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Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022: Krimi Paket
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eBook1.533 Seiten17 Stunden

Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022: Krimi Paket

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Über dieses E-Book

Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022: Krimi Paket

von Alfred Bekker, A.F.Morland, Pete Hackett, Cedric Balmore, Thomas West

 

Über diesen Band:

 

 

 

 

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

 

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

 

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

Cedric Balmore: Selbstmord GmbH

Pete Hachett: Das Erbe des Snipers

Pete Hackett: Ein todsicherer Coup

 

Alfred Bekker: Der Killer und sein Zeuge

 

A. F. Morland: Ein Detektiv sieht rot

 

Alfred Bekker: Unter Mordverdacht

 

A. F. Morland: Um Null Uhr fünfzehn wirst du sterben

 

Alfred Bekker: Ein Hai im Swimming-Pool

 

Thomas West: Milo muss sterben

 

Alfred Bekker: Tot und teuer

 

Alfred Bekker: Der Leibwächter

 

A. F. Morland: Ein dicker Fisch geht auch mal baden

 

Alfred Bekker: Haus der Schatten

 

A. F. Morland: Du quatschst dich noch ins nasse Grab

 

Alfred Bekker: Caravaggio verschwindet

 

Alfred Bekker: Ahnengeister

SpracheDeutsch
HerausgeberAlfred Bekker
Erscheinungsdatum2. Feb. 2022
ISBN9798201625511
Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022: Krimi Paket
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Autor

Alfred Bekker

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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    Buchvorschau

    Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022 - Alfred Bekker

    Der 1500 Seiten Krimi Koffer Februar 2022: Krimi Paket

    von Alfred Bekker, A.F.Morland, Pete Hackett, Cedric Balmore, Thomas West

    Über diesen Band:

    Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

    Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

    ––––––––

    Dieses Buch enthält folgende Krimis:

    Cedric Balmore: Selbstmord GmbH

    Pete Hachett: Das Erbe des Snipers

    Pete Hackett: Ein todsicherer Coup

    Alfred Bekker: Der Killer und sein Zeuge

    A. F. Morland: Ein Detektiv sieht rot

    Alfred Bekker: Unter Mordverdacht

    A. F. Morland: Um Null Uhr fünfzehn wirst du sterben

    Alfred Bekker: Ein Hai im Swimming-Pool

    Thomas West: Milo muss sterben

    Alfred Bekker: Tot und teuer

    Alfred Bekker: Der Leibwächter

    A. F. Morland: Ein dicker Fisch geht auch mal baden

    Alfred Bekker: Haus der Schatten

    A. F. Morland: Du quatschst dich noch ins nasse Grab

    Alfred Bekker: Caravaggio verschwindet

    Alfred Bekker: Ahnengeister

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

    © Roman by Author /

    © dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

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    Alles rund um Belletristik!

    Ein Jack Braden Thriller #21: Selbstmord GmbH

    Selbstmord GmbH

    Ein Jack Braden Thriller #21

    von Cedric Balmore

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

    Larry Temple will sich umbringen, weil er sein Leben für verpfuscht hält. Doch da macht ihm jemand ein unglaubliches Angebot, wenn er für weitere drei Jahre am Leben bleibt. Zu spät merkt er, dass er sich dem Teufel verschrieben hat. Sein letzter Ausweg scheint Privatdetektiv Jack Braden zu sein, doch bevor er Einzelheiten sagen kann, ist Temple tot.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

    Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

    © by Author

    © Cover Steve Mayer

    © dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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    Die Hauptpersonen des Romans:

    Lawrence Temple – ein verhinderter Selbstmörder

    Elma Sands – bei der Temple sich ausweint

    Omar Sattler – macht ein Pokergesicht

    Jeff Tobler – sitzt in Sing Sing und hat nichts damit zu tun

    Andrew Tobler – sitzt nicht und hat viel damit zu tun

    George Patterson – hält zur Stange

    Dawn „Sunny" Barris – ist nicht nur charmant, sondern auch gescheit

    Anthony Gilford – zieht mit

    Jack Braden – schaukelt die Sache mal wieder

    Ein Pfarrer – versteht sich auf Menschen

    Ein Kaplan – entwickelt detektivische Fähigkeiten

    Joe, Mac und allerlei Gelichter

    1

    Lawrence Temple sehnte sich danach, tot zu sein. Aber er hatte Angst vor dem Sterben.

    Er setzte den Revolver zum vierten Mal gegen die Schläfe, tat einen zitternden Atemzug und schloss die Augen.

    Jetzt!, dachte er.

    Doch der Finger am Abzug rührte sich nicht, verweigerte die kleine Bewegung, die den Übergang in die Ewigkeit bedeuten würde.

    Jetzt!

    Und noch einmal: Jetzt!

    Aber der Finger am Abzug gehorchte dem Befehl des Gehirns nicht.

    Temple öffnete die Augen wieder. Sein Hemd war von Schweiß durchgeweicht, sein Stoppelbart drei Tage alt.

    Seit drei Tagen hatte er sein Zimmer nur verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Vor vierundzwanzig Stunden hatte er die letzte Mahlzeit eingenommen: Brot, Cornedbeef und Wasser. Und eine weitere Mahlzeit würde es nicht geben.

    Er besaß noch fünf Cent. Das, was er auf dem Leib trug, und fünf Cent in bar. Die fünf Cent waren der Rest von den zwanzig Dollar, die ihm der Trödler für seine letzten Habseligkeiten gegeben hatte: für einen Karton voll getragener Wäsche.

    Alles, was irgend verkäuflich war, hatte Lawrence Temple verkauft oder versetzt; um noch einen Tag länger zu essen zu haben – um das Unausweichliche noch einen Monat, eine Woche, einen Tag hinauszögern zu können.

    Nun war es soweit.

    Und er konnte es nicht.

    Er versagte auch jetzt, wie er immer wieder versagt hatte.

    Namenlose Verzweiflung, namenloses Selbstmitleid höhlten ihn aus. Er ließ den Revolver fallen, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte.

    Eine Turmuhr schlug Mitternacht. Damit begann der Tag, an dem er das Zimmer räumen musste. Weil er die Miete schuldig geblieben war.

    Temple erhob sich und trat ans Fenster. Er riss es auf. Die Kälte fuhr ihm schneidend in die Lungen. Feiner Schnee rieselte durch den Lichtblock, der durch das Fenster nach draußen fiel. Parkende Wagen waren unter Schneehügeln vergraben. Aus der Kneipe gegenüber dudelte die Musikbox.

    Für einen wahnwitzigen Augenblick kam Temple der Einfall, hinüberzugehen und sein Problem mit dem Revolver zu lösen.

    „Geld her – oder es knallt!"

    Aber er würde auch das nicht können. Das schon gar nicht. Nicht er. Dann schon eher das andere.

    Außerdem war sein Problem ja nicht, dass er kein Geld hatte. Das war nur die Konsequenz, das Resultat seines Problems.

    Vor der Kneipe stand, halb verschneit, die Telefonzelle.

    Wenn man ein Fünfcentstück in den Schlitz warf, konnte man jeden der zwei oder drei Millionen Fernsprechteilnehmer der großen Stadt anrufen.

    Nur einmal mit einem Menschen sprechen. Mit irgendeinem. Lawrence Temple spürte ein wildes, ein geradezu schmerzhaftes Verlangen danach.

    Aber wer würde ihn schon anhören wollen. Wer würde sich schon ...

    Temple richtete sich auf, als ihm eine Erinnerung kam.

    Gleich darauf hastete er die Treppe hinab.

    2

    Die Nummer war DO 5000.

    Temple hatte sie behalten. Sie war ja leicht zu behalten, musste leicht zu behalten sein, das war ja gerade der Sinn der Sache.

    Seit einigen Jahren erschien diese Nummer immer wieder in den Anzeigenteilen der Zeitungen:

    „Wenn Sie einsam und verzweifelt sind, rufen Sie DO 5000 an."

    So lauteten die Texte.

    Telefonische Seelsorge oder so etwas Ähnliches.

    Temple warf seinen Nickel ein. Ob überhaupt jetzt – mitten in der Nacht – jemand da war?

    Lawrence Temple zitierte. Und das nicht nur vor Kälte.

    Der Weckruf tutete nur einmal aus der Membran.

    „DO 5000!", meldete sich dann eine ruhige Männerstimme.

    Temple wusste nicht, wie er anfangen sollte.

    „Ich werde mich erschießen!, platzte er heraus. Mit dem naiven Trotz eines Kindes. Er schrie fast „Ich werde mich erschießen! Und kommen Sie mir bloß nicht mit dem lieben Gott und der Ewigkeit und der Bibel und frommen Sprüchen. Darauf pfeife ich, verdammt! Darauf pfeife ich! Verstehen Sie mich?

    „Ich verstehe Sie sehr gut", sagte der Mann am anderen Ende der Leitung gelassen und sachlich. Sonst nichts. Denn er war nicht nur ein Samariter, sondern auch ein glänzender Psychologe. Und er hatte sehr viel Erfahrung.

    Temple, der erwartet hatte, dass der andere ihn bei Gott und Gottes Wort beschwören würde, die Sünde des Selbstmordes nicht auf sich zu laden, würde ihn mit Worten und Bibelzitaten zu chloroformieren versuchen – Lawrence Temple schluckte verblüfft.

    „Hallo, sind Sie noch da?"

    „Natürlich bin ich noch da. Sie wollen sich erschießen, und Sie haben sicher Ihre Gründe dafür."

    „Tausend Gründe!", stieß Temple bitter hervor.

    „Nun gut. Schildern Sie mir Ihre Situation."

    Nur das. Immer noch kein Wort von Gott und der Bibel.

    „Sind Sie – sind Sie denn kein Geistlicher?", fragte Temple verwundert, wobei ihm nicht klar wurde, dass der andere zumindest schon eines erreicht hatte – nämlich dass er, Temple, bereits aufgehört hatte, sich ausschließlich mit sich selber zu beschäftigen.

    „Doch!, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung so ruhig wie vorher. „Doch, ich bin Geistlicher!

    „Bitte, welcher Konfession gehören Sie an?"

    „Ist das denn so wichtig? Sie sind in Not. Und ich will Ihnen helfen, wenn ich kann. Bitte, schildern Sie mir Ihre Situation."

    „Ich – ich kann nicht mehr weiter, Ehrwürden!"

    Lawrence Temple war zuletzt in der Kirche gewesen, als er dreizehn oder vierzehn gewesen war. Er glaubte an ein höheres Wesen, das den Kosmos „im Gange hielt – damit erschöpfte sich seine Religion. Die Anrede „Ehrwürden" kam ihm nur über die Lippen.

    „Ich kann nicht mehr weiter!", wiederholte er.

    „Sie wissen nicht weiter. Das ist ein Unterschied. Vielleicht weiß ich weiter. Sagen Sie mir alles."

    „Ich habe gestohlen!" Laut platzte Lawrence Temple es heraus.

    „Ja, sagte der Geistliche einfach. „Ich nehme an, Sie hatten auch dafür Gründe.

    Temple schluckte wieder. „Und sonst sagen Sie nichts dazu. Nicht, dass das eine Sünde ist, ein Verbrechen, ein ..."

    „Warum sollte ich es sagen, da Sie es doch ohnehin wissen."

    „Ich – ich war Buchhalter. Ich habe dreißigtausend Dollar aus der Kasse genommen. Nicht mit einem Mal, sondern nach und nach. Es war ... Meine Frau wollte ... Wir hatten Schulden. Das Haus und der Wagen und all das andere. Ich verdiente nicht besonders gut. Allen Nachbarn ging es besser als uns. Und meine Frau ... Sie machte mich wahnsinnig. Du bist ein Versager. Ein erbärmlicher Versager! Da nahm ich eben das Geld, und ... Ich verstehe es heute selber nicht mehr."

    „Ich schon!, sagte der Geistliche. „Ich weiß, wie Ihnen zumute war.

    „Ich liebte sie. Sie kommt aus einer guten Familie."

    „Aus einer Familie mit Geld. Auch das ist ein Unterschied, kann jedenfalls ein Unterschied sein."

    „Ich hatte kein Recht, sie zu heiraten. Ich wusste ja, dass ich ihr den Rahmen nicht bieten konnte, den sie gewohnt war. Aber sie baute auf mich: Du wirst deinen Weg schon machen! Aber ich blieb, was ich war – der kleine Buchhalter mit 120 pro Woche. Sie quälte mich bis aufs Blut, aber ich liebte sie. Und so sagte ich ihr dann eines Tages, ich sei befördert worden, und nahm Monat für Monat Geld aus der Kasse. Es ging lange gut. Als es endlich entdeckt wurde, flog ich natürlich. Mein Chef informierte meinen Schwiegervater. Der schickte einen Scheck, um den Skandal zu vermeiden. Und meine Frau – sie verließ mich. Alles andere hätte ich ertragen können. Die Schande, und ... Es sickerte nämlich trotzdem durch, trotz des Schecks meines Schwiegervaters. Nach ein paar Tagen wussten alle Nachbarn Bescheid. Es war ein einziges Spießrutenlaufen, doch das hätte ich ertragen können. Nicht aber, dass meine Frau ..."

    Temple war im Begriff, sich wieder in hemmungsloses Selbstmitleid zu verlieren. Der Geistliche spürte es. „Verzeihen Sie – wie alt sind Sie?"

    „Zweiundvierzig. "

    „Und Sie haben keine Beschäftigung?"

    „Nein."

    „Wissen Sie, wir brauchen hier viele Helfer. Viele Verzweifelte wenden sich an uns ..."

    „I c h brauche Hilfe! Was gehen mich die anderen an!"

    „Ich versuche ja gerade, Ihnen zu helfen. ich könnte Ihnen eine Arbeitsstelle vermitteln, und ..."

    „Ich habe vor drei Monaten beschlossen, mich umzubringen. Von meinem letzten Geld habe ich mir einen Revolver gekauft. Das war vor zwei Monaten. Seither habe ich es hinausgezögert. Aus Feigheit. Ich habe alles zu Geld gemacht, was ich ... Alles. Jetzt bin ich fertig. Meinen letzten Nickel habe ich hier in das Telefon gesteckt. Morgen früh muss ich mein Zimmer räumen. Ich habe nichts mehr zu beißen, und ich besitze nicht einmal mehr einen Mantel. Es ist kalt draußen! Ich bin fertig. Es ist aus mit mir!"

    „Ich verstehe, Sie brauchen zunächst einmal Geld. Nun, wir haben hier einen Fonds für derartiges. Würden Sie mir bitte Ihren Namen und Ihre Adresse nennen. Ich werde dann gleich morgen früh jemanden zu Ihnen schicken, der Ihnen über die erste materielle Not hinweghilft."

    Temple murmelte seinen Namen und seine Adresse. Aber dann brach es doch wieder aus ihm heraus: „Sie haben überhaupt nichts begriffen. überhaupt nichts. Ich brauche kein Geld, und ... Nicht mal ‘ne Million könnte mich retten. Reißen Sie mir die Erinnerung an meine Frau aus dem Schädel, dann vielleicht könnte ich weiterleben. Löschen Sie die Brandmale in meiner Seele, vernichten Sie den Hass in meinem Herzen. Dann vielleicht ..."

    „Bleiben Sie am Apparat. Hängen Sie nicht auf." Über dreißig Minuten stand Temple noch in der Zelle. Zeitweilig wurde er ruhiger und gefasster. Und dann doch wieder hektisch-verzweifelt.

    In einem Stadium der Verzweiflung kreischte er: „Ich werde es tun! Ich werde es tun!"

    Und er hängte auf.

    Es tat ihm sofort leid. Aber nun hatte er keinen Nickel mehr.

    Er weinte wieder. Ließ die Tränen rinnen und trat auf die verschneite Straße.

    Wenige Yards neben der Zelle stand ein dunkler Chrysler, der vorher nicht dort gestanden hatte.

    Und unmittelbar bei der Zelle – direkt an den schneeverkrusteten Scheiben – stand seit drei oder vier Minuten ein Mann.

    Lawrence Temple, der für seine Umgebung weder Augen noch Ohren gehabt hatte, schrak zusammen, als dieser Mann neben ihn trat.

    „Guten Abend, Mr. Temple! Mein Name ist Smith. Ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen, ein Angebot, wenn Sie so wollen. Es ist lausig kalt. Dort steht mein Wagen. Bitte, steigen Sie ein!"

    Temple wurde energisch am Arm gefasst. Er war derart verblüfft, dass er willenlos mitging.

    Der Fremde nötigte ihn in den Fond und stieg von derselben Seite her ein.

    „Okay!", sagte er zu dem Mann am Steuer.

    Und der Chrysler setzte sich in Bewegung.

    Knapp eine Minute später rollte ein Plymouth heran. Ein schon ziemlich betagter Plymouth. Dieser Wagen wurde von einem Mann gesteuert, der den schwarzen Anzug eines Geistlichen trug.

    Der Geistliche – er war noch verhältnismäßig jung, keinesfalls älter als dreißig – stieg aus. Er betrachtete die frischen Spuren im Schnee, betrat dann die Zelle, fasste den Hörer an.

    Dann warf er einen Nickel ein, wählte eine Nummer. Es war der „normale" Anschluss der Telefonseelsorge DO 5000.

    „Bis wann haben Sie mit Mr. Temple gesprochen, Ehrwürden?"

    „Bis eben jetzt."

    „Dann bin ich zu spät gekommen. Die Telefonzelle steht dem Haus, in dem er wohnt, genau gegenüber. Der Hörer ist noch warm."

    „Dann ist er wohl in seine Wohnung gegangen."

    „Nein, Ehrwürden. Es sind frische Spuren im Schnee. Er hat die Zelle verlassen und ist, gemeinsam mit einem anderen Mann in einen Wagen gestiegen. Jener andere Mann ist ausgestiegen und hat Temple wohl abgeholt."

    „An Ihnen ist ja ein Detektiv verlorengegangen, Kaplan."

    „Man braucht ja nur hinzusehen, die Spuren sind ganz eindeutig. Wahrscheinlich wollte der andere auch telefonieren, er hat jedenfalls eine Weile vor der Zelle gestanden. Ich vermute, dass er ein Bekannter Temples ist. Vielleicht hat er einiges verstanden und hat Temple eingeladen, um ihm zu helfen."

    „So wird es sein. Bitte, bleiben Sie auf jeden Fall dort. Einmal muss Temple ja zurückkommen."

    Aber Lawrence Temple kehrte nicht in sein Zimmer zurück. Nicht an diesem Tag. Nicht am nächsten. Überhaupt nicht.

    3

    DO 5000 war im Gemeindehaus von St. Petri untergebracht. Der Telefonverteiler befand sich außen am Haus, im Garten.

    Es war gegen zwei Uhr morgens, als in diesem Garten eine vermummte Gestalt auftauchte und sich am Verteiler zu schaffen machte.

    Zwei Kontakte wurden gelockert und wieder angezogen. Dann bewegte sich die Gestalt quer durch den Garten und wickelte dabei ein Gummikabel auf, das unter dem Schnee im Erdreich gelegen hatte. Nur ein Zoll tief in der Erde.

    Der gefrorene Boden brach dabei in kleinen Schollen auf, es entstand eine dunkle Bahn durch den Schnee.

    Aber es schneite jetzt stärker. Spätestens in einer halben Stunde würde nichts mehr zu sehen sein. Nichts von der dunklen Bahn und nichts von den Fußspuren, die die vermummte Gestalt hinterließ.

    Die Gestalt zwängte sich durch die Hecke auf das Nachbargrundstück. Auch dort befand sich der Verteiler außen am Haus. Dort löste die Gestalt das andere Ende des Kabels.

    4

    „Hat der Geistliche Sie geschickt?", fragte Temple, noch immer verdattert.

    „Nicht direkt", sagte der Mann neben ihm ausweichend. Dieser Mann trug einen schwarzen Ulster und einen dunklen Hut mit sehr breiter Krempe. Der Kragen des Ulsters war hochgeklappt.

    „Dann verstehe ich nicht ..."

    „Sie werden gleich verstehen. Jedenfalls einiges. Alles kaum, aber das erwartet auch niemand von Ihnen. – Sie waren im Begriff, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen."

    „Also schickt Sie doch ..."

    „Nein. Ich vertrete eine private Firma, aber unsere Verbindungen reichen ziemlich weit. Ich kenne Ihr Problem. Das muss Ihnen genügen. Sie brauchen Hilfe, und wir wollen Ihnen helfen. Alles andere ist doch wohl nebensächlich."

    „Hilfe? Mir kann niemand helfen."

    „Sie haben also nach wie vor die Absicht, sich zu töten?"

    „Ja!", behauptete Temple.

    In seinem Hirn ging alles durcheinander. Er war einfach überfordert.

    „Okay! Das ist die Basis des Geschäfts, das ich Ihnen anbieten möchte. Sie wollen sich umbringen, das ist Ihre Angelegenheit, ich mische mich da nicht ein. Mein Vorschlag geht lediglich dahin, dass Sie das noch ein bisschen verschieben."

    „Verschieben?"

    „Ganz recht. Zwei oder drei Jahre verschieben. Das ist alles, was wir von Ihnen möchten. Als Gegenleistung bieten wir Ihnen hundert Dollar per Tag. Hundert Dollar täglich. Von heute an bis zu dem Tag, an dem Sie endgültig Schluss machen. Das sind 36 500 Dollar per Anno. Ich weiß, das klingt absonderlich, wenn nicht absurd oder gar verrückt. Es ist nichts von alledem, sondern nur ein ganz reales Geschäft. Sie verdienen, und wir verdienen. Alle sind zufrieden."

    „Das verstehe ich nicht. Ich begreife überhaupt nichts. Wieso verdienen Sie, wenn Sie doch nur ..."

    „Diese Seite der Aktion interessiert doch wohl nur unsere Firma. Für Sie sind doch nur unsere Leistungen interessant. Und um die zu präzisieren: Sobald Sie sich einverstanden erklären, werden Sie von uns zunächst einmal ausstaffiert: Garderobe, Leibwäsche und so weiter und so fort. Alles gediegen und bestens. Wir richten Ihnen eine Wohnung ein, drei Zimmer oder auch vier, wir sind nicht kleinlich. Wo Sie wohnen wollen, auch das überlassen wir Ihnen, wir bestehen nur darauf, dass es eine Großstadt ist, aber es ist uns gleichgültig, welche. Die Stadt muss allerdings in den USA liegen. Sie dürfen die USA nicht verlassen. Das sind so ziemlich unsere einzigen Bedingungen. Und wir zahlen Ihnen, über alle Sachleistungen hinaus, wie gesagt, hundert Dollar pro Tag."

    „Und was hätte ich dafür zu tun?"

    „Nichts. Außer am Leben zu bleiben. Im Übrigen können Sie tun und lassen, was Ihnen beliebt."

    „Das ist doch ‘n fauler Witz. Kein Mensch ist so verrückt ..."

    „Wir ja."

    „Jetzt verstehe ich. Sie wollen mich mit diesen Verrücktheiten von dem Gedanken an Selbstmord abbringen."

    „O nein. Das wollen wir nicht. Ganz im Gegenteil. Wir bestehen darauf, dass Sie eines Tages ... Aber daran wollen wir jetzt nicht denken, das liegt noch in weiter Ferne. Sie wollen sich umbringen. Das ist ein Punkt. Gut. Wir bieten Ihnen die Chance, vorher noch ein paar Jährchen in Müßiggang und Wohlstand zu verbringen. Das ist der andere Punkt. Auch gut."

    „Verrückt. Ich glaube Ihnen kein Wort."

    „Auch gut. Aber gehen wir mal davon aus, dass es so wäre, wie ich sage: Würden Sie unser Angebot akzeptieren?"

    „Ich weiß nicht. Mein Schädel ist ein Karussell."

    „Würden Sie – ja oder nein?"

    „Ich brauche Zeit."

    „Erschießen können Sie sich doch immer noch, Mann. Das läuft Ihnen doch nicht weg. Und besser als das ist doch alles. Oder?"

    „Ich weiß nicht, was in meiner Lage das Beste ist."

    „Was glauben Sie, wie viele Lebensmüde es gibt, und was glauben Sie wohl, wie viele Kunden ich bekommen kann? Wir können diese Chance aber nur einigen wenigen bieten. Wenn Sie nicht wollen – bitte. Niemand zwingt Sie. Ich finde an jeder Straßenecke einen anderen Anwärter. Also entscheiden Sie sich schon: Ja oder nein."

    Der Mann am Steuer schaltete sich ein.

    „An Ihrer Stelle würde ich annehmen, Temple. ‘nen Hunderter per Tag und jede Menge Zeit, sich zu amüsieren. So gut möcht ich‘s auch mal haben!"

    „Ja oder nein, Temple?", drängte der andere.

    „Ja", sagte Lawrence Temple. Er konnte das alles nicht fassen, war wie in Trance.

    „Okay!, sagte der Mann neben ihm. „Ich bin allerdings nur ein Angestellter. Die Entscheidung darüber, ob die Firma Sie akzeptiert oder nicht, liegt beim Chef. Aber ich glaube, dass Sie gute Aussichten haben.

    „Wie heißt Ihre Firma?"

    „Sie hat keinen offiziellen Namen. Wir – im internen Kreis – nennen sie Selbstmord GmbH. Haben Sie irgendwelche Kleckerschulden hier in Chicago?"

    „Die Miete für die letzten vier Wochen. Achtzig Dollar."

    „Okay. Die achtzig Silbermänner nehme ich auf meine eigene Kappe. Fahr beim General Post Office vorbei, Mac!"

    Das Hauptpostamt hat Tag und Nacht geöffnet. Der Mann im Fond drückte Temple vier Zwanziger in die Hand. Und eine Eindollarnote für das Porto.

    „Gehen Sie rein und schicken Sie‘s per Postanweisung an Ihren Hauswirt. Schreiben Sie ein paar Zeilen auf den Empfängerabschnitt. Ganz knapp. Etwa: Hier die rückständige Miete. Ich komme nicht wieder. Ich werde Ihnen schreiben, wohin Sie meine Sachen schicken sollen."

    „Da ist nichts zu schicken."

    „Das vereinfacht die Angelegenheit. Gehen Sie jetzt. Und vergessen Sie die Quittung nicht!"

    Lawrence Temple war immer noch wie in Trance, als er mit der Quittung in der Hand wieder einstieg. Der Mann im Fond nahm den Abschnitt entgegen und steckte ihn ein.

    „Los, Mac!"

    „Wohin fahren wir?"

    „Nach New York. Um Sie dem Chef vorzustellen."

    „Vorausgesetzt, dass wir nicht unterwegs im Schnee stecken bleiben!", brummte der Mann im Volant.

    „Nach dem letzten Straßenzustandsbericht ist der Highway ab Fort Wayne schnee- und eisfrei!, antwortete der andere. „Sind Sie übrigens hungrig, Temple?

    „Gar kein Ausdruck."

    „Dann reich mal den Picknickkoffer her, Mac! Und halt bei der nächsten Telefonzelle an."

    „Gut, Joe."

    Das Gespräch, das „Joe Smith" dann führte, war nur kurz.

    „Es hat geklappt. Du kannst abhauen."

    Was zur Folge hatte, dass jene vermummte Gestalt im Garten des Gemeindehauses von St. Petri auftauchte.

    5

    Der freundliche ältere Herr, der seit einigen Wochen im Nachbarhaus gewohnt hatte – angeblich ein Rentier aus Cincinnati, grüßte ehrerbietig über die Hecke, als er seinen Koffer zur Straße trug.

    „Sie wollen uns schon wieder verlassen, Mr. Brown?", stellte der geistliche Herr fest. Nicht ohne Bedauern, denn Mr. Brown war ein sehr angenehmer Gesprächspartner und ein hervorragender Schachspieler gewesen.

    „Mich zieht‘s nach dem Süden, Ehrwürden! Hier ist mir‘s zu ungemütlich!"

    „Recht haben Sie!"

    „Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Es war eine schöne Zeit!"

    „Es war eine schöne Zeit. Leben Sie wohl, Harry! Und: Gott befohlen!"

    Das Taxi wartete schon. Der geistliche Herr hob die Hand zu einem letzten Gruß.

    „Midway Airport!, wies „Mr. Brown den Cabbie laut und vernehmlich an.

    Dann stieg er ein.

    Seine Aufgabe war gelöst. Die „Selbstmord GmbH" hatte einen neuen Klienten gefunden.

    6

    Hinter Fort Wayne war der Highway tatsächlich frei. Joe schlief. Und Mac war nicht gesprächig.

    „Ich bin nur der Fahrer, Temple! Ich weiß überhaupt nichts. Schlafen Sie doch auch ’n bisschen."

    Natürlich konnte Lawrence Temple nicht schlafen.

    Stunde um Stunde verrann.

    „Joe!, sagte Mac plötzlich laut. „Wach auf, Joe! Gleich kommt die Abzweigung Pittsburgh.

    Joe war verdächtig schnell wach. Vielleicht hatte er sich nur schlafend gestellt?

    „Okay, Mac. Fahr in die Stadt rein. Hören Sie zu, Temple ... Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen?"

    „Lawrence."

    „Also Larry. Hören Sie zu, Larry. Der Chef wohnt zur Zeit im Sheraton Astor, also ziemlich feudal, in Ihren Lumpen können Sie sich dort nicht sehen lassen. Ich werde Ihnen jetzt also erst mal ‘nen anständigen Anzug verpassen lassen. Nebst Pipapo. Das nehme ich auch auf meine eigene Kappe, es verpflichtet Sie zu nichts. All right?"

    „All right. Ich kann nur nicht begreifen ..."

    „Es hat keinen Sinn, dass Sie Fragen stellen, Larry. Ich bin nur ‘n Angestellter, und Mac ist nur der Fahrer. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich Ihnen sagen konnte. Mehr ist nicht. – Frag dich zum nächsten Warenhaus durch, Mac. Larry! Mac wird Sie begleiten. Ins Warenhaus, meine ich. Ich werde inzwischen mit dem Chef telefonieren. Sie kaufen sich ‘nen Anzug, ‘n Oberhemd, ‘ne Krawatte, Schuhe, ‘nen Hut und ‘nen Mantel. Das genügt fürs erste. Nehmen Sie nicht gerade das Allerteuerste, aber knausern Sie auch nicht. Mac wird alles bezahlen. – Sie wollen ja schon wieder ‘ne Frage stellen! Ich sagte Ihnen doch, das hat keinen Sinn! Lang den Rasierapparat mal rüber, Mac!"

    Joe rief tatsächlich das Sheraton Astor an. Und er nannte sich auch am Telefon Joe Smith.

    „Verbinden Sie mich mit Appartement 37. Mein Name ist Joe Smith."

    „Ich verbinde."

    „Ja, bitte?", meldete sich gleich darauf eine weibliche Stimme.

    „Wir sind jetzt in Cincinnati, wir lassen ihn einkleiden. Sie sind informiert?"

    „Natürlich. Brown rief schon während der Nacht an."

    „Eben um Brown handelt es sich, Ich bin nicht sicher, ob er rechtzeitig in New York sein kann. Ich meine, vor uns. In Chicago herrscht Schneetreiben. Vielleicht ist der Flugbetrieb eingestellt ..."

    „Er ist nicht eingestellt. Brown ist schon in der Luft. Seit einer halben Stunde. Er wird rechtzeitig hier sein. Ruf mich noch einmal an, sobald ihr in New York seid."

    „Mach ich. Ende!"

    Temple hatte das Warenhaus als heruntergekommener Schnorrer betreten. Und er verließ es wie aus dem Ei gepellt.

    „Wir wollen irgendwo frühstücken, sagte Joe aufgeräumt. „Gut und reichlich.

    Sie besorgten das im nächsten Rasthaus.

    „Wie wär‘s mit ‘nem guten Kognak zum Schluss, Larry?"

    Temple nickte.

    Der Kognak durchwärmte ihn angenehm. Er sah nicht, dass Joe Mac einen Wink mit den Augen gab.

    Mac erhob sich.

    „Entschuldigt mich mal ‘ne Sekunde."

    Als Joe mit Temple allein war, legte er ihm vertraulich die Hand auf den Arm.

    „Ich will Ihnen mal ‘nen Tipp geben, Larry. Rein privat und unter vier Augen. Fragen Sie mich nicht, warum ich jetzt quatsche; wenn‘s rauskommt, dann bin ich meinen Job los, und es ist ‘n verdammt guter Job, was den Zaster anbetrifft. Ich war auch nicht immer auf Rosen gebettet, und ich bin froh, dass ich ihn habe. Den Job. Ich sollte das Maul hallen, aber vielleicht hab ich ‘ne Schwäche für Sie. – Sie werden mich doch nicht verpfeifen, Larry?"

    Temple begriff nicht, dass das alles ein abgekartetes, ein sorgfältig ausgetüfteltes Spiel war. Ein Spiel, das Joe und Mac nicht zum ersten Mal durchexerzierten.

    Er schüttelte den Kopf.

    „Das alles muss Ihnen reichlich merkwürdig vorkommen, Larry. Und es wird Ihnen vielleicht noch merkwürdiger vorkommen, nachdem Sie mit dem Chef gesprochen haben – beziehungsweise der Chef mit Ihnen. Im Prinzip läuft es darauf hinaus, dass der Chef Sie dafür bezahlt, dass Sie Ihren Selbstmord um mindestens drei Jahre verschieben. Es ist natürlich die Frage, ob Sie nach drei Jahren Fettlebe noch Lust dazu haben werden. Wahrscheinlich nicht, das ist der Haken dabei. Und nun kommt mein Tipp, Larry! Drei Jahre sind ‘ne lange Zeit. Gesetzt den Fall, Sie überlegen sich eines Tages, dass Sie doch ganz gern weiterleben möchten: dann verschwinden Sie eben einfach. Kann der Chef Flöhe hüten? Kann er Hasen mit der Hand fangen? Das kann er nicht, und ebenso wenig kann er drei Jahre lang, Tag und Nacht, auf Sie aufpassen, respektive auf Sie aufpassen lassen. Ich weiß, dass er es nicht kann. Er wird das vielleicht behaupten, aber Ihr Grips sollte Ihnen sagen, dass er es nicht kann. Denken Sie an meine Worte, wenn Sie ... Pst, Mac kommt zurück! Kein Wort mehr!"

    Dieser Speak, im vertraulich-raunenden Tonfall vorgebracht und mit gekonnter Mimik untermauert, verfehlte seine Wirkung nicht.

    Der Köder zog. Die Falle schnappte zu. Lawrence Temple saß drin, aber das wusste er noch nicht.

    Er war drin und würde nie mehr herauskommen.

    7

    Der „freundliche ältere Herr", der in dieser Aktion der Selbstmord GmbH unter dem Namen Harry Brown operierte, betrat das Hotel Sheraton Astor am Times Square am frühen Nachmittag. Obwohl er sein Äußeres nur geringfügig verändert hatte, sah er nun allerdings gut und gern zwanzig Jahre jünger aus als vor wenigen Stunden.

    Er schritt zielbewusst durch die Halle zu den Aufzügen, ließ sich in die zweite Etage hinauftragen, öffnete dort die äußere Tür des Appartements 27 und klopfte in einem bestimmten Rhythmus.

    Nach einer kleinen Weile wurde der Schlüssel von innen gedreht.

    „Hello!, sagte „Brown zu dem Mann und zu der Frau.

    „Hello!", antworteten beide.

    „Du bist ziemlich spät dran!", nörgelte der Mann.

    „Ja, ich weiß, sagte „Brown. „Hatte allerlei Pech. Die Maschine landete schon nicht pünktlich. Dann musste ich ja erst nach Hause. Ich wollte das Taxi nur einmal wechseln, aber das zweite blieb mit Motorschaden liegen, und das in der Gegend, wo ich nicht gleich ‘n anderes finden konnte. Und dann sprang mein eigener Wagen nicht an. Er hat immerhin ’n paar Wochen im Stall gestanden. Die Batterie tat es nicht. Jedenfalls bin ich ja noch rechtzeitig da. Oder sind sie schon in New York?"

    „Nein. Aber lange kann es nicht mehr dauern. "

    Das war im Saloon des Appartements.

    Während Brown sprach, war er zum Schreibtisch gegangen, hatte den Kassettenkoffer, den er mitgebracht hatte, geöffnet. Drinnen lag ein flaches Lederetui.

    Brown ließ das Etui in dem Koffer, öffnete nur den Reißverschluss.

    Ein Bandgerät kam zum Vorschein.

    „Das Telefonat dauerte einundvierzig Minuten!, erklärte Brown. „Etwa in der Mitte fehlt eine kurze Passage: Ich musste das Band wechseln.

    „Mach schon!", sagte die Frau.

    Sie hörte mit geschlossenen Augen zu. Der Mann ging auf und ab, während er auf die Stimmen des Geistlichen und Lawrence Temples lauschte. Brown setzte sich mit einem Schenkel auf den Schreibtisch. Als das Band abgelaufen war, wechselte er es. Und in diese Pause hinein läutete das Telefon.

    Der Mann ging hin und hob ab.

    „Ja, sagte er nur. Und dann: „Augenblick, Joe! Wir sind noch nicht ganz soweit.

    Er deckte die Muschel mit der Hand ab, zeigte mit dem Kinn auf das Bandgerät und wendete sich an die Frau.

    „Was meinst du?"

    „Scheint in Ordnung zu sein."

    „Das ist auch meine Meinung. – Hello, Joe? – Es ist gut! Bring ihn her."

    Das zweite Band spulte ab.

    „Ja!, murmelte der Mann dann. „Das ist wirklich okay. Der Kerl ist labil genug.

    „Alle Selbstmörder sind labil!, behauptete die Frau. „Auf dieser Tatsache beruht unser ganzes Geschäft.

    „Dann hau ich jetzt ab!", sagte Brown.

    „Ja, sagte sie. „Du weißt, was du zu tun hast, wenn er nicht spuren sollte?

    „Klar."

    „Aber er wird spuren. Verlass dich drauf."

    „Wer zweifelt denn daran? Ich doch nicht!"

    Brown packte seinen Kram zusammen. Er verließ das Hotel unangefochten. Sein Wagen stand auf dem Parkplatz in der 46. Straße. Er verstaute den Kassettenkoffer darin und ging dann zum Times Square zurück. Vor Jack Dempseys – des ehemaligen Boxweltmeisters aller Klassen – Restaurant blieb er stehen, um die Ankunft Joes, Macs und Temples zu beobachten.

    Er hoffte sehr, es werde ihm erspart bleiben, Lawrence Temple noch an diesem Tag von der Welt bringen zu müssen. Er hoffte das nicht etwa, weil er Hemmungen hatte oder gar Mitleid.

    Ganz und gar nicht.

    Es war einfach nicht der Sinn der Sache, dass Temple schon heute ins Gras biss.

    Der Sinn der Sache war, dass er den „Vertrag unterschrieb. Und ihn einhielt. Dass er „spurte.

    Aber er würde schon spuren. Bisher hatte jeder gespurt,

    Wenn allerdings nicht, dann würde das Konsequenzen haben. Laufen lassen konnten sie Temple nicht mehr, dazu wusste er nun schon zu viel.

    Sie würden ihn nach Chicago zurückbringen, und dort würde seine Leiche gefunden werden. Die Zeitungen würden darüber berichten, und ein geistlicher Herr, dessen Ruf unantastbar war, würde bezeugen, dass Mr. Lawrence Temple seinem Leben eigenhändig ein Ende gesetzt hatte.

    Brown brauchte nicht lange zu warten.

    „Da wären wir also!, sagte Joe munter zu Temple. „Raus mit Ihnen, alter Junge!

    Mac fuhr den Packard weiter.

    „Kommen Sie, Larry! Keine Hemmungen! Es ist alles okay!"

    Temple war immer noch durchgedreht, wusste immer noch nicht r echt, wie ihm geschah.

    Er war übernächtigt. Seine Nerven waren überfordert, er konnte es nicht verhindern, dass seine Hände zitterten.

    Joe merkte das. Und er hängte sich bei Temple ein, als sie durch die Halle gingen.

    „Seien Sie doch nicht so durchgedreht, Larry. Es ist ‘n rundes und glattes Geschäft. Ungewöhnlich, aber in keiner Weise kriminell. Glauben Sie, der Chef würde ausgerechnet in diesem Palast wohnen – sozusagen auf dem Präsentierteller –, wenn irgend etwas ungesetzlich wäre? – Na also!"

    Der Aufzug trug sie empor.

    „So. Und da sind wir endgültig!"

    Die Doppeltür tat sich vor Temple auf. Er wurde über die Schwelle geschoben.

    Niemals zuvor hatte er einen Raum von derart erlesener Eleganz gesehen.

    Hinter einem großen Schreibtisch saß eine außerordentlich attraktive Blondine, eine Frau von schlechthin klassischer Schönheit.

    Joe zog ihn vorwärts. Es war ziemlich weit bis zum Schreibtisch.

    Als sie nahe genug heran waren, sah Temple, dass die Frau in einem Rollstuhl saß. Ihre Beine steckten in eisernen Schienen.

    Joe machte bekannt.

    „Mr. Lawrence Temple! – Mein Chef!"

    „Nehmen Sie Platz, Mr. Temple!", sagte die Frau mit einer sanften und warmen Stimme.

    Rund zwei Stunden später setzte Mr. Lawrence Temple seinen Namenszug unter den Kontrakt. Unter diesen makabren und absonderlichen Vertrag.

    Wie es dazu gekommen war, wie sie ihn dazu gebracht hatten, diese Frage sollte er sich noch oft und oft vorlegen – solange er noch Gelegenheit dazu hatte.

    Er fand nie eine überzeugende Antwort.

    Zu viel war auf ihn eingestürmt. Er war wie betrunken gewesen, wie unter einem hypnotischen Zwang.

    Er verließ das Hotel gemeinsam mit Joe.

    Auf die Frage, wo er zu wohnen wünsche, hatte er sich für New York entschieden.

    „Wir bleiben jetzt ein paar Tage zusammen, sagte Joe. „Bis alles geregelt ist.

    Sie zogen für zwei Tage ins Hotel Taft in der 7th. Avenue. Dann siedelte Temple in die Wohnung um, die die „Firma" ihm besorgt hatte.

    „Zufrieden, Larry?"

    „O ja. Sehr!"

    „Morgen früh gehen wir zum Arzt!"

    Der Arzt untersuchte Temple lange und gründlich. Das Gutachten, das er dann ausstellte, besagte dem Sinne nach: „Der Mann ist so gesund, wie ein Mann seines Alters nur sein kann. Keine Bedenken!"

    Drei Tage später unterzeichnete Temple ein weiteres Schriftstück, und damit war der Kontrakt endgültig in Kraft getreten.

    Und rund achtzehn Monate später entschloss sich Lawrence Temple, aus dem Kontrakt auszubrechen.

    Das hatten schon andere Klienten der „Selbstmord GmbH." versucht. Gelungen war es noch keinem.

    8

    Lawrence Temple rief einen Privatdetektiv an, dessen Name des öfteren durch den New Yorker Blätterwald gegangen war. Und zwar morgens um vier.

    Joe, der seit zwei Tagen wieder bei ihm logierte, schlief noch.

    Temple hatte die ganze Nacht wachgelegen und an der Frage herumgegrübelt, was wohl richtiger sei: die Polizei anzurufen – oder jenen Privatdetektiv. Was auf eine andere Frage hinauslief, nämlich auf die, ob er sich selber strafbar gemacht hatte.

    Ja. Er hatte sich wohl strafbar gemacht. Nämlich des versuchten Betruges. Zumindest des versuchten Betruges.

    Temple entschied sich also für den Privatdetektiv.

    Joe schlief im Wohnzimmer. Dort stand auch das Telefon. Das machte die Sache so schwierig.

    Joe schnarchte, als Temple sich im Pyjama barfüßig hineinschlich.

    Die Tür knarrte ein wenig. Aber Joe rührte sich nicht.

    Andererseits wusste Temple aus Erfahrung, dass Joe den leichten Schlaf einer Katze hatte. Das Geräusch der Wählscheibe würde ihn unfehlbar wecken. Und den Schlüssel zur Wohnungstür – den einzigen, der existierte – hatte Joe an sich genommen,

    Wenn Temple telefonieren wollte – und das musste er; er würde den nächsten Tag sonst nicht überleben – wenn Lawrence Temple also telefonieren wollte, dann blieb nur eines: Er musste Joe bewusstlos schlagen.

    Das Problem war nur: Temple hatte nicht die leiseste Vorstellung davon, wie man so etwas machte.

    Er hatte oft gelesen, dass ein Handkantenschlag gegen die Halsschlagader genügen würde. Aber ob das nicht nur eine Erfindung der Kriminalstoryschreiber war?

    Joe lag auf der Seite. Es würde ganz einfach sein. Aber ob es auch klappte?

    Temple war voller Angst. Aber noch mehr fürchtete er sich vor dem, was der kommende Tag bringen sollte.

    Er zögerte lange. Das Licht fiel durch die offene Schlafzimmertür auf den Schläfer. Übelkeit schnürte Temple die Kehle ab.

    Aber dann schlug er doch zu.

    Schlug zu.

    Und die Kriminalstoryschreiber hatten sich die Sache nicht aus den Fingern gesogen.

    Das Schnarchen verstummte. Joes Körper streckte sich. Dann blieb er liegen – wie tot.

    Temple fasste mit fliegenden Händen unter Joes Sakko. Das Schulterhalfter war da, aber die Pistole steckte nicht drin.

    Die Pistole, die Temple doch so dringend brauchte, um Joe in Schach zu halten, nachdem er wieder zu sich gekommen war.

    Lawrence Temple verlor mal wieder die Nerven. Er handelte so dumm wie nur möglich, als er zum Telefon stürzte. Er kam nicht auf die simple Idee, dass die Pistole unter dem Kopfkissen liegen musste. Wo denn sonst? Im Halfter hatte Joe sie nicht behalten können, sie wäre herausgefallen, wenn er sich im Schlaf drehte. Andererseits musste er sie bei der Hand haben. Wo also sonst konnte sie sein, wenn nicht unter dem Kopfkissen?

    Aber daran dachte Temple nicht. Er dachte überhaupt nichts. Außer, dass er Hilfe brauchte.

    Er wusste seit zwei Tagen, was ihm bevorstand. Die Nummer der Polizei kannte er ohnehin. Und die der Detektiv-Agentur hatte er auswendig gelernt.

    In seiner fiebernden Hast verwählte er sich zweimal.

    Endlich tutete der Weckruf.

    Gottlob meldete sich sofort jemand. Eine weibliche Stimme.

    „Bradens Detective Agency."

    „Hören Sie!, sprudelte Temple aufgeregt. „Ich werde gefangen gehalten. Die Adresse ist 311 Ost 42. Straße. Sie müssen sofort kommen! Sofort! Hören Sie. Mein Name ist ...

    Weiter kam er nicht.

    Er spürte einen harten Schlag gegen den Nacken. Dann wurde es Nacht um ihn.

    Joe stand noch reichlich unsicher, aber er stand. Pulverdampf stieg ihm in die Nase. Er nieste und zerbiss einen Fluch.

    Der Schuss mochte das halbe Haus geweckt haben. Trotzdem nahm er sich die Zeit, die Pistole „schussgerecht" in Temples rechte Hand zu legen und dessen Finger gegen das Metall zu drücken.

    Dann legte er die Waffe auf den Teppich.

    Es war alles zur Abreise vorbereitet gewesen. Joe brauchte nur in den Mantel zu kriechen und den Hut aufzustülpen. Seine Tasche war gepackt.

    „Hello!, tönte es aus der Membran. „Hello!

    Joe bewegte sich geräuschlos.

    Er schaltete das Licht im Wohnzimmer ein. Auch das vergaß er nicht. Dann trat er zu dem Fenster, das an der Feuerleiter lag.

    Der Riegel war ziemlich locker. Joe stellte ihn senkrecht, zog das Fenster auf, schwang sich auf die Plattform der Feuertreppe, zog das Fenster mit einem harten Ruck zu.

    Glück im Unglück! Der Riegel kippte tatsächlich um und rastete ein.

    Die Wohnung lag im ersten Stock, die Plattform lag höchstens vier Yard über dem Hofpflaster.

    Joe stieg nicht hinunter, sondern schwang sich über die Brüstung und ließ sich hinabfallen.

    Zwei Minuten später saß er in seinem Wagen. Und wieder ein paar Minuten später telefonierte er mit dem Chef.

    Er berichtete im Telegrammstil.

    „Du verdammter Idiot!, knirschte der Chef. „Du hirnverbrannter Idiot!

    „Ja, ja, ich weiß! Ich hätte ihn lebend wegschleppen sollen, aber du hast gut reden. Er hatte mir ‘n volles Pfund verpasst, und ich war geistig weggetreten, war einfach nicht ganz da. Ich musste verhindern, dass er sang, zu ‘nem anderen Gedanken reichte es bei meiner Mattscheibe nicht. Hör zu! Es ist noch gar nichts verloren. Ich habe ihm die Knarre direkt ins Genick gesetzt. Ja, ich weiß, kein Selbstmörder schießt sich in den Nacken, aber warum sollte nicht mal einer die große Ausnahme sein? Einer, der zum Beispiel mal gelesen hat, dass ’n Genickschuss unbedingt tödlich ist? Niemand hat mich die Wohnung betreten sehen. Niemand weiß, dass außer Temple überhaupt jemand dort war. Ich habe die ganze Zeit Handschuhe getragen. Ich habe, wie immer, alle anderen Vorsichtsmaßregeln beachtet. Es gibt keinen Hinweis, kein Indiz dafür, dass eine zweite Person in der Wohnung war. Die Wohnungstür und alle Fenster sind von innen verriegelt. Und Temples Prints sind auf der Kanone. Es ist seine eigene, dieselbe, die er sich in Chicago besorgt hat. Irgendwann werden die Cops das rausfinden. Verfänglich könnte höchstens die Feuertreppe werden, aber auch da habe ich kaum Spuren hinterlassen. Ich bin ja runtergeflankt. – Es ist noch gar nichts verloren."

    „Okay, okay. Ich mach dir keinen Vorwurf. Es war ‘ne Idiotie, aber du warst eben halb weggetreten. Passiert ist passiert."

    9

    Lawrence Temple war von der irrigen Annahme ausgegangen, dass eine bekannte Detektei auch eine große Detektei sein müsse: So und so viele Mitarbeiter, eine Tag und Nacht besetzte Telefonzentrale.

    Tatsächlich war „Bradens Detective Agency" nur ein Anderthalb-Mann-Unternehmen – wenigstens nach einer stehenden Redensart von Miss Dawn Barris, wobei sie sich selber als den halben Mann einstufte.

    Dass sowohl Braden als auch Dawn sich diese Nacht im Office um die Ohren schlugen, hing mit einem anderen Fall zusammen. Sie erwarteten einen Anruf, der vielleicht kommen würde, vielleicht aber auch nicht.

    Wenn er kam, musste die Braden-Detektei in geschlossener Phalanx marschieren: anderthalb Mann stark.

    Braden hatte seine lange Gestalt malerisch auf der Fensterbank drapiert. Er klimperte auf seiner Gitarre, wofür er dann und wann eine gewisse Leidenschaft hatte, denn er hielt sich hartnäckig für musikalisch. Mit dieser Meinung stand er allein.

    Dawn hielt den messing-blonden Schopf über irgendeine Handarbeit gebeugt.

    Sie seufzte.

    „Ich habe es längst aufgegeben. Sie der Illusion zu berauben, dass Sie ‘ne Art Paganini auf der Gitarre sind ..."

    „Ich unterhalte mein Personal!" Er grinste breit, wobei sein langes Kinn merkwürdigerweise noch länger wurde, ein Phänomen, das Dawn immer wieder verblüffte.

    „Ich unterhalte mein Personal, da ich ein sozial denkender Arbeitgeber bin. Ich finde das löblich."

    „Das Personal hat Schwielen am Trommelfell! Was Sie die Stirn haben, als Musik zu bezeichnen, läuft auf Körperverletzung in Tateinheit mit seelischer Grausamkeit hinaus."

    Er klimperte ungerührt weiter. „Ooouhhh!, stöhnte er erst nach einer Weile. „Tiefschlag! Sie sind disqualifiziert, Gräfin!

    „Gräfin?", fragte sie irritiert.

    „Ihr Haar funkelt im Licht, als trügen Sie mindestens ‘ne Grafenkrone."

    Das Kompliment kam aus ehrlichem Herzen. Demzufolge zog er es sofort zurück. Er war ziemlich sicher, dass Dawn ihn sehr mochte. Das störte ihn nicht besonders. Aber gelegentlich kam es ihm so vor, als ob er ihre Neigung recht heftig erwiderte. Und das störte ihn sehr.

    Nicht, dass er Junggeselle aus Überzeugung war. Eines Tages würde er das seine schon tun – was die Bevölkerungspolitik anbelangte. Drückebergerei würde er sich in dieser Hinsicht nicht vorwerfen lassen, das war ferne von ihm. Und was die künftige Mutter seiner drei bis vier Nachwüchse anbetraf, so hatte die – in seiner Vorstellung – eine geradezu fatale Ähnlichkeit mit Miss Dawn „Sunny" Barris. Aber Mr. Jack Braden fand, so brandeilig sei diese Sache noch nicht.

    Und außerdem fand er es in seinem schlichten Gemüt einfach prima. Nämlich das gewisse Knistern zwischen Sunny und ihm. Was diesen Punkt anging, so war sein Gemüt wirklich sehr schlicht, was nicht das mindeste gegen seine sonstigen Qualitäten besagt.

    Von seiner eigenen Begeisterung ausgesprochen negativ beeindruckt, zog er das Kompliment also umgehend zurück und behauptete das Gegenteil.

    „Ihr Haar schimmert golden. Und das ist ‘ne scheußlich kitschige Farbe." Worauf Sunny sich prompt verfärbte. Nur ihr Teint. Nicht ihr Haar, versteht sich am Rande.

    „Sie sehen auch nicht gerade so aus, als seien Sie der Galerie schöner Männer entlaufen!", teilte sie ihm mit.

    „Das wäre ja auch grauenhaft!, behauptete er. „Hübsche Männer verursachen mir Sodbrennen.

    „Das muss ganz schön weh tun, wenn man so ‘ne endlose Speiseröhre hat wie Sie!", bemerkte sie spitz.

    „Sie finden meine Speiseröhre also zu lang. Und was gibt es sonst an mir auszusetzen?"

    „Sie haben ein Pferdegesicht!", behauptete sie.

    „Das ist fein!, stellte er strahlend fest. „Ich liebe Pferde. Und ich weiß zufällig, dass auch Sie ...

    Er ließ den Satz unvollendet verschweben und griff wieder in die Saiten.

    „Ich kündige!", drohte sie an.

    „Leere Versprechungen!, sagte er wegwerfend. „Was knuddeln Sie da eigentlich die ganze Zeit? Ich meinte immer, heutzutage stricken nur noch Großmütter von Hinterwäldlern. Zahlt sich das eigentlich aus?

    „Man kann es sehr preiswert fertig im Laden kaufen, wenn Sie das meinen."

    „Dann lassen Sie‘s doch bleiben und kaufen Sie‘s."

    „So kann nur ’n Mann reden. Es gewinnt seinen Wert eben gerade dadurch, dass ich es selber stricke!"

    „Warum sagen Sie nicht frei heraus, dass ich ein Banause bin?"

    „Sie sind ein Banause."

    „Mit ’nem Pferdegesicht und ner zu langen Speiseröhre. Immerhin bemerkenswert. Und was soll das nun wirklich werden, wenn’s fertig ist?"

    Sie hielt ihr Strickzeug hoch. Und es war ein fast fertiger Strampelanzug für ein Baby.

    Angesichts dessen verfärbte sich nunmehr Mr. Jack Braden.

    Denn es gab einen Gentleman namens Anthony Gilford, der dem Anderthalb-Mann-Betrieb in mancherlei Hinsicht nahe stand.

    Er war a) mit Jack Braden befreundet, b) New Yorks FBI-Agent Nummer eins und c) seit Jahr und Tag bis über beide Ohren in Miss Dawn „Sunny" Barris verliebt, was er niemals verleugnet hatte.

    Jedenfalls hatte Braden Mr. Gilford bis auf diese Stunde für einen Gentleman alter Schule gehalten. Der Strampelanzug sprach – nach Lage der Dinge – ganz entschieden dagegen.

    Braden war fassungslos. Schockiert. Fix und fertig.

    Aber nicht sehr lange.

    Denn er trug seinen Schädel nicht nur als Ausstellungsstück durch die Landschaft. Es war eine Menge Grütze darin, eine Menge Verstand.

    Und dieser Verstand sagte ihm bald, dass er ganz entschieden daneben getippt hatte.

    Sagte ihm aber auch, dass Sunny seine schwarzen Gedanken gelesen und auch mitbekommen hatte, dass er sekundenlang vor Eifersucht geschlagen gewesen war.

    Obwohl sie sehr unschuldig tat, als sie sagte, das Strampelhöschen sei für das Baby ihrer Kusine bestimmt, hatte sie alles das registriert.

    Mr. Braden fühlte sich ertappt. Er war wütend auf sich selber. Und überhaupt.

    Er rutschte vom Fensterbrett. „Machen wir Feierabend. Es ist sinnlos, noch länger zu warten."

    Das war morgens um vier. Und genau genommen war es schon von drei Uhr an sinnlos gewesen, weiterhin auf jeden Anruf zu warten.

    „Gute Nacht, Dawn!, sagte Braden. „Und: Danke!

    Er bewegte sich auf die Tür zu, als das Telefon läutete.

    „Nanu! – Doch noch?"

    Sunny hatte schon abgehoben.

    „Bradens Detective Agency."

    Braden war mit drei langen Schritten neben Dawn und nahm den zweiten Hörer. „ ... 311 Ost 42. Straße. Sie müssen sofort kommen! Sofort! Hören Siel Mein Name ist ..."

    Und dann der Schuss.

    Ein polterndes Geräusch, als ob der Hörer irgendwo aufschlüge.

    Und nun Stille.

    „Hello!, rief Sunny. „Hello! Was ...

    Braden hielt ihr den Mund zu.

    Er lauschte. Waren da Geräusche? Geräusche, die irgendwelche Schlüsse zuließen?

    Erst nach einiger Zeit versuchte er es seinerseits.

    „Hello! Melden Sie sich doch. Hello!"

    Aber es kam keine Antwort mehr.

    Braden legte den Hörer auf den Tisch.

    „311 Ost 42. Straße! In dem Haus dürfte es viele Anschlüsse geben. Setzen Sie sich auf der anderen Leitung mit dem Fernsprechamt in Verbindung! Man soll feststellen, mit welcher Nummer wir verbunden sind. Und wem diese Nummer gehört. Wahrscheinlich werden sie nicht mit der Sprache herauswollen. Postgeheimnis und so. Schlagen Sie sie breit, Sunny. Irgendwie."

    „Soll ich auch die Polizei ..."

    „Nein. Noch nicht. Mir kommt das reichlich theatralisch vor. So, als ob sie mich aus dem Haus locken wollten. (Hier dachte Braden an den anderen Fall.) „Wahrscheinlich ist das irgendein Trick, aber ich muss mich natürlich trotzdem drum kümmern. – Bye, Sunny!

    „Bye, Jack! Und passen Sie auf sich auf!"

    „Aber ja!"

    Während Dawn die zuständige Nummer des Fernsprechamtes wählte, kam Braden noch einmal zurück und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

    „Als Abbitte!, murmelte er. „Sie wissen schon, warum!

    Als die Tür hinter seiner langen Gestalt zugefallen war, berührte sie mit den Fingerspitzen die Stelle, die seine Lippen berührt hatten.

    10

    Es war nicht sehr weit. Und die Straßen waren noch leer. Mit seinem Porsche Carrera benötigte Braden nur wenige Minuten.

    Er leuchtete die Hausnummern mit dem Suchscheinwerfer an. Der betreffende Block bestand aus den für diese Gegend typischen, uniformen Reihenhäusern. Ziemlich alte Kästen im Viktorianischen Stil, Freitreppen vor den Haustüren.

    Nummer 311 lag genauso dunkel und still da wie die ganze Häuserzeile.

    Braden stieg auf die Bremse. Da blinkte das Signallämpchen des Bordtelefons.

    „Ja, Sunny?"

    „Der Anruf kam tatsächlich von 311 Ost 42. Straße. Der Teilnehmer heißt Temple. Lawrence Temple."

    „Okay. Danke!", sagte Braden – und stieg aus.

    Im Kellergeschoss war eine Gemüsehandlung untergebracht. Und in der sogenannten Beletage hatte ein Arzt seine Praxis, ein gewisser Dr. Wyer, wie aus dem Emailleschild hervorging.

    Braden stieg die Freitreppe empor und leuchtete die Klingeltafel an.

    Mr. Temple wohnte im ersten Stock.

    Braden läutete Sturm, aber es ereignete sich nichts.

    11

    Etwa hundertzwanzig Yard weiter oberhalb stand ein dunkler Chrysler in der Kette der abgestellten Fahrzeuge.

    Der Mann, der darin saß, sprach gedämpft in das Mikrophon: „Ich bin‘s noch mal. Joe. – Nein, ich bin noch nicht unterwegs. Wenn du mich fragst, dann ..."

    „Ich frage dich aber nicht!"

    „Wir müssen jetzt vor allem die Nerven behalten!, sagte Joe unbeirrt. „Ich bin noch in der 42., um zu beobachten, was sich tut. Es ist nur ein einzelner Mann gekommen, Boss! Nur ‘ne alleinstehende Figur. Temple hat also nicht die Polente angerufen! Der Kerl fährt ‘nen Porsche. So was haben die Cops nicht. Ich sehe ihn. Er steht treu und brav vor der Haustür und läutet. Ich hatte mir eingebildet, der Schuss würde das halbe Haus aus dem Bett treiben, aber der alte Kasten scheint ziemlich schalldicht gebaut zu sein. Es ist kein Aas aufgewacht. Wir haben noch ‘ne Chance, Boss! Ich schlage vor, ich nehme den Kerl über den Schnabel. Kitzle ihm ein bisschen die Rippen und mache mit ihm in seinem Flitzer ‘ne längere Spazierfahrt. Unterwegs hat er ‘nen Unfall, und ...

    „Nein!", entschied der Boss.

    „Vorläufig weiß nur er, dass Temple tot ist! Wir haben noch ‘ne Chance!"

    „Nein!, wiederholte der Boss. „Nein! Bin ich verstanden worden?

    „Okay! Okay! – Der Kerl sucht jetzt ‘nen Durchgang zu den Höfen. Gleich wird er ihn finden. Dann sieht er das Licht brennen. Dann braucht er nur noch auf die Idee zu kommen, sich auf die Feuerleiter zu schwingen, und es ist endgültig zu spät!"

    „Ich habe nein gesagt, und dabei bleibt‘s!"

    „Na gut! Du musst es wissen."

    12

    Alle zum Hof zeigenden Fenster der ersten Etage waren erleuchtet.

    Die Tür zur Feuerleiter war natürlich verschlossen, aber Braden hatte schon ganz andere Kletterpartien hinter sich gebracht. Er stand bald auf der ersten Plattform. Er sah den Toten. Und er kletterte umgehend abwärts.

    Als er wieder auf die Straße kam, war dort irgend etwas anders als vorher. Irgendwie hatte sich die Straße verändert, aber er kam nicht darauf, inwiefern.

    Erst als er den Porsche erreicht hatte, stieß es ihm auf: Vorher war die Kette der abgestellten Wagen geschlossen gewesen. Jetzt gab es eine Lücke.

    Braden öffnete den Schlag, stieg aber nicht ein.

    „Hello, Sunny. – Ja, da liegt ein Toter. – Verbinden Sie mich mit dem Hauptquartier!"

    „Police Headquarter."

    „Braden von der Braden-Detektei. Bitte das Morddezernat."

    „Sergeant Jarrow!"

    Jarrow war die rechte Hand Rudy Hornblowers, Und Lieutenant Hornblower war der Boss der Mordkommission VI. Braden war im Bilde.

    „Braden! Guten Morgen, Sergeant! Geben Sie mir den Lieutenant."

    „Ja, Jack? Wo brennt‘s denn?"

    „Morgen, Rudy! 311 East 42. Street, im ersten Stock liegt ein Mann. Erschossen. Mehr weiß ich selber noch nicht. Ich bin vor dem Haus. Beeilen Sie sich. Es ist immerhin möglich, dass er noch lebt und notwendig Hilfe braucht."

    „Okay!"

    Sie würden nur ein paar Minuten brauchen. Es war daher sinnlos, den Arzt in der Beletage herauszuläuten – wenn der überhaupt hier wohnte und nicht nur die Praxis im Haus hatte.

    Stattdessen pflanzte Braden seinen Daumen auf den obersten der Klingelknöpfe. Auf den Knopf neben dem Schildchen: Boom, Hauswart.

    Erst nach einer ganzen Weile ging oben Licht an. Und ein Fenster wurde aufgestoßen.

    „Was ist denn los, verdammich?"

    In der Ferne wurde ein jaulendes Martinshorn hörbar.

    „Polizei!, behauptete Braden der Einfachheit halber. „Ziehen Sie schnell was über und kommen Sie herunter!

    13

    Braden hatte etliche Freunde im Polizeihauptquartier. Und auch etliche Feinde.

    Rudy Hornblower zählte weder zu den einen noch zu den anderen. Er war überhaupt niemandes Freund oder Feind, dazu war er zu leidenschaftslos.

    Im Laufe von über dreißig Dienstjahren abgebrüht und kurz vor der Pensionierung stehend (manche seiner Kollegen wollten wissen, dass er schon die Tage zähle), hatte er sich ein dickes Fell zugelegt.

    „Wie‘s kommt, so kommt‘s eben!"

    Er war sicher kein Genie. Aber ganz gewiss auch kein Dummkopf.

    Von Braden hielt er weder viel noch wenig. Er nahm ihn hin wie ein Naturereignis.

    Er fuhr den großen Dodge selber. Sergeant Jarrow saß neben ihm. Als er in die 42. Straße einbog, stellte er das Martinshorn ab.

    Hinter dem Dodge kam der Kombi der Spurensicherung, der ein kleines Laboratorium mitführte.

    Dann der Ambulanzwagen mit dem Arzt und zwei Sanitätern.

    Und schließlich zwei Wagen mit je vier uniformierten Cops.

    Eben das übliche.

    „Morgen, Jack! sagte Hornblower und langte pro forma an die Krempe seines Filzhutes. „Wer ist das?

    „Der Hauswart!, erklärte Braden. „Ich habe ihn aus dem Bett geklingelt. Er hat Schlüssel zu der Wohnung.

    „Na, dann wollen wir mal!, sagte Hornblower gelassen. „Gibt‘s keinen Fahrstuhl? – Nein? Auch das noch!

    „Es ist im ersten Stock!", sagte Braden.

    „Wie rücksichtsvoll!", brummelte Hornblower.

    Der Hauswart schob einen Schlüssel ein.

    „Fassen Sie den Türknopf nicht an!", warnte Hornblower vorsorglich.

    Der Hauswart schloss zweimal um – und trat dann zurück.

    Hornblower fasste den Türknopf mit zwei Fingern ganz hinten am Schaft an.

    „Verriegelt!", stellte er fest.

    „Man kann über die Feuerleiter", sagte der Hauswart.

    Hornblower drehte sich zu Jarrow um.

    „Sehen Sie zu, dass Sie durch ein Fenster einsteigen. Natürlich nicht über die Feuerleiter."

    Überflüssig zu sagen, dass der Mörder – wenn es einen gab – über die Feuerleiter entkommen sein musste.

    „Tunlichst leise, Max!, gab Hornblower Jarrow mit auf den Weg. „Die Neugierigen kriegen wir noch früh genug auf den Hals.

    Der Sergeant zog Leine. Nach knapp zwei Minuten öffnete er die Tür von drinnen.

    „Nebenan!", sagte er.

    „Doktor!"

    Das Team war eingespielt. Da gab es nicht viel zu reden.

    Der Arzt durchquerte das kleine Zimmer und verschwand hinter der halb geöffneten Tür, die der Sergeant bezeichnet hatte.

    Er kam schon nach sehr kurzer Zeit zurück.

    „Nichts mehr zu machen. Tot."

    Hornblower zuckte die Schultern. Und nun ging er vorwärts.

    Er allein.

    Die Verbindungstür führte von dem kleinen Wohnzimmer in ein sehr viel größeres Wohnzimmer. Der Tote lag bäuchlings auf dem Teppich neben dem Schreibtisch, das Gesicht zur rechten Seite gedreht. Rechts neben dem Körper lag eine 7.65er Luger Automatic. Der Einschuss befand sich im Nacken, etwas rechts neben dem Nackenwirbel. Und neben dem Teppich, in Reichweite der rechten Hand des Toten, war mit Blut auf den Fußboden geschrieben: SELBSTMO ...

    Hinter dem O war noch ein blutiger Wischer zu sehen.

    Hornblower nahm das Bild mit den Augen auf. Zehn, zwölf Sekunden lang. Er rührte nichts an.

    Dann machte er kehrt.

    Er winkte den Hausmeister an die Verbindungstür.

    „Wer ist das?"

    „Mr. Temple", antwortete der Mann. Er sah ziemlich käsig aus.

    „Danke. Gehen Sie jetzt in Ihre Wohnung. Ich werde später noch die eine oder die andere Frage an Sie stellen müssen, bis dahin wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie es nicht breittreten würden. Weder telefonisch noch sonst wie."

    „Ja, Sir! Sicher, Sir!"

    Hornblower gab ihm einen beruhigenden Klaps auf die Schulter.

    „Na, Braden, sagte er trocken, „dann erzählen Sie mal!

    14

    Die polizeilichen Ermittlungen im Todesfall Lawrence Temple nahmen knapp zwei Tage in Anspruch.

    Stadtrichter Gordon, der als Coroner fungierte, setzte die Vorverhandlung für Donnerstag, zehn Uhr morgens, an.

    Die Zeugen waren:

    Detective-Lieutenant Rudy Hornblower.

    Privatdetektiv Jack Braden.

    Dessen Sekretärin, Miss Dawn Barris.

    Der Polizeiarzt Dr. Sutter.

    Richard Boom, Hauswart.

    Und Mr. und Mrs. Edward Sallinger, Mieter im Haus 311 Ost 42. Straße.

    Mrs. Clara Ginger, Putzfrau.

    Der Hauswart und die Putzfrau wurden nur über die Person des Verstorbenen befragt. Sie erklärten übereinstimmend, dass Mr. Temple ein ruhiger und unauffälliger Mann gewesen sei, der seit etwa achtzehn Monaten in geordneten Verhältnissen in der Wohnung gelebt hatte.

    Er sei – nach seinen eigenen Worten – stiller Teilhaber an einer Firma gewesen, die er nie näher bezeichnet habe. Ihres Wissens nach habe er nicht gearbeitet. Besuch sei so gut wie nie gekommen. Nur selten einmal habe er sehr eindeutige Frauen mitgebracht und über Nacht dabehalten. Er sei aber oft ausgegangen. Nein, Selbstmordabsichten habe er niemals geäußert, habe aber manchmal einen deprimierten, ja, schwermütigen Eindruck gemacht.

    Miss Dawn Barris konnte nur jenes merkwürdige Telefonat bezeugen, sonst nichts, was zur Sache gehört hätte.

    Braden bestätigte ihre Aussage. Dann: „Es ist mir bekannt, dass Lieutenant Hornblower Selbstmord annimmt. Ich möchte darauf hinweisen, dass es außerordentlich unwahrscheinlich ist, dass ein Selbstmörder sich in den Nacken schießt. Ich möchte weiter darauf hinweisen, dass der Riegel des Fensters, das zur Feuerleiter führt, sehr locker verschraubt ist. Wenn man dieses Fenster, hart anzieht, rastet es von selber ein."

    „Sie wollen damit sagen, dass ein eventueller Mörder durch dieses Fenster hätte entkommen können, obwohl die Tür und alle Fenster von innen verriegelt waren?"

    „Jawohl, Euer Ehren."

    „Ich nehme es zur Kenntnis. Ich danke Ihnen, Mr. Braden – Mr. Hornblower, Sind Sie in diesem Punkt Mr. Bradens Ansicht?"

    „Ja und nein, Euer Ehren. Ja, weil der Riegel tatsächlich von selber einrasten konnte. Nein, weil wir auf der Feuertreppe keinerlei Spuren sichern konnten."

    „Auch nicht die, die Mr. Braden verursachte, als er die Feuertreppe bestieg?"

    „Nein. Auch die nicht. Ich weiß allerdings von Mr. Braden, dass er, da die Tür zur Feuertreppe abgeschlossen war, außen emporkletterte."

    „Also hätte ein eventueller Mörder doch auch außen hinabsteigen können."

    „Jawohl, Sir. Diese Möglichkeit besteht – theoretisch."

    „Warum machen Sie diese Einschränkung?"

    „Aus vielen Gründen. Nach meinen sorgfältig durchgeführten Ermittlungen hatte der Verstorbene seine Wohnung seit sechzig Stunden nicht mehr verlassen. Ich habe alle Hausbewohner befragt, niemand hat bemerkt, dass er während dieser Zeit Besuch gehabt hätte. In der Wohnung wurden nur die Prints von ihm selber und Mrs. Ginger gefunden. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass – außer diesen beiden – irgend jemand in der Wohnung war. Darf ich die Vermutungen äußern, die ich aus diesen Tatsachen ziehe?"

    „Gewiss."

    „Nun, ich habe eine lange Praxis im Polizeidienst hinter mir. Ich weiß daher, dass Selbstmörder im landläufigen Sinne nicht völlig normal sind. Hysterie oder irgendwelche Neurosen spielen da fast immer mit. Es gibt einen bestimmten Typ, der es geradezu darauf anlegt, so dramatisch wie irgend möglich abzutreten. Und mir scheint, dass der Verstorbene zu diesem Typ gehörte. Nach meiner Meinung rief er die Braden-Detektei an, um sich – wenn Sie diesen makabren Ausdruck verzeihen wollen – mit einem Theatereffekt von dieser Welt zu verabschieden. Er wollte, noch im Tode, sozusagen eine Pointe landen. Es gibt diesen Typ, Euer Ehren!"

    „Fahren Sie fort, Mr. Hornblower."

    „Er rief die Braden-Detektei an, und er nannte seine Adresse. Nicht aber seinen Namen. Er drückte in dem Augenblick ab, als er den Namen hätte nennen müssen. Schon das scheint mir einen Mord auszuschließen, die bloße Tatsache, dass der – angenommene – Mörder ausgerechnet in der dramatisch wirkungsvollsten Sekunde erschienen sein soll. Ich bin ein nüchterner Mensch, Sir. Für mich ist das zu viel Zufallsregie. Mr. Temple schoss sich nach meiner Überzeugung ganz bewusst in den Nacken. Das gehörte einfach zur Show. Wobei hinzugekommen sein mag, dass der sogenannte Genickschuss als Hinrichtungsmethode seit mindestens vierzig Jahren ziemlich bekannt geworden ist. Angeblich ist diese Methode schnell, sicher und schmerzlos. Nun ist es aber gar nicht so einfach, sich selber in den Nacken zu schießen. Mein Arm ist jedenfalls zu kurz dazu. Und auch Temples Arm war zu kurz. Beweis: Er hat den Schuss überlebt. Ich möchte Dr. Sutter nicht vorgreifen, aber Temple hat den Schuss überlebt. Er kam noch einmal zu sich, und nun, sterbend, mag er den Theatereffekt unwürdig gefunden haben. Er wünschte nun, dass sein Tod als Selbstmord erkannt wurde. Und er versuchte, mit seinem Blut das Wort Selbstmord auf die Dielen zu schreiben, was ihm nicht mehr ganz gelang. Jedenfalls sind die Buchstaben SELBSTMO von ihm geschrieben worden, mit seinem Zeigefinger. Daran gibt es keinerlei Zweifel. Ganz abgesehen davon, dass sein Zeigefinger in Blut getaucht war, und dass am Endpunkt des letzten Wischers – ehe ihn die Kraft endgültig verließ – ein deutlicher Fingerabdruck seines rechten Zeigefingers zu sehen war; ganz abgesehen davon also ist es die Handschrift Temples. Es sind die gleichen stilisierten Blockbuchstaben, die wir in anderen Schriftstücken von seiner Hand gefunden haben."

    Als nächster wurde Dr. Sutter befragt.

    „Der Schusskanal verlief von rechts oben nach links unten. Das Geschoss ging knapp links am Rückenmark vorbei und trat knapp oberhalb des linken Schlüsselbeins aus, es kann sofort, muss aber nicht sofort tödlich gewesen sein. Mord ist nicht auszuschließen, aber Selbstmord erscheint mir wahrscheinlicher."

    „Warum?"

    „Die Tatwaffe liegt vor Ihnen, Euer Ehren! Bitte, setzen Sie sie so an, als ob Sie sich selber in den Nacken

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