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Gott ungezähmt: Raus aus der spirituellen Komfortzone

Gott ungezähmt: Raus aus der spirituellen Komfortzone

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Gott ungezähmt: Raus aus der spirituellen Komfortzone

Länge:
252 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Sept. 2021
ISBN:
9783451826467
Format:
Buch

Beschreibung

"Wir haben uns das Bild eines gezähmten Gottes gemalt." – Johannes Hartl stellt das Gottesbild unserer Zeit auf den Prüfstand und stellt fest, dass es von dem Gott der Bibel weit entfernt ist: Der Gott der Bibel ist kein tauber, hilfloser Greis. Er ist ein Gott, der allmächtig, ewig und heilig ist; ein Gott, der provoziert, erschreckt und erschüttert. Hartls Botschaft ist klar: "Was man nicht fürchten kann, das kann man auch nicht anbeten." Eine Aufforderung, aus der religiösen Komfortzone auszubrechen und sich von Gott faszinieren zu lassen.
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Sept. 2021
ISBN:
9783451826467
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Gott ungezähmt - Johannes Hartl

1.

Phantomschmerz

Geplantes Leben

»Klar werde ich zum Meeting nächste Woche kommen, außer ein Sturm hindert mich daran«, ist ein Satz, den man in einem Bürogebäude in Deutschland wohl nicht so oft hören wird. Genauso unerhört klänge die Aussage, man könne ein Projekt für das nächste Jahr nicht mit letztgültiger Sicherheit terminieren, weil ja noch nicht einmal klar sei, ob man bis dahin nicht schon gestorben, in eine schwere psychische Krise geraten oder ein Krieg ausgebrochen sei. Es gibt gewisse Dinge, von denen geht man einfach nicht aus. Obwohl Leiden und Tod in der Menschheitsgeschichte ständige, allgegenwärtige Begleiter sind, verwundert das fassungslose Erstaunen, wenn es das eigene Leben oder das unmittelbarer Mitmenschen bedroht. »Wie konnte gerade mir das passieren«, hallt wieder die gleiche ungläubige Überraschung, die in unseren Reaktionen auf eine Todesnachricht mitschwingt: »Ich kann es nicht glauben, gerade war sie doch noch da!« Das Ungeplante ist nicht eingeplant in unser Leben.

Das ist einerseits auch gut so. Menschen können nicht jeden Tag und jede Stunde im festen Bewusstsein eines möglichen unmittelbar bevorstehenden Unglücks leben. Und wer so lebt, um dessen geistige Gesundheit darf man wohl zu Recht besorgt sein. Doch das grundsätzliche Gefühl der Vorhersagbarkeit und Verlässlichkeit des natürlichen Lebens ist ein überdeutliches Kennzeichen der heutigen westlichen Zeit. So überdeutlich, dass es nähere Betrachtung verdient. Dass ein Sturm – eben nur ein Sturm auf dem Meer – die eigenen Pläne so ohne jedes Achselzucken über den Haufen wirft, versteht ein Mensch besonders wenig, der es gewohnt ist, sein Leben in der Hand zu haben. Und die moderne Welt liefert dem Menschen eine Unmenge von Anlässen, davon auszugehen, das Leben in der Hand zu haben. Wir sprechen von Lebensplanung. Welchen Beruf ich ergreife, wann ich den Arbeitsplatz wechsle, wann ich in Rente gehe und wohin ich in den Urlaub fahre, sind allesamt Gegenstand der eigenen Planung und der eigenen Vorstellungen. Auch ob und wann man Vater oder Mutter wird, ist kalkuliert, dafür gibt es schließlich die Familienplanung.

Für das, was man nicht planen kann, gibt es Versicherungen. Gegen Blitzschlag und gegen Wasserrohrbruch. Welch trügerisches Spiel mit den Worten: Eine »Lebensversicherung« sichert ja eben nicht das Leben vor dem Tod ab, sondern bedeutet in Wahrheit nur, dass jemand Geld bekommt, falls ein Ereignis eintritt, das man nicht verhindern kann. Trotzdem gibt es irgendwie ein gutes Gefühl und suggeriert, man lebe völlig abgesichert. Und wenn etwas nicht funktioniert, wird der Arzt gerufen. Oder der Polizist. Oder der Hausmeister. Oder der Rechtsanwalt oder die Politiker. Denn grundsätzlich erscheint das Leben uns organisierbar. Fragt einer genauer nach, gilt er schnell als Pessimist oder Grübler. Hinterfragt einer die angeblichen Sicherheiten unserer Realität, ist er vielleicht schlicht realitätsfern.

Das grundlegendste Mittel der Orientierung des Menschen in der Welt und seiner Absicherung darin ist die Sprache. Es beruhigt, wenigstens den Namen der Krankheit zu wissen. Die Diagnose heilt nicht, doch der Schrecken ist zumindest etwas geworden, über das man sprechen kann. Das Wort ermöglicht weitere Information. Zwar ändert der Wetterbericht das Wetter nicht, doch zumindest zu wissen, wie es wahrscheinlich wird, lässt die Realität ein wenig planbarer erscheinen. Statistiken über prognostizierte Krankheitsverläufe reihen das Unbegreifliche dieses Einzelschicksals ein in das topographisch erfasste Terrain dessen, was schon andere Menschen erlebt haben und deshalb etwas darüber wissen. Selbst wenn die Statistiken ein düsteres Bild zeichnen: Wir wollen sie kennen. Denn selbst diese Zahlen zu wissen, ist besser als die undurchdringliche Ungewissheit. Freilich: Sie heilen nicht.

Das Vertrauen in menschliche Technik und menschliche Wissenschaft ist groß in unserer Zeit. Und sie gibt uns guten Grund dazu. In den letzten Jahrzehnten wurde das All bereist, das menschliche Genom entschlüsselt, das Higgs-Teilchen und ein Mittel gegen den Herpesvirus entdeckt. Die Welt ist, so könnte man meinen, erforschter, heller und dem Menschen freundlicher geworden. Und daran ist etwas Wahres. Die Errungenschaften der technischen Vernunft sollen an keiner Stelle von jemandem kleingeredet werden, der sich ihrer so fraglos und täglich bedient. Es ist jedoch weise, einschätzen zu können, wo man steht. Um den Weg zu wissen, den man gegangen ist und den, den man nicht kennt. Es ist weise, unterscheiden zu können zwischen dem eigenen Sichtfeld und dem tatsächlichen Horizont. Und es ist weise, zu erkennen, wie weit die Straße führt, auf der man fährt, bevor das Meer beginnt.

Technische Vernunft

Was genau geschieht, wenn der Mensch sich in der Welt orientiert? Was geschieht, wenn ein Wissenschaftler »etwas erforscht«? Im Wesentlichen Zweierlei: Phänomene werden einsortiert und Umgangsweisen mit ihnen werden entwickelt. Das helle Leuchten am Himmel wird »Blitz« genannt und, auf Grund von Messung und Beobachtung, in die Kategorie der elektrischen Phänomene eingeordnet. Wir wissen dann, weil wir um andere elektrische Phänomene wissen, was das Auftreten von Blitzen wahrscheinlich macht. Daraus folgern kann man, dass es sinnvoll ist, einen Blitzableiter an ein Hausdach anzubringen. So orientieren wir uns in der Welt. Ein Blick auf Wikipedia gibt uns Informationen, mit denen wir dann arbeiten können.

Die Frage ist: Was genau wissen wir, wenn wir einen Wikipedia-Artikel gelesen haben? Was genau weiß der Wissenschaftler? Um welche Art von Wissen handelt es sich?

Die technisch-beschreibende Vernunft des Menschen gibt Phänomenen Namen und lehrt, mit ihnen umzugehen. Sie nennt das Leuchten »Blitz« und verwaltet dadurch menschliche Erfahrung. Sie klebt ein Namensschildchen auf den Gegenstand. Doch »kennt« sie den Gegenstand dadurch? Erfasst sie ihn? Kann sie ihn selbst greifen?

Nun, was soll das bedeuten: »Erfasst sie ihn«? Wird hier nicht ein mythisches Irgendwas vorgegaukelt, wo das Licht der Vernunft doch das einzig wirklich Wissbare aussagt? Es ist nun mal ein Blitz. Ja gewiss, doch die menschliche Erfahrung ist mehr als das Wort, mehr als die wissenschaftliche Kategorie. Und wer wirklich einmal einen Blitz erlebt hat, weiß etwas, das der noch niemals weiß, der lediglich in Wikipedia darüber gelesen hat. Max Horkheimer, der Begründer der »Kritischen Theorie«, kritisierte: »Für die jungen Leute von heute ist allein die Wissenschaft wahr, weil sie das Wahre mit dem Exakten verwechseln und daran glauben, dass die einzige Gestalt der Vernunft die ist, die ich instrumentell nenne – und dass sie alle anderen aufhebt«².

Vernunft besteht nicht nur aus der technischen, aus der »instrumentellen«, wie es Horkheimer sagt.

Wir verdanken ihr zwar unglaublich viel. Alles ist sie jedoch nicht. Das, worum es im menschlichen Leben zuerst und zutiefst geht, ist von ihr noch nicht einmal berührt. Wer ein Mensch ist, weiß was es bedeutet, sich zu verlieben oder wie sich heftiger Schmerz anfühlt: Nichts davon kann durch Worte völlig erfasst und durch wissenschaftliche Beschreibung fassbar gemacht werden.

Schattenseiten der Aufklärung

Die europäische Geistesgeschichte wurde oft mit dem schlichten Motto »Vom Mythos zum Logos« überschrieben. Am Anfang glaubten die Griechen an die olympischen Götter, die Germanen an Wotan und die Angelsachsen an Feen. Doch irgendwann entdeckte man, so jedenfalls beschreibt unsere Geschichte sich selbst, dass das Meer von Gezeiten und nicht von Poseidon regiert werde. Dass die Erde sich um die Sonne dreht und rund ist. Und dass für die Pest weniger der Fluch der Götter, sondern vielmehr Bakterien zur Verantwortung zu ziehen seien. An die Stelle des Halbdunkels des Aberglaubens sind das Licht der Wissenschaft und die Sonne der Vernunft getreten.

Es klingt wie der Gipfelpunkt dieser Entwicklung, wenn Hegel am Ende seiner Berliner Antrittsvorlesung zum Lob der Vernunft anhebt: »Zunächst aber darf ich nichts in Anspruch nehmen, als dies, dass Sie Vertrauen haben zu der Wissenschaft, Glauben an die Vernunft, Vertrauen und Glauben zu sich selbst mitbringen. Der Mut der Wahrheit, Glauben an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung des philosophischen Studiums; der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig erachten. Von der Größe und Macht des Geistes kann er nicht groß genug denken; das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es muss sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.«³

Hegels Worte klingen in der Rückschau wie das Programm für das damals noch junge Jahrhundert. Wenige wissenschaftliche Revolutionen haben das Bewusstsein des modernen Menschen so geprägt wie die wenige Jahre nach Hegel von Charles Darwin entwickelte Lehre von der Entstehung der Arten. Die Vielfalt, Schönheit und Zweckmäßigkeit der gesamten Tierund Pflanzenwelt reduziert auf eine Formel Zufall und Nutzen. Die Wirkung der Evolutionstheorie war eine viel weitere als nur eine auf die Biologie bezogene. Es war die Wirkung einer Entmythologisierung. Die Myriaden von untersuchten Wirbeltieren konnten endlich einer Kategorie und einer Entstehungslinie zugeordnet werden. Ein einfacher wissenschaftlicher Satz brachte das unüberschaubare Chaos der vielfarbigen Arten auf einen Nenner. Auch um die Entstehung des Lebens selbst herrschte nicht länger das »verschlossene Wesen des Universums« mehr, dem Spuk war endlich die Larve vom Gesicht gerissen!

»Der entzauberte Regenbogen« lautet vielsagend der Titel des Evolutionsbiologen und modernen Staratheisten Richard Dawkins. Von wegen Schöpfung! Von wegen Schöpfer! Von wegen Geheimnis! Der Zauber ist gebannt, das Rätsel gelöst: Der Regenbogen ist nichts weiter als sphärisch gebrochenes Licht und die Arten sind von allein gemäß völlig diesseitiger Gesetze entstanden.

