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Western-Anthology Band 1: Grenzreiter
Western-Anthology Band 1: Grenzreiter
Western-Anthology Band 1: Grenzreiter
eBook626 Seiten8 Stunden

Western-Anthology Band 1: Grenzreiter

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Über dieses E-Book

Im harten Leben des Wilden Westens prallen Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Es ist eine Zeit, in der alles möglich scheint: eine ruhmreiche Zukunft und unermesslicher Reichtum. Es ist aber auch eine Zeit, die Männer hervorbringt, die das Gesetz nicht achten und mit den Stiefeln treten, die alles zunichtemachen, was andere sich in harter Arbeit erschaffen haben, und dafür sogar Menschen töten.
 
Wenn es keine Männer geben würde, Marshals und Sheriffs, die den Pionieren folgen, die unter Einsatz ihres Lebens für ein Gleichgewicht zwischen beiden Seiten sorgen, was wäre das Leben dann noch wert? – Keinen Cent!
Von solchen Männern erzählen diese spannenden Geschichten unserer internationalen Top-Autoren. – Weitere Anthologien werden folgen.
 
Das Buch enthält folgende vier ausgewählte Western-Romane:
Wild Bill – Gottes eigenes Land: Trouble für Wild Bill - von Tomos Forrest und Horst Weymar Hübner
Und es kommt die Zeit der Abrechnung - von Tony Masero
Shannon und der Wüstenscout - von John F. Beck
Bill Warbow, der Glücksritter - von Frank Callahan
SpracheDeutsch
HerausgeberBookRix
Erscheinungsdatum15. Jan. 2022
ISBN9783755405504
Western-Anthology Band 1: Grenzreiter
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    Buchvorschau

    Western-Anthology Band 1 - Tony Masero

    Impressum

    Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

    Cover: © by Steve Mayer mit Kerstin Peschel, 2022

    Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten

    Inhaltsverzeichnis

    Impressum

    Das Buch

    Wild Bill – Gottes eigenes Land

    Zur Person Wild Bill

    1. Kapitel

    2. Kapitel

    3. Kapitel

    4. Kapitel

    5. Kapitel

    6. Kapitel

    7. Kapitel

    8. Kapitel

    9. Kapitel

    10. Kapitel

    11. Kapitel

    12. Kapitel

    13. Kapitel

    14. Kapitel

    Und es kommt die Zeit der Abrechnung

    1. Kapitel

    2. Kapitel

    3. Kapitel

    4. Kapitel

    5. Kapitel

    6. Kapitel

    7. Kapitel

    8. Kapitel

    9. Kapitel

    10. Kapitel

    11. Kapitel

    12. Kapitel

    13. Kapitel

    14. Kapitel

    Shannon und der Wüstenscout

    1. Kapitel

    2. Kapitel

    3. Kapitel

    4. Kapitel

    5. Kapitel

    6. Kapitel

    7. Kapitel

    8. Kapitel

    9. Kapitel

    10. Kapitel

    11. Kapitel

    12. Kapitel

    13. Kapitel

    14. Kapitel

    15. Kapitel

    16. Kapitel

    17. Kapitel

    18. Kapitel

    19. Kapitel

    20. Kapitel

    21. Kapitel

    22. Kapitel

    Bill Warbow, der Glücksritter

    1. Kapitel

    2. Kapitel

    3. Kapitel

    4. Kapitel

    5. Kapitel

    6. Kapitel

    7. Kapitel

    8. Kapitel

    9. Kapitel

    10. Kapitel

    11. Kapitel

    12. Kapitel

    13. Kapitel

    14. Kapitel

    15. Kapitel

    16. Kapitel

    17. Kapitel

    18. Kapitel

    19. Kapitel

    20. Kapitel

    21. Kapitel

    22. Kapitel

    23. Kapitel

    24. Kapitel

    Über die Autoren

    Das Buch

    Im harten Leben des Wilden Westens prallen Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Es ist eine Zeit, in der alles möglich scheint: eine ruhmreiche Zukunft und unermesslicher Reichtum. Es ist aber auch eine Zeit, die Männer hervorbringt, die das Gesetz nicht achten und mit den Stiefeln treten, die alles zunichtemachen, was andere sich in harter Arbeit erschaffen haben und dafür sogar Menschen töten.

    Wenn es keine Männer geben würde, Marshals und Sheriffs, die den Pionieren folgen, die unter Einsatz ihres Lebens für ein Gleichgewicht zwischen beiden Seiten sorgen, was wäre das Leben dann noch wert? – Keinen Cent!

    Von solchen Männern erzählen diese spannenden Geschichten unserer internationalen Top-Autoren. – Weitere Anthologien werden folgen.

    Das Buch enthält folgende vier ausgewählte Western-Romane:

    › Wild Bill – Gottes eigenes Land: Trouble für Wild Bill - von Tomos Forrest und Horst Weymar Hübner

    › Und es kommt die Zeit der Abrechnung - von Tony Masero

    › Shannon und der Wüstenscout - von John F. Beck

    › Bill Warbow, der Glücksritter - von Frank Callahan

    ***

    Wild Bill – Gottes eigenes Land

    Trouble für Wild Bill

    von Tomos Forrest und Horst Weymar Hübner

    Zur Person Wild Bill

    James Butler Hickok, genannt Wild Bill, ist eine historische Figur. Er kam am 27.5.1837 als viertes von sechs Kindern im US-Staat Illinois auf einer Farm zur Welt. Sein Vater war überzeugter Gegner der Sklaverei und wurde deshalb schwer misshandelt. Mit achtzehn Jahren wurde Hickok Mitglied der Jayhawkers, die gegen Bushwhacker-Banden, die Befürworter der Sklaverei, kämpften. Man beschrieb ihn als schießwütigen Mann, der seine Navy Colts schneller zog und abfeuerte als mancher andere. Die Begegnung mit William F. Cody, dem späteren Buffalo Bill, ist verbürgt. Hickok starb im August 1876 in Deadwood, South Dakota.

    ***

    1. Kapitel

    Sein Aussehen hatte er verändert.

    Wer jetzt auf James Butler Hickok, genannt Wild Bill, traf, hätte seine schulterlangen Haare und den charakteristischen Schnurrbart vermisst. Bill hatte seine Haare deutlich stutzen lassen und zu dem Schnurrbart kam nun auch ein breiter Kinnbart dazu.

    Natürlich hatte das alles einen Sinn, auch wenn man sein Konterfei vergeblich auf einem Steckbrief suchen würde. Doch die Zeit, die er nach dem großen Bürgerkrieg in Missouri verbrachte hatte, prägte sein Leben auch für die nächste Zeit. Wild Bill überlegte ernsthaft, ob er nicht das wilde, verrückte Leben in den Städten einfach aufgeben sollte und stattdessen sein Glück irgendwo auf einer kleinen Ranch oder Farm finden konnte. Die Gelegenheit schien zum Greifen nahe, als er günstig Pferde ankaufen konnte und einen seiner zahlreichen Träume damit in greifbare Nähe gerückt sah. Er würde Pferde züchten. Außerordentlich gute, kräftige Pferde, die ihm die Armee zu sehr guten Preisen abnahm.

