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Vergöttert und verteufelt: Erlebte Geschichten eines Starfighterpiloten Im Wechselbad von Faszination und Ernüchterung
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Vergöttert und verteufelt: Erlebte Geschichten eines Starfighterpiloten Im Wechselbad von Faszination und Ernüchterung
eBook310 Seiten4 Stunden

Vergöttert und verteufelt: Erlebte Geschichten eines Starfighterpiloten Im Wechselbad von Faszination und Ernüchterung

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Über dieses E-Book

Als einer der ersten deutschen Flugzeugführer schulte der Autor auf dieses seinerzeit modernste, in seinen Flugeigenschaften faszinierendste und einmalige Superflugzeug um. Daran schloss sich eine achtjährige Tätigkeit als Fluglehrer auf diesem Muster an. Der Starfighter begleitete ihn auch weiterhin in seiner Laufbahn als Verantwortlicher in späteren Führungsfunktionen. Wer 15 Jahre lang den Starfighter geflogen ist, kann viel erzählen. Es sind erlebte Geschichten über die Sonnenseite des Fliegens, die Schatten der Abstürze und Todesfälle, nachdenkliche und heitere Erlebnisse, Verdruss über die Unzulänglichkeiten des technisch unausgereiften Flugzeugs und die miserable Ersatzteilversorgung. Die politisch und militärisch Verantwortlichen versuchten mit dem Know-How von gestern ein Flugzeug von morgen zu managen. Auch die Techniker und Piloten in den Verbänden waren überfordert. Erst die Reformen, die General Steinhoff 1966 nach seiner Ernennung zum Inspekteur der Luftwaffe entschlossen einleitete, brachten Besserung.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum31. Juli 2018
ISBN9783746747170
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    Buchvorschau

    Vergöttert und verteufelt - Erwin Willing

    Deutschland hat uns wieder

    Wir waren noch nicht lange in der Luft, als die Stewardess über die quäkenden Lausprecher unsere baldige Landung ankündigte. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Anflug auf den Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel begonnen. Stellen Sie bitte das Rauchen ein, schließen Sie Ihre Sitzgurte und stellen Sie Ihre Sitze senkrecht. Vielen Dank. Wir, das waren ein halbes Dutzend in den USA zu Piloten ausgebildete Leutnante der deutschen Luftwaffe, die nach Abschluss ihrer Schulungen aus den USA zurückkehrten. Nach einem unendlich langen Nachtflug an Bord eines Propellerflugzeugs vom Typ Super Constellation der holländischen Fluglinie KLM waren wir von New York kommend am Freitag, dem 13. Juni 1958, frühmorgens in Amsterdam-Schiphol gelandet. Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter nach Hamburg. Wir waren nur ein kleiner Teil unserer Lehrgangsgruppe. Die Mehrzahl hatte sich für eine sechstägige Schiffsreise nach Europa entschieden. Ich aber wollte so bald wie möglich zu Hause sein und bevorzugte das schnellere und „standesgemäßere Verkehrsmittel Flugzeug. Zudem hatte ich eine frühere Seereise von Cuxhaven nach Helgoland in unangenehmer Erinnerung. Ich war halt eine Landratte.

    Von meinem Fensterplatz aus beobachtete ich, wie die Landschaft zwischen weißen Wölkchen vorbeihuschte und langsam Konturen annahm. Das Alte Land mit seinen schnurgerade ausgerichteten Obstbaumreihen und dann das grau-braune, breit geschwungene Band der Elbe, auf der ein paar Schiffe nur als kleine Punkte auszumachen waren, verschwanden unter der Tragfläche der Lufthansa-Convair CV 340 nach hinten. Für die Cockpit-Crew begann jetzt die Phase höchster Konzentration. Ich verfolgte die Landevorbereitungen so aufmerksam, als säße ich selbst im Cockpit. Schließlich kannte ich mich als frischgebackener Flugzeugführer in diesem Metier aus: Geschwindigkeit reduzieren, Landeklappen ausfahren, die erforderliche Sinkrate und die Anfluggeschwindigkeit genau einhalten. Immer deutlicher hoben sich Felder, Bäume und Straßen von ihrer Umgebung ab. Der Grenzzaun des Flughafengeländes war kurz sichtbar. Nun galt es, im richtigen Moment die Gashebel zurückzunehmen, die Maschine aus dem Sinkflug abzufangen und möglichst sanft aufzusetzen. Das macht immer einen guten Eindruck bei Passagieren. Das Aufsetzen unserer Convair auf die Landebahn hätten unsere amerikanischen Fluglehrer als „smooth Landing"¹ bewertet.

    Als man mir im Spätsommer 1956 eröffnete, dass ich zur fliegerischen Ausbildung in die USA geschickt werden sollte, war ich wie berauscht vor Freude. Mich erwartete ein unvorstellbar faszinierendes Land, in dem es nur reiche Leute gibt, so war meine Vorstellung. Alles, was ich von jenseits des großen Teiches gehört hatte, klang wie das Paradies auf Erden. Das Goethe-Zitat „Amerika, du hast es besser als unser Continent, der alte" aus dem Deutschunterricht fiel mir spontan ein. Zu Hause war mir auch alles zu spießig. Ich wollte erst mal weg von dem geteilten Deutschland, das noch immer unübersehbare Spuren des Krieges zeigte. Die von den westlichen alliierten Siegermächten vereinbarten Besatzungszonen waren gerade erst aufgehoben worden. „Drüben" war man modern und fortschrittlich. In dem Land, aus dem die Jazz-Musik zu uns herüberkam, spielte die Musik im vielfachen Sinne des Wortes. Zwar gab es auch bei uns zarte Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung. Die Menschen aber mussten noch immer ihre gesamte Energie aufwenden, um ihr tägliches Leben einigermaßen erträglich zu gestalten.

    21 Monate später hatte ich die Pilotenausbildung in den USA abgeschlossen. Jetzt hieß es, von dem vielgepriesenen Land und den amerikanischen Freunden Abschied zu nehmen. Wir Deutschen waren stets und überall gern gesehene Gäste gewesen. Wir hatten die Menschen, ganz gleich, ob in Uniform oder Zivil, als außergewöhnlich gastfreundlich und hilfsbereit erlebt. Von solchen Tugenden waren die damals noch recht griesgrämigen Deutschen weit entfernt. Dennoch verabschiedete ich mich ohne Wehmut, denn zu Hause erwarteten mich ein neuer beruflicher Lebensabschnitt und Herausforderungen jenseits des ständigen Schülerdaseins. Auch hatte sich mein anfängliches Bild von dem makellosen Amerika inzwischen doch etwas getrübt, was vor allem den rüden Methoden der Vorgesetzten während der militärischen Kadettenausbildung, die wir über uns ergehen lassen mussten, zuzuschreiben war. Zudem spürte ich zunehmend so etwas wie eine Übersättigung vom „American Way of Life". Die vielen Partys und Barbecues hatten ihren Charme längst verloren. Die Smalltalks und der obligatorische Austausch von Freundlichkeiten langweilten mich inzwischen. Schließlich gab es noch einen weiteren wichtigen Grund für meine Ungeduld, schnell nach Hause zu kommen. Dort wartete seit ein paar Tagen mein fabrikneuer VW-Käfer auf seinen rechtmäßigen Besitzer. So sehr ich im Sommer 1956 die Reise in die USA herbeigesehnt hatte, so stark zog es mich jetzt zurück in die Heimat.

    Im Ankunftsbereich des Flughafens erwarteten mich meine Mutter und mein Schwager. Sie weinte vor Freude, als sie ihren verloren geglaubten Sohn in die Arme schließen durfte. Bei meiner Abreise in die USA hatte sie sich eigentlich damit abgefunden, dass es ein Abschied für immer sein würde. Fliegen, insbesondere in den Höllenmaschinen von Düsenjägern, war für sie wie ein Ritt auf der Rasierklinge. Mutter und Schwager waren mit meinem neuen VW-Käfer Export in silbergrau und Weißwandreifen angereist. Die Überraschung war gelungen.

    Am liebsten wäre ich mit meinen Verwandten und dem Käfer sofort nach Hause gefahren. Dem stand entgegen, dass wir Amerika-Heimkehrer uns am nächsten Tag bei unserer Stammeinheit in Uetersen - am nordwestlichen Stadtrand von Hamburg gelegen - zurückzumelden hatten. Dort lagen die Urlaubsscheine und Versetzungsverfügungen zu unseren neuen Einheiten in der Luftwaffe bereit, die wir gegen Empfangsbestätigung persönlich entgegenzunehmen hatten. Befehlsgemäß meldeten wir uns am Samstagmorgen bei dem zuständigen Vorgesetzten in der Kaserne, die ich zwei Jahre zuvor nach der Grundausbildung verlassen hatte. Zwar trugen wir noch immer dieselbe unkleidsame graue Uniform, die wir damals in der dortigen Kleiderkammer empfangen hatten. Inzwischen aber glänzten Leutnantssterne auf den seinerzeit noch blanken, heute aber mit Silberlitze umsäumten Schulterklappen des kurzen „Affenjäckchens".

    Der für uns Amerika-Heimkehrer zuständige Vorgesetzte eröffnete mir, dass ich zur 2. Staffel der Waffenschule der Luftwaffe 50, die auf dem Fliegerhorst Erding bei München stationiert war, versetzt sei. Meine Planstelle war mit dem Wortmonstrum „Aufklärungsflugzeugführer-Offizier", abgekürzt AufklFlzFhrOffz, bezeichnet. Auf meine Frage, was meine Aufgabe bei dieser Waffenschule sei, sagte er mir, dass ich dort zum Aufklärungsflugzeugführer ausgebildet werde. Nach Abschluss der Ausbildung würde ich zu einem der noch aufzustellenden Aufklärungsgeschwader versetzt. Diese Verbände hätten im Kriegsfall Kampfanlagen sowie Führungs- und Versorgungseinrichtungen des Gegners aufzuklären und die Waffenwirkung der eigenen Streitkräfte nach einem Angriff festzustellen, um der eigenen Führung ein möglichst lückenloses Bild über Stärke, Absichten und Bewegungen des Gegners zu ermöglichen. Die Waffen, deren Einsatz ich dort erlernen sollte, wären Luftbildkameras. Ich sollte also Foto-Shooting für die echten Einsätze der Jäger und Jagdbomber machen. Das war, weiß Gott, nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Der Hauptmann meinte, dass ich mir erst mal selber ein Bild von meiner neuen Aufgabe machen solle. Sollte mir diese Verwendung tatsächlich nicht zusagen, könne ich ja jederzeit eine Versetzung zu einem anderen Verband beantragen.

    Nach diesem Gespräch holte ich Mutter und Schwager im Hotel Raabe in Uetersen ab. 450 Kilometer lagen vor uns. Stolz wie Oskar fuhr ich zum ersten Mal mit einem eigenen, nagelneuen Auto selbständig auf deutschen Autobahnen und Straßen. Je mehr wir uns meinem Heimatdorf näherten, desto unruhiger und aufgeregter wurde ich in Erwartung der vertrauten Landschaft und seiner Menschen. Endlich begrüßte mich das Ortsschild „Meckbach Krs. Hersfeld". Auf der langgestreckten Dorfstraße, die noch immer ein besserer Schotterweg war, fuhr ich durch mein Heimatdorf. Für die meisten Bewohner war ein Auto, das im Ort irgendwo gesichtet wurde, noch immer ein Hingucker. Man rätselte, wer in dem Wagen wohl saß und wo er hinfuhr.

    Dieser VW Käfer hielt schließlich auf dem Hinterhof des Schulhauses, wo meine Eltern wohnten. In Blitzeseile hatte es sich herumgesprochen, dass „Willings Erwin" wieder zu Hause sei. Ein berühmter Fußballspieler, der nach gewonnener Weltmeisterschaft in seinen Heimatort zurückkehrt, hätte nicht mehr Aufmerksamkeit erregt. Welcher Ort in der näheren Umgebung konnte sich schon damit brüsten, einen Offizier und Jet-Piloten zu seinen Einwohnern zu zählen? Ich genoss es, von Eltern und Geschwistern verwöhnt und von den Verwandten, Freunden und Dorfbewohnern bewundert und gefeiert zu werden. Allerdings musste ich meine Mutter gleich enttäuschen, denn ich hatte vor, bereits am nächsten Tag zu meiner Freundin nach Wiesbaden zu fahren.

    Bis zu meinem Dienstantritt in Erding blieb mir genügend Zeit, auch meinen Segelflugverein in Bad Hersfeld aufzusuchen. Meine Fliegerfreunde, allen voran mein Klassenkamerad Pösti, bereiteten mir im Fliegerheim einen überwältigenden Empfang. Es bedurfte keiner Frage, dass ich nach einem kurzen Einweisungsflug mit Fluglehrer im vereinseigenen Sportflugzeug eine Platzrunde solo fliegen durfte. Ein wunderbares Gefühl, nach längerer Pause wieder mal ein Flugzeug zu steuern, auch wenn es „nur" eine kleine Sportmaschine war.

    Als ich nach einer Platzrunde zum Landeanflug einkurvte, lag keine drei Kilometer lange Beton-Landebahn, sondern eine verdammt kurze Graspiste vor mir. Zudem standen Bäume im Anflugbereich, die ich mit respektvollem Abstand überfliegen musste, bevor ich den relativ steilen Endanflug beginnen konnte. Es war also doch nicht so einfach, ein kleines Propellerflugzeug zu fliegen, wie ich mir das als stolzer, über solche Kleinflugzeuge erhabener Jet-Pilot vorgestellt hatte. Ich bemühte mich nach Kräften und Können, eine saubere Landung hinzulegen. Ich durfte mich doch hier nicht blamieren. Schließlich wollte ich auch das Vertrauen, das meine Fliegerkameraden meiner fliegerischen Erfahrung entgegenbrachten, nicht enttäuschen. Meine Rückkehr zur Erde wurde, wie es in Fliegerkreisen heißt, eine „Wochenlandung". Montag, Dienstag, Mittwoch standen für drei Hopser, die meine Maschine nach dem ersten Aufsetzen vollführte, bevor ihre Räder endgültig am Boden blieben.

    Auf zu neuen Ufern

    Mein Urlaub war wie im Fluge vergangen. Anfang Juli machte ich mich auf die Reise zu meinem neuen Verband in Erding. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, was mich als zukünftiger AufklFlzFhrOffz erwartete. Als Erstes traf ich dort vier meiner Kameraden aus der Amerika-Crew. Dem gebürtigen Münchner und waschechten Bayern Helmut war der Standort Erding wie auf den Leib geschneidert. Er war begeisterter Segelflieger und Technik-Freak, der das Zahnmedizinstudium abgebrochen hatte, um fliegen zu können. Helmut war groß und stämmig, eben, wie man in Bayern sagt, ein gestandenes Mannsbild. Aus seinem leicht pockennarbigen Gesicht ragte eine unförmige, großporige und gerötete Knollennase heraus. Helmuts Flugtauglichkeit war dadurch nicht einschränkt. Seine Nase passte immer noch in die Sauerstoffmaske.

    Anfänglich glaubten wir, dass es sich um eine typische Säufernase handelte. Damit taten wir unserem Kameraden aber Unrecht, denn er trank selten Alkohol. Er beschäftigte sich lieber mit aerodynamischen und fliegertechnischen Fragen, als seine Zeit in Clubs und Bars zu verplempern. Später erfuhr ich, dass sein unförmiger Riechkolben die Folge einer Hauterkrankung war. Ich habe ihm viel zu verdanken, denn er hat meinem mäßigen technischen Verständnis während unserer Ausbildung in den USA oft nachgeholfen. Er strahlte über das ganze Gesicht, wenn er über fliegerische oder technische Fragen dozieren durfte.

    Ebenfalls bayerischer Abstammung und bayerischen Gemüts war Norbert, genannt „Gammel. Im Unterschied zu den meisten von uns war Norbert Heimschläfer, denn seine Familie lebte in Freising. Er war, wie man es in der heutigen Jugendsprache nennen würde, ein cooler Typ. Ihn konnte so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Er stand über den Dingen, tat zumindest immer so. Während unserer Ausbildung in den USA verbrachte er seine Freizeit meist in der Kaserne. Selten nahm er an unseren Ausflügen teil. Er konnte stundenlag auf seiner Koje liegen und Abenteuerromane, vorzugsweise Karl May, im Groschenheftformat lesen. Er hielt seine Dollars, die ihm als Auslandszulage ausgezahlt wurden, behutsam zusammen, was man auch an seiner spärlichen Ausstattung mit Zivilkleidung ablesen konnte. Norbert war begeisterter Skifahrer und Bergsteiger. Unter seiner fachkundigen und geduldigen Anleitung habe ich die ersten Rutschversuche auf Skiern gemacht. In Deutschland hatte er sich seinen Wunsch erfüllt, einen Porsche zu fahren. Ein standesgemäßes Fortbewegungsmittel für einen Jet-Piloten. Dieses Fahrzeug wurde allerdings nicht alt. Kurz nach seiner Rückkehr aus den USA war Norbert auf einer kurvenreichen Bergstraße von der Fahrbahn abgekommen und einen Abhang hinabgestürzt. Im Unterschied zu seinem Porsche blieb „Gammel zum Glück unbeschädigt. Danach hat er sich mit einem schlichten VW-Käfer begnügt.

    Auch Horst, der bekennende Berliner, gehörte zur Gruppe der neu zur Waffenschule der Luftwaffe 50 versetzten Piloten. Er war unser Streber. Immer darauf bedacht, seine Vorgesetzten durch vorbildliches Verhalten zu beeindrucken. In den USA hatte er es bis zum „Cadet-Lieutenant" gebracht. Er trug die glänzendsten, spitshine²-gewienerten Schuhe von uns allen. Auch in Erding achtete er darauf, sich nicht in den Sog des unbotmäßigen und aufmüpfigen Verhaltens seiner Kameraden hineinziehen zu lassen. Seine eng beieinanderstehenden Augen wirkten stechend und strafend, wenn wir uns aus seiner Sicht wieder einmal nicht wie Erwachsene benommen hatten. Horst war eher der Einzelgänger, der an unseren „Debriefings³, wie wir die Umtrunke im Offizierskasino nach Dienstschluss im Offizierskasino nannten, selten anschloss (heute würde man diese Art des geselligen Beisammenseins „After-Work-Party nennen).

    Wir dachten, wir hätten uns verhört, als uns Horst eines Tages zur Taufe seines neuen Autos auf den Parkplatz vor dem Offiziers-Kasino einlud. Bewundernd standen wir um seine Neuerwerbung herum, als er mit einer Flasche Sekt erschien. Weit und breit waren aber keine Gläser zu sehen. Sollten wir etwa alle reihum aus der Flasche trinken? Horst startete den Motor seines ganzen Stolzes, schaltete den Scheibenwischer ein, ließ den Korken knallen und das edle Getränk langsam über die Windschutzscheibe rieseln. Das emsig hin und her flitzende Wischerblatt beförderte den als Prominentensprudel scherzhaft bezeichneten Schaumwein auf die Motorhaube. Welch ein Luxus, eine Autoscheibe zu reinigen, dachte ich mir. Währenddessen taufte er tatsächlich seinen Wagen auf irgendeinen albernen Namen, an den ich mich nicht mehr erinnern kann. Wir klatschten artig und gingen davon aus, dass wir nunmehr von ihm an die Bar eingeladen würden, um sein neues Auto mit uns zu begießen. Fehlanzeige! Horst bedankte sich für unsere Teilnahme an der Taufzeremonie, stieg in sein Gefährt ein und fuhr zu einer Spritztour davon. Das passte in das Bild, das wir von ihm hatten.

    Der vierte im Bunde war Uli. Er repräsentierte den Gegenentwurf zu Horst, dem er schon während unserer gemeinsamen Amerikazeit in herzlicher Abneigung verbunden war. Uli passte nicht in das herkömmliche Bild des gehorsamen Soldaten. Er polarisierte gern und konnte sehr sperrig reagieren, wenn er den Sinn eines Befehles nicht einzusehen vermochte. Uli war sehr eloquent und schlagfertig. Bevorzugtes und dankbares Opfer seiner scharfen Zunge war selbstverständlich Horst. Mich konnte er mit seiner Lust am Ironisieren mitunter auf die Palme bringen. Er war ein ausgezeichneter Tänzer, was ihm einen weiteren Bonus bei Frauen bescherte. Uli war darauf bedacht, die Annehmlichkeiten des Lebens und die Freude am Fliegen nicht unnötigerweise dem Mammon Karriere zu opfern.

    Auch mancher Vorgesetzte arbeitete sich an Ulis Schlagfertigkeit ab. Er machte sich einen Spaß daraus, seine Vorgesetzten und Offizierskameraden nach Kriterien einzuschätzen, die der ehemalige Heeresgeneral und Teilnehmer am militärischen Widerstand gegen Hitler, von Hammerstein-Equord, seiner Nachwelt hinterlassen hat. Der General beurteilte seine Offiziere nach vier Gruppen: Dumme und zugleich fleißige hielt er für gemeingefährlich. Faule und dumme könnten in untergeordneter Stellung keinen Schaden anrichten. Fleißige und kluge taugten nach seiner Ansicht für mittlere, aber nicht für höchste Stellen, die den klugen und faulen Offizieren vorbehalten sein sollten. Seinen Widersacher Horst steckte Uli in die Schublade der ersten Gruppe.

    Ulis Heimatsstadt war Wiesbaden. Seine südhessische Herkunft hatte ihn sowohl mundartlich als auch in seiner Lebensphilosophie geprägt. Seit unserer Ausbildung in den USA war ich mit Uli befreundet. In Erding verband uns zudem eine Zweckgemeinschaft. Wie ihn zog es auch mich anfänglich aus verständlichen Gründen an den Wochenenden nach Wiesbaden. Die Abstecher in seine hessische Heimatstadt gerieten meist kurz, denn unser Dienst endete erst am Samstagmittag. Es gab noch keine durchgehende Autobahn, so dass wir uns mühsam auf Landstraßen und durch viele Ortsdurchfahren vorwärts quälen mussten. Uli war anfangs auf meine Fahrgelegenheit angewiesen, denn er besaß noch keinen Führerschein. Seinen blauen Karmann Ghia hatte ich kurz vor seiner Führerscheinprüfung für ihn in Wiesbaden abgeholt und nach Erding überführt.

    Unsere Vorgesetzten in Erding waren durchweg kriegsgediente Offiziere. Nach einer zehnjährigen Zwangspause und einem mehr oder weniger erfolgreichen zivilberuflichen Intermezzo hatten sie sich in der neuen Luftwaffe beworben. Soweit sie nicht offensichtlich durch Mittäterschaft für das Nazi-Regime aufgefallen waren, wurden sie eingestellt. Unser Kommandeur war Oberstleutnant Proll. Als wir uns bei ihm in seinem geräumigen Büro zum Dienstantritt meldeten - militärisch korrekt, versteht sich -, kam er uns entgegen und hieß uns mit festem Händedruck herzlich willkommen. Ein leichtes Lächeln glitt über sein Gesicht. Es verriet uns, dass er sich ehrlich über den Nachwuchs an jungen Flugzeugführern freue. Wir nahmen in einer Sitzecke, bestehend aus bundeswehrtypischen, gelb-schwarz karierten Sesseln, einem farbgleichen, tiefen Sofa und dem ebenfalls aus Bundeswehrbeständen stammenden roten Couchtisch Platz. Die Sekretärin brachte Kaffee. Unser neuer Kommandeur stellte uns unseren zukünftigen Verband vor und informierte uns darüber, was uns hier bevorstand und von uns erwartet wurde. Anschließend beantwortete er sehr geduldig unsere Fragen.

    Er war ein väterlicher Vorgesetzter. Später zeigte sich, dass er großes Verständnis für den Sturm und Drang seiner jungen, ungezähmten Fohlen-Leutnante hatte. Oft kam er nach Dienstschluss zu unserem abendlichen „Debriefing in die Bar des Offizierskasinos vorbei. Manchmal lud er uns auch noch in seine nahegelegene Wohnung zu einem Absacker ein. Seine Frau war von diesen späten Besuchen wenig begeistert. Schluss mit lustig war es für den Oberstleutnant und späteren Generalmajor, wenn einer seiner Piloten vorsätzlich gegen fliegerische Vorschriften (man nannte dies in der Luftwaffe der Wehrmacht „fliegerische Unzucht) verstoßen oder sich anderweitig schlecht benommen hatte.

    Auch mein erster Staffelkapitän, Major Sommer, entsprach überhaupt nicht dem Klischee des strammen preußischen Offiziers. Er war vielseitig interessiert und belesen. Äußerlich unterschied er sich von seinen gleichaltrigen Offizierskameraden durch seinen absolut haarlosen Schädel, aus dem listige blaue Augen herausschauten. Sein letztes Haar war ihm schon vor vielen Jahren abhandengekommen. Nur ab und zu zeigte sich ein winziges blondes Haarpflänzchen, das auf diesem Nährboden aber keine Überlebenschance hatte und spätestens bei zwei Zentimeter Länge aufgeben musste. Man sagte, sein totaler Haarausfall sei durch einen Chemieunfall verursacht worden. Er selbst sprach nicht darüber. Er hatte immer ein freundliches Wort für jeden, dem er begegnete. Ich schätzte ihn auch deswegen, weil er sehr engagiert und verantwortungsbewusst an die schwierige Aufgabe heranging, den Aufbau der Luftwaffe mitzugestalten.

    Dieses Pflichtbewusstsein konnte ich nicht bei allen kriegsgedienten Offizieren, die uns auf Grund ihrer Dienstgrade vorgesetzt waren, erkennen. Viele trauerten noch den guten alten

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