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Auf der Flucht: aus Afghanistan

Auf der Flucht: aus Afghanistan

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Auf der Flucht: aus Afghanistan

Länge:
262 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Jan. 2019
ISBN:
9783748506065
Format:
Buch

Beschreibung

In Afghanistan toben seit Jahrzehnten Stammesfehden und Bürgerkrieg. Die "Gotteskrieger" der Taliban, sunnitische Paschtunen aus dem südlichen Afghanistan kämpfen gegen schiitische Tadschiken und Usbeken aus dem Norden. Der schiitische Najmodin mit seiner jungen Frau Pari und dem noch nicht 3-jährigem Sohn Taha will dem Gemetzel entkommen und macht sich auf die Flucht in den Westen. Über Kabul, Kandahar und Herat kommen sie in den Iran. Hier und in der Türkei erleben sie Hinrichtungen und Terror, dem sie doch in Afghanistan entkommen wollten. Weiter geht die Flucht über Griechenland, Mazedonien, Montenegro, Bosnien und Kroatien bis nach Slowenien, wo sie an den Stacheldrahtverhauen der Österreichischen Grenze endet. Nach wochenlangem Lagerleben kommen ihnen Zweifel, ob ihre Entscheidung richtig war, aber auch Ängste, dass man sie doch noch zurückschickt . Auf ihren Etappen durch unbekannte Länder, mit ständigen Sprachschwierigkeiten konfrontiert, nächtigen sie unter freiem Himmel und werden In jedem der durchquerten Länder von der Polizei aufgegriffen und verhaftet. Die drei Heimatlosen erleben aber immer wieder auch nette Menschen, die ihnen weiterhelfen.
Es ist eine Fluchtdokumentation mit erlebnisreichen Darstellungen von Land und Leuten nicht nur Afghanistans, sondern auch des Iran, der Türkei, Griechenland und mehrerer Balkanländer. Geschichtliche Rückblenden und aktuelle politische Verhältnisse geben einen Einblick in die Problematik der afghanischen Bevölkerung durch die Terrorgewalt der Taliban, der selbsternannten Gotteskrieger.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind nach Auffassung des Autors nur vordergründig mit dem muslimischen Glauben in Verbindung zu bringen. In Wirklichkeit geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen, nicht nur der Westmächte, sondern auch zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Paschtunen auf der einen und Tadschiken mit Usbeken auf der anderen Seite.

254 lesenswerte Seiten.
Überarbeitete Auflage
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Jan. 2019
ISBN:
9783748506065
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Auf der Flucht - HANS SACHS

Prolog

Die Flucht einer afghanischen Familie ist ein tiefer Einschnitt in ihr Leben. Sie zeugt aber von ihrem Überlebenswillen unter herausfordernden, im Besonderen für einen kleinen Jungen strapaziösen Fluchtbedingungen.

Afghanistan war stets ein Land, durch das die Handelswege von China und Indien zum Mittelmeer führten. Die sagenhafte Seidenstraße überwand Berge, weite Ebenen und reißende Flüsse.

Landeskundige Stämme unternahmen vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit äußerst beschwerliche Reisen durch das Land. An steilen Berghängen des Himalajas, entlang an Indus und Hunza, verliefen die Handelspfade. Wendige und trittsichere Mulis schleppten kostbares Handelsgut.

Im Laufe von Jahrhunderten hinterließen durchziehende Völkerschaften auf den Felsen Hieroglyphen an die Nachwelt. Zum Teil sind die bis heute nicht entziffert.

Die Strapazen werden sich immer gelohnt haben, und auf diesem Wege kamen dann Kenntnisse über die Papier-,Seiden und Porzellanherstellung nach Byzanz und Rom. Es waren akribisch gehütete Herstellungsrezepte, und doch gelang es, die herauszuschmuggeln.

Afghanistan ist, in erster Linie im hohen Norden, von einer imposanten Berglandschaft geprägt. Im Nordosten der Gebirgszug des Hindukusch, der im Nachbarland Pakistan vom noch gewaltigeren Karakorum und Himalaja überragt wird.

Die Stämme in diesem Land sind stets von kriegerischen Herrschern geführt worden. Vor allem die Hunza, welche ebenfalls in Pakistan ansässig sind, leben bis heute als ein selbstbewusster Volksstamm. Ihre Frauen darf man nur mit ausdrücklicher Genehmigung fotografieren. Andernfalls könnten sich Ausländer erhebliche Schwierigkeiten einhandeln.

Afghanistan ist nie auf Dauer von fremden Völkern unterworfen worden. Nicht im Mittelalter vom mongolischen Dschingis Khan, und geradeso nicht in der Neuzeit von Engländern oder Russen. Immer verließen die Invasoren nach langen, blutigen Kämpfen das Gebiet wieder. Nur, wenn die Völker ertragreichen Handel miteinander trieben, gab es ein friedliches Auskommen.

Die Bergwelt ist über alle Maßen zerklüftet. Die hier siedelnden Stämme haben es stets verstanden, in tiefen Höhlen und Gängen, die wie Fuchsbaue verzweigt sind, zu überleben. Korridore führen zu Kesseln und Höhlungen im Gebirge, in denen ein längerfristiges Standhalten denkbar ist. Für angreifende Feinde war es unmöglich, die ansässigen Hunza- und Usbekenstämme zu unterwerfen.

In der nicht lange zurückliegenden Vergangenheit hatten sich hochgerüstete Nationen ebenso zurückzuziehen; 1989 war es die UDSSR, die aus Afghanistan vertrieben wurde.

Derzeit kämpfen westliche Staaten unter Führung der USA in dem wilden Land. Sie besitzen das Mandat der UNO und bekämpfen die Taliban, eine Terrorgruppe, die zeitweise wesentliche Gebiete des im Westen bislang kaum bekannten Staatsgebietes besetzt hielten. Als die westliche Allianz meinte, die Taliban besiegt zu haben und sich sukzessive zurückzuziehen begannen, erstarken die sogenannten Gotteskrieger wieder und bringen mit Selbstmordattentätern erneut den Tod unter die Bevölkerung. Ihr Ziel ist es, einen Gottesstaat zu errichten, mit der Gesetzgebung der muslimischen Scharia. Die Ge-und -Verbote darin sind diskriminierend und mittelalterlich, nicht nur nach westlicher Auffassung. Unersetzliche Kulturdenkmäler wie Moscheen der schiitischen Glaubensrichtung und aus den Bergen herausgearbeitete Statuen des Buddhismus sind unwiederbringlich zerstört worden.

Fortschrittliche Bevölkerungsschichten wehren sich gegen die Taliban und deren Diktate; daher findet seit Jahren in Afghanistan ein blutiger Bürgerkrieg statt.

Aus Unterschlüpfen und Bunkern heraus unternehmen die Gotteskrieger ihre mörderischen Überfälle. Ihre Angriffe richten sich gegen Invasoren und Andersgläubige, womit sie auch die muslimischen Schiiten meinen.

Jetzt ist das Land in weiten Teilen verwüstet und zerstört, aber erklärte Kriegsziele sind von beiden Seiten nicht erreicht worden. Viele Milliarden Dollar wurden sinnlos verpulvert. Verdient daran hat die Rüstungsindustrie, nicht zuletzt Deutschland ist massiv beteiligt. Die Zerstörung von Ausbildungscamps der al-Qaida und Taliban ist nicht umfassend gelungen.

Bedeutende Gebiete dieses Pufferlandes zwischen Pakistan im Osten und dem Iran im Westen sind von unzugänglichen Gebirgen geprägt. Wirtschaftsinteressen wie der Bau und die Sicherung einer Ölpipeline waren der Grund zur Intervention westlicher Länder. Ausgehend von Kasachstan, das seinerzeit zur Sowjetunion gehörte, gedachten Ingenieure die Trasse der Pipeline über Turkmenistan und Afghanistan bis zum geplanten pakistanischen Ölhafen Karatschi zu verlegen. Gleichzeitig erstrebte man den umfangreichen Mohnanbau, Grundlage zur Herstellung von Drogen, eine Haupteinnahmequelle der Terrorristen, zu unterbinden.

Taliban sind vom Stamm der Paschtunen, der vorwiegend im südlichen Teil des Staates ansässig ist. Gleichwohl leben auch im nordwestlichen Pakistan Paschtunenstämme, meistens sind es Sunniten. Die Glaubensrichtung dieser Muslime hängen etwa 42 % der Bevölkerung an. Sie vertreten eine erzkonservative Auslegung des Korans, wie er sonst nur noch in Saudi-Arabien praktiziert wird. Zuerst waren es aber die Mudschaheddin, denen sich Osama-bin-Laden anschloss, um gegen die Invasoren aus Russland zu kämpfen.

Die Gotteskrieger

Als diese Mudschaheddin sich gegenüber dem eigenen Volk korrupt und verbrecherisch verwandelten, kamen die Paschtunen aus dem Süden auf die Karte. Sie zogen gegen ihre Landsleute, Tadschiken, meist Persisch sprechende und im Nord-Westen Afghanistans lebende Bevölkerungsgruppen, mehrheitlich als Mudschaheddin organisiert, in den Glaubenskampf.

Diesen Paschtunen schloss sich dann Osama- Bin-Laden an, einem superreichen Abkömmling einer saudi-arabischen Familie. Er wurde gefördert und unterstützt von Mullah Omar. Der stammt aus dem Frauen unterdrückenden südlichen Afghanistan. Die Bildung bezog er aus den dürftigen Koranschulen, den Madrassa. Es wird behauptet, dass dieser Mullah nur unzulänglich Lesen und Schreiben beherrscht hat. Auf dem Höhepunkt seiner Macht wurde er ebenso wie Osama von Amerikanern durch Drohnenangriffe getötet.

Die Taliban eroberten nach der Vertreibung der sowjetischen Truppen, welche 1979 in Afghanistan eingefallen waren, bis zu 90 % des afghanischen Staatsgebietes. Sie radikalisierten sich aber in der Folge durch ihre Auslegung des Korans genauso wie zuvor die Mudschaheddin, indem sie die Scharia wieder einführten.

In erster Linie Frauen werden massive Behinderungen auferlegt. Scharia bezeichnet das moslemische Recht in seiner Ganzheit und ist von jedem Moslem kritiklos zu befolgen.

Als unfehlbare Pflichtenlehre umfasst die Scharia das gesamte religiöse, politische, soziale, häusliche und individuelle Leben sowohl der Muslime als auch die Lebensführung der im Islamischen Staat geduldeten Andersgläubigen (Dhimma). Deren rigoros diktierte Einheit zwischen Religion und Recht bringt in einem theokratischen Staatswesen auch die Einheit zwischen Religion und Staat mit sich. Sie macht sich in den arabisch-islamischen Gemeinwesen der Gegenwart (deren Staatsreligion der Islam ist) unterschiedlich bemerkbar.

Nur an einer einzigen Stelle im Koran wird die Scharia erwähnt, obwohl sie dort ihren Ursprung hat. (Sure 45, Vers 17)

Unsinnige, menschenverachtende, einem Staatswesen der modernen Zeit widersprechende Vorschriften wurden nach der Machtergreifung der Taliban erlassen: >Frauen haben ihre Wohnungen nicht mehr zu verlassen dürfen. Wenn sich das doch nicht vermeiden lässt, haben sie sich mit dem islamischen Tschador oder der voll verschleiernden Burka bedecken und von Blutsverwandten begleiten zu lassen. Für den Fall, dass sie sich modisch bekleidet, schmuck-behangen und in engen Kleidern zeigen, werden sie von der Scharia verflucht und aus dem Himmel verbannt. Die Familienältesten sind aufgefordert, unnachsichtige Kontrolle über ihre Familie auszuüben. Die Ältesten wie gleichermaßen die Frauen werden von der Religionspartei bedroht und auf das Härteste bestraft.

>Ein Wartezimmer für Frauen hat sicher und verborgen zu sein, und eine Person, selbige die Patientinnen aufruft, muss weiblichen Geschlechts sein. <

>Behandelnde Mediziner dürfen Körperstellen, die nicht behandelt werden, weder ansehen noch berühren. Wenn Ärzte und Ärztinnen sich ausnahmsweise klinisch besprechen, hat sie die Verpflichtung, den Schleier zu tragen<.

Es ist weiblichen Ärzten und Pflegepersonal keinesfalls erlaubt, den Krankensaal von Männern zu betreten. Gibt es nicht genügend männliche Pfleger, müssten die Kranken sich gegenseitig helfen.

Sind weibliche Lebewesen der Herkunft nach keine vollwertigen Menschen? Was wäre denn, wenn wir sie nicht hätten?

Im alltäglichen Tagesablauf sind ebenso widersinnige, unzeitgemäße Dekrete erlassen worden:

>Ein Autofahrer darf eine Frau nicht mitfahren lassen, falls sie eine iranische (modischere Burka) trägt, Musik ist ebenso wie Tanz auf Hochzeiten verboten. Werden diese Anordnungen nicht befolgt, wird das Familienoberhaupt verhaftet. Taubenhaltung, das Spielen mit Vögeln, Drachen steigenlassen und Musizieren auf einer Musiktrommel ist strengstens untersagt<.

Doch ausgerechnet diese Vergnügen, seit Jahrhunderten von den Afghanen praktiziert, sind außerordentlich beliebt.

Ebenso wird das Nähen von Frauenkleidern und das Maßnehmen durch Schneider verboten. Wenn Frauen oder Modemagazine in einem Laden bemerkt werden, wird der Kleidermacher ins Gefängnis gesteckt. (Wörtliche Ausdrucksweise).

>Gruppenbeten oder Nichtbeten in Basars ist gegen Allahs Gebot. Gebete haben in den Moscheen stattzufinden, das Besuchen von Geschäften zu Zeiten der Anrufung Gottes ist untersagt und wird mit Gefängnis bestraft. Verkehr während der Gebetszeit ist absolut verboten. Wer sich nicht an die Untersagung hält, wird ebenfalls ins Verlies gesteckt<.

Wo hatte sich denn der Spanner versteckt?

Weitere Edikte wurden von den Taliban erlassen, in denen die exakte Überlänge der Bärte festgelegt wird, und eine Liste muslimischer Namen ist erstellt, wonach Neugeborene benannt werden müssen. Die wenigen Mädchenschulen Kabuls sind verriegelt, die Religionspolizei verjagt alle Frauenspersonen von den Straßen. Sie verfügt, dass jeder Haushalt seine Fenster zu verhängen hat, damit man von außen weibliche Wesen nicht sehen kann.

Ehefrauen waren nunmehr gezwungen, Tag und Nacht im Haus zu verbringen, in das kein Sonnenlicht mehr eindringt. Das Gravierendste an den brandneuen Ge- und -verboten ist jedoch das Zurückfallen in mittelalterliche Zeiten.

Dieben werden Gliedmaßen abgehackt, der Räuber und seine abgetrennte Hand -oder ein Fuß- öffentlich zur Schau gestellt.

Das hat das Christentum überwunden. Am Pranger wird niemand mehr vorgeführt.

Echte oder nur vermutete Ehebrecher/innen haben die Steinigung zu ertragen. Sie haben sich vorab ihr eigenes Grab zu schaufeln, und als Gnade gilt, wenn ein Familienangehöriger stellvertretend die Grube ausheben darf. Das Urteil wird zuvor von einem Schariarichter, dem Kadi, verkündet. Beruht die Verurteilung auf Zeugenaussagen, werfen die Zeugen den ersten Stein, sonst ist das dem islamischen Richter, der immer ein Imam ist, vorbehalten.

Die verurteilte Frau wird daraufhin bis zur Brust eingegraben, ein männlicher Todgeweihte bis zur Gürtellinie. Vorher werden sie fest in schlohweiße Tücher eingewickelt, um eine Flucht zu verhindern. Weiß ist die Farbe der Trauer. Es wird also getrauert, obwohl eine unmenschliche Hinrichtung vollzogen wird.

Meistens Frauen, manchmal jedoch auch Männer, werden solange mit Steinen von einer Größe, welche in die Handinnenflächen passen, beworfen, bis sie zusammenbrechen. Kleine Kiesel sind nicht erlaubt.

Zur Ergötzung der Zuschauer wird angeordnet, dass der Todeskampf möglichst lange dauert; zuvor wird dem Verurteilten oft zusätzlich eine Geißelung auferlegt.

Die Auspeitschung eines Mannes wird im Stehen nach Entkleidung bis auf die Schamteile vollzogen. Die Peitschenhiebe haben den gesamten Körper außer Kopf, Gesicht und Geschlechtsteile zu treffen. Ein weibliches Wesen wird im Sitzen und bekleidet gepeitscht. Erst danach kommt es in die Grube.

An der Hadd genannten Urteilsvollstreckung beteiligen sich alle Dorfbewohner, Kinder sind davon nicht ausgenommen. Von der sich im Rausch des Tötens befindlichen Menge wird ständig Allahu-akbar gerufen, damit die Schmerzensschreie der Opfer übertönen werden. Sofern die Delinquenten nicht vorher tödlich getroffen sind, wird solange weitergeworfen, bis sich ein Steinhügel über sie gebildet hat. Quasi lebendig begraben ist ihr trauriges Schicksal.

Vergewaltigte Frauen, deren Mann abwesend war, werden oft mit der Unterstellung einer Einvernehmlichkeit hingerichtet. Ein Einspruchsrecht der Beschuldigten findet im Regelfall keine Beachtung.

Was sind das für Menschen, die solche Edikte beschließen und vollziehen. Wie vermag eine Religionsvorschrift, vorgeblich im Koran niedergeschrieben und mit Willen des gütigen Allah versehen, derartige unmenschliche Praktiken zulassen.

Die Taliban sind selbstgefällig; die angeblichen Gebote des einzigen und barmherzigen Schöpfers erfüllen sie so rigoros, dass sie sich regelmäßig in einen Blutrausch hinein steigern.

Es gibt einen >Steinigungsvers<, der aber nicht im heiligen Buch des Islam geschrieben steht:

>Wenn ein bejahrter Mann und eine bejahrte Frau Unzucht treiben, so steinigt sie auf jeden Fall als Strafe Gottes. Denn Gott ist gütig und weise. <

Auf diese Art kann in der heutigen, aufgeklärten Zeit doch kein Staat errichtet und darauf gesetzt werden, in der Staatengemeinschaft legitimiert und anerkannt zu sein.

Es ist das Bestreben solcher irregeleiteten Paschtunen, mehrheitlich unter den Taliban organisiert, von westlichen Nationen akzeptiert zu sein. Im gleichen Atemzug bekämpfen hirnrissige Rebellen fortschrittliche Staatswesen massiv als Ungläubige.

*

Im Frühjahr 1997 erwarteten die Einwohner von Mazar-e-Sharif einen erneuten Angriff der sogenannten >Gotteskrieger<.

Die Stadt im Nord-Westen Afghanistans wurde den Winter über von hasserfüllten sunnitischen Fanatikern belagert. Es war die letzte Bastion der Nordallianz, mehrheitlich Schiiten, unter General Rasim Dostum. Die Vorräte an Lebensmitteln und Treibstoff gingen zur Neige, die Preise dafür stiegen um das Vielfache. Es kam zur Unruhe unter der Bevölkerung. Besser betuchte Einwohner flüchteten nach Tadschikistan.

Das erklärte Ziel der Taliban war, die Stadt auszuhungern, und es brach längst Panik bei den Stadtbewohnern aus. Dostum ist zwar ein erfahrener, jedoch rücksichtsloser und blutrünstiger Heerführer. Er schwor Soldaten und Einwohnerschaft auf die Verteidigung Mazar-e-Sharifs ein.

Auf Verrat und Gegenverrat war andererseits niemand gefasst. Die Kriegsknechte dienen vorzugsweise immer demjenigen, der den besten Sold zahlt. General Dostum hatte seinen Truppen dessen ungeachtet bereits fünf Monate überhaupt keine Löhnung ausgehändigt. Daher liefen viele der Stadtverteidiger zu den Taliban über.

Die löhnten zwar auch nicht mehr, aber sie erlaubten den Kämpfern, sich bei Einnahme der Stadt durch Plünderung und Morde zu bereichern. Die Belagerer beabsichtigten, für vorausgegangene Niederlagen Rache zu nehmen.

Mazar ist eine Pilgerstadt, vornehmlich der Schiiten. Man vermutet, dass in der blau gekachelten Grabstätte der 4. Kalif begraben liegt. Daher ist sie eines der Heiligtümer dieser islamischen Glaubensrichtung. Paschtunen, insbesondere sunnitische Taliban, gedachten Mazar nicht zuletzt zu erobern, um dann die Kultstätten zu zerstören.

Innerhalb der Nordallianz besteht allerdings eine tiefe Fehde zwischen Dostum und seinem 2. Befehlshaber Malik Pahlawan. Der Usbeken-General wurde verdächtigt, vor einigen Jahren einen Bruder des Stellvertreters ermordet zu haben. Malik befürchtete daher, von Dostum ebenfalls hingemetzelt zu werden und verriet ihn deshalb an die von Herat und Kundus aus vorrückenden Taliban. Als Gegenleistung rechnete er mit einem Generalsposten bei den Eroberern. Man bot ihm aber nichts als die völlig unbedeutende Position eines Vize - Außenministers an.

Durch den Verrat und den täglich offenkundigeren Zwist zwischen Paschtunen und Usbeken verlor Dostum seinen Halt in der Truppe und musste selber fliehen. Jetzt hatten die angreifenden Taliban freie Bahn und zogen auf ihren Pikups mit Freudengesängen in Mazar ein.

Usbeken und Hasaras hat man entwaffnet, die heiligen Moscheen entweiht sowie die Scharia, das muslimische Glaubensgesetz, eingeführt. Frauen vertrieb man von den Straßen, sämtliche Schulen wurden verriegelt oder zerstört.

Als jedoch eine Gruppe der Hasaras sich weigerte, ihre Waffen abzugeben, kam es zu einem Aufstand. Der führte dazu, dass über 600 Angehörige der Taliban bei den ausbrechenden Straßenkämpfen getötet sowie 1000 Kämpfer, darunter ranghohe Mullahs und Generäle, während der Kampfhandlungen gefangen gesetzt worden sind.

Gleichzeitig plünderten die ihm verbliebenen Getreuen des Verräters Malik die Stadt. Es ergab sich ein unvorstellbares Durcheinander in Mazar-e-Sharif. Doch die Taliban erlitten ihre bisher größte Niederlage im Ringen um die Herrschaft in diesem Land.

In den Nächten aber kamen die Unterlegenen zurück und rächten sich an den Einwohnern. Manchem hat man die Kehle durchschnitten, und anderen zog man bei lebendigen Leib die Haut ab. Das sind verbürgte Berichte und lassen das Mittelalter wieder aufleben.

Der Leser vermag sicher kein Verständnis dafür aufzubringen, wie bestialisch vorgegangen worden ist. Das alles liest sich wie ein Thriller, ist jedoch authentisch belegt.

Während die Talibantruppen unter Druck stehen und sich zurückziehen, zerstörten sie Kanäle und vergifteten Trinkwasserbrunnen. Durch die Kämpfe gegen Dostum und Malik verloren sie viele ihrer Mudschahed. Später stellte sich heraus, dass gleicherweise diese Gotteskrieger massakriert und in Massengräbern verscharrt worden sind. Der Hass auf allen Seiten ist beispiellos.

Taliban beherrschten nahezu 10 Jahre diktatorisch das Land. Durch ihre eigensinnige Koranauslegung riefen sie mit dem Terroranschlag auf das World- Trade- Center in New york 2001 die Kriegsmacht USA zum Handeln auf. Auch die NATO und damit Deutschland gedachten Afghanistan nach westlicher Auffassung zu befrieden. Die Westmächte vermuteten in dem aus den Fugen geratenen Land Ausbildungszentren der Al Quaida.

Osama-bin-Laden mit seinem unermesslichen Reichtum hat diese Lager errichten lassen, um darin unwissende und leichtgläubige Muslime zum Kampf gegen den >gottlosen< Westen heranzuziehen.

Osama war neben Mullah Omar der meist gehasste und gesuchteste Terroranführer. Doch was hat ihnen ihr Hass eingebracht? Man hat sie verfolgt und getötet. Unter der Obhut von Pakistanis lebten die Terrorristen im nordwestlichen Pakistan, im Swat-Tal.

Sitzen sie nunmehr im Himmel und vergnügen sich mit Hauris, wie sie immer verkündet haben, oder schmoren sie in der Hölle, beim Schaitan?

Nach jahrelangen, blutigen, gleichermaßen aufseiten der NATO verlustreichen Kämpfen, wurden in die Milliarden Dollar gehende Ressourcen vernichtet.

Hier war auch Malala zu Hause, das mutige Mädchen, das trotz Verbot weiterhin eine Mädchenschule besuchte. Ihr wurde deshalb von einem Taliban am helllichten Tag, als sie von der Schule kam, in den Kopf geschossen, überlebte jedoch auf wundersame Weise. Über ihre Erlebnisse schrieb sie ein berührendes Buch >Malala, meine Geschichte<. Sie war erst 10 Jahre, als sie sich gegen die beherrschende Allmacht der Männer in ihrem Land auflehnte.

Am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, hielt diese Jugendliche eine eindrucksvolle Rede vor den Vereinten Nationen in New York. Ihr Eintreten für die Rechte von weiblichen Staatsangehörigen beeindruckte derart, dass sie den Friedensnobelpreis 2014 im Alter von 16 Jahren erhielt.

Das Buch ist erhältlich unter ISBN 978-3-596-85660-2. Es ist besonders empfehlenswert.

Aber trotz des Todes der gehassten Anführer endeten die kriegerischen Auseinandersetzungen keinesfalls, eskalierten sogar ungeachtet der Kenntnis der übermächtigen technischen Überlegenheit der ISAF-Länder. Insbesondere USA, Frankreich und die BRD sind massive Waffenlieferanten. Jahrelange, erbittert geführte Auseinandersetzungen führten letztlich dazu, dass man aufseiten der Westmächte endlich offen von>Krieg< spricht. Von einer Befriedung in Afghanistan ist man weit entfernt.

Es ist nahezu das Eingeständnis eines erzwungenen Rückzuges, wenn davon gesprochen wird, dass nur noch Berater im Land erforderlich und anwesend seien. Die Gesamtlage war ähnlich dem Desaster, wie es vor mehr als zwanzig Jahren geradeso die UDSSR erlebte.

Wenn die Politik im Angesicht der Flüchtlingswellen aus Afghanistan von einer Rückführung in ein sicheres Herkunftsland spricht, ist das zynisch. Es soll verschleiern, dass das militärische Abenteuer nahezu völlig gescheitert ist. Kriegsbegründungen, bezogen auf den Bau von Ölpipelines und die Vernichtung von Mohnanbauflächen, sind bisher und in absehbarer Zeit nicht zu realisieren.

Dabei wäre Afghanistan prädestiniert, als Transitland zu dienen. Heute nicht für Seide und Porzellan aus China, sondern für Öl und Gas aus den unendlich reichen Vorkommen in Kasachstan und Tadschikistan.

Diese zentralasiatischen Länder verfügen zusammen über geschätzte 85 Milliarden Barrel Ölreserven. Turkmenistan mit 66 Mrd. Kubikmetern Gas hat die elftgrössten Reserven der Welt. Es ist eine Weltregion mit äußerst bedeutungsvollen Energiereserven, und darüber streiten die Weltmächte und führen verlustreiche bewaffnete Auseinandersetzungen. Die Bewohner nicht nur Afghanistans haben für die Wirtschaftsinteressen der Großmächte USA, Russland und mit Abstrichen gleichfalls China ihre Köpfe hinzuhalten. Sogenannte >Stellvertreterkriege< finden hier statt, wie seit sieben Jahren gleichermaßen in Syrien. Hier ist es der IS, welcher die friedliche Bevölkerung

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