Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir

Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir

Vorschau lesen

Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir

Länge:
361 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
7. Juni 2021
ISBN:
9783966584111
Format:
Buch

Beschreibung

Der junge Heimdall begibt sich auf eine Quest, um Odin – und alle aus Asgard – zu retten.

Es ist eine düstere Zeit für Asgard. Der Allvater liegt im Odinschlaf gefangen, was die Frostriesen zu einem direkten Angriff bewegt. Sie weichen der Verteidigung der Götter mit ungewöhnlicher Leichtigkeit aus. Heimdall, ein kluger junger Krieger auf der Suche nach seiner Stellung unter den Verteidigern Asgards, hält es nicht für Zufall, dass Odin außer Gefecht ist und die Riesen so gut informiert sind. Er bricht in Odins Gemächer ein und entdeckt, dass der abgetrennte Kopf Mimirs – eine Quelle großer Weisheit – verschwunden ist. Begleitet von seiner Schwester, Lady Sif, muss Heimdall die Zehn Welten durchsuchen, um ihn zurückzuholen, damit Asgard nicht fällt.

Marvels Die Legenden von Asgard ist eine neue Fantasyreihe, in der mächtige Helden aufregende Abenteuer voller Ehre und Ruhm erleben.

© 2021 MARVEL.
Herausgeber:
Freigegeben:
7. Juni 2021
ISBN:
9783966584111
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir - Richard Lee Byers

EINS

Eine letzte Salve Pfeile schlug die beiden Frostriesen in die Flucht. Sie hatten überraschend angegriffen und offenbar gehofft, dass dies zusammen mit ihrer Stärke, Größe und Wildheit ausreichen würde, um ihnen den Sieg zu sichern, doch asgardische Treffsicherheit hatte sie eines Besseren belehrt.

Die Jotunen waren so groß wie Bäume, hatten blaue Haut, trugen gehörnte Helme, andere kleinere Rüstungsteile, primitiven Eisen- und Elfenbeinschmuck sowie Lendenschürze, waren ansonsten jedoch hauptsächlich nackt, da sie die Kälte nicht spürten. Sie flohen den Engpass hinunter, der zwischen zwei Hügeln verlief. Ihre knirschenden Schritte hinterließen Spuren, die für einen ausgewachsenen Mann groß genug waren, um sich hineinzulegen.

»Ihnen nach!«, rief Hauptmann Ivar. In der einen Hand hielt er eine Streitaxt, am anderen Arm einen runden Schild und sein gelblicher Bart war zu drei Zöpfen geflochten.

Andere Mitglieder der Wachpatrouille Asgards schwangen ihre Waffen und brüllten zustimmend. Einige Monate zuvor hatte Jotunheim auf Befehl seines Königs Skrymir, eines mächtigen Kriegers, Magiers und Illusionisten, Asgard überfallen und seither befanden sich beide Länder im Krieg. Doch obwohl die Patrouille diese Provinz am Rand des Ewigen Reichs nun seit vielen Wochen auskundschaftete, hatte sich bisher keine Gelegenheit ergeben, um dem Feind einen Schlag zu versetzen. Sie hatten vor, das jetzt nachzuholen.

Den Langbogen gespannt und einen weiteren Pfeil angelegt konnte Heimdall ihre Begeisterung nicht teilen. Ihm kam es so vor, als seien die Frostriesen viel zu schnell davongerannt. Als hätten sie die Absicht, die Krieger Asgards in eine Falle zu locken.

Aber was wusste er schon? Seine Schwester und er waren die jüngsten Krieger der Truppe. Ivar war der mit Abstand erfahrenste Krieger und ihr Anführer. Es war an ihm, Befehle zu geben, und die Rolle rotznäsiger Rekruten wie Heimdall, sie auszuführen, vorzugsweise mit dem für asgardische Krieger typischen Wagemut.

Genau jener Wagemut, den seine Schwester Sif verkörperte. Während sie in ihrer roten Kriegstracht mit der weißen Verzierung neben ihm herging, fiel ihr schwarzes Haar in einem Pferdeschwanz über ihren Rücken. Das wilde Funkeln ihrer blauen Augen und ihr entschlossenes Kinn offenbarten ihren Eifer, zu verfolgen und zu kämpfen, zu beweisen, dass sie ebenso tapfer und geschickt war wie ihre älteren Kameraden. Er nahm sich vor, mehr wie sie zu sein.

Die Truppe marschierte voran. Sif sah zu Heimdall und schien die Besorgnis in seinem Gesicht zu bemerken. »Kopf hoch, Bruder«, sagte sie. »Es wird schon alles gut gehen.«

Heimdall hoffte, dass sie recht hatte. Die Frostriesen waren zugegebenermaßen nicht dafür bekannt, schlaue Fallen zu legen oder sich subtiler Taktiken zu bedienen. In der Vergangenheit hatten sie sich meist wie Berserker in den Kampf gestürzt.

Wie der Pfad vor ihnen waren die bewaldeten Berghänge mit Schnee bedeckt und von den Ästen hingen Eiszapfen. Ein Großteil Asgards war in ewigen Sommer gehüllt. Hier, nahe der Grenze, war dem zwar nicht so, dennoch hätte der Winter bereits dem Frühling weichen müssen, doch das hatte er nicht. Vielleicht lag es daran, dass die einfallenden Jotunen ihr eigenes bevorzugtes Klima mit sich brachten.

Oder vielleicht war Odins Wille und Magie nötig, um das Rad der Jahreszeiten zu drehen, und da er schon seit Monaten aus unerklärlichen Gründen im Odinschlaf lag, steckte es fest. In diesem Fall würde es so bleiben, bis der Allvater wieder erwachte.

Heimdall runzelte die Stirn und schob solch düstere Gedanken beiseite. Selbst wenn er in der Position gewesen wäre, Einfluss auf solch hohe und geheimnisvolle Angelegenheiten zu nehmen, war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzugrübeln. Sif, ihre Kameraden und er zogen in den Kampf, darauf musste er sich konzentrieren.

Der Kampf war nur eine Möglichkeit. Er war nicht sicher, aber abgesehen von ihren Fußspuren im Schnee schien es, als hätten sich die Frostriesen in Luft aufgelöst. Vielleicht waren sie einfach weggelaufen, schließlich erlaubten es ihnen ihre langen Beine, ihre Verfolger mit Leichtigkeit abzuhängen. Vielleicht waren sie längst fort.

Aber angenommen, nur mal angenommen, die Jotunen waren weggelaufen, um sich weiteren ihrer Art anzuschließen. In diesem Fall warteten die Kreaturen vielleicht dort, wo ihnen das Terrain einen Vorteil bot. Heimdall war zum ersten Mal in diesem Teil des Ewigen Reichs, doch er hatte die Karten studiert und versuchte nun, sich an die Details dessen zu erinnern, was vor ihnen lag.

Die Krieger in den ersten Reihen wurden langsamer, weil sie in tieferem Schnee versanken. Fluchend preschten sie weiter vor und da sah Heimdall etwas, das ihn ernsthaft beunruhigte.

Einen Moment lang zögerte er, da er nicht der Krieger sein wollte, der den Befehl seines Hauptmanns hinterfragte oder in irgendeiner Weise ängstlich wirkte. Aber er konnte nicht zulassen, dass seine Schwester und seine Kameraden sich ahnungslos in Gefahr begaben, ohne etwas zu sagen.

»Halt!«, rief er. »Haltet alle an!«

Ivar sah zu ihm. »Was ist denn?«, fragte ihr Anführer ungeduldig.

»Wenn ich mich richtig an die Karte dieses Gebiets erinnere«, antwortete Heimdall, »liegt vor uns ein langes Gefälle. Wenn wir weiter vorrücken, wird uns der Schnee schnell über den Kopf reichen.«

»Dann müssen wir eben einen anderen Weg finden«, sagte Ivar.

»Aber das ist noch nicht alles«, erwiderte Heimdall. »Die Spuren der Riesen enden hier. Wo sind sie hin? Vielleicht sind sie gar nicht weitergegangen. Ich denke …«

In diesem Moment brachen Frostriesen durch die schimmernde weiße Oberfläche vor ihnen und schleuderten dabei Schnee in alle Richtungen. Sie hatten sich versteckt und es war ihnen gelungen – durch Magie oder vielleicht nur ihre natürliche Affinität für den Winter –, alle Spuren ihrer Anwesenheit zu verschleiern.

