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Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3: Der Dunkle Astralat
Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3: Der Dunkle Astralat
Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3: Der Dunkle Astralat
eBook365 Seiten4 Stunden

Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3: Der Dunkle Astralat

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Über dieses E-Book

Seinem Ziel, der mächtigste Astralat der Welt zu werden, ist Corvin Parker greifbar nahe. Doch wie kam es dazu, dass einst aus einem unschuldigen Kind das Böse wurde?
Unterdessen suchen Faisel, Jane und Roo die Astralschule auf, um Roo in Sicherheit zu bringen. Sie ahnen nicht, dass die einzige Chance, den Weltenatlas zu retten, in ihnen selbst verborgen liegt.
Und während Fintus versucht, die Zukunft seiner Familie zu schützen, tobt in London und überall auf der Welt Krieg zwischen Ätherdieben und dem Stab der Welten.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum1. Dez. 2021
ISBN9783755718987
Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3: Der Dunkle Astralat
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Autor

Aurora Flemming

Aurora Flemming wurde 1989 in Berlin geboren. Beflügelt von ihrer Fantasie, schrieb sie bereits als Kind ihre ersten Kurzgeschichten und führte ihr Hobby als Jugendliche fort. Ihren Debütroman »Die Legende von ATIA« veröffentlichte sie 2018 im Selfpublishing. 2020 eröffnete sie ihre »Weltenatlas-Chroniken«. Seit 2019 studiert Aurora Flemming Psychologie und arbeitet als freischaffende Schriftstellerin an weiteren Büchern.

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    Buchvorschau

    Die Weltenatlas-Chroniken, Band 3 - Aurora Flemming

    London, kirchliches Waisenhaus, 1870 – »Gewonnen! Du schuldest mir ein Bonbon«, sagte Sofie selbstgefällig.

    Er betrachtete ihr puppenhaftes Gesicht mit undurchdringlichem Blick.

    »Hast du nicht gehört? Du schuldest mir was«, sagte sie abermals, doch er fixierte sie nur stillschweigend.

    Sofie musterte ihn für einen Moment, dann stand sie vom Tisch auf. »Du bist so ein Blödmann, Edward.«

    »Was hast du da gerade gesagt?«, zischte er.

    Sie drehte sich zu ihm um.

    »Dass du ein Blödmann bist.«

    »Das war es nicht. Das andere!«

    Sofie betrachtete ihn mit abschätzigem Blick, ehe sie davonlief. Plötzlich sauste ein Stuhl von der Seite heran und brachte sie zum Fallen. »Sofie!« Eine der Ordensschwestern kam ihr zu Hilfe. »Das war er«, weinte sie und richtete ihren kleinen Zeigefinger auf Edward. Schwester Holly schaute mit ernstem Blick zu ihm hinüber und half Sofie wieder auf die Beine. Eine andere Frau in Schwesterntracht führte sie aus dem Spielzimmer.

    Missmutig betrachtete Edward die Spielkarten vor sich auf dem Tisch, ehe Schwester Holly mit schnellen Schritten auf ihn zukam. Beherzt griff sie nach seinem Ohr. »Wollen wir mal sehen, wie wir dir deine Flausen wieder aus dem Kopf treiben.«

    Edward biss vor Schmerz die Zähne zusammen.

    »Aber es war nicht meine Schuld!«, jammerte er. »Sie hat gesagt, dass es kein Wunder ist, dass mich niemand bei sich behalten möchte. Weil ich ein Verrückter bin.«

    Schwester Holly lief mit ihm auf einen langen Flur hinaus. »Damit hat Sofie nicht unrecht. Wenn du dich weiter so benimmst, wirst du auf der Straße landen, wie deine gottverlassene Mutter«, schimpfte sie und hielt vor der Tür der Oberschwester. Energisch klopfte sie gegen das Holz. Eine Stimme bat sie herein. Schwester Holly öffnete die Tür und trat mit Edward, den sie noch immer am Ohr hielt, ins Zimmer. »Oberschwester Elizabeth, ich bringe Ihnen den Jungen Edward. Wieder einmal hat er sich danebenbenommen und einem Kind Schaden zugefügt.«

    In dem Zimmer, hinter einem Schreibtisch, saß eine ältere Frau. Sie war ebenfalls in Schwesterntracht gekleidet und nahm soeben ihre Brille von der Nase. Sie betrachtete ihn eindringlich, während Edward mit schmerzverzerrtem Gesicht dastand.

    »Ich danke dir«, sagte die Oberschwester und Schwester Holly ließ ihn endlich los. Mit verbitterter Miene glättete sie ihre Garderobe und verließ das Zimmer.

    Edwards Ohr glühte. Er beobachtete, wie die Oberschwester hinter dem Schreibtisch hervortrat und zu einer Wand hinüberging, an dem ein Teppichklopfer hing. Schnell schüttelte Edward den Kopf.

    »Ich habe nichts Unrechtes getan! Sie hat mich beleidigt!«, sagte er erbost.

    »Schweig!«, sagte Oberschwester Elizabeth und griff energisch nach dem Teppichklopfer. »Komm her!«

    Edward blieb stehen. Er rieb sich sein schmerzendes Ohr.

    »Komm!«, befahl die Oberschwester mit Nachdruck.

    Er schüttelte erneut den Kopf. »Nein!«

    Da kam sie mit schnellen Schritten auf ihn zu und nahm sein anderes Ohr zwischen die Finger. Ihr Griff war noch fester als der von Schwester Holly und der Schmerz trieb Edward Tränen in die Augen.

    »Undankbarer Bengel«, schimpfte sie ihn. »Hätten wir dich nicht vor neun Jahren aus dem Dreck gezogen, so wärst du nun tot.«

    »Lieber wäre ich tot als hier zu sein«, jammerte er.

    Oberschwester Elizabeth bugsierte ihn vor einem Hocker auf die Knie. »Vorlehnen«, befahl sie, aber Edward war wie versteinert. »Vorlehnen habe ich gesagt.« Sie drückte ihn an den Schultern grob nach vorn. Was dann folgte, war ein kräftiger Schlag mit dem hölzernen Teppichklopfer auf sein Hinterteil. Edward unterdrückte einen Aufschrei. Ein weiterer Hieb folgte und noch einer. Er war sich sicher, dass man die Schläge draußen im Flur hörte. Aber es war niemand da, der ihn von diesen Qualen hätte befreien können.

    »Wann schaffen wir es endlich, dir deinen Unsinn aus dem Kopf zu treiben? Andere Kinder zu verletzen ist –«

    »Sie hat gemeine Dinge gedacht«, rief er mit nassen Augen.

    »Dinge gedacht?«, empörte sich die Oberschwester und schlug umso härter zu, sodass er nun doch aufschrie. »Der Teufel wohnt in dir, wenn du Stimmen hören kannst«, sagte sie und drosch abermals auf ihn ein. »Das hast du von deiner hurenden Mutter! Wie sie da im dreckigen Bett lag und dich gebar, da wusste ich gleich, dass du unrein bist.«

    Sie holte erneut mit dem Teppichklopfer aus.

    »Meine Mutter war keine Hure«, rief Edward zornig und drehte sich zu ihr um. In dem Moment glitt der Oberschwester der hölzerne Schläger aus der Hand und blieb über ihrem Kopf schweben. Erschrocken schaute sie nach oben. Dann senkte sie ihren Blick.

    »Oh doch, Junge. Das war sie«, meinte sie und hob beschwichtigend die Hände. Ihre Augen huschten von Edward zum Teppichklopfer und zurück. »Und wir sind alles, was du noch hast. Überlege dir gut, gegen wen du dich stellst«, ermahnte sie ihn.

    Edward starrte sie mit tränennassem Gesicht zornig an. Er spürte das Pochen der hervorgetretenen Ader auf seiner Stirn.

