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8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

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8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

Länge:
873 Seiten
11 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Nov. 2021
ISBN:
9783956176579
Format:
Buch

Beschreibung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:
(999)


Cedric Balmore: Trevellian und die rechte Hand des Henkers

Tomos Forrest: Konrad Koch und der Tote auf dem Fußballfeld

Thomas West: Eine Ärztin und Stunden der Angst

Alfred Bekkker: Die nackte Mörderin

Wolf G. Rahn: HK Greiff - In der Hitze des Gefechts

Thomas West: Ärztin mit Herz für Gängster

Tomos Forrest: Mord auf offener Straße

Alfred Bekker: Der Finale Absturz









Ein großer Mafia-Deal soll über die Bühne gebracht werden. Es geht um unvorstellbar große Summen - und unvorstellbar dreckige Geschäfte. Ein verdeckter Ermittler wurde eingeschleust und riskiert Kopf und Kragen. Als er auf einer Party des Syndikats-Bosses einem nackten Showgirl gegenübersteht, ahnt er nicht, dass er eine skrupellose Killerin vor sich hat...
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Nov. 2021
ISBN:
9783956176579
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

8 außergewöhnliche Morde - Alfred Bekker

Cedric Balmore, Alfred Bekker, Tomos Forrest, Thomas West, Wolf G. Rahn

8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

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Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://writeapp.io) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

Copyright

8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

Trevellian und die rechte Hand des Henkers: Action Krimi

Konrad Koch und der Tote auf dem Fußballfeld

Eine Ärztin und Stunden der Angst

Die nackte Mörderin

HK GREIFF – In der Hitze des Gefechts

Ärztin mit Herz für Gangster

Mord auf offener Straße

Der finale Absturz

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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8 außergewöhnliche Morde: Krimi-Paket

Alfred Bekker, Tomos Forrest, Thomas West, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Trevellian und die rechte Hand des Henkers

Tomos Forrest: Konrad Koch und der Tote auf dem Fußballfeld

Thomas West: Eine Ärztin und Stunden der Angst

Alfred Bekkker: Die nackte Mörderin

Wolf G. Rahn: HK Greiff - In der Hitze des Gefechts

Thomas West: Ärztin mit Herz für Gängster

Tomos Forrest: Mord auf offener Straße

Alfred Bekker: Der Finale Absturz

Ein großer Mafia-Deal soll über die Bühne gebracht werden. Es geht um unvorstellbar große Summen - und unvorstellbar dreckige Geschäfte. Ein verdeckter Ermittler wurde eingeschleust und riskiert Kopf und Kragen. Als er auf einer Party des Syndikats-Bosses einem nackten Showgirl gegenübersteht, ahnt er nicht, dass er eine skrupellose Killerin vor sich hat...

Trevellian und die rechte Hand des Henkers: Action Krimi

Cedric Balmore

Ich traute ihm nicht. Niemand traute ihm. Aber es war meine Pflicht, ihn anzuhören. Ich war sogar verdammt neugierig auf die Unterhaltung. Was mich erwartete, passierte nicht alle Tage. Ein Henker zog Bilanz!

Fred McCall sah nicht gut aus, als er mich in seinem Arbeitszimmer empfing. Darüber vermochte nicht einmal sein Dreihundert-Dollar-Anzug mit der handgemalten Krawatte hinwegzutäuschen. Nur die hellen, leicht verwaschen wirkenden Augen in seinem gebräunten faltigen Gesicht waren noch von vitaler Leuchtkraft. Sie zeigten, daß McCall noch nicht verlernt hatte, Herr seiner Entscheidungen zu sein. Wir setzten uns. Vor den großen Terrassentüren kochte der Sommer, aber hier drin war es angehnem kühl. Fred McCall hatte mir ein Gespräch unter vier Augen zugesichert, aber ich bezweifelte, daß wir unbelauscht bleiben würden. Nicht einmal der mächtige Fred McCall konnte sich dem Spitzel- und Abhörsystem seiner Organisation entziehen.

Er schaute mich an, mit gekrümmter Unterlippe und zuckenden Mundwinkeln. »Der Tod hat viele Gesichter, Mr. Trevellian«, sagte er. »Ich möchte einige davon abtreten - an Sie.«

***

Im Nebenzimmer ratterte eine elektrische Schreibmaschine. Als sie einen Moment schwieg, hörte ich das Ticken eines Fernschreibers. Selbst hier, in seinem riesigen Landhaus auf Long Island, war Fred McCall ein Gefangener seiner weitreichenden skrupellosen Verpflichtungen.

Er schaute mich an. Wer etwas von Physiognomie verstand, konnte Fred McCalls Kopf bewundern. Die herrischmarkanten Gesichtszüge mit dem stolzaggressiven Raubvogelprofil, die leuchtenden Augen, das dichte silbergraue Haar. Allerdings war auch nicht das lastende Grau zu übersehen, das sich unter der Bräune seiner schlaff gewordenen Gesichtshaut angesiedelt hatte.

Er schien zu ahnen, was mich beschäftigte, denn er sagte plötzlich: »Ich kann meinen Stammbaum bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen. In meinen Adern fließt das Blut der Borgias. Wir haben uns stets genommen, was Wir vom Leben haben wollten. Es war für uns das einzige Gesetz, dem wir gehorchten. Eine Selbstverständlichkeit. Wir haben gekämpft und niemals verloren.«

Ein Nachfahre der Borgias mit dem Namen McCall! Vielleicht hatte er einmal Macalli oder so ähnlich geheißen. Die äußere Anpassung hatte ihm keine Schwierigkeiten bereitet, aber im Wesen war er seiner Sippe treu geblieben.

»Ja, ich war stets auf der Gewinnerseite!« betonte er.

»Leider«, sagte ich.

Mein bitterer Einwurf war ohne Leidenschaft. Ich sah, daß Fred McCall ein vom Tode gezeichneter Mann war. Ein Schwerkranker. Nur deshalb hatte er mich zu sich gebeten. Trotzdem blieb mir seine Einladung rätselhaft.

Fred McCall war siebzehn Jahre lang ein großer Boß der Cosa Nostra gewesen. Es nahm sich reichlich seltsam aus, daß er einen G-man zu seinem Beichtvater bestimmt hatte.

Die Millionen, die er als Syndikatsboß verdient hatte, dokumentierten sich in diesem luxuriösen weißen Landhaus, das von harten, schweigsamen Männern und scharfen Hunden bewacht wurde. Darüber hinaus wurde es von einem Elektrozaun und mehreren Alarmanlagen gesichert — vor allem aber von der Angst und dem Terror, die sich für seine Gegner mit dem Namen McCall verbanden.

Fred McCall lächelte müde. »Ich gebe zu, daß wir manche Schlacht erst nach großen Verlusten gewinnen konnten — nach Verlusten, deren Höhe den Erfolg in Frage stellte. In den letzten Jahren wurde es immer schwieriger, gegen das FBI zu bestehen. Gerade Sie haben uns viel Mühe gemacht, G-man. Ich habe Sie oft gehaßt und mir nicht selten Ihren Tod gewünscht — aber irgend etwas brachte mich dazu, Sie zu schonen.«

»Was denn«, sagte ich mit mildem Spott. »Soll das heißen, daß ich in Ihnen meinen Lebensretter sehen soll?«

Er blieb ernst. »Durchaus«, nickte er. »Selbst der Tüchtigste und Geschickteste ist nicht gegen die heimliche Kugel oder einen mustergültig vorbereiteten Sprengstoffanschlag gefeit. Ja, ich habe Sie geschont.«

»Warum?«

»Um dieser Stunde willen«, sagte er. »Ich wußte, daß sie eines Tages kommen würde. Mir war auch klar, daß ich einen richtigen Mann brauchen würde, um sie zu nutzen. Dieser Mann sind Sie, Jesse Trevellian!«

»Ich bin Ihr Feind«, machte ich ihm klar.

»Man kann sich auch mit einem Feind arrangieren«, sagte er. »Es ist meine letzte Chance, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.«

»Wollen Sie auspacken?« fragte ich. »Ja«, erwiderte er.

Mein Herz klopfte hoch oben im Hals, aber ich schaffte es, meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu halten. Nur meine Hände wurden plötzlich feucht, und über meinen Rücken kroch ein flüchtiges Frösteln.

Ich blickte ihm in die Augen.

Der Henker wollte singen! So etwas geschah nur einmal in zwanzig oder dreißig Jahren. Oder waren McCalls große Worte nur Teil eines ausgekochten Manövers, das sich gegen meine Dienststelle oder mich richtete?

Fred McCall war niemals aufrichtig gewesen. Lüge und Verstellung hatten zu den Waffen gehört, mit denen er die Gesellschaft und ihre Gesetze bekämpft hatte.

»Ich hasse die Cosa Nostra«, sagte er. »Ich habe sie immer gehaßt!«

Was er äußerte, glich einer Sensation. Sein Blick ging dabei ins Leere. Ich hatte einen sauren Geschmack auf der Zunge. Plötzlich war meine ganze Spannung zum Teufel.

Fred McCall log. Er machte mir etwas vor! Ein Mann, der zum großen Clan der Sizilianer gehörte und durch ihn Millionen verdient hatte, konnte so etwas weder denken noch sagen. Es war absurd.

»Sie glauben mir nicht«, sagte er, ohne seinen Blick oder seine Haltung zu verändern. »Sie halten mich für einen Schauspieler, für einen Schwindler. Aber ich sage die Wahrheit. Damals, als wir mit einem Stiletto unsere Hände aufritzten und das Blut miteinander vermengten — damals, als ich in die Cosa Nostra aufgenommen wurde, war ich stolz und glücklich. Ich war vom Ehrgeiz zerfressen. Ich liebte meine Brüder. Ich kämpfte und tötete für sie, und ich wurde dafür belohnt. Ich kletterte rasch nach oben, steil und unaufhaltsam. Aber ich brauchte nur wenige Jahre, um zu erkennen, daß ich kein Führer, sondern ein Gefangener meiner Organisation geworden war. Sie bestimmte' über mein Leben, sie diktierte seinen Rhythmus. Ich war nur ihr Werkzeug. Die Cosa Nostra ließ es vergolden — aber es blieb ein Instrument ihrer Interessen. Deshalb haßte ich sie.«

Er erhob sich. Als er zur Terrassentür schritt, sah ich, daß ihm der Anzug in den Schultern zu weit geworden war.

Er blickte in den großen, gepflegten Park, schweigend, und machte dann kehrt, um wieder am Schreibtisch Platz zu nehmen.

»Ich war der Henker der Organisation«, sagte er. »Mir blieb es Vorbehalten, die Feinde der Cosa Nostra aus dem Wege zu räumen. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, daß ich nur die dazu notwendigen Pläne ausarbeitete. Die eigentliche Schmutzarbeit verrichteten andere.«

»Wie viele Menschenleben haben Sie auf dem Gewissen?« fragte ich.

»So dürfen Sie die Sache nicht betrachten«, meinte er. »Die Todesurteile wurden nicht von mir ausgesprochen. Ich habe sie nur ausführen lassen.«

»Wie viele?« fragte ich.

»Zweiundvierzig«, antwortete er.

Die Feuchtigkeit meiner Hände nahm zu. Es war schwierig, angesichts dieses ungeheuerlich wirkenden Geständnisses die Ruhe zu bewahren, aber es hatte keinen Sinn, ihm die Dinge ins Gesicht zu schleudern, die mich in diesem Augenblick bewegten. Fred McCall hatte dafür keine Antenne. Er betrachtete sich als ein Werkzeug der Unterwelt. Er bedauerte nicht, daß er ein Henker gewesen war. Ihn betrübte nur, daß diese Aufgabe sein Leben in eine Schablone gepreßt hatte. Er war darin nicht freier gewesen als der Geheimdienstchef einer Diktatur.

»Zweiundvierzig«, wiederholte er. »Ich will Ihnen nichts vormachen, G-man. Es gab Zeiten, wo ich meine Aufgabe liebte. Ja, liebte! Ich war ein Mann der Perfektion. Wenn einmal eine Panne passierte, war sie mit Sicherheit auf das Versagen eines nervösen Killers zurückzuführen, auf alberne Zufälle. Meine Pläne hatten keine schwachen Stellen! Ich war ein Henker ohne Fehl und Tadel. Sie mögen mich deshalb verachten — aber ich war stolz darauf!«

»Wer erteilte Ihnen die Tötungsbefehle?«

»Ich habe darüber Buch geführt«, sagte er. »Handschriftlich. Mit diesen Unterlagen können Sie die gesamte Organisation hochgehen lassen. Die führenden Köpfe. Die Killer. Den ganzen verdammten Laden!«

Ich schluckte.

Fred McCalls Worte waren brisanter als eine Wasserstoffbombe. Wenn er mir nichts vormachte, hatten wir es plötzlich in der Hand, einen jahrzehntelangen Kleinkampf gegen die mächtigste Unterweltorganisation der Erde mit einem Paukenschlag zu beenden.

Wenn ich versagte, war diese einmalige Chance vertan! Die plötzliche Verantwortung ließ mich rascher atmen. Meine Blicke schweiften durch den Raum. Was war, wenn man das Gespräch über ein verstecktes Mikrofon belauschte?

»Keine Angst«, meinte Fred McCall, der meine Blicke richtig deutete. »Ich habe alle weggeschickt, denen ich mißtrauen muß. Wir sind völlig ungestört.«

»Wer tippt nebenan?«

»Grace, meine Sekretärin. Sie hören ja selbst an dem Geklapper, daß sie uns nicht belauscht. Im übrigen ist sie mir bedingungslos ergeben.«

»Wo sind die Unterlagen?«

»Hier, in diesem Raum«, erwiderte Fred McCall. »In meinem Safe.«

Ich holte tief Luft und sagte: »Ich weise Sie pflichtgemäß darauf hin, daß Sie nicht gezwungen werden können, sich durch ein Geständnis selbst zu belasten…«

Er winkte ab. »Lassen wir diese formaljuristischen Spitzfindigkeiten beiseite. Ich kenne das Gesetz. Ich habe es niemals respektiert, aber seine Details und Paragraphen sind mir so vertraut wie ein Jagdrevier eigener Wahl. Mein Leben ist abgeschlossen. Wenn es stimmt, was der Arzt mir anvertraute, bleibt mir noch eine Woche, um mein Haus zu bestellen… Dann ist Schluß!«

Sein Mund zuckte. Er blickte in den Garten.

»Wenn jemand dahinterkommt, weshalb ich Sie herbestellt habe, bleibt mir nur noch ein Tag, vielleicht bloß eine Stunde…«

»Stellen Sie Bedingungen?« fragte ich ihn. »Erwarten Sie, daß ich das Belastungsmaterial bis zu… Nun, bis zu Ihrem Tode zurückhalte?«

Fred McCall schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, erwiderte er. »Ich bin sogar bereit, mich verhaften zu lassen. Vermutlich ist das der sicherste Weg, um diese letzte Woche meines Lebens nicht vorzeitig zu beenden.«

»Für den District Attorney wären Ihre Aussagen zweifellos von größtem Wert«, sagte ich.

»Damit wir uns recht verstehen«, meinte er und schaute mich an. »Es geht nicht mehr um mein Leben. Ein paar Tage oder Stunden mehr oder weniger — was ist das schon? Ich habe Sie hergebeten, weil ich Ihnen das Leben meiner Töchter anvertraue. Sie sind ein Mann, der vielleicht das Zeug hat, mit diesem Problem fertig zu werden.«

Ich begriff sofort, was er meinte.

Er, der große Boß der Cosa Nostra, hatte sich entschlossen, zu singen. Für seine Exfreunde war das Verrat. Verrat bestraften sie mit dem Tod.

Aber damit würden sie sich nicht zufriedengeben. Schon gar nicht bei einem Mann, von dem ihnen bekannt war, daß er nur noch eine Woche zu leben hatte! Für sie ging es um mehr. Sie würden den anderen durch ein abschreckendes Beispiel zeigen wollen, wie die Cosa Nostra auf so etwas reagierte. Sie würden McCalls Familie vernichten, wenn niemand es schaffte, sie davon abzuhalten.

»Sie haben zwei Töchter, nicht wahr?«

»Ja.«

»Söhne?«

»Keine«, erwiderte er. »Patricia und Dotty befinden sich augenblicklich in der Schweiz. Sie machen dort Urlaub. Natürlich können sie dort nicht bleiben. Vor den Nachstellungen der Cosa Nostra wären sie nicht einmal auf dem Mond sicher. Deshalb kommen sie schon morgen zurück. Nur hier haben Sie eine Chance, meine Töchter zu beschützen.«

»Was wissen die beiden von Ihnen?«

»Schwer zu sagen. Ich habe stets versucht, ihnen ein guter Vater zu sein. Sie waren nur selten in New York. Ihre Erziehung haben sie im Ausland erhalten. Patricia ist jetzt einundzwanzig Jahre alt, Dotty ist neunzehn Jahre alt. Beide sind hochintelligent. Ich könnte mir denken, daß sie mehr über meine Vergangenheit und mein Leben wissen, als sie zuzugeben wagen. Ich selbst habe mit ihnen nie darüber gesprochen. Ich hoffe, daß Patty und Dotty eines Tages erfahren werden, wie ich in der letzten Woche meines Lebens versuchte, meine Vergangenheit zu bewältigen.«

»Was ist mit Ihrer Frau?«

»Dinah lebt in diesem Haus«, antwortete er. Seine Stimme klang auf einmal gleichgültig. Sie hörte sich an, als handelte er plötzlich ein Thema ab, das ihm lästig war. »Natürlich weiß sie, was ich getan habe und wovon wir lebten. Es hat sie nie gestört. Sie war immer nur hinter Geld, Schmuck und Männern her. Was mich betrifft, so haben mich ihre vielen Liebhaber nicht gestört. Es genügte mir, wenn ich Dinah monatlich mit einigen größeren Schecks abspeisen konnte. Wenn sie jetzt sterben muß, weil ich singen werde, soll es mir recht sein.' Sie hat nichts Besseres verdient.«

»Wir kümmern uns um sie«, sagte ich. »Notfalls nehmen wir sie in Schutzhaft.«

»Sie werden sich nur um Patricia und Dotty kümmern«, meinte Fred McCall mit plötzlicher Schärfe. »Verplempern Sie Ihre kostbare Zeit nicht mit Dinah!«

»Wir machen keine Qualitätsunterschiede, wenn es um ein Menschenleben geht«, gab ich ebenso scharf zurück.

Er beugte sich nach vorn. In seinen Augen wetterleuchtete es. Plötzlich war er wieder mit jedem Zoll der skrupellose, aggressive Gangster.

»Sie vergessen, daß ich Sie in der Hand habe und zappeln lassen kann!«

»Sie wollen mir das Material vorenthalten?«

»Genau!« schnappte er.

Ich grinste lustlos und schüttelte den Kopf. »Machen Sie sich nichts vor«, sagte ich. »Sie haben Ihre Entscheidung längst getroffen und werden dazu stehen!«

Er zuckte mit den Schultern. »Sie haben recht«, resignierte er. »Okay. Ich will Ihnen da nicht hineinreden, aber ich finde, daß zwei junge unschuldige Mädchen ein größeres Anrecht aüf Schutz haben, als eine egozentrische, ausgelaugte Endvierzigerin.«

Ich blickte auf meine Uhr. »Kann ich das Material jetzt bekommen?«

Er nickte und sah dabei seltsam zerstreut aus. Ich konnte mir vorstellen, wie ihm zumute war. Er hatte vermutlich Jahre gebraucht, um diesen Entschluß zu fassen. Möglicherweise verband sich damit die Erinnerung an tausend durchwachte, durchquälte Nächte. Jetzt, wo er sich so kurz vor seinem Ziel sah, erfaßte ihn vermutlich ein Gefühl der Erschöpfung und Ernüchterung.

Trotzdem erhob er sich sofort.

Er holte einen Schlüsselbund aus der Tasche, der an einem goldenen Kettchen hing, und trat an den Kaminsims. Ich beobachtete, wie er ein Landschaftsbild zur Seite schob und das Kombinationsschloß der Safetür betätigte. Dann schob er einen Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung, um die letzte Sicherung zu lösen.

Er schwenkte die Safetür zur Seite und griff in das untere Fach. Als er sich mir zuwandte, hielt er eine einfache, olivgrün gespritzte Stahlkassette in der Hand. Er stellte sie vor mich hin.

»Sie ist unverschlossen«, sagte er. »Bitte bedienen Sie sich!«

Ich starrte das flache Kästchen an, als enthielte es den Stein der Weisen. Ich spürte, daß McCall nicht bluffte. Meine anfänglichen Zweifel waren wie weggewischt.

Ich fühlte einfach, daß er es dieses eine Mal ehrlich meinte. Aber gerade das war mehr, als ich in diesem Moment zu meistern vermochte. Fred McCall trat ab. Er legte dabei die volle Verantwortung für alle Folgen seines Tuns in meine Hände. Er vertraute mir das Leben seiner Familie an. Dieser Gedanke erstickte in mir jedes Triumphgefühl.

Außerdem: Noch hatte ich Fred Mc-Calls Aufzeichnungen nicht wirklich sichergestellt. Sie gehörten dem FBI erst dann, wenn sie an einem sicheren Ort im District Office gelandet waren.

»Worauf warten Sie noch?« fragte mich Fred McCall. »Schauen Sie hinein!«

Vielleicht enthielt das Ding eine Bombe! schoß es mir durch den Sinn. Quatsch, beruhigte ich mich im nächsten Moment. Fred McCall würde sich mit diesem Schachzug selbst gefährden. Im übrigen war er kein Mann, der Mordanschläge selbst besorgte. Er begnügte sich damit, sie zu planen.

Ich öffnete die Schatulle und blickte hinein.

Sie war leer.

***

»Hat das Ding einen doppelten Boden?« fragte ich, sah aber gleichzeitig, daß das nicht zutraf.

Fred McCall beugte sich nach vorn.

Seine Augen weiteten sich. Ihre seltsame Leuchtkraft erlosch. Ich spürte seine Erschütterung und gab ihm einige Sekunden Zeit, sich von dem Schock zu erholen. Er ließ sich in den Drehsessel fallen und holte tief Luft.

»Aus!« murmelte er.

Hinter mir öffnete sich die Tür die McCalls großes Arbeitszimmer mit dem Büro verband. Eine Frau wankte herein. Sie preßte eine Hand gegen die Brust und bewegte die Lippen ihres weit aufgerissenen Mundes. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und hastete auf sie zu. Aber ich kam zu spät. Sie brach zusammen, noch ehe ich bei ihr war.

Fred McCall sprang auf. »Grace!« stieß er mit heiserer Stimme hervor.

Ich ließ mich neben McCalls Sekretärin auf die Knie fallen. Langsam rutschte ihre erschlaffende Hand von der Brust und glitt auf den Teppich. Die Wunde, aus der ein Metallbolzen ragte, befand sich in Höhe des Herzens. Ich begriff, daß der Frau nicht mehr zu helfen war. Es grenzte an ein Wunder, daß sie noch die Kraft gefunden hatte, sich bis hierher zu schleppen.

»O Gott — Grace!« stöhnte Fred Mc Call, der neben mich getreten war. Sein Atem kam rasselnd.

Der Kopf der Frau rollte haltlos zur Seite. Ihre Augen brachen.

Sie war tot.

Ich erhob mich und blickte Fred McCall an. Der Blick des Mannes klebte an der Toten. Sein Mund zuckte. In seinen Augen schimmerte die Feuchtigkeit von Tränen. Irgendwo in seinem Innern mußte McCall sich noch einen Rest von Anteilnahme und Gefühl bewahrt haben.

Ich hastete in den angrenzenden Büroraum. Dort standen die Türen zur Terrasse weit offen. Die Hitze drängte ungehindert in den Raum und machte die Bemühungen der Klimanalage zunichte. Der Fernschreiber tickte unaufhaltsam. Ich trat auf die Schwelle der Terrassentür und blickte in den Garten.

Jenseits des nierenförmig angelegten Swimming-pools dehnte sich das gewaltige, parkähnliche Grundstück. In der lähmenden Hitze des sonnendurchglühten Nachmittags rührte sich kein Zweig, kein Halm.

Der Mörder war ganz in der Nähe, ich wußte es. Er konnte bestenfalls einen der großen Rhododendronbüsche erreicht und sich dahinter versteckt haben.

Aber welchen?

Ich zog meinen Smith and Wesson aus der Schulterhalfter und sprintete los.

Ich atmete auf, als ich hinter den ersten Busch trat. Es war kein erhebendes Gefühl gewesen, den deckungslosen Raum zwischen der Terrasse und dem eigentlichen Garten zu überbrücken. Der Mörder war im Besitz eines Bolzenschußgerätes, er konnte nahezu lautlos töten.

Ich bewegte mich langsamer vorwärts, meine Blicke suchten den Boden und die Umgebung ab, meine Sinne konzentrierten sich auf verdächtige Geräusche und Verstecke. Ich gelangte tiefer in den Garten hinein, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Am hinteren Ende des Grundstücks, weit außerhalb der Sichtweite des Hauses, stand ein kleines, einstöckiges Gebäude. Es machte einen reichlich heruntergekommenen Eindruck und diente offenbar als Geräteschuppen. Ein paar geschlossene Fensterläden im oberen Stockwerk ließen vermuten, daß einmal ein Gärtnerehepaar hier gewohnt hatte.

Das Haus zog mich mit geradezu magischer Kraft an. Es hatte neben zwei großen Toren eine schmale Tür, die unverschlossen war. Dahinter führte eine Holztreppe steil nach oben. Ich bemerkte, daß die Stufen stark verschmutzt waren, ich sah aber auch, daß sich in der Schmutzschicht Fußspuren befanden.

Ich bewegte mich langsam nach oben. Meine Befürchtung, daß die Stufen knarren würden, erfüllte sich nicht. Ich blieb von Zeit zu Zeit lauschend stehen. Stille.

Am oberen Ende der Treppe befand sich eine Holztür. Ich zögerte. Wenn ich sie öffnete, bildete ich vor dem hellen Hintergrund des Treppenhauses ein prächtiges Ziel. Ich wartete. Hinter der Tür regte,sich nichts. Ich griff nach der Klinke und jumpte im nächsten Moment ins Innere des Raumes. Ich sprang buchstäblich ins Dunkel und blieb dort schweratmend stehen.

Ich entspannte mich ein wenig, als nichts geschah. Ich kam mir sogar ein wenig lächerlich vor. Aber noch gab es keinen Grund, unvorsichtig zu werden. Meine Augen gewöhnten sich rasch an das im Raum herrschende Halbdunkel. Durch ein paar Ritzen der geschlossenen Läden sickerte Licht in den Raum. Er war unmöbliert. Von den Wänden hingen Fetzen einer längst verblichenen Tapete herab. Eine hell gestrichene Tür führte in die angrenzenden Räume.

Plötzlich ertönten hinter dieser Tür leichte, nahezu schwerelos wirkende Schritte.

Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet.

Auf der Schwelle erschien ein junges Mädchen. Ihr langes Blondhaar bedeckte die runden, glatten Schultern. Darüber hinaus trug sie nichts, womit sie ihre Blöße verdecken konnte. Sie war so nackt wie Eva im Paradies.

Ich glaubte zu träumen.

Das Halbdunkel verlieh ihrem mattschimmernden Körper eine sanfte, unwirklich anmutende Ausstrahlung.

Das Mädchen stand wie erstarrt. Ihr Blick fiel auf meinen Revolver. Ein leiser Laut kam über ihre Lippen, im nächsten Moment sackte sie zusammen.

Diesmal war ich schneller als in Mc-Calls Haus. Ich sprang hinzu und fing das Mädchen auf. Sie war leichter, als ich es erwartet hatte. Ich trug sie über die Schwelle ins Innere des Raumes.

Ich sah als einzigen Lichtfleck die blaß leuchtenden Laken eines Bettes. Ich beugte mich darüber und legte das Girl behutsam ab. Noch ehe ich meine Hände von ihr lösen konnte, spürte ich eine Bewegung hinter mir. Im nächsten Moment durchzuckte mich eine grelle Explosion von Schmerz und Erschrecken. Ich kam nicht mehr dazu, ihre Ursache zu analysieren. Ich brach zusammen und verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, hatte ich das Gefühl, mit Sand gegurgelt zu haben. Ich hob blinzelnd die Lider. Meine Augen hatten Mühe, die Dunkelheit zu durchdringen. Meine Erinnerung kehrte zurück. Ich lag auf den Holzbrettern des Raumes, in dem ich zusammengeschlagen worden war.

Mein Revolver! Ich tastete erst mich und dann den Boden ab.

»Was Sie suchen, habe ich in der Hand«, sagte eine harte, männliche Stimme. »Also keine Mätzchen, bitte — oder Sie zwingen mich, von der Waffe Gebrauch zu machen!«

Ich wandte den Kopf. Das Gesichtsoval eines Mannes leuchtete durch das Halbdunkel. Er saß auf einem Stuhl. Ich konnte den Burschen nicht genau erkennen, aber der Klang seiner Stimme machte deutlich, daß er nicht viel älter als fünfundzwanzig Jahre sein konnte.

Ich setzte mich langsam auf und befingerte meinen Kopf. Die schmerzhafte Stelle hinter dem linken Ohr zeigte mir an, daß sich dort schon bald eine prächtige Beule bilden würde.

»Warum stoßen Sie nicht einen der Fensterläden auf?« krächzte ich. »Ich wüßte gern, mit wem ich spreche.«

»Die Läden bleiben geschlossen«, entschied er.

Eine Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen erschien das blonde Mädchen. Sie ließ die Tür hinter sich offen. Die Gestalt des Girls wurde von dem weichen Licht umflossen, das den Nebenraum erfüllte. Sie hatte sich angezogen und war mit einem Kostüm bekleidet.

»Schließ die Tür«, sagte der Mann ungeduldig.

Das Mädchen gehorchte. Sie durchquerte das Zimmer und setzte sich auf den Bettrand. Ich hatte inzwischen mitgekriegt, daß der Raum außer dem Bett und einigen Stühlen keinerlei Mobiliar enthielt.

»Hat er…? Hat er schon zugegeben, daß er…?« begann das Mädchen stockend. Sie führte den Satz nicht zu Ende.

»Er ist gerade zu sich gekommen«, meinte der junge Mann.

»Mir ist es ganz schlecht«, sagte das junge Mädchen.

»Keine Angst, Baby«, tröstete er sie. »Du siehst doch, daß dir in meiner Nähe nichts passieren kann!«

Das Mädchen schwieg. Sie kramte in ihrer Handtasche herum. Ich beobachtete, wie sie sich eine Zigarette zwischen die Lippen schob. Als das Feuerzeug aufflammte, hatte ich Gelegenheit, ihr Gesicht zu bewundern.

Das Girl war jung und hatte eine erstklassige Figur. Der volle Mund und die kräftigen Wangenknochen gaben ihm einen eigenen Reiz. Die ungewöhnlich großen Augen dämmerten im Schatten langer Wimpern. Ich schätzte das Girl auf zwanzig Jahre.

»Willst du auch eine?« fragte sie.

Der junge Mann schüttelte den Kopf. Er ließ mich nicht aus den Augen. »Danke, nicht jetzt«, erwiderte er. »Ich sollte den Kerl umlegen!«

»Derek!« stieß das Mädchen hervor. »So etwas darfst du nicht sagen, nicht einmal denken…«

»Er wollte uns töten«, meinte der junge Mann.

»Als ich ihn plötzlich sah… Oh, ich darf mich nicht daran erinnern…« murmelte das Mädchen.

Ich begann zu verstehen.

Die beiden jungen Leute hatten sich in dem verlassenen Gebäude ein Liebesnest eingerichtet. Ich hatte sie überrascht. Der Revolver in meiner Hand war von dem Girl offenbar als Beweis für meine gewalttätigen Absichten gewertet worden.

Da war freilich ein Punkt, der nicht zu dieser Theorie passen wollte.

Fred McCalls Grundstück war mehrfach gesichert. Wie hatten es die jungen Leute geschafft, den Hunden, Wächtern und Alarmanlagen ein Schnippchen zu schlagen?

»Im Haus ist ein Mord verübt worden«, sagte ich. »Ich war hinter dem Mann her, der ihn verübte. Ich wollte feststellen, ob er sich hier versteckt hält.«

»Ein Mord?« echote das Mädchen kaum hörbar. »Um Himmels willen, wer…?«

»Laß dir nichts von ihm vormachen!« fiel ihr der junge Mann heftig ins Wort. »Der Kerl blufft. Er will uns mit diesem Märchen aufs Kreuz legen.«

»Es ist die Wahrheit«, sagte ich. »Mr. McCalls Sekretärin wurde mit einem Bolzengerät erschossen.«

»Grace!« hauchte das Mädchen.

Plötzlich fiel bei mir der Groschen.

»Sie sind Patricia, nicht wahr?« fragte ich.

»Ersparen Sie sich dieses elende Theater«, meinte der junge Mann wütend. »Sie wissen verdammt genau, daß Sie Dotty vor sich haben! Sie sollten mich im Auftrag des Alten töten oder verprügeln, nicht wahr? Er hat herausgefunden, daß wir uns hier versteckt halten und will sich an mir oder an uns rächen. Das ist nun mal seine Art, mit unliebsamen Gegnern fertig zu werden.«

»Nein, nein… Jetzt übertreibst du«, sagte das Mädchen. »Er mag seine Fehler haben — aber er liebt mich.«

»Eben!« meinte der junge Mann grimmig. »Er gönnt dich keinem anderen.«

Ich blickte das Mädchen an. »Ich denke, Sie sind in der Schweiz?«

»Das war ich, bis vor einer Woche«, antwortete sie.

»Als ob er das nicht genau wüßte, Honey!« sagte der junge Mann ungeduldig.

»Vielleicht irren wir uns, Derek«, meinte das Mädchen. »Ich kenne schließlich Papas Leute. Diesen Mann habe ich noch nie im Haus gesehen.«

»Dein Vater wird nicht jedem Killer gestatten, bei ihm ein- und auszugehen.« Ich befand mich in einer Klemme. Solange meine Mission nicht erfüllt war, hatte ich kein Recht, mich als G-man zu präsentieren. Fred McCall hatte mich gebeten, ihn gleichsam inkognito zu besuchen.

»Ich schwöre Ihnen, daß ich keine Ahnung hatte, wen ich hier antreffen würde«, sagte ich. »Ihr Vater wollte mir einige Informationen von hoher Bedeutung anvertrauen — aber noch ehe er dazu kam, geschah der Mord an seiner Sekretärin. Ich rannte in den Garten, um den Mörder einzuholen und geriet dabei an dieses alte Haus.«

»Alles Quatsch«, erklärte der junge Mann. »Laß dir nichts einreden, Dotty. Aber nehmen wir einmal an, er hätte recht. Wem kann dein Vater schon etwas anvertrauen wollen? Doch nur einem Mann seines eigenen Kalibers! Daß wir es mit einem Gangster zu tun haben, beweist die Tatsache, daß unser Freund mit einem Revolver spazierengeht…«

»Wo ist Patricia?« fragte ich das Mädchen.

»Meine Schwester befindet sich noch in der Schweiz«, erwiderte Dotty McCall. »Sie kehrt erst morgen zurück.« Ich wies mit dem Kopf auf den jungen Mann. »Sie sind seinetwegen zurückgekommen?«

»Ja«, nickte das Girl. »Papa ist dagegen, daß ich mich mit Derek treffe. Deshalb muß es heimlich geschehen. Ich dachte, es sei eine gute Idee, dafür das alte Gartenhaus zu wählen. Weder Papa noch irgendein anderer können ahnen, daß wir uns praktisch unter seiner Nasenspitze etabliert haben. Aber als Sie mit dem Revolver auftauchten, mußte ich natürlich glauben, daß Papa Bescheid wußte und jemand hergeschickt hatte, um das Problem auf seine Weise zu lösen…«

»Ich glaube auch jetzt noch, daß das der Fall ist«, meinte der junge Mann.

»Sie irren sich«, sagte ich.

»Von Leuten Ihres Schlages ist kein wahres Wort zu erwarten«, meinte er.

Ich kam auf die Beine und machte einige Kniebeugen, um mich aufzulockern. In meinem Schädel schien eine Bleikugel zu rotieren, aber ihre Aktivität nahm rasch ab.

»Gib ihm die Waffe zurück«, sagte das Mädchen plötzlich.

»Bist du verrückt?« begehrte der junge Mann auf.

»Tu, was ich dir sage«, erklärte Dotty McCall mit ruhiger Bestimmtheit. »Er wird weder dir noch mir den Kopf herunterreißen.«

»Du verlangst etwas Unmögliches!« protestierte er.

»Versteh mich doch, Derek! Nur, wenn er die Kanone in der Hand hat, können wir an seiner Reaktion feststellen, was wirklich mit ihm los ist.«

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte ich. »Entladen Sie die Waffe!«

»Ich kann damit nicht umgehen«, meinte er unwirsch und warf mir plötzlich den 38er zu. Ich fing ihn auf und schob ihn in die Schulterhalfter zurück.

»Danke. Ich gehe zurück ins Haus. Ich muß mich um den Mord kümmern.«

»Werden Sie uns verpfeifen?« fragte das Mädchen.

»Nein«, sagte ich.

Ich machte kehrt und ging zur Tür. Der junge Mann erhob sich, aber er traf keine Anstalten, mich aufzuhalten oder noch etwas zu sagen.

Fünf Minuten später betrat ich die Terrasse des Wohnhauses. Die Terrassentüren standen noch immer offen. Durch das Bürozimmer gelangte ich in Fred McCalls Arbeitsraum. Er saß an seinem Schreibtisch, unbeweglich, starr, wie eine Wachspuppe. Die Töte lag unverändert an ihrem Platz.

»Haben Sie die Mordkommission verständigt?« fragte ich Fred McCall.

Er rührte sich nicht. Sein starrer Blick ging ins Leere. Vor ihm stand noch immer die leere Stahlkassette. Mich beschlich ein ungutes Gefühl.

»He, McCall!« rief ich laut.

Er zuckte zusammen. Beinahe widerwillig zwang er sich dazu, mir ins Gesicht zu blicken.

»Nein«, sagte er. »Ich habe niemand angerufen.«

»Dann wird es Zeit, daß wir das nachholen.«

»Es geht nicht«, sagte er.

»Erlauben Sie mal…«

»Es geht nicht«, wiederholte er scharf. »Sie müßten dabei als Zeuge zitiert werden. Auf diese Weise würde bekannt, daß ich Sie hergebeten habe. Das würde alles kaputt machen.«

»Man weiß es doch sowieso«, sagte ich. »Ich habe keine Erklärung für den Diebstahl der Unterlagen«, murmelte er.

»Existiert ein zweiter Safeschlüssel?«

»Nein.«

»Sie hatten ihn stets bei sich?«

»Sogar im Schlaf«, sagte er. »An einer Halskette.«

»Haben Sie ihn zuweilen anderen überlassen?«

»Nur Grace. Sie war absolut vertrauenswürdig.«

»Wann haben Sie die Papiere zuletzt gesehen?«

»Vor einer Woche. Am Montag. Ich hatte in der Zwischenzeit keine Veranlassung, die Kassette zu öffnen.«

»Wer, außer Ihnen, wußte etwas von der Existenz dieser Aufzeichnungen?«

»Grace, meine Sekretärin. Sonst niemand.«

»Könnte sie nicht von Ihren Gegnern bestochen oder erpreßt worden sein?«

Fred McCalls Mundwinkel zuckten bitter. Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »In meinen Kreisen ist leider alles möglich. Einer betrügt den anderen. Aber von Grace kann ich das nicht glauben. Wenn sie für die Gegenseite gearbeitet hätte, wäre sie schwerlich ermordet worden…«

Ein verrückter Gedanke durchzuckte mich.

»Vielleicht haben Sie sie ermorden lassen«, sagte ich.

Fred McCall starrte mich an. »Das kann nicht Ihr Ernst sein«, meinte er.

»Warum nicht?« fragte ich. »Sie brüsten sich doch damit, vollkommene Pläne auszuarbeiten… Mordpläne ohne Fehl und Tadel, nicht wahr?«

»Was hat das mit Grace zu tun?« fragte er. »Sie war meine Sekretärin, meine Vertraute!«

»Sie war Ihre Sekretärin«, nickte ich, »aber vielleicht hatte sie von der Cosa Nostra den Auftrag erhalten, Sie zu bespitzeln! Sie kamen dahinter und suchten einen Weg, sich von Grace zu trennen. Ihnen war klar, daß Sie eine Lösung brauchten, die Sie weder in Verdacht noch in Schwierigkeiten bringen konnte. Deshalb verfielen Sie auf die Idee, mich mit dieser Geständnismasche zu ködern. Ich sollte dabei sein, wenn Grace stirbt! Ich sollte Ihnen das notwendige Alibi liefern!«

Einmal in Fahrt, ließ ich ihn nicht zu Wort kommen.

»Ja, so wird es gewesen sein«, sagte ich. »Sie hatten niemals vor, mir Ihre Tagebuchaufzeichnungen zu überlassen. Wahrscheinlich hat so etwas nie existiert. Es hätte ohnehin gegen die Sicherheitsvorstellungen eines Cosa-Nostra-Mannes verstoßen.«

»Sie irren sich, G-man«, sagte er. Er äußerte es leise, phlegmatisch, irgendwie hoffnungslos.

»Wie war es wirklich?« wollte ich wissen.

Er schüttelte den Kopf. Als er zu sprechen begann, schien es fast so, als adressierte er die Worte an sich selbst.

»Ein Mann in meiner Stellung ist unendlich einsam«, sagte er. »Er hat viele Leute, die für ihn arbeiten und Ergebenheit mimen, aber er weiß, daß er in Wahrheit allein ist. Es stimmt nicht, daß man sich an diesen Zustand gewöhnt. Der Mensch braucht die Wärme und das Verstehen anderer.« Sein Mund zuckte.

»Sogar ein Mörder!« fuhr er fort. »Echte Einzelgänger sind selten. Ich hatte niemand — niemand außer der Organisation, die vorgibt, eine Bruderschaft zu sein. Aber ich haßte sie! Meine Frau? Dinah vergnügte sich mit anderen. Die Töchter? Dotty und Patricia gehen ihre eigenen Wege. Was blieb mir also übrig? Eigentlich nur Grace, meine Sekretärin. Zu ihr hatte ich in den langen Jahren ein besonderes Vertrauensverhältnis entwickelt. Wenn Sie mir das nicht glauben, kann ich es nicht ändern, aber es ist die reine Wahrheit.«

Mein Verdacht fiel in sich zusammen. Was McCall äußerte, klang glaubwürdig.

»Benachrichtigen Sie endlich die Mordkommission«, sagte ich. »Ich werde den Beamten erklären, daß mein Besuch in Ihrem Haus auf eigenen Wunsch erfolgte. Ein Grund läßt sich leicht finden.«

Fred McCall zögerte einige Sekunden, dann griff er nach dem Telefon. Es überraschte mich, daß er die Nummer der Mordkommission im Kopf hatte.

Ich wandte mich um und trat neben die Tote. Sie hatte ein leidlich hübsches Gesicht, eine etwas zu strenge Frisur, und auffallend lange schlanke Beine. Das Strickkleid war von dezentem Schnitt. Ich schätzte die Tote auf zweiundvierzig Jahre.

»Ja, Sie haben richtig gehört«, sagte Fred McCall hinter mir. »Meine Sekretärin. Kommen Sie sofort, bitte.«

Ich setzte mich ihm gegenüber.

»Sie kennen Ihre Gegner besser als ich. Wer von diesen Leuten benutzt ein Bolzenschußgerät?« fragte ich.

»Ich habe darüber nachgedacht«, meinte er. »Ich wüßte mehrere, aber diese Leute kann ich nicht ohne weiteres mit dem Mord in Zusammenhang bringen. Ich möchte keine Unschuldigen belasten.«

»Unschuldige!« spottete ich. »Das ist wohl kaum die richtige Bezeichnung für Leute, denen Sie unterstellen, daß sie mit einem Bolzenschußgerät arbeiten könnten.«

»So geht es nicht, G-man«, meinte Fred McCall kopfschüttelnd. »Ich will die Spitze der Cosa Nostra auf fliegen lassen, das wissen Sie, aber ich habe nicht vor, jeden kleinen Gangster zu ruinieren. Das wäre nicht fair.«

»Fair! Wissen Sie überhaupt, welche Bedeutung diesem Wort zukommt?«

Er rieb sich das Kinn. »Ich muß herausbekommen, wer mir die Dokumente gestohlen hat!« Er schaute mich an. »Sie waren lange im Garten. Haben Sie irgendwelche Spuren gefunden?«

»Nein«, sagte ich.

»Waren Sie im Gartenhaus?« fragte er.

Ich zögerte nur eine Sekunde. »Ja«, sagte ich dann.

»Ist Dotty mit ihrem Liebhaber noch drin?« wollte er wissen.

Ich war verblüfft. »Sie wissen, daß die beiden sich im Gartenhaus aufhalten?«

»Wir alle wissen es«, erwiderte er. »Meine Leute und ich. Ich lasse die beiden gewähren.«

»Warum haben Sie mir vorhin night die Wahrheit gesagt?« wollte ich wissen. »Warum haben Sie erklärt, Dotty sei noch in der Schweiz?«

»Ich hielt es für überflüssig, Sie mit jedem Detail zu belasten«, meinte er. »Morgen wäre Dotty sowieso hochoffiziell auf gekreuzt.«

»Sterben«, sagte ich, »kann sie schon heute.«

***

Er zuckte zusammen. Wieder begann sein Atem zu rasseln.

»Sie haben recht«, meinte er. »Die gestohlenen Unterlagen lassen das Allerschlimmste befürchten.«

»Die Unterlagen allein bilden noch keine Gefahr«, versuchte ich ihn zu beruhigen. »Kritisch wäre es nur, wenn man erfahren haben sollte, daß Sie die Dokumente dem FBI in die Hand spielen wollten. Haben Sie mit Grace darüber gesprochen?«

»Es kann sein, daß ich es andeutungsweise erwähnte«, sagte er gedehnt.

»Wie lautet der volle Name der Toten?«

»Grace Allenby.«

»War sie Ihre Geliebte?«

»Ja«, antwortete er. »Ich werde Grace’ Tod rächen. Mein Wort darauf! Mir bleibt noch eine Woche, um dieses Ziel zu erreichen. Sieben Tage…«

»Sie werden nichts dergleichen versuchen«, sagte ich scharf.

»Ich werde es sogar selbst erledigen!« schwor er mir. »Es wird der erste und letzte Mord sein, den ich eigenhändig verübe.«

»Ich werde. Sie Tag und Nacht beschatten lassen«, sicherte ich ihm zu.

Er grinste verächtlich. »Sie wollen mich nur einschüchtern«, mutmaßte er. »Sie haben weder die Leute noch die Mittel, um diese Drohung zu verwirklichen. Kümmern Sie sich lieber um meine Töchter! Sie müssen sofort etwas unternehmen, um Dotty und Patricia zu beschützen.«

Ich nickte. »Warten wir das Eintreffen der Mordkommission ab«, sagte ich. »Inzwischen können Sie mir die Namen der wichtigsten Killer und ihre Auftraggeber nennen. Schreiben Sie sie am besten auf…«

Er zog einen Schreibblock heran und griff nach seinem Kugelschreiber.

»Der wichtigste Mann war Lew Shatter«, sagte er. »Er hat für mich in den letzten vier Jahren insgesamt dreizehn Menschen getötet.«

Ich beugte mich nach vorn. »Lew Shatter, der Nachtlokalbesitzer?« stieß ich hervor.

Fred McCall lehnte sich zurück. »Ich kann Ihre Überraschung verstehen. Niemand hat ihn jemals verdächtigt, ein Mörder zu sein.«

»Wir wissen seit langem, daß er Verbindungen zur Cosa Nostra hat«, widersprach ich.

»Welcher Nachtlokalbesitzer kann sich diesen Verbindungen entziehen?« fragte Fred McCall. »Ohne den richtigen Draht zur Bruderschaft kann kein prominenter Wirt existieren. Diese Leute brauchen unsere Konzession… Sonst gehen sie baden.«

»Es heißt, er sei reich«, sagte ich. »Millionenschwer. Immerhin besitzt er mehr als ein Dutzend Lokale in New York und noch einmal die gleiche Menge in Chicago und San Franzisko.«

»Es sind Goldgruben«, nickte McCall. »Richtige Neppläden, aber Lew versteht es, den Leuten immer neue Attraktionen zu bieten, das lieben sie. Er war schon reich, ehe er für mich arbeitete. Diese Tatsache machte ihn für die Polizei unverdächtig. Denn warum, so fragte sich jeder, sollte ein Millionär sein Vermögen mit Gewaltverbrecher) aufs Spiel setzen? Aber genau das tat Lew. Er mordete nicht, um Geld zu verdienen, obwohl er dafür bezahlt wurde. Das Töten machte ihm Spaß. Er brauchte es. Es war ein Trieb, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Es war mein Verdienst, daß es mir gelang, diesen Trieb gleichsam zu kommerzialisieren und zu kanalisieren. Lew Shatter war der perfekte Mörder. Er geriet niemals in Verdacht, ein Killer zu sein. Wissen Sie, daß er mich zuweilen um einen Auftrag anbettelte? Manchmal hatte ich Mühe, seine krankhafte Mordlust zu befriedigen! Ganz im Ernst, ich mußte ihn oft genug bremsen.«

»Lew Shatter!« murmelte ich. »Los, schreiben Sie auf, was Sie mir gesagt haben. Ein paar Stichworte genügen. Wichtig ist, daß sie handschriftlich erfolgen.«

Das Telefon klingelte.

»Entschuldigen Sie mich, bitte«, sagte Fred McCall und griff nach dem Hörer. »McCall«, meldete er sich.

Ich bemerkte, wie seine Augen sich weiteten. Im nächsten Moment setzte er durch einen Knopfdruck den Mithörsprecher in Tätigkeit.

»Du bist gewarnt, Fred«, ertönte eine harte männliche Stimme aus dem Lautsprecher. »Die nächste ist Dinah. Dann kommen deine Töchter dran. Aber du hast noch eine Chance. Wenn du den Mund hältst, vergessen wir das Ganze.« Es knackte in der Leitung, der Anrufer hatte aufgelegt.

Fred McCalls Hand zitterte, als er den Hörer sinken ließ. »Ich dachte es mir«, murmelte er betroffen. »Grace Tod war so eine Art von Warnschuß.«

»Wer war der Anrufer?«

»Keine Ahnung«, sagte er.

»Sie müssen jetzt bei der Wahrheit bleiben!« drängte ich ihn. »Wenn Sie umfallen, tun Sie genau das, was Ihre Gegner von Ihnen wünschen.«

»Sie haben mich geschafft«, murmelte er. »Ich hätte wissen müssen, daß es nicht gutgeht. Nein, G-man, ich steige aus. Grace’ Tod hat mir den Rest gegeben. Ich kann nicht mehr.«

Ich versuchte, ihn umzustimmen. Ich erinnerte ihn an seinen Entschluß, an seinen Haß, ja, ich sprach sogar von dem, was mit unerbittlicher Konsequenz auf ihn zukam. Er ließ sich nicht erweichen.

»Um mich geht es doch gar nicht«, wiederholte er einige Male. »Es geht um meine Töchter, es geht um Dotty und Patricia. Ich will nicht, daß sie ermordet werden.«

»Ich verspreche Ihnen…«, begann ich.

Er fiel mir ins Wort. »Was nutzt das denn schon!« sagte er verächtlich. »Sie konnten nicht mal verhindern, daß in Ihrer Gegenwart meine Sekretärin getötet wurde. Dabei war sie nuj- durch eine Wand von uns getrennt…«

»Ich bin kein Hellseher«, gab ich ihm zu bedenken, »aber wenn man mir ein konkretes Ziel gibt, pflege ich zu beweisen, daß es erreichbar ist.«

»Von mir erfahren Sie nichts«, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. »Okay, ich kann Sie nicht zum Sprechen zwingen. Immerhin war mein Besuch nicht völlig zwecklos. Ich habe Lew Shatters Namen.«

Plötzlich leuchteten Terror und Angst in seinen Augen auf. »Sie dürfen Lew Shatter nicht verhaften!« stieß er hervor. »Das würde alles kaputt machen. Ich widerrufe mein Geständnis!«

»Was erwarten Sie eigentlich von mir?« fragte ich wütend. »Soll ich Ihnen zuliebe einen dreizehnfachen Mörder laufen lassen?«

»Sie haben keine Beweise gegen Lew«, sagte Fred McCall schweratmend. »Sie kennen nicht die Namen seiner Opfer. Ich habe sie Ihnen nicht genannt.«

»Stimmt, aber ich weiß jetzt, was mit Shatter los ist. Ich weiß, wie und wo wir unsere Hebel ansetzen können. Das genügt für den Anfang.«

Die Tür öffnete sich.

Eine Frau betrat das Zimmer. Sie war schlank und hochgewachsen und hatte eine ausgezeichnete Figur. Nur das Gesicht mit seinen durch mehrere Liftings gestrafften Züge wirkte hart und gealtert. Sie trug ein elegantes Stadtkostüm und ein offenstehendes Nerzjäckchen. An ihrem rechten Arm baumelte eine große Krokodilledertasche.

Die Frau stoppte, als sie die Tote sah und stieß einen schrillen Schrei aus.

Fred McCalls Gesicht blieb dabei völlig unbeweglich. »Dinah«, sagte er nur.

»Was — was ist mit ihr los?« fragte Dinah McCall mit bebender Stimme. »Ist sie… tot?«

»Ist das nicht deutlich zu sehen?« fragte Fred McCall unwirsch.

Dinah McCall schleppte sich zu einem Sessel und ließ sich hineinfallen. Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte laut. Es klang ebenso hysterisch wie abstoßend.

»Da haben wir’s mal wieder!« höhnte sie. »Mein großer Held war unfähig, seine intimste Freundin zu beschützen! Mit dir geht es bergab, Fred. Du weißt es bloß noch nicht. Vielleicht öffnet Grace’ Tod dir endlich die Augen. Du bist fertig, mein Junge!«

Sie schien mich erst jetzt zu bemerken.

»Wer ist das?« fragte sie.

»Das geht dich nichts an«, meinte er.

»Der Killer?« fragte sie.

»Du bist verrückt«, sagte er.

»Ja, ich bin verrückt«, meinte sie bitter. »Ich muß es all die Jahre hindurch gewesen sein! Nur eine Verrückte konnte es fertigbringen, mit dir zusammenzuleben.«

»Ich hatte stets den Eindruck, daß du dich dabei ausgezeichnet amüsieren konntest.«

»Nicht mit dir!«

»Ich weiß«, nickte er, »aber mit Hilfe meirtes Geldes. Du wirst nicht behaupten können, daß du dabei jemals zu kurz gekommen bist.«

»Ich habe mich nur betäubt«, behauptete sie. »Wer hat Grace ermordet?«

»Keine Ahnung«, sagte er.

Die Frau begann zu zittern. »Jetzt sind wir dran, nicht wahr? Du. Ich! Ich wußte, daß es eines Tages so kommen würde. Dein Haß mußte uns vernichten!«

»Noch lebst du«, stellte er trocken fest.

»Das ist ein schöner Trost«, höhnte sie bitter. »Ein Leben mit der Erkenntnis, bald sterben zu müssen! Mir platzt der Schädel, wenn ieh daran denke.«

»Warum denkst du zur Abwechslung nicht mal an andere?« fragte er. »Zum Beispiel an deine Töchter? Oder an Grace, die ermordet wurde?«

Die Frau erhob sich. »Ich haue ab, ehe es zu spät ist«, erklärte sie und trat an den Schreibtisch. »Gib mir Geld. Viel Geld! Du kannst doch nichts mehr damit beginnen.«

»Was ich hinterlasse, gehört meinen Töchtern«, sagte er. »Aber du sollst noch einmal zwanzigtausend Dollar haben. Für den Anfang sollte das reichen.«

»Ich bin deine Frau«, erinnerte sie ihn. »Du kannst mich nicht mit einem Almosen abspeisen!«

»Sehen Sie«, sagte Fred McCall und schaute mich an. »Das ist Dinah. Manchmal frage ich mich, warum ich mich nicht von ihr getrennt habe.«

»Oder ich mich von dir«, sagte sie. »Wer will schon mit einem alternden Gangster Zusammenleben?«

»Was das Altern betrifft«, meinte er ungerührt, »würde ich dir zu einem kritischen Blick in den Spiegel raten. Du kannst keine Liebe mehr erobern. Das schaffst du seit Jahren nicht mehr. Du kannst sie nur noch kaufen. Wenn du nicht so viel Geld für deine Gigolos ausgegeben hättest, brauchtest du jetzt nicht um ein paar Dollar zu winseln.«

»Ich winsle nicht«, erwiderte Dinah McCall scharf. »Ich fordere nur mein Recht!«

Er starrte sie an, als begriffe er nicht, worauf sie hinauswollte. »Dein Recht?« fragte er.

Sie nickte. »Hunderttausend sofort, und volle, legale Beteiligung an der Erbschaft«, sagte sie. »Wenn du nicht einwilligst, lasse ich didi hochgehen.«

Er lachte kurz und unlustig. »Du machst dich lächerlich«, sagte er. »Wie du weißt, habe ich nur noch wenige Tage zu leben.«

»Wenn es dem Ende zugeht, zählt jede Stunde«, meinte sie. »Darauf baue ich.«

»Du willst mich verpfeifen?«

»Du wirst es nicht so weit kommen lassen«, sagte sie.

Er atmete keuchend. Die beiden hatten sich ineinander verbissen. Entweder störte es sie nicht, daß ich ihnen dabei zuhörte, oder sie hatten mich glatt vergessen.

»Ich kann nachholen, was ich schon längst hätte tun sollen«, drohte er.

Jetzt lachte die Frau. Es klang höhnisch. »Ich kenne dich. Du liebst deine Töchter. Willst du, daß sie dich als Mörder ihrer Mutter verfluchen? Nein, das würdest du niemals wagen! Du willst dir ihre Liebe erhalten, nicht wahr? Aber sie lieben dich nicht, Fred McCall!« -Plötzlich riß es ihn buchstäblich vom Stuhl hoch. Er schlug seiner Frau die flache Hand ins Gesicht. Sie stolperte zurück, vor Erregung hochrot, und schnappte nach Luft.

»’raus!« schrie er sie an.

Der wilde Ausdruck seiner Augen brachte sie dazu, keinen Widerstand zu leisten. Sie machte kehrt und hastete zur Tür. Erst dort drehte sie sich noch einmal um. »Das wirst du bereuen, Fred McCall!«

Sie warf die Tür heftig hinter sich zu.

Fred McCall setzte sich wieder. »Ich denke, Sie haben genug gesehen und gehört, um jetzt verstehen zu können, warum ich diese Frau hasse«, sagte er. »Wissen Sie, was ich denke? Dinah hat die Unterlagen gestohlen!«

»Wußte sie von deren Existenz?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe in Dinahs Gegenwart nie ein Wort darüber verloren, aber man würde meine Frau unterschätzen, wenn man sie für uninformiert hielte. Ihr herausforderndes Auftreten muß Gründe haben, sehr ernste Gründe. Außerdem hat sie einen guten Riecher für derlei Dinge. Ich traue ihr durchaus zu, daß sie Grace und mich wiederholt belauscht hat.«

»Wie sollte sie den Safe geöffnet haben?«

»Lieber Himmel, wenn man es darauf anlegt, ist das vermutlich kein Kunststück. Vielleicht hat sie mir einmal im Schlaf den Schlüssel abgenommen und eine Kopie davon anfertigen lassen. Die Safekombination konnte sie herausfinden, indem sie mir wiederholt beim öffnen zusah. Ja, ich bin eigentlich sicher, daß nur Dinah als Diebin in Frage kommt! Sie weiß, daß ich nicht mehr lange zu leben habe. Sie wollte für sich retten, was noch zu retten war. Dieses Handeln entspricht haargenau ihrer selbstsüchtigen Art. Ich wette, sie hat schnell erkannt, welchen Wert die Unterlagen haben. Wenn sie es richtig anstellt, kann sie daraus Millionen machen.«

»Es könnte auch schiefgehen, nicht wahr?«

»Und ob!« meinte Fred McCall grimmig. »Wenn die großen Bosse erfahren, was Dinah in ihren Händen hat und welche Erpressermöglichkeiten sich ihr damit bieten, ist sie so gut wie tot.«

***

»Hast du nach diesem Gespräch versucht, Dinah McCall auszuholen?« fragte Milo Tucker.

Er und ich saßen im Chefbüro Mr. John D. McKee am Schreibtisch gegenüber.

»Nur kurz«, erwiderte ich. »Sie war wütend und aufgeregt. Dinah McCall bestritt energisch, den Safe ihres Mannes jemals angerührt oder ihm etwas entnommen zu haben.«

»Glauben Sie ihr?« wollte Mr. McKee wissen.

»Sie ist nicht der Typ, dem man glaubt«, sagte ich, »aber das schließt nicht aus, daß sie in diesem Punkt die Wahrheit sagte.«

»Du hast nach all den großen Worten und Versprechungen, die McCall dir gegenüber äußerte, nur Lew Shatters Namen von ihm bekommen?« fragte Milo.

»Leider. Aber ich denke, das ist schon eine ganze Menge.«

»Fahren wir gleich zu ihm hin?« fragte Milo und schaute Mr. McKee an.

Der schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall«, entschied er. »Es ist besser, wenn wir ihn erst einmal beobachten. Vielleicht gelingt es uns, ihn auf frischer Tat zu ertappen. Dann ist er geliefert.«

»Diese Taktik könnte leicht einem weiteren Menschen das Leben kosten«, gab Milo zu bedenken.

»Es ist unsere Aufgabe, eine solche Entwicklung in letzter Minute zu bremsen«, meinte Mr. McKee. »Tragen Sie soviel Backgroundmaterial wie nur möglich über ihn zusammen. Es hilft uns nichts, wenn Fred McCall erklärt hat, daß Shatter ein dreizehnfacher Mörder ist, wenn McCall nicht ztf dieser Behauptung stehen will, und wenn wir nicht wissen, wer seine Opfer waren.«

»In dieser Stadt verschwinden täglich ein paar Dutzend Menschen«, stellte Milo bitter fest. »Viele davon tauchen nie wieder auf, Es gibt einfach keine Möglichkeit, Lew Shatters mutmaßliche Opfer zu ermitteln.«

»Ich bin dafür, daß wir eine Arbeitsteilung vornehmen«, sagte Mr. McKee. »Sie, Milo, organisieren die Überwachung und Absicherung der McCalls. Sie, Jesse, versuchen Lew Shatter zu überführen. Überstürzen Sie nichts. Gehen Sie Shatter zunächst aus dem Weg. Lernen Sie seine Freunde und Hobbys kennen. Vielleicht entdecken Sie dabei eine Hintertür zur Wahrheit. Den Vordereingang dürfte Shatter mit seinem Schweigen verschlossen halten. Kennt er Sie?«

»Nein.«

»Trotzdem müssen Sie äußerste Vorsicht walten lassen. Wenn es stimmt, daß Shatter ein Cosa-Nostra-Mann ist, müssen Sie damit rechnen, von einem Mitglied der Bruderschaft erkannt zu werden«, sagte Mr. McKee.

»Diese Gefahr ist nicht allzu groß, glaube ich. Shatter wird, wenn wir McCall glauben dürfen, nur als Starkiller benutzt. Ich bezweifle, daß er jemals einen der großen Bosse kennengelernt hat, oder daß er Umgang mit den Syndikatsleuten pflegt. Fred McCall dürfte es genügt haben, seinen Killer persönlich oder durch einen Vertrauensmann zu kontaktieren. Die anderen Syndikatsbosse dürften schon aus Sicherheitsgründen darauf verzichtet haben, sich mit Shatter sehen zu lassen.« Das Telefon klingelte. Mr. McKee griff nach dem Hörer.

»Hallo, Lieutenant«, sagte er. »Was gibt es Neues?«

Milo und ich beobachteten, wie Mr. McKee einigemal nickte. Er bedankte sich und legte auf, ohne irgendeine Zwischenfrage gestellt zu haben.

»Das war Lieutenant Haggerty vom Morddezernat I«, erklärte er uns. »Im Garten von Fred McCalls Haus wurden keine Spuren des Täters gefunden. Der Metallbolzen, der Grace Allenbys Tod herbeiführte; ist handgefertigt. Seine Herstellung erfolgte von einem Routinier. Die Treffgenauigkeit dieser Bolzenschußgeräte ist gering; sie läßt sich nur über kürzere Distanzen sicher bestimmen. Wir können davon ausgehen, daß der Täter unbemerkt bis auf die Terrasse gelangte, ehe er zielte und abdrückte. Bevor Grace Allenby es geschafft hatte, sich in den Nebenraum zu schleppen, war der Mörder bereits außer Sichtweite. Sein Tatmotiv liegt im dunkeln, aber es läßt vielerlei Schlüsse zu, wenn wir Jesses Erfahrungen in Fred McCalls Haus zugrunde legen.«

»Hat der Lieutenant Dotty McCall und ihren Freund Derek vernommen?« fragte ich.

»Ja, er stöberte beide in dem Gartenhaus auf«, erwiderte Mr. McKee. »Derek Leigh scheidet als Täter aus, meint Haggerty. Derek Leigh hat die Sekretärin nicht einmal gekannt. Es gibt keinen denkbaren vernünftigen Grund, der Leigh dazu gebracht haben könnte, Fred McCalls Mitarbeiterin aus dem Wege zu räumen.«

»Ich weiß nicht recht«, sagte ich zögernd.

»Du hast was gegen ihn, nicht wahr?« fragte Milo und grinste matt. »Eifersüchtig?«

»So verwunderlich wäre das nicht. Dotty McCall ist ein berückendes Mädchen. Aber das ist es nicht. Der Aufenthalt in dem Gartenhaus war für Leigh ein Risiko. Er mußte wissen, daß es für ihn bessere Verstecke gab. Bequemere. Warum hat er sich ausgerechnet in dem alten Kasten einquartiert. Ich komme nicht davon los, daß er damit eine Absicht verbunden haben muß.«

»Wir kennen seine Absicht«, meinte Milo. »Er wollte ungestört mit seiner Puppe zusammen sein.«

»Das hätte er wesentlich komfortabler in irgendeinem Hotel haben können.«

»Leigh hat versucht, weiter zu denken«, mutmaßte Milo. »Er wußte, daß das Mädchen ab heute offiziell wieder zu Hause bei ihren Eltern sein würde. Unter Kontrolle. In dem Gartenhaus, meinte er, böte sich ihm die beste Gelegenheit, Dotty regelmäßig zu treffen. Vor allem unbemerkt. Wir dürfen nicht vergessen, daß er gute Gründe hatte, sich vor Fred McCall zu fürchten.«

»Fred McCall toleriert das Verhältnis«, sagte ich.

»Jetzt vielleicht«, meinte Milo. »Noch vor einer Woche kann das anders ausgesehen haben.«

Mr. McKee erhob sich. »Gehen Sie an die Arbeit, meine Herren.«

Milo und ich verließen sein Office. Eine Stunde später betrat ich ein Apartmenthaus in der 8. Avenue. Der mahagonigetäfelte Lift brachte mich ins vierte Stockwerk. Als ich an Derek Leighs Tür klingelte, war es elf Uhr zehn. Er öffnete mir so rasch, daß es fast so aussah, als habe er hinter der Tür auf meinen oder irgendeinen anderen Besuch gewartet. Er war angezogen, hatte seine Toilette aber noch nicht ganz beendet. Der Kragen seines blaugrauen Oberhemdes stand offen, und er hatte noch keinen Schlips angelegt.

»Hallo«, sagte er nur. Seine Stimme klang frostig. Er forderte mich auf, einzutreten. Ich holte meine ID-Card aus der Tasche und zeigte sie ihm. Falls er überrascht war, ließ er sich es nicht anmerken. Er trat zur Seite, so daß ich eintreten konnte, und schloß hinter mir die Tür.

Ich schaute mich in der Diele um. Sie war geräumig, großzügig, fast luxuriös. Er führte mich ins Wohnzimmer. Hier vertiefte sich der Eindruck gehobener Wohnkultur. Die Einrichtung war modern, aber Derek Leigh hatte es verstanden, sie mit einigen wertvollen antiken Stücken aufzulockern.

Mein Blick fiel auf die Hausbar, die eine Schmalseite des langgestreckten Raumes einnahm. Dort lagen einige Flaschen auf dem Boden, in Scherben. Der ausgelaufene Alkohol sorgte für eine Duftnote ganz besonderer Art.

»Ich bin gegen das Flaschenregal gestolpert«, behauptete Derek Leigh und hob seine rechte Hand. Ich sah erst jetzt, daß er ein Taschentuch als Notverband darumgewickelt hatte. »Nur eine Kleinigkeit«, meinte er, »aber es blutete stark.«

»Sie hatten einen Besucher«, sagte ich und versuchte seinen Blick zu bannen. »Sie haben sich hier mit ihm geprügelt. Habe ich recht?«

»Und wenn es so wäre?« fragte er. »Es ist meine Sache! Ich darf Sie bitten, sich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen. Es braucht Sie nicht zu kümmern!«

»Da bin ich anderer Meinung, und Sie wissen, warum«, sagte ich.

»Die Sache hat nichts mit Dotty oder ihrem verrückten Vater zu tun«, erklärte er.

»Wußten Sie eigentlich, daß Fred McCall über Ihren und Dottys Aufenthalt in dem Gartenhaus genau informiert war?« erkundigte ich mich.

»Nein«, meinte er, eher düster als überrascht. »Aber das ,wundert mich nicht. Es ist verdammt schwer, etwas vor Fred McCall geheimzuhalten. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Nein, nicht auf die Couch!«

Sein rascher, fast erregter Einwurf kam zu spät. Ich saß bereits und spürte hinter dem seidenbezogenen Kissen einen harten Gegenstand. Ich griff dahinter und zog eine Maschinenpistole hervor.

»Sieh mal einer an«, sagte ich. »Geladen und entsichert. Was wollen Sie denn damit beginnen?«

»Selbstverteidigung«, erklärte er sehr knapp.

»Maschinenpistolen gibt’s nicht beim Kaufmann an der Ecke«, sagte ich. »Wo haben Sie sie her?«

»Das ist meine Sache!«

»Keineswegs«, machte ich ihm klar. »Wenn Sie keinen Waffenschein besitzen, müssen 'Sie sich auf einigen Ärger gefaßt machen.«

»Wollen Sie mich anzeigen?«

»Ihnen zuliebe kann ich mich nicht meinen Verpflichtungen entziehen.«

»Verstehen Sie mich doch!« meinte er gequält. »Ich habe Angst. Angst vor Fred McCall! Ich traue ihm zu, daß er mich von seinen Gorillas aus dem Wege räumen läßt. Ich habe mir die Kanone gekauft, um das zu verhindern.«

»Von wem stammt sie?«

»Von einem Schwarzhändler. Er hat mir nicht seinen Namen genannt. Eigentlich wollte ich nur eine Pistole haben, aber als er diese Klamotte angeschleppt brachte, nahm ich sie ihm ab. Hat mich ein kleines Vermögen gekostet!«

»Hat McCall Sie schon jemals bedroht?«

»O ja, er hat mir klipp und klar versichert, daß ich in Trouble käme, wenn ich Dotty nicht in Ruhe ließe. Aber ich liebe das Mädchen, und sie liebt mich! Er hat kein Recht, uns diese Liebe zu verbieten.«

»Was hat er Ihrer Meinung nach gegen Sie?«

»Das fragen Sie ihn am besten selbst«, meinte Derek Leigh mürrisch. »Ich habe keine Ahnung, was ihn piekt. Vermutlich ist ihm niemand für seine Töchter gut genug. Dieser Mann spinnt! Er ist ein Gangster und hat den Nerv, anderen Menschen Vorschriften machen zu wollen!«

»Das ist nun mal die Eigenart der Gangster«, sagte ich. »Wovon leben Sie?«

»Ich habe eine Kleinigkeit geerbt.«

»Wann sind Ihre Eltern gestorben?«

»Meine Mutter habe ich nie gekannt«, sagte er. »Mein Vater mußte vor einem Jahr abtreten. Krebs.«

»Haben Sie einen Beruf erlernt?«

»Ich habe Soziologie studiert, aber wenn Sie wissen, was auf diesem Sektor los ist, werden Sie sich nicht wundern, daß ich keinen Job habe.«

»Wo lebte Ihr Vater?«

»Fragen stellen Sie! Er ist nie aus seinem Kaff herausgekommen. Osceola, Arkansas! Tiefster Süden, sage ich Ihnen. Nicht zum Aushalten.«

Ich nahm das Magazin aus der Waffe und entleerte es. »Vorbestraft?«

»Wer, ich? Nein!«

»Was werden Sie tun, wenn McCall stirbt?«

»Dotty heiraten, ist doch klar!«

»Ist Dottys Mutter damit einverstanden?«

»Ich glaube, schon. Mit der kann man reden. Die führt ihr eigenes Leben und ist nicht daran interessiert, ihre Töchter zu gängeln.«

»Heute kommt Patricia aus der Schweiz zurück. Kennen Sie das Mädchen?«

»Sicher. Durch Dotty. Eine dufte Biene. Einsame Klasse! Aber Dotty ist mir lieber. Wollen Sie mir nicht endlich verraten, was Sie mit diesen Fragen bezwecken?«

»Ich möchte mir ein Bild von Ihnen machen«, sagte ich. »Immerhin waren Sie in der Nähe, als Grace Allenby ermordet wurde.«

Er starrte mich entgeistert an. »Sie glauben doch nicht etwa, daß ich damit etwas zu tun haben könnte?«

»Ich glaube gar nichts«, machte ich ihm klar. »Vorerst sammle ich nur Fakten.«

»Okay«, meinte er scharf. »Dann gebe ich Ihnen einige. Ich bin kein Mörder. Als Grace Allenby ermordet wurde, war ich mit Dotty zusammen. Warum fragen Sie sie nicht? Dotty wird Ihnen meine Worte bestätigen. Sprechen Sie lieber mit Fred McCall.« Zwischen seinen Augen entstand eine tiefe Falte. »Was wollten Sie eigentlich von ihm? Warum haben Sie sich gestern mir und Dotty gegenüber nicht zu erkennen gegeben?«

»Das ist meine Sache«, erwiderte ich. »Ich mußte einige Fragen an McCall richten und wurde dabei Zeuge des Mordes an Grace Allenby.«

»Dottys Vater hat Sie nicht zu sich gebeten?« fragte er. Es klang fast ein wenig lauernd.

»Warum wollen Sie das wissen?«

Er zuckte mit den Schultern. »McCall interessiert mich nicht. Sie, mein Lieber, interessieren mich auch nicht. Ich denke bei allem nur an Dotty. Ich habe Angst um sie, ohne sagen zu können, warum. Ich spüre aber, daß sie nicht nur vor ihrem Vater auf der Hut sein muß. Diese dunkle, verschwommene Drohung macht mich verrückt.«

»Von ihrem Vater hat sie nichts zu befürchten«, stellte ich klar.

»Weil er vorgibt, sie zu lieben!« höhnte Derek Leigh. »Mag sein, daß das stimmt. Aber man ist nicht ungestraft die Tochter eines Syndikatshenkers! Wer ihn treffen will, kann versuchen, den Umweg über seine Tochter zu nehmen…«

»Ist das auch Dottys Meinung?«

»Nein, zum Glück nicht. Sie kann sich das nicht vorstellen. Und ich werde mich hüten, ihr deshalb Angst zu machen! Aber ich leide darunter.«

Ich erhob mich, legte die Maschinenpistole auf die Couch und sagte: »Ich erwarte, daß Sie das Ding zum nächsten Polizeirevier bringen!«

»Wollen Sie es verantworten, daß ich dann schutzlos allen Angriffen preisgegeben bin?«

»Sprechen Sie mit Ihrem Revier darüber«, sagte ich und ging zur Tür.

»Sie machen mir Laune!« höhnte er grimmig. »Das Revier! Was soll ich denen denn sagen? Daß ich die Tochter eines Syndikatsbosses liebe und Angst habe, ihr und mir könnte etwas zustoßen? Die werden mir ins Gesicht feixen und mir empfehlen, mich nach einer anderen Puppe umzusehen!«

Es klingelte.' Derek Leigh zuckte zusammen. Er schaute mich an. Ich sah die plötzliche Angst in seinen Augen. »Wen erwarten Sie?«

»Niemand. Lassen Sie es ruhig klingeln. Es wird ein Hausierer sein«, meinte er.

Das Klingeln wiederholte sich.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich öffne?« fragte ich.

»Allerdings«, sagte er scharf. »Sie vergessen, daß Sie nur mein Gast sind.«

»Okay«, sagte ich. »Dann machen Sie endlich auf!«

»Ich will nicht, daß Sie hier gesehen werden«, erklärte er nervös. »Es könnte sein, daß man Sie erkennt.«

»Was wäre daran so schlimm?«

»Ich weiß es nicht. Ich will nicht in Verdacht geraten, einen G-man empfangen zu haben.«

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