Wären die Asen tiefer in den Schnee marschiert, hätten sie sich nicht gegen ihre Feinde verteidigen können. Doch selbst jetzt, wo sie kurz vor dem Hinterhalt stehen geblieben waren, sah es nicht gut für sie aus. Acht brüllende Frostriesen stürmten vorwärts. Riesige Keulen trafen die Männer und Frauen der ersten Reihen und schleuderten ihre zerschmetterten Körper durch die Luft.

»Schießt!«, befahl Ivar seinen Truppen.

Mit pochendem Herzen spannte Heimdall immer wieder seinen Bogen und schoss Pfeil um Pfeil ab. Er zielte auf die Augen und hoffte, dass die anderen das Gleiche taten. Denn genau das wurde den Kriegern Asgards beigebracht.

Zu seiner Überraschung hielt die erste Salve Pfeile die Frostriesen lange genug auf, um den wenigen Überlebenden der ersten Reihen die Gelegenheit zu geben, sich zurückfallen zu lassen. Die Kreaturen wedelten mit den Händen vor ihren Gesichtern wie jemand, der sich eine Wolke Mücken vom Leib halten wollte. Einer der blauhäutigen Jotunen fiel sogar hintenüber, als Sif einen Pfeil so tief in seinem Auge versenkte, dass er ganz darin verschwand.

»Ha!«, rief sie. »Einer ist erledigt!«

»Rückzug!«, brüllte Ivar. Doch die Gelegenheit dazu war vertan, bevor das Wort verklungen war.

Ein mit Gold und riesigen blauen Edelsteinen geschmückter Frostriese rannte trotz der Pfeile auf sie zu und die anderen Jotunen folgten dem Beispiel ihres Anführers. Sie brauchten nur einen Moment und wenige Schritte, um direkt vor Heimdall, Sif und dem Rest der Patrouille aufzuragen.

Eine riesige, mit Eisenspitzen versehene Keule rauschte auf sie herab. Sif packte Heimdalls Arm und riss ihn aus dem Weg, sonst hätte der Schlag sie beide getötet. Dann ließ sie ihren Bogen fallen und zog ihre Klinge. Heimdall hingegen griff nicht sofort nach dem großen Schwert, das auf seinem Rücken hing.

Er war ein geübter Schwertkämpfer. Der Waffenmeister und so ziemlich jeder andere auf dem Gut seines Vaters waren überrascht gewesen, dass der seltsame Junge, der gern las und alles hinterfragte, was jeder andere einfach als gegeben hinnahm, ein solches Talent besaß. Sogar Heimdall selbst war von sich überrascht gewesen.

Doch es lag ein Riesenunterschied zwischen dem Training und einem Kampf um Leben und Tod. Zu Letzterem war er bisher nur wenige Male gezwungen gewesen und wer bei gesundem Verstand würde sich einem so schrecklichen Gegner wie einem Frostriesen im Nahkampf stellen wollen?

Dennoch war es undenkbar, sich zurückzuhalten, während Sif und seine anderen Kameraden ihr Leben riskierten, und er zögerte auch nur ganz kurz. Dann ließ er seinen Bogen fallen, zog seinen Zweihänder und rief »Für Vanaheim!«, den Kampfschrei seiner Heimatwelt, um die Angst zu vertreiben und ihn ins Getümmel zu treiben.

Sif und er stachen auf den riesigen Fuß ein, der in einen Stiefel aus Ziegenhaut gehüllt war. Ihre Schwerter drangen durch das Leder und der Frostriese schrie auf. Der Jotun sprang vor seinen Feinden, die ihm klein wie Mäuse vorkommen mussten, zurück und schwang erneut seine Keule nach ihnen.

Heimdall und Sif sprangen zwischen die Beine des Jotunen und die Keule traf nichts als Schnee und die Erde darunter. Die Geschwister stachen weiter auf den Fuß ein, den sie bereits verletzt hatten, und der Riese stolperte davon.

Während die Kreatur versuchte, das Gleichgewicht zu halten, sah sich Heimdall nach dem Frostriesen mit dem Goldschmuck und den blauen Edelsteinen um. Er wollte den Anführer der Jotunen, bei dem es sich wahrscheinlich um den wildesten von ihnen handelte, nicht angreifen, doch vielleicht bestand darin die einzige Hoffnung, dass die Asen diesen Hinterhalt überlebten. Der Riese verzog höhnisch sein Gesicht, während er seine mit Metallspitzen versehene Keule schwang wie ein Bauer seine Sense und mit jedem Schwung ein asgardisches Leben erntete.

»Den dort!«, sagte Heimdall und zeigte auf ihren Anführer.

»Der andere …«, begann Sif. Wahrscheinlich wollte sie sagen, dass der andere noch nicht tot oder kampfunfähig war und sie ihm nicht den Rücken zukehren sollten. Doch als klar war, dass ihr Bruder nicht zuhörte, rannte sie ihm hinterher.

Sie erreichten den Anführer und griffen ein blauhäutiges Bein an. Der Frostriese hob seinen Fuß und stampfte damit auf. Sie wichen ihm aus und stachen weiter auf ihn ein.

Trotz des dicken Kalbsleders, aus dem der Stiefel der Kreatur bestand, versank Sifs Breitschwert tief darin. Als sie es wieder aus der Wunde zog, spritzte Blut über den Schnee. Der Anführer der Jotunen brüllte auf und fiel auf die Knie.

»Rückzug!«, befahl Ivar. Er und seine überlebenden Krieger drehten sich um und rannten davon.

Ein Mann fiel sofort zurück. Ein Keulenschlag der Riesen hatte ihn erwischt, wie durch ein Wunder aber nicht getötet. Als Sif seine Notlage bemerkte, eilte sie zurück, hob ihn mit ihrer asgardischen Kraft hoch und trug ihn.

Nach einem Moment riskierte Heimdall einen Blick über seine Schulter. Die Frostriesen verfolgten sie noch nicht, sondern scharrten sich um ihren gestürzten Anführer.

Doch Sif und er hatten die enorme Kreatur nicht getötet, also ging er davon aus, dass ihre Gegner schon bald die Verfolgung aufnehmen würden. Zu seiner Erleichterung erreichten die Asen jedoch kurz darauf einen dichten Hain aus Kiefern und Grauerlen, die rechts auf einem Hang wuchsen. Die Wälder würden sie verlangsamen, so große Kreaturen wie die Frostriesen jedoch noch stärker einschränken.

Ivar war wohl der gleiche Gedanke gekommen, denn er änderte den Kurs. »Den Hügel hinauf!«, rief er.

Der Trick funktionierte, wie Heimdall gehofft hatte. Während seine Kameraden und er durch den Wald rannten, wurde der Lärm der umstürzenden Bäume und das Gebrüll der Jotunen immer leiser und als der Abend dämmerte, verstummte es schließlich ganz.

ZWEI

Die Hälfte von Ivars Truppe hatte überlebt, doch die Abschlachtung der anderen Hälfte führte dazu, dass die Krieger in die Hauptstadt des Ewigen Reichs zurückkehrten, auch bekannt als Asgard, um ihre Ränge mit neuen Rekruten zu füllen oder die Truppe mit einer anderen zu vereinigen, wenn seine Vorgesetzten das als zweckdienlicher ansahen.

Auch wenn Heimdall den praktischen Grund dafür einsah, wollte er nicht zurückkehren. Er war stets entschlossen gewesen, Asgard nach besten Kräften zu verteidigen, um sein Volk zu beschützen und seine Familie mit Stolz zu erfüllen. Und diese Entschlossenheit war nun, wo er um so viele seiner treuen Kameraden trauerte, nur noch stärker geworden.

Seine Trauer war mit Schuld vermischt. Was, wenn er Hauptmann Ivar seine Bedenken früher gemeldet hätte? Vielleicht wären dann noch alle am Leben.

Sobald ihm Sif den Grund seiner Grübelei aus der Nase gezogen hatte, sagte sie ihm, dass er sich albern aufführte. Er hatte bemerkt, was sonst niemandem aufgefallen war, und wenn er das nicht in dem Moment gemeldet hätte, als er es getan hatte, wäre die gesamte Truppe ums Leben gekommen. Er sollte stolz auf sich sein.

Doch das war er nicht und wenn Sif sich unbeobachtet fühlte, bemerkte er manchmal, wie sie den Kopf und die Schultern hängen ließ. Der Verlust ihrer Kameraden machte ihr mehr zu schaffen, als sie sich anmerken lassen wollte.

Doch selbst so kam es ihm so vor, als wäre sie besser darin, den Tod als unvermeidbare Konsequenz des Krieges zu akzeptieren und ihn hinter sich zu lassen. Möglicherweise ein weiterer Hinweis darauf, dass sie für das Leben eines Kriegers besser geeignet war als er.

In jedem Fall hatte sie ihm auf dem Weg zurück gesagt, dass sie viele Monate unterwegs gewesen waren und fand, dass er sich ein paar Tage der Ruhe und Erholung verdient hatte, egal wie unerfreulich die Umstände waren, die zu dieser Gelegenheit geführt hatten. Schließlich hatte sie ihn überzeugen können und er hatte sich vorgenommen, diese Verschnaufpause zu genießen, so gut er konnte.

Leider machten es die Zustände in der Stadt unmöglich, den Krieg zu vergessen, der in den Provinzen tobte. Natürlich herrschte hier ewiger Sommer – bis jetzt jedenfalls – und in den vielen Parks und Gärten blühte lila Steinbrech, blauer Ehrenpreis und weißes Hornkraut. Die goldenen Türme und Paläste erstrahlten wie eh und je. Doch große Teile der Stadt waren in Militärlager umfunktioniert worden. Baumeister waren damit beschäftigt, neue Befestigungsanlagen zu errichten, Handwerker setzten neue Katapulte zusammen und die Gassen hallten vom beständigen Klirren der Schmiede an ihren Essen wider. Noch entmutigender waren die nach Blut, Schweiß und Fieber stinkenden Krankenzelte und die ausgemergelten Flüchtlingsfamilien, die auf den Straßen bettelten und schliefen.

Heimdall saß Sif in einer Taverne voll angeschlagener, bandagierter Krieger gegenüber, einen Krug Bier in der Hand, und sprach aus, was für ihn offensichtlich war. »Wir verlieren.«

»Nicht so laut!«, zischte seine Schwester und sah sich zwischen den angrenzenden Tischen um. Nachdem sie sich versichert hatte, dass niemand ihren Bruder gehört hatte, warf sie ihm einen bösen Blick zu. »Du gerätst sonst noch in eine Prügelei und ich weiß nicht, ob ich dir zur Seite stehen würde.«

Heimdall seufzte. »Du weißt, dass ich niemandem hier mangelnden Mut oder Können unterstellen will. Das Problem – na ja, eines der Probleme – besteht darin, dass die Frostriesen einfach anders kämpfen. Der Hinterhalt auf unsere Truppe ist nur eines von vielen Beispielen. Laut den Sagen und Chroniken gab es eine Zeit, in der sie uns einfach direkt angegriffen haben, ohne eine ausgeklügelte Strategie und nur mit den primitivsten Taktiken. Jetzt ist es anders.« Manchmal kam es ihm so vor, als könnte Asgards Seite einen ähnlichen Schub von Raffinesse gebrauchen, doch das war etwas, das er niemals laut aussprechen würde. Es würde ihm illoyal vorkommen und Sif wahrscheinlich noch mehr verärgern als das, was er bereits gesagt hatte.

»Wir werden sie dennoch schlagen.« Sif trank einen Schluck Bier aus ihrem Krug und wischte sich den Schaum vom Mund. »Das tun wir immer.«

»Immer währt nur so lange, bis wir es nicht mehr tun. Ich wünschte, der Allvater würde erwachen. Er wüsste bestimmt, wie der Krieg zu gewinnen ist. Vielleicht könnte er sogar die Verbindung zwischen Asgard und Jotunheim schließen.«

Asgard und Jotunheim waren zwei der Neun Welten, die an Yggdrasil hingen, dem Weltenbaum, doch ihre relative Positionierung war komplizierter, als es den Anschein hatte. Manchmal erforderte es Magie, um von einer Welt in die andere zu reisen, doch es gab auch Stellen, an denen sie miteinander verbunden waren, als würde es sich schlicht um zwei angrenzende Königreiche auf dem gleichen Kontinent handeln. Eine solche Verbindung existierte momentan zwischen Asgard und Jotunheim und diese Tatsache, zusammen mit Odins verlängertem Schlummer und der neuentdeckten Schläue der Frostriesen, resultierte in einer Situation, die für die Asen so unvorteilhaft war, wie man sich es nur vorstellen konnte.

Sif nickte, um anzudeuten, dass sie zumindest in diesem Punkt die Ansicht ihres Bruders teilte. »Ich bin mir sicher, dass er bald wieder aufwacht«, sagte sie.

Heimdall spürte einen Anflug von Verärgerung, auch wenn er nicht genau wusste, auf wen oder was. Vielleicht auf Sifs blindes Vertrauen in den Allvater. »Ach ja?«, fragte er. »Früher dauerte der Odinschlaf immer nur eine Woche. Dieses Mal sind es schon Monate.«

Sif schnaubte. »Du bist ja ein ganz schöner Experte, dafür dass du Asgard erst vor ein paar Monaten das erste Mal betreten hast.«

Sie hatte natürlich recht. Bevor er sich der Armee Asgards angeschlossen hatte, war er in Vanaheim aufgewachsen. Dennoch war er nicht bereit, das Thema einfach fallen zu lassen. »Ich lese Bücher«, sagte Heimdall. »Ich rede mit Leuten.«

»Kurz gesagt, du denkst zu viel nach. Das war immer schon dein Problem«, erwiderte sie. »Der Allvater wacht auf, wenn er aufwacht. Es gibt nichts, was du tun kannst, um den Prozess zu beschleunigen.«

Heimdall runzelte die Stirn. Tatsächlich hatte er sich auch darüber schon Gedanken gemacht. Es war eine Idee, die er bereits mehrere Male als närrisch abgetan hatte. Doch sie kam immer wieder zurück und jetzt erlebte er gerade etwas, das er von früher kannte, als Sif und er noch Kinder gewesen waren. Wenn jemand anders augenscheinlich davon überzeugt war, Heimdall sei ein Narr, sollte er eine bestimmte Idee weiterverfolgen, schürte das in ihm nur das trotzige Verlangen, genau das zu tun. »Vielleicht ja doch«, sagte er.

DREI

Drei Tage später kamen Heimdall jedoch Zweifel, als die königlichen Wachen die große Doppeltür des Thronsaals für ihn öffneten und er den langen Mittelgang des Thronsaals hinunterging. Er war bereits zweimal in diesem riesigen Raum mit seinen hohen, kuppelförmigen Decken gewesen, doch nur als Mitglied von Hauptmann Ivars Kompanie bei feierlichen Anlässen. Nun stellte er fest, dass es das eine war, still in einer Reihe zu stehen, aber etwas ganz anderes, die Herrscher von Asgard allein und auf eigene Initiative aufzusuchen.

Während Odin schlief, regierte seine Gemahlin Frigga Freyrdottir an seiner Stelle. Sie war eine große, blauäugige Frau mit markanten Gesichtszügen und weißem Haar, das sie hochgesteckt trug. Heute hatte sie nur wenig Schmuck angelegt und statt der prächtigen Roben, in denen Heimdall sie zu Staatsanlässen gesehen hatte, war sie in ein viel schlichteres hellgelbes Gewand gekleidet. Angemessen, um sich um die Angelegenheiten eines Landes im Kriegszustand zu kümmern.

Die hektische Betriebsamkeit um das Podium, auf dem sie saß, neben ihr der unbesetzte goldene Thron ihres Gatten, unterstrich dies. Ratgeber boten ihre Weisheit. Krieger eilten herein, erstatteten Bericht oder eilten davon, um Befehle auszuführen. Federkiele kratzten über Pergament, während die Schreiber die Dekrete der Königin festhielten. An der Seite warteten einfache Bürger entweder schüchtern und nervös oder ungeduldig von einem Bein aufs andere tretend darauf, dass ihre Regentin einen Moment erübrigen konnte, um ihren Anliegen zu lauschen.

Heimdall fragte sich, ob er vielleicht besser umdrehen und wieder gehen sollte. Frigga war augenscheinlich sehr beschäftigt, sie war die Königin der Götter. Er war natürlich ebenfalls ein Gott, aber nur dem Namen nach, mit dem Riesen, Zwerge, Elfen und Sterbliche die Bewohner von Asgard betitelten. Sie dagegen war wirklich eine Göttin, eine der wenigen Personen, die entweder mit außergewöhnlichen Kräften geboren worden waren, sie von Odin geschenkt bekommen hatten oder beides. Wie konnte er, ein gemeiner Soldat – noch dazu erst kürzlich in die Armee aufgenommen –, sich anmaßen, einer solchen Persönlichkeit die Zeit zu stehlen?

Doch nachdem er erfolgreich um eine Audienz gebeten hatte, konnte er nicht einfach einen Rückzieher machen, ohne sich lächerlich zu machen und Hauptmann Ivar zu enttäuschen, dessen Empfehlung dabei geholfen hatte, ihm Zutritt zu verschaffen. Was war außerdem, wenn er erneut etwas Wichtiges erkannt hatte, das sonst niemand sah? War es in diesem Fall nicht seine Pflicht, etwas zu unternehmen?

Diese Gedanken stärkten seine Entschlossenheit und er ging auf den Thron zu. Doch sein Mund war ganz trocken und die Pracht all dessen, was er vor sich sah, schürte die Angst, dass er sich anmaßenderweise an einen Ort begab, an den er nicht gehörte. Natürlich hatte er sich so gut wie möglich zurechtgemacht und seine beste Kleidung für seine königliche Audienz angelegt. Dennoch vermutete Heimdall, dass er verglichen mit all den Höflingen in ihren glanzvollen Gewändern ziemlich schäbig und unbedeutend aussah.

Doch nun war es wirklich zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen. Er wäre sich schon wie ein Narr vorgekommen, wenn er umgekehrt und geflohen wäre, als er noch direkt an der Tür war, wo ihn wahrscheinlich erst wenige Leute bemerkt hatten. Inzwischen befand er sich weit genug im Raum, dass es jeder sehen würde. Vielleicht war dies die Überlegung, die ihm das letzte Quäntchen Mut gab, das er brauchte, um bis zum Podium zu gehen, auf ein Knie zu sinken und darauf zu warten, angesprochen zu werden.

Nachdem die Königin das Gespräch mit einem ihrer Gesandten beendet hatte, wurde er das. »Erhebe dich«, sagte Frigga. Sie warf einen Blick auf eine Liste, die neben einem Glas Wasser auf einem kleinen Beistelltisch lag. »Heimdall, richtig?«

Er musste schlucken. »Ja, Eure Majestät.«

»Aus Vanaheim.«

»Ja.«

Frigga lächelte. »Es ist immer schön, einen Landsmann zu treffen.« Sie hatte ebenfalls zu den Vanir gehört, vor ihrer Hochzeit mit Odin und dem Friedensabkommen, das den längst vergessenen Krieg mit den Asen beendet hatte. »Hauptmann Ivar sagte, nur dir sei es zu verdanken, dass bei dem Hinterhalt der Jotunen auf eure Truppe nicht alle getötet wurden.«

Das machte Heimdall verlegen. Was auch immer er erreicht hatte, war nicht viel verglichen mit den wichtigen Angelegenheiten, mit denen sich Frigga befasste. »Es gab einen Moment, in dem ich wohl etwas Hilfreiches gesagt habe, Eure Majestät. Aber es war unsere Zusammenarbeit, durch die wir die Frostriesen davon abhalten konnten, uns alle zu töten.«

»Nun, bei Ivar klang es weitaus spektakulärer und deshalb habe ich dir diese Audienz gewährt. Aber wie du siehst, ist es recht hektisch heute Nachmittag.« Die Königin deutete auf all die Berater, Krieger, Diener und wartenden Bürger im Saal. »Vergib mir, wenn ich dich bitte, direkt zum Punkt zu kommen.«

»Nun …«, begann Heimdall. Er hatte einstudiert, was er sagen wollte, doch jetzt, wo der Augenblick gekommen war, fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. »Der Odinschlaf dauert nun schon viele Monate länger an als sonst.«

Frigga seufzte. »Dessen bin ich mir bewusst.«

»Odins Krieger brauchen seine Führung.« Sobald die Worte seine Lippen verlassen hatten, wurde Heimdall mit Schrecken bewusst, dass er sie damit möglicherweise beleidigt haben könnte. »Auch wenn Eure Majestät natürlich hervorragende Arbeit leistet!«

»Ich bin mir ebenfalls darüber bewusst, dass ich nicht mein Gemahl bin«, sagte Frigga. »Ich lasse dich nicht dafür in den Kerker werfen, es auszusprechen. Allerdings würde ich gern wissen, ob diese Darstellung des Offensichtlichen irgendwo hinführt.«

»Das tut sie, Eure Majestät. Ich meine, das hoffe ich zumindest. Ist schon jemandem der Gedanke gekommen, dass der Schlummer des Allvaters unnatürlich verlängert wurde?«

Frigga runzelte die Stirn. »Was meinst du?«

»Nun, vielleicht durch Zauberei?«

Die Königin warf einen Blick zu ihren Beratern. »Lady Amora. Habt Ihr zugehört?«

Eine Frau in gemustertem grünem Leder trat vor. In ihrem blonden Haar trug sie einen Kopfschmuck und ihre Beine steckten in langen Stiefeln. Sie lächelte herablassend. »Das habe ich, Eure Majestät, und ich versichere Euch, dass dieser junge Mann ein Narr ist. Odin ist der Mächtigste von allen. Niemand könnte ihn mit einem Bann belegen.«

Damit war das also abgehakt, dachte Heimdall. Lady Amora war eine Zauberin, er hingegen nicht, und jetzt, wo sie gesagt hatte, dass seine Idee lächerlich war, sollte er ihr Urteil akzeptieren und von diesem Ort verschwinden, an dem er ohnehin nichts zu suchen hatte.

Aber so einfach war es nicht. Sobald er sich in eine Idee verbissen hatte, fiel es ihm schwer, sie gehen zu lassen, bis er sie gründlich überprüft hatte. Selbst wenn seine fortgesetzte Fragerei – die gelegentlich sogar zu Diskussionen ausartete – andere verärgerte. Und daher sagte er wider besseres Wissen: »Niemand könnte Odin mit einem Bann belegen, solange er wach ist. Aber ist er während des Odinschlafs nicht verwundbarer? Zieht er sich deshalb nicht zurück? Was, wenn er bereits geschlafen hat, als der Feind zuschlug?«

»Selbst wenn wir davon ausgingen, dass das einen Unterschied macht«, entgegnete Amora, »kann niemand seine Kammer betreten. Das ist der Sinn der Verteidigungsmaßnahmen.«

Frigga breitete die Hände aus. »Lady Amora weiß, wovon sie spricht. Sie ist einer der weisesten Zauberer Asgards.«

Das war, wie Heimdall wusste, zumindest der Ruf, der ihr vorauseilte. Soweit er wusste, hatte Lady Amora bei der Nornenkönigin Karnilla Magie studiert sowie bei anderen Zauberern des Ewigen Reichs und darüber hinaus.

Doch hatte man je wirklich ausgelernt? Er nahm an, dass das auch für die Zauberei galt, was bedeutete, dass es möglicherweise irgendwo einen Hexer gab, der Tricks kannte, die Amora unbekannt waren.

»Ich verbeuge mich vor Lady Amoras Weisheit«, sagte er. »Dennoch wäre es nicht vielleicht eine gute Idee, wenn jemand in die Kammer gehen und nachsehen würde. Auf diese Weise könnte sich Eure Majestät sicher sein.«

Frigga riss schockiert die Augen auf. »Odin hat ausdrücklich angewiesen, dass sie unter gar keinen Umständen betreten werden darf. Ungehorsam käme einem Hochverrat gleich.«

»Selbst wenn es ein Befehl Eurer Majestät wäre? Bis jemand hineingeht, wie können wir uns auch nur sicher sein, dass der Allvater überhaupt noch lebt?«

»Junger Mann!«, rief Frigga aus. »Ich habe dich soeben vor Verrat gewarnt. Diese Bemerkung grenzte schwer an

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Marvel | Legenden von Asgard – Der Kopf des Mimir denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen