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New Work: Der mobile Alltag Digitaler Nomaden zwischen Hype und Selbstverwirklichung

New Work: Der mobile Alltag Digitaler Nomaden zwischen Hype und Selbstverwirklichung

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New Work: Der mobile Alltag Digitaler Nomaden zwischen Hype und Selbstverwirklichung

Länge:
468 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Dez. 2021
ISBN:
9783593451039
Format:
Buch

Beschreibung

Der medial erzeugte »Hype« um das Digitale NomadInnentum motiviert jüngere, gut ausgebildete WissensarbeiterInnen dazu, sich ein mobiles Leben jenseits der Festanstellung zu erarbeiten. Wie gestalten sie ihr mobiles Arbeitsleben jenseits medialer Selbstinszenierungen? Welche Ressourcen und Persönlichkeitszüge benötigen sie für diesen Lebensstil? Davon erzählen mobile WebworkerInnen an den globalen Hotspots in München, Teneriffa, Bali und Thailand. Ihre Fallstudien zeigen den Umgang mit Herausforderungen wie Desillusionierung, Prekarisierung und Einsamkeit. Deutlich wird, wie die Digitale Transformation, eine neoliberale Arbeitsmarktpolitik sowie eine zunehmende Ökonomisierung und Prekarisierung die Wünsche Vieler formen und weit über das rein Geschäftliche in ihre privaten Alltagswelten hineinreichen.
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Dez. 2021
ISBN:
9783593451039
Format:
Buch

Über den Autor

Christine Thiel, Dr. phil., promovierte an der Universität München über ortsunabhängiges Arbeiten. Sie arbeitet remote als Community- und IT-Projektmanagerin bei einem Münchner Karrierenetzwerk.


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Buchvorschau

New Work - Christine Thiel

Christine Thiel

New Work

Der mobile Alltag Digitaler Nomaden zwischen Hype und Selbstverwirklichung

Campus Verlag Frankfurt /

New York

Über das Buch

Der medial erzeugte »Hype« um das Digitale Nomad_innentum motiviert jüngere, gut ausgebildete Wissensarbeiter_innen dazu, sich ein mobiles Leben jenseits der Festanstellung zu erarbeiten. Wie gestalten sie ihr mobiles Arbeitsleben jenseits medialer Selbstinszenierungen? Welche Ressourcen und Persönlichkeitszüge benötigen sie für diesen Lebensstil? Davon erzählen mobile Webworker_innen an den globalen Hotspots in München, Teneriffa, Bali und Thailand. Ihre Fallstudien zeigen den Umgang mit Herausforderungen wie Desillusionierung, Prekarisierung und Einsamkeit. Deutlich wird, wie die Digitale Transformation, eine neoliberale Arbeitsmarktpolitik sowie eine zunehmende Ökonomisierung und Prekarisierung die Wünsche Vieler formen und weit über das rein Geschäftliche in ihre privaten Alltagswelten hineinreichen.

Vita

Christine Thiel, Dr. phil., promovierte an der Universität München über ortsunabhängiges Arbeiten. Sie arbeitet remote als Community- und IT-Projektmanagerin bei einem Münchner Karrierenetzwerk.

Inhalt

Dank

Prolog

I. Konturen der Arbeitsmarkttransformation

1Digitales NomadInnentum im Spiegel der Arbeitsmarkttransformation

II. Strukturen der Szene

2Drei Perspektiven auf die Szene

3Szene als Interaktionsgeflecht

3.1 Zusammenhalt im Inneren: Ikonen als Identifikationsfiguren

3.2 Binnendifferenzierungen: Szenekern und Szenepublikum

3.3 Abgrenzung nach außen: Szenespezifische Sinnangebote

4Szene als Markt

4.1 Genese des Szene-Marktes: Aufbau und Vermarktung eines Lebensstils

4.2 »Klassengesellschaft der Entrepreneure«: Monetäre Szenehierarchien

4.3 Zwischen Verdrängung und Kritik: Umgang mit den Marktlogiken

5Denkschulen in der Szene

5.1 »I choose freedom«: Mindset, Empowerment & mentale Freiheit

5.2 »Arbeite und lebe nach deinen eigenen Regeln«: UnternehmerInnentum & neoliberale Freiheit

5.3 »Namaste, Freiheit!«: Spirituelles NomadInnentum

III. »I choose freedom«: Befreiungsdiskurse

6Charakteristika des Befreiungsdiskurses

7Befreiung aus der Festanstellung? Selbstständigkeit statt Sicherheit

7.1 Bilder über angestellte Erwerbsarbeit: Festanstellung als »Hamsterrad« und »Knast«

7.2 Eliminierung von Arbeit: passives Einkommen

7.3 Sinnlose Freizeit: Sinnstiftung durch Arbeit

8Befreiung von gesellschaftlichen Regeln und Normen? Selbstverwirklichung statt »Standardleben«

8.1 Gesellschaft aus der Distanz: Reflektion durch Reisen

8.2 Reflektion des institutionalisierten Lebenslaufs: Ambivalenzen und Konflikte

9Befreiung von staatlichem Zugriff? Selbst(vor)sorge statt Sozialstaat

9.1 Die Zukunft als Black Box: Altersvorsorge

9.2 Risiko statt Sicherheit: ALG II als Fall-Back-Lösung?

9.3 »Globales Rosinenpicken«: Geoarbitrage und globale Steuersparmodelle

IV. »New Work«: mobiler Arbeits- und Lebensstil

Vignette: Mobiler Alltag jenseits ästhetischer Bilder. Zwischen (Im-)Mobilität und (Un-)Produktivität

