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Kanzo Uchimura: Vom japanischen Samurai zum internationalen Christen

Kanzo Uchimura: Vom japanischen Samurai zum internationalen Christen

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Kanzo Uchimura: Vom japanischen Samurai zum internationalen Christen

Länge:
449 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 17, 2021
ISBN:
9783754389904
Format:
Buch

Beschreibung

Kanzo Uchimura, ein Samurai-Sohn, geht einen spannenden Lebensweg. Aus nichtchristlicher Umgebung heraus wird er Christ ohne den dogmatischen oder traditionsreichen `Überbau einer westlichen Kirche. Dadurch wird das das Wesentliche am Christentum klar und verständlich.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 17, 2021
ISBN:
9783754389904
Format:
Buch

Über den Autor

Die Autorin hat in Deutschland Theologie studiert und in der Universitätsbibliothek das Buch des Japaners Kanzo Uchimura, wie er Christ wurde, gefunden. Über Uchimura und sein Lebenswerk zu forschen und zu berichten wurde ihre Lebensaufgabe, weil dieser japanische Christ vielen Menschen in der Welt auf ihrem Lebensweg helfen kann.


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Buchvorschau

Kanzo Uchimura - Hana Kimura-Andres

Inhaltsverzeichnis

Keine Nachahmung

Vorwort

Uchimura-Zitate

Umschrift nach der Hepburn-Methode

Über die Verfasserin

Dankeswort

Einleitung

Inselbewohner

Der Konflikt

Christentum und viele Kirchen

Christentum und das Wort Gottes

Erster Schritt ins Christentum

Samurai-Herkunft

Neue Erziehungsziele

Sternstunde eines Lehrers

„Boys, be ambitious!"

Studentenmissionare

Vorurteil

Eine schreckliche Lage

Der praktische Gewinn des neuen Glaubens

Ein unvergesslicher Tag

Studentengemeinde

Eine demokratische Versammlung

Christentum in Theorie und Praxis

Weihnachtsfeier

Tischgebet

Selbstvertrauen der Studentenkirche

Mission in der Familie

Paulus, ein Diener Jesu Christi

Eine unabhängige Kirche

Schwierigkeiten beim Bau einer Kirche

Unabhängigkeit

Abschluss des Hochschulstudiums

Ein einzigartiges Haus

Die Verfassung der neuen Kirche

Ein 100-Dollar-Scheck

Frohe Weihnachten

Hiobsbotschaft

Ein christlicher Weg

Unbeschreibliche Freude

Modernes Christentum

Leere im Herzen

Christ im Beruf

Standfestigkeit

Leere im Herzen

Einsam unter Freunden

Gefühlschristentum

Gescheiterte Ehe

In der Christenheit

Radikaler Wechsel

Naive Gedanken

Mammon

Betrogene Hoffnung

Mit anderen Augen

In der Heilanstalt

Eindrucksvolle Persönlichkeiten

Ein liebenswerter Freund

Im Nebel

Bücherfreunde

Verwirrende Gedanken

Mehr Licht!

Ortswechsel

Die Entscheidung

Konfuzius und Jesus

Änderung der Blickrichtung

Die Begegnung

Kleine Widrigkeiten

Eine Feuerprobe

Perlen des Hochschulstudiums

Die neue Blickrichtung

Vom Sinai nach Golgatha, von Sapporo nach Amherst

Zwei „J"

Theologiestudium

Die Heimkehr

Eindrücke von der Christenheit

Ein besonderes Privileg

Christentum ohne Überbau

Christentum und andere Religionen

Christenheit und Dunkel

Christenheit und Licht

Christliche Mission

Verlangen nach Predigern des Evangeliums

Ausbildung als Lehrer

Misserfolg und Krankheit

Kurze Ehe

Elite-Oberschule

„Majestätsbeleidigung"

Allein, aber nicht allein

Ich vertraue auf Jesus

Ausbildung als Schriftsteller

Wanderjahre

Trost für einen Christen

Blickpunkt Japan

Redakteur

Ein neues Jahrhundert

Enges Christentum

Bibelstudien

Erst „Was, dann „Wie

Bibelstudienzeitschrift

Bibelstudienversammlungen

Der Anfang

Sonntagsversammlung

Versammlungsstil

Freundesversammlungen

Aufbauen und auflösen

Lehrer-Schüler-System

Ausbildung selbstständiger Lehrer

Das Ende von Uchimuras Bibelstudienversammlung

Die Fortsetzung

EineKirche

Christ und Christentum

Uchimuras schriftliches Werk

Christ und Christus

Erfahrung der Bekehrung

Christentum ist Christus

Christentum ist das Evangelium vom Kreuz

Christentum ist Christus, nicht Kirche

Christentum ist Liebe, nicht Gesetz

Christentum ist Geist, nicht Form

Die Sakramente

Christentum in Ost und West

Christentum von Ost nach West

Christentum von West nach Ost

Echte Missionare

Ein japanischer Missionar

Das Christentum der Zukunft

Der Name „Mukyokai"

Mukyokai als Alternative

Mukyokai oder Kirche?

Mukyokai gegen die Kirche

Mukyokai. Japanisches Christentum?

Das Ideal der Selbstständigkeit

Fortsetzung der Evangeliumsgeschichte

Ich ... für Gott

Das Christentum der Zukunft

Anhang

Zeit-Tabelle

Weiterführende Literatur

Christ sein

• Keine Nachahmung

Ich ahme nicht Augustinus nach, auch nicht Luther oder Knox, Wesley oder Carlyle, auch nicht Moody oder sonst irgendeinen Mann der Vergangenheit oder Gegenwart. Ich bin ich selbst.

Gott hat mich zu einem besonderen Zweck geschaffen, er hat mich an einen besonderen Platz gestellt und zu einem besonderen Werk berufen. Er führt mich auf besonderen Wegen, weil ich sein besonderes Werkzeug bin.

Diejenigen, die mich mit diesem oder jenem Mann in Europa oder Amerika vergleichen, stellen mich falsch dar und verkennen Gottes Plan für mich.

Gott schafft nicht zwei gleiche Menschen und jeder Mensch ist das besondere Werk seiner Hände. Weil ich also eine besondere Schöpfung Gottes bin und von meinem Gott besonders geführt werde, bin ich frei und unabhängig.

Ich schaue auf ihn, um Tag für Tag seine besondere Führung zu erfahren, und vertraue auf die Hände, die mich meinen besonderen Weg führen.

Ich bin allein, aber nicht allein, weil Gott in seiner Gnade mit mir geht.

Kanzo Uchimura

Zitat aus „Pfeil-Worte Arrow Words", S. 23

Vorwort

Uchimura-Zitate

Sie liegen ganz falsch, wenn Sie denken, der japanische Christ Kanzo Uchimura (Aussprache: Kansoh Utschimura) ist nichts für Sie, wenn Sie nicht gerade Japan-Fan oder Missionswissenschaftler sind.

Lesen Sie einmal, was er Ihnen für Ihr Leben zu sagen hat, in diesem Buch kommt er selbst zu Wort. Zuerst wird in Auszügen, mit neuer Gliederung und mit erklärenden Überleitungen, sein Buch „Wie ich ein Christ wurde. Aus meinem Tagebuch" vorgestellt. Er erzählt mit spannenden Szenen aus seinem Leben, wie er zum christlichen Glauben kam. Dann werden seine Wirkungsgeschichte und die Hauptgedanken aus seinen späteren Schriften zusammengefasst.

Uchimura-Zitate und Uchimura-Buchtitel werden in diesem Buch durch einen Wechsel der Schrift deutlich gemacht. Zum Beispiel:

1. März 1886. - Wenn Gott uns etwas schenkt, dann ist es ... etwas wirklich Wesenhaftes, das durch die Stürme der Welt nicht erschüttert werden kann. (Tagebuch)

Das Eine fesselte meine Aufmerksamkeit und nahm meine ganze Seele in Besitz. Ich dachte Tag und Nacht daran. Sogar wenn ich die Kohleneimer aus dem Keller hinauf zu meinem Zimmer im obersten Stock trug, ... (Kommentar)

„Trost für einen Christen" (Buchtitel)

Wenn in diesem Buch allgemein von „Kirche" gesprochen wird, dann als Sammelbegriff, der sowohl die katholische Kirche als auch die verschiedenen protestantischen Kirchen einschließt.

Bei Personennamen werden – nach deutschem Sprachgebrauch – im Text zuerst Vorname, dann Familienname genannt.

Umschrift nach der Hepburn-Methode

Die Umschrift der japanischen Namen in lateinische Schrift erfolgt nach der Hepburn-Methode. Hier ein paar Beispiele. Die deutsche Aussprache und eine kurze Erklärung des Wortes werden in Klammern beigefügt.

Bushido (Bu-schi-doh, Weg des Kriegers, Samurai-Moral-Kodex)

Fujiyama (Fu-dschi-jama, Vulkanberg, 3376 m)

Hinaga (Chi-na-ga, H = Ch-Aussprache wie „ch bei „ich, Enkelsohn von Uchimura)

Meiji-Kaiser (Me-i-dschi, 1868 -1912)

Mukyokai, (Mu-kjoh-kai)

Niijima (Ni-i-dschi-ma, Gründer der Doshisha-Universität, Kyoto)

Shogun (Schoh-gun, Landesfürst, Oberbefehlshaber)

Kanzo Uchimura (Kan-soh U-tschi-mu-ra)

Über die Verfasserin

Beim Theologiestudium hat die Verfasserin ihren japanischen Mann kennen gelernt. Er hat ihr nichts von dem japanischen Christen Kanzo Uchimura erzählt. „Sie soll selbst lesen und dann wird sie verstehen., dachte er. Und so war es auch. Heute sagt sie von sich: „Ich liebe meine Heimatkirche und Kanzo Uchimura.

Dankeswort

Ohne die Hilfe meines Mannes, Naofumi Kimura, hätte dieses Buch niemals geschrieben und herausgegeben werden können. Alles ist Gnade.

Einleitung

„Christ werden? Nein, niemals!, denkt er. Er, das ist ein Japaner mit dem Namen . Er schreibt seinen Namen in lateinischen Buchstaben „Kanzo Uchimura (Aussprache: Kansoh Utschimura) und so wird er international bekannt.

Uchimuras Samurai-Großvater war noch stolz auf seine mit Fasanenfedern besetzten Pfeile. Der Enkel kämpft nicht mehr mit solchen Waffen, sondern will mit modernem Wissen mithelfen, sein Land in eine neue Zeit zu führen. Auf diesem Weg begegnet er als Student dem Christentum.

Inselbewohner

Bis zu Uchimuras Zeit war Japan ein isolierter Inselstaat gewesen und das Christentum war seit rund 200 Jahren verboten.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts (15.8.1549) hatte der Jesuit Francisco de Xavier (7.4.1506 – 3.12.1552) von der südjapanischen Hafenstadt Kagoshima aus die Japan-Mission begonnen. Am Anfang hatten sie Erfolg, er und die anderen Missionare. Aber mit ihnen waren noch andere Ausländer gekommen, die Handel treiben und Einfluss gewinnen wollten – und gefährliche Feuerwaffen mitbrachten. In Japan kämpften damals Landesfürsten und ihre Feldherrn um die Macht und die Erweiterung ihres Herrschaftsgebietes.

Gehen wir gleich zum Ergebnis dieser Jahre. Die Tokugawa-Regierung gewann schließlich die Oberhand (1603) und sah in den Fremden keinen Nutzen zur Festigung der eigenen Herrschaft. Ganz im Gegenteil. Deshalb wurden Missionare und alle anderen Ausländer des Landes verwiesen, niemand durfte mehr von außen ins Land hinein, niemand mehr von innen hinaus.

Aber damit war das Problem, das die fremden Eindringlinge geschaffen hatten, noch nicht ganz gelöst.

Die japanischen Christen mussten im Land selbst ausgerottet werden, wenn sie nicht ihren neuen Glauben aufgeben wollten – und das wollten viele nicht. Christenverfolgung wurde nun mit System betrieben, mit Kontrolle, Hinrichtungen und Märtyrern. Manche Christen gingen in den Untergrund und noch 200 Jahre lang lebte unter den „verborgenen Christen" der Einfluss der ersten Missionare weiter.

Aber dann, wenige Jahre vor Uchimuras Geburt, tauchten Schiffe vor der Küste Japans auf, wie man sie von dieser Insel aus noch nie gesehen hatte, schwarz und Rauch dampfend, bewundernswert und bedrohlich. Amerika forderte die Öffnung des Landes (1853).

Der Konflikt

Auf kulturellem Gebiet hatte Japan in seiner Geschichte vieles von seinen asiatischen Nachbarn übernommen, aber war nie in die Sklaverei eines anderen Volkes geraten und war durch seine Politik der Abschottung auch der Kolonialisierung durch westliche Länder entgangen. So konnte eine eigene Kultur und Ethik entwickelt und ein ungebrochener Nationalstolz bewahrt werden. Es waren also die geistigen Voraussetzungen und die innere Kraft vorhanden, sich der von außen kommenden Herausforderung zu stellen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Westen industriell, militärisch und wirtschaftlich Japan überlegen. Es gab nur eine Möglichkeit, nicht unter fremde Herrschaft zu geraten: Japan musste denselben Entwicklungsstand erreichen wie die westlichen Länder.

Damit war aber auch ein Konflikt zwischen Ost und West schon vorprogrammiert: Auf der einen Seite erstarkte der Nationalismus, wie immer in wirtschaftlich oder politisch schwierigen Zeiten; auf der anderen Seite lockte neues Wissen.

Aber dieses Wissen hatten Ausländer und zu ihnen gehörte eine fremde Kultur und eine – so dachte man allgemein – rein westliche Religion.

Es galt nun, die eigene Identität zu bewahren und gleichzeitig neues Wissen aufzunehmen und an der Spitze der Zeit zu stehen, als Politiker, als Unternehmer, als Wissenschaftler – und Uchimura als Christ.

Christentum und viele Kirchen

Für Uchimura und seine Generation gab es keine christliche Tradition in Japan, nur überlieferte Vorbehalte gegen diese Religion, die einst aus dem Westen gekommen und schnell wieder vertrieben worden war.

Trotz dieser negativen Vorbedingungen kamen schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also bald nach Öffnung des Landes, wieder Missionare nach Japan. Die katholischen Missionare des 16. Jahrhunderts waren Mitglieder verschiedener Orden und genauso waren die protestantischen Missionare des 19. Jahrhunderts nicht nur Christen, sondern sie waren von verschiedenen Missionsgesellschaften geschickt worden und gehörten verschiedenen Kirchen an, d.h. sie brachten zusammen mit der Bibel auch die Traditionen und Dogmen der eigenen Kirche mit und auch die Streitigkeiten der Kirchen untereinander.

Zuerst war man um die Einheit und Selbstständigkeit der Christen in Japan bemüht (Konferenz von Yokohama, 20. – 25.9.1872), aber die Spaltung der japanischen Christen in verschiedene Kirchen mit unterschiedlichen Dogmen und auch die finanzielle Abhängigkeit von ausländischen Kirchen waren nicht aufzuhalten. Warum muss das so sein, fragt sich Uchimura schon als Student.

• Christentum und das Wort Gottes

Christentum ist der Name für die mit nicht christlichen Elementen durchsetzte und verwestlichte Form des Messias-Glaubens, wie er von Jesus und seinen Schülern gepredigt wurde.

Es ist nicht der echte Christus-Glaube, sondern eine europäische oder amerikanische Version davon; das ist sein ganzer Wert und mehr auch nicht. Deshalb sind wir nicht daran gebunden, denn dieses Christentum ist nicht verbindlicher als irgendwelche anderen Ideen westlichen Ursprungs.

Ihr sogenanntes Christentum ändert sich ständig. Was ihre Missionare uns vor 50 Jahren gelehrt haben, wird von den nachfolgenden Missionaren mit Nachdruck verworfen.

Aber das Wort Gottes ist ganz anders. Es ist dasselbe gestern, heute und für immer. Keine Philosophie oder Wissenschaft kann es ändern; es erlaubt keine „modernen Ideen"; Bischöfe und Doktoren der Theologie sind Gottes Wort gegenüber machtlos.

Wir folgen dem Wort Gottes in aller Demut. Aber mit dem sogenannten Christentum von Amerika und Europa verfahren wir je nachdem, wir nehmen es an oder auch nicht.

Kanzo Uchimura

Zitat aus „Pfeil-Worte Arrow Words", S. 95

I Erster Schritt ins Christentum

Samurai-Herkunft

Uchimura stellt sich in seinem Buch „Wie ich ein Christ wurde" so vor:

Ich bin am 23. März 1861 geboren. Meine Familie gehörte dem Samurai-Stand an. Ich war dazu bestimmt zu kämpfen vivere est militare, leben heißt kämpfen – von der Wiege an.

Samurai! Da tauchen japanische Filmhelden aus vergangener Zeit, phantasievolle Helme tragend und mit Schwertern bewaffnet, womöglich Harakiri (Selbstmord durch Bauchaufschlitzen) machend, in unserer Phantasie auf.

Aber Samurai (ca. 5% der Bevölkerung) waren nicht wilde Stammeskrieger und entwickelten nicht nur kriegerische Fähigkeiten, sondern waren auch Gelehrte und Berater eines Shogun (Oberbefehlshaber) oder eines Daimyo (Fürsten) oder auch eines privaten Dienstherrn und stellten seit Beginn der Tokugawa-Regierung (1603), also seit Beginn der Feudalherrschaft und der zweihundert Jahre lang dauernden Abschließung des Landes, die militärische Schutzmacht.

Der Samurai-Stand hatte einen eigenen Sittenkodex, „Bushido, „Weg des Kriegers, der sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und die Moral des ganzen Volkes mitgeprägt hat.

Uchimura stammt also aus einer dieser Samurai-Familien (Takasaki-Fürstentum). Er ist stolz auf seine Herkunft und seine Familie, stolz auf seinen Vater, der nicht nur wie der Großvater ein Krieger ist, sondern ein gebildeter Mann.

Mein Vater hatte eine höhere Bildung als der Großvater, konnte gute Gedichte schreiben und beherrschte die Kunst, Menschen zu führen. Daneben besaß er beachtliche militärische Fähigkeiten und konnte selbst ein äußerst zügelloses Regiment ganz wunderbar führen.

Uchimura ist als Samurai geboren und will als Samurai sterben. Zwar wird der Samurai-Stand gerade abgeschafft, als sein Leben beginnt (Meiji-Kaiser 1868 – 1912). Aber er will ja auch nicht so ein Samurai werden wie sein Großvater.

Mein Großvater väterlicherseits war durch und durch Soldat; er war am glücklichsten, wenn er sich in seiner schwerfälligen Rüstung zeigen konnte, bewaffnet mit einem Bambusbogen und mit Pfeilen, die mit Fasanenfedern besetzt waren, und mit seiner fünfzig Pfund schweren Flinte. Er beklagte, dass Frieden im Land war, und starb im Bedauern, nie Gelegenheit gehabt zu haben, seinen Beruf praktisch auszuüben.

Uchimura wird nicht mit solchen Pfeilen kämpfen, wie sie der Stolz des Großvaters waren, sondern mit Pfeil-Worten, die genau ins Ziel treffen und Wegweiser sind.

Leben heißt kämpfen, das war ihm in die Wiege gelegt. Aber Christentum gehört ganz bestimmt nicht zu seinem Erziehungsprogramm. Er lernt konfuzianische Lehren durch seinen Vater und seine Umgebung kennen. Dazu kommt buddhistisches und shintoistisches Gedankengut.

Mein Vater hatte Konfuzius gründlich studiert und konnte fast alle Stellen aus den Schriften und Worten dieses Weisen auswendig zitieren. Meine frühe Erziehung richtete sich natürlich nach diesen Grundsätzen und obwohl ich die ethischen und politischen Lehren der chinesischen Weisen nicht verstehen

konnte, so habe ich doch ihre grundsätzliche Geisteshaltung in mich aufgenommen. Loyalität gegenüber dem eigenen Feudalherrn, Treue zu den Eltern und Lehrern und Achtung ihnen gegenüber, das sind die zentralen Themen der chinesischen Ethik. Kindliche Ehrfurcht ist, so lehrte man, die Quelle aller Tugenden. Die Geschichte, wie ein Sohn dem unvernünftigen Wunsch seines alten Vaters nachkommt und mitten im Winterwald nach Bambussprossen suchen geht und sie tatsächlich wunderbarerweise unter dem Schnee findet, diese Geschichte kennt jedes Kind in Japan genauso wie die Kinder mit christlicher Erziehung die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern kennen. Sogar gewalttätige und tyrannische Eltern muss man mit Sanftmut ertragen und dazu werden viele Beispiele aus alter Zeit erzählt.

So nahm die Loyalität gegenüber dem Feudalherrn bei der Jugend, besonders in Kriegszeiten, geradezu romantische Züge an. Das Leben soll einem nicht mehr wert sein als ein Staubkörnchen, wenn es gilt, dem Herrn in einer Notlage zu dienen. Es gibt keinen vornehmeren Ort, wo man sterben könnte, als vor dem Ross seines Herrn, und dreimal selig ist der, dessen Leichnam unter den Pferdehufen zertrampelt wurde.

Und nicht weniger Achtung soll der Jugendliche auch seinem Meister (seinem geistigen und moralischen Lehrer) entgegenbringen, der für ihn nicht einfach nur Schullehrer oder bezahlter Universitätsprofessor ist. Die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist vielmehr die eines Jüngers zu seinem Herrn, dem er sich mit Leib und Seele ganz anvertrauen darf und muss.

Der Feudalherr, der Vater und der Lehrer, das war für den Jugendlichen seine Dreieinigkeit. Keiner von den dreien war niedriger als der andere zu schätzen und die quälendste Frage war, wen er retten würde, wenn alle drei gleichzeitig am Ertrinken wären, er aber nur einen retten könnte.

Die Feinde des Herrn, des Vaters und des Lehrers waren auch seine eigenen Feinde, die er notfalls bis ans Ende der Welt zu verfolgen hat und von denen er Genugtuung fordern muss, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die östlichen Lehren schärfen den Gehorsam und die Achtung gegenüber Höhergestellten ein, aber es mangelt auch nicht an Vorschriften über den Umgang mit Gleichgestellten und Untergebenen.

Aufrichtige Freundschaft, harmonisch-friedliche Brüderschaft und Milde gegenüber Leuten von niedrigerem Stand und gegenüber Untergebenen werden mit Nachdruck gefordert.

Man berichtet oft über die Grausamkeit der Heiden gegenüber Frauen, aber das findet in unserem Sittenkodex keinen Anhalt und ganz übergangen wird dieses Problem auch nicht. Unsere idealen Mütter und Frauen und Schwestern sind fast so, wie man sich die besten christlichen Frauen vorstellt. Und da unsere Frauen ganz ohne den erhebenden Einfluss des Christentums sind, bewundere ich sie umso mehr, denn es gibt Frauen, die Hervorragendes leisten und einen ausgezeichneten Charakter haben.

Ich denke, viele, die sich selbst Christen nennen, haben auch nicht viel bessere Lehren als die, in denen ich erzogen wurde. Aber daneben gab es für mich doch auch eine Menge Minuspunkte und viel Aberglauben.

Der schwächste Punkt der chinesischen Sittenlehre ist die Sexualmoral. Sie schweigt zwar nicht ganz zur Tugend der Reinheit im Umgang miteinander, aber die Art, wie man für gewöhnlich mit der Verletzung des Keuschheitsgebotes umgeht und bewusst darüber hinwegsieht, hat eine allgemeine Gleichgültigkeit in dieser Frage zur Folge. Polygamie im strengen Sinn des Wortes kennt man bei uns hier im Osten nicht.

Aber wenn man sich Nebenfrauen hält, was ja aufs Gleiche hinausläuft, so wird das, wenn überhaupt, von unseren Sittenlehrern nur sehr milde getadelt. Mein Vater gab mir erhabene Lehren über Pflichterfüllung und hohe Ziele, und wenn er mich zu Studium und Fleiß ermahnte, so merkte ich, dass er dabei auch einen ansehnlichen Harem im Auge hatte. Ein großer Staatsmann und Gelehrter kann man wohl auch ohne streng-sittliche Grundsätze sein. Derselbe Mann kann in ernsten Stunden die Zügel im Staat ergreifen und in weniger ernsten Momenten ein unsauberes Leben genießen. Ausschweifende Sittenlosigkeit findet sich oft bei Leuten, die einen scharfen Verstand haben und im öffentlichen Leben geachtet sind.

Obwohl ich nicht blind bin für die Dunkelheit, die in anderen Ländern genauso groß ist wie bei uns, will ich doch gern zugeben, dass die chinesische Ethik in Fragen der gesellschaftlichen Sittlichkeit ganz unzureichend ist.

Aber wenn ich auf meine Vergangenheit zurückblicke, demütigt mich nichts mehr als die geistliche Finsternis, in der ich umhertappte. Ich war voller Aberglauben. So glaubte ich, und zwar ganz ehrlich, dass in jedem unserer unzähligen Tempel ein anderer Gott wohnt, der eifersüchtig über seinen Zuständigkeitsbereich wacht und bereit ist, jeden zu bestrafen, der sein Missfallen erregt. Der Gott, den ich am meisten verehrte und zu dem ich besonders betete, war der Gott der Gelehrsamkeit und der Schrift. Ihm widmete ich treu und mit dem gebührenden heiligen Ernst jeden fünfundzwanzigsten Tag des Monats und brachte ihm Opfer dar. Ich warf mich vor seinem Bild nieder und flehte ihn an, mir zu helfen, meine Handschrift zu verbessern und mein Gedächtnis zu stärken.

Es gibt einen Gott, der für den Reisanbau zuständig ist. Seine Boten, die er zu den Menschen schickt, sind weiße Füchse. Wir können ihn darum bitten, unser Haus vor Feuer und Dieben zu bewahren. Da mein Vater oft unterwegs gewesen ist und ich dann mit meiner Mutter allein war, bat ich den Reisgott immer und immer wieder, unser armes Haus vor den genannten Übeln zu bewahren.

Und dann gab es einen Gott, den ich mehr als alle anderen fürchtete. Sein Emblem war ein Rabe und er erforschte das Innerste des Herzens. Der Tempelwärter verteilte Blätter, auf denen Raben in düsteren Farben gemalt waren. Das alles sollte eine wundersame Wirkung haben. Wer gelogen hatte und so ein Blatt hinunterschluckte, würde augenblicklich einen starken Blutsturz bekommen. Ich rief manchmal meine Kameraden, wenn sie mir nicht glauben wollten, dazu auf, meine Wahrhaftigkeit zu testen, indem ich ihnen anbot, ein Stückchen von dem heiligen Blatt runterzuschlucken.

Ein anderer Gott besaß heilende Kräfte gegen Zahnschmerzen. Also wandte ich mich auch an ihn, weil ich sehr unter diesem schmerzvollen Übel litt. Er verlangte von seinen Verehrern das Versprechen, keine Birnen zu essen. Diese Früchte mochte er absolut nicht. Ich war natürlich sehr gern bereit, die auferlegte Entbehrung auf mich zu nehmen. Meine späteren Studien in Chemie und Toxikologie zeigten mir, dass dieses Verbot durchaus eine wissenschaftliche Grundlage hatte, denn der schädliche Einfluss von Traubenzucker auf kariöse Zähne ist hinreichend bekannt.

Aber nicht jeder heidnische Aberglaube hat so einen vernünftigen Hintergund. Ein Gott verbot mir, Eier zu essen, ein anderer verbot mir Bohnen. Und weil ich alle diese Gebote beachten wollte, kam es bald dahin, dass viele meiner kindlichen Lieblingsspeisen auf die Verbotsliste kamen. Bei so vielen Göttern kam es natürlich auch vor, dass die Forderungen des einen Gottes in Widerspruch zu den Forderungen eines anderen Gottes standen.

Wer sich da gewissenhaft und treu nach allen Geboten und Verboten richten wollte, konnte ganz schön in Not geraten, wenn er mehr als einen Gott zufriedenstellen wollte.

Weil ich es so vielen Göttern recht machen und sie beschwichtigen wollte, war ich natürlich ein unruhiges, ängstliches Kind. Ich dachte mir ein allgemein gültiges Gebet aus, das für jeden Gott passte. Natürlich fügte ich noch besondere Bitten hinzu, die speziell dem Gott galten, an dessen Tempel ich gerade vorüberging. Jeden Morgen, sobald ich mich gewaschen hatte, richtete ich ein gemeinschaftliches Gebet an jede der vier Gruppen von Göttern, die in den vier Himmelsrichtungen wohnen. Besondere Aufmerksamkeit schenkte ich der östlichen Gruppe, weil die Aufgehende Sonne der größte aller Götter war.

Wo mehrere Tempel dicht beieinander lagen, war es eine ganz schreckliche Mühe, das gleiche Gebet so oft zu wiederholen. Deshalb machte ich oft lieber einen Umweg durch Straßen, an denen weniger Heiligtümer standen, um mir die Mühe mit meinen Gebeten zu ersparen, ohne dabei Gewissensbisse haben zu müssen.

Die Zahl der Götter, zu denen ich beten musste, wuchs von Tag zu Tag, bis es für meine kleine Seele total unmöglich wurde, ihnen allen zu gefallen. Doch schließlich kam die Erlösung.

Eine streng religiöse Erziehung hatte Uchimura nie erfahren, weder in der Familie noch in der Schule, noch sonst irgendwo. Aber eine „religiöse Sensibilität", wie Uchimura selbst sagt, fühlt er schon als Kind, kann sie jedoch auf keinen in seiner Familie und schon gar nicht auf seinen Vater zurückführen.

Mein Vater hat über heidnische Götter jeder Art gelästert. Einmal warf er eine falsche Münze in den Geldkasten eines buddhistischen Tempels und sagte spöttisch zu den Götzen, sie würden noch so eine Münze bekommen, wenn sie ihm helfen würden, einen Rechtsstreit zu gewinnen, in den er gerade verwickelt war.

