übersetzerin seiner Romane aus dem Hebräischen ins Französische, entwickelt sich durch Sprache und Schweigen, Stimme und Gesten eine intensive Verbundenheit, die auch nach seinem plötzlichen Tod nicht abreißt. Tief hat sie mit ihm ins Dunkel seiner Kindheit und Jugend geblickt und in das Leben anderer Juden während und nach der Shoah. Jetzt reist sie an den Ort, wo Aharon einst als Erwin geboren wurde: Czernowitz.
So schließt sie den Verstorbenen in den Zusammenhang der Lebenden, den Bund der Lebenden, ein - wie ein Segensspruch auf vielen jüdischen Grabsteinen lautet.
Freigegeben:
13. Okt. 2021
ISBN:
9783772544279
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Im Bund der Lebenden - Valérie Zenatti

VALÉRIE ZENATTI

Im Bund der Lebenden

Aus dem Französischen von

Cordula Unewisse

OKTAVEN

Wenn du jemanden triffst, heißt das, dass du ihn treffen musstest, und dann gibt er dir etwas, was dir fehlt. Man darf keine Begegnung ignorieren. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen enthält eine Botschaft.

Aharon Appelfeld

Ich möchte leben.

Ich möchte lachen und Lasten heben

und möchte kämpfen und lieben und hassen

und möchte den Himmel mit Händen fassen

und möchte frei sein und atmen und schrein.

Ich will nicht sterben. Nein!

Nein.

Das Leben ist rot.

Das Leben ist mein.

Mein und dein.

Mein.

Selma Meerbaum-Eisinger

Möge seine Seele eingebunden sein in den Bund der Lebenden.

Jüdischer Segensspruch

Teil I

Am 31. Dezember war ich im Theater von Versailles, ein befreundeter Geiger und Sänger gab ein Konzert, zum letzten Mal konnte man ihn und sein Ensemble dort mit Musik aus Osteuropa hören – in seinem Geigenspiel fanden Belgrad, Warschau und Kiew zusammen, und in seinem Gesang mischten sich Jiddisch, Serbokroatisch und Rumänisch. Ich war 1999 bei einem seiner ersten Konzerte dabei gewesen, da war mein Sohn schon geboren, und ich konnte meinen Blick damals nicht abwenden von dem Sänger und Geiger, der mit derselben Vitalität zu tanzen verstand, mit der seine Finger über die Saiten sprangen, er war der meisterhafte Virtuose und Unterhalter auf der Bühne und im Saal, denn er spielte auf seinem Instrument und er spielte mit uns, er machte eine versunkene Welt wieder lebendig, die nicht die Welt meiner Eltern und nicht die meiner Großeltern war und deren Verschwinden mich umtrieb, denn, so dachte ich immer wieder, vor diesem Verschwinden, da hatte es Lebensgeschichten gegeben, so viele Lebensgeschichten, und ich war begierig noch nach der kleinsten Spur, die von ihnen Zeugnis ablegen konnte.

Als das Konzert zu Ende war, gingen wir nach oben, um die Musiker in ihren Künstlergarderoben zu umarmen, und tranken Champagner aus Plastikbechern, wir wussten nicht recht, ob wir unseren Freunden gratulieren sollten oder unser Bedauern bekunden, da wir erfahren hatten, dass sie nicht mehr auftreten würden. Es war spät geworden, wir hatten noch nicht zu Abend gegessen und warfen hungrige Blicke auf die Schälchen und das, was von den China-Nudeln übrig geblieben war, die die Regieassistenz am Nachmittag bestellt hatte. Wir beschlossen, zurück nach Paris zu fahren und dort den Rest des Abends zu verbringen, nicht um Silvester zu feiern, sondern nur, um noch gesellig beisammen zu sitzen, und so quetschten wir uns in das Auto einer Freundin.

Schlag Mitternacht fuhren wir am Eiffelturm vorbei und lachten: Wir, die wir auf gar keinen Fall Silvester feiern wollten, waren in der Höhle des Löwen gelandet. Dutzende Autos parkten am Rand der Uferstraße, jenseits der Autoscheiben umarmten sich die Menschen in stummer, unwirklicher Ausgelassenheit, es war eine Fröhlichkeit, die uns natürlich künstlich vorkam, aber vielleicht war sie es gar nicht, ich glaube, im Auto sagte einer: Fuck 2017.

Eine Stunde später tranken wir herrlichen Champagner und teilten uns ein Päckchen Industrietoast aus dem Lebensmittelladen und ein Stück Käse sowie ein Schälchen Trüffel-Ravioli, offenbar die Restposten in einem tadellos sauberen und sonst völlig leeren Kühlschrank. Die Unterhaltung drehte sich zunächst um das Konzert, dann wechselten wir zu dem Jahr, das hinter uns lag, und aus Gründen, die nicht zur Sprache kamen, war unser Thema Verlust. Wir sprachen von den Kindern, die unseren Schutz brauchten, die wir aber auch wappnen mussten, damit sie gut mit Verlusten fertig würden. Wir stießen auf die Freundschaft an und auf das Leben, und das war nichts Floskelhaftes, sondern etwas, was uns zutiefst am Herzen lag. Für mich war das zurückliegende Jahr das Jahr gewesen, in dem ich meine Geige wieder ausgegraben hatte, ein Wiedersehen, das mit meiner Aufnahme in ein Orchester besiegelt worden war.

Nach Jahrzehnten fast ganz ohne Geigenspiel hatte ich wieder hinter einem Notenständer meinen Platz eingenommen, und jeden Montagabend war mir das Stimmen der Instrumente, die sich in tastenden Versuchen dem Ziel eines harmonischen Zusammenklangs annäherten, der Indikator dafür, dass ich in einen Raum eintrat, in dem die Musik das Sagen hatte, nicht mehr die Worte, meine Brust wurde weit und ich atmete ganz anders. Auch eine tiefgreifende innere Veränderung hatte ich erlebt, die mir einen neuen Blick auf mein Leben gab. Mir gefiel, wie auf rätselhafte Weise ein anderes Leben plötzlich meinen Weg kreuzte und mein Leben in ein neues Licht stellte, ich versuchte nicht, die Gründe dafür zu verstehen, es genügte mir, die Auswirkungen dieses Ereignisses in den Blick zu nehmen. Meine Ohren lauschten auf andere Weise, meine Augen schauten anders, durch einen Filter, der mehr Verständlichkeit, Freude und Klarheit in die Welt brachte.

Was erwartete ich von dem Jahr, das in jener Nacht begann, als ich mich auf den Heimweg machte? Schreiben, meine Wahrnehmung der Menschen und ihres Tuns vertiefen, lieben, mich lieben lassen, mit dem Rauchen aufhören. Ich spürte auch eine taube Furcht. Seit 2015 lastete auf den ersten Januartagen die Erinnerung an einen Schock, durch den die guten Vorsätze auf einen Schlag ihren Sinn verloren hatten, sie waren verschwunden in dem Riss, der sich auftat zwischen dem, was man sich für die Welt wünschte, und ihrer realen Verfasstheit.

Am 1. Januar habe ich die Nummer von Aharon Appelfeld gewählt, um ihm viel Gesundheit zu wünschen und ein ruhiges, mit Schreiben ausgefülltes Jahr, und ich erfuhr, dass er seit zwei Tagen im Krankenhaus lag, er würde aber wahrscheinlich bald wieder entlassen werden. Er schlief und ich konnte nicht mit ihm sprechen.

Als die Ärzte sich am Mittwoch, dem 3. Januar, nicht zu seinem Zustand äußern konnten, habe ich für den nächsten Morgen einen Hin- und Rückflug Paris – Tel Aviv gebucht.

Die ganze Nacht lag ich ausgestreckt auf dem Bett, mein Körper war ganz starr, ich konnte keinen Schlaf finden, ich hörte seine Stimme und sprach mit ihm, es war ein so vielschichtiges Gespräch, dass es mir einen Schreck versetzte und mich zugleich ganz glücklich machte. Aus unseren Sätzen entstand ein Gewebe, in dem mit großer Deutlichkeit, lebendig und leidenschaftlich, die Gesamtheit dessen erkennbar wurde, was unsere Verbindung ausmachte. Erst eine Stunde, bevor der Wecker ging, konnte ich einschlafen, und als ich im Taxi saß, das mich zum Flughafen brachte, tauchte um sieben Uhr und vier Minuten eine Eilmeldung der israelischen Tageszeitung Haaretz auf dem Display meines Handys auf, sie lautete: «Der Schriftsteller Aharon Appelfeld, Träger des israelischen Literaturpreises, ist heute Nacht im Alter von fünfundachtzig Jahren verstorben.»

*

Im Shuttlebus auf dem Rollfeld von Orly-Süd hatte ich das Gefühl, in einer synkopierten Bewegung zu stecken: Ich würde trotz der Todesnachricht nach Tel Aviv fliegen, ich machte mich auf zu jemandem, den ich gar nicht treffen würde, der Zweck dieser Reise war schon hinfällig, ich würde zu spät kommen und ich brach dennoch auf. Weil ich nicht geschlafen hatte, war ich wackelig auf den Beinen und mir war übel, und der Geruch des Kerosins, den ich einatmete, hinterließ in meiner Kehle eine säuerliche Spur, die meine Übelkeit noch schlimmer machte.

Ich schloss die Augen, suchte unter der Schwärze meiner Augenlider nach einer Ruhe, die sich nicht einstellen wollte, und als ich sie wieder aufschlug, spürte ich einen Blick auf mir ruhen. Eine junge Frau sah mich so eindringlich an, dass ich glaubte, sie würde mir zum Vorwurf machen wollen, dass ich mich auf einen Sitz gelümmelt hatte, während sie, mit einem kleinen Mädchen im Tragetuch, stehen musste. Ich fragte sie auf Französisch, ob sie meinen Platz haben wollte, aber sie starrte mich weiter an. Da ich annahm, dass sie meinen Vorschlag nicht verstanden hatte, stellte ich die Frage noch einmal auf Hebräisch, aber sie fragte dann ihrerseits auf Französisch, ob ich nicht Valérie Zenatti sei, und ich bejahte. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, sie redete über meine Romane, ihre Stimme war sehr sanft. Dann fügte sie noch hinzu: Ich schätze Ihre Übersetzungen von Aharon Appelfeld wirklich sehr. Ich konnte nicht einfach zuhören, wie sie diesen Namen aussprach, ohne etwas zu erwidern, konnte nicht einfach nur nicken und mich mit einem geschmeichelten und bescheidenen Lächeln bedanken, also sagte ich mit wenigen Worten – ich hatte nicht gedacht, dass ich sie so schnell parat haben müsste – Ich fliege nämlich nach Israel, es ist bei mir noch gar nicht richtig angekommen, aber Aharon ist von uns gegangen, erst vor wenigen Stunden. Sie erwiderte ganz leise, Das tut mir sehr leid für Sie, dann, ganz und gar überzeugt und unendlich freundlich, schöpfte sie aus einem Wissen, über das sie nur zu verfügen schien, um es an diesem Morgen an mich weiterzugeben: Sie müssen nach Czernowitz fahren, ich bin sicher, das wird Ihnen guttun, Sie werden sehen, es wird Sie für etwas ganz Wichtiges empfänglich machen, die Stadt gibt außergewöhnliche Impulse.

Im Flugzeug versuchte ich dann, eine Frau loszuwerden, die unser Gespräch mitgehört hatte und nun wissen wollte, wie man denn Schriftsteller wird, ob ich ein besonderes Studium absolviert hätte oder ob es eher familiär bedingt sei. Normalerweise antworte ich gern auf solche Fragen und nehme mir Zeit dafür, denn es macht mir Spaß über dieses Verb, schreiben, nachzudenken, darüber, wie ich jetzt schon seit Jahren immer neue Facetten seiner Bedeutung für mich entdecke, aber in dem Augenblick wusste ich überhaupt nicht mehr, wie ich es zu verstehen hatte, ich ahnte wahrscheinlich, dass es gerade im Begriff war, sich zu verändern, und genau hier, hoch oben in der Luft zwischen Paris und Tel Aviv, in der Schwebe zwischen den zwei Ländern, die mir beide ihre Sprache geschenkt haben, ging es los mit meiner Aphasie, oder genauer, mit meinem Bedürfnis nach Aphasie und nach Taubheit. Ich wollte nicht angesprochen werden, ich wünschte mir die Stille der Nacht, die gerade vorbei war, wieder zurück, diese beispiellosen halluzinierten Stunden. Mir schien es, als hätte das Gespräch zwischen Aharon und mir auf Hebräisch und auf Französisch stattgefunden, wir hatten uns alles gesagt, wir hatten alles voneinander erfahren und begriffen, wir hatten dem anderen den verborgensten Teil unserer selbst zugänglich gemacht, aber ich mochte die Augen noch so nachdrücklich schließen und alle Energie aufbieten, um mich zu entsinnen, ich konnte mich nicht an einen einzigen Satz erinnern, sei es, dass ich ihn gehört oder selbst ausgesprochen hatte, und als das Flugzeug zum Landeflug ansetzte, presste ich mein Gesicht an das Bullauge, um zu erkennen, wo das Krankenhaus lag, ich stellte mir vor, wie sich eine kristalline Volute im Himmel über Tel Aviv in Luft auflöste, während ich mich mitten in der Nacht an Aharon wandte und hörte, wie seine Stimme mir antwortete, ich fragte mich, wie das denn möglich gewesen war, dieses Zwiegespräch zwischen einem Mann, der im Sterben lag, und seiner Übersetzerin, Tausende von Kilometern entfernt.

Am Flughafen Tel Aviv habe ich mir ein israelisches Leihhandy besorgt, nach Unterzeichnung der Dokumente hielt ich es nun in der Hand, ohne zu wissen, welche Nummer ich wählen sollte. Am Vorabend, als ich Judith Appelfeld über mein Kommen informierte, hatte sie mir gesagt, ich solle sie vom Flughafen aus anrufen – Ich sage dir dann, wie du zum Krankenhaus kommst, oder einer von uns holt dich ab –, da

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