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Tae Kwon Do Men: Entgegen dem Himmel
Tae Kwon Do Men: Entgegen dem Himmel
Tae Kwon Do Men: Entgegen dem Himmel
eBook310 Seiten3 Stunden

Tae Kwon Do Men: Entgegen dem Himmel

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Über dieses E-Book

Der Südkoreaner Kim ist gerade 20 geworden und beginnt in Berlin zu studieren. Seinen Eltern gelang einst die Flucht aus Nordkorea in den demokratischen Süden. Yun ist ebenfalls 20. Sein Vater ist nordkoreanischer Diplomat in Deutschland. Am Rande einer Diskussionsrunde in der Studentenschaft geraten Kim und Yun aneinander. Während der eine für eine freie und offene Gesellschaft eintritt, ist der andere ein glühender Verehrer seines großen Führers. Die Affäre spitzt sich zu, als sich beide in dieselbe Frau verlieben.

Die Ehre verlangt von den Tae Kwon Do-Kämpfern, ihren Konflikt im sportlichen Wettkampf auszutragen. Da ihre Stile der Kampfkunst im Vollkontakt nicht vergleichbar sind, einigen sie sich auf ein Reglement, dessen Härte sie zuvor nie gespürt haben. Ihre Interpretationen des Tae Kwon Do wollen sie im brutalen K1-System auf die ultimative Probe stellen. Während die Spannungen zwischen ihren Heimatländern einen neuen Krieg befürchten lassen, gehen sie an ihre Grenzen und bereiten sich auf einen Kampf vor, der entgegen dem Himmel zu verlaufen verspricht ...
SpracheDeutsch
HerausgeberTWENTYSIX
Erscheinungsdatum6. Jan. 2022
ISBN9783740798017
Tae Kwon Do Men: Entgegen dem Himmel
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Autor

Konrad Gladius

Konrad Gladius ist Kampfkünstler, Selbstverteidigungslehrer und Schriftsteller. Sein Leben hat er der Kampfkunst zur Selbstverteidigung verschrieben. Als Autor bietet er faszinierende Einblicke in die Welt der Martial Arts. Rund drei Jahrzehnte Erfahrung im unbewaffneten und bewaffneten Nahkampf bilden seine Grundlage, um sich an ein Themengebiet zu wagen, das fast kein deutschsprachiger Romanschreiber im Blick hat. "Die Faust von Lwiw" ist der siebte Roman aus seiner Feder.

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    Buchvorschau

    Tae Kwon Do Men - Konrad Gladius

    Inhaltsverzeichnis

    Prolog

    Im fremden Bienenstock

    Die Faust des Volkes

    Freundlicher Feind und feindlicher Bruder

    Kunterbande in Gefahr

    Kinder der Kaderschmiede

    Spartanisch aber...

    An der Schwelle des Krieges

    Gekreuzte Tritte

    Extrem und schizophren

    What the fuck?! Was zum Teufel?!

    Liebe, Schmerz und Zorn

    In Ehre fordern

    Intermezzo

    Das fliegende Bein

    Die leere Hand

    Der Weg ist das Ziel

    Feindbilder

    Ein schwarzer Freitag

    Rettungsteams

    Liebe und Hass

    In der Arena

    Runde eins

    Runde zwei

    Runde drei

    Zwei Sieger

    Epilog

    Schlusswort

    Über den Autor

    Prolog

    www.jasmins-tae-kwon-do.de

    Korea. Lasst Euch dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen und spürt, wie Euch die drei Silben erfüllen. Ko-Re-A, das ist weit mehr als der Name eines Landes, welches so unglaublich weit weg von uns liegt. Es ist die Umschreibung einer Geschichte. Einer Geschichte des Zaubers und der Faszination einer fremden Welt. Der Welt der asiatischen Kampfkünste. Diese Welt besteht aus einer kaum zu zählenden Anzahl an Kampfstilen. Einer der bekanntesten und zugleich geheimnisumwobensten dieser Stile stammt aus diesem Ko-Re-A.

    Hallo und willkommen auf meinem neuen Blog!

    Ich heiße Jasmin, Jasmin Feuerbach. Feuerbach, so wie bei Ludwig Feuerbach, dem bekannten Philosophen. Meinem Vater nach sind wir auch tatsächlich mit ihm verwandt, aber belegen kann ich das nicht.

    Mein Lebensmittelpunkt liegt in Berlin. Dort studiere ich an der Joseph von Fraunhofer-Universität Medienpädagogik und möchte damit in die Erwachsenenbildung gehen. Meine Leidenschaft ist der Kampfsport. Ich betreibe seit meinem elften Lebensjahr Kickboxen undhabe den 2. Dan (das ist die 2. Stufe des schwarzen Gürtels). Mein Vorbild ist der Weltmeister Matthias Schmidt (Verband: IKBAA, Reglement: K1). Seine Tritttechniken sind von einem anderen Stern. Das kommt daher, weil die Basis dafür das koreanische Tae Kwon Do ist. Das ist eine Kampfsportart, deren Spezialität vielseitige, schnelle und vor allem wirkungsvolle Tritte sind.

    Ihr fragt Euch jetzt sicher, was Ihr in Zukunft in meinem Blog erwarten könnt. Zugegeben: Der Titel ist etwas sperrig, aber ich habe mir lange und gründlich überlegt, wie ich den Blog überschreiben soll und warum ich ihn gerne so und nicht anders benennen möchte. Unter „Tae Kwon Do" verstehe ich nicht nur die Kampfkunst, welche in letzter Zeit auch immer stärker meinen eigenen Stil im Kickboxen prägt, sondern die Philosophie, den Lebensweg weise und gewaltfrei mit Fuß und Faust zu bestreiten. Hier kommt nun wohl doch die Neigung meines Vorfahren zur Philosophie durch, wenn ich auch im Gegensatz zu ihm nichts mit Religionskritik am Hut habe.

    Auf meinem Blog soll es um Kampfkunst und vor allem, um deren Bedeutung als Sport gehen. Neben Kommentaren zu Profi- und Amateurkämpfen will ich mit Euch persönliche Einblicke in verschiedene Kampfkünste teilen. Den Schwerpunkt werden dabei das Kickboxen und das Tae Kwon Do bilden. Wie aber der Titel des Blogs schon beinhaltet, soll es auch um meinen Lebensweg mit dem Kampfsport gehen. In den jetzt fast 23 Jahren, die ich erst auf dieser Welt bin, durfte ich bereits einige außergewöhnliche Dinge erleben. Meine Erfahrungen möchte ich gerne mit Euch teilen.

    Warum? Das ist ganz einfach. Ihr sollt die Möglichkeit bekommen, nicht die gleichen Fehler wie ich machen zu müssen. Manchmal muss man nur den Mut haben, die Entscheidungen zu treffen und zu sich selbst zu stehen. Wenn man das nicht tut, dann übernehmen andere gerne die Initiative für einen. Das habe ich auch im Kampfsport so gelernt.

    Hält man sich nicht an diese Lehre, dann bekommt man im Kampf schnell etwas auf die Nase. Das ist auch im Leben so. Vergisst man die Regel, kann das zu großen Verstörungen führen und wirklich ... wirklich viel Ärger bedeuten.

    Ich habe jedenfalls bis vor Kurzem nicht den Mut gehabt, zu mir selbst zu stehen, und das hat viele total überflüssige Probleme provoziert. Leider kann ich das im Nachhinein nicht mehr gutmachen. Mein Blog soll aber anderen helfen, weniger Angst zu haben und im richtigen Moment offen zu sein. Geht Euren Weg gewaltfrei mit Fuß und Faust!

    Die Geschichte, die mir passiert ist, hat mit Kampfsport und zwei sehr interessanten Kerlen zu tun. Damit Ihr die Ereignisse richtig versteht, müsst Ihr wissen, dass sie beide Koreaner sind. Hier ist es wieder: Ko-Re-A.