10 Rechtliche Grauzonen an den Hotspots in Asien: »neue« Begrenzungen und Mobilitätszwänge

10.1 »Einreiseverfahren in Thailand. Stetig wechselnd.«: Halbwissen und Wissensfelder

10.2 Aufenthalt in Thailand: Arbeiten in der gesetzlichen Grauzone

10.3 Ausreisen, um zu bleiben: Mobilitätsstrategien im Umgang mit Grenzregimen

11 Weniger Freiheit, weniger Frustration? Routinen als Stabilisatoren im mobilen Alltag

11.1 Reisen vs. Multilokalität: (Im-)Mobilitätsroutinen als Stabilisatoren

11.2 Zeitliche und räumliche Begrenzungen von Arbeit und Leben: fordistische Stabilisatoren

11.3 Meditieren und Morgenroutine: mentale Stabilisatoren aus der Lifestyle-Philosophie

12 Arbeit im Netz – Arbeit mit dem Netz: Entgrenzung von Arbeit und Leben

12.1 Selbstmarketing und Selbstökonomisierung: Zwischen Authentizität und Selbstverleugnung

12.2 Netzwerk-Praktiken in der Szene: zwischen Freundschaft und Business-Kontakt

12.3 Zusammenarbeit mit Team und KundInnen: Vertrauensbildung online und offline

V. Fazit

13 Zwischen Befreiungsdiskursen und Praktiken

13.1 Zwischen selbstbestimmter Künstlerexistenz und neokapitalistischen Logiken

13.2 Zwischen postfordistischen Rhetoriken und fordistischen Praktiken

13.3 Zwischen Mobilitätsidealen und neuen Begrenzungen

14 Zwischen Freiheit und neue Begrenzungen

15 Mobile WebworkerInnen als Prototypen des flexiblen Kapitalismus?

Literatur

Dank

Während meines Forschungs- und Schreibprozesses haben mich zahlreiche Personen und Institutionen inspiriert und unterstützt. An dieser Stelle möchte ich ihnen meinen Dank aussprechen.

Mein besonderer Dank gilt den Interviewten, die sich mir geöffnet und mit mir diskutiert haben. Sie haben es mir so ermöglicht, Selbstverständliches aus einem anderen Licht zu sehen und eigene Bilder und Vorstellungen in meinem Kopf zu hinterfragen. Viele von ihnen habe ich über mehrere Jahre auf ihrem Weg begleiten dürfen, mit anderen habe ich ein Stück des Weges geteilt. Sie haben mir ihre Denkhorizonte aufgezeigt und tiefe Einblicke in ihre Arbeits- und Lebenswelten gegeben, die nun das Herzstück dieser Arbeit bilden. Ohne ihre Offenheit und ihre Zeit, die sie mir und meiner Forschung geschenkt haben, hätte diese Arbeit niemals entstehen können.

Gleichermaßen dankbar bin ich meiner Betreuerin Irene Götz, die mir stets auf sehr empathische, unterstützende und wohlwollende Weise zur Seite stand. Danke für all die motivierenden und ermutigenden Worte, die mich stets mit frischer Inspiration und großem Tatendrang ins Feld oder an den Schreibtisch zurückkehren ließen, aber auch für die großen Freiräume beim Forschen und Verschriftlichen der Dissertation. Danke auch für die Einführung und Vernetzung in einschlägige wissenschaftliche Netzwerke und Kontexte. Zu nennen sind hier insbesondere das internationale Promotionsprogramm »Transformations in European Societies«, wo ich meine Zweitbetreuerin Johanna Rolshoven kennenlernte, die mich ebenfalls auf sehr empathische und hilfreiche Weise in meinem Schreibprozess unterstützte. Auch das DoktorandInnen-Kolloquium von Irene Götz ermöglichte mir wichtigen Kontakt und Austausch mit KollegInnen, der sich jenseits dieser Veranstaltung fortsetzte. An dieser Stelle möchte ich mich für die enge fachliche und freundschaftliche Zusammenarbeit mit Sharon Brehm und Noemi Sebök-Polyfka bedanken. Beide haben nicht nur nahezu das gesamte Manuskript gelesen, sondern mich auch durch die Höhen und Tiefen meiner Dissertation begleitet. Viele relevante Diskussionen und Debatten über zentrale Forschungsfragen führte ich außerdem auf den DoktorandInnen-Treffen der Studienstiftung des deutschen Volkes und der Hanns-Seidel-Stiftung. Ohne diese beiden Stipendien hätte die vorliegende Studie in ihrer jetzigen Form nicht entstehen können, weil das Forschungsdesign so angelegt war, dass es hohe Mobilität und vollen Zeiteinsatz erforderte, die mit einer ortsgebundenen Festanstellung nicht vereinbar gewesen wären. Die Möglichkeit, Multi-Sited-Ethography an verschiedenen Hotspots durchzuführen, die Menschen vor Ort kennenzulernen und dabei selbst in gewisser Weise zur mobilen Webworkerin zu werden, war für mein Erkenntnisinteresse von außerordentlicher Wichtigkeit. Für die durch die Finanzierung dieses Forschungsprojektes ermöglichte Flexibilität bin ich außerordentlich dankbar. Ich hoffe, möglichst viele der Eindrücke vor Ort über diese Arbeit weitertransportieren zu können.

Während ich meine Forschung an den verschiedenen Orten dieser Welt durchführte, gaben mir meine Eltern Brigitte und Richard Thiel sowie meine Großeltern immer einen Ort, den ich Heimat nennen durfte, wohin ich zurückkehren konnte, um Kraft zu schöpfen oder in Ruhe an meiner Dissertation zu schreiben.

Prolog

Diese Studie wurde am 24. 6. 2020 von der LMU München als Dissertation angenommen. Sie ist das Ergebnis eines fünfjährigen Forschungs- und Schreibprozesses, dessen Ausgangspunkt im Jahr 2015 mein Interesse für die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeitswelt war. Welche neuen Bilder, Ideologien, Machtwirkungen und Praxen im Hinblick auf Arbeit und Lebensführung entstehen? Wie werden diese in der Praxis realisiert?

Ich entschied mich dafür, diese Entwicklung am Beispiel der digitalen NomadInnen-Szene zu untersuchen, die auf diesem Nährboden entstanden ist, weil diese viele Phänomene der digitalen Transformation und des damit verbundenen Umbruchs von Lebens- und Arbeitswelten auf die Spitze treibt. Der medial erzeugte »Hype« um das digitale NomadInnentum motiviert jüngere, gut ausgebildete WissensarbeiterInnen dazu, sich ein mobiles Leben jenseits der Festanstellung und ohne materiellen Besitz zu erarbeiten, um zwischen Bali, Thailand oder anderen Orten des globalen Südens einerseits und München andererseits flexibilisiert – aber eben auch vielfach prekarisiert – als »Freelancer« Aufträge annehmen zu können.

Wie gestalten sie ihr mobiles Arbeitsleben jenseits medialer Selbstinszenierungen? Welche Ressourcen und Persönlichkeitszüge benötigen sie für diesen Lebensstil? Davon erzählen mobile WebworkerInnen an den globalen Hotspots in München, Teneriffa, Bali und Thailand. Ihre Fallstudien zeigen, wie sehr die Idealbilder von einem freien, selbstbestimmten und hochmobilen Arbeits- und Lebensstil das Streben der WebworkerInnen bestimmen. Zugleich erweist es sich als oft kaum leistbare, nur mit viel Arbeit am Selbst zu meisternde Herausforderung, diesen Bildern gerecht zu werden und mit Desillusionierung, Prekarisierung und Einsamkeit umzugehen.

Die Mikroanalyse ihrer Lebenswelten zeigt, wie die digitale Transformation, eine neoliberale Arbeitsmarktpolitik sowie eine zunehmende Ökonomisierung und Prekarisierung die Wünsche Vieler formen und weit über das rein Geschäftliche in ihre privaten Alltagswelten hineinreichen. Wie das Freiheitsstreben der mobilen WebworkerInnen mit den Bedingungen eines »flexiblen Kapitalismus« (Sennett) ineinandergreift, wird in diesen Fallstudien ausgeleuchtet. Dabei zeigt sich, wie das mobile Arbeiten auf bestehende gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Verhältnisse zurückwirkt und soziale Ungleichheiten und kapitalistische Strukturen reproduziert.

Es liegt in der Natur der digitalen Transformation, dass sich diese sehr schnell vollzieht. Während meiner Forschungs- und Verschriftlichungsphase war ich deshalb mit einem kontinuierlichen Wandel konfrontiert, dem ich methodisch Rechnung getragen und in die Arbeit integriert habe. Was jedoch niemand absehen konnte, war die abrupte Veränderung der Arbeitswelt und der globalen Mobilitätsregime durch die Corona-Krise im Frühjahr 2020, in der letzten Überarbeitungsphase meiner Arbeit, in der ich ihr lediglich den letzten Schliff verpasste. Aufgrund dessen, dass mir bereits eine finale Version meiner Forschungsergebnisse aus den Jahren 2015 bis 2019 vorlag, entschied ich mich dafür, diese gravierenden Umbrüche nicht mehr in meine Arbeit aufzunehmen. Es wäre sicherlich ein sehr spannendes Forschungsdesiderat für eine neue Arbeit, sich mit den vielfältigen Auswirkungen und Nachwirkungen der Krise zu befassen, über die sich zum Zeitpunkt der Einreichung der Dissertation nur mutmaßen lässt.

I. Konturen der Arbeitsmarkttransformation

1 Digitales NomadInnentum im Spiegel der Arbeitsmarkttransformation

Digitale Transformation und Globalisierung führen zu einer weltweiten Verschiebung der Macht von den Nationalstaaten auf globale Märkte und in digitale Räume. Geschäftsmodelle wie Airbnb, Uber oder Crowdworking untergraben staatliche Arbeitsmarktregularien und soziale Sicherungssysteme. Risiko und Verantwortung werden unter dem Deckmantel der Freiheit auf die einzelnen AkteurInnen abgewälzt. Scheitern wird so zu einer scheinbar persönlichen Angelegenheit, systemimmanente Schwachstellen werden personifiziert. Besorgte Stimmen aus den Reihen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden laut, die vor einem wachsenden Heer proletarischer TagelöhnerInnen warnen und staatliche Regulierung fordern, während viele der Betroffenen nach mehr Deregulierung rufen. Sascha Lobo bündelt diese Phänomene unter dem Begriff des Plattform-Kapitalismus¹, der als neue Wirtschaftsordnung nicht nur Branchen neu strukturiert und ein Reagieren von Seiten des Staates auf neue Marktmechanismen notwendig macht, sondern auch Bilder, Ideologien, Machtwirkungen und Praxen im Hinblick auf Arbeit und Lebensführung verändert, und neue Macht-Wissen-Komplexe und Subjektivierungsformen im Sinne Michel Foucaults herausbildet. Die Veränderungen, die mit der digitalen Transformation einhergehen, werden auch unter dem Begriff New Work diskutiert. Geprägt wurde der Begriff von dem amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann. Basierend auf der Annahme, dass das bisherige Arbeitssystem aufgrund zunehmender Vernetzung überholt sei, sehen er und seine AnhängerInnen die Zukunft der Arbeit in den Werten Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an einer (digitalen) Gemeinschaft (vgl. Bergmann/Schumacher 2008).

Die Erfahrungen in der Postfordistischen Arbeitswelt² – Entgrenzung, Flexibilisierung, Subjektivierung und Prekarisierung, wie auch Entfremdung durch das Abarbeiten von Arbeitsfragmenten, die als Nebenprodukte der digitalen Transformation in den Unternehmen entstanden sind und stark an die fordistische Fließbandarbeit erinnern –, lassen den von Luc Boltanski und Ève Chiapello beschriebenen Sehnsuchtsort einer freien und selbstbestimmten KünstlerInnen-Existenz (vgl. Boltanski/Chiapello 2003) neu aufleben, und dank moderner Technologien massentauglich werden.

Mit dem Aufkommen von digitalen Plattformen und der Sharing Economy steht zudem wieder einmal der Traum von einer Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Raum, der in der Geschichte der Menschheit von der Französischen Revolution 1789 bis hin zur kalifornischen Ideologie in den 1990er Jahren immer wieder zu realisieren versucht wurde. Leitbilder, mittels derer neue gesellschaftliche Utopien gezeichnet werden, sind Open Access, Transparenz, Demokratisierung und Enthierarchisierung. Dabei lässt sich eine kulturelle Aufladung von Ökonomisierungsprozessen mit revolutionären Werten und Leitbildern beobachten, die die Utopien von Open Access und ubiquitärer Zugänglichkeit – für viele unbemerkt – ad absurdum führen. Insgesamt entpuppen sich digitale Plattformen Tiziana Terranova zufolge als »jüngste Inkarnation der unerschöpflichen Suche nach neuen Märkten«, die die neuen proletarisierten Internet-ArbeiterInnen in die Ökonomie der »kontinuierlichen Innovation« mit immer schnelleren Innovationsrhythmen einspeist (Terranova 2000: 39–40). Die zunehmende Innovationsgeschwindigkeit neuer Märkte und digitaler Geschäftsmodelle, vor allem aber ihre Position als Mittlerplattform ohne Verantwortung für Inhalte stellen die Gesellschaft vor Herausforderungen. Auch die transnationalen Strukturen digitaler Plattformen werden zu einem gesellschaftlichen Problem, denn sie ermöglichen ein Agieren in gesetzlichen Grauzonen jenseits nationalstaatlicher (Steuer-)Gesetzgebung. Die diskutierten Gesetze zur Besteuerung von digitalen Plattformen im EU-Raum sind dabei nur ein Teil der anstehenden Strukturreformen. Mindestens genauso wichtig sind die Anpassung von Bildungs- und Arbeitsmodellen an die neuen Möglichkeiten, die die digitale Transformation bietet, und an die Herausforderungen, die sie mit sich bringt.

Auf diesem Nährboden von digitaler Transformation und Plattformkapitalismus ist die Szene der digitalen NomadInnen entstanden. Mit dem Begriff erfasse ich all jene, die ihr Einkommen als Selbstständige, UnternehmerInnen oder Angestellte mittels digitaler Technologien generieren beziehungsweise dies anstreben. Digitale Geschäftsmodelle sollen ihnen einen ortsunabhängigen Lebensstil ermöglichen. Die mobilen WebworkerInnen verkörpern das Bild der selbstbestimmten und ortsungebundenen WissensarbeitersInnen und stehen für flexible Erwerbstätigkeit im wissensintensiven Dienstleistungssegment. In der Umsetzung aber werden auch sie mit prekären Arbeitssituationen konfrontiert. Ich spreche von einer Szene, da das Feld der digitalen NomadInnen sowohl von innen als Szene attribuiert wird, als auch von außen betrachtet die Kriterien einer Szene erfüllt, die der Szene-Forscher Ronald Hitzler als relevant definiert: Ein geteiltes Set an Einstellungen und Werten, sowie das Vorhandensein von Szenetreffpunkten und Szenemedien (vgl. Hitzler et al. 2001). Das digitale NomadInnentum als übergeordnetes Leitbild der mobilen WebworkerInnen stellt dabei sowohl ein mediales Konstrukt und eine Zuschreibung dar, als auch eine Selbstbeschreibung der auf Ortsunabhängigkeit und Mobilität zielenden WebworkerInnen. Die SzenegängerInnen teilen die Einstellung, dass das aktuelle Arbeitssystem aufgrund zunehmender Vernetzung überholt sei. Sie sehen die Zukunft der Arbeit in den Werten Selbstständigkeit und Freiheit durch den Aufbau digitaler, ortsunabhängiger Geschäftsmodelle, und Teilhabe an einer (digitalen) Gemeinschaft in Form der Szenebewegung. Die digitale NomadInnenszene manifestiert sich an digitalen und analogen Szenetreffpunkten weltweit. Entstanden ist die Szenebewegung der digitalen NomadInnen in den USA. Sie wurde im Jahr 2012 von den heutigen Szeneikonen in den deutschsprachigen Raum gebracht. Den Ikonenbegriff entlehne ich dem Feld zur Bezeichnung der vier Personen, auf die die Entstehung der digitalen NomadInnenszene im deutschsprachigen Raum zurückzuführen ist: Conni Biesalski, Tim Chimoy und das Paar Felicia Hargarten und Marcus Meurer. Der Begriff markiert deren Vorbildfunktion und Meinungsführerschaft in der Szene. Die vier Ikonen begründen als Vorbilder und MeinungsführerInnen die Entstehung der deutschsprachigen, virtuell und analog organisierten digitalen NomadInnenszene. Diese bietet als eigene Diskursgemeinschaft Anknüpfungspunkte für die mobilen WebworkerInnen, und unterscheidet die mobilen WebworkerInnen von der breiten Masse an KreativarbeiterInnen.

Ähnlich wie in der Kreativwirtschaft³ scheint das primär verbindende Element ein Diskurs – ein Konstrukt aus Idolen, Idealen und Utopien – der sich durch starke Stereotypenbildung und Abgrenzung gegenüber dem negativ besetzten Angestelltenstereotyp auszeichnet (vgl. z. B. Friebe/Lobo 2006; Lange et al. 2009b; Huber 2012). Nicht mehr Sicherheit und Karriere, sondern Freiheit, Selbstverwirklichung und Sinn dominieren das Bild vom »guten Leben«. Dem Joch der Angestellten und »abhängiger« Routinearbeit mit vorhersehbaren Lebensläufen wird das Bild der aktiven und selbstbestimmten SolounternehmerInnen gegenübergestellt: »I choose freedom«,⁴ »Lebe und arbeite nach deinen eigenen Regeln«⁵ und »Reise und lebe intensiver. Arbeite ortsunabhängig von überall auf der Welt«⁶. Bilder der Werbeindustrie aus dem IT-Bereich, aber auch Chats und Foren innerhalb der Digitalen-NomadInnen-Szenen, die sich via Internet gebildet haben, versprechen ganzjähriges Urlaubsfeeling durch das Arbeiten am Strand, unter Palmen oder im Café. »Workation« nennen sie diese Art des Arbeitens, ein Neologismus aus »work« und »vacation«. Ein neues Gemeinschaftsgefühl, betitelt mit dem Schlagwort »sharing is caring«, wird in den Fokus gerückt und betont die herausragende Rolle der für das ökonomische Überleben notwendigen Akkumulation und Organisation von sozialem Kapital. Zum Teil muten die mobilen WebworkerInnen wie die neuen Aussteiger an, wie die Hippies des digitalen Zeitalters, die sich auf Tim Ferriss »4‑Stunden-Woche« (Ferriss 2010) berufen.⁷ Diesem Bild stehen jedoch die Selbstdisziplinierung und das Erfolgsstreben vieler der mobilen WebworkerInnen entgegen. Minimalismus in Bezug auf materiellen Besitz und mobile Arbeitsmittel sollen für Übersichtlichkeit in einer materialistischen, unübersichtlichen Welt sorgen, Prekarität sowohl im Sinne eines niedrigen Einkommens als auch unsicherer Erwerbsbedingungen wird in diesen medialen Inszenierungen und Rhetoriken oft heroisiert. Einige der genannten Charakteristika sind keineswegs neu, man kennt sie aus der Kreativbranche. Neu sind die räumliche Entgrenzung und globale Verbreitung, die extensive Nutzung digitaler Medien als Plattform für die Geschäftsmodelle, für Identitätsaushandlungen und Selfbranding, und die virale Rekrutierung neuer Szenemitglieder (und damit KundInnen) aus der Angestelltenwelt. Neu ist auch, dass diese Phänomene unter dem Label des digitalen NomadInnentums zu einer virtuell organisierten Szene zusammengefügt werden, die als Netzwerk Anknüpfungspunkte für alle jene bietet, die sich dieser Gemeinschaft zurechnen.

Das Phänomen des digitalen NomadInnentums steht symptomatisch für die Entwicklung von Teilen der Arbeitswelt, und wirkt zugleich auf diese zurück. An der Arbeitsmarkttransformation partizipieren die WebworkerInnen – zumindest aus ihrer Sicht – in avantgardistischer Weise, indem sie die im Zuge der digitalen Transformation entstandenen Plattformen, Technologien und Businessmodelle für die Erreichung ihrer Ziele, nämlich Orts- und Zeitunabhängigkeit, nutzen und weiterentwickeln. Primär handelt es sich dabei um die Akquise ortsunabhängiger Aufträge und die Generierung eines Marktes, der ihren mobilen Lebensstil erlaubt. So wird zum Beispiel für den Sprung vom Angestelltenjob in die selbstständige Ortsunabhängigkeit oft von Crowdworking und Clickworking⁸ Gebrauch gemacht. Mit zunehmender Erfahrung wird dann die Arbeit, die von Unternehmen auf Crowdworking-Plattformen wie oDesk oder Elane outgesourct wurde, erneut ausgelagert. Die Sharing Economy erleichtert den mobilen WebworkerInnen einen bei Ortsunabhängigkeit sinnvollen minimalistischen Lebensstil, und wird zugleich weiter auf deren Bedürfnisse hin angepasst und ökonomisiert: Zum Beispiel entsteht eine weltweite Infrastruktur an Co-Working-Spaces und Co-Living-Modellen. Co-Working-Spaces sind die »neuen« Büros der Kreativen und der mobilen WebworkerInnen. Sie bieten eine flexibel betretbare Arbeitsinfrastruktur (vgl. Lange/Wellmann 2009; Bender 2014; Friebe/Lobo 2006). Co-Living-Modelle bieten ein entsprechendes Äquivalent für das temporäre und mobile Leben an einem Ort. So ermöglicht das Start-up des österreichischen Unternehmers Bruno Haid, genannt Roam, für eine fixe monatliche Miete Co-Living-Spaces weltweit zu nutzen. Diesen Geschäftsmodellen ist gemein, dass sie, wie schon Airbnb und Uber, größtenteils global agieren, meist staatliche Arbeitsmarktregularien umgehen und weitere prekäre Arbeitsverhältnisse ohne soziale Absicherung und meist mit geringer Entlohnung produzieren. Auf der anderen Seite ermöglicht die weltweite digitale Vernetzung »globales Rosinenpicken« nicht nur für die Oberschicht und für Unternehmen. Digitale NomadInnen betreiben Geoarbitrage⁹, oder entwerfen globale Steuersparmodelle, die zum Beispiel über die Abmeldungen des deutschen Wohnsitzes bei nachfolgender Anmeldung eines Unternehmenssitzes im Ausland und Geldanlage in einem dritten Land funktionieren. Um diese Geschäftsmodelle und die daran geknüpften Lebensstilmodelle aufrecht erhalten zu können, wird Deregulierung oder zumindest die Aufrechterhaltung des Status quo der Gesetzgebung gefordert, wie sich aktuell zum Beispiel an den politischen Debatten über eine Verschärfung des Gesetzes zur Scheinselbstständigkeit oder die Rentenpflicht für Selbstständige manifestiert. Denn schärfere Gesetze und größere staatliche Regulierungen würden die Lebensstilmodelle der mobilen WebworkerInnen ins Wanken bringen. Insofern »promoten« sie durch ihre Strategien und Praktiken den deregulierten Markt in spezifischer Weise. Zugleich tragen sie durch ihre Praktiken dazu bei, dass die Aufmerksamkeit des deutschen Staates und auch von Staaten wie Thailand, an denen die Hotspots der WebworkerInnen entstehen und wachsen, zunehmend auf gesetzliche Grauzonen fällt. Dies lässt sich etwa an den Diskussionen um die Rentenpflicht für Selbstständige in Deutschland oder an einer verschärften Visapolitik Thailands ablesen: Sobald eine kritische Masse an Personen, die dem neuen Trend folgen, überschritten ist, findet Regulierung von bislang wenig oder deregulierten Praktiken statt.

Ziel dieser Arbeit ist die Analyse des Arbeits- und Lebensstils mobiler WebworkerInnen, die der Szene der digitalen NomadInnen folgen. Dazu frage ich nach den Bildern und Machtwirkungen, die als Motive hinter der Entscheidung für solch einen Arbeits- und Lebensstil stehen, um schließlich deren Interdependenzen mit dem Strukturwandel des Arbeitsmarktes herauszuarbeiten. Meine Hypothese ist, dass neue Machtstrukturen im Wesentlichen von digitalen Institutionen des Plattformkapitalismus als Spielart des Liberalismus geprägt sind und neue Wissenskomplexe und Praktiken hervorbringen. Dabei begründe ich die Zunahme flexibler Formen der Arbeit explizit nicht nur mit den strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes, um nicht die selbstbestimmten Entscheidungen der AkteurInnen zu vernachlässigen. Eine solche Perspektive ist strukturalistisch gedacht und beraubt die AkteurInnen ihrer Handlungsmacht, der sogenannten Agency. Sie werden gewissermaßen auf Re-AkteurInnen reduziert. Das aktive Streben nach und die Idealisierung von »atypischen« Beschäftigungsverhältnissen wird erst erklärbar, wenn man die Freiheitsdispositive und die Machtwirkungen ideologischer Bilder mitdenkt, wie sie medial vermittelt werden und auch in den Communitys der WissensarbeiterInnen kursieren. Die vorliegende Arbeit fokussiert daher auf das Wechselspiel zwischen dem Strukturwandel und dem Freiheitsstreben der AkteurInnen. Dazu stützt sie sich auf Foucaults Machtanalytik, insbesondere auf seine Gouvernementalitätstheorie. Sie nimmt liberale Technologien der Kontrolle und Subjektivierungsmechanismen in den Blick, die überlagert werden von den Machtwirkungen digitaler Institutionen und deren Einflussnahme auf die gesellschaftlich wirksamen Wirklichkeiten. Die zweite theoretische Säule bildet Ulrich Bröcklings Sozialfigur des Unternehmers seiner Selbst. Diese ermöglicht es, die Zielrichtung des diskursiven Idealbildes zu fassen, »auf welche die zeitgenössischen Technologien der Selbst- und Fremdführung zulaufen« (Bröckling 2004: 272). Auf diese Weise werde ich zeigen, dass die verschiedenen Formen der Befreiung von der als fordistisches Relikt gezeichneten Festanstellung, vom staatlichen »Zugriff« auf Steuern oder Arbeitsgesetze sowie von bürgerlichen Idealen wie Familie und Besitz in einen »Macht-Wissens-Komplex« im Sinne Foucaults eingebunden sind und dem Ethos des Entrepreneurships im Sinne Bröcklings folgen.

Mit Blick auf die Diskurse ethnographiere ich den mobilen Arbeits- und Lebensstil der WebworkerInnen. Ich arbeite heraus, wie die mobilen WebworkerInnen der digitalen NomadInnenszene mit der Arbeitsmarkttransformation umgehen, und wie sie Arbeit und Alltag gestalten und erleben. Insbesondere geht es mir darum, zu zeigen, welche neuen (Arbeits-)Praktiken die Diskurse und Machtstrukturen im Feld der digitalen NomadInnen hervorbringen, und wie diese wiederum auf szenespezifische und gesellschaftliche Diskurse und Machtstrukturen zurückwirken. Weil die Diskurse und Praktiken sich sowohl online (in Blogs, Facebook-Gruppen und auf einschlägigen Websites)¹⁰ wie offline manifestieren, arbeite ich die Verflechtungen und Interdependenzen zwischen den Online- und Offline-Diskursen im Feld sowie den Praktiken der mobilen WebworkerInnen heraus. Das Herzstück der Forschung bildet eine Multi-Sited-Ethnography mit mehreren mehrmonatigen Feldaufenthalten an den Knotenpunkten des Szenenetzwerkes in Thailand, Teneriffa und Bali, sowie in München. Dort habe ich teilnehmende Beobachtungen in einschlägigen Co-Working-Spaces durchführt. Ich lebte und arbeitete an den angesagten Hotspots der digitalen NomadInnen mit, führte Interviews und ethnografierte die analogen und digitalen Netzwerke.

Durch die neuartige Kombination von Konzepten mit dem Untersuchungsfeld der digitalen NomadInnen und die Rückbindung an gesellschafts- und arbeitsmarktpolitische Problemfelder stoße ich in eine gesellschaftlich wie wissenschaftlich relevante Forschungslücke. Obwohl zu den Spielarten des Postfordismus, zu kreativer Arbeit, Subjektivierung, Prekarisierung, Mobilität und Mobilisierung im Feld der Wissensarbeit schon genügend Studien vorliegen (vgl. Götz et al. 2015; Götz/Huber 2010; Herlyn et al. 2009; Voß 1991; Pongratz/Voss 2003; Moldaschl/Voß 2003a), so wurde nur selten anhand einer differenzierten Fallstudie aufgezeigt, wie postfordistische und fordistische Logiken, Denkstile, Diskurse, Praktiken und Ästhetiken in diesem Feld mit Institutionen der Macht wie Amazon, Google et cetera und deren Geschäftsmodellen ineinandergreifen – und wie dies narrativ reflektiert und legitimiert wird.

II. Strukturen der Szene

2 Drei Perspektiven auf die Szene

»Die digitalen Nomaden-Szene ist eine Szene, weil sie die Merkmale einer Szene erfüllt: gemeinsame Treffen, ein Set von Einstellungen, Freiheitsliebe, Faszination von anderen Kulturen, und eine gewisse Affinität zu Online. Der Drang nach einem selbstbestimmten Leben, der Drang, sich nicht wiederzufinden in Konzernjobs oder solchen Dingen, und eine gewisse Risikofreude.« (Interview: Erwin, 12. 1. 2017, München)

Zur Beschreibung der digitalen NomadInnenszene greife ich auf Ronald Hitzlers Konzept der Szene als Interaktionsgeflecht zurück. Dieses beschreibt Szenen als diffuses, dynamisches und fluides, und dennoch strukturiertes Netzwerk (vgl. Hitzler et al. 2001). Hitzlers Szenekonzept bietet sich als Gliederungsschema an, da das Netzwerk der digitalen NomadInnen-Szene zuvorderst durch Interaktionen der AkteurInnen sowohl online als auch offline entsteht, und durch diese aufrechterhalten und weiterentwickelt wird. Der Netzwerkbegriff impliziert eine gewisse Strukturhaftigkeit, ein

»Arrangement von Akteuren, die einerseits bestimmte, sozusagen dem unabdingbaren Kern der szenischen Kultur angehörende mentale Dispositionen und materiale Ausdrucksformen teilen, andererseits aber aufgrund bestimmter Stilrichtungen bzw. Ausprägungen eben dieser mentalen Dispositionen und Ausdrucksformen unterschiedliche Positionen, Motive und Kompetenzen innehaben.« (Hitzler et al. 2001: 212)

Mithilfe Hitzlers Szenekonzept kann die Komplexität der Positionen und Perspektiven im Feld erklärt und eingeordnet werden. Das Konzept ermöglicht es, das Arrangement der AkteurInnen zu fassen, indem es ein Gliederungsschema anbietet, das die SzenegängerInnen in Szene-Eliten, Szenekern und Szenepublikum einteilt. Dieses Schema übernehme ich, modifiziere es jedoch hinsichtlich der Bezeichnung der Szene-Eliten. Statt von Szene-Eliten spreche ich in dieser Arbeit von Ikonen, wie bereits an den Ausführungen in den vorherigen Kapiteln deutlich wurde. Der Begriff stammt aus dem Feld, und bezeichnet die Vorreiterrolle, Meinungsführerschaft und die monetär elitäre Stellung der Ikonen Conni Biesalski, Tim Chimoy, Felicia Hargarten und Marcus Meurer innerhalb der Szene. Darüber hinaus verweist die Ikonenmetapher darauf, dass die Ikonen über eine auratische Ausstrahlung und Anziehungskraft verfügen, aufgrund derer die SzenegängerInnen ihnen folgen (vgl. Kapitel 3.1 Zusammenhalt im Inneren: Ikonen als Identifikationsfiguren). Auch der Szenekern verfügt über Bekanntheit in der Szene. Die Mitglieder des Szenekerns stehen, um mit Hitzler zu sprechen, »auf der (nicht selten medial erzeugten) Bühne« (Hitzler et al. 2001: 214). Das Szenepublikum nimmt aktiv am Szene-Geschehen teil oder verfolgt die Geschehnisse eher passiv über virtuelle Kanäle (vgl. Kapitel 3.2 Binnendifferenzierungen: Szenekern und Szenepublikum).

Zugleich kann das Feld der digitalen NomadInnen als Ort sozioökonomischer Aushandlungsprozesse und damit als Markt betrachtet werden. Die Geschäftsmodelle der Szene-Ikonen und der meisten SzenegängerInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Lebensstil der digitalen NomadInnen an andere digitale NomadInnen vermarkten. Ich beschreibe die Szene deshalb als selbstreferenziellen Markt. Den Begriff entlehne ich von Holm Friebe und Sascha Lobo, die diesen zur Beschreibung der Marktstrukturen in den Zirkeln der digitalen Bohème verwendeten (vgl. Friebe/Lobo 2006). Selbstreferenzielle Märkte entstehen den beiden Autoren zufolge dadurch, dass

»Menschen, die an etwas teilhaben und langfristig selbst davon profitieren wollen, […] häufig die besten Kunden [sind]. Sie tragen so – ähnlich einer selbsterfüllenden Prophezeiung – dazu bei, dass die Märkte, von denen sie selbst einmal leben möchten, überhaupt erst entstehen.« (Friebe/Lobo 2006: 143)

Übertragen auf das Feld der digitalen NomadInnen bedeutet dies: Entstanden ist der Szenemarkt durch die Vermarktung des Lebensstils mobiler WebworkerInnen an (künftige) WebworkerInnen. Die KundInnen der meisten WebworkerInnen sind selbst mobile WebworkerInnen (oder wollen es werden). Den daraus entstehenden Szenemarkt verstehe ich aufgrund der Vermengung von Szene- und Marktstrukturen als sozialen und kulturellen Raum, an dem Zuschreibungen und Aushandlungen von Bedeutung und Wert stattfinden, und an dem um Deutungs- und Handlungsmuster gerungen wird. Dabei werden soziale Zusammenhänge über Wahlhandlungen der MarktteilnehmerInnen hergestellt, die auf Preise, Transaktionen und Wettbewerb ausgerichtet sind. Der Markt wird damit zu einem sozialen Spielfeld, auf dem nicht weniger als eine szenespezifische soziale Ordnung erzeugt und verhandelt wird (vgl. Foucault 2004b; Bourdieu/Schwibs 2007; Bröckling 2015; Manske 2009). Diese Ordnung bezeichne ich nach Ulrich Bröckling als »Klassengesellschaft der Entrepreneure« (Bröckling 2015: 14). Sie zeichnet sich dadurch aus, dass zwar alle »im Wettbewerb« um eine ähnliche Zielgruppe stehen, aber nicht »in der gleichen Liga« spielen: »Ein Abstieg aus den höheren Klassen mag erniedrigend sein, weiter unten geht es im Extrem ums schiere Überleben« (Bröckling 2015: 14). Bröcklings Ligen-System deckt sich weitestgehend mit Hitzlers Gliederungsschema. Es veranschaulicht zusätzlich die starken monetären Hierarchien, die das Feld der digitalen NomadInnen charakterisieren (vgl. Kapitel 4.2 »Klassengesellschaft der Entrepreneure«: monetäre Szenehierarchien).

Eine dritte Perspektive auf das Feld bildet die Denkrichtungen im Feld ab, die die Ikonen als Vorreiter und MeinungsführerInnen in die Szene getragen haben. Die Denkrichtungen bilden zugleich die von den Ikonen bearbeiteten Marktsegmente ab. Da die Ikonen als Persönlichkeiten im Fokus stehen, und die Marktsegmente jeweils mit einer der Ikonen verbunden sind, spreche ich von »Denkschulen«. Den Begriff »Denkschulen« nutze ich zur Klassifikation der Denkrichtungen, die sich vornehmlich an den Bildern und Diskursen ausrichten, die die Ikonen initiierten. So spricht die Denkschule des Paares Felicia Hargarten und Marcus Meurer primär diejenigen an, die sich noch nicht oder gerade eben aus der Festanstellung befreit haben. Ihre AnhängerInnen befinden sich dementsprechend in der Planungs- und Initiierungsphase ihres mobilen Business-Konzeptes. Dagegen richtet sich Tim Chimoy primär an diejenigen, die sich bereits in der Konsolidierungsphase sowohl ihres Business als auch des mobilen Lebensstils befinden. Conni Biesalski bearbeitet das dritte Marktsegment. Sie bringt digitales NomadInnentum mit Spiritualität, Yoga und Meditation zusammen. Zur Bearbeitung ihrer jeweiligen Marktsegmente haben die Ikonen jeweils eigene Geschäftsmodelle und Strategien entwickelt.

3 Szene als Interaktionsgeflecht

3.1 Zusammenhalt im Inneren: Ikonen als Identifikationsfiguren

Als Ikonen verfügen Conni Biesalski, Tim Chimoy, Felicia Hargarten und Marcus Meurer über medial vermittelte Bekanntheit und Anerkennung in der Szene, wie ich in diesem Kapitel anhand von Stimmen der SzenegängerInnen zeigen werde. Sie stehen für die Demonstration der Machbarkeit des ortsunabhängigen Lebens und Arbeitens, und nehmen eine Vorreiterrolle im Feld der deutschsprachigen digitalen NomadInnen ein. Die Szene halten sie über die Administration digitaler Plattformen und die Organisation von Szene-Events zusammen. Dazu zählen Blogs und Facebook-Gruppen für die WebworkerInnen, Konferenzen und Co-Workations¹¹. Auf solchen virtuellen und analogen Plattformen wird, wie der Szeneforscher Ronald Hitzler betont,

»›greifbar‹ bzw. festgemacht, was ansonsten eben nur nebulös existiert: die Szene, die sich von Ereignis zu Ereignis immer wieder neu zu erschaffen vermag und deren Ereigniskette letztlich doch im Strom der Zeit abzusinken droht.« (Hitzler et al. 2001: 217)

Die Ikonen gelten als TrendsetterInnen und MeinungsführerInnen und beeinflussen maßgeblich die Szene-Entwicklung, indem sie

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