Freilich: Auch der Mensch ist eine biologische Art. Ein Primat unter vielen, den gleichen Gesetzen unterworfen. Auch er nur Kohlenstoff. Materie unter Materie. Wer einer unter vielen ist, der ist nicht mehr der Mittelpunkt. Und wo der menschliche Geist sich gerade noch als Allerklärer feiert, findet er sich selbst an der Peripherie wieder. Das All, so wird Anfang des 20. Jahrhunderts klar, ist endlich, aber unsagbar groß. Es herrschen dort so eigenartige Gesetze, dass nicht einmal die vertrautesten Kategorien wie Raum und Zeit irgendwie letztgültig sind. Das All ist den Gesetzen der Thermodynamik unterworfen und auf seinem unaufhaltbaren Weg in den Gravitationskollaps, also das totale Aus. Es ist eigenartig bestellt um den Menschen, der einerseits sein Leben planen und die Welt erklären will, und andererseits plötzlich »seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen«, wie der Zellbiologe und Nobelpreisträger Jacques Monod formuliert. Er müsse »endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen«⁴.

Doch nicht nur in Physik und Biologie findet der Mensch sich von seinem zentralen Platz verdrängt. Im Jahre 1900 erscheint Sigmund Freuds »Traumdeutung« und läutet den Beginn der modernen Erforschung der menschlichen Psyche ein. Freuds große Entdeckung: das Unbewusste. Der Mensch ist gar nicht nur oder zuerst gelenkt von seiner Vernunft, sondern es sind dunkle, triebhafte Seelenkräfte, die den Menschen leiten. Das Ich, so könnte man überspitzt sagen, ist nicht der Herr im Haus, sondern findet sich dezentralisiert in einem Wesen wieder, das sich selbst zum Rätsel wird.

Der Versuch der Vernunft also, den Menschen zu erklären, endet mit der Erklärung, dass die Vernunft nicht die Triebfeder menschlichen Strebens sei? Tatsächlich verdichtet exakt diese Vermutung sich auch in den Geisteswissenschaften und der Wissenschaftstheorie mehr und mehr. Es sind die Machtstrukturen der Diskurse, die das lenken, was wir als »wahr« bezeichnen, so die postmoderne Philosophie. Sie schlussfolgert: Die Rede von einer objektiven Vernunft, die alles erklären könne, sei ein gefährlicher Mythos. Doch was tritt an die Stelle der alten Gewissheiten? Macht ab sofort jeder seine Wahrheit selbst?

Dunkle Ahnung

Es ist als würde der Mensch, der ausgezogen war, sich die Welt zu erklären und verfügbar zu machen, auf einmal eingeholt von einer grauenvollen Wahrheit. Es scheint, als trete nur gähnende Leere an die Stelle der alten Mythen. Aus all der modernen Wissenschaft: so viel Erklärung, doch kein Sinn. So viele Sätze, doch keine Antworten auf die tiefsten Fragen. Das Nichts betritt die Bühne. Der Nihilismus, nach Nietzsche der »unheimlichste aller Gäste«, setzt sich an den Tisch. »Je begreiflicher uns das Universum wird, um so sinnloser erscheint es auch«, schreibt der amerikanische Physiker Steven Weinberg.

»Geworfensein« nennt der Philosoph Martin Heidegger diesen Zustand des Menschen.⁷ In ein Leben geworfen, das ihm rätselhaft ist. Auf einen Tod zugehend, der unausweichlich ist. Mit der Angst konfrontiert, die unbesiegbar ist. Und unbesiegbar scheint die Angst tatsächlich zu sein. Vorhersagbarer sind Wetter, Krankheitsverlauf und Straßenverkehr geworden. Versichert sind wir gegen beinah alles. Doch der Verbrauch von Psychopharmaka gegen Angst und Depressionen verdoppelt sich innerhalb weniger Jahre. Noch niemals gab es eine Generation, in der junge Menschen so viele Möglichkeiten hatten und prozentual so wenig von Krieg, Krankheit, Tod, Hunger und Gewalt direkt bedroht waren. So sicher, das Leben. So frei. So entzaubert.

Doch ist das nicht eine Ahnung? Eine Ahnung davon, dass das Rationale, das Gesicherte und das Logische eben nicht alles ist? Dass es das Unsagbare, das Erschütternde, das völlig Unkontrollierbare gibt? Dass die Tiefen der Welt eben nicht durch die wissenschaftliche Beschreibung erschöpft sind? Oder eine Sehnsucht danach zumindest? Inmitten von Entzauberung: eine Sehnsucht nach dem verlorenen Zauber? Ein Sehnen und Suchen, nach dem … Geheimnis.

Die Frage des Lebens

Es muss ihn wie ein Schlag getroffen haben. Um das Jahr 600 v. Chr. herum beginnt die Geschichte der abendländischen Philosophie. Sie beginnt in Kleinasien und kreist um die Frage, was die Ursubstanz von allem gewesen sei. Und Thales von Milet hatte gelehrt, das Wasser sei der Ursprung von allem. Naheliegend, wenn man am Meer lebt. Und doch ist es wie ein geistiger Dammbruch, als Thales’ Schüler Anaximander erklärt, das »Apeiron« sei der Ursprung von allem. »Apeiros« – grenzenlos – so hatte bereits Homer das Meer genannt. Doch aus der Betrachtung des grenzenlosen Horizonts am Meer erwuchs dem Anaximander eine ganz andere Erkenntnis. Da alles Sein seine Existenz einem anderen Sein verdankt und begrenzt sei, müsse der Anfang allen Seins selbst unbegrenzt und unverursacht sein. Und da jede Definition und Beschreibung schon wieder eine Eingrenzung wäre, schließt er mit logischer Notwendigkeit, dass das »Apeiron« selbst unsagbar und undenkbar sein müsse. Am Anfang der europäischen Philosophie steht die Erkenntnis, dass es das Unbegrenzte gibt. Und das alles andere seine Herkunft und Wertigkeit erst von dorther ableitet. Dass das Land der begrenzten Dinge grenzenlos umgeben sei von einem Meer, das selbst ohne Anfang und Ende ist.

Wenn Anaximander recht hat, dann steht der Mensch an dieser Stelle vor der wichtigsten Frage seines Lebens. Die Beantwortung dieser Frage wird alles andere beeinflussen. Es ist die Frage, ob es dieses Höchste und Letzte gibt und wie es ist. Es ist die Frage nach Gott. Die Frage nach Gott ist die wichtigste Frage des menschlichen Lebens, die wichtigste Frage der Geistesgeschichte und die entscheidende Frage über den Menschen. Wenn wir die Wichtigkeit dieser Frage völlig erkennen würden, würden alle anderen Fragen in ihrem Licht verblassen. Es ist eine Frage, die einen Großteil unserer alltäglichen Fragen so lächerlich erscheinen lassen würde wie die Frage nach der Speisenfolge des Abendessens, wenn man sich auf der Titanic befindet. Eine Frage, die wichtiger ist als die Frage nach Herkunft, Aussehen, Erfolg und Geld, ja selbst nach Gesundheit und persönlichem Wohlergehen. Es ist die ultimative Frage. Die unausweichliche Frage. Die Frage nach dem Meer rings um unsere Insel. Die drohende, lockende, erschreckende und faszinierende Frage nach Gott. Tausend Phantomschmerzen erinnern den, der sie vergessen hat. Und unsere Welt ist voll davon. Es ist Zeit, sich dem Meer zu stellen.

2.

Realitätsverlust

Worüber man nicht spricht

»Und wie denken Sie so über den Tod? Was glauben Sie, wie Sie einmal sterben werden? Lungenkrebs oder doch eher Schlaganfall?«, wäre sicherlich ein ungewöhnlicher Beginn für Smalltalk mit einem Arbeitskollegen, den man in der Straßenbahn trifft. Ungläubige Blicke: Hat er das gerade wirklich gefragt? Es ist ja nicht so, dass man noch nie über den Tod nachgedacht hätte, doch eine solche Frage in einer solchen Situation wirkt einfach völlig indiskret und verstörend. Über so etwas spricht man nicht. Jedenfalls nicht öffentlich, nicht so direkt und jedenfalls nicht jetzt. Doch es geht nicht nur um den Tod allein, auch andere Themen sind im öffentlichen Gespräch tabu. Über die persönlichen finanziellen Verhältnisse eine direkte Frage zu stellen, gälte zwischen flüchtigen Bekannten wohl ähnlich anstößig wie die Frage nach den persönlichen sexuellen Vorlieben.

Nun scheut man sich vielleicht, die obigen Fragen im zwischenmenschlichen Gespräch anzuschneiden, falls es sich nicht um engste Freunde handelt. Doch die Themen Geld und Sex sind ansonsten präsent und sichtbar in unserer Kultur. Bei anderen Themen jedoch fällt auf, dass es unüblich und vielleicht

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