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Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968
Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968
Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968
eBook652 Seiten7 Stunden

Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968

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Über dieses E-Book

Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968

Berlin 1968 – Band 56 bis 60

von Tomos Forrest & A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 541 Taschenbuchseiten.

 

Diese Band enthält folgende Romane:

Tomos Forrest & A. F. Morland: Früh übt sich der Mörder… Berlin 1968 – Band 56

Tomos Forrest & A. F. Morland: Tödlicher Anschlag in Tegel Berlin 1968 – Band 57

Tomos Forrest & A. F. Morland: Der Gerechte muss viel morden Berlin 1968 – Band 58

Tomos Forrest & A. F. Morland: Rendezvous mit meinem Mörder Berlin 1968 – Band 59

Tomos Forrest: Wer den Capo reizt... Berlin 1968 – Band 60

 

Endlich einmal ein Ding drehen, das ihn vor seinen Komplizen auszeichnete und vor allem seinem großen Bruder bewies, dass Freddy Schäfer die gleichen Qualitäten besaß wie der bekannte Schwerverbrecher. Doch der Überfall misslingt, und Freddy erschießt dabei einen Mann. Es gibt einen Augenzeugen, und der lässt sich so leicht nicht von den Verbrechern einschüchtern. Doch dann wird es für ihn und Privatdetektiv Bernd Schuster, der ihn beschützen will, lebensgefährlich. Schäfer will in jedem Fall verhindern, dass der Zeuge aussagen kann…

SpracheDeutsch
HerausgeberBEKKERpublishing
Erscheinungsdatum2. Jan. 2022
ISBN9798201621971
Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968
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Autor

A. F. Morland

A. F. Morland schrieb zahlreiche Romane und ist der Erfinder der Serie Tony Ballard.

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    Buchvorschau

    Tegel-Tote - A. F. Morland

    Tegel-Tote: 5 Krimis aus dem Berlin des Jahres 1968

    Berlin 1968 – Band 56 bis 60

    von Tomos Forrest & A. F. Morland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 541 Taschenbuchseiten.

    Diese Band enthält folgende Romane:

    Tomos Forrest & A. F. Morland:  Früh übt sich der Mörder...  Berlin 1968 – Band 56

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Tödlicher Anschlag in Tegel  Berlin 1968 – Band 57

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Der Gerechte muss viel morden  Berlin 1968 – Band 58

    Tomos Forrest & A. F. Morland: Rendezvous mit meinem Mörder  Berlin 1968 – Band 59

    Tomos Forrest:  Wer den Capo reizt...  Berlin 1968 – Band 60

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker

    © Roman by Author

    Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

    Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

    © dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

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    Früh übt sich der Mörder...

    Berlin 1968 Kriminalroman Band 56

    von Tomos Forrest & A. F. Morland

    Endlich einmal ein Ding drehen, das ihn vor seinen Komplizen auszeichnete und vor allem seinem großen Bruder bewies, dass Freddy Schäfer die gleichen Qualitäten besaß wie der bekannte Schwerverbrecher. Doch der Überfall misslingt, und Freddy erschießt dabei einen Mann. Es gibt einen Augenzeugen, und der lässt sich so leicht nicht von den Verbrechern einschüchtern. Doch dann wird es für ihn und Privatdetektiv Bernd Schuster, der ihn beschützen will, lebensgefährlich. Schäfer will in jedem Fall verhindern, dass der Zeuge aussagen kann...

    1

    „Seid ihr soweit?, fragte Freddy Schäfer seine beiden Komplizen. „Kann’s losgehen?

    Sie standen in einer schmalen Gasse. Hinter ihnen versperrte ein Maschendrahtzaun den Durchgang. Dahinter war haufenweise Müll über den Boden verstreut, für den sich niemand zuständig fühlte.

    Ein Paradies für Ratten.

    Und als Ratten konnte man auch die drei Jugendlichen bezeichnen, denn ihre Absicht war es, die gegenüberliegende Apotheke zu überfallen.

    „Von mir aus kannst du das Startzeichen geben, Boss, sagte Michael „Micki Nadler. Er ordnete sich gern unter, und Freddy Schäfer hörte es wahnsinnig gern, wenn einer Boss zu ihm sagte. Er hatte ein enormes Geltungsbedürfnis.

    „Also dann, sagte Schäfer. „Packen wir’s!

    Jonas Thaler zog die Pistole aus dem Gürtel. Schäfer hatte sie ihm verschafft.

    „Noch nicht, sagte Freddy Schäfer ärgerlich. Er legte die Hand auf Thalers Arm und schüttelte unwillig den Kopf. „Hast du nicht alle Tassen im Schrank, Junge? Du kannst doch nicht einfach mit ’ner Kanone in der Faust die Straße überqueren! Thaler schob die Waffe wieder an ihren Platz. Freddy Schäfer seufzte. „Ich hätte dich nicht mitnehmen sollen. Du taugst nichts."

    „Aber ja, beschwichtigte ihn Michael Nadler. „Lass ihn erst mal warmlaufen, Boss, dann wird er schon spuren.

    Schäfer stieß die Luft geräuschvoll aus. Er war groß, überragte seine Komplizen um einen Kopf. Er sah auch gut aus, hatte kastanienbraunes Haar und himmelblaue Augen. Man hätte beinahe meinen können, er könnte kein Wässerchen trüben. Aber nun war er dabei, dieses Image gründlich zu zerstören.

    „Wir plündern die Kasse und das Suchtgiftlager, und dann nichts wie weg", sagte er.

    „Das haben wir schon gut ein Dutzendmal besprochen", sagte Nadler.

    „Einmal mehr schadet nicht. Überhaupt bei so ’nem Hohlkopf wie diesem. Schäfer wies geringschätzig auf Thaler. „Sollten wir auf unerwartete Schwierigkeiten stoßen, dann versucht jeder auf eigene Faust seine Haut zu retten.

    „Ist alles klar", sagte Nadler.

    „Gut", sagte Schäfer. Er musterte Jonas Thaler mit einem letzten Blick. Dann gab er das Zeichen, und sie setzten sich in Bewegung.

    Irgendwo hatten sie’s abgeguckt. Vielleicht im Kino. Oder vom Fernsehen.

    Beinahe würdevoll gingen sie das Verbrechen an. Ihr erstes dieser Art. Natürlich hatten sie schon vorher kleine Dinger gedreht, aber so etwas noch nie, und Freddy Schäfer war der Ansicht gewesen, dass es dafür endlich an der Zeit war. Man muss vorwärtsstreben, wenn man im Leben etwas erreichen will. Für Freddy Schäfer hatte dieser Wahlspruch diesseits und jenseits der Gesetze seine Gültigkeit.

    Natürlich war auch er bewaffnet. Er besaß sogar einen amerikanischen Revolver aus alten Armeebeständen. Das war die größte Waffe von allen. Schließlich fühlte er sich als Boss der Mini-Bande.

    Er war nervös, als er die Fahrbahn überquerte, aber er ließ es sich nicht anmerken. Michael und Jonas sollten denken, dass er weit über der Sache stand, dass er davon überzeugt war, richtig und effektvoll zu handeln.

    Die Apotheke war nicht groß. Ein unscheinbarer Laden. Das Portal war so alt wie der Besitzer. Gerade deshalb hatte sich Schäfer für dieses „Pillen-Geschäft" entschieden.

    Als Erster erreichte er die gegenüberliegende Straßenseite. Er sah sich unauffällig um. Ein Wagen fuhr die Straße entlang, kam an ihnen vorbei, rollte weiter. Der Fahrer würdigte sie keines Blickes. Freddy Schäfer atmete tief durch. Dann griff er nach der Messingklinke und drückte die Tür auf. Zu dritt traten sie ein.

    Der Laden war nicht übersichtlich angeordnet. Es gab mehrere Regale, hinter denen man sich verstecken konnte. Vom Apotheker war nichts zu sehen, obwohl die aufschwingende Tür eine kleine Glocke in Bewegung gesetzt hatte.

    Schäfer wurde unsicher. Mit dieser Situation hatte er nicht gerechnet.

    „He!", rief er.

    Hinter einem der Regale trat ein grauhaariges Männchen hervor. Sein Gesicht war faltig, der Hals ebenfalls, die Gestalt leicht nach vorn gebeugt und mager. Eine Nickelbrille saß auf der scharfkantigen Nase.

    „Sie wünschen?", fragte der Apotheker.

    „Den ganzen Zaster, der sich in deiner Kasse befindet, Opa, sagte Schäfer und zog seinen Revolver. „Ich rate dir, zu spuren, sonst mache ich dir ein Loch in die Figur.

    Michael Nadler und Jonas Thaler zauberten ebenfalls ihre Waffen hervor. Der alte Apotheker wurde blass. Freddy Schäfer nahm ihm die Brille von der Nase, ließ sie auf den Boden fallen und trat darauf. Das Glas knirschte.

    „Warum haben Sie das getan?", fragte der alte Mann.

    „Damit du uns nicht so gut sehen kannst", erwiderte Schäfer grinsend.

    Sie hatten lange diskutiert, ob sie mit oder ohne Masken auftreten sollten.

    Thaler war für die Maske gewesen. Natürlich Jonas, denn er war feige. Michael Nadler und Freddy Schäfer hatten sich jedoch gegen die Maske entschieden. Sie wollten nicht darunter schwitzen, und da sie in dieser Gegend keiner kannte, sahen sie keine Notwendigkeit, sich zu maskieren.

    „Los, los, Alter!, knurrte Schäfer ungeduldig. „Komm aus den Startlöchern, sonst mach' ich dir Beine! Er versetzte dem Apotheker einen Stoß. Der Mann taumelte hinter das Verkaufspult zur Kasse. Schäfer folgte ihm. „Öffnen!", verlangte er.

    Der Apotheker kam seiner Aufforderung nach. Sobald die Kasse offen war, griff er nach der kleinen Astra Pistole, die er neben dem Geld aufbewahrte.

    Aber Schäfer hatte gute Augen. Ihm entging nicht, was der Alte tun wollte. Wut wallte in ihm hoch. Er schlug mit dem Griff des Revolvers zu. Der Apotheker ächzte, verzerrte das Gesicht und ging zu Boden. Aber er war nicht sofort bewusstlos.

    Während sich Freddy Schäfer und seine Komplizen auf das Geld stürzten, löste der Alte die Alarmanlage aus. Darauf reagierte Jonas Thaler mit Panik.

    „Ach, du liebe Lotte!", stieß er entsetzt hervor.

    „Schmeiß jetzt nur nicht die Nerven weg!", riet ihm Schäfer.

    „Die Alarmanlage ... Wir müssen weg, Freddy!", keuchte Thaler.

    „Jonas hat recht, sagte Michael Nadler. „An die Drogen kommen wir jetzt nicht mehr.

    Schäfers Augen wurden schmal. Er richtete seine Waffe auf den Alten.

    „Der verfluchte Hund ..."

    „Lass ihn, Boss!", sagte Nadler.

    „Ich hätte Lust, ihn umzulegen."

    „Wir werden uns ein andermal dafür revanchieren, okay?"

    Die drei Jugendlichen eilten zur Tür. Zweitausend Mark hatten sie erbeutet. Schäfer war unzufrieden. Aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern.

    Draußen schrillte die Alarmglocke.

    Und es reagierte auch jemand darauf.

    Ein junger Mann, Anfang dreißig, in Sweater und verwaschenen Jeans. Blond gelockt und braungebrannt. Ein Handwerker. Mit Fäusten, die so manchen Zahn einschlagen konnten. Mit Händen, die hart zupacken konnten.

    Keine Sekunde dachte der Mann daran, dass er sein Leben aufs Spiel setzte. Jemand hatte den Apotheker überfallen, und er wollte dem Mann helfen. Das war wichtig. Alles andere stellte er hintenan.

    Mit langen Sätzen rannte er den Bürgersteig entlang. Die drei jugendlichen Verbrecher traten aus der Apotheke. Als Jonas Thaler den Arbeiter sah, prallte er zurück. Auch Nadler war für einen Moment ratlos.

    Jetzt konnte sich Freddy Schäfer hervortun und den andern zeigen, dass sie kleine Lichter gegen ihn waren. Er nutzte die Chance. Sein Revolver zuckte hoch. Er zielte nicht lange, hatte gar nicht die Absicht, den Anstürmenden zu töten. Er wollte ihn bloß stoppen. Aber er drückte zu überhastet ab. Vielleicht verriss er die Waffe auch geringfügig. Sofort löste sich krachend der Schuss.

    Und der Mann rannte nicht mehr weiter. Die Kugel stieß ihn zurück. Er presste beide Hände gegen die Brust. Blut war zwischen seinen Fingern zu sehen, und als er lang auf dem Asphalt aufschlug, lebte er nicht mehr.

    Freddy Schäfer hatte seinen ersten Mord begangen ...

    2

    Die drei jugendlichen Verbrecher wussten nicht, dass es einen Augenzeugen gegeben hatte: Dr. Karsten Mehler. Er hatte alles mit angehört und mit angesehen. Als Freddy Schäfer mit seinen Freunden in die Apotheke gekommen war, hatte Dr. Mehler mit dem Apotheker hinter dem Regal gestanden.

    Als der Raub dann über die Bühne ging, hatte Dr. Mehler keine Veranlassung gesehen, hinter dem Regal hervorzutreten. Im Gegenteil. Mucksmäuschenstill hatte er sich verhalten, damit die Verbrecher nichts von seiner Anwesenheit mitkriegten. Jetzt kam er zum Vorschein.

    Sein Gesicht war wächsern, und er zitterte. Der Überfall hatte ihn geschockt. Als draußen der Schuss gefallen und der Arbeiter zu Boden gestürzt war, hatte Dr. Mehler das Gefühl gehabt, ein Messer würde ihm tief unter die Haut dringen.

    Er war nicht groß, hatte einen grauen Seehundbart und eine Halbglatze. Seine Augen blickten im Moment ruhelos. Zögernd setzte er seine Schritte. Er brauchte einige Sekunden, um sich wieder zu fassen.

    Die jugendlichen Raubmörder waren inzwischen verschwunden. Dr. Mehler fasste sich ein Herz und eilte zu dem bewusstlosen Apotheker.

    Draußen machte die Alarmanlage immer noch Radau. Mehler hoffte, dass er bald Unterstützung kriegen würde. Er sank neben den Apotheker auf die Knie, fühlte dessen Puls.

    „Herr Bethmann, sagte er mit belegter Stimme. „Herr Bethmann! Er tätschelte die Wangen des Mannes. „Herr Bethmann!"

    Der Apotheker kam nicht zu sich. Dr. Mehler stand auf. Er blickte sich um. Seine Augen streiften das Telefon. Er griff nach dem Hörer und wählte den Polizeinotruf.

    „Hallo!, rief er aufgeregt, als die Verbindung zustande gekommen war. „Ich habe ein Verbrechen zu melden.

    „Was ist passiert?"

    „Raubüberfall. Drei jugendliche Verbrecher haben Herrn Bethmann, den Apotheker, überfallen. Sie haben die Kasse ausgeraubt, Bethmann niedergeschlagen und auf einen jungen Mann geschossen, der zu Hilfe eilen wollte. Der Mann liegt draußen auf dem Gehsteig. Ich glaube, er ist tot."

    „Wie ist Ihr Name?"

    „Mehler. Doktor Karsten Mehler."

    „Und die Adresse der Apotheke? Mehler nannte sie. „Darf ich Sie bitten, am Tatort zu bleiben, Doktor Mehler?

    „Selbstverständlich."

    „Und Sie verändern nichts."

    „Natürlich nicht."

    „Ich schicke sofort einen Wagen", versprach der Mann am anderen Ende der Leitung.

    Karsten Mehler legte auf. Er verließ kurz die Apotheke, um nach dem Angeschossenen zu sehen. Mit einem Blick stellte er fest, dass er für diesen Mann nichts mehr tun konnte. Daraufhin kehrte er in die Apotheke zurück und kümmerte sich wieder um Herrn Bethmann. Während er versuchte, die Lebensgeister des Apothekers wiederzuerwecken, überschlugen sich in seinem Kopf die Gedanken.

    Er würde eine Aussage machen müssen, und er versuchte rechtzeitig, Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen. Nichts durfte vergessen werden. Die kleinste Kleinigkeit konnte für die Beamten wichtig sein. Dr. Mehler war entschlossen, nichts für sich zu behalten, denn nur, wenn er den Polizeibeamten alles erzählte, bestand für diese die Möglichkeit, die Täter so rasch wie möglich dingfest zu machen.

    Diese verbrecherischen Jugendlichen hatten kein Recht, frei herumzulaufen. Je eher sie eingesperrt wurden, desto besser. Dann blieben andere Menschen vor ihnen verschont.

    Als der Streifenwagen eintraf, schlug der Apotheker endlich die Augen auf ...

    3

    Knut Maring öffnete die Tür. Der schlanke, beinahe hagere junge Mann lächelte die zarte brünette Frau, die er mitbrachte, aufmunternd an. Sie sah aus, als hätte sie geweint. Da sie nervös war, nestelte sie fortwährend an der Jacke ihres dunkelblauen Kostüms herum. Obwohl sie kaum geschminkt war, sah sie hübsch aus. Kurt, Besitzer einer kleinen Autowerkstatt und spezialisiert auf die Restaurierung von Oldtimern und besonders von alten Harley-Davidson-Motorrädern, half Bernd und Franziska immer einmal bei ihren Ermittlungen.

    Franziska Jahn - Bernd Schusters Lebensgefährtin und unersetzliche Hilfe - hob den Kopf, als die brünette Frau in das Vorzimmer der Detektei trat. Franziska schätzte die Brünette auf höchstens Anfang Zwanzig.

    „Hallo, Franziska", sagte Knut.

    „Tag, Knut. Dass man dich auch mal wiedersieht."

    „Darf ich dir Frau Elke Hahn vorstellen? Elke, das ist Franziska Jahn. Ein Goldstück."

    „Seit wann bist du unter die Schmeichler gegangen?"

    Knut zuckte mit den Schultern.

    „Manchmal habe ich so eine Ader."

    „Die leider bald wieder versiegt", sagte Franziska.

    „Ist der Chef da?", erkundigte sich Knut.

    „Ja. Er telefoniert gerade mit dem Staatsanwalt."

    „Hoffentlich ist er danach noch ansprechbar."

    „Brauchst du was von ihm?"

    „Hilfe, sagte Knut Maring. „Das heißt, eigentlich möchte Elke seine Hilfe in Anspruch nehmen. Ihr Mann wurde erschossen. Von Jugendlichen, die eine Apotheke überfallen haben.

    „Jan, mein Mann, wollte dem Apotheker zu Hilfe eilen, sagte Elke Hahn heiser. „Da haben diese Verbrecher ihn eiskalt abgeknallt.

    Franziska senkte den Blick.

    „Das tut mir leid. Ich habe davon in der Zeitung gelesen."

    „Elke hat mit Jan alles verloren, was für sie im Leben einen Wert gehabt hat, sagte Knut. „Ich bin mit ihnen seit vielen Jahren befreundet. Jan und ich saßen oft bei uns an der Ecke beim Schultheiß zusammen. Er war ein patenter Kerl. Ich kann verstehen, dass Elke nun nur einen einzigen Wunsch hat ...

    „... dass die Mörder ins Zuchthaus kommen!", sagte Elke Hahn hart.

    Die Tür von Bernd Schusters Büro öffnete sich. Der Privatdetektiv trat heraus.

    Er wirkte an diesem Tag besonders vital, und er machte einen äußerst zufriedenen Eindruck. Das bedeutete, dass das Telefonat mit dem Staatsanwalt so verlaufen war, wie er sich das vorgestellt hatte. Knut ging auf ihn zu.

    „Bernd, das ist Elke Hahn. Wenn du schon einen Blick in die Zeitung geworfen hast, dann weißt du, wen du vor dir hast."

    Bernd nickte. Er reichte der jungen Frau die Hand. Ihr Händedruck war leicht und zaghaft. Sie war sehr unsicher.

    „Was kann ich für Sie tun, Frau Hahn?", fragte er. Er machte dabei eine einladende Handbewegung. Elke ging zum Besucherstuhl und setzte sich. Knut ließ sie nicht allein. Er stellte sich hinter sie. Bernd bat Franziska, Kaffee zu kochen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch.

    „Elke möchte, dass die Mörder ihres Mannes ihre gerechte Strafe kriegen. Bernd", sagte Knut, als wäre er der Anwalt der jungen Witwe.

    „Das kann ich verstehen", sagte Bernd.

    „Sie würde dich gern engagieren", sagte Knut.

    „Einverstanden."

    „Da gibt es nur ein Problem, Bernd."

    „Und zwar welches?"

    „Elke hat nicht so viel Geld. Die Beerdigung wird eine Menge verschlingen. Die Ersparnisse, die Jan und Elke gehabt haben, gingen vor zwei Monaten für eine Bandscheibenoperation drauf, die an Jans Vater durchgeführt werden musste."

    Bernd winkte ab.

    „Geld ist nicht alles im Leben, Frau Hahn."

    Knut Maring lächelte.

    „Habe ich dir nicht gesagt, Bernd wird den Fall auch so übernehmen, Elke? Sie hatte Angst, du würdest sie hinauswerfen."

    „Was haben Sie denn für eine Meinung von mir, Frau Hahn?", fragte Bernd.

    „Nun ja, sagte Elke verlegen. „Man liest häufig in der Zeitung von Ihnen, Herr Schuster. Sie sind eine ganz große Nummer in der Branche, und Ihre Honorare ...

    „Die halten sich in Grenzen, fiel Bernd Schuster der jungen Witwe ins Wort. „Ich bekomme oft auch Prämien, wo genug Geld vorhanden ist. Das ermöglicht es mir dann, hin und wieder Fälle wie diesen zu übernehmen.

    Innerlich musste Bernd bei seinen Worten schmunzeln.

    Niemand, auch seine Franzi nicht und erst recht nicht Tochter Lucy wussten etwas von der vor Jahren gemachten Erbschaft, die Bernd ein sorgenfreies Leben garantierte. Aber er war nicht der Mensch für ein solches Leben. Er brauchte die tägliche Herausforderung und hatte deshalb nach seinem Fortgang von den Feldjägern in Frankfurt der West-Berliner Unterwelt den Kampf angesagt. Dass er in Franziska Jahn eine Frau gefunden hatte, die geradezu perfekt zu ihm passte, war ein weiterer Glücksfall. Er sah lächelnd auf, als sie jetzt eintrat.

    Franziska brachte den Kaffee.

    Bernd bat sie, für ihn herauszufinden, wer die polizeilichen Untersuchungen dieses Mordfalles leitete. Zehn Minuten später wusste er es. Es war – natürlich – kein anderer als sein guter alter Freund Inspektor Horst Südermann.

    4

    Bernd hatte Horst zum Essen eingeladen, und der gewichtige Leiter des Dezernats 11 aus der Keithstraße hätte krank sein müssen, wenn er abgelehnt hätte. Da alles auf Bernds Rechnung ging, aß Horst alles, was gut und teuer war, und was er sich von seinem Beamtengehalt nicht leisten konnte oder besser gesagt nicht wollte.

    „Wenn du so weiter isst, muss ich anschreiben lassen", sagte Bernd grinsend.

    „Hör mal, eine Portion Vanilleeis mit sauren Kirschen muss doch noch drin sein, oder?"

    „Wo isst du das eigentlich alles hin, Mann?"

    Der Inspektor klopfte sich mit beiden Händen auf den Bauch.

    „In meinen Container geht allerhand rein."

    „Bei deinem gesegneten Appetit sollte man dir zwei Gehälter bezahlen."

    „Sag’ ich auch. Aber mit diesem Vorschlag bin ich noch auf keine Gegenliebe gestoßen."

    Nachdem Horst auch das Eis verdrückt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, ließ er sich von Bernd eine Roth Händle anbieten. Sie rauchten.

    „Weißt du, wer heute Morgen bei mir war?", fragte Bernd.

    „Wie soll ich das?", fragte Horst zurück.

    „Elke Hahn", sagte Bernd Schuster.

    Der Inspektor nickte. Er wusste Bescheid.

    „Hat sie dich engagiert?"

    „Ja."

    „Scheint nicht gerade besonders begütert zu sein, die Dame."

    „Ich arbeite gratis."

    „Das kannst du dir leisten?"

    „Nicht, wenn ich dich in diesem Monat noch mal zum Essen einladen müsste, sagte Bernd Schuster schmunzelnd. „Da wir beide wieder einmal am selben Strang ziehen, dachte ich, wir setzen uns zusammen und reden über das Problem.

    Der Inspektor lächelte verschmitzt.

    „Mit anderen Worten, du bist mal wieder scharf auf ein paar Informationen."

    „Ich könnte sie mir auch anderswo beschaffen, aber das würde mich zu viel Zeit kosten, und da du mein Freund bist ..."

    „Wer sagt das?"

    „Hör zu, Horst, ich habe nicht die Absicht, in diesem Fall mit dir um die Wette zu rennen. Es ist mir im Grunde genommen gleichgültig, wer das Ziel als Erster erreicht. Hauptsache, einer von uns erreicht es überhaupt, okay? Ich habe auch nicht die Absicht, dich in irgendeiner Weise bei der Arbeit zu behindern. Du tust deinen Job, ich tu' meinen. Und am Ende sollte der Mörder von Jan Hahn im Gefängnis sitzen. Sag mir, was du weißt, damit ich aufschließen kann. Dann krempeln wir die Ärmel hoch und packen die Geschichte so an, wie wir es uns vorstellen."

