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Maigret, Lognon und die Gangster

Maigret, Lognon und die Gangster

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Maigret, Lognon und die Gangster

Länge:
185 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Jan. 2021
ISBN:
9783311701958
Format:
Buch

Beschreibung

Der unglückselige Inspektor Lognon aus dem 18. Arrondissement ist seit zwei Tagen verschwunden. Stattdessen, so erfährt Maigret von Lognons dauerkränkelnder Frau, seien nun schon zum zweiten Mal amerikanische Gangster in ihre Wohnung eingedrungen, ohne sich auch nur einen Deut um die Anwesenheit der Hausherrin zu scheren. Offenbar war "Inspektor Griesgram" auf einer heißen Spur, und offenbar war auch dieser Fall mal wieder eine Nummer zu groß für ihn. Maigret macht sich auf die Suche nach den amerikanischen Gangstern – und stößt dabei auch sprachlich an seine Grenzen.
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Jan. 2021
ISBN:
9783311701958
Format:
Buch

Über den Autor


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Maigret, Lognon und die Gangster - Georges Simenon

1

Notgedrungen übernimmt Maigret Madame Lognon, ihre Gebrechen und ihre Gangster

»Natürlich … Natürlich … Ja, Monsieur … Ja, sicher … Sicher … Ich verspreche Ihnen, ich tu, was ich kann … So ist’s … Meine Empfehlung … Was? Ich habe gesagt: Meine Empfehlung … Nein, ich bin nicht gekränkt … Auf Wiederhören, Monsieur …«

Wohl zum zehnten Mal, er zählte längst nicht mehr, legte Maigret auf, entzündete von Neuem seine Pfeife, schaute vorwurfsvoll in den ausdauernden, kalten Regen draußen vor der Fensterscheibe, griff nach dem Federhalter und beugte sich über den Bericht, an dem er seit einer Stunde saß, fertig jedoch war nicht mal eine halbe Seite.

Kaum schrieb er nämlich das erste Wort, dachte er in Wirklichkeit schon an etwas ganz anderes, dachte er an den Regen, an diesen besonderen Regen, Vorbote der echten Winterkälte, der einem gleich in den Kragen rinnt, durch das Schuhwerk sickert, beständig vom Hutrand tropft, ein Regen für Schnupfen, schmutzig und trist, bei dem die Menschen lieber zu Hause bleiben, und dort sieht man sie dann wie Gespenster hinter den Fenstern.

Ist es Langeweile, was sie ans Telefon treibt? Unter den acht oder zehn fast sofort aufeinanderfolgenden Anrufen waren keine drei irgendwie sinnvoll. Und wieder schepperte die Klingel, und Maigret musterte den Apparat, als hätte er Lust, ihn mit einem Faustschlag zu zertrümmern, schließlich bellte er:

»Hallo?«

»Madame Lognon besteht drauf, mit Ihnen persönlich zu sprechen.«

»Madame wer?«

»Lognon.«

Es war beinahe ein Witz, bei diesem Wetter, in einem Augenblick, da er schon strapaziert genug war, aber tatsächlich hörte er plötzlich am anderen Ende der Leitung den Namen jenes Mannes, den man rundum Inspektor Griesgram nannte, die traurigste Gestalt unter allen Pariser Polizisten, mit einem so sprichwörtlichen Pech, dass manche behaupteten, er habe eine ganz spezielle Anziehungskraft für das Unglück.

Aber nicht Lognon war in der Leitung, sondern Madame Lognon. Maigret hatte sie erst ein Mal gesehen, in ihrer Wohnung an der Place Constantin-Pecqueur, in Montmartre, und seit diesem Tag nahm er dem Inspektor nichts mehr übel, ging ihm möglichst aus dem Weg und bedauerte ihn von ganzem Herzen.

»Stellen Sie durch … Hallo! Madame Lognon?«

»Entschuldigen Sie, dass ich störe, Herr Kommissar …«

Sie betonte sorgfältig jede Silbe, so wie Menschen, die einem unbedingt ihre gute Erziehung beweisen wollen. Maigret hielt fest, es war Donnerstag, der 19. November. Die schwarze Marmoruhr auf dem Kamin zeigte elf Uhr früh.

»Ich hätte nicht darauf zu bestehen gewagt, mit Ihnen persönlich zu sprechen, aber ich habe einen wichtigen Grund …«

»Ja, Madame.«

»Sie kennen uns, meinen Mann und mich. Sie wissen …«

»Ja, Madame.«

»Ich muss Sie ganz dringend sehen, Herr Kommissar. Es geschehen fürchterliche Dinge, und ich habe Angst. Würde meine Gesundheit es mir erlauben, ich käme sofort an den Quai des Orfèvres. Doch es ist Ihnen ja nicht unbekannt, ich bin seit Jahren schon an meine Wohnung gefesselt, hier im fünften Stock.«

»Verstehe ich richtig, Sie möchten, dass ich vorbeikomme?«

»Ich bitte Sie darum, Monsieur Maigret.«

Das war starker Tobak! Sie sagte es höflich, aber bestimmt.

»Ihr Mann ist nicht bei Ihnen?«

»Er ist verschwunden.«

»Hä? Lognon ist verschwunden? Seit wann?«

»Ich weiß es nicht. Er ist nicht in seinem Büro, und niemand weiß, wo er steckt. Die Gangster waren heute früh wieder hier.«

»Die was?«

»Die Gangster. Ich werde Ihnen alles berichten. Ich kann es nicht ändern, selbst wenn Lognon dann wütend wird. Ich habe zu viel Angst.«

»Sie wollen sagen, es sind Leute bei Ihnen eingedrungen?«

»Ja.«

»Mit Gewalt?«

»Ja.«

»Und Sie waren zu Hause?«

»Ja.«

»Haben die was mitgenommen?«

»Vielleicht ein paar Papiere. Ich konnte es nicht überprüfen.«

»Und das war heute früh?«

»Vor einer halben Stunde. Aber die beiden anderen waren vorgestern schon da.«

»Wie hat Ihr Mann reagiert?«

»Ich habe ihn seither nicht gesehen.«

»Ich komme.«

Maigret glaubte es noch nicht. Nicht wirklich. Er kratzte sich den Kopf, wählte zwei Pfeifen, steckte sie in die Tasche, öffnete die Tür zum Büro der Inspektoren einen Spaltbreit.

»Hat einer was von Lognon gehört die letzten Tage?«

Der Name brachte immer ein Lächeln auf alle Lippen. Nein. Niemand hatte was von ihm gehört. Zwar war es sein brennender Wunsch, doch Lognon gehörte nicht zum Quai des Orfèvres, sondern zum zweiten Bezirk des 9. Arrondissements, und sein Büro war im Kommissariat der Rue de La Rochefoucauld.

»Wenn jemand fragt, ich bin in einer Stunde zurück. Gibt’s unten ein Auto?«

Er wickelte sich in seinen dicken Mantel, fand im Hof einen der kleinen Polizeiwagen und nannte die Adresse Place Constantin-Pecqueur. In den Straßen war es etwa so lustig wie unterm Glasdach der Gare du Nord, und die Passanten ertrugen stoisch das schmutzige Wasser, das die Autos über Gehsteige und Beine spritzten.

Das Wohnhaus war gewöhnlich, hundert Jahre alt, ohne Aufzug. Maigret erklomm seufzend die fünf Stockwerke; schließlich öffnete sich eine Tür, ohne dass er klopfen musste; Madame Lognon, Augen und Nase rot, bat ihn murmelnd herein.

»Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie kommen! Wenn Sie wüssten, wie sehr mein armer Mann Sie verehrt!«

Das stimmte nicht. Lognon hasste ihn. Lognon hasste alle, die Glück hatten und am Quai des Orfèvres arbeiten durften, alle Kommissare, jeden, der einen höheren Dienstgrad hatte als er selbst. Er hasste die Älteren, denn sie waren älter, und die Jüngeren, denn sie waren jung. Er …

»Nehmen Sie Platz, Herr Kommissar.«

Sie war klein, mager, schlecht frisiert, trug einen Hausmantel aus Flanell in hässlichem Lila. Ihre Augen hatten tiefe Ringe, die Nase war spitz, und unaufhörlich legte sie die Hand links auf ihre Brust, wie jemand mit einer Herzkrankheit.

»Ich habe lieber nichts angerührt, so können Sie sich selbst überzeugen …«

Die Wohnung war winzig: Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad, alles beengt, mit Türen, die man wegen der Möbel nicht richtig öffnen konnte. Auf dem Bett lag zusammengerollt ein schwarzer Kater.

Madame Lognon hatte Maigret ins Esszimmer geführt, ganz offensichtlich wurde das Wohnzimmer nicht benutzt. Die Schubladen des Buffets enthielten kein Besteck, sondern Papiere, Notizhefte, Fotos, völlig durcheinandergewühlt; auf dem Fußboden lagen Briefe.

»Ich glaube«, sagte er und zögerte, seine Pfeife anzustecken, »Sie beginnen besser mit dem Anfang. Eben, am Telefon, da war die Rede von Gangstern.«

Vorher jedoch sagte sie im Tonfall eines Menschen, der längst ergeben ist ins Leiden:

»Rauchen Sie nur Ihre Pfeife.«

»Danke.«

»Sehen Sie, seit Dienstag früh …«

»Also seit vorgestern?«

»Ja. Diese Woche hat Lognon Nachtdienst. Dienstag früh ist er kurz nach sechs hier gewesen, wie gewöhnlich. Aber anstatt gleich ins Bett zu gehen nach dem Essen, ist er mehr als eine Stunde lang in der Wohnung herumgelaufen, mir wurde davon ganz schwindlig.«

»Wirkte er besorgt?«

»Sie wissen ja, er ist äußerst gewissenhaft, Herr Kommissar. Ich sage es ihm ständig, er ist zu gewissenhaft, er ruiniert sich die Gesundheit, und niemand ist ihm dankbar. Ich bitte um Verzeihung, ich spreche sehr offen, aber Sie müssen zugeben, man hat ihn nie gebührend gewürdigt. Er ist ein Mann, der nur an seinen Dienst denkt, der sich aufreibt …«

»Also, Dienstag früh …«

»Um acht ist er hinunter, auf den Markt. Ich schäme mich dafür, aber ich bin eine gebrechliche Frau, sozusagen zu gar nichts gut, doch es ist nicht meine Schuld. Der Doktor verbietet mir das Treppensteigen, deshalb muss Lognon gehen und das Nötige besorgen. So was ist keine Aufgabe für einen Mann wie ihn, ich weiß. Jedes Mal, wenn …«

»Dienstag früh?«

»Er war einkaufen. Dann hat er gesagt, er müsse kurz ins Büro, es daure wohl nicht lange, und schlafen wollte er am Nachmittag.«

»Er hat nichts gesagt über den Fall, um den es ging?«

»Er sagt nie etwas davon. Wenn ich ihm versehentlich doch mal eine Frage stelle, dann antwortet er, ihn binde das Berufsgeheimnis.«

»Danach war er nicht wieder hier?«

»Doch, gegen elf.«

»Am selben Tag?«

»Ja, Dienstag, vormittags gegen elf.

»War er immer noch nervös?«

»Ich weiß nicht, ob er nervös war oder ob es an seiner Erkältung lag, er hatte nämlich Schnupfen. Ich habe gesagt, er müsse sich schonen. Er hat geantwortet, er werde sich später schonen, wenn er Zeit hat, jetzt müsse er wieder weg, aber er komme zum Abendessen nach Hause.«

»Ist er gekommen?«

»Einen Moment! Mein Gott! Jetzt muss ich dran denken! Was, wenn ich ihn nie wiedersehe! Und ich habe ihm noch Vorwürfe gemacht, ich habe gesagt, er kümmere sich nicht um seine Frau, immer nur um seine Arbeit …«

Maigret wartete ergeben, auf diesem unbequemen Stuhl mit viel zu gerader Lehne, doch er wagte nicht zu kippeln, denn der wirkte nicht solide.

»Es war vielleicht nicht mal eine Viertelstunde, nachdem er weg war, gegen eins, da habe ich Schritte gehört im Treppenhaus. Ich dachte mir, es sei jemand für die Frau im sechsten Stock, unter uns gesagt, eine Person, die …«

»Ja. Also Schritte im Treppenhaus …«

»Sie haben auf meiner Etage Halt gemacht. Ich hatte mich gerade wieder hingelegt, der Doktor hat es mir so verordnet, nach dem Essen. Es hat an der Tür geklopft, aber ich habe nicht geantwortet. Lognon hat mir aufgetragen, dass ich niemals antworte, wenn die Leute nicht den Namen sagen. Man kann nicht arbeiten so wie er, ohne dass man sich Feinde macht, hab ich nicht recht? Ich war ganz überrascht, als ich hörte, wie die Tür aufgeht, dann Schritte im Flur, im Esszimmer. Sie waren zu zweit, zwei Männer haben hereingeschaut ins Schlafzimmer, und sie haben mich gesehen, im Bett.«

»Konnten Sie die zwei beobachten?«

»Ich habe sie aufgefordert zu gehen, habe gedroht, ich rufe die Polizei; ich habe sogar die Hand ausgestreckt zum Telefon, das steht auf dem Nachttisch.«

»Und dann?«

»Einer von beiden, der kleinere, zeigte mir seinen Revolver, er hat etwas gesagt in einer Sprache, die ich nicht kenne, es war wohl Englisch.«

»Wie sahen die zwei aus?«

»Ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Sie waren sehr gut gekleidet. Beide rauchten eine Zigarette. Den Hut hatten sie aufbehalten. Sie schienen überrascht, dass sie nichts gefunden haben, irgendwas oder irgendwen.

›Falls es mein Mann ist, den Sie suchen …‹, habe ich gesagt.

Die haben gar nicht zugehört. Der Größere hat eine Runde gemacht, durch die ganze Wohnung, und der andere hat auf mich aufgepasst. Ich weiß noch, sie haben unters Bett geguckt, in die Schränke.«

»Die Möbel haben sie nicht durchgewühlt?«

»Die zwei da nicht. Geblieben sind sie höchstens fünf Minuten, haben nichts gefragt, sind in aller Ruhe weggegangen, wie nach einem ganz gewöhnlichen Besuch. Natürlich bin ich schnell ans Fenster gelaufen, und ich habe gesehen, wie sie unten auf dem Gehsteig miteinander reden, neben einem großen schwarzen Auto. Der Größere ist eingestiegen, der andere ist weitergegangen bis zur Ecke Rue Caulaincourt. Ich glaube, er ist hinein in die Bar. Ich habe sofort meinen Mann angerufen, in seinem Büro.«

»War er da?«

»Ja. Er war gerade angekommen. Ich habe ihm alles berichtet, was passiert ist.«

»War er überrascht?«

»Schwer zu sagen. Am Telefon ist er immer seltsam.«

»Sollten Sie ihm die beiden Männer beschreiben?«

»Ja. Ich habe es auch gemacht.«

»Machen Sie’s noch mal.«

»Sie hatten alle beide sehr dunkle Haare, wie Italiener, aber ich bin sicher, Italienisch haben sie nicht gesprochen. Ich glaube, der Wichtigere war der Große, ein schöner Mann, wirklich, ein klein bisschen zu dick, ungefähr vierzig. Er wirkte, als käme er gerade vom Friseur.«

»Und der Kleine?«

»Viel gewöhnlicher, mit einer gebrochenen Nase und Ohren wie ein Boxer, einem Goldzahn ganz vorne. Er hatte einen perlgrauen Hut und einen grauen Mantel, der andere einen nagelneuen Kamelhaarmantel.«

»Ist Ihr Mann sofort hergekommen?«

»Nein.«

»Er hat auch nicht die Polizei aus dem Viertel hergeschickt?«

»Nein, auch nicht. Er sagte, ich soll mir keine Sorgen machen, auch wenn er ein paar Tage nicht nach Hause kommt. Ich habe gefragt, wie er sich das vorstellt mit dem Essen, und er hat geantwortet, dass er sich darum

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