    Der eine kommt aus dem Norden, der andere aus dem Süden. Wer weiß, wie verschieden ein Hamburger und ein Münchener sein können, der hat noch keine Vorstellung davon, was die unterschiedliche Herkunft für einen Koreaner bedeutet. Damit Ihr nicht selbst anfangen müsst zu recherchieren, kommt hier nun ein kurzer Überblick für Euch.

    Korea ist geografisch gesehen eine Halbinsel und liegt, von China aus betrachtet, im Südosten. Im Norden grenzt diese Halbinsel nicht nur an China, sondern auch mit einem kleinen Stück an Russland. Im Süden ist Japan als Nachbarstaat am nächsten gelegen. Schon seine Lage ist bedeutend für Korea, war es doch immer von mächtigen Staaten umgeben. Häufig wurde es von eben diesen kontrolliert.

    Noch bis 1895 stand das koreanische Königreich unter der Vorherrschaft Chinas. Danach entstand für kurze Zeit ein Kaiserreich Korea. 1905 eroberten die Japaner Korea und erklärten es 1910 zu ihrer Kolonie und damit zu einem Teil Japans. Während der Besatzungszeit versuchten die Japaner, Korea eng an sich zu binden, und unterdrückten die Bräuche und Lebensweise der Koreaner. Das galt auch und gerade für die traditionellen Kampfkünste auf der Halbinsel, welche durch japanische Einflüsse verdrängt werden sollten.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde Korea unabhängig. Wie auch bei uns in Deutschland gab es jedoch zwei Besatzungszonen der Siegermächte. Den Norden kontrollierte Russland, beziehungsweise die Sowjetunion, den Süden hielten die USA, also die Amerikaner. Die Grenze am 38. Breitengrad wurde rein willkürlich und ohne Mitsprache der Koreaner gezogen.

    1948 entstanden zwei unterschiedliche Staaten auf der Halbinsel. Die „Demokratische Volksrepublik Korea wurde nördlich des 38. Breitengrades ausgerufen und folgt einem sozialistischen Staatsmodell. Im Süden bildete man die „Republik Korea, welche die Regierungsform einer westlichen Demokratie haben sollte, lange Zeit aber eine Militärdiktatur war.

    Soweit erinnert die Entwicklung in Korea an die bei uns in Deutschland (wobei Westdeutschland natürlich nie vom Militär beherrscht wurde). Doch dann gab es eine total unterschiedliche Wendung zu unserer Geschichte in Europa. Während die Bundesrepublik und die DDR sich im Großen und Ganzen in Ruhe ließen und ihre Geschicke von den Besatzungsmächten bestimmt wurden, ging man in Korea andere Wege. Beide neuen Staaten sahen sich als rechtmäßige Vertreter des gesamten koreanischen Volkes. Man war auch bereit, darum zu kämpfen.

    Am 25. Juni 1950 passierte die Nordkoreanische Volksarmee die Grenze am 38. Breitengrad und der Koreakrieg begann. Während die Vereinten Nationen (UNO) mit Truppen aus mehreren Mitgliedsstaaten unter Führung der Amerikaner auf der Seite des Südens kämpften, erhielt der Norden Unterstützung von China und Russland. Die Kämpfe dauerten bis zum 27. Juli 1953. Bis zu vier Millionen Menschen kamen ums Leben. Wie viele es genau waren, weiß niemand. Beinahe die ganze Industrie Koreas wurde zerstört. Es gab aber keinen Friedensschluss, sondern nur einen Waffenstillstand. Eigentlich befinden sich die beiden Staaten immer noch im Krieg. Gegenseitige Provokationen waren ein fester Teil ihrer Beziehung zueinander. Häufig fehlte nicht viel und das Kämpfen und Töten hätte von vorne begonnen.

    Während sich der Süden in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer modernen Industrienation entwickelte, und 1987 schließlich auch eine wirkliche Demokratie wurde, blieb der diktatorisch geführte Norden zurück. Die Teilung verfestigte sich. Das ist sehr gut daran zu erkennen, dass es in beiden Staaten sogar unterschiedliche Bezeichnungen für „Korea gibt. In Nordkorea wird das Land „Choson genannt. Das kommt vom ersten koreanischen Königreich „Go-Joseon und der späteren Joseon-Dynastie. In Südkorea spricht man dagegen von „Hanguk, was in etwa „Han-Reich bedeutet. Dieser Begriff geht auf die historischen Staaten Byeonhan, Mahan und Jinhan zurück. Sie bildeten zusammen den Bund „Samhan, also „drei Han".

    Furcht und Misstrauen kennzeichneten die gegenseitige Wahrnehmung. Dieses Empfinden betraf alle Lebensbereiche, auch den der Kampfkünste.

    Korea hat eine über Jahrtausende zurückreichende eigene Kampfkunsttradition. Der bekannteste traditionelle Stil ist das Taekkyon. Diese auf Tritte basierende Kampfsportart wurde während der japanischen Besatzungszeit unterdrückt. Die Japaner sahen es lieber, wenn die Koreaner Judo oder Karate übten. Damit wurden die ursprünglichen Kampfkünste auf der Halbinsel fast ausgelöscht.

    In dieser Zeit lernten etliche Koreaner Karate und einige herausragende unter ihnen begannen, im Süden den Stil an ihre Bedürfnisse anzupassen. Die Koreaner sind es gewohnt, Hügel und Berge zu Fuß zu überwinden. Zur Zeit der Unabhängigkeit von Japan hatte der durchschnittliche Bewohner der Halbinsel sicherlich eine ausgeprägte Beinmuskulatur. Wie schon das traditionelle Taekkyon wurde auch das „koreanische Karate daher auf der Betonung der Tritttechniken begründet. Am 11. April 1955 kreierte einer der frühen Meister hierfür den Namen „Tae Kwon Do. Die drei Teile der Bezeichnung stehen für Fußtechnik (Tae), Handtechnik (Kwon) und den Weg, also die Art zu Kämpfen, (Do). „Do" kann aber auch die Art zu Leben umschreiben. Es geht um Weisheit, Disziplin und Respekt, um auf diese Weise den Weg zum äußeren und inneren Frieden zu gehen. Daher habe ich wie beschrieben ja meinen Blog so benannt.

    Die neue Kampfkunst wurde in Südkorea zum nationalen Schatz erklärt und verbreitete sich von dort aus in die ganze Welt. Aufgrund vieler Streitereien wurden zwei Dachverbände gegründet. Die „International Taekwon-Do Federation (ITF), die ihr Hauptquartier bald ins Ausland verlegte, und die „World Taekwondo Federation (WTF), die sich erst kürzlich in „World Taekwondo umbenannte. Auch wenn sie grundsätzlich denselben Kampfsport betreiben, unterscheiden sie sich in Details. Das für Laien Offensichtlichste dabei ist, dass sie den Stil in lateinischer Schrift unterschiedlich schreiben. Wie Ihr gesehen habt, verwende ich gerne „Tae Kwon Do und betone so jede Silbe. Bei der ITF wird es aber „Taekwon-Do geschrieben und in der WT(F) schreibt man „Taekwondo als ein Wort.

    Vertreter der ITF besuchten 1981 Nordkorea, wo seitdem ihre Version des Taekwon-Do mit großem Einsatz betrieben wird. Im Süden wurde das als Landesverrat betrachtet und führte zu einer Vertiefung der Spannungen zwischen WTF (heute WT) und ITF.

    Kommen wir nun zurück zu den beiden Koreanern, von denen ich Euch unbedingt noch mehr erzählen muss. Die Geschichte, die ich nun berichten werde, ist untrennbar mit dem Tae Kwon Do, den großen Weltverbänden und dem Konflikt zwischen Nord- und Südkorea verbunden. Alles begann im April 2017, während der Einführungswoche für die frischen Erstsemester an meiner Uni. Unter den neuen Studenten befand sich auch ein Südkoreaner. Der Arme hatte es am Anfang wirklich schwer mit dem Zurechtfinden ...

    Im fremden Bienenstock

    Im weitläufigen Foyer des Auditorium maximum, des großen Vorlesungsgebäudes der Joseph von Fraunhofer-Universität zu Berlin, ging es zu wie in einem Bienenstock. Die unterschiedlichen Fachbereiche hatten hier ihre Infostände aufgebaut und Hunderte von Studenten liefen, scheinbar planlos und lautstark miteinander diskutierend, durcheinander. Große Menschenansammlungen und dichtes Gedränge waren für den Asiaten nichts Ungewöhnliches. Geschickt schlängelte er sich durch die verschiedenen Studentengruppen und ließ den Blick der dunkelbraunen Augen über die Flut von Schildern und Plakaten gleiten. Seine für einen Asiaten überdurchschnittliche Größe von fast 1,80 half ihm dabei, nicht gänzlich im Gewühl verloren zu gehen. Doch was er suchte, fand er dennoch nicht.

    Kim Dang, so hieß der 20 Jahre alte Austauschstudent aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, hatte noch bis vor einer viertel Stunde dem Einführungsvortrag der Vizepräsidentin der Universität gelauscht. Den Ausführungen zu folgen war ihm leicht gefallen. In den letzten zehn Jahren hatte er in seiner Heimat eine Schule des Goethe-Instituts besucht. Das Deutsche beherrschte er deshalb mindestens so sicher wie Englisch. Wegen hervorragender Leistungen in Mathematik und Germanistik hatte er sogar eines der begehrten Auslandsstipendien bekommen. Doch hier und heute, im April 2017, fühlte er sich einfach nur verloren.

    Wieder rempelte ihn eine Studentin leicht an, als diese sich an ihm vorbei drängte, um zu einigen Kommilitonen zu gelangen. Erneut warf der Asiate einen Blick auf das Display seines Smartphones. Er fasste sich, unterstützt von einem tiefen Atemzug in die halblangen, schwarzen Haare, die er sich seit dem Aufbruch aus der Heimat hatte wachsen lassen. Irgendetwas konnte mit dem Plan auf der Website der Universität nicht stimmen. Er irrte nun schon minutenlang in diesem Bereich umher und fand keine Spur des Infostands „Informatik und Computerwissenschaften". Befand er sich vielleicht doch im falschen Gebäude?

    Ein Stoß gegen die rechte Seite brachte den jungen Mann fast aus dem Gleichgewicht. Er stolperte ein paar Schritte nach links und sah noch aus den Augenwinkeln, wie ein augenscheinlich südamerikanischer Student mit beeindruckendem Bauchumfang ungerührt weiterging, als ihm ein Pappkarton gegen den Kopf geschlagen wurde.

    „Tschuldigung", sagte die rothaarige Studentin mit der grünen Strickjacke und den auffälligen Birkenstock-Sandalen ohne den Anklang eines ehrlichen Bedauerns, ehe sie den mit beiden Händen festgehaltenen Karton auf ihrem Kopf weiter in Richtung eines Infostands balancierte.

    „Also echt ... Muss das denn sein?!", rief eine tiefe Stimme direkt neben dem sein Gleichgewicht außergewöhnlich schnell wieder findenden Kim.

    Den Ausruf hatte ein Bär von einem Mann getätigt, wie der ausländische Student sogleich feststellte. Er musste nach oben schauen, denn der Rufer war über 1,90 groß. Dessen Gesicht wurde von einer breiten Nase und einem ebensolchen Kinn beherrscht. Der etwas längere dunkelbraune Vollbart unterstrich den ersten Eindruck, des Asiaten.

    „Alles okay bei dir?", fragte der Bär mit einer Bassstimme, die Verständnis und Mitgefühl mitschwingen ließ.

    „Ja, danke", kam als Antwort.

    „Echt ... gerade nach den Semesterferien tun viele so, als müsste man auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, sagte der Großgewachsene und funkelte mit seinen blaugrünen Augen der Kartonträgerin hinterher. „Du siehst verloren aus. Wohin willst du denn?

    „Ich suche den Infostand vom Fachbereich ‚Informatik und Computerwissenschaften‘", antwortete der Koreaner.

    „Hah! Das trifft sich gut. Ich bin von dort. Was wirst du studieren?"

    „Ich bin für Informatik und Computertechnik eingeschrieben."

    „Noch besser!, sagte der große Mann und klatschte dabei in die Hände. „Das studiere ich nämlich auch. Schon im vierten Semester. Komm‘ ich bring dich hin.

    „Danke", erwiderte Kim.

    „Ich bin übrigens der Klaus Stern."

    „Kim Dang", sagte der Asiate und deutete eine Verbeugung an.

    Während sie sich durch das Gewühl drängten, schüttelte der Koreaner die ihm dargebotene Hand des Deutschen. Der Händedruck war kraftvoll, aber nicht unangenehm. Unter der voluminösen Erscheinung musste sich ganz offensichtlich auch Einiges an Muskulatur verbergen. Auffällig war an Klaus zudem noch eine kreisrunde Kopfbedeckung, welche er auf seinem Hinterkopf trug. Sie war dunkelblau und weiß bestickt. Kim hatte so etwas schon einmal im Fernsehen gesehen, konnte sich aber nicht mehr an den Zusammenhang erinnern.

    ***

    Tatsächlich war der Koreaner bisher im falschen Teil des Foyers herumgeirrt. Der Stand des Fachbereichs „Informatik und Computerwissenschaften befand sich auf der Südseite des Gebäudes. Dort erhielt er eine Willkommenstasche, die allerlei vermeintlich nützliche Dinge enthielt. Neben einigen Willkommensgeschenken der verschiedenen Institute, wie einem USB-Stick, Kugelschreiber und Notizblock, fand sich auch eine mit „Wegweiser überschriebene Broschüre in der Stofftasche. Kim blätterte sogleich in ihr herum, was Klaus ein Lächeln in sein bärtiges Gesicht zauberte.

    „Zeitverschwendung, wenn du mich fragst", erklärte er.

    „Was du brauchst, ist ein Mentor. Bei uns bekommt jeder im ersten Semester einen zugewiesen."

    „Okay", sagte Kim.

    „Wo kommst du her?"

    „Aus Seoul, Korea."

    „Ach, du bist gar nicht aus Deutschland? Dein Deutsch ist der Hammer, Kim."

    „Danke", erwiderte der ausländische Student und verkniff sich darauf hinzuweisen, dass Kim sein Nachname war, den er nach asiatischem Brauch vorweggestellt hatte. Eine solche Korrektur empfand er in jenem Moment als unhöflich.

    „Mit Korea verbinde ich einiges. Ich trainiere seit ein paar Jahren Taekwondo und da bleibt es nicht aus, dass man sich für dessen Herkunftsland interessiert. Lernst du auch Taekwondo?"

    „Ja", antwortete Kim und verlagerte dabei mehrfach sein Gewicht vom linken auf den rechten Fuß.

    „Cool. Welchen Gürtel hast du denn?"

    „Du meinst, welche Graduierung ich erreichen durfte?"

    „Genau."

    „Kurz bevor ich mich auf das Studium vorbereitet habe, wurde mir die Ehre zu Teil, den zweiten Dan zu erwerben", antwortete Kim.

    Für den Koreaner hatte das keine besondere Bedeutung.

    In seinem Alter war diese Stufe des schwarzen Gürtels in der Heimat der Kampfkunst sogar eher gewöhnlich. Kim erinnerte sich in jenem Moment daran, dass er sich nie viel aus Graduierungen gemacht hatte. Die Meister mussten ihn regelmäßig zu den Prüfungen drängen.

    „Donnerwetter, Alter!, rief Klaus und nahm dabei mit geweiteten Augen den Kopf zurück. „Ich bin gerade einmal beim rot-schwarzen Gurt. Du trainierst schon auch das WTF-Taekwondo?

    „Selbstverständlich", verkündete Kim und sein Blick mit den heruntergezogenen Mundwinkeln und der in Falten geworfenen Stirn zeugte davon, dass ihm eine abweichende Vorstellung hochgradig unangenehm sein musste.

    „Cool!", sagte Klaus und unterstrich die Bemerkung, indem er seine große, rechte Faust einmal einen Halbkreis vor dem eigenen Brustkorb ausführen ließ.

    Kim versuchte, die Geste einer konkreten Taekwondo-Technik zuzuordnen, erkannte dann aber schnell, dass es nur eine Marotte des Deutschen sein musste.

    „Jungs!, meinte Klaus an die Besetzung des Infostands gewand. „Tragt mich bitte als Kims Mentor ein. Ich glaube, das passt.

    Kim Dang lächelte. Das sah er in jenem Moment genauso wie sein neuer Freund.

    ***

    Kim schwirrte eine derart gewaltige Menge an Informationen in seinem Kopf herum, dass er einige Mühe hatte, diese zu ordnen. Auch wenn Klaus als erfahrenerer Informatikstudent gewohnt war, Daten in Strukturen zu bringen, überforderte er den koreanischen Stipendiaten eindeutig mit seinen vielen gut gemeinten Ratschlägen.

    Allein der Auffassungsgabe des Erstsemesters schien es geschuldet, dass Kim aus der Vielzahl der gezeigten Seminar- und Vorlesungsräume, der universitären Verwaltungsstellen und der Arbeitsräume die Details herauszufiltern vermochte, welche er sofort benötigen würde. Es beruhigte den Koreaner jedoch ungemein, dass er mit Klaus einen sympathischen Ansprechpartner kannte. In den ersten Wochen müsste er sicherlich noch einige Dinge erfragen, die er eigentlich heute schon gehört hatte.

    In jenem Moment, als sich die neuen Freunde in der Unimensa mit ihren Mittagessen auf Serviertabletts an einen Tisch gesetzt hatten, brannte Kim jedoch eine ganz andere Frage unter den Fingernägeln. Gedankenverloren betrachtete er die ungewöhnliche Kopfbedeckung von Klaus und fasste den Mut nachzufragen.

    „Einen schönen, kleinen Hut trägst du da. Was ist das denn?"

    „Eine Kippa, antwortete Klaus. „Das ist die bei uns Juden übliche Kopfbedeckung für Männer, wenn wir zum Gebet in die Synagoge, also unser Gotteshaus, gehen.

    „Und ihr müsst diese auch im Alltag tragen?"

    „Nein, dass machen bei uns nur die sehr streng Gläubigen. Zu denen gehöre ich aber gar nicht."

    „Warum hast du sie dann auf?"

    Klaus legte sein Besteck ab und stütze die Ellbogen auf den Tisch, sodass er näher an Kim herankam.

    „Weil ich so erkenne, wer keine Juden leiden kann, sagte er nach einer kurzen Pause deutlich leiser. „Du musst wissen, dass gerade in den letzten Jahren in Deutschland viele Juden begonnen haben aus Angst vor Übergriffen ihren Glauben zu verstecken. Ich begann damals mit dem Krav Maga, das ist ein israelischer Selbstverteidigungsstil. Kennst du das?

    „Ich habe mal davon gehört, ja", antwortete Kim.

    „Es ist ein wirklich effektives Selbstverteidigungssystem", erklärte Klaus weiter. „Das hat mir aber nicht gefallen. Beim Taekwondo fand ich das, was ich suchte.

    Viel mit den Füßen zu arbeiten, das ist genau mein Ding."

    Kim nickte bestätigend.

    „Ja, das geht mir genauso."

    Erneut schwang Klaus die rechte Faust vor seiner Brust und kündigte so an, dass er eine Idee hatte.

    „Magst du mal mit in meinen Taekwondo-Verein kommen? Wir haben drei Mal in der Woche Training."

    „Das würde mich freuen", sagte Kim.

    Kaum hatte er die Antwort gegeben, schaute Klaus an ihm vorbei, legte ein Lächeln auf seine Lippen und begann ausladend mit der Linken zu winken.

    „Wie der Zufall so will, habe ich just in diesem Moment jemanden entdeckt, den du kennenlernen musst", sagte der Deutsche.

    Kim drehte sich auf seinem Stuhl um und schaute in die Blickrichtung von Klaus. Da sie

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