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Vom besten ostfriesischen Jagdgeschwader: Ereignisse und Geschichten aus 20 Jahren Jagdgeschwader 71 "Richthofen"
Vom besten ostfriesischen Jagdgeschwader: Ereignisse und Geschichten aus 20 Jahren Jagdgeschwader 71 "Richthofen"
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eBook256 Seiten2 Stunden

Vom besten ostfriesischen Jagdgeschwader: Ereignisse und Geschichten aus 20 Jahren Jagdgeschwader 71 "Richthofen"

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Über dieses E-Book

Es war im September 1976, als der Autor seinen Dienst als 6. Kommodore des Jagdgeschwaders 71 "Richthofen" in Wittmund (Ostfriesland) antrat. Wie so viele Menschen im übrigen Teil Deutschlands hatte auch er seine Vorurteile gegenüber dem Land hinter dem Mond, in dem die etwas dösigen Menschen leben sollen, die Fremden gegenüber zurückhaltend und sehr wortkarg seien. Der Autor wurde eines Besseren belehrt. Er traf auf aufgeschlossene, gastfreundliche und "plietsche" Menschen, wie die Norddeutschen zu sagen pflegen. Sie waren stolz auf ihr Geschwader, das zu Recht als bestes ostfriesisches Jagdgeschwader bezeichnet wurde, denn es gab in diesem Landstrich keinen Mitbewerber um diesen Titel. Ungeachtet dessen brauchte es aber auch keinen Vergleich mit allen Kampfverbänden der Nato in Mitteleuropa zu scheuen. Nachhaltig prägend für den Charakter und das Image dieses Verbandes war dessen erster Kommodore, Oberstleutnant Erich (Bubi) Hartmann, der erfolgreichste Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg. Während seiner Amtszeit wurde das erste Jagdgeschwader der neuen Luftwaffe mit dem Traditionsnamen "Richthofen", dem bekanntesten und auch im Ausland geschätzten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs geadelt.

Der Autor blickt zurück auf die wechselvolle 20-jährige Geschichte im Leben des JG 71 "R" von seiner Indienststellung 1959 bis zur Übernahme der Geschwaderführung durch seinen Nachfolger1979. Er berichtet sehr unterhaltsam über die Herausforderungen eines Kampfverbandes, der 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr eine hohe Einsatzbereitschaft sicherzustellen hatte. Die Vorgesetzten in den Kommandobehörden ließen den Verband oft im Regen stehen. Als Träger des Traditionsnamens "Richthofen" standen das JG 17 "R" und sein Kommodore unter ständiger Beobachtung. Es war nicht immer leicht, die Fettnäpfchen der "Political Correctness" zu umgehen. Um all diese Ereignisse ranken sich viele vergnüglich, aber auch nachdenklich stimmende Geschichten.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum10. Okt. 2020
ISBN9783753107646
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    Buchvorschau

    Vom besten ostfriesischen Jagdgeschwader - Erwin Willing

    Die Ahlhorner

    Die Truppe war angetreten. Auch 50 silberglänzende Jagdflugzeuge vom Typ Canadair F-86 Sabre MK VI, im Pilotenjargon „Sabre" genannt, standen in Reih und Glied, exakt ausgerichtet auf dem Flugfeld, um sich heute bestaunen zu lassen und ab nächster Woche von den Piloten für Ausbildungs- und Übungseinsätze geflogen zu werden.

    Es war Samstagvormittag, der 6. Juni 1959, als das Jagdgeschwader 71 durch den Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Josef Kammhuber, auf dem Fliegerhorst Ahlhorn (südliches Oldenburger Land) in Dienst gestellt wurde. Die Luftwaffe der Bundeswehr hatte insgesamt 225 Maschinen vom Typ Sabre beim kanadischen Flugzeugbauer „Canadair", der diese Flugzeuge in Lizenz von North American Aviation gebaut hatte, übernommen. Der Fliegerhorst Ahlhorn war erst im Oktober 1958 von der britischen Royal Air Force an die deutsche Luftwaffe übergeben worden.

    Der erste Kommodore des Jagdgeschwaders 71 war Major Erich („Bubi) Hartmann. Den Spitznamen „Bubi hatte er seinem Vorgesetzten, dem damaligen Oberleutnant Walter Krupinski, zu verdanken. Dessen Staffel hatte an der Ostfront starke Verluste erlitten. Um sie zu ersetzen, wurde im Oktober 1942 unter anderem der 20-jährige Leutnant Erich Hartmann in die 7. Staffel des Jagdgeschwaders 52 versetzt. Beim Anblick dieses „primanerhaften Jünglings" soll Krupinski gesagt haben: „Mein Gott, was ist denn das für ein Bubi?"¹ Der Spitzname „Bubi Hartmann" war von da an Teil der Identität dieses Piloten, der sich wider Erwarten mit 352 Abschüssen zum erfolgreichsten Luftkämpfer aller Zeiten entpuppen sollte.

    Hartmann hatte sich nach dem Abitur im März 1940 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. Im Grunde seines Herzens hasste er den Kommiss. In seiner Jugend hatte er ein Jahr lang an der National-Politischen Erziehungsanstalt (Napola) in Rottweil die Erziehung zu „Zucht, Ordnung und Sauberkeit" erleiden müssen. „Kommißton und Kasernenhofdrill"² hatten seine Abneigung gegen alles Militärische geweckt. Trotzdem entschloss er sich, Soldat zu werden, denn nur bei der Luftwaffe sah er seinerzeit die Chance, seine Leidenschaft des Fliegens zu verwirklichen.

    Sein erster Einsatz mit Feindberührung am 14. Oktober 1942 wurde zur Katastrophe. Der übermotiviere Leutnant brach so gut wie alle Grundregeln der Jagdfliegerei. Sein Sündenregister beschreibt er selbst:

    „1. Trennung von seinem Rottenführer.

    2. Hineinfliegen in die Schussposition des Rottenführers.

    3. Durchsteigen der Wolken.

    4. Verwechselung des Rottenführers mit einem Feindflugzeug…..

    5. Den Befehl zum Sammeln nicht befolgt.

    6. Orientierung verloren. Verlust meines Flugzeugs, ohne dem Gegner Schaden zugefügt zu haben.

    Ich erhielt für drei Tage Startverbot und war zum Bodenpersonal eingeteilt.³"

    Von seinen Vorgesetzten bekam er einen gewaltigen Einlauf verpasst. Doch dieser Vorfall war dem immer schon etwas eigenwilligen jungen Mann eine Lehre.

    Fünf Wochen später gelang ihm bei seinem 19. Einsatz endlich der erste Abschuss. Es war ein sowjetisches Flugzeug vom Typ IL-2. Seine unglaubliche Erfolgsserie begann aber erst im Frühjahr 1943. Nach seinem 150. Luftsieg Ende Oktober 1943 wurde ihm das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. Zehn Monate später, Ende August 1944, gelang ihm der 301. Abschuss. Dies war der Anlass, ihn mit Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern auszuzeichnen. Hartmann war der 18. Wehrmachtssoldat, dem diese Ehrung zuteilwurde.

    Zur Verleihung der Brillanten zum Ritterkreuz mit Schwertern war der inzwischen zum Hauptmann beförderten Erich Hartmann für den 25. August 1944 zu Hitler in das Führerhauptquartier in der Wolfsschanze (Ostpreußen) einbestellt worden. Vor Betreten des inneren Sperrkreises wurde er aufgefordert, seine Pistole abzulegen. Er weigerte sich gegenüber dem Sicherheitsoffizier mit den Worten: „Bitte sagen Sie dem Führer, dass ich die Brillanten nicht haben will, wenn er kein Vertrauen in seine Frontoffiziere hat."⁴. Er durfte seine Waffe trotz des strikten Verbots Hitlers behalten. Erst im Vorraum zu Hitlers Zimmer schnallte er sie ab und hängte sie samt Mütze an den Garderobenständer.

    Hartmann war Kommandeur der I. Gruppe des Jagdgeschwaders 52, als ihm am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, in Ostböhmen sein 352. und letzter Luftsieg gelang. Obwohl die Urkunde noch nicht eingetroffen war, beförderte ihn sein Geschwaderkommodore am selben Tag noch zum Major. Anschließend begab sich der frisch Beförderte mit seinen Männern in amerikanische Gefangenschaft.

    Die Amerikaner aber wollten die deutschen Soldaten nicht behalten und transportierten sie gleich weiter zur nächstgelegenen Einheit der Roten Armee. Es gab nämlich eine Vereinbarung zwischen den Siegermächten, dass alle gefangenen Wehrmachtssoldaten, die ostwärts von Pilsen aufgegriffen werden, den sowjetischen Truppen zu überstellen seien. Damit begann die zehneinhalb-jährige Leidensgeschichte Hartmanns. Er wurde von den Sowjets wegen Gräueltaten gegen sowjetische Bürger, Beschießung von Militärobjekten sowie Abschuss von sowjetischen Flugzeugen und damit Schädigung der sowjetischen Wirtschaft zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er protestierte und trat in einen Hungerstreik. Trotz der unsäglichen, qualvollen Verhöre, trotz Einzelhaft und Folter weigerte sich Hartmann, als Spitzel für das „Ministerium für innere Angelegenheiten (MWD) tätig zu werden. Auch dem Drängen seiner Mitgefangenen, sich dem „Nationalkomitee Freies Deutschland oder dessen Ableger, dem „Bund Deutscher Offiziere", beizutreten, widerstand er beharrlich. Das NFD war der Zusammenschluss von kriegsgefangenen deutschen Soldaten sowie kommunistischen deutschen Emigranten in der Sowjetunion (u.a. der spätere Ministerpräsident der DDR, Walter Ulbricht). Die Organisation hatte zum Ziel, den Nationalsozialismus zu bekämpfen und Mitgefangene für die Ideologie des Kommunismus zu gewinnen. Hartmann war entsetzt, wie sich seine Kameraden, darunter Feldmarschall Paulus und General von Seydlitz, als Denunzianten der Sowjets missbrauchen ließen. Hartmann dagegen blieb standhaft und wahrte seine Würde.

    Häufige Beschwerden an die verschiedenen Lagerleitungen brachten ihn 1951 vor einen Untersuchungsausschuss. Vor diesem Gremium prangerte er unerschrocken die vielen Rechtsverletzungen gegenüber den Gefangenen und die Missachtung der Genfer Konventionen an. Daraufhin wurde er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Es mutet wie ein Wunder an, dass er nicht erschossen wurde. Im Zuge der von Bundeskanzler Adenauer mit den sowjetischen Machthabern ausgehandelten Freilassung der letzten Kriegsgefangenen, der so genannten „Heimkehr der Zehntausend", betrat Hartmann im Oktober 1955 wieder deutschen Boden.

    Zehneinhalb Jahre grausamer Demütigung und Abschottung von jeglicher Zivilisation waren an Erich Hartmann nicht spurlos vorbeigegangen. Vieles war ihm in der Heimat fremd. Er brauchte Zeit, um sich im Wirtschaftwunderland Bundesrepublik Deutschland zurechtzufinden. Auch schwebte das Damoklesschwert eines beruflichen Neuanfangs über ihm. Anfangs hätte er auf Grund seiner körperlichen Verfassung eine regelmäßige Tätigkeit ohnedies nicht ausüben können. Ein Studium schloss er wegen der langen Zeit der erzwungenen Bildungsabstinenz aus. Da er nur fliegen gelernt hatte, tat er sich schwer, in einem Zivilberuf Fuß zu fassen.

    Seine ehemaligen Kriegskameraden Hrabak, Barkhorn, Rall und Krupinski, die im Zuge der Wiederbewaffnung Deutschlands in die aufzustellende Luftwaffe der Bundeswehr eingetreten waren, bemühten sich zunächst vergeblich, Hartmann noch einmal für den Soldatenberuf zu gewinnen. Auch ein hoher Beamter des Verteidigungsministeriums soll versucht haben, Hartmann zu überzeugen, dass er in der Luftwaffe gebraucht würde. Das war überhaupt nicht in seinem Sinne.

    Schließlich gab er seinen Widerstand auf. Die Aussicht, mit dem Eintritt in die Bundeswehr sich und seiner Familie eine auskömmliche Existenz zu sichern, siegte über seine Abneigung gegen den Soldatenberuf. Außerdem reizte ihn die Möglichkeit, wieder fliegen zu können. Ende 1956 wurde ihm die Urkunde zur Ernennung zum Berufssoldaten ausgehändigt. Das Personalamt wollte ihn jedoch nur im Dienstgrad Hauptmann einstellen, da seine Beförderung zum Major am Tag der Kapitulation der Wehrmacht nicht mehr urkundlich verfügt worden war. Hartmann bestand darauf, als Major eingestellt zu werden und hatte schließlich Erfolg.

    Nachdem Hartmann seinen Refresher-Kurs⁵ auf Schulflugzeugen in Deutschland und die Waffenausbildung in den USA auf Kampfjets erfolgreich abgeschlossen hatte, entsprachen die Personalverantwortlichen im Verteidigungsministerