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Time to Help myself: Ein mühsamer Weg voller Rückfälle

Time to Help myself: Ein mühsamer Weg voller Rückfälle

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Time to Help myself: Ein mühsamer Weg voller Rückfälle

Länge:
485 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Apr. 2022
ISBN:
9783756299638
Format:
Buch

Beschreibung

Nachdem Lia ihre Essstörung überwunden hat, sollte alles perfekt sein. Über zwei Jahre hat sie gekämpft und die Welt gehasst. Nun könnte sie das Leben endlich genießen, wäre da nicht ihre beste Freundin Emily, die sie nach ihrer Krise kennengelernt hat. Emily verändert sich mit jedem Tag und wird zu einer Partymaus. Doch Lia will nicht zusehen, wie ihre beste Freundin sich von ihrem feiersüchtigen Freund Sam beeinflussen lässt. Lia muss Emily vor dem Teufelskreis der Alkoholsucht bewahren, aber dadurch droht ihre Freundschaft zu zerbrechen. Lias Leben steht plötzlich wieder Kopf und sie droht, rückfällig zu werden. Sie beginnt, an sich selbst zu verzweifeln - ihr einziger Ausweg ist die Selbstverletzung. Ihre Depression und Emilys Verhalten zehren an ihren Kräften und dann ist da noch die Liebe, die das Chaos perfekt macht. Plötzlich steht Lias Leben im Mittelpunkt und sie kämpft um Leben und Tod.
Eine Geschichte über psychische Erkrankungen, Freundschaft und Liebe, aber auch die schönen Seiten des Lebens.
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Apr. 2022
ISBN:
9783756299638
Format:
Buch

Über den Autor

Lea-Sophie Schwarzat, Jahrgang 2001, lebt mit ihren drei Katern im Norden Deutschlands in einer Kleinstadt, etwa 30km von Hamburg entfernt. Obwohl Schwarzat bereits im Alter von 13 Jahren erste FanFiktions und Kurzgeschichten aufs Papier brachte, entschied sie sich erst 2020 zum Schreiben eigener Romane. Mitte 2020 begann sie mit dem Schreiben ihrer Young-Adult-Reihe mit dem Schwerpunkt Erwachsenwerden mit psychischen Erkrankungen - als realistische Fiktion. Eine Geschichte, die eine Jugendliche mit einer gebrochenen Seele durch den Alltag begleitet - vor allem aber auf dem Weg aus einer Lebenskrise. Diese Romanreihe trägt Teil zur Entstigmatisierung dieser Tabuthematik bei und zeichnet sich durch Ehrlichkeit aus. Erfahrungen sammelte die Autorin bei Betroffenen und durch das Hineinversetzen sowie weiträumige Internetrecherchen und Ausfragen einzelner Lehrkräfte. Getreu dem Motto: Jede Seele und Psyche funktioniert anders.


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Buchvorschau

Time to Help myself - Lea-Sophie Schwarzat

Kapitel 1

»Lia, kommst du? Wir müssen wirklich los«, rief Sabine durch die kleine Dreizimmerwohnung.

Lia hatte wieder verschlafen und war nur mühsam aus dem Bett gekommen. Ihr Kopf schmerzte und sie fühlte sich ausgelaugt.

»Ich komme ja schon«, erwiderte Lia und verdrehte genervt die Augen, als sie in der Tür zu ihrem Zimmer auftauchte.

Seit rund zwei Jahren lebte sie bei Sabine und doch war ihre Beziehung noch immer eine ganz besondere. Sie hatte sich auch in den letzten vierundzwanzig Monaten nicht verändert und beide waren sich so vertraut, dass sie sich oft ohne Worte verstanden. Trotzdem wusste Lia, dass der Weg bis dahin nicht leicht gewesen war. Nicht selten hatte sie Sabine angelogen und ihre wahren Gedanken und Gefühle versteckt.

Obwohl Lia mittlerweile fast sechszehn war, verband sie zu ihrer Adoptivmutter noch immer etwas ganz Besonderes. Sie musste Sabine nur ansehen, wenn es ihr nicht gut ging, und diese half ihr. Genauso war es mit ihrer Therapie gewesen. Jedes Mal, wenn es Lia danach schlecht gegangen war, hatte Sabine sie aufgebaut.

Mittlerweile hatte sie diese schwere Zeit erfolgreich überwunden und hielt sich viele der Methoden bereit, die sie in der Therapie erlernt hatte. Immer häufiger waren ihre Lippen von einem Lächeln gezeichnet, das sie durch den ganzen Tag begleitete. Trotzdem spürte Lia, dass ihre Adoptivmutter seit ein paar Tagen verstärkt auf ihr Verhalten achtete.

An manch einem Morgen stand Sabine in ihrem Zimmer und wartete darauf, dass Lia nach dem Aufwachen wirklich das Bett verließ. Jeder spürte die tristere Stimmung. Dunkle Wolken zogen durch den Raum und Lias Vergangenheit wirkte so nahe wie schon lange nicht mehr.

Morgens kam sie schwerer aus dem Bett, worüber Sabine sich den Kopf zerbrach. Unter ihren Augen zeichneten sich tiefe Ringe ab und oft wirkte das Mädchen schläfrig.

Manchmal überlegte Sabine, ob sich eine neue depressive Phase ankündigte, aber ansonsten fand sie keine weiteren Anzeichen, die darauf hindeuteten. Lia aß normal und ging häufig gut gelaunt durch den Tag. Mit der Zeit, die sie zusammen durchlebt hatten, war Sabine entspannter geworden und suchte nicht mehr in jedem schlechten Tag einen Rückfall. Trotzdem gab es hin und wieder Momente, in denen sie in Lias Augen keine Freude erkannte.

Sabine wusste, dass Lia aus ihrer Krise viel Positives mitgenommen hatte. Aber dennoch hatte sie an manch einem Tag mit ihrem früheren, krankhaften Verhalten zu kämpfen. Diese Erfahrungen dieser schweren Zeit waren etwas, das sie ihr Leben lang im Kopf begleiten würde.

Wie sehr Sabine damit Recht behalten sollte, ahnte niemand.

Auch an diesem Morgen hatte Lia sich viel Zeit gelassen und trödelte, wenn es darum ging, sich fertig zu machen und zu frühstücken. Sabine konnte das ungewohnte, zurückhaltende Verhalten von ihr nicht einschätzen, wollte sie aber auch nicht überfallen.

Sabine erinnerte sich oft an ihre gemeinsame Anfangszeit. Häufig hatte sie Lia zum Reden zwingen müssen und es war ihrer Adoptivtochter nur schwergefallen, ihr gegenüberzustehen.

Beim ersten Schnitt, den sie vielleicht hätte verhindern können, hatte Sabine sich Vorwürfe gemacht. Sie hatte nicht mitbekommen, dass Lia erneut zur Klinge gegriffen hatte. Eine Situation, an die sie auch heute noch sehr oft dachte.

Es war für beide nie leicht gewesen, wenn es immer wieder zu neuen Verletzungen gekommen war. Aber mit der Zeit war Lia besser damit zurechtgekommen, dass es Sabine in ihrem Leben gab. Auch heute erinnerte sie sich oft daran, wie ruhig ihre Adoptivmutter ihr in solchen Situationen gegenüberstand.

Schon nach wenigen Wochen hatte Lia immer offener mit ihr sprechen können. Sie war selbst bei kleinen Problemen auf Sabine zugegangen, um mit ihr zu reden.

Während der gesamten Autofahrt schaute Lia nachdenklich aus dem Fenster. Die Häuser der Stadt zogen an ihr vorbei und sie wartete darauf, dass sie endlich auf die Autobahn fahren würden. Sie wollte das triste Grau des Asphaltes beobachten. An jedem Tag konnte sie sich darin verlieren und ihren Gedanken nachhängen. Auf der Autobahn gab es nichts anderes, das sie ablenken konnte.

So auch an diesem Morgen, aber es war seit langer Zeit ein Tag, an dem sie ihre Gedankenwelt nicht einschätzen konnte. Sie fühlte sich von allen Eindrücken überfordert, was sie schnell an ihre Emotionsgrenze brachte. Wie aus dem Nichts war ihr zum Weinen zumute oder sie wollte eine Scheibe einschlagen. Lia wusste nicht einmal genau, warum sie sich plötzlich so schlecht fühlte. In den letzten Tagen hatte sie immer mal wieder bemerkt, wie sehr der Alltag an ihren Kräften zehrte, und wie schnell sie müde wurde.

Ihr Blick fokussierte das Glas, das sich vor ihr erhob, und sie stellte sich bildlich vor, wie sie ihre gesamte Wut gegen diese Scheibe wenden würde. All die Scherben, die dabei um sie herumliegen würden, beruhigten sie und für einen Moment überlegte sie, eine aufzuheben, um sie immer bei sich zu haben.

Mit der Zeit hatte Lia Symptome festmachen können. Sie merkte, wenn ihre Stimmung kippte und sie sich antriebslos fühlte. Manchmal war es wie ein großes schwarzes Loch, das sich vor ihr erhob und ihr den Boden unter den Füßen wegriss. Mittlerweile kannte sie aus ihrer ersten tiefen Krise vor zwei Jahren Momente, die solch eine Phase triggerten. Trotzdem war sie der festen Überzeugung, dass es dieses Mal anders war. Sie redete sich ein, dass es einfach nur ein schlechter Tag war.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Lia die vorbeifahrenden Autos. An diesem Tag gab es nichts, auf das sie sich freute. Es war der letzte Schultag, bevor sie mit ihrer Klasse eine Woche auf Klassenfahrt fahren würde. Es war die erste Ausfahrt mit ihren neuen Mitschülern und ein seltsamer Gedanke.

Normalerweise hatte sie sich immer auf diese Ausflüge gefreut, aber dieses Mal war alles anders. Ein unwohles Gefühl durchfuhr ihren Körper, wenn sie an die Klassenfahrt dachte, und sie hatte den Eindruck, keinen Bissen mehr herunterzubekommen. Ihr wurde heiß und kalt zugleich und alle Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Für einen Moment überlegte sie, endlich mit Sabine darüber zu sprechen. Doch sie wusste nicht, wie sie sich erklären sollte.

Im letzten Jahr hatte Lia sich einen guten Rhythmus angewöhnt, mit dem sie durch den Tag kam und dabei genügend Mahlzeiten zu sich nahm, ohne nach einem strikten Plan zu essen. Damals hatte sie immer wieder neue Nahrungspläne mit ihrer Therapeutin Frau Becker entwickelt. Und obwohl ihr Essverhalten mit jeder Woche besser geworden war, waren diese Pläne noch Monate über die Therapie hinaus an ihrer Seite gewesen.

In den letzten Monaten machte sie sich eigentlich keine Gedanken mehr um ihr Essverhalten, aber die bevorstehende Klassenfahrt ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie war überzeugt, dass es keine geregelten Tagesabläufe geben würde, die ihrem eigenen ähneln würden. Auch heute erinnerte Lia sich manchmal noch daran, dass sie gemeinsam mit Sabine wochenlang an einem Tagesrhythmus gearbeitet hatte, damit sie sich nicht gehen ließ und in den Tag lebte.

Ihre Klassenlehrerin Frau Hofer wusste zwar von ihrer Vergangenheit und war in ihre psychischen Erkrankungen eingeweiht, doch Lia wollte dies nicht wieder thematisieren. Diese Frau sollte nicht noch mehr Details aus ihrem Privatleben kennen. Mit jedem weiteren würde es ihr schwerer fallen, sich ganz normal zu verhalten und ihr Leben zu genießen. Es war ihr unangenehm, wenn andere von ihren Erkrankungen wussten und Phasen miterlebten. In solchen Momenten wollte sie einfach allein sein.

Vielmehr machte sie sich Sorgen um ihre beste Freundin Emily. Unweigerlich tauchte in ihr die Frage auf, ob Hannah und Paula sich damals genauso gefühlt hatten. Eine Träne rann aus ihrem Auge und sie musste schmerzlich daran denken, wie die beiden sie abgewiesen hatten, nachdem sie ihnen die Wahrheit erzählt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben machte Lia sich ernsthafte Sorgen um die Gesundheit eines Menschen, der ihr etwas bedeutete.

»Lia, was ist los mit dir?«, unterbrach Sabine ihre Gedankengänge.

»Nichts, aber muss ich nächste Woche wirklich mit an die Ostsee? Ich möchte nicht auf Klassenfahrt fahren«, fing Lia lustlos mit dem Thema an und wandte ihren Blick nicht vom Fenster ab.

Sie hatte bereits einige Male mit Sabine darüber gesprochen, dass sie nicht mit auf Klassenfahrt wollte. Mit jedem Tag, mit dem sie der Anreise näherkam, schlug ihr Herz unkontrolliert schneller. Nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch Emilys Verhalten trug dazu bei.

»Warum möchtest du nicht mehr mit? Du hast dich anfangs so gefreut«, hakte Sabine nach und Lia spürte ihren Blick für wenige Sekunden auf sich ruhen.

Lia wollte ihr in die Augen sehen und von ihren wahren Ängsten erzählen, aber kein Wort glitt über ihre Lippen. Sie waren wie zugeklebt.

»Lia, ich frage dich das jetzt ganz direkt: Ist etwas vorgefallen? Hast du wieder Schwierigkeiten mit deinen Mitschülern oder dir?«

Ihre Stimme wirkte weich, aber zugleich konnte Lia ihr ein Zittern entnehmen. Obwohl Sabine nur das Beste für sie wollte, griff sie die Worte ein wenig vorwurfsvoll auf.

»Nein, ich möchte einfach nicht mit«, erwiderte Lia schulterzuckend und musterte Sabines Gesichtsausdruck ganz genau.

Sie wusste nicht, warum sie so abgeneigt war, doch sie hatte immer weniger Lust auf die nächste Woche. Mit ihren neuen Mitschülern kam sie zurecht, man hatte sie liebevoll aufgenommen, aber fünf Tage mit ihnen zu verbringen, löste ein Schaudern in ihr aus. Ihre Geschichte sollte ihre eigene bleiben, doch Lia hatte Angst, dass irgendetwas auf der Klassenfahrt schieflaufen würde. Ihre Narben oder auch ihr schwieriges Verhältnis zum Essen durften niemandem auffallen. Ihre Angst war so groß, dass sie Furcht hatte, mitzufahren.

Sabine wusste nicht, was sie auf diese Worte erwidern sollte. Es war nicht das erste Mal, dass sie in der letzten Zeit einen kritischen Blick auf Lia geworfen hatte. Aber bisher war so eine Situation noch nicht in dieser Art vorgekommen.

In den letzten Monaten hatte Lia ihr immer wieder den Eindruck vermittelt, dass sie sich auf die Klassenfahrt freute, aber mit einem Mal war alles anders. Lia wollte partout nicht mehr mit und Sabine hatte das Gefühl, dass sie ihr nicht den wahren Grund nannte.

In Wahrheit war es nicht nur ihr Essverhalten, das sie in eine unangenehme Situation bringen könnte. Auch ihre beste Freundin trug zu ihrer Angst bei. Emily verhielt sich immer geheimnisvoller und Lia hatte Mühe, sich damit anzufreunden. Sie kannte ein Geheimnis, von dem sonst niemand wusste. Auch wenn sie das nicht wollte, konnte sie nicht anders, als die ganze Zeit daran zu denken. Am liebsten würde sie es aussprechen und ihr eigenes Unwohlsein damit beenden, aber sie konnte ihre Freundin unmöglich verraten.

»Wir reden heute Abend nochmal in aller Ruhe darüber, aber mir wäre es wirklich lieb, wenn du mitfährst. Du bist in deiner neuen Klasse aufgegangen und zu einem fröhlichen Mädchen geworden. Ich würde es schade finden, dass du dir die Klassenfahrt entgehen lässt. Weißt du Lia, diese Reisen waren in meiner Schulzeit für mich das Schönste überhaupt.«

Sabine sprach mit ruhiger Stimme, doch als sie über ihre eigenen Gefühle bei den Klassenfahrten redete, geriet sie für einen kurzen Moment ins Schwärmen. Ihr wurde warm ums Herz und sie erzählte Lia von einem Abend, an dem sie zu lange mit ihren Klassenkameraden weggewesen war. Ihre Lehrerin hatte damals nach einer Standpauke ein Auge zugedrückt. Es war ein Moment, den Sabine niemals vergessen würde.

Als sie auf den Parkplatz steuerte, an dem sie Lia immer raus ließ, hielt sie das Auto an und drehte sich zu ihrer Adoptivtochter. Sie wollte Lia mit allen Mitteln überzeugen, dass ihr diese Klassenfahrt eine Menge Spaß bereiten würde und sie sich nicht fürchten brauchte. Mittlerweile war sie zu einem selbstbewussten, starken Mädchen geworden, dem man von außen nicht mehr ansah, dass sie mal kurz vor dem Ende ihres Lebens gestanden hatte und beinahe aufgegeben hätte.

Sie wagte sich an neue, unbekannte Sachen heran, auch wenn sie ihnen zu Beginn meist Angst entgegenbrachte. Genauso hatte sie sich getraut, vor der gesamten Klasse einen Vortrag zu halten, obwohl ihr vor diesem Augenblick speiübel gewesen war. Sie war am Ende mit Stolz über sich hinausgewachsen.

Aber genau diese Zeit hatte Lia so sehr geprägt, dass es ihr nun schwerfiel, jemandem gegenüberzustehen, der ebenfalls mit Problemen zu kämpfen hatte. Bei Emily war es etwas ganz anderes und trotzdem beschäftigte es Lia mehr, als ihr guttat.

Lia hatte Angst, dass sie Emily auf der Klassenfahrt noch weiter verlieren würde. Sie wollte nicht, dass Emilys Geheimnis auf dieser Ausfahrt auffallen würde und sie am Ende mitschuldig war. Alles würde auf sie zurückfallen. Alle würden fragen, warum sie nicht eher gehandelt hatte - so wie immer. Sie wollte nur helfen, scheute sich aber davor, irgendjemandem etwas zu sagen. Ihre Angst war größer.

»Ich möchte aber wirklich nicht mit«, setzte Lia erneut an, doch Sabine ließ das Thema ruhen.

»Wir sprechen heute Abend darüber. Jetzt haben wir beide erst mal Unterricht. Zerbrich dir nicht den ganzen Tag den Kopf, wir finden eine Lösung, mit der es dir besser gehen wird.«

Sabine wusste nicht, wie sie mit Lias Ängsten umgehen sollte. Sie nahm sich vor, mit ihrer Klassenlehrerin zu sprechen, während Lia im Unterricht saß. Sie hoffte, durch ihre Kollegin Tatjana ein paar Informationen zu bekommen. Vielleicht hatte sie eine Idee, was mit ihrer Adoptivtochter war, oder hatte mitbekommen, ob in der Klasse etwas vorgefallen war.

Sabine wusste, dass sie Lia mittlerweile so nahestand, dass sie nicht mehr jedes kleinste Detail mitbekam, was auf ein Problem hindeuten könnte. Lias Klassenlehrerin kannte ihre Schwierigkeiten, aber sie hatten nie ausführlich darüber gesprochen.

Seit Lia nicht mehr in ihrem eigenen Unterricht saß, hatte sie innerhalb der Schule weniger mit ihrer Tochter zu tun, was Lia recht war und Sabine akzeptierte.

Die Beratungsgespräche, die sie früher in der Schule geführt hatten, gab es auf diese Art und Weise nicht mehr. Alles war viel persönlicher geworden. Sie saßen oft zu Hause am Tisch und unterhielten sich. Auch hier sprach Lia Probleme an, falls sie welche hatte. Aber es war nicht mehr so wie damals. Lia konnte nicht auf Sabine zu gehen, wenn es sich in ihren Augen um eine banale Sache handelte.

Vieles machte sie auch heute noch mit sich selbst aus und ließ Sabine denken, es sei alles gut, was ihr manchmal zum Verhängnis wurde und ihr Leben nochmal komplett verändern sollte.

»Wir sehen uns nachher wieder«, verabschiedete Sabine sich und fuhr auf den Lehrerparkplatz.

Sie hatten diese Routine weitergeführt, die sie mit ihrem ersten privaten Tag begonnen hatten. Sabine ließ Lia auf einem Parkplatz am Straßenrand raus und sie lief die letzten Meter zur Schule. Denn, auch wenn die Lehrer mittlerweile alle über die Adoption informiert waren, wussten ihre Mitschüler nichts. Vor ihren Klassenkameraden wollte Lia das weiterhin verstecken. Niemand sollte wissen, dass Sabine sie aufgenommen und adoptiert hatte.

»Lia, da bist du ja endlich. Warum kommst du bloß immer so spät? So haben wir morgens überhaupt keine Zeit mehr zum Quatschen. Dabei habe ich doch so tolle Neuigkeiten für dich«, begrüßte Emily sie und verhaspelte sich, während sie sprach.

Lia blieb abrupt vor dem Haupteingang stehen und drehte sich um. Emily hatte wieder einmal vor dem Eingang auf sie gewartet. Sie konnte ein Strahlen in ihren Augen erkennen und wusste sofort, dass ihre beste Freundin am gestrigen Abend nicht zu Hause gewesen und stattdessen betrunken war. Ihr Verhalten war immer geheimnisvoller und Lia hatte große Mühe, sich mit der neuen Emily anzufreunden. Es war ein Geheimnis, das sie nicht verraten durfte, auch wenn es ihr dadurch wieder besser gehen würde.

»Wir können in der großen Pause reden. Ich möchte jetzt erst mal in den Unterricht«, erwiderte Lia mit kühler Stimme und wandte ihren Blick ab, während sie ins Schulgebäude ging.

Für einen Moment dachte Lia, Emily würde sie nur noch benutzen und mit ihr reden, weil sie ihr Geheimnis kannte. Doch sie schob diesen Gedanken wieder zur Seite, denn ohne Emily hatte sie niemanden mehr. Sie war immer etwas Besonderes für sie gewesen. Sie war die Einzige, die sie direkt in der neuen Klasse vor zwei Jahren angesprochen hatte. Zusammen waren die beiden nach wenigen Wochen zu einem unschlagbaren Team geworden, das Lia genau in diesem Moment vermisste. Sie dachte betrübt daran und schluckte ihre Tränen herunter. Ihre Freundschaft hatte sich mit einem einschneidenden Ereignis verändert. Ihre beste Freundin hatte einen Jungen kennengelernt.

Emily bemerkte Lias Sorgen gar nicht und nahm ihre Worte kaum wahr, aber Lia spürte diese Veränderung jeden Tag aufs Neue – es war wie ein Stich ins Herz. Immer wieder begrüßte ihre beste Freundin sie überschwänglich und Lia wusste sofort, was am Vorabend geschehen war.

Es hatte begonnen, als Emily ihren Freund Sam kennengelernt hatte. Von einem auf den anderen Tag hatte es nur noch ihn gegeben und es fiel Lia schwer, den richtigen Weg einzuschlagen, denn es war kein Junge aus dem Jahrgang. Sam war mit seinen zwanzig Jahren mehr als drei Jahre älter als Emily. Die beiden waren aufeinandergetroffen, als die Mädchen spazieren waren. Wie aus dem Nichts hatte ihre beste Freundin sich zu ihm hingezogen gefühlt und ihn einfach angesprochen. Vor allem aber hatte er nur zwei Dinge im Kopf – Alkohol und Partys.

Lia glaubte mit jedem Tag mehr, dass sie Emily an ihn verlieren würde. Sie kannte das Geheimnis und wusste, was er mit ihrer besten Freundin machte – sie befürchtete bereits Emilys Abhängigkeit von Sam. Aber genauso groß war ihre Angst, sich jemandem anzuvertrauen. Mit diesem Schritt würde sie Emily komplett verlieren und ihr eigener Teufelskreis von vorne beginnen. Emily vertraute Sam mehr als ihr – ihrer langjährigen Freundin.

Wie aus dem Nichts hatte sie das Gefühl, dass alle Augenpaare auf sie gerichtet waren und jeder sie ganz genau musterte. Ein kalter Schauer durchfuhr ihren Körper und sie versuchte, sich abzulenken, indem sie ihre Sachen aus ihrem Rucksack zusammensuchte.

Wieder bildete sie sich ein, dass die anderen ihre Narben und ihre Vergangenheit erkennen würden. Dabei wusste niemand aus der Klasse, was in ihrem Leben passiert war, nicht einmal Emily. Sie kannte Lias Erfahrungen nur in kleinen Teilen, aber trotzdem hatte sie immer zu ihr gehalten.

Ihrer besten Freundin war es egal gewesen, ob Lia ihr alles erzählte oder nicht. So hatte Lia ihr auch keine Details genannt. Emily wusste nicht, dass sie essgestört war, geschweige denn, dass sie sich selbst verletzt hatte.

Der Unterricht begann und Lia musste unweigerlich an die Zeit vor zwei Jahren zurückdenken. Die Blicke der anderen und ihre Gedanken an die schweren Momente ließen sie zurückschweifen. Einige Erfahrungen aus ihrer Krise begleiteten sie noch heute, aber sie hatte gelernt, damit umzugehen.

Oft musste sie an die Worte von Frau Becker, ihrer Therapeutin, denken. Sie hatte ihr in vielen Situationen bewusst gemacht, dass die anderen nicht sie anstarrten und sie sich schämen musste. Zusammen hatten sie unzählige intensive Gespräche geführt und an Lias negativen Einstellungen gearbeitet. Mit der Zeit hatte sie dabei gelernt, dass nicht sie, sondern ihr geringes Selbstvertrauen das Problem war.

Oft hatte sie sich die Schuld an dem Unfall gegeben, doch mit der Zeit hatte sie verstanden, dass es nicht so war. Genauso war es auch mit dem Essen. Ihr war bewusst gewesen, dass es mit dem Ende ihrer Therapie nicht komplett geheilt sein würde, aber sie hatte darüber hinaus weitergekämpft und viel dazu gelernt.

Lia wusste, dass es in ihrem Leben trotzdem Tage geben würde, an dem das Essen nicht perfekt laufen würde, und dennoch war sie auf einem sehr guten Weg. Sie hatte die Essstörung mittlerweile ein großes Stück hinter sich lassen können und führte ein fast normales Leben. Lediglich hin und wieder machte sie sich Gedanken um ihren Körper und das Essen.

Nur das Kalorienzählen konnte sie nicht vergessen, weshalb ihre Gedanken manchmal dorthin glitten. Zu tief hatten sich all die Fakten rund ums Essen in ihrem Kopf eingebrannt. Hin und wieder erwischte sie sich dabei, wie sie überlegte, wie viele Kalorien ihr Frühstück gerade hatte, aber sie aß es trotzdem. Manchmal durchfuhr sie dabei sogar ein Glücksgefühl, weil sie stärker als die leise, essgestörte Stimme in ihrem Kopf war.

Doch bevor sie noch weiter in ihre Gedanken abdriftete, richtete Lia sich wieder auf und schaute zur Tafel. Aus der grausamen Zeit hatte sie gelernt. Oft hatte sie an ihren Zusammenbruch in der Schule denken müssen. Sie musste sich immer wieder an das Bild erinnern, wie Sabine sich über sie beugte und sanft zu ihr sprach. Sie hatte bei diesem Zusammenbruch kraftlos auf dem Boden gelegen. Er hatte ihr, so seltsam es klang, das Leben gerettet. Doch nun sorgte sie sich um Emily und auf eine unheimliche Art und Weise fühlte es sich an wie damals. Ihre Emotionen waren auf einer Zeitreise in die Vergangenheit.

Kapitel 2

In der folgenden Unterrichtsstunde fiel es Lia schwer, sich auf das Thema zu konzentrieren. Die Zeit zog sich ewig in die Länge und sie konnte der monotonen Stimme ihres Mathelehrers kaum folgen. Immer wieder musste sie daran denken, was Emily ihr wohl dieses Mal erzählen wollte. Bestimmt ging es um Sam, es ging immer um ihn.

»Was möchtest du denn mit mir besprechen?«, fragte Lia wenig begeistert, nachdem sie nach dem Ende der Stunde gemeinsam mit Emily auf dem Schulhof stand.

Während Lia die ganze Zeit gegrübelt hatte und in ihren Gedanken versunken war, hatte Emily das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Emilys ungewohntes Verhalten hatte eine verändernde Wirkung auf Lia und sie dachte immer häufiger über ihr eigenes Leben nach. Dabei war es nicht so, dass sie sich nicht für Jungs interessierte. Es gab in ihrer Klasse durchaus einen Jungen, den sie interessant fand. Jedes Mal verlor sie sich in seinem Lächeln und wünschte sich, seine wuscheligen Locken berühren zu können. Aber sie war überzeugt davon, nicht gut genug für Finn zu sein. Sie hatte das Gefühl, nicht zu den Jungs aus ihrer Klasse zu passen; sie war schon immer das schwarze Schaf gewesen.

»Sam hat mich gestern Abend angerufen und mir gesagt, dass er nächste Woche Urlaub hat«, erwiderte Emily und strahlte.

Lia hingegen konnte diese Freude nicht teilen und verdrehte genervt die Augen. Ein kleines bisschen Hoffnung war in ihr aufgekeimt, dass es dieses Mal nicht um Sam, Jungs oder die Klassenfahrt gehen würde.

»Schön, und was soll ich jetzt mit dieser Information anfangen?«, fragte Lia und zog gleichgültig die Schultern hoch.

»Warum kannst du dich nicht ein einziges Mal für mich freuen? Das bedeutet, dass er nächste Woche auch an die Ostsee fährt. Dann kann ich ihn dort sehen.«

»Das wird Frau Hofer niemals erlauben! Wir sind als Klasse dort und nicht, um uns mit unseren Freunden zu treffen.«

Langsam reichte es Lia. Emily sprach nur mit ihr, wenn es um Sam ging. Obwohl die beiden beste Freundinnen waren, gab es zwischen ihnen kaum noch etwas zu besprechen. Sie war sauer und konnte Emily nicht einmal von ihren eigenen Sorgen erzählen. Es war, als gäbe es nichts mehr, über das die beiden vertraut sprechen könnten. Alles drehte sich nur noch um sie und Sam, was die Wut in Lia aufkeimen ließ. Sie ballte ihre Hand zu einer Faust. Ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Haut, aber sie hörte nicht auf.

»Du gönnst mir auch gar nichts!«, rief Emily empört und musste sich beherrschen, nicht zu laut zu schreien.

»Du merkst doch gar nicht, wie er dich ausnutzt. Seit du ihn kennst, hast du dich verändert. Ich verstehe es nicht.«

Sie funkelte Emily an. Dabei wurde ihr wieder einmal bewusst, wie sehr ihre Freundin sich gewandelt hatte. Am Ende würde Emily genauso enden wie sie vor einiger Zeit. Es war ihr nicht entgangen, dass das Mädchen in den letzten Wochen zunehmend weitere Klamotten trug, um ihre Gewichtsabnahme vor den anderen zu verbergen.

»Du verstehst aber auch gar nichts! Ich liebe Sam.«

Mit diesen Worten rauschte Emily ab. Lia konnte ihre Reaktion nicht nachvollziehen und blieb ratlos stehen. Die vertraute Freundschaft gehörte der Vergangenheit an.

Lia hatte mit den Tränen zu kämpfen und wischte sich in einem unbeobachteten Moment mit dem Ärmel über die Augen. Sie wollte Emily helfen und vor einem schwerwiegenden Fehler bewahren, aber gleichzeitig wollte sie sich auch nicht mit ihr streiten. Sie brauchte ihre beste Freundin – egal, wie kompliziert es gerade war.

In der Doppelstunde Mathe sprachen die beiden Freundinnen kein Wort miteinander, obwohl sie normalerweise gerne tuschelten. Lia konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren und versank immer wieder in Gedanken. Sie wollte Emily helfen, aber zugleich hatte sie Angst, selbst zu fallen. Sie befand sich in einer Zwickmühle. Ihr eigenes Leben war ihr wichtig, doch viel zu oft bemerkte sie die Signale ihres Körpers zu spät oder ignorierte sie komplett. Es war heute genauso wie damals – sie achtete nicht darauf, wenn ihr Körper ihr signalisierte, dass sie eine Pause brauchte.

In der fünften Stunde hatten sie eine Klassenleiterstunde, um sich mit den letzten Details für die Fahrt an die Ostsee zu beschäftigen. Es waren die 45 Minuten, auf die Lia sich überhaupt nicht freute. Mit jedem Tag, an dem Emily von Sam und ihrer Beziehung erzählte, schwand Lias Lust auf die Klassenfahrt, denn dort würde sie sich diese verliebten Erzählungen ununterbrochen anhören müssen. Und nicht nur das, sie musste jeden Tag mit der Angst leben, dass ihre beste Freundin und damit irgendwie auch sie auffliegen könnte.

Sabine betrat das Lehrerzimmer und ging zu dem Tisch, an dem die Klassenlehrerin ihrer Tochter saß. Vorsichtig tippte sie diese an der Schulter an und wartete, bis die Lehrerin sich umdrehte.

»Tatjana, hast du einen Moment für mich?«, fragte Sabine mit leiser Stimme.

»Klar, worum geht es denn?«

Die blondhaarige Lehrerin sah Sabine an und schenkte ihr ein Lächeln.