    Wild Bill begann damit, sich ein neues Leben aufzubauen, und Oak City, der kleine, verschlafen wirkende Ort im Grenzgebiet von Texas, schien ihm dafür die ideale Grundlage zu sein. Hier könnte er sich wohlfühlen.

    Doch dann kam ihm dieser verfluchte Henry Fronwall in den Weg, wie aus heiterem Himmel. Bill war auf dem Rückweg von einer Ranch, bei der er sich einen wunderbar für seine Zwecke geeigneten Zuchthengst angesehen hatte. Guter Stimmung trat er nach der Einigung über den Kaufpreis mit seinem Besitz den Rückweg an und achtete dabei nicht sonderlich auf seine Umgebung.

    Die Zeiten waren ruhiger geworden, der große Krieg beendet, die umherstreifenden Indianerhorden weitgehend vertrieben und in anderen Gebieten angesiedelt. So mochte es ein wenig nachlässig erscheinen, wenn er nicht, wie er es sonst getan hatte, ständig kritisch seine Umgebung auf verdächtige Zeichen absuchte. Wild Bill bemerkte deshalb die großen Bussarde erst relativ spät, als er die kleine Anhöhe überwand und sich wunderte, warum diese Vögel so dicht über ihm kreisten. Erst jetzt wurde es ihm bewusst, dass er die Ursache für ihr Verhalten fast erreicht hatte.

    Da lag ein Körper lang ausgestreckt, und wenige Schritte davon entfernt graste scheinbar ganz friedlich ein Pferd.

    Bills Kopf flog herum und musterte die benachbarten Hänge, ohne jedoch etwas entdecken zu können. Er zog einen seiner beiden Revolver heraus und spannte den Hahn, richtete sich etwas im Sattel auf und lauschte. Aber das einzige Geräusch, das an seine Ohren drang, war das Graszupfen des Pferdes.

    Er hielt sein Tier an und glitt aus dem Sattel, um sich dem Körper zu nähern. Während er in leicht gebückter Haltung zu der Stelle lief, erkannte er immer mehr Einzelheiten. Das Gras ringsumher war zerstampft, als hätte es einen Kampf von Reiter zu Reiter gegeben. Ungewöhnlich, denn eine Auseinandersetzung zwischen Weißen wäre sicher auf einige Distanz mit Schusswaffen erfolgt, und an einen Indianerüberfall mochte Wild Bill nicht glauben. Er erinnerte sich nicht, in den letzten Monaten auch nur einen einzigen Indianer aus der Ferne gesehen zu haben.

    Der Mann vor ihm war tot, daran bestand kein Zweifel mehr.

    Er lag auf dem Bauch, sein Hut war ihm vom Kopf gefallen, als ihn der Schuss traf. Bill vermutete, dass er von vorn erschossen wurde, denn beim Austreten der Kugel wurde dem Mann fast der gesamte Hinterkopf weggerissen.

    Kein schöner Anblick, dazu kamen die zahlreichen brummenden, grünschillernden Fliegen, die jetzt von ihm aufstiegen.

    Bill steckte den Revolver ein und bemühte sich, den Toten auf den Rücken zu drehen, was ihm schließlich auch gelang. Aber die schreckgeweiteten, erstarrten Augen machten den Anblick des Toten nicht gerade erträglicher. Dagegen wirkte das Einschussloch in seiner Stirn eher harmlos. Jedenfalls im Vergleich zu der Austrittsstelle. Bill sah sich um, konnte aber kein Anzeichen entdecken, die ihm die Anwesenheit des Schützen verrieten.

    Der Tote trug nur ein einfaches, blaues Hemd, über der Drillichhose jedoch Chaps, am Sattelhorn hing ein Lasso, das Gewehr im Scabbard war eine einfache, nicht sehr weit tragende Waffe. Alles schien auf einen einfachen Cowboy hinzuweisen, und Bill konnte sich keinen Grund vorstellen, der diesem Mann das Leben gekostet hatte.

    Er erhob sich, um einen Blick in die Satteltaschen zu werfen, und näherte sich langsam dem weidenden Pferd, um es nicht zu verjagen. Es schnaubte einmal unwillig, blieb aber ruhig, als Bill es erreichte und einen Blick in die Satteltaschen warf. Als er nach dem in Leinen gewickelten Bündel griff, es herausnahm und schließlich öffnete, war ihm das Motiv für den Mord klar. Aber er hatte keine Zeit mehr, darüber länger nachzudenken.

    »Mein Eigentum. Und keine hastige Bewegung, mein Freund!«, klang eine harte, schneidende Stimme hinter ihm.

    Verdammt! Der Kerl saß hinter den Felsen und ich Hornochse laufe hier in die Falle!, dachte Bill beim Klang der Stimme.

    »Schön langsam die Revolver herausziehen und fallen lassen. Ich habe meinen Colt genau auf deinen Hinterkopf gerichtet. Wenn du also nicht wie er enden willst, mach keinen Unsinn!«, befahl der Mann, und Bill gehorchte. Er zog langsam erst den rechten, anschließend den linken Revolver aus dem Holster und ließ sie auf den Boden fallen.

    »Sehr gut, mein Freund. Ich sehe, du bist ein kluges Kerlchen! Jetzt schön langsam herumdrehen!«

    Wieder gehorchte Bill und erstarrte, als er das Gesicht seines Gegenübers erblickte.

    Allerdings hoffte er zugleich, dass der Kerl seine Reaktion nicht bemerkt hatte. Auf jeden Fall erkannte auch er ihn.

    »James Butler Hickok! Das musste ja nun nicht auch noch sein, dass ausgerechnet du mir über den Weg läufst. Pech gehabt, mein Freund, jetzt habe ich keine andere Wahl mehr, nachdem du weißt, wer den Wells-Fargo-Mann erschossen hat!«

    Bill brach der Schweiß aus und lief ihm langsam den Nacken herunter.

    Das sah nicht sonderlich gut für ihn aus, denn er wusste, dass dieser Bursche, der ihn mit dem Revolver bedrohte, in mindestens drei Staaten steckbrieflich gesucht wurde. Henry Fronwall war ein bekannter Postkutschenräuber und hatte wohl in seinem Leben schon ein halbes Dutzend Menschen bei seinen Überfällen erschossen. Bill hatte ihn einmal in Springfield fast so weit, dass er ihn festnehmen konnte – als seine Kumpane auftauchten und eine wilde Schießerei begannen, die ihm in letzter Minute die Flucht ermöglichten. Das alles schoss ihm blitzschnell durch den Kopf, und zugleich überlegte er krampfhaft, wie er aus dieser Situation lebend herauskommen sollte.

    »Hör zu, Mann, ich weiß nicht, wer du bist und was hier passiert ist. Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun und bin nur auf dem Heimweg. Lass uns einen Handel machen. Ich gebe dir den Inhalt meiner Brieftasche und du lässt mich laufen. Es lohnt sich in jedem Fall für dich, denn ich habe gerade ein paar Pferde verkauft und eine Menge Dollars eingesteckt.«

    Sein Gegenüber zeigte plötzlich in seinem hässlichen Gesicht, das Bill unwillkürlich an eine Spitzmaus erinnerte, ein breites Grinsen.

    »Das hört sich doch gut an! Dann werf’ mir mal die Brieftasche herüber, aber keine schnellen Bewegungen! Ich schieße sofort!«

    Damit hob er die Revolverhand etwas, und Bill sah direkt in den Lauf.

    »Keine Sorge, ich will nur friedlich nach Hause reiten!«, antwortete er und senkte langsam eine Hand auf Brusthöhe. »Ich hole jetzt die Brieftasche heraus, in Ordnung?«

    Der andere nickte nur und fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen.

    Bill fasste in seine Innentasche, fühlte den Griff des Derringers und zog ihn zusammen mit der dünnen Lederbrieftasche heraus.

    »Hier ist sie, fang auf!«, rief er und schleuderte die Brieftasche zu Fronwall hinüber. Der war dadurch abgelenkt, versuchte, sie im Flug zu fassen und erkannte nicht, dass Bill plötzlich einen doppelläufigen Derringer auf ihn richtete und abdrückte. Fast gleichzeitig drückte auch der Wegelagerer noch auf den Abzug, aber da hatte Bills Kugel ihn schon getroffen. Die Kugel schlug durch sein rechtes Auge und blieb im Schädel stecken. Seine Hand wurde durch den Schuss abgelenkt, denn der tödliche Schuss riss ihn etwas seitlich, was das Glück für Wild Bill bedeutete. Die Kugel aus dem Revolver zischte heiß und sengend an seinem Hals vorbei, und der Kerl kippte gleich darauf nach vorn und schlug auf sein Gesicht.

    Bill folgte dem Körper bei dem Sturz mit dem Derringer in der Hand, bereit, auch den zweiten Schuss abzugeben.

    Aber das war nicht mehr erforderlich.

    Henry Fronwall war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.

    Einen Moment wartete Bill noch ab, dann bückte er sich, nahm dem Toten den Revolver aus der Hand und schob ihn in seinen Hosenbund. Ein leichtes Schnauben verriet ihm den Standort des anderen Pferdes hinter den Felsen.

    Keine halbe Stunde später setzte Wild Bill seinen Weg fort.

    Er führte zwei Pferde mit sich, auf denen jeweils ein toter Mann lag.

    Die Sonne war hinter dunklen Wolken verschwunden, und als Bill in die Main Street bog und gleich darauf vor dem Office des Marshals hielt, öffnete der Himmel seine Schleusen und ein heftiger Platzregen ging herunter.

    *

    Auch der folgende war ein trüber, verregneter Tag in Oak City. Der sonst übliche Staub in der Hauptstraße hatte sich in knietiefen Schlamm verwandelt. Das Überqueren der Fahrbahn wurde zu einem riskanten Manöver, vor allem für die Damen in ihren langen Kleidern und knöchelhohen Stiefeln. Dennoch hatte sich eine Menge Leute zur Ankunft der Postkutsche eingefunden wie an jedem Donnerstag. Öfter wurde Oak City nicht angefahren. Die Stadt lag abseits der großen Überlandwege.

    Missmutig blickte Wild Bill aus der Tür in den Regen. Wasser lief vom Vorbaudach und bildet im Schlamm vor dem hölzernen Gehsteig einen kleinen Bach. Wild Bill spuckte in den Regen hinaus. Heute wollte er Mustangs mit seinem Brandzeichen versehen. Die Corrals hinter seinem Haus waren voll mit Wildpferden, die er in der letzten Woche eingefangen und zugeritten hatte. Jetzt musste er ihnen nur noch sein Brandzeichen aufdrücken, dann konnte er sie an die Armee verkaufen.

    Schon eine ganze Zeit lang lieferte er Pferde für die Kavallerie, die an der Indianergrenze einen hohen Verbrauch an Tieren hatte. Seit dieser Zeit lebte er in Oak City. Der Grund dafür lag in seiner letzten Tätigkeit als Bahn-Marshal. Das war den Bürgern der Stadt bekannt. Mehr nicht. Und Wild Bill war nicht scharf darauf, es ihnen zu erzählen. Er hatte sich hierher verkrochen, um seine Ruhe zu haben. In diese abgelegene Stadt, durch die kaum mal ein Fremder kam.

    Sein Erlebnis mit dem gesuchten Postkutschenräuber und mehrfachem Mörder Fronwall war längst vergessen, die Belohnung dafür hatte er allerdings gern eingestrichen. Wie ein Lauffeuer war es in der Stadt herumgegangen, dass der Pferdezüchter und immer noch fremde Mann, der wie aus dem Nichts eines Tages in der Stadt aufgetaucht war, einen besonderen Fang gemacht hatte. Und der andere Tote, der Kurier der Wells-Fargo, hatte eine bedeutende Summe in den Satteltaschen, die Bill für die Gesellschaft gerettet hatte und auch dafür noch eine besondere Belohnung erhielt.

    Bill wusste, dass in der Stadt Geschichten kursierten, in deren Mittelpunkt er stand. Sie stimmten allesamt nicht. Vor ein paar Wochen ging sogar das Gerücht herum, er sei der Mann, der den bekannten Bandenchef John Anderson erschossen habe. Bill kümmert sich nicht um das Gerede der Leute. Binnen eines Jahres hatte er zielstrebig sein Pferdegeschäft aufgebaut, und neuerdings grüßten ihn die Angestellten der Bank recht respektvoll. Ganz sicher hatte das mit der Höhe seiner Einlagen bei der Bank zu tun. Alles andere schien in unendlich weiter Ferne hinter ihm zu liegen, und es bestand keinerlei Gefahr, dass ihn jemand mit der Schießerei in Springfield ausgerechnet in dieser Kleinstadt in Verbindung brachte. Bill konnte endlich, nach langer Zeit, wieder ruhig durchatmen und hatte nicht mehr das Gefühl, dass er sich ständig umdrehen müsste.