    Er verharrte noch einen Augenblick, dann fiel der Teppichklopfer mit einem lauten Klackern auf den steinernen Boden. Edward blitzte die Oberschwester ein letztes Mal düster an, ehe er zur Tür lief und das Zimmer verließ. Er nahm die Treppe in den ersten Stock. Sofie kam aus einem der Mädchenzimmer auf der linken Seite und warf ihm einen giftigen Blick zu. Edward beachtete sie nicht. Er eilte mit gesenktem Kopf an ihr vorbei und verschwand in einem der Jungenzimmer auf der rechten Seite. Schnell schloss er die Tür und lehnte sich gegen das Holz. Er schniefte und wischte sich mit dem Handrücken die feuchte Nase. Das Zimmer war nicht groß. An den Längsseiten nahmen je drei Betten den gesamten Platz ein.

    Edward lief zu seinem Bett hinüber, das hinten am Fenster stand, und setzte sich. Oberschwester Elizabeth hatte recht. Das kirchliche Kinderheim war alles, was er besaß.

    Er hörte Stimmen im Hof und stellte sich an die Scheibe. Ein Ehepaar holte soeben eines der Kinder ab. Edward selbst wurde schon dreimal abgeholt. Aber keiner von den Leuten behielt ihn lang bei sich. Immer hieß es, dass etwas nicht mit ihm stimmen würde. Er würde Gegenstände bewegen und auf Fragen antworten, die niemals laut gestellt wurden. Die Leute hatten Angst vor ihm. Auch die Kinder im Waisenhaus. Sofie, die ihre Eltern verloren hatte, war neu und wusste nicht, worauf sie sich beim Kartenspielen mit ihm eingelassen hatte.

    Er setzte sich wieder. Es war Sonntag, der Tag des Herrn. Das bedeutete, dass dies sein einziger freier Tag war. Die restlichen Tage über musste er in den kirchlichen Schulunterricht, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Nach dem Mittagessen waren die Jungen angehalten, die Räume zu putzen, die Toilettenkammern im Flur zu leeren und die Wäsche zu waschen. Und wenn Edward Glück hatte, durfte er den Mädchen im Kräutergarten oder in der Küche helfen. Das Leben im kirchlichen Kinderheim war gewiss nicht leicht, aber im Gegensatz zu den Stadtkindern, die schwere körperliche Arbeit in den Fabriken verrichteten, hatte er es hier recht annehmlich – von den regelmäßigen Züchtigungsschlägen abgesehen. Das war ihm bewusst, weshalb er vorhin den Teppichklopfer hatte fallen lassen. Sein einziger Freund war Theodore, ein Junge in seinem Alter mit abstehenden Ohren und kleinen, schwarzen Augen, die Edward an die Knopfaugen eines Plüschbären erinnerten. Teddy war schon genauso lang im Heim wie er. Im Gegensatz zu ihm hatte sein Freund jedoch noch nie die Chance auf ein Zuhause gehabt. Beiden war bewusst, woran das lag. Teddy war nicht gerade mit Schönheit gesegnet und ein annehmbares Äußeres half ungemein bei den eigenen Vermittlungschancen, weshalb Edward schon dreimal die Möglichkeit dazu bekommen hatte. Sein hübsches Gesicht, die tiefgründigen Augen und sein gesunder Körperbau hatten ihm oft bei der Vermittlung geholfen. Aber er hatte andere Makel, die ihn daran hinderten, länger als drei Tage bei einer Familie zu bleiben. Er hatte keine Erklärung dafür, warum er Gegenstände schweben lassen oder die Gedanken der Menschen lesen konnte. Aber eines war ihm bewusst: Diese Abnormalitäten waren dafür verantwortlich, dass ihn niemand bei sich behielt. Er hatte kaum Einfluss auf seine Gabe. Es geschah von selbst, dass Stühle umherflogen. Insbesondere wenn er sauer war. Auch die Gedanken der Menschen drangen ungefiltert zu ihm durch. Es verging kein Tag, an dem er nicht das unheimliche Flüstern, Klagen und Weinen der Kinder um sich herum vernahm, von dem er immer wieder Kopfschmerzen und Albträume bekam. Und manchmal fiel es ihm schwer, zu unterscheiden, was gesagt oder gedacht wurde. Seine ganze Welt war ein einziges Flüstern der Menschen um ihn herum. Ruhe fand er nur, wenn er allein in seinem Zimmer war. So wie jetzt.

    Die Stille hielt jedoch nicht lang an. Draußen im Flur knallte es laut, sodass er zusammenfuhr. Nur Sekunden später hört er Teddys Gedanken, die sich wie das Schnaufen einer einfahrenden Lokomotive näherten. Die Tür wurde aufgerissen und der schlaksige Junge betrat aufgeregt das Zimmer.

    »Edward, komm schnell! William hat die Toilette im Erdgeschoss mit einem Scherzartikelknaller gesprengt, bevor Sofie das Klo benutzen wollte. Das ist eine Sauerei sag ich dir, das musst du dir ansehen«, rief er freudestrahlend und verschwand sogleich. Er ließ die Tür offen und das aufgeregte Stimmengewirr der Leute im Erdgeschoss drang zu Edward aufs Zimmer hinauf. Also stand er auf und folgte seinem Freund.

    Auf dem unteren Treppenabsatz blieb er stehen und sah Sofie, die vollkommen bewegungslos vor der Tür zur Toilette stand und mit Unrat übersät war. Die stinkende Brühe tropfte von ihrem Haar und Kleid auf den Boden. Die Kinder kamen aus allen Richtungen zusammengelaufen und hielten großzügig Abstand von ihr. Viele lachten. Auch Edward, was nicht oft passierte.

    Die Ordensschwestern kamen herbeigeeilt. Oberschwester Elizabeth blieb fassungslos vor Sofie stehen und betrachtete sie mit geöffnetem Mund. »Wer war das?«, fragte sie mit energischer Stimme und wutentbranntem Blick. Sofort verstummten die Kinder. Ihr zorniger Gesichtsausdruck erfasste Edward, der es nicht rechtzeitig schaffte, sein schadenfreudiges Grinsen zu verbergen. »Du!«, zischte sie und lief, sich ihre Tracht haltend, die Stufen zu ihm hinauf. Das Lachen verebbte auf seinen Lippen. Abermals griff die Oberschwester nach seinem Ohr und zog ihn hastig die Treppe hinab. Sie hielten vor dem Eingang der Toilettenkammer. »Du machst diese Sauerei auf der Stelle weg! Kein Abendessen für dich und dreißigmal das Vater unser vor dem zu Bett gehen in meinem Zimmer, hast du gehört?«, zeterte sie und ließ sein Ohr los. Erzürnt entfernte sie sich mit schnellen Schritten vom Tatort. Schwester Holly führte Sofie in den Waschraum und die übrigen Kinder wurden vom Gang gescheucht. Viele von ihnen warfen Edward schadenfrohe Blicke zu. Auch William, der Übeltäter, grinste verstohlen und folgte der Meute.

    Edward öffnete die kleine Kammer neben der Toilette und griff missmutig nach Eimer und Mopp. Teddy trat zu ihm. »Na ja, wenigstens hat die doofe Sofie mal ihr Fett wegbekommen. Soll ich dir helfen?«

    Und gemeinsam schrubbten sie die Überreste von Williams Verbrechen von den Fliesen.

    Um 18 Uhr läuteten die Glocken des Kirchturmes und riefen zum Abendessen. Edward und Teddy waren noch immer damit beschäftigt, die Toilettenkammer zu putzen. Teddy fand die traurigen Überreste von Williams Scherzartikelknaller. »Wie kommt der eigentlich dazu, möchte ich wissen.« Verwundert betrachtete er das zersprengte Spielzeug.

    »Bestimmt hat er sich wieder heimlich in der Stadt aufgehalten und geklaut«, sagte Edward und las ein paar Porzellanstücke der kaputten Toilette auf.

    »Theodore, Abendessen«, rief Schwester Holly ihm zu und Teddy erhob sich. »Soll ich dir was mitbringen?«, flüsterte er. Edward nickte wortlos und schaute ihm nach, wie er in Richtung Speisesaal verschwand.

    Mit knurrendem Magen schrubbte er weiter. Der Gestank war unerträglich und stach ihm in der Nase. Eine Stunde lang putzte er die Kammer. Dann stoben die Kinder wieder aus dem Speisesaal. Sie kicherten und schielten zu ihm hinüber. Er war gerade dabei Eimer und Mopp zurückzustellen, als er Williams Stimme hinter sich vernahm. »Stinke-Edward«, zischelte er.

    »Das ist alles nur deine Schuld!«, blaffte Edward.

    William, der gut einen Kopf größer war, hielt inne.

    »Beweise es«, forderte er und richtete sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. Natürlich konnte Edward das nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn mit Blicken zu strafen.

    William schnaufte abschätzig. »Hurenkind.«

    Das war Edward zu viel. Mit seiner Gabe verfrachtete er den Wischmopp in die Luft und schlug ihn William um die Ohren. Dieser schrie auf und rannte um sich fuchtelnd davon. »Das wirst du noch büßen!«, rief er, ehe er hinter der nächsten Ecke verschwand. Der Mopp fiel zu Boden. Seufzend stellte Edward die Putzutensilien weg und lief zum Waschraum. Dort säuberte er sich gründlich und suchte anschließend das Zimmer von Oberschwester Elizabeth auf. Wie verlangt sagte er dreißigmal das Vater unser auf und ließ eine weitere Standpauke über sich ergehen. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass ihn die Oberschwester schonender behandelte, als ihr lieb war. Die Erinnerung mit dem schwebenden Teppichklopfer war vermutlich noch zu präsent.

    Später betrat Edward sein Zimmer. Teddy erwartete ihn bereits sehnsüchtig. Die anderen drei Jungen, mit denen sie sich den Raum teilten, hörten sofort auf zu reden. Sie fingen erst wieder damit an, als Edward an ihnen vorbeigelaufen war und sich auf seinem Bett niederließ.

    Teddy huschte zu ihm hinüber. »Hier«, sagte er und reichte ihm etwas Brot, das in einer Stoffserviette eingewickelt war. Edward nahm es stumm entgegen.

    »He! Irgendwann werden wir aus diesem Loch rauskommen und eine Familie haben«, versuchte Teddy ihn aufzuheitern.

    Schwester Holly betrat das Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Edward zog sich seinen Schlafanzug an und legte sich zu Bett. Er schaute aus dem Fenster und hatte das Gefühl, dass die Stadt dahinter immer dunkler und rußiger wurde. Schornsteine wuchsen in die Höhe, die Züge zischten lauter und die Luft wurde undurchdringlicher. Er fühlte sich klein und unbedeutend und wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Platz in dieser Welt zu finden.

    London, kirchliches Kinderheim, 1871 – »Es soll ein Junge sein. Dunkles Haar, wie das von James«, sagte Mrs Parker und legte aufgeregt die Hand auf das überschlagene Bein ihres Mannes.

    Oberschwester Elizabeth betrachtete James Parker. Das Haar trug er streng gescheitelt und auch sein Schnauzbart sah akkurat gepflegt aus. Was ihr jedoch am meisten zusagte, waren Mr Parkers undurchdringliche Augen, die Autorität ausstrahlten.

    »Nun, Mrs Parker, ich bin mir sicher, dass wir Ihren Wunsch nachkommen können. Ich habe da auch schon einen Jungen im Kopf«, sagte die Oberschwester gönnerhaft.

    »Tatsächlich?«, hauchte Evelyn Parker und hielt sich schniefend ihr Taschentuch an die Nase. »Wissen Sie, wir versuchen es schon so lang … mein James und ich«, sagte sie und betrachtete ihren Mann aus gefühlvollen Augen. Dieser erwiderte ihren Blick nicht. »Oh«, warf Mrs Parker schnell ein, »denken Sie bitte nicht es läge an meinem Mann. Es ist natürlich meine Schuld. Ich bin da in der Hinsicht … eingeschränkt, wenn Sie verstehen.«

    Oberschwester Elizabeth lächelte künstlich.

    »Gewiss. Mr und Mrs Parker, ich bin mir sicher, dass Edward Ihnen ein guter Sohn und Erbe sein wird«, versicherte sie.

    James Parker holte ein Zigarettenetui aus der Innentasche seines Anzugs. Dann angelte er nach einem Feuerzeug. Irritiert von seiner Verschwiegenheit, wandte sich Oberschwester Elizabeth wieder der Ehefrau zu.

    »Edward ist … besonders. Er braucht eine starke Hand und vor allem Zuneigung.«

    Mrs Parker seufzte glücklich und wischte sich mit ihrem Taschentuch eine Träne aus dem Augenwinkel.

    »Dürfen wir ihn sehen?«

    »Die Jungen warten oben im Zimmer. Wir können gleich zu ihm gehen.« Oberschwester Elizabeth erhob sich von ihrem Stuhl. Evelyn Parker schien es kaum abwarten zu können. Sie öffnete die Tür und verschwand auf der Stelle in den Flur hinaus. Bevor Oberschwester Elizabeth ihr folgen konnte, hielt James Parker sie an ihrem Arm zurück.

    »Wenn es Schwierigkeiten mit dem Jungen gibt, dann nehmen Sie ihn doch wieder bei sich auf?«, sagte er, die qualmende Zigarette in der anderen Hand haltend. Sie unterdrückte den Hustenreiz im Hals und warf einen Blick auf ihren festgehaltenen Arm. Mr Parker ließ sie daraufhin behutsam los.

    »Dies ist ein Haus Gottes«, entgegnete sie. »Hier wird jeder aufgenommen, der in Not ist. Aber ich möchte Sie darum bitten, dem armen Geschöpf eine Chance zu geben.«

    *

    Edward saß in grauen, kurzen Stoffhosen und einer dünnen Jacke auf seinem Bett und schaute aus dem Fenster. Es war ein angenehmer Spätsommertag und das Licht drang durch die diffusen Rauchwolken der Stadt. Heute war es endlich wieder so weit. Eine Familie würde sich ein Kind aussuchen. An diesen speziellen Tagen mussten sie sich fein anziehen, die Schuhe putzen, ihr Haar ordentlich kämmen und die Koffer packen. Die Chance, ausgesucht zu werden, war bei den vielen Kindern im Heim nicht sehr hoch. Edward wollte alles dafür tun, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Er saß mit den anderen Jungen in seinem Zimmer auf den Betten und wartete, bis das Erstgespräch mit der Oberschwester vorbei war.

    »Ein Penny, dass sie Esme aussuchen, wenn sie ein Mädchen wollen und ein für Samuel, wenn es ein Junge sein soll«, sagte Freddie, einer von Edwards Zimmergenossen. Er spielte mit einem handgroßen Ball, den er immer wieder in die Luft warf und auffing.

    »Ganz sicher wird es nicht Segelohr oder Stinke-Edward«, lachte Oliver. Freddie und Thomas, der Dritte im Bunde, stimmten in das Lachen ein. Teddy warf Edward einen stillen Blick über sein Bett zu, aber Edward sagte nichts.

    »He! Stinke-Edward. Hast du dazu gar nichts zu sagen?«, fragte Oliver.

    »Wird euch der Spitzname nicht langsam überdrüssig?«, fragte Edward, ohne sich zu ihm umzudrehen. Da lachten die drei Jungen abermals.

    »Wie sollen wir dich denn lieber nennen?«, wollte Freddie wissen.

    »Wie wäre es mit Müffel-Edward? Oder Nachttopf-Putzer?«, rief Thomas.

    »Nein!«, grinste Olivier. »Wie wäre es mit Hurenkind?«

    Er betonte das Wort mit einer Boshaftigkeit, die Edward den Puls in die Höhe schnellen ließ. Sofort zog er die dunklen Augenbrauen zusammen und sprang über das Bett zu Oliver, der ihn kommen sah. Augenblicklich lieferten sich die Jungen einen Kampf und Freddie und Thomas stimmten in die Schlacht ein. Auch Teddy sprang auf, um seinem Freund zu helfen. Sie balgten und kämpften, schlugen sich in die Rippen, in den Bauch und ins Gesicht. Und in dem heillosen Durcheinander wurde die Tür geöffnet und Oberschwester Elizabeth trat herein. Auf der Stelle ließen die Jungen voneinander ab und stellten sich in einer Reihe auf. Sie glätteten ihre Kleider und brachten ihr zerzaustes Haar in Ordnung. Olivers Nase blutete, Thomas’ Brille hatte einen Sprung und saß schief, Freddies Hemd war am Ärmel gerissen, Teddy hielt sich den schmerzenden Bauch und Edward hatte eine blutende Lippe.

    Mit schockiertem Gesicht betrachtete die Oberschwester sie. Dann fasste sie sich nervös an ihre Kreuzkette und stellte die Jungen dem Besuch vor.

    »Mr und Mrs Parker, das sind Oliver, Thomas, Freddie, Theodore und Edward. Kinder, sagt guten Tag.«

    »Guten Tag Mr und Mrs Parker«, begrüßten die Jungen das Ehepaar.

    »Guten Tag«, hauchte Mrs Parker und reichte jedem von ihnen ihre Hand. Edward bemerkte, wie sie ihn mit einer Eindringlichkeit betrachtete, die ihm fremd war – warm und gütig. Er schaute zum Ehemann. Er hatte einen strengen Gesichtsausdruck, der ihm sofort Respekt einflößte. Mr Parker roch nach Zigaretten und Aftershave. Und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, schnappte Edward einen Gedankenfetzen auf: Furchtlos und mutig.

    »Nun, Mr und Mrs Parker«, unterbrach Oberschwester Elizabeth seine eigenen Gedanken, »wenn Sie wollen können sie sich mit den Jungen unterhalten.«

    »Wir würden gern noch die anderen Burschen sehen«, sagte Mr Parker und drehte sich aus dem Türrahmen.

    »Ach, wirklich Liebling? Wollen wir nicht –«

    »Evelyn. Sofort!«

    Mr Parker verschwand aus Edwards Sichtfeld. Seine Frau lächelte ihnen noch einmal zu, ehe sie ihm folgte. Dann gab Oberschwester Elizabeth jeden der Jungen einen Klaps über den Kopf. »Ihr solltet euch schämen!«

    Verärgert folgte sie den Parkers und schloss die Tür von außen.

    »Das ist alles deine Schuld, Müffel-Edward«, zischte Thomas und lief zu seinem Bett zurück.

    »Schönen Dank, jetzt hast du uns die Chance auf eine super Familie genommen«, beschwerte sich Olivier.

    Teddy legte seine Hand tröstend auf Edwards Schulter. Doch Edward schwirrte ein anderer Gedanke durch den Kopf: Furchtlos und mutig.

    Er leckte sich seine blutende Lippe.

    An diesem Tag suchte sich die Familie Parker keines der Kinder aus und so verlor Freddie zwei seiner fünf Pence, die er mal auf der Straße gefunden hatte.

    Als es Zeit für das Mittagessen war, liefen sie in den Speisesaal hinunter. Einige Kinder halfen beim Ausschenken der Mahlzeiten. Diese Aufgabe wurde wöchentlich gewechselt, genauso wie das Spülen.

    Edward und Teddy standen in der Schlange vor dem Essensausschank an.

    »Dieser blöde Mistkerl Olivier hat uns alles verdorben«, sagte Teddy verbittert. »Vielleicht würde ich jetzt Braten in meinem eigenen Zuhause essen. An einem Tisch mit weißer Decke. Vater würde mir anerkennend auf die Schulter klopfen, weil er endlich einen Sohn wie mich hätte und Mutter würde vor Freude weinen.« Verträumt hielt er seinen leeren Teller vor sich. Edward sagte nichts. Eine Sache ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es war Mr Parkers Erscheinung und der Blick, mit dem er ihn gemustert hatte. Bei der Erinnerung lief es ihm eiskalt den Rücken runter und gleichzeitig war er von dem Mann fasziniert. Furchtlos und mutig hatte er gedacht und damit war er gemeint – Edward!

    Endlich waren sie am Essensauschank dran und hielten bereitwillig der kleinen Alice ihre tiefen Teller hin.

    »Schon wieder Eintopf?«, stöhnte Teddy.

    »Heute sogar mit Fleisch«, entgegnete sie freudestrahlend. Aber das konnte Teddy nicht aufmuntern. Edward beschwerte sich nie über das Essen. Er wusste, dass es manchen Menschen weitaus schlechter ging. Manchmal, wenn er nicht schlafen konnte, setzte er sich ans Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Er bildete sich ein, die Gedanken der bettelarmen Leute zu hören. Wie sie weinten und sich beklagten, wie sie Hunger litten und schlimme Pläne schmiedeten. Er fragte sich, ob seine Mutter dort draußen war. Oberschwester Elizabeth schien davon überzeugt. War sie tatsächlich eine von ihnen, den vergessenen Menschen? Mehr als einmal hatte er die Idee, aus dem Heim abzuhauen und sie zu suchen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihn nicht haben wollte. Aber jedes Mal, wenn er kurz davor war in der Nacht aus seinem Zimmer zu schleichen, überlegte er es sich anders.

    Sie griffen in den Brotkorb und setzten sich an einen der großen Tische. Beide waren es gewohnt, dass niemand so recht etwas mit ihnen zu tun haben wollte. Mit Edward nicht, weil er ein Sonderling war und mit Teddy nicht, weil er der Freund eines Sonderlings war.

    Sie warteten, bis sich alle Kinder mit einem vollen Teller an die Tische setzten. Dann hob Schwester Holly die Hände und rief zum Tischgebet auf. Teddy trug wie immer seine eigene Version vor: »Wir danken dir Herr (alter Kauz) für diese Speise (diesen Fraß) und mögest du uns alle segnen (weiter foltern) und mit Barmherzigkeit (Geld) überschütten. Amen! (Gesundheit).

    »Kein Wunder, dass dich noch keine Familie wollte«, sagte Edward und biss vom Brot ab.

    »Das sagt der Richtige.«

    Sie grinsten sich über ihren Eintopf hinweg an.

    Es vergingen sechs Tage. Dann kam Schwester Holly ins Spielzimmer gestürmt und lief auf Edward zu.

    »Los, du gehst auf der Stelle nach oben!«

    »Aber ich hab doch gar nichts getan«, verteidigte er sich.

    »Du gehst deine Koffer packen. Offenbar möchte sich die Familie Parker deiner annehmen«, erklärte sie und bekreuzigte sich. Sie schob Edward an den Schultern hektisch vor sich her und die Treppe hinauf. »Sie werden bald hier sein. Pack deine Koffer und wasch dich gründlich. Und bitte lass dein sonderbares Verhalten, wenn du möchtest, dass es dieses Mal klappt«, riet sie ihm im selben Atemzug.

    Vollkommen überfordert ließ sich Edward von ihr in sein Zimmer führen. »Vergiss nicht dich unter den Armen zu waschen, hörst du?«, sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf, weil Edward sie nicht anguckte. Er nickte schnell und holte den Koffer unter dem Bett hervor. Eilig packte er den Schlafanzug, die lange Hose mit Trägern, seine zwei Hemden, drei Sockenpaare und Unterhosen und

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