    Der Inspektor zog an seiner Zigarette. Er lehnte sich zurück.

    „Na schön, sagte er. „Dann will ich dir mal verraten, dass es in diesem Fall nicht mehr allzu viel zu tun gibt. Wir haben einen Augenzeugen.

    „Doktor Mehler, sagte Bernd Schuster. „Das weiß ich aus der Zeitung.

    „Er wird die Täter identifizieren, sobald wir sie haben."

    „Was hindert euch daran, sie euch sofort zu schnappen?"

    „Sie sind untergetaucht. Die Fahndung läuft."

    „Kennt ihr schon die Namen der Raubmörder?"

    „Doktor Mehler gab uns nicht nur erstklassige Beschreibungen. Er konnte uns auch zwei Vornamen nennen, die in der Apotheke gefallen waren."

    „Lass hören", verlangte Bernd.

    „Freddy und Jonas. Mit Hilfe der Beschreibungen fiel es uns leicht, herauszufinden, dass es sich um Jonas Thaler und Freddy Schäfer handelt. Und das wiederum ließ uns zu dem Schluss kommen, dass der dritte Verbrecher nur Michael Nadler sein kann. Dieses Trio sah man in letzter Zeit immer zusammen."

    Bernd streifte die Asche von seiner Zigarette. Er wiegte den Kopf.

    „Freddy Schäfer, sagte er. „Der kleine Bruder des großen Verbrecherbosses Knut Schäfer.

    Horst nickte. „Du sagst es."

    „Der Kleine ist flügge geworden, was?"

    „Ja. Leider."

    „Und schon versucht er in die Fußstapfen seines Bruders zu treten", sagte Bernd Schuster.

    „Seinen ersten Mord hat er bereits begangen."

    „Hat er auf Jan Hahn geschossen?"

    „Ja. Doktor Mehler hat es gesehen. Mir ist bekannt, dass Freddy Schäfer gern Aufnahme in die Bande seines Bruders gefunden hätte. Aber Knut Schäfer hat ihn eiskalt abblitzen lassen. Er machte dem Jungen klar, dass er noch zu grün dafür ist. Nun will ihm Freddy das Gegenteil beweisen. Er möchte ihm zeigen, dass er sehr wohl schon auf eigenen Beinen stehen kann."

    „Was wird Knut Schäfer jetzt tun?", fragte Bernd.

    Horst zuckte mit den Schultern.

    „Zunächst wird er toben."

    „Und danach?"

    „Wird er alles daransetzen, damit Freddy nicht ins Zuchthaus kommt. Ich könnte mir vorstellen, dass uns Knut Schäfer demnächst eine Menge Ärger bescheren wird. Freddy ist trotz allem sein Bruder. Wenn er auch nicht billigt, was der Junge getan hat, so wird er doch nicht zulassen, dass wir ihn einsperren. Das wäre nicht gut für seinen Ruf."

    „Glaubst du, er weiß, wo Freddy steckt?", fragte Bernd.

    „Freddy wird sich nicht sofort an ihn um Hilfe wenden, das ist klar. Er wird zuerst versuchen, mit seinem Problem allein fertigzuwerden. Erst wenn ihm das Wasser bis zum Hals reicht, wird er zu Knut Schäfer gehen."

    „Knut wird wohl kaum warten, bis das Wasser so hoch gestiegen ist", sagte Bernd.

    Horst nickte.

    „Es bleibt ihm also nichts Anderes übrig, als sich an der Suche nach Freddy zu beteiligen."

    „Dann wünsche ich dir, dass Knut Schäfers Männer dir dabei nicht über den Weg laufen", meinte Bernd Schuster.

    „Dasselbe wünsche ich dir."

    Bernd drückte die Roth Händle im Aschenbecher aus.

    „Möchtest du noch einen Kognak?"

    „Wenn es dein Budget nicht zu sehr überlastet."

    „Ich melde mich hinterher in der Küche zum Tellerwaschen. Du kannst gern mitkommen."

    „Haben die hier denn noch keinen Geschirrspüler?"

    Bernd nickte.

    „Damit erleichtern sie mir meine Arbeit ungemein. Er winkte den Kellner und orderte zwei französische Kognaks. „Doktor Karsten Mehler ist eigentlich der wichtigste Mann in diesem Spiel. Gewissermaßen der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. Der Apotheker konnte die Verbrecher ja nicht beschreiben. Nur wenn Mehler Freddy Schäfer und seine Freunde vor Gericht identifiziert, müssen sie in den Knast.

    „Das ist richtig", bestätigte Inspektor Südermann.

    „Wenn Mehler umfällt, muss der Richter die Bande freisprechen", sagte Bernd.

    „Warum sollte Mehler denn umfallen?"

    „Auch Knut Schäfer weiß, wie wichtig die Aussage dieses Mannes ist, Horst. Er könnte ihn unter Druck setzen. Sollte das nichts nützen, könnte er ihn umlegen lassen. Ich hoffe, ihr habt ein Auge auf ihn."

    Horst schüttelte den Kopf.

    Der Kognak kam. Als der Kellner sich entfernt hatte, schüttelte der Inspektor noch einmal den Kopf.

    „Wir können auf Mehler nicht aufpassen."

    „Wieso nicht?"

    „Ich habe nicht genug Leute, Bernd."

    „Dann werde ich mich um dieses Juwel kümmern. Wir können es uns nicht leisten, dass ihm etwas zustößt."

    5

    Knut Schäfer hatte bereits einen Mann in Marsch gesetzt. Der Kerl sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Mit seinem Gesicht konnte er den mutigsten Hund erschrecken. Seine Wangen waren hohl und von Pockennarben entstellt, und er war in einschlägigen Kreisen dafür bekannt, dass es ihm nicht das Geringste ausmachte, einen Menschen zu töten.

    Doch Mord war noch nicht sein Auftrag.

    Noch nicht!

    Zuerst sollte gesprochen werden. Wenn das nichts half, konnten härtere Töne angeschlagen werden. Und wenn auch diese nicht zum gewünschten Erfolg führten, würde Knut Schäfers Daumen nach unten weisen.

    Dr. Mehler wohnte in der Nähe des Hafens Henningsdorf in Frohnau.

    Schäfers Mann kam mit der S-Bahn und nahm sich hier eine Taxe. Der Weg bis zu Mehlers Haus hätte zu Fuß gut und gern mehr als eine Stunde gedauert.

    Die Taxe verließ er in einiger Entfernung von der mitgeteilten Adresse und bog zu Fuß in Mehlers Straße ein. Der Ausdruck seiner Augen veränderte sich. Kalt und mitleidlos wirkte sein Blick nun. Er war davon überzeugt, dass Mehler ihm keine Schwierigkeiten machen würde. Wenn doch, dann konnte er einiges erleben.

    Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er kam eine Viertelstunde zu spät.

    6

    Bernd Schuster und Knut Maring waren schon vor ihm da. Bernd klingelte. Mehler kam an die Tür. Die Vorlegekette rasselte. Der Mann war vorsichtig. Bernd begrüßte das. Er überreichte lächelnd seine Visitenkarte.

    „Sie wünschen?", fragte Doktor Mehler.

    „Mein Name ist Schuster. Bernd Schuster. Ich bin Privatdetektiv, und dies ist mein Mitarbeiter Knut Maring. Wir hätten einiges mit Ihnen zu besprechen. Es handelt sich um den gestrigen Überfall."

    Dr. Mehler ließ sie ein. Er führte sie in das Wohnzimmer und bat sie, Platz zu nehmen. Nachdem er sich ebenfalls gesetzt hatte, blickte er Schuster erwartungsvoll an.

    „Ich weiß nicht, ob Sie sich der Tatsache bewusst sind, dass Sie über Nacht zu einem äußerst wichtigen Mann geworden sind, Doktor Mehler", begann Bernd.

    „Sie meinen für die Staatsanwaltschaft?"

    „Genau, sagte Bernd. „Mit Ihnen steht und fällt die Anklage. Ich hoffe doch, Sie werden bei Ihrer ersten Aussage bleiben.

    „Ich sehe keinen Grund, sie zu revidieren."

    „Der Junge, der den Handwerker erschossen hat, heißt Freddy Schäfer. Sagt Ihnen der Name Schäfer etwas?", fragte Bernd.

    „Ja, er hat einen verdammt schlechten Klang in Berlin."

    „Sie meinen Knut Schäfer."

    „Sehr richtig."

    „Dann wissen Sie vermutlich, worauf ich hinaus will, Doktor Mehler. Freddy und Knut Schäfer sind Brüder, und Knut Schäfer hat eine starke Abneigung gegen Zuchthäuser. Er kann es nicht vertragen, wenn einem seiner Freunde die schwedischen Gardinen drohen. Noch viel weniger möchte er seinen Bruder hinter Gitter sehen. Er wird nichts unversucht lassen, um Freddy diese Schmach zu ersparen. Hat er schon Kontakt mit Ihnen ausgenommen? Erhielten Sie einen diesbezüglichen Anruf?"

    Mehler schüttelte den Kopf.

    „Es hat sich noch niemand bei mir gemeldet, und ich kann diesen Verbrechern nur raten, mich in Ruhe zu lassen. Ich war mein Lebtag ein aufrichtiger Mann. Daran wird sich niemals etwas ändern. Für krumme Sachen bin ich nicht zu haben. Ich werde meine Pflicht als Staatsbürger erfüllen, vor Gericht erscheinen und meine Aussage machen."

    „Ihre Einstellung ist lobenswert", sagte Bernd anerkennend.

    „Ich müsste mir selbst ins Gesicht spucken, wenn ich anders denken würde", sagte Dr. Mehler.

    „Knut Schäfer wird sein Glück trotzdem bei Ihnen versuchen. Er kann sehr massiv werden, wenn er nicht erreicht, was er sich vorstellt, deshalb wäre es mir recht, wenn Sie mir gestatteten, Ihnen meinen Mitarbeiter Knut Maring zu Ihrem Schutz hierzulassen."

    Mehler musterte den blonden Jungen. Er hatte sofort Vertrauen zu ihm und dankte Bernd Schuster für die Beistellung dieses Schutzengels. Bernd war erfreut darüber, dass Karsten Mehler sein Angebot sofort angenommen hatte. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dem Mann erst klarmachen zu müssen, wie wichtig es für ihn war, dass jemand auf ihn aufpasste. Mehler war noch klüger als Bernd Schuster gedacht hatte.

    Bernd brauchte Knut keine besonderen Weisungen zu erteilen. Er wusste, was im Ernstfall zu tun war. Bernd Schuster konnte sich voll und ganz auf ihn verlassen.

    Mit einem guten Gefühl verließ der Detektiv die Wohnung. Wenig später trat er aus dem Haus. Als er sich in seinen silbermetallicfarbenen Mercedes 450 SEL setzte, verschwand Knut Schäfers Mann gerade im Gebäude, in dem Karsten Mehler wohnte, aber das bekam Bernd Schuster nicht mit.

    7

    Jonas Thaler war der Mord am schlimmsten an die Nieren gegangen. Er hatte geglaubt, Freddy Schäfer hätte die Waffen bloß beschafft, damit sie mehr Eindruck schinden konnten. Aber Freddy Schäfer hatte geschossen, hatte einen Mann ermordet. Obwohl Thaler den Schuss nicht abgegeben hatte, fühlte er sich doch mitschuldig am Tod dieses Mannes.

    ,Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen!‘ Dieser Spruch geisterte fortwährend in seinem Kopf herum.

    Verdammt noch mal, er hatte keine Lust, die Suppe auszulöffeln, die Freddy ihnen eingebrockt hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es keinen Toten gegeben. Sie hätten mit dem Mann auch anders fertigwerden können, immerhin waren sie zu dritt gewesen. Aber nein, Freddy, dieser Idiot, hatte ja gleich losballern müssen.

    Danach hatte es geheißen: Rette sich, wer kann! Und wie er kann. Freddy hatte sich weder um Mikki Nadler noch um ihn geschert. Er hatte schleunigst das Weite gesucht.

    Jonas Thaler fühlte sich von Freddy im Stich gelassen. Er hatte urplötzlich entscheiden müssen, wo er sich verstecken sollte. Eigentlich hatte er sich vorher darüber nie den Kopf zerbrochen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es nötig sein würde, unterzutauchen. Und auf einmal war das Problem akut gewesen!

    Wohin?

    Susi Volland war ihm eingefallen. Sie war ihm einen Gefallen schuldig. Er hatte ihr vor einem halben Jahr aus der Klemme geholfen. Wenn sie das noch nicht vergessen hatte, würde sie sich nun revanchieren. Er hatte sie sofort aufgesucht, aber sie war nicht zu Hause gewesen. Natürlich nicht. Um diese Zeit war sie ja auf dem Baby-Strich, um anzuschaffen. Sie war zwar schon einundzwanzig, aber sie sah noch wie sechzehn aus - wenn die Beleuchtung nicht zu grell war.