Unvorstellbar, dass ich jemals so etwas getan hätte!

Uchimuras „religiöse Sensibilität" wird zusammen mit seiner Gelehrsamkeit und literarischen Begabung eine gute, kraftvolle Kombination ergeben, wie man an seinem weiteren Weg sehen kann.

Neue Erziehungsziele

Mit Beginn der neuen Zeit in Japan, der Meiji-Zeit, wird die alte Feudalherrschaft von einem neuen Gesellschaftssystem abgelöst.

Ein neues Zeitalter braucht neue Berufe, braucht also auch neue Ausbildungswege. Jetzt werden nicht mehr Schwerter gebraucht, sondern modernes Wissen ist gefragt. Natürlich geht dieser Übergang nicht ohne Probleme vonstatten, aber die Spitzenleute der Gesellschaft erkennen die Notwendigkeiten ihrer Zeit und sind bereit, sich den neuen Anforderungen zu stellen. Man staunt, mit welcher Geschwindigkeit die Schule auf die modernen Notwendigkeiten für die Ausbildung zuerst der Elite, dann des ganzen Volkes umgestellt wird. Uchimuras Leben wird von dieser Strömung erfasst.

Die Samurai-Familien verlieren nun zwar ihren standesgemäßen Dienst, aber ihre Söhne sollen trotzdem standesgemäß leben, d.h. sie sollen Verantwortung und einmal eine höhere Stellung in der neuen Regierung oder eine andere leitende Position im Dienst fürs Vaterland übernehmen.

Ziel des neuen Erziehungsprogramms ist es, den Anschluss an die westlichen Staaten zu erreichen. Dazu müssen westliche Wissenschaften studiert werden, Geistes- und Naturwissenschaft, Technik, Medizin und auch Militärwesen. Englisch ist die wichtigste westliche Sprache und so wird Englisch Schulfach. Damit wird Uchimuras Lebensaufgabe vorbereitet.

In Takasaki hatte er schon eine Englisch-Schule besucht und noch vor dem Umzug der Familie nach Tokyo (1876) wird der zwölfjährige Uchimura auf eine private Englisch-Schule geschickt.

Mit 13 Jahren wechselt er über an die staatliche Schule für ausländische Sprachen in Tokyo. Hier sollen die Schüler darauf vorbereitet werden, an der einzigen Universität damals, der heutigen Tokyo-Universität, zu studieren.

Es sieht so aus, als ob Uchimura eine steile Karriere beginne. Seine Lebensaufgabe wird jedoch nicht ein höheres Amt sein, jedenfalls nicht das geplante höhere Amt im Staatsdienst. Der Englischunterricht gibt ihm den Schlüssel zu zeitgemäßem Wissen in die Hand, für ihn wird Englisch aber vor allem der Schlüssel zum Christentum sein.

Sternstunde eines Lehrers

Im Norden von Japan liegt die Insel Hokkaido, die zu Beginn der Meiji-Zeit noch wenig entwickelt ist. Fähige Männer werden für die Erschließung und Modernisierung dieses Landesteiles benötigt. Für ihre Ausbildung errichtet die Regierung in Tokyo eine eigene Schule (April 1872), die später direkt nach Sapporo, der Hauptstadt dieser Nordinsel, verlegt wird und sich zur heutigen Hokkaido-Universität weiterentwickelt.

Wenn Neues aufgebaut werden soll, dann fachgerecht, zeitgemäß und zukunftsorientiert, sagt sich die Regierung und sucht in Amerika nach Fachlehrern. Dr. William Smith Clark wird nach Japan gebeten. Er nimmt die Einladung an und wird dabei wohl auch von finanziellen Erwägungen geleitet, aber er wird Unbezahlbares für die Zukunft von Japan, und nicht nur von Japan, leisten. Er ist einer von den Lehrern, die zwar Spezialisten auf einem Gebiet sind (Clark: Geologie, Mineralogie, Botanik, Chemie), die aber ihren Schülern in Japan nicht nur westliches Fachwissen beibringen, sondern sie auch in die dazu gehörenden geistigen Grundlagen der westlichen Kultur einführen.

Clark (1826 – 1886) bringt beste Voraussetzungen mit, um als Fachlehrer in Hokkaido zu arbeiten. Zuerst hatte er in Amherst, Massachusetts, studiert (1844 – 1848), dann in Göttingen Mineralogie und Chemie, wo er auch promovierte (1850 – 1852). Als er den Lehrauftrag für

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