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Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten
Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten
Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten
eBook241 Seiten3 Stunden

Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten

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Über dieses E-Book

Zu Fuß mit Zelt und Kochtopf auf Tigersuche im indischen Kerala. Bei den Massai am Fuße des Kilimandscharo. Mit Rad und Bus durch das Israel der zweiten Intifada. Unterwegs im Delta der Donau, "Europas Amazonas". Mit dem Rucksack 90 Kilometer im Süden Namibias durch die zweitgrößte Schlucht der Welt. Auf der Suche nach den letzten Stumpfnasenaffen in Vietnams Karstbergen. Zur Karwoche in Guatemala auf den Vulkan der Spiritisten. Mit der Transsib von Moskau bis zum Baikalsee. Mit dem Wutachranger durch Deutschlands wildromantischste Schlucht. Bei den "Man Eater"-Löwen in Malawi.

"Spaziergang zum Dschungelkönig" nimmt den Leser mit auf 15 spannende Abenteuer in vier Kontinente.

Kai Althoetmar hat sich auf seinen Reisen Prüfungen und Erfahrungen ausgesetzt, die nicht dem Mainstream folgen. Seine Recherchen unternimmt er ohne Spesenscheckbuch und Sponsoring von TUI & Co., ohne mitreisende Meuten korrumpierter "Reisejournalisten", jenseits vorgestanzter kommerzieller Instant-Abenteuer, abseits der Komfort- und Wellnesszonen, im besten Sinne spartanisch, mit Selbstironie und Empathie für den Fremden. Reisestories, die anfangen, wo die Nachrichten enden.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum23. Sept. 2020
ISBN9783752914528
Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten
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    Buchvorschau

    Spaziergang zum Dschungelkönig. Reisestories aus vier Kontinenten - Kai Althoetmar

    Kai Althoetmar

    Spaziergang zum

    Dschungelkönig

    Reisestories aus vier Kontinenten

    Nature Press
    Aus dem Inhalt:

    1. Kleines Dschungelbuch in vier Tagen. Zu Fuß auf Tigersuche in Indiens Kardamombergen.

    2. Blut, Schweiß und Hyänen. Unter Löwentötern. Leben in einem Massai-Dorf.

    3. Kerzen für den Teufel. Guatemala. Zur Karwoche im Land der Mayas.

    4. Die Wiedertäufer von Upper Barton Creek. Zu Ostern bei ultraorthodoxen Mennoniten im Urwald von Belize.

    5. Malawi Secondary Road. Im Geisterwald von Nkhotakota.

    6. Letzte Ausfahrt Schwarzes Meer. Unterwegs im Donaudelta.

    7. Sonne, Durst und Sterne. Neunzig Kilometer zu Fuß durch Namibias Fish River Canyon.

    8. Hundert Kilometer Einsamkeit. Mit dem Kanu auf dem Oranje im Süden Namibias.

    9. Auf der Suche nach Kunta Kinte. In Juffure im westafrikanischen Gambia ist die Zeit der Sklaverei noch präsent.

    10. Expedition Tonkin. Auf der Suche nach Vietnams letzten Stumpfnasenaffen.

    11. In Adebars Reich. Unterwegs in Kroatiens Save-Auen.

    12. Rußland in einem Zug. Mit der Transsib von Moskau bis zum Baikalsee.

    13. Grand Canyon auf badische Art. Durch die Wutachschlucht im Südschwarzwald.

    14. Intifada Road. Mit Rad und Bus durchs Heilige Land.

    15. Wildschwein, Bär, Viper & Co.: Wo Natururlauber in Europa mit riskanten Kollisionen rechnen müssen.

    Kleines Dschungelbuch in vier Tagen

    Zu Fuß auf Tigersuche in Indiens Kardamombergen
    Im alten Indien pflegten die Maharadschas und kolonialen Großwildjäger auf dem Rücken eines Elefanten auf Tigerjagd zu gehen. Heute ist der Elefant ein Land Rover, Jeep oder indischer Tata, der in den Reservaten von Kanha, Ranthambore oder Corbett zur Tigerpirsch vorrückt, die Schüsse sind Schnappschüsse und machen nur klick und klack.

    In einem abgelegenen Winkel Südindiens, im Periyar Tiger Reserve in den Kardamombergen der Western Ghats im Osten des Bundesstaates Kerala, gibt es noch zwei weitere Varianten. Erstens: Man fährt mit einem Ausflugsdampfer für eine Handvoll Rupien gemütlich mit einer Limo in der Hand über den Periyarsee und hält von Bord nach wildem Getier Ausschau. Dieses Unternehmen betört vor allem Indiens Honeymooner, und so sind die Schiffe voll mit jungen, fröhlichen indischen Paaren. Wer die zweistündige Törn ein paarmal macht, sieht garantiert wilde Elefanten, mit etwas Glück auch Büffel und Asiatische Wildhunde und bei der zweitausendsten Rundfahrt eventuell den Schatten eines Tigerschwanzes. Variante eins verheißt Bequemlichkeit und Sicherheit. Nur trügt der Schein wie so oft. Im September 2009 bekam ein nagelneues Ausflugsboot Schlagseite und versank, als sich am Ufer eine Elefantenherde zeigte und viele Passagiere zum Public Viewing just in dem Moment auf eine Bootsseite stürzten, als der Kahn eine tigerzahnscharfe Kurve fuhr. 45 Tote wurden gezählt, bis auf zwei alles Inder, die meisten Frauen und Kinder. Etwa zwanzig Passagiere überlebten den Ausflug.

    Von einer weiteren Variante, dem Tiger auf die Spur zu kommen, hatten wir zufällig nach einer trockenen Fußes überstandenen Bootsfahrt erfahren: der Periyar Tiger Trail", der nahe der Ortschaft Thekkady im Periyar Wildlife Sanctuary startet. „Trail" heißt hier Fußmarsch durch Dschungel und Grasland, organisiert von Keralas Forstverwaltung. Der Ausflug dauert zwei, drei oder, wenn keine anderen Interessenten da sind, auch ausnahmsweise vier Tage. Außer mir und Kerstin, die sonst eher auf Shiva-Tempel und Buddha-Statuen abonniert ist, gibt es keine Interessenten.

    Schon am nächsten Vormittag ist Aufbruch. Vier Stunden sollen es zum ersten Rastlager sein. Wir passieren den Periyarsee, den Stausee, aus dem ertrunkene Bäume surrealistisch ihre Stämme hockrecken. Reiher staksen am Ufer. Im Wald huschen schwarze Nilgiri-Languren durchs Geäst, ein Sambar-Hirsch, Leibgericht des Bengaltigers, kreuzt den Weg. Fünf Mann begleiten uns, vier davon sind Träger, Köche und Fährtenleser. Und Bodyguards. Denn im Wald warten neben Elefanten und Dschungelrindern auf jeden Besucher auch Leoparden, Lippenbären, Asiatische Wildhunde, Königskobras und Pythons. Und Shir Khan, der König des Dschungels. Rudyard Kiplings ganze Dschungelbuchbesetzung leistet ihm in Periyar Gesellschaft: 62 Säugetierarten, viele endemisch oder gefährdet, 315 Vogelarten, 45 Reptilien-, 27 Amphibien-, 38 Fisch- und allein 112 Schmetterlingarten.

    Tanghan, der Fünfte im Bunde, ist unser Anführer. Der 31jährige hat Politik studiert und vor zwei Wochen geheiratet. Im Dschungel zählt die Politik nicht. Hier gilt nur fressen und gefressen werden. Tanghans khakifarbene, knitterfreie Forstmannsuniform mit Koppel und Schulterabzeichen strahlt militärischen Zack aus, eine Aura von Ernst und Disziplin, die es im Dschungel zu wahren gilt, damit den westlichen Rucksacktouristen kein Malheur widerfährt. Er ist unser Leibwächter. Er wird fast jeden Moment sein Jagdgewehr am Mann haben, ein chinesisches Modell, Jahrgang 1975, zwölf Schuß, das reicht zur Not, um eine ganze Büffel- oder Elefanten-Stampede zu bewältigen.

    Tanghan ist ein sehr bedächtiger Typ, aufmerksam, umsichtig, ein stets freundlicher, aber ernster Charakter mit Understatement. Er erzählt mir von den indischen Tragödien, von der Ermordung Gandhis, er meint die Indira Gandhis 1984, vom Giftgasunglück in Bhopal und anderen Katastrophen. Wie sich denn die deutsche Einheit so mache, will er wissen. Ich gebe eine abfällige Einschätzung, damit Indien im bilateralen Katastrophenvergleich nicht zu schlecht abschneidet, und frage: Wie steht es um die Wiedervereinigung von Indien und Pakistan? Der Forstmann winkt ab. „Zu viele Fanatiker."

    Im Urwald kommt uns ein Troß Tiger-Touristen entgegen. Sie hatten das Rendezvous für eine Nacht mit dem König des Dschungels gebucht. Jetzt sind sie gefrustet. Shir Khan ist nicht erschienen. Nicht mal Elefanten haben sich blicken lassen. Nichts als pugmarks, Tatzenabdrücke von einem Tigerweibchen und ihren Jungen.

    Eine Wildschweinrotte rennt vor uns durch eine Furt, der Keiler voran. Schon nach einer Stunde machen die vier Träger Feuer. It's tea time. Die Briten haben hier mit ihrem way of life gründlich gewirkt. Zur Einstimmung werden „Tiger"-Kekse gereicht. Was die Feldküche noch zu bieten hat, steckt in den Kochtöpfen, die die Träger auf dem Kopf balancieren: Bohnen, Linsen, Kürbis, Kohl, Möhren, Reis, Obst.

    Die Jagd in Periyar ist strikt verboten, Wilderei wird hart geahndet. Tanghan und seine Männer sind auch deshalb mit uns unterwegs, um nach Spuren von Wilderern Ausschau zu halten. Allein in den ersten fünf Jahren des Projekts Tiger Trail" wurden mehr als 85 Wilddiebe gefaßt, darunter vier Elfenbeinjäger.

    Auch unsere vier Träger waren früher Schmuggler und Wilderer, wie Generationen vor ihnen. Früher haben sie Tiere gejagt, Bäume gefällt, Teak, Sandelholz, Rosenholz, und Zimtbäume entrindet. Sie sind die Ureinwohner, Peryiar ist ihr Wohnzimmer. Ihre Profession ist die Natur, sie kennen jede Pflanze, jedes Tier, jeden Trampelpfad, jeden Ameisenhaufen. Sie haben sonst nichts gelernt. Die Dschungelausflüge machen ihnen sichtlich Spaß. Das Englisch der meisten Träger beschränkt sich auf wiederkehrende Versatzstücke wie „good morning", „tea, yes?" und „tiger dangerous". No problem, wir verstehen uns auch so, zu viel Gerede verscheucht nur das Wild.

    Die Forstverwaltung war klug: Sie hat die Wilderer umgedreht. 23 von dreißig nahmen das Angebot an. Was sie zuvor aus der Natur nahmen, das sollten sie fortan schützen. Nicht auf der payroll des Hehlers, der Elfenbein, bush meat und Edelhölzer verschiebt, stehen sie länger, sondern auf der der Forstverwaltung. Und die verdient an unsereins.

    Im Vergleich zum früheren Schmugglerleben ist der Verdienst der Aussteiger gering. Umgerechnet knapp hundert Euro verdienen sie im Monat. Dafür sind ihnen nicht mehr Ranger und Polizei auf den Fersen. Allein unser Fährtenleser hatte es vor seiner Bekehrung auf achtzehn Strafverfahren wegen Wilderei gebracht. Frei von Gefahren wurde ihr Dschungelleben nicht. Einer der 23 wurde 2002, als er im Periyar-Park Elfenbeinjäger verfolgte, von einem Elefanten getötet.

    Nur eins mußten die Konvertiten noch lernen: Kochen. Ihre Ehefrauen haben sie von Wilddieb auf Dschungelkoch umgeschult. Das gelang beim einen mehr, beim anderen weniger. Mit ihren dunkelgrünen Tarnanzügen, ihren Baseballkappen, Kopftüchern und schwarzen Schnauzern sehen sie noch immer wie Piraten oder Banditen aus.

    Der Periyarsee ist 26 Quadratkilometer groß und sternförmig verzweigt. Er entstand 1895, als die Briten den Periyarfluß am Mullaperyiardamm aufstauten, um Teile des Nachbarstaates Tamil Nadu zu bewässern. Periyar ist einer der wenigen indischen Parks mit echtem Dschungel. Schon 1934 wurde die Seelandschaft Wildschutzgebiet, 1978 wurden insgesamt 777 Quadratkilometer zum Tiger-Reservat erklärt, 1982 machte man Periyars Kernzone zum Nationalpark, 1998 wurde der Tiger-Pfad eingerichtet. Vierzig Familien ernährt das Projekt heute direkt. „Das Ziel ist nicht Gewinnmaximierung, sagt Tanghan. „Das Ziel ist der Schutz der Wildnis.

    Die Landschaft der Cardamom Hills besteht zum Teil aus immergrünem oder halbimmergrünem tropischem Regenwald mit bis zu fünfzig Meter hohen Bäumen, zum Teil aus Laubfeuchtwald und Grasland. Wir sind in 900 bis 1.800 Meter Höhe unterwegs. Der Park setzt sich aus drei Zonen zusammen, konzentrischen Ringen. Außen ist Touristenzone. Darin liegt der Schiffsanleger, das Periyar Guest House, die Straße, viel Wald. Kurzwanderungen beschränken sich auf diesen Teil. Der zweite Ring ist die Pufferzone. Im Inneren liegt die 350 Quadratkilometer große Kernzone, das Herz des Dschungels.

    Auf einer Anhöhe gibt es unter einer hellblauen Zeltplane Mittag: Reis, Gemüse und knackiges Fladenbrot aus Urdbohnenmehl. Tanghan erzählt: In Periyar seien etwa vierzig Tiger unterwegs. Tiger kann man anhand der Tatzenspuren zählen. Jeder Abdruck ist unterschiedlich und verrät Geschlecht, Alter und Größe des Tiers. Wegen der dichten Vegetation braucht man sehr großes Glück, um einen Tiger zu sehen. Die allerwenigsten Touristen haben dieses Glück.

    In der Dämmerung wandern wir am See entlang. Die Abendsonne verpaßt dem Grasland einen Orangestich. Die Bühne der Fauna füllt sich. Drei junge Fischadler kreisen über dem stillen See, aus dem Wald dringt Affengebrüll, in der Etappe zähle ich 25 Wildschweine, aus sicherer Entferung starren uns sieben Gaure an, Dschungelrinder, groß wie Kaffernbüffel. Wir laufen durch brusthohes Gras, am Seeufer ist es sumpfig. Tanghans Walkie-Talkie knarzt. Ein Kollege meldet, am anderen Ufer seien Elefanten gesehen worden. Tanghan muß, wollen wir Tiger, Elefant & Co. auf die Spur kommen, auf dem Laufenden sein. Und tunlichst sollten wir die großkalibrigen Tiere sehen, bevor sie uns sehen, zumindest, wenn sie Junge dabei haben, schlecht gelaunt sind und der Fluchtweg für das Tier so blöd verstellt ist wie bei Feuer der Notausgang in einem schlampig geführten Kaufhaus.

    Der Tiger Trail ist vollkaskofreie Zone. Stattdessen gibt es Regeln, Regeln, Regeln. Regel eins: auf die Begleiter hören. Regel zwei: von wilden Tieren Abstand halten. Drittens: still sein. Und dann noch: kein Alkohol, kein Parfum, keine Musik, keine helle Kleidung. Allerstrengstens verboten: in der Dunkelheit herumlaufen, und sei es nur im Camp. Und falls doch mal etwas passiert, ist der Veranstalter aus dem Schneider. Vor dem Start hatten wir eine Erklärung zu unterschreiben, daß wir auf alle Schadenersatzansprüche verzichten.

    Auf dem Weg zum Nachtlager entdecken wir in einem fort tierische Hinterlassenschaften. Erst den Stachel eines Stachelschweins, dann einen Elefantenknochen, dann Bärenköttel. Schließlich eine Tigerspur. Die Kunst der vier Träger, Fährten zu lesen, steht der der Buschleute im südlichen Afrika in nichts nach. Sie riechen offenbar jeden Elefantenfurz auf zehn Kilometern und können sagen, welches Tier vor 33 Jahren welchen Grashalm umgeknickt hat. Der Tatzenabdruck ist zwei oder drei Tage alt. Der Abdruck verrät, daß sich Shir Khan, der Dschungelkönig, hin und wieder auch in der Touristenzone aufhält, in der Pufferzone sowieso. Tanghan erzählt, es sei vor einer Weile einmal ein Tiger abends auf der tagsüber gut bevölkerten Straße zum Schiffsableger unterwegs gewesen. Für westliche Reisende mag das ein Aufreger sein, für Einheimische ist das normal. Sie wissen, daß Tiger nicht die Straßenverkehrsordnung lesen.

    Auf einer Anhöhe bauen die Träger das Nachtlager auf. Geschlossenes Zelt für den weißen Mann und seine Frau, offener Zeltunterstand für das Servicepersonal. Zwei werden nachts immer Wache halten. Das Feuer muß immer anbleiben. Einer der Träger bereitet das Dinner zu: Reis und Gemüse. Unser Angebot, in der Dschungelküche mitzutun, wird nicht gutgeheißen. Die Rollen sind klar verteilt. Wir sind Gast, nicht Koch oder Kellner. Wir tragen nur unser persönliches Gepäck, kein Zelt, keinen Schlafsack, kein Geschirr. Wir spülen nicht ab. Wir halten nicht Wache. Wir bauen nicht einmal das Zelt auf. Immerhin, wir reisen ohne Sänfte, Nilpferdpeitsche und Tropenhelm. Vielleicht erleben wir noch den Tag, an dem indische Globetrotter in der Schnee-Eifel auf Wildkatzenpirsch oder in der Lausitz auf Wolfsentdeckungsreise gehen, angeführt vom Revierförster, mit ein paar Ein-Euro-Jobbern oder Ex-Sträflingen als Trägern im Schlepptau, Aldis Dosenfutter im Marschgepäck.

    Wir schlafen schlecht, denn den harten Boden sind wir nicht gewohnt. Am Morgen knarzt das Funkgerät wieder. „Walkie-talkie, calling tiger, calling three tiger. Nein, kein Tigeralarm, der Kollege am anderen Ende nennt sich bloß „drei Tiger. Britischer Humor eben.

    Dichter Wald und Graslandschaft wechseln sich ab. Lianen hängen wie armdicke Spaghetti von den Bäumen. In Reihe folgen wir den Trampelpfaden durch den Laubwald, Tanghan wie eine Gänsemama vorneweg, das Gewehr geschultert oder im Anschlag, die Träger mit ihren Pötten und Pappkartons auf dem Kopf hinterher. Ein Nashornvogel, ein Malabar-Hornvogel, beobachtet uns. Lag da ein Grinsen auf seinem Schnabel?

    Als wir aus dem Wald kommen, sehen wir in der Graslandschaft Familie Elefant auf uns zutrotten, eine kleine Elefantenparade, einer hinter dem anderen, wie bei Walt Disney. Die Rüssel schlackern unaufhörlich hin und her, wie aus guter Laune oder Übermut. Tatsächlich aber reißen die Dickhäuter Gras aus und futtern ganz zeitgemäß im Gehen. Dahinter müht sich das Elefantenkalb um Anschluß. Es hat sichtlich Probleme, im Takt der Eltern zu fressen und gleichzeitig Schritt zu halten. Wir ziehen uns an den Waldrand bis auf siebzig oder achtzig Meter zurück. Gunman Tanghan ist längst nervös, da knackt es hinter uns im Wald. Nach einem verirrten Wildschweinferkel hört sich das aber nicht an. Familie Elefant ist schon ganz Ohr, legt einen Stoßzahn zu und ergreift zügig die Flucht. Die grauen Riesen haben kapiert, daß da was im Busch ist. Zehn Meter hinter uns taucht ein paar Schrecksekunden später aus dem Dickicht ein Wildrind mit Kalb auf. Als Mutter und Kind uns bemerken, flüchten sie. Nur wir fliehen nicht.

    Bevor ein Elefant einen Menschen attackiert, gibt er gewöhnlich erst Warnsignale oder greift zum Schein an. Eine Touristin kam im November 2009 in Periyar mit Rippenbrüchen, einem Schlüsselbeinbruch und dem Schrecken davon, als eine Elefantenkuh sie angriff. Die Frau und ihr Partner waren mit einem einzelnen, unbewaffneten Führer auf einer Halbtageswanderung in der Touristenzone unterwegs, als sie eine Herde von 55 Elefanten aus etwa hundert Metern Distanz beobachteten. Beim Rückzug durch den Wald tauchte die Elefantendame unvermittelt auf und stürmte in Richtung der drei. Der Führer schrie „run!" und floh mit dem anderen Mann, während die Frau sich ins Gebüsch kauerte. Die Elefantenkuh ließ von den Flüchtenden ab, entdeckte die Frau und schlug mit dem Rüssel nach ihr. Das Tier soll sogar versucht haben, sie zu erdrücken, wie die Frau später berichtete. Weil sie sich in Embryostellung in einer Mulde zusammengerollt habe, sei sie mit dem Leben davongekommen. Zoologen würden sagen, daß die gereizte Elefantendame nur eine Verwarnung ausgesprochen habe.

    Andere Urlauber kamen in Indien weniger glimpflich davon. Im August 2009 wurde eine 65jährige Französin im Nilgiris District in Tamil Nadu auf einer Safari von einem Elefanten getötet. Eine wilde Elefantenkuh und ihr Kalb hatten sich vom Fotoblitzlicht gestört gefühlt und attackierten den offenen Jeep. Das Muttertier erschlug die Französin mit ihrem Rüssel. Im April 2009 hielt eine Gruppe Touristen im Kaziranga-Nationalpark nach Vögeln und Primaten Ausschau, als ein Elefant sie attackierte. Acht konnten sich in Sicherheit bringen, ein 60jähriger holländischer Tourist stolperte und wurde von dem Tier zu Tode getrampelt.

    Zusammenstöße mit Tigern sind seltener. Im Februar 1985 wurde ein britischer Ornithologe bei der Wildbeobachtung im Corbett-Nationalpark von einem Tiger getötet. Im Mai 2004 gab es einen spektakulären Tigerangriff in Kaziranga, der - weil gefilmt - als YouTube-Video um die Welt ging. Ranger des Assam Forest Departments waren auf dem Rücken von fünf Arbeitselefanten auf der Suche nach einer Tigerin, die zwei Stück Vieh gerissen hatte. Der Trupp entdeckte das Weibchen, ein Schuß aus dem Betäubungsgewehr verfehlte es. Aus der Deckung eines Reisfeldes sprang die wütende Katze plötzlich vier Meter hoch auf den Kopf eines Elefanten und attackierte den Mahut mit einem Prankenschlag und ihren gefährlichen Kieferzähnen. Die Raubkatze verletzte Hand und Arm des Mahuts schwer, die Elefantenkuh wich zurück, und das Tigerweibchen landete wieder auf dem Boden. Der Mahut und der hinter ihm sitzende Schütze fielen ins Gras. Die tapfere Elefantenkuh hielt die brüllende Tigerin mit ihrem linken Fuß und dem Rüssel eine halbe Minute lang auf den Boden gedrückt und rettete so die beiden Inder vor dem Tod, bevor die Tigerin entweichen konnte. Der 25jährige Mahut verlor drei Finger.

    Verglichen mit dem Blutzoll, den Einheimische entrichten, sind die tragischen Zusammenstöße von Touristen mit Tieren in Indien eine Quantité négligeable. Allein in Assam töten Elefanten jedes Jahr Dutzende Inder. In den Sundarban-Sümpfen an der Grenze zwischen Indien und Bangladesch erlegen menschenfressende Tiger jedes Jahr schätzungsweise fünfzig bis 250 Menschen. Die rund 500 Raubkatzen dort haben ihre Scheu vor dem Menschen weitgehend verloren und greifen nicht nur Holzfäller, Fischer und Honigsammler in den Mangrovenwäldern an, sondern auch die Einwohner in angrenzenden Dörfern, selbst in Hütten und Ställen.

    Schon am Mittag schlagen wir unser Nachtcamp an einem Bach auf. Später

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