»Ich mache mir Sorgen um Lia. Seit ein paar Tagen sagt sie, dass sie nicht mehr mit auf Klassenfahrt möchte. Ich verstehe das nicht, sie hat sich so sehr darauf gefreut. Weißt du vielleicht, ob in der Klasse irgendetwas vorgefallen ist?«

Tatjana sah Sabine stirnrunzelnd an.

»Nein, zumindest nichts, das das erklären könnte. Mir ist lediglich aufgefallen, dass Lia nicht mehr ganz so viel mit Emily macht. Also die beiden arbeiten noch zusammen und unterhalten sich, aber es wirkt irgendwie - distanzierter«, erwiderte die Klassenlehrerin, »allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass sie deshalb nicht mit auf Klassenfahrt möchte. Es wird mit Sicherheit einen anderen Grund haben. Mit der Zeit habe ich nämlich wahrgenommen, dass sie immer besser in der Klasse angekommen ist.«

Sabine seufzte und ihr wurde schwer ums Herz. Sie hatte gehofft, mehr zu erfahren. Es fiel ihr nicht leicht, jedes Mal aufs Neue mit Lia über die Klassenfahrt zu diskutieren. Ihr gingen die Argumente aus, zeitgleich wollte sie ihre Tochter aber auch verstehen können.

»Okay, danke dir. Ich werde mich heute Abend nochmal mit ihr unterhalten. Vielleicht mag sie mir ja doch erzählen, warum sie nicht mitmöchte. Ich will sie ungern am Montag zu Hause behalten. Sie braucht den Kontakt zu ihren Mitschülern und eigentlich ist sie mittlerweile auf einem sehr guten Weg, um mit der Vergangenheit zu leben.«

Sabine bemühte sich, zu lächeln, aber es gelang ihr nur schwer. Sie machte auf dem Absatz kehrt.

»Sollte es dennoch etwas innerhalb der Schule geben, lass es mich gerne wissen«, verabschiedete Tatjana sich von ihrer Kollegin, um zu ihrer Klasse zu gehen.

»Habt ihr irgendwelche Fragen zur Klassenfahrt?«, begrüßte Frau Hofer ihre Schüler freundlich.

Lia erkannte, dass sie ihren Blick wie immer durch die Klasse schweifen ließ. Sie verfolgte ihn und sah, dass ihre beste Freundin den Arm hob.

»Wie sieht es abends aus? Haben wir da Freizeit?«, meldete Emily sich und bemerkte nicht, dass Lia die Augen verdrehte.

In diesem Moment wünschte sie sich, dass Frau Hofer »nein« sagen würde. Andererseits würde Emily die Regeln ohnehin brechen, um Sam zu sehen.

»Selbstverständlich werdet ihr Freizeit haben, aber wir werden abends auch mal etwas als Klasse unternehmen. Die genauen Tagesabläufe werde ich euch am Montag auf der Busfahrt erklären«, erwiderte Frau Hofer.

Während sich auf Emilys Gesicht ein Lächeln abzeichnete, ließ Lia ihren Blick zum Fenster wandern. Sie starrte auf die grüne Wiese, die langsam von Laubbergen eingehüllt wurde. Mit jedem weiteren Wort verging ihre Lust, am Montag mitzufahren noch mehr. Sie sackte in sich zusammen und unterdrückte ein Gähnen. Ihr Körper schrie von einem auf den anderen Moment nach Schlaf. Lia seufzte leise. Sie hatte keine Energie, eine ganze Woche mit ihrer Klasse zu verbringen.

Die letzten Fragen und Details wurden geklärt, die Lia überhaupt nicht interessierten, sodass sie froh war, als es endlich zum Stundenende klingelte. Zügig packte sie ihre Sachen zusammen und verließ das Schulgelände in Richtung Seitenstreifenparkplatz.

Es war wieder einmal einer der Tage, an dem sie auf Sabine warten musste. Genervt ließ sie sich auf den Bordstein fallen, der den Parkplatz von einem Grünstreifen trennte. Sie beobachtete die vorbeifahrenden Autos und wünschte sich, in einem zu verschwinden und ihren Gedanken zu entfliehen. Nichts zog ihr Interesse auf sich und sie wollte am liebsten ihre Augen schließen und schlafen.

»Da bist du ja endlich«, begrüßte Lia Sabine augenverdrehend und stieg ins Auto.

Auch wenn sie diese Gefühle nicht verstand, hatte sie keine Lust, mit Sabine über ihre Psyche zu reden. Sie hätte es getan, um sich zu verstehen, doch heute wollte sie nur Abstand von ihrer Mutter gewinnen.

»Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Ich musste nach dem Stundenende noch schnell meine Sachen zusammenpacken. Aber erzähl du mir lieber mal, warum du so gefrustet bist. Ist etwas vorgefallen?«

Sabine hob die Augenbraue hoch und Lia wandte ihren Blick schnell wieder von ihr ab. Sie fühlte sich ertappt. Auf keinen Fall sollte ihre Mutter die Tränen sehen. Kaum hatte Sabine ihre Worte ausgesprochen, waren ihr diese in die Augen geschossen.

»Nein, es ist alles gut. Ich bin nur genervt von Emily und ihrem Freund. Sie redet von nichts anderem mehr.«

»Glaub mir, so ist das manchmal, wenn die beste Freundin das erste Mal verliebt ist. Aber das wird doch nicht der Grund sein, warum du nicht mit auf Klassenfahrt möchtest, oder?«

Sabine blickte sie von der Seite aus fragend an, während sie Richtung Autobahn fuhr.

»Ich möchte nicht mit«, erwiderte Lia überzeugt, aber mit zitternder Stimme.

Dass Sabine damit ins Schwarze getroffen hatte, verschwieg sie, ebenso wie die anderen Gedanken, die durch ihren Kopf kreisten. Lia konnte ihr nicht sagen, wovor sie in Wirklichkeit Angst hatte, und womit sie sich manchmal doch noch beschäftigte, obwohl sie behauptete, dass all diese Themen der Vergangenheit galten.

Zu Hause wusste sie meistens, was auf den Tisch kam und konnte ihre Gefühlswelt mit Sabine besprechen, aber auf der Klassenfahrt würde alles anders sein. Sie hatte Angst vor dem Essen mit ihren Mitschülern. Genauso groß war ihre Panik, dass sie wirklich mit ins Schwimmbad musste oder jemand ihre Narben sehen würde, denn von diesen wusste nicht einmal ihre Klassenlehrerin.

Seit sie sich das letzte Mal selbst verletzt hatte, waren fast eineinhalb Jahre vergangen, aber noch immer hatte Lia sich nicht getraut, in der Schule mit kurzen Sachen herumzulaufen. Niemand sollte mitbekommen, was sie sich angetan hatte.

Sabine versuchte es ein letztes Mal und hoffte, dass Lia mit ihr reden würde – ihr die wahren Gründe anvertrauen würde.

»Lia, ich möchte aber, dass du mitfährst. Ich bin mir sicher, dass du es am Ende bereuen würdest, nicht mitgefahren zu sein. Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst.«

»Ich habe einfach Angst«, rang Lia sich doch zur Wahrheit durch.

»Wovor hast du Angst? Ist etwas vorgefallen?«, fragte Sabine mit weicher Stimme.

Die Worte ihrer Tochter versetzten ihr einen Stich im Herzen. Wieder realisierte sie ihre Muttergefühle, die sie anders fühlen ließen. Sie mochte es nicht, wenn Lia sich vor etwas fürchtete.

»Müssen wir das jetzt besprechen? Ich kann das gerade nicht«, murmelte Lia und biss sich ungewollt auf die Lippe.

»Nein, aber du kannst zu mir kommen, falls du darüber reden möchtest. Ich bin mir sicher, dass es dir helfen wird. Du weißt, wie schwer es werden kann, wenn du die ganze Zeit schweigst.«

Darauf erwiderte Lia nichts mehr und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie wollte über ihre Ängste reden, aber selbst davor wich sie zurück. Die Offenbarung der Wahrheit jagte ihr in unregelmäßigen Abständen eiskalte Schauer den Rücken hinunter. Sabine würde sich Sorgen machen und sie nicht verstehen.

Obwohl sie keinen der Gedanken von damals hatte oder sich mit ihrem Körpergewicht beschäftigte, hatte sie das Gefühl, in einigen Punkten wieder dort zu sein. Emily hatte in den letzten Wochen alles durcheinandergebracht. Seit sie mit Sam zusammen war, erinnerte Lia sich immer öfter an ihre Lebenskrise und überlegte, ob manche Dinge auch auf sie zu trafen. Es war, als würde sie häufiger an die Kalorien denken, seit Emily mit Sam zusammen war. Mit jedem Gramm, das ihre beste Freundin verlor, beobachtete sie, wie viel sie zu sich nahm.

Als Lia zu Hause ankam, bekam sie mit einem Mal ein schlechtes Gewissen, weshalb sie in ihrem Zimmer verschwand und sich aufs Bett legte. Sie hatte das Gefühl, sich bei Emily für ihre forschen Worte entschuldigen zu müssen – es kam wie aus dem Nichts. Sie wollte nicht mit ihrer besten Freundin streiten und war sich sicher, dass sie Emily an ihrer Seite brauchte. Sie wollte ihr von ihren Sorgen erzählen können. Mit ihr über all das sprechen, von dem sie Sabine nichts sagen konnte.

Sie nahm sich ihr Handy und überlegte, ob sie Emily anrufen sollte oder nicht. Sie schaltete den Bildschirm an. Und wieder aus.

Sie rang mit sich und brauchte eine Weile, bis sie schließlich schweren Herzens Emilys Nummer wählte. Doch sie legte sofort wieder auf. Noch einmal schaltete sie ihr Handy aus, aber dann entschied sie sich dazu, Emily anzurufen. Mit zitternden und schweißnassen Händen nahm sie das gleichmäßige Wählen an ihrem Ohr wahr. Sie hoffte, die Mailbox würde rangehen, doch dann hörte sie Emilys Stimme und atmete erleichtert auf.

»Emily, es tut mir leid, dass ich vorhin so aufbrausend war, aber du weißt doch auch, dass ich in Finn verliebt bin und er mich nicht beachtet«, begann Lia das Telefonat mit zitternder Stimme.

»Mensch, warum sprichst du ihn nicht einfach mal an?! Ich habe Sam auch angesprochen und obwohl er älter war, hat sich schnell etwas zwischen uns entwickelt.«

»Das kann ich nicht. Aber Emily, ich muss noch über etwas Anderes mit dir sprechen«, setzte Lia fort und machte einen Moment Pause, um sich sicher zu sein, dass sie das Richtige tat.

»Ich mache mir Sorgen um dich. In den letzten Wochen hast du abgenommen. Ich verstehe nicht, wieso. Du hattest immer einen tollen Körper, aber seit du Sam kennst, hast du angefangen, deine Ernährung komplett umzustellen und weniger zu essen. Ich weiß selbst, wie schnell das in einer Essstörung enden kann. Emily, das ist er nicht wert!«

Ihr Tonfall war ernst und trotzdem begann sie, unsicher an den Ecken ihrer Bettdecke zu zupfen. Sofort erinnerte sie sich daran, wie sie ihre Gewichtsabnahme vor Sabine versteckt hatte. Wochenlang hatte sie den zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Menschen in ihrem Leben

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