Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?
Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?
Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?
eBook288 Seiten3 Stunden

Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Was zieh ich an, damit ich ein gutes Gewissen haben kann?
Was zieh ich an? Diese Frage stellen wir uns täglich. Während Kleidung in Werbung und Alltag allgegenwärtig ist, ist ihre Produktion aus Deutschland hingegen so gut wie verschwunden. Hergestellt wird sie in Asien, meist unter menschen- und umweltfeindlichen Bedingungen - und das gilt nicht nur für Billigware! Heike Holdinghausen zeigt, was zu tun ist. Monatlich wechseln die Modeketten ihre Kollektionen, per Mausklick lassen sie sich nach Hause ordern. Noch nie konnten sich Menschen in den Industrieländern so leicht und billig Kleider kaufen wie heute. Für den Verbraucher sind die verschlungenen Lieferketten kaum zu durchschauen. Nur zaghaft bildet sich in der hiesigen Öffentlichkeit daher ein Bewusstsein dafür, dass der Kleiderberg einen Preis hat, den nicht die Kunden in den reichen Industrieländern zahlen, sondern die Arbeiter(innen) und die Umwelt in den Entwicklungsländern. Wir brauchen daher dringend mehr Übersicht im Labeldschungel für gute Kleidung - und strengere Gesetze für die Modekonzerne.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum31. Aug. 2015
ISBN9783864895920
Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?
Vorschau lesen

Mehr von Heike Holdinghausen lesen

Ähnlich wie Dreimal anziehen, weg damit

Ähnliche E-Books

Rezensionen für Dreimal anziehen, weg damit

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Dreimal anziehen, weg damit - Heike Holdinghausen

    1

    Was soll ich bloß anziehen?

    Es ist wohl eine der ganz alten Menschheitsfragen: »Was soll ich bloß anziehen?« Als der Steinzeitmann Ötzi vor 5 300 Jahren in den Südtiroler Alpen starb, trug er einen Patchworkmantel aus Fell. Der war nicht nur warm; kunstvoll waren die Felle von Schafen, Gämsen und Ziegen vernäht, sodass sie ein Streifenmuster ergaben. Vielleicht hatte Ötzi gerade keine anderen Felle zur Hand und hat das Beste aus Second-Hand-Ware gemacht. Oder aber er legte Wert auf eine schicke Erscheinung. Mit seiner Kleidung könnte er seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bekundet oder seinen Rang innerhalb dieser betont haben; vielleicht hatte das Muster auch praktische Gründe (Insektenschutz, wie bei einem Zebra) oder war schlicht Ausdruck seines persönlichen Geschmacks.

    Die Funktionen von Kleidung sind vielfältig: Sie soll den Träger oder die Trägerin umhüllen und bedecken, soll wärmen oder vor Sonne und Regen schützen. Kleidung betont, nach dem Soziologen Pierre Bourdieu, den »kleinen Unterschied« und damit die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu. Sie kann Statussymbol sein oder Haltungen ausdrücken – zum Beispiel die, keinen Wert auf Kleidung zu legen. Zudem sollen Kleider schmücken und für Wohlbefinden, Selbstsicherheit und Spaß sorgen. Nach einer anderen Lesart definieren sich Menschen mit ihrer Kleidung als Frau oder Mann, oder, mit Vivienne Westwood gesprochen: »Fashion is always about sex.«

    In der Frage »Was soll ich bloß anziehen?« schwingen all diese Funktionen von Bekleidung mit, ob uns das bewusst ist oder nicht; also ist die Antwort darauf notwendigerweise kompliziert. Auch deshalb hat sich, quasi fast sofort nach Erfindung des Buchdrucks, ein umfangreiches Zeitschriftenwesen entwickelt, um den Fragestellern Antworten zu liefern. Das Journal des Luxus und der Moden aus Weimar oder die Londoner Gallery of Fashion lieferten den Damen des Adels und des Bürgertums schon vor dreihundert Jahren Informationen darüber, was in dieser und in der nächsten Saison zu tragen sei, beschrieben die Outfits von Prinzessinnen und Königinnen und nahmen sich dabei vor allem das modische Geschehen in London und Paris zum Vorbild. Vogue, Brigitte und Co. funktionieren noch immer nach diesem alten Muster.

    Und noch etwas ist gleich: Die Männer und Frauen, die ihre Leserinnen vor dreihundert Jahren über die Hüte der Saison informierten, waren Zeugen der Industriellen Revolution, in der sich die Struktur der Gesellschaft, Geschwindigkeit, Mobilität, Arbeit, Konsum und Alltag grundlegend änderten. Seinen Ausgang nahm diese epochale Umwälzung in der Herstellung zunächst von Garnen, dann von Stoffen. Die Zeitgenossen nahmen diesen Umbruch selbstverständlich war und diskutierten ihn intensiv – aber nicht in den Journalen, die sich mit Kleidung befassten.

    Ebenso heute: Die Herstellung der Kleidung oder gar die Erzeugung ihrer Rohstoffe spielt auch in den aufwändig produzierten Modestrecken kaum eine bis überhaupt keine Rolle, in den regelmäßigen Rezensionen der Modeschauen in Tageszeitungen (endlich mal eine Gelegenheit, Bilder schöner, junger Frauen zu drucken!) kommen diese Themen ebenfalls nicht vor. Auf den Gesellschaftsseiten geht es um Mode als kultureller Faktor, die Produktionsbedingungen finden hinten im Wirtschaftsteil statt, bebildert mit gebückten Näherinnen in Saris. Als vor wenigen Jahren die Globalisierung die gesamte Textilindustrie aus West- und Mitteleuropa fegte, entfachte dies zwar intensive Debatten. Nur nicht in den Zeitschriften, die über Kleidung berichteten. Weder Elle noch www.themandarinegirl.com interessiert es, woher das »dunkle Denim«, der »edle Lederblouson« oder die »herbstliche Bluse« stammen, wer sie wo und wie gewebt, gefärbt und genäht hat. Auch darum kann der Regisseur eines Films über die Modeindustrie in einem Interview sagen, er habe bis zu den Recherchen für seine Dokumentation nicht darüber nachgedacht, woher seine Klamotten eigentlich kommen. »Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich die Vorstellung, diese Kleidung wird von irgendwelchen Maschinen hergestellt oder wächst auf Bäumen«, sagte Andrew Morgan der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.¹ Damit ist er ganz sicher nicht alleine.

    Zwar geben Verbraucher bei Umfragen regelmäßig an, dass ihnen die Herstellungsbedingungen ihrer Kleidung wichtig seien. In einer Umfrage im Sommer 2014 sagte sogar ein Drittel der Befragten, keinesfalls würden sie ein Kleidungsstück kaufen, das unter unmenschlichen Produktionsbedingungen hergestellt worden sei.²

    Aber für Konsumenten ist es schwer, einigermaßen verantwortungsbewusste Firmen von den ganz schwarzen Schafen zu unterscheiden. Preis und Herkunft eines Kleidungsstücks geben keine Auskunft darüber, wie es produziert wurde. Dutzende von verschiedenen Labeln über eine (angeblich) nachhaltige Herstellung verwirren die Kunden eher, als ihnen den Weg zu guten Sachen zu weisen. Der Siegelwirrwarr im Klamottenladen ist seit zwanzig Jahren umstritten, aufgelöst hat ihn noch niemand. Langsam beginnen sich einige wenige Siegel durchzusetzen; im Bereich der sozialen Lage der Arbeiterinnen etwa die »Fair Wear Foundation«, die konstruktiv zusammen mit Unternehmen an einer fairen Lieferkette arbeitet, und auf dem Feld der Ökologie der GOTS, der »Global Organic Textile Standard«. Zum Teil ist es überraschend, welche Marken sich auf den Weg gemacht haben. Neben bekannten Öko-Versandhändlern wie Hess Natur oder Waschbär arbeitet auch der Billiganbieter Takko mit der »Fair Wear Foundation« zusammen. Es lohnt sich für die Verbraucher also, genau hinzuschauen – auch in ihrer Umgebung. In vielen Städten finden sich Schneiderinnen oder Designer, die kleine Kollektionen mit nachvollziehbarer Lieferkette anbieten. Zwar sind deren Kleider meist nicht ganz billig, aber weniger ist bekanntlich mehr.

    Über eine Milliarde noch tragbarer Kleidungsstücke werfen die Deutschen Jahr für Jahr aus ihren Schränken, um Platz für neue zu schaffen. Die ausgemusterten Stücke landen im Altkleidercontainer – und irgendwann auf einem Markt in Osteuropa oder Afrika. Noch immer gehen die Meinungen darüber auseinander, ob gute Gebrauchtkleidung in armen Ländern ein wichtiges Angebot für die dortigen Konsumenten darstellt, mit einer eigenen Wertschöpfung aus Reparatur und Handel – oder ob die Altkleiderschwemme aus dem reichen Norden die örtliche Textilindustrie zerstört und die Entwicklung behindert. Auf jeden Fall beruhigt sie das Gewissen der Verbraucher in den Industrienationen; sie können weitershoppen – ihre alten Kleider tun ja Gutes, fasst es eine Entwicklungsorganisation zusammen.

    Die Sache hat nur einen Haken: Der Ressourcenverbrauch der »Fast Fashion« ist zu hoch. Zwischen zwei und drei Milliarden Jeanshosen werden weltweit jedes Jahr verkauft, und damit Unmengen von Baumwolle. Sie wächst auf um die zwei Prozent der weltweiten Ackerfläche, verbraucht aber ein Viertel aller in der Landwirtschaft eingesetzten Insektengifte. Die durstige Pflanze lässt Flüsse und Seen vertrocknen, Ackerboden wird versalzen und unfruchtbar. Für beinahe jedes T-Shirt aus »reiner Baumwolle« wurde ein bisschen wertvoller Boden vernichtet und eine Frau, womöglich sogar ein Kind ausgebeutet. Das gute Gefühl auf der Haut schwindet bei dem Verbraucher, der um den Giftcocktail darauf weiß. Damit ein Kleidungsstück aus Pflanzenfasern seine Form behält, sich problemlos waschen und bügeln lässt und kunterbunt oder gar schwarz gefärbt werden kann, sind Dutzende teils hochgiftiger Chemikalien notwendig. Einst hat die Kleiderproduktion die Flüsse in Europa orange gefärbt und ihr Wasser ungenießbar gemacht, heute schillern die Flüsse in China in den Farben der Saison.

    Obwohl das einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist, haben die traditionellen Faserpflanzen wie Flachs und Hanf gegen die billige und leicht zu verarbeitende Baumwolle keine Chance. In den Faserstatistiken sind sie kaum sichtbar, so gering sind ihre Produktionsmengen. Chemiefasern aus Erdöl aber haben der Baumwolle inzwischen den Rang abgelaufen, jährlich steigen ihre Produktionsraten. Sogar Ökodesigner interessieren sich für Kunstfasern, allerdings aus Recyclingmaterial. Die Ökobilanz von Recyclingpolyester ist gar nicht schlecht, trotzdem ist ihr massenhafter Einsatz in Kleidung ein zweischneidiges Schwert. Wolle hingegen ist einer der ältesten Bekleidungsrohstoffe der Welt, lange Zeit war sie der bedeutendste. Heute spielt auch sie nur noch eine kleine Rolle; das ist einerseits schade, besitzt das Fell der Schafe doch wunderbare Eigenschaften. Doch massenhaft gehalten, geht es ihnen wie allen Tieren, die für einen auf schnelles Wachstum gepolten Markt gehalten werden: schlecht. Überweidete und überdüngte Gebiete, in denen zu viele Herden gehalten werden, gehören auch zur Bilanz von »reiner Schurwolle«.

    »Was soll ich bloß anziehen?« Diese Frage bekommt einen ganz neuen Klang, wenn der Alltag der Arbeiter in den Textilfabriken in die Antwort mit einfließt, die Masse der Chemikalien, die für die billigen und bunten Kleider nötig sind, die unglaubliche Menge an Wasser und Boden, die für »noch mal eben schnell was shoppen gehen« verbraucht werden.

    Die Bilanz unseres massenhaften Kleiderkonsums kennen die meisten Verbraucher relativ genau – doch sie handeln nicht danach. Jugendliche wissen laut einer Umfrage von Greenpeace gut darüber Bescheid, dass viele der begehrenswerten Kleidungsstücke im Laden oder Onlineshop mit hochgiftigen Chemikalien behandelt wurden. Mit 96 Prozent ist eigentlich auch allen Befragten klar, dass die Arbeiter in der Modeindustrie zum Teil unter miesen Bedingungen schuften. Doch anders shoppen sie deshalb nicht; ökologische oder faire Mode bewegt sich noch immer in einer winzigen Marktnische. Anders als bei ökologischen Lebensmitteln ist der Begriff »Bio« in Bezug auf Kleidung nicht geschützt, es gibt jede Menge Definitionen. Darum ist auch eine exakte Statistik darüber nicht erhältlich, doch dürfte der Anteil von fair und ökologisch hergestellter Kleidung am Gesamtmarkt etwa ein Prozent betragen – wenn überhaupt. Den Jugendlichen, die Greenpeace befragt hatte, sind Ökoklamotten zu teuer, sie finden sie schwer erhältlich oder halten sie für hässlich – der Jutesack der Ökogrün-dergeneration wirkt nach. Das Image einer Marke ist für ihren Erfolg ungemein wichtig, nicht umsonst geben große Hersteller und Ketten zum Teil die Hälfte ihres Umsatzes für Marketing aus. Geld, das kleinen Bio-Brands fehlt.

    Im Spiel mit Mode ist Image ein wichtiger Aspekt; ein weiterer ist die Trägerin, der Träger selbst. Ein vernähtes Stück Stoff entfaltet sich eben erst dann zum Kleid, zur Hose oder zur Bluse, wenn der Kunde oder die Käuferin es angezogen hat, wenn es sich an ihm bewegt und sich nach seinem Körper formt oder ihn formt. Kleidung wird erst interessant, wenn sie getragen wird, wenn Haltung, Figur und Erscheinung der Person hinzukommen. In Kleidung gehüllt (so spärlich sie auch sein mag) treten wir der Welt gegenüber; diese soziale Funktion wirkt schwer.

    Allerdings, es ist etwas in Bewegung gekommen. Dutzende von Designern entwerfen Kleidung aller Stilrichtungen, für Skater und Surferinnen, für Geschäftsfrauen und Modefreaks, für Sportreporter und Lateinlehrer (die es erfahrungsgemäß bequem mögen) – und achten auf nachhaltige Produktion. Sie arbeiten mit der »Fair Wear Foundation« zusammen oder führen das GOTS-Siegel. Auch wenn sich die Bewegung der Branche (noch?) nicht in Marktanteilen zeigt: Just in dem Augenblick, in dem die Käufer die Übersicht über die Herstellung von Kleidung vollkommen verloren haben, beginnen sie, sich für sie zu interessieren. Das zeigen nicht nur die erwähnten Umfragen, sondern auch die großen Handelsketten und Hersteller selbst, die ihre Kunden und deren Wünsche genau im Blick haben. Zumindest oberflächlich geben sie sich auf einmal »nachhaltig«; sie arbeiten vordergründig an politischen Initiativen mit, um die Situation in der Lieferkette zu verbessern, und verwenden ökologische Rohstoffe wie Biobaumwolle. Outdoorhersteller arbeiten mit an runden Tischen, um den Einsatz giftiger Chemikalien in ihren Jacken zu reduzieren; und ein großer Konzern nach dem anderen knickt vor der »Detox-Kampagne« von Greenpeace ein, mit der die Umweltorganisation die Kleiderschränke entgiften will.

    Veränderungen beginnen zum Teil auch in Bereichen, die nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfahren (und auch in diesem Buch sträflich vernachlässigt werden). Da ist zum Beispiel der milliardenschwere Markt der öffentlichen Beschaffung. Die öffentliche Hand ist einer der wichtigsten Kunden für Textilien; die gesetzlichen Grundlagen für staatliche Käufe werden derzeit überarbeitet. Umwelt- und Entwicklungsverbände lobbyieren intensiv dafür, dass Kommunen, Länder und der Bund ihr Geld für sozial und ökologisch hergestellte Krankenhausbettwäsche, Uniformen oder Sitzpolster ausgeben. Auch das interessante Thema »technische Textilien« wird nur angerissen. Kleidung mit besonderen Funktionen, etwa extrem hitzebeständige Uniformen für Feuerwehrmänner oder Gewebe, die allen möglichen Zwecken dienen (als Sitzbezug, als Unterlage für Skihänge oder kommunizierender Teppich), bilden einen Markt, auf dem die europäischen Anbieter international noch wettbewerbsfähig sind. Webereien und Spinnereien arbeiten für Branchen wie die Automobilindustrie; hier findet Forschung und Entwicklung statt und es entstehen Arbeitsplätze, hier haben sich die Reste der heimischen Textilindustrie erhalten.

    Seit Kleidung industriell hergestellt wird, klagen Näherinnen über die erbärmlichen Zustände an ihren Arbeitsplätzen. Die Textilindustrie war eine der ersten, die exzessiv giftige Chemikalien einsetzte, um Stoffe zu färben oder ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Doch scheint die Branche inzwischen selbst zu erkennen, dass sie in dieser Tradition nicht weitermachen kann. Will sie das Vertrauen der Kunden erhalten, muss sie nachhaltiger produzieren, langsamer, weniger. Und auch die Kunden können entschleunigen, weniger, seltener, dafür Besseres kaufen. Denn egal, ob der Kleiderschrank aus allen Nähten platzt oder nur ein einziger Mantel aus Ziegenfell darin hängt: Die uralte Menschheitsfrage »Was soll ich bloß anziehen?«, die bleibt.

    P.S.: Im Anhang finden Sie eine Liste mit Links; Tauschbörsen und Second-Hand-Läden im Internet, faire Shoppingführer für verschiedene Städte, Anbieter grüner oder fairer Mode sowie eine kleine Übersicht empfehlenswerter Siegel. Es liegt in der Natur des Netzes, dass diese Liste nicht vollständig ist, sondern eher einen Einstieg bietet zu eigener Recherche … Viel Vergnügen!

    2

    »Danke, ich schau’ mich nur um!« Warum es immer mehr Kleidung gibt, die niemand braucht

    »Schnell! 20 Prozent Rabatt nur noch bis Mitternacht!«, heißt es in der Mail der Modemarke Boden am Donnerstag. »Shoppen Sie mit 10 Prozent Rabatt für ihren Traumurlaub!«, wirbt der Katalogshop aus Großbritannien am Dienstag, und am Freitag noch mal: »Jetzt shoppen mit 10 Prozent Rabatt!« Karstadt Online lockt Ende März auf seiner Website: »Jetzt die reduzierten Styles shoppen«, und H&M bietet »20 Prozent auf ausgewählte Jacken und Mäntel«. Der Outdoorspezialist Globetrotter reduziert zur selben Zeit nicht nur seine Waren im Onlineshop um 45 Prozent, sondern legt sogar noch einen 15-Euro-Gutschein für seine Kunden oben drauf. Die irische Kette Primark kann kaum noch etwas reduzieren, sie befindet sich preislich in der Dauerreduktion: Damen können im Frühjahr 2015 eine Kreppbluse in Blutorange für 11 Euro kaufen, einen Parka im Aztekenmuster für 10 Euro und Herren eine lila Badeshorts für 4 Euro. Die Läden bekommen ihre Klamotten nicht los.

    Für die Händler liegt der Grund dafür auf der Hand: Das Frühjahr ist zu verregnet, der Sommer zu kühl, im Herbst nieselt es und im Winter ist es zu warm. Logisch, dass die Kunden keine Lust haben, einzukaufen. Einige Anbieter merken selbstkritisch an, vielleicht müsse man die Jahreszeiten wieder mehr achten und Wintermäntel im Winter und Bikinis im Sommer verkaufen. Die Branchenzeitschrift Textilwirtschaft hält von dem Jahreszeitengejammer allerdings wenig und stellt Ende 2014 nüchtern fest, »es sei zu viel Ware auf dem Markt«¹. Ein halbes Jahr später beobachtet sie das Phänomen der Rabattschlachten erneut und schimpft, anstatt die Attraktivität neuer Produkte herauszustellen, würden Industrie und Handel neue Waren mit aggressivem Preismarketing auf den Markt drücken.² Seit Jahren werden Blusen, Röcke, T-Shirts und Hosen hierzulande immer billiger, einen immer geringeren Anteil ihres Einkommens wenden die Deutschen für Kleidung und Schuhe auf. 1970 waren es noch 9,7 Prozent, 1998 schon nur noch 5,7 Prozent und 2012 schließlich 4,6 Prozent. Statt ihr Geld in neue Kleidung zu investieren, kaufen sich die Konsumenten lieber neue Smartphones, Fernseher, gehen in Restaurants oder machen eine Reise.

    Der Markt für Bekleidung stagniert und pendelt in Deutschland seit Jahren bei einem Gesamtvolumen von etwa 60 Milliarden Euro, mit leicht fallender Tendenz. In Österreich und der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild: Hier stagnieren die Ausgaben für Bekleidung bei rund 4,5 Milliarden Euro beziehungsweise 10,8 Milliarden Franken. Wen wundert’s? Die Kleiderschränke sind voll, in den meisten hängen mehr Klamotten, als ihre Besitzer anziehen können. Es kursieren die unterschiedlichsten Zahlen darüber, wie viele Shirts und Hosen niemals getragen werden, bevor sie im Altkleidersack oder in der Mülltonne landen: mal sind es 40 Prozent, mal 28 Prozent. Offizielle Zahlen über Besitz oder Verwendung von Kleidung, etwa von der Gesellschaft für Konsumforschung oder vom Statistischen Bundesamt (das immerhin sehr genau über die Versorgung der Verbraucher mit Flachbildschirmen informiert: 76,4 Prozent der Haushalte haben einen) gibt es nicht.

    Aber auch ohne genaue Zahlen gilt der »Markt für Bekleidung als gesättigt«, wie Unternehmensberater und Banken es ausdrücken. Eigentlich haben die Menschen genug Kleidung und brauchen keine neue. Darum rufen Hersteller und Händler alle paar Monate einen ganz neuen Trend aus, mit den jeweiligen »Must-haves« der Saison. Neben »Basics«, die sich immer verkaufen, hängen in den Läden »modische« und »hochmodische« Kleidungsstücke mit einer sehr kurzen Halbwertszeit. Betriebswirte und Betriebswirtinnen halten Mode für eine »Angebotsstrategie, die Sättigungstendenzen bei bestimmten Textil- und Bekleidungsprodukten überwinden will«, sie bewirke eine »künstliche Veralterung von Produkten und soll neue Nachfrage stimulieren«³. Zwar sind die Sachen vom letzten Winter noch ganz, tragen will sie ihr Besitzer aber trotzdem nicht mehr: falsche Farbe, zu lang, zu kurz, also ab in die Altkleider- oder gleich in die Mülltonne. Trotzdem die Deutschen keine Kleider brauchen, ist Deutschland (noch immer) der fünftgrößte Bekleidungsmarkt der Welt, nach China, den USA, Japan und Italien. Österreich belegt bei diesem Ranking den neunten Platz. Und die Schweiz importiert immerhin 1,3 Prozent aller weltweit erzeugten Textilien und Kleidungsstücke und liegt damit in etwa gleichauf mit Australien und Südkorea.

    Verzweifelt versuchen Markenfirmen, Boutiquen, Handelsketten, Kaufhäuser und Onlineshops, ihre Anteile an diesem Markt zu halten. Entwarfen Designer und große Markenfirmen früher zwei Kollektionen im Jahr, eine für Frühjahr/Sommer, eine für Herbst/Winter, erstellen sie inzwischen vier. In den Filialen der großen Händler werden zum Teil alle zwei Wochen die Kollektionen ausgetauscht, monatlich neue Ware ist schon Standard. »Fast Fashion«, Mode zum Wegwerfen, ist angesagt. Trendscouts sind immer auf der Suche nach neuen Styles, klicken sich durch die Fotos von Modeschauen oder Fashionblogs und geben den Designern lohnenswerte Vorbilder zur Kopie weiter. Das erfolgreiche spanische Unternehmen Inditex, zu dem Marken wie Zara oder Massimo Dutti gehören, braucht nur zwei bis drei Wochen von der ersten Idee auf dem Zeichenbrett bis zum fertigen Teil im Laden. Die immer schnelleren Umdrehungen der Modeindustrie werden in der Branche selbst schon diskutiert und kritisiert. Hubert de Givenchy, Gründer der gleichnamigen französischen Luxusmarke, überlegte vor einiger Zeit, zu den heutigen Bedingungen hätte er seine berühmten Kleider (Audrey Hepburn in »Frühstück bei Tiffany«!) nicht entwerfen können. Er könne nicht an etwas glauben, das innerhalb von sechs Monaten seine Gültigkeit verliere.

    Auch Teile der Kundschaft geben sich von dem Zirkus gelangweilt. 2014 wurde in Zeitungen und Blogs der Trend des »Normcore« gefeiert – Normalität, und zwar Hardcore. Die Protagonisten kleideten sich in Jeans, Turnschuhe und Hoodies, also Kapuzenpullis, und gaben damit

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1