    Auch in den Nächten schlief er ruhiger, hatte aber stets seine Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

    Eine Regenbö peitschte durch die Straße. Wasserstaub trieb bis zu Bill herüber. Sein markantes Gesicht verzog sich, und am Kinn trat eine Narbe deutlich hervor.

    »Mistwetter!«, schimpfte Wild Bill. »Monatelang Staub und Hitze, aber wenn ich die Pferde zeichnen will, läuft der Himmel aus. Der Teufel soll es holen!«

    Er hatte fest damit gerechnet, in spätestens einer Woche wieder zur Wildpferdjagd aufbrechen zu können. Der Regen machte ihm nun einen dicken Strich durch die Rechnung. Solange es so goss, brauchte er sich an den Corrals nicht bis auf die Knochen aufweichen zu lassen.

    Bill brannte sich eine Zigarre an und schnipste das Streichholz in den Schlamm hinaus. Schräg gegenüber befand sich die Posthalterei mit der Pferdewechselstation. Die Leute, die sich zur Ankunft der Kutsche eingefunden hatten, blickten herüber.

    Natürlich reden sie über mich, dachte sich Bill. Nur was sie sprachen, das hörte er nicht. Der Regen rauschte zu laut. Und das von den Vorbaudächern klatschende Wasser erstickte jeden anderen Laut. Bill überlegte, ob er hinüber in den Saloon gehen sollte, um sich einen Drink zu kaufen. Das Wetter war wie geschaffen dafür, sich nach einem wärmenden Schluck zu sehnen.

    In diesem Augenblick hörte er durch das eintönige Plätschern und Rauschen das Knallen einer Peitsche. Bill zog seine goldene Taschenuhr an der Kette aus seiner Weste, klappte sie auf und stellte fest, dass die Kutsche über eine Stunde Verspätung hatte. Um elf Uhr sollte sie ankommen. Jetzt war es kurz nach Mittag.

    In den Sitz- und Spuckverein, wie Bill die Wartenden für sich nannte, schräg gegenüber unter dem Dach der Posthalterei, kam Bewegung. Die Männer erhoben sich von der Bank an der Hauswand und traten an die Verandabrüstung. Sie sahen jetzt nicht mehr zu Wild Bill herüber, sondern blickten die Straße hoch.

    Auch Bill wandte den Kopf. Die Ankunft der Kutsche verfolgte er, wenn er gerade in der Stadt war, stets mit angespannter Erwartung. Er rechnete immer damit, dass irgendwann die Kunde ins Land hinausdrang, dass er sich hier in Oak City angesiedelt hatte, und dass dann ein paar Leute auftauchen würden, die sich mit ihm über weit zurückliegende Dinge unterhalten wollten.

    Weit zurückliegend – das war für Bill gleichbedeutend mit der Zeit beim Bahnbau und davor, als er wilde Städte bändigte. In Hays City hatte es begonnen. Sie waren damals vier wilde Burschen gewesen, die für dreißig Dollar Gehalt im Monat bereit waren, den Teufel aus der Hölle zu holen. Binnen drei Monaten hatten sie Hays zu einer sehr zahmen Stadt gemacht. Aber danach waren sie nur noch zu dritt. Mateo, der krummbeinige Mann aus Virginia, hatte den Kampf gegen das Gesindel der Stadt mit dem Leben bezahlt. Später hatte man sie für die Dauer einer Trailperiode nach Laramie verpflichtet. Dabei war Charly hinterrücks von einem Spieler erschossen worden, dem er Spiel- und Stadtverbot erteilt hatte.

    Frank Williams und Wild Bill hatten danach bei der Beendigung eines Weidekrieges an der südlichen Staatsgrenze von Kansas mitgewirkt, und ihr Revolverruhm war an jedem Lagerfeuer das Gesprächsthema. Sie trennten sich vor fünf Jahren. Frank Williams heiratete, und Bill ging zur Bahn als Camp-Marshal. Irgendwann während dieser Zeit kam der Name auf, den sie ihm anhängten – Wild Bill.

    Einmal traf er wirklich auch auf John Anderson. Das war in Atlanta, vierzehn Tage vor General Casements Belagerung der Stadt. Anderson hatte Bill ein paar Minuten lang angesehen und ihn genau studiert, während die Stadt zusah und auf einen großen Revolverkampf wartete. Dann hatte Anderson die Lippen zusammengepresst und den Kopf geschüttelt. Und mit weit vom Körper abgehaltenen Händen war er zu seinem Pferd gegangen und wortlos aus der Stadt geritten. Ein Jahr darauf hörte Bill, dass Anderson tot war. Er war auf einen Mann gestoßen, der noch schneller zog und noch besser schoss. Brandon Hall soll der Mann geheißen haben.

    Für Bill kamen heiße und harte Jahre. Camps, deren Namen vergessen waren, sobald die Bahn weiterzog, und Städte, die aus Materiallagern entstanden und einen schlimmen Ruf besaßen. Überall dort war Wild Bill gewesen, und manchmal hatte er Ruhe und Ordnung in solch ein tobendes Höllennest förmlich hineinschießen müssen. Immer wieder war er auf die gleichen Männer gestoßen und hatte sie vertrieben. Im nächsten Camp traf er sie wieder und störte ihre Geschäfte.

    Zum Schluss, als Bill seinen Vertrag mit der Bahn nicht mehr zu verlängern bereit war, hatten diese Burschen sogar einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt. Tausend Dollar dem, der Wild Bill Hickok zur Strecke brachte. Ein paar hatten es versucht. Bill hatte sie zur Hölle fahren lassen und selbst ein paar Kugellöcher als Andenken behalten.

    An diese Burschen und an ihre Hintermänner dachte Bill jetzt. Er rechnete damit, dass irgendjemand den Platz ausfindig machte, an dem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, und dass irgendwann wieder ein paar heißblütige Burschen auftauchten, die gegen Bezahlung eine alte Rechnung begleichen wollten.

    Ein Jahr – das war keine Zeit, um ein paar große Halunken vergessen zu lassen, wie nachdrücklich Bill all die krummen und schmutzigen Geschäfte störte, die sorgsam eingefädelt waren und viel Geld in der Vorbereitung verschlangen.

    Da war zum Beispiel Calvin Thompson, ein ehemaliger Spieler vom Mississippi. Er steckte sein eigenes Geld und das Geld irgendwelcher Hintermänner in Bodenkäufe, besorgte sich für über zwanzigtausend Dollar Goldstaub und salzte damit den Boden eines steinigen Tales. Die ersten Claims waren die besten. Ihre Besitzer fanden in den ersten drei Tagen mehr, als sie der Claim gekostet hatte. Dann zogen die Bodenpreise an und hätten schwindelerregende Höhen erreicht, wenn Bill nicht zufällig einen Mann jener Minengesellschaft getroffen hätte, bei der Thompson den Goldstaub gekauft hatte. Bill wies Thompson nach, dass er den Boden präpariert und einen gewaltigen Betrug aufgezogen hatte, beschlagnahmte dessen Pferde und Wagen, um die getäuschten Goldspekulanten zu entschädigen, und jagte Thompson samt seinem Anhang davon.

    Wie lange war das her? Gerade eineinhalb Jahre. Zu kurz für einen Mann wie Thompson, der einen solchen Verlust hinnehmen musste und das Geld seiner Hintermänner vertan hatte. Leute wie Thompson verwanden einen solchen Schlag nicht. Sie mussten eine derartige Niederlage ausbügeln, sonst waren sie in ihren Kreisen erledigt. Für alle Zeit.

    Und genau aus diesem Grund rechnete Wild Bill damit, dass irgendwann mal jemand kam, der den Auftrag hatte, ihn zu beseitigen. Darum blickte er der Kutsche mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, die aus dem Regen auftauchte. Es war eine schwere Concord-Kutsche, über und über mit Dreck bespritzt. Der Fahrer hatte sich eine Ölhaut umgehängt. Die Krempe seines Hutes hing wie ein Pfannkuchen herunter. Der Mann hatte Mühe, das schlammbespritzte Vierergespann und die Kutsche durch die morastige Fahrbahn zu lenken. Die Pferde wollten ständig ausbrechen, und die Kutsche schlingerte, als schwämme sie durch einen Fluss. Außer dem Fahrer saß niemand auf dem Bock. Der Begleiter hatte es wohl vorgezogen, im trockenen Passagierkasten Unterschlupf zu finden.

    Die Kutsche näherte sich, und der Schlamm in der Straße schmatzte um Hufe und Räder. Der Kutscher knallte mit der Peitsche und trieb das Gespann an. Plötzlich ruckte er an den Zügeln und lenkte die Kutsche statt zur anderen Straßenseite direkt vor Wild Bills Haus.

    Drüben rissen die Neugierigen den Mund auf. Auch Bill war recht verblüfft, denn der Mann auf dem Bock, den er jetzt erst erkannte, war Adam. Und Adam wusste verdammt genau, wo sich die Posthalterei befand. Schließlich machte er jeden zweiten Donnerstag diese Fahrt von Cheyenne herüber. Er schien genau zu wissen, was er vorhatte, denn er fuhr bis vor die Treppe von Bills Haus und zog dann an den Zügeln.

    »Hoooiaaah, ihr müden Böcke, wir sind da!«, rief er und drehte die Handkurbel der Radbremse. Eine überflüssige Maßnahme, denn die vier Pferde blieben sofort stehen und ließen die Köpfe hängen. So im Regen sahen sie wie riesengroße gebadete Ratten aus.

    Adam griff mit der schlammverspritzten Hand an die herunterhängende Hutkrempe.

    »Hallo, Mister Hickok«, sagte er schnaufend und deutete mit dem Daumen hinter sich. »Besuch für Sie. Wenn Sie die Tür aufmachen, brauche ich nicht abzusteigen. Mir sind schon fast Schwimmhäute zwischen den Zehen gewachsen.«

    Besuch? Wild Bill griff sofort an seine rechte Seite. Aber da war kein Holster. Er trug keine Waffe mehr, seit er die Bahn verließ. Nur sein Gewehr nahm er mit, wenn er Wildpferde jagte. Seine Revolver lagen gut eingeölt oben im Schrank.

    Wenn im Passagierkasten ein Bursche sitzt, der Geld dafür bekommt, dass er den Revolver abdrückt, dann hat er leichtes Spiel mit mir, dachte Bill und blickte Adam an.

    »Wer?«, fragte er flach. »Ich erwarte niemand.«

    Der Kutscher hob die Schultern, und aus einer Falte seiner Ölhaut schwappte Wasser herunter.

    »Sie hat bis hierher bezahlt – für sich und die Kinder. Sie sagte, es sei gar nicht einfach gewesen, Ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Aber sie hat Sie sehr genau beschrieben. Auch der Name stimmt, Mister Hickok.«

    Adam verstummte erwartungsvoll.

    Es könnte eine Falle sein, überlegte Bill. Er kannte niemand, der ihn mit Kindern besuchen würde. Nach den Worten von Adam eine Frau, die sich nach ihm erkundigt hatte.

    »Moment!«, sagte Bill scharf und wollte ins Haus zurück, um sein Gewehr zu holen.

    Da wurde die Kutschentür geöffnet, und eine Frau blickte heraus. Wild Bill sah zunächst nur ein bleiches Gesicht und einen schlichten Hut. Er blieb stehen und sah zu, wie die Frau aus dem Kasten stieg und bemüht war, die Treppe zu erreichen, ohne in den Schlamm zu geraten. Sie schaffte es, raffte ihr Kleid etwas und richtete sich auf.

    »Hallo, Bill«, sagte sie bedrückt.

    Wild Bill fuhr zusammen. Die Stimme kannte er.

    Nach zwei Sekunden wusste er, wer sie war. Lucy Williams – Frank Williams Frau.

    Er sah sie nur einmal. Das war bei der Hochzeit, zu der Frank eingeladen hatte. Bill hatte sie als strahlendes, frisches Mädchen in Erinnerung. Jetzt hatten ihre Augen den einstigen Glanz verloren, ihr Gesicht wirkte verhärmt, ihre Hände waren abgearbeitet.

    »Lucy?«, sagte Bill und konnte seine Verwunderung nicht verbergen. »Himmel, du hier? Moment – komm da aus dem Regen!«

    Er überquerte den Gehsteig, stieg die Treppe hinunter und half ihr unter das schützende Vordach. Sie blickte ihn nur an und sagte nichts mehr. Und das beunruhigte ihn. Er spürte, dass da etwas auf ihn zukam. Wie käme sie sonst dazu, ihn aufzusuchen! Ohne Frank!

    Das war es! Er wusste es sofort. Mit Frank war etwas!

    »Mamie!«, rief hinter ihnen ein dünnes Stimmchen aus der Kutsche.

    Bill fuhr herum und sah ein kleines Mädchen, das rückwärts aus dem Kasten krabbelte, weil ihm die Stufen zu hoch waren.

    »Vorsicht, Kleines!«, sagte Lucy Williams und wollte wieder die Treppe hinunter.

    »Ich mach’ das«, sagte Bill. »Lass nur!«

    Er holte die Kleine, die vier Jahre alt sein mochte und ihn groß anblickte, als er sie hochnahm und auf den Gehsteig trug.

    Im Kutschkasten setzte jämmerliches Kindergeschrei ein, und Bill ging hinunter und holte ein zweites Mädchen, das in eine Decke eingewickelt und höchstens zwei Jahre alt war, wenn er richtig schätzte. Dabei sah er, dass Lucy Williams nur wenig Gepäck mitgebracht hatte. Zwei Reisetaschen aus geblümtem Cordstoff und ein Handbeutel. Mehr konnte er nicht entdecken, auch keine weiteren Passagiere außer dem Begleitfahrer, der tabakkauend in der Ecke saß und keinen Finger rührte. Und auf dem Dach war auch kein Gepäck.

    Bill trug das schreiende Kind auf den Gehsteig hinauf, drückte es Lucy Williams in den Arm und holte das Gepäck. Und drüben reckten die Neugierigen wieder den Hals. Oak City hatte seine Sensation. Eine Frau mit zwei Kindern war zu Wild Bill gekommen!

    2. Kapitel

    »Es ist ein Junggesellenhaushalt«, sagte Bill. »Aber komm herein!«

    Lucy Williams trat mit dem kleinen Mädchen im Arm ins Haus, und Bill trug die Reisetaschen und den Handbeutel hinterher, während Adam die Handbremse löste, das Gespann in Bewegung brachte und hinüber zur Station fuhr.

    Das größere Mädchen blieb unter dem Vordach stehen und blickte der Kutsche nach.

    »Kate!«, rief Lucy Williams und drehte sich um.

    »Ja, Mamie.«

    Gehorsam trippelte die Kleine ins Haus und blickte mit großen Augen auf die Dinge, mit denen Wild Bill sein Haus vollgepackt hatte: Waffen, Felle und Decken an den Wänden, Tierköpfe auf dem breiten Kaminsims und überall Lederzeug – Zäume, Zügel, Longen, ein paar Satteltaschen, zwei Jacken, eine mit Pelz gefüttert und einen alten Sattel mit einem Loch, das verteufelt nach einem Kugeleinschlag aussah.

    »Kate?«, fragte Wild Bill und setzt die Taschen ab.

    Lucy Williams nickt.

    »Wir haben sie nach Franks Schwester genannt. Das ist Emily.«

    Sie wiegte das Kind in ihrem Arm, das wieder zu schreien begann. Bill machte eine verlegene Handbewegung rundum.

    »Sehr wohnlich und einladend ist das nicht«, sagte er. »Ich besorge dir besser ein schönes Zimmer im Hotel. Ich bin die meiste Zeit draußen und kümmere mich nicht um das Haus. Ich – ich bin nicht auf Besuch eingerichtet.«

    Er rieb sein Kinn. »Milch – Milch für die Kinder, ja. Einen Moment, ich erledige das sofort. Sie werden hungrig sein und müde und …«

    »Ich habe auf der letzten Station Milch für sie bekommen«, sagte Lucy Williams und setzte sich in einen Sessel. »Ich hoffe, wir machen dir keine Umstände.«

    »Keineswegs«, erwiderte er und zog eine neue Zigarre aus der Brusttasche. Doch mit einem Blick auf die Kinder steckte er sie wieder weg. Dann sah er Lucy Williams gerade an.

    »Ihr seid allein gekommen. Ich habe nach der Hochzeit nie wieder etwas von euch gehört. Jetzt bist du da – ohne Frank. Es ist etwas mit ihm, nicht wahr?«

    Sie senkte den Kopf und wickelte das kleine Mädchen aus der Decke. Als sie schließlich hochblickte, sah er, dass sich ihre Augen mit Tränen gefüllt hatten.

    »Frank war ein guter Mann«, sagte sie schluchzend, und Bill gab es einen Stich. Er hatte es geahnt, als er sie aus der Kutsche steigen sah. Er schloss einen Moment die Augen, und er sah wieder Frank Williams – wild, verwegen und immer lachend. Die Straße in Hays City, krachende Revolver, Pulverdampf, stürzende Männer, durchgehende Pferde und Mateo, der am Boden lag. Dann Laramie. Frank war es, der Charly fand. Mit einem faustgroßen Loch im Rücken. Damals lachte er nicht. Der Weidekrieg an der Kansasgrenze, Bügel an Bügel mit Frank, Seite an Seite, als sie den Krieg gewaltsam beendeten. Die Hochzeit und Franks Lachen in seinem verwegenen Gesicht.

    Es waren nur wenige Sekunden, in denen ein paar Jahre an Bill vorbeizogen. Er atmete tief ein und öffnete die Augen.

    »Wo?«, fragte er dann, und in seiner Stimme klang etwas mit, das Lucy zusammenfahren ließ.

    »Ich bin nicht deswegen gekommen«, sagte sie und wischte sich hastig die Augen aus. »Ich wusste mir keinen Rat mehr, Bill. Ich bin am Ende. Die Kinder – das ist alles, was ich noch habe. Als ich wusste, wo du bist, bin ich mit dem letzten Geld hergefahren. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.«

    »Mach dir darüber keine Gedanken!«, antwortete Bill. »Reden wir nicht von Geld, reden wir von Frank. Erzähle, ich finde mich dann besser zurecht.« Er setzte sich auch, und Kate begann, mit ein paar alten Zügeln zu spielen. Die kleine Emily schob das Däumchen in den Mund und blickt plötzlich wieder zufrieden in die Welt. Lucy Williams zupfte an der Decke herum. Sie setzte mehrmals zum Sprechen an. Bill drängte sie nicht. Er ließ ihr Zeit.

    Das Rauschen des Regens vor dem Fenster, Emilys Daumenlutschen und das Schnurren der alten Zügel, die Kate über den Boden zog, waren minutenlang die einzigen Geräusche.

    Endlich sagte Lucy Williams leise und mit Wehmut in der Stimme: »Ich will gar nicht so weit ausholen, Bill. Es war mit Frank eine herrliche Zeit. Wir sind bald nach der Hochzeit nach Colorado gegangen. Frank hatte einige Ersparnisse, und wir konnten uns Land kaufen und ein paar gute Pferde. Ihr wolltet ja immer etwas mit Pferden anfangen, du und Frank. Kate kam, und Franks Pferdezucht ging gut. Eines Tages wurde in der Nähe Gold gefunden. Über Nacht entstand eine richtige Stadt. Leute strömten herbei. Sie zertrampelten unser Land und stahlen unsere Pferde. Als Emily geboren wurde, eröffneten zwei Minengesellschaften ihre Schachtanlagen, und von dem Tag an war die Stadt ein Tollhaus. Frank sah sich das alles an, ohne etwas zu unternehmen. Ich hatte ihn gebeten, sich herauszuhalten. Das war mein großer Fehler. Als die Stadt schon zu wild war, kamen ein paar Bürger. Sie überredeten Frank, bei ihnen den Marshal-Posten zu übernehmen. Genau zu der Zeit kamen neue Männer in die Stadt, die keinen guten Ruf hatten. Einmal sagte er, er kenne einige von ihnen. Diese Leute brachten in ganz kurzer Zeit die Stadt unter ihre Kontrolle. Frank ging mehrmals gegen sie vor. Er hatte zwei Schießereien. Eines Nachts brachten ihn die gleichen Leute, die ihm den Marshal-Posten angeboten hatten, nach Hause. Sie ließen es nicht zu, dass ich ihn noch einmal sah. Es sei mit einer Schrotflinte passiert, sagten sie.«

    Sie begann zu weinen.

    Kate ließ die Zügel fallen und lief zu ihrer Mutter, und Bill fasste sich zwischen Hemd und Hals, weil er sich mächtig unbehaglich fühlte und lieber draußen im Regen wäre als hier drin.

    Er räusperte sich und fragte: »Wann war das?«

    »Vor … vor drei Monaten.« Lucy Williams fuhr behutsam über das weißblonde Haar von Kate.

    »Und warum kommt ihr jetzt erst?«

    »Ich wollte bleiben – der Kinder wegen. Auf unserem Land wurde gegraben. Die Proben fielen gut aus. Ich wollte, dass für die Kinder gesorgt ist.«

    »Und das ist jetzt nicht mehr der Fall?«, fragte Bill sanft, weil in Lucy Williams Worten etwas mitklang, das geradezu im Gegensatz zu der geäußerten Absicht stand.

    »Nein, Bill. Vier Tage nach Franks Tod kam die Thompson-Company mit einem Papier und behauptete, unser Land gehöre ihr und …«

    »Wer?«, fragte Bill so laut und scharf, dass die kleine Emily unverzüglich wieder zu weinen begann. »Entschuldigung … ich … ich wollte sie nicht erschrecken, Lucy. Aber der Name! Den kenne ich. Thompson – Calvin Thompson! Heißt so die Gesellschaft?«

    Die Frau nickte und blickte verwundert auf Bills Finger, die sich wie Klammern um die Sessellehnen legten.

    »Und was bauen sie dort ab?«

    »Gold – ziemlich tief im Berg. Die Leute sagten, wir hätten das Land nicht gekauft, die Company sei der rechtmäßige Besitzer. Sie ließen mir gerade so viel Zeit, um für die Kinder etwas einzupacken. Dann kamen sie und rissen das Haus ab. Ein Minenfahrzeug nahm uns mit. An wen hätte ich mich denn wenden sollen? An Franks Freunde? Die hatten nicht verhindern können, dass er …«

    »Schon gut«, unterbrach Bill sie. »Ihr hattet das Land doch richtig gekauft?«

    »Ja, ich war dabei. Frank hat auch noch die Eintragung im Landbüro kontrolliert. Ein großes Buch – grün und mit grauen Leinwandecken«, sagte sie bitter.

    »In welcher Stadt?«, wollte Bill wissen.

    »In Ragstock. Damals hatte es nur zwanzig Häuser, und der Landagent kam jedes halbe Jahr durch.«

    »Weißt du noch, wie er hieß?«

    »Nein, das ist zu lange her, Bill. Ich sah ihn auch nie mehr. Als die Goldfunde bekannt wurden, sind wir über Nacht eine große Stadt geworden. Das Landbüro war vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet und beschäftigte eine Menge Leute.«

    »Gold also«, murmelte Bill. »Er kommt davon nicht los, der Bursche!« Er sprach ganz leise, aber Lucy Williams verstand ihn dennoch.

    »Du meinst Thompson? Du und Frank – ihr wart euch immer sehr ähnlich. Er konnte auch so fragen wie du jetzt und dabei ein ganz harmloses Gesicht machen. Hattest du mit Thompson irgendwann zu schaffen?«

    »Einmal, und das genügte. Ich dachte, er hätte etwas gelernt. – Habt ihr damals einen Besitztitel auf euer Land bekommen, Lucy?«

    »Eine Landurkunde, aber die war plötzlich nicht mehr da. Dabei weiß ich genau, dass sie immer in Franks Schublade war, ganz oben, wo er seine Sachen von damals aufbewahrte – seine Sterne aus Hays City und Laramie und die Anstellungsverträge mit den Abrechnungen.«

    »Also gestohlen«, sagte Bill tief und dunkel. »Willst du auf das Land verzichten?«

    »Wenn es nur um mich ginge – ja. Aber was soll aus den Kindern werden? Ich bin von Ragstock aus nach Watertown gefahren. Franks Schwester hatte dort eine Anstellung als Lehrerin. Ich kam einen Tag zu spät, und niemand konnte sagen, wohin sie gegangen ist. Ich saß da und hatte keine zwanzig Dollar mehr. Ein Storebesitzer lieh mir einen Waschzuber, und der Bürgermeister ließ mich im Schulhaus schlafen – umsonst, weil ich Kates Schwägerin bin. Ich habe von früh bis spät Wäsche für die Leute gewaschen. Es reichte zum Leben. Was übrig blieb, habe ich vor fünf Tagen für die Fahrkarte hergegeben.«

    Bill nickte und sah auf Lucys abgearbeitete Hände.

    »Du wirst hier wohnen. Ich ziehe ins Hotel. Mal sehen, ob ich jemand auftreiben kann, der dir hilft, das Haus wohnlicher herzurichten.«

    »Ich will dir nicht zur Last fallen, Bill«, antwortete Lucy Williams.

    »Frank war mein Freund, und du warst seine Frau. Er hätte es für mich auch getan. Komm erst einmal zur Ruhe! Dann sprechen wir noch mal über die Thompson-Company und euer Land. Wenn der Regen aufgehört hat, muss ich Pferde mit einem Brandzeichen versehen. Die Armee wartet auf meine Lieferung.«

    Er erhob sich und ging ziemlich schnell hinaus.

    3. Kapitel

    Der Regen hielt drei Tage an. Das Land war danach schwammig und grundlos. Dennoch versah Wild Bill die Pferde mit seinem Brandzeichen und gab einem Frachtwagen, der Ware für den Store brachte, eine Nachricht für den Armeezahlmeister in Fort Bridger mit.

    Für Lucy Williams hatte er eine ältere Frau gefunden, die beim Hausputz half, Besorgungen machte und die Kinder hütete.

    Bill ließ sich selten in seinem Haus sehen. Oak City war klein, und die Leute hatten sich das Maul schon genug darüber zerrissen, dass eine Frau mit zwei Kindern zu ihm gekommen war. Aber Bill gab von sich aus keine Auskunft, verzehrte schweigend im Hotel seine Mahlzeiten und nahm abends seinen Drink. Die Leute sahen ihn stundenlang ins Glas starren. Zu Anfang grinsten ein paar heimlich, doch als sie Wild Bills Gesicht sahen, gewöhnten sie sich das schnell ab. Der Mann, von dem sie verdammt wenig wussten, wirkte von Tag zu Tag mehr wie ein Pulverfass, an dem die brennende Lunte immer kürzer wurde.

    Eine Woche nach Lucy Williams Ankunft kam der Zahlmeister aus Fort Bridger in Begleitung zweier Sergeanten, um die Pferde abzuholen. Vierzig Dollar pro Stück handelte Bill dem Mann ab, der zwar fürchterlich fluchte, schließlich aber bezahlte und sich erkundigte, wann er wieder ein oder zwei Dutzend Tiere bekommen könnte.

    Derweil hatte Lucy Williams Kaffee gemacht und bat die Männer ins Haus. Der eine Sergeant, der nur noch ein halbes rechtes Ohr hatte und darunter eine Narbe, wie sie nur ein indianisches Kriegsbeil hinterlässt, freundete sich sehr schnell mit der kleinen Kate an. Zum Entsetzen seines Zahlmeisters ließ er sich sogar Zaumzeug überstreifen und spielte auf Händen und Füßen Pferd.

    Bill, der Lucy scharf beobachtete, sah, dass sie zum ersten Mal leicht lächelte. Und das beruhigte und gefiel ihm. Frank war ein guter Mann, aber Frank ist tot. Sergeant Taylor ist auch ein guter Mann – und er lebt.

    Dass er mit seiner Vermutung richtig lag, merkte Bill im Verlauf der nächsten Stunde. Taylor hielt Kate auf den Knien, ahmte Tierstimmen nach, erzählte ihr eine unwahrscheinlich verlogene Geschichte von einem mächtigen Bären, der ihm das eine Ohr zur Hälfte abgebissen hätte, und versprach ihr, am nächsten Sonntag wiederzukommen. Dabei wendete sich Taylor zu Wild Bill um und fügte fragend hinzu: »Sie haben doch nichts dagegen, Bill?«

    »Kommen Sie, so oft Sie wollen und es Mrs Williams erlaubt«, sagte Bill. »Ich gehe für einige Zeit weg.«

    »Bill!«, rief Lucy Williams schrill. »Nicht, Bill! Bitte nicht! Ich weiß, was du vorhast. Du und Frank, ihr seid aus einem Holz. Diese Stadt hat ihn umgebracht, sie wird auch dich umbringen!«

    »Als wir noch alle beisammen waren, da hat nie einer gefragt, ob beim nächsten Gang sein Name aufgerufen wird. Mateo machte Pläne, große Pläne. Charly wollte sich verloben. Laramie, hat er gesagt, nur noch Laramie, dann höre ich auf! Und Frank sprach immer von seiner Pferdezucht. Eines Tages sollte es die größte im Westen sein. Ich bin es drei toten Partnern und deinen Kindern schuldig, dieser Stadt einen Besuch abzustatten, die Frank getötet hat. Wenn ich nicht gehe, dann ist er umsonst gestorben. Und Mateo und Charly auch. Dann wäre es das Beste für mich, wenn ich mich irgendwo verkrieche, wo nur alle zwanzig Jahre ein Mensch hinkommt. Ich bin hierhergezogen, weil ich Ruhe haben wollte. Ich war fünf Jahre an der Bahn. Die meisten machten es nur ein Jahr, dann waren sie tot oder mit den Nerven fertig. Ich habe die Bahn überstanden. Ich hoffe, ich überlebe auch Ragstock. Ich werde hier aber alles so regeln, dass für dich und die Kinder gesorgt ist – für alle Fälle.«

    Die Ader, die auf seiner Stirn angeschwollen war, ging zurück. Den letzten Satz sprach er ganz ruhig, fast beiläufig. Und dann sagte er noch: »Es wäre wirklich gut, Taylor, wenn ein Mann hier ab und zu nach dem Rechten sieht.«

    Der Sergeant nickte. Er war Soldat, er verstand die Dinge wie ein Mann, dem schon Pulverdampf um die Nase geweht war. Nur der Zahlmeister, sicher ein guter Verwalter, aber keine sehr kriegerische Natur, schüttelte den Kopf.

    »Das ist ja eine ganze Menge, die man so beiläufig zu hören bekommt, Bill. Verd… – entschuldigen Sie, Madam! – Eh, Bill, Sie sollten sich die Sache besser noch mal überlegen.«

    »Dazu hatte ich eine Woche lang Zeit«, erwiderte Wild Bill kühl. »Ich rechnete immer damit, dass eines Tages jemand auftaucht und eine alte Rechnung präsentiert. Als Bahn-Marshal macht man sich kaum Freunde. Nun gut, ich warte nicht, bis jemand auf mich schießt. Vor eineinhalb Jahren machte ich einen Fehler. Es ist Zeit, diesen Fehler zu korrigieren.«

    Er machte eine abschließende Handbewegung, die bedeutete, dass alles gesagt war, was zu diesem Thema noch zu bemerken wäre.

    Der Zahlmeister klappte den Mund zu und schwieg, und die beiden Sergeanten blickten ohnehin zustimmend. Da fiel dem Offizier noch etwas ein. Er schlug sich an die Stirn und griff in die Uniformjacke, wo er ein ziemlich lädiertes, mehrfach zusammengefaltetes Papier herauszog.

    »Hätte ich beinahe vergessen, Bill, bitte um Entschuldigung. Aber es betrifft diesen toten Wells-Fargo-Mann. Es gab Ermittlungen, und ich wollte Ihnen noch das Ergebnis mitteilen.«

    Wild Bill blickte ihn gespannt an, und der Offizier fuhr in seiner Schilderung fort.

    »Unser Colonel hatte von dem Fall erfahren und wunderte sich nur über den Ort, an dem der Mann durch Sie gefunden wurde.«

    »In der kleinen Hügelkette unmittelbar bevor man wieder in Sichtweite der Stadt kommt«, erwiderte Bill.

    »Richtig, das ist nördlich von hier aus. Der Mann hätte aber eine südöstliche Richtung einschlagen müssen und wäre dort, wo es ihn erwischt hatte, niemals vorbeigekommen.«

    »Ach, das ist ja interessant. Da ist sich der Colonel völlig sicher?«, erkundigte sich Bill erstaunt.

    Der Zahlmeister nickte bestätigend.

    »So ist es, und ahnen Sie, was das für diesen Fall bedeutet?«

    »Nun?«

    Jetzt lächelte der Offizier und nickte bedeutungsvoll in seine Richtung.

    »Der Kurier, ein gewisser Frederic Taylor, und sein Mörder, Henry Fronwall, den Sie erwischt haben, kannten sich und hatten aller Wahrscheinlichkeit nach den Überfall abgesprochen. Pech nur für Taylor, dass Fronwall dann Ernst machte und ihn erschoss.«

    »Oh, das ist wirklich ein Ding!«, antwortete Bill etwas abwesend und las den Bericht durch, den der Colonel über den Vorfall verfasst hatte. Er

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