    Dank ihrer Erfahrung und ihrem Talent verdiente sie ganz passabel, und ihr Zuhälter nahm ihr weniger ab als andere ihr weggenommen hätten. Sie war zufrieden.

    Die halbe Nacht hatte Jonas Thaler auf sie warten müssen. Schließlich war sie angeheitert nach Hause gekommen. Thaler hatte ihr seine Geschichte erzählt, und sie hatte ihn mit in ihre Wohnung genommen.

    Den ganzen Vormittag hatten sie verschlafen. Zur Mittagszeit war Thaler mit einem Mordshunger aufgewacht. Er hatte das Bett verlassen und die Übergardinen aufgezogen, um das Tageslicht hereinzulassen. Jetzt bemerkte er, dass Susi Volland nicht mehr so taufrisch aussah, wie sie abends wirkte. Das wunderte Thaler nicht. Es störte ihn aber auch nicht. Es war ihm egal. Susi war nicht seine Freundin. Mochte sie aussehen, wie sie wollte. Er hatte nichts mit ihr im Sinn. Er hatte eine Abneigung gegen Mädchen, die ihren Körper verkauften. Niemals hätte Susi Volland ihn dazu gekriegt, dass er mit ihr schlief.

    Dabei gefiel er ihr.

    Sie drehte sich auf den Rücken, verzog das Gesicht, seufzte tief. Die Decke rutschte nach unten, als sie sich streckte. Sie war nackt, und obwohl sie nicht übel aussah, fand Thaler sie kein bisschen anziehend.

    „Ich habe Hunger", sagte er.

    „Geh in die Küche und sieh mal nach, was im Kühlschrank ist", sagte Susi. Ihre Stimme klang rauchig. Sie hatte rotblondes Haar, das sich über das weiße Kissen breitete.

    „Ein paar Steaks sind da", rief Thaler aus der Küche.

    „Schmeiß sie in die Pfanne!"

    „Hör mal, ich bin hier Gast."

    „Dann wird es wohl noch eine Weile dauern, bis du was zu futtern kriegst", meinte Susi. Nackt ging sie ins Bad.

    Thaler suchte eine Pfanne. Während er sie auf den Herd stellte, hörte er Wasser laufen, und dann kroch Susi wieder unter die Decke.

    „Mann, habe ich einen Kater", ächzte sie.

    Thaler stellte sich nicht besonders geschickt an. Er fand ein Glas mit gemischtem Salat, klatschte einiges davon auf die beiden Teller, die er bereitgestellt hatte, wartete, bis die Steaks halb durch waren und trug das Essen dann ins Schlafzimmer.

    Susi hatte keinen Appetit. Sie aß nur wenig. Den Rest bekam Jonas Thaler ab.

    Danach zündete sich Susi Volland einen Joint an. Den rauchte sie mit sichtlichem Genuss. Das Rauschgift steigerte ihr Verlangen nach Jonas. Sie glitt näher an ihn heran. Aber er war damit nicht einverstanden.

    „Lass das!", sagte er ernst.

    „Andere Männer müssen dafür bezahlen, sagte Susi. „Du kannst es umsonst haben.

    „Vielen Dank. Kein Bedarf."

    „Hast du ein Gelübde abgelegt, he?"

    „Ich habe einfach keine Lust, das ist alles."

    Es blitzte gefährlich in Susis Augen.

    „Ich bin dir wohl nicht gut genug, wie?"

    „Wenn du’s genau wissen willst, du widerst mich an."

    „Das musst ausgerechnet du mir sagen, du scheinheiliger Patron? Habe ich einen alten Apotheker überfallen und niedergeschlagen? Habe ich einen Mann erschossen? Was bildest du dir ein, wer du bist, dass du dir anmaßt, ein Werturteil über mich abzugeben?"

    Jonas Thaler seufzte.

    „Nun beruhige dich doch wieder, Susi."

    Die Augen des Mädchens verengten sich.

    „Raus, du schleimige Kreatur! Verschwinde! Ich will dich hier nicht mehr sehen!"

    „So lass doch endlich Dampf ab!"

    „Hinaus!, kreischte das Mädchen. Sie versetzte Thaler einen Tritt. „Hau ab, du Penner! Ich will von dir nichts mehr wissen. Mach 'ne Fliege! Aber ein bisschen plötzlich, sonst rufe ich die Bullen!

    Thaler schüttelte den Kopf.

    „Du bist verrückt. Du hast den Verstand verloren. Ich habe dir doch nichts getan."

    „Du hast mich beleidigt. Vielleicht ist dir das noch nicht zu Bewusstsein gekommen, aber auch Nutten haben ihren Stolz. Mach, dass du rauskommst, und lass dich hier nie wieder blicken! Hörst du? Nie wieder!"

    Thaler zog sich ärgerlich an.

    „Du bist ja nicht normal!, maulte er. „Du tickst ja nicht richtig. Mein Gott, wieso ist mir das nicht schon früher aufgefallen. Er schlüpfte in seine Slipper und zog seine Lederjacke an. Fertig. „Ciao", sagte er.

    „Ach, hau schon ab!"

    Thaler öffnete die Schlafzimmertür.

    Im selben Moment klopfte es. Thaler erschrak. Ihm war, als hätte sich eine Hand auf seine Kehle gelegt, die nun langsam zudrückte. Er blickte Susi Volland an.

    „Erwartest du jemand?"

    „Nein."

    „Wer kann das sein?", fragte er leise.

    „Keine Ahnung. Vielleicht sind es schon die Bullen."

    „Mach keine blöden Witze!" Thaler schlich durch die Diele.

    Es klopfte abermals.

    Jonas Thaler erreichte die Wohnungstür. Er warf einen Blick durch den Spion, und das Herz rutschte ihm in die Hose. Der kalte Schweiß brach ihm aus allen Poren. Da standen keine Bullen vor der Tür, sondern - was noch schlimmer war - Knut Schäfers Schläger.

    Thaler wich zitternd zurück.

    Klar, Knut Schäfer wollte wissen, wo sich sein Bruder versteckt hatte. Seine Männer wussten, dass Susi Volland ihm, Thaler, einen Gefallen schuldig war, und sie hatten richtig getippt, dass er sich in ihrer Wohnung verkrochen hatte. Nun waren sie hier, um ihn zu befragen.

    Er befand sich in einer Zwickmühle. Wenn er redete, hatte er Freddy Schäfer gegen sich. Wenn er den Mund hielt, würden ihn Knut Schäfers Männer windelweich schlagen. Was er auch tat, es war von vornherein falsch.

    Hinzu kam noch, dass Knut Schäfer bestimmt mächtig sauer auf ihn war, weil er bei Freddy mitgemacht hatte. Das konnte ihm eine zusätzliche Tracht Prügel einbringen.

    „Heilige Madonna, steh mir bei!", stöhnte Thaler.

    Und Susi Volland gönnte ihm seine Höllenangst.

    8

    Es hatte mal eine Zeit gegeben, da waren Freddy Schäfer und Karl Winter die besten Freunde gewesen. Unzertrennlich. Immer gemeinsam unterwegs. Sie hatten gestohlen, was nicht niet- und nagelfest gewesen war, und hatten ihre Leute gehabt, bei denen sie zu Geld machen konnten, was sie geklaut hatten. Es waren immer nur kleine Geschäfte gewesen. Niemals etwas Großes. Immer nur Dinge, die Karl Winter gerade noch vor seinem Gewissen verantworten konnte. Es durfte auch niemals Gewalt angewendet werden. Karl hasste Gewalt.

    Vor etwa einem Jahr war Freddy Schäfer unzufrieden geworden. Er hatte größere Dinge drehen wollen, doch Winter hatte ihn immer gebremst. So lange, bis es zu ersten Reibereien gekommen war. Die Freundschaft bekam einen Riss.

    Aber Freddy und Karl blieben doch zusammen.

    Schäfer versuchte sogar, sich und seinen Freund in Knuts Bande unterzubringen. Als das misslang, wollte sich Freddy auf eigene Füße stellen, und damals kam es zum Bruch zwischen ihm und Karl Winter, der nicht bereit war, mit Freddy mitzuziehen. Ihre Wege trennten sich nach einer heftigen Schlägerei.

    Karl Winter hätte Freddy Schäfer damals ungespitzt in den Boden gerammt, denn er war schneller und kräftiger als dieser. Doch Freddy hatte zum Messer gegriffen und Karl ziemlich arg verletzt.

    Winter hatte geschwiegen, als sie ihn im Krankenhaus zusammenflickten. Er hatte niemandem gesagt, wer ihn niedergestochen hatte. Aber von diesem Tag an hasste er Freddy Schäfer, und heute konnte er nicht verstehen, wieso er den einstigen Freund damals nicht in die Pfanne gehauen hatte.

    Er fand nach seiner Genesung Halt, stahl nichts mehr, ging einer geregelten Arbeit nach. Seine Sturm- und Drangzeit war vorüber, und Karl Winter erinnerte sich nicht mehr gern daran. Das war ein Kapitel in seinem Leben, auf das er nicht gerade stolz sein konnte.

    Er war gerade damit beschäftigt, einen Lastwagen zu entladen. Er und seine Kollegen trugen Schweinehälften ins Kühlhaus.

    Bernd Schuster stieg aus seinem Mercedes. Er rechnete damit, dass ihm Karl Winter sagen konnte, wo sich Freddy Schäfer versteckt hielt.

    Bernd Schuster lehnte sich an seinen Wagen. Es war ein milder Herbsttag. Der Himmel war blau. Keine Wolke zeigte sich über der Skyline von Manhattan. Bernd nahm seine Roth Händle-Packung heraus und zündete sich eine filterlose Zigarette an. Er wartete, bis Karl Winter mit seiner Arbeit fertig war.

    Der Junge hatte ein Kreuz wie ein Sumo-Ringer und einen Nacken wie ein Stier. Er hatte Bernd schon längst bemerkt, und da ihm Bernd Schuster kein Unbekannter war, nahm er an, dass der Detektiv seinetwegen hier war. Nachdem die letzten Fleischteile abgeladen waren, kam Winter zu Bernd.

    „Sie wollen zu mir, nicht wahr?", sagte der Junge.

    „Guten Tag, Karl."

    „Kann ich was für Sie tun?"'

    „Ich habe ein Problem. Du kannst mir vielleicht helfen, es zu lösen."

    „Worum geht es?"

    „Um deinen Freund Freddy Schäfer."

    „Er ist schon lange nicht mehr mein Freund."

    „Entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen."

    „Hat Freddy etwas ausgefressen?"

    „Das kann man wohl sagen. Er hat einen alten Apotheker niedergeschlagen und einen Mann erschossen. Ich will ihn finden und hinter Gitter bringen, Karl."

    Der große junge Mann blickte Bernd Schuster erstaunt an.

    „Denken Sie, ich habe ihn bei mir versteckt?"

    „Ich bin sicher, dass du das nicht getan hast", sagte Bernd. Er bot ihm eine Zigarette an.

    „Ich rauche nicht", sagte Karl Winter.

    Bernd ließ die Packung wieder verschwinden.

    „Ich brauche einen Tipp, Karl. Freddy Schäfer ist von der Bildfläche verschwunden. Wo kann er untergetaucht sein? Denk’ scharf nach! Wenn ich mich recht entsinne, bist du ihm noch was schuldig. Jetzt könntest du es ihm heimzahlen. Winter blickte Bernd Schuster groß an. Bernd lächelte. „Es hat sich allmählich herumgesprochen, dass Freddy es war, der dir das Messer in die Figur gedrückt hat. So etwas bleibt nicht ewig ein Geheimnis. Du hasst Freddy, nicht wahr?

    „Jetzt nicht mehr. Ich glaube, er ist mir gleichgültig."

    „Denk an die Zeit, wo du mit ihm zusammen warst!"

    „Nicht gern."

    „Tu’s mir zuliebe, sagte Bernd Schuster. „Stell dir vor, ihr wärt in die Lage gekommen, euch verstecken zu müssen! Wohin wärt ihr gegangen?

    „Wedding, sagte Karl Winter, ohne lange nachzudenken. „Es gibt da ein altes Bootshaus im Westhafen, das schon lange nicht mehr benutzt wird. Da haben Freddy und ich uns schon mal versteckt. Möglich, dass er jetzt wieder dort ist.

    „Ich werde nachsehen, sagte Bernd. „Vielen Dank.

    9

    Bernd Schuster bog von der Erna-Samuel-Straße in die Beusselstraße und anschließend in die Seestraße ab. Er parkte den Mercedes unter Bäumen und suchte das alte Bootshaus.

    Es war ganz offensichtlich in Vergessenheit geraten. Ein Gebäude aus morschen Brettern, von Efeu umrankt, von Unkraut umwuchert, nicht eben einladend.

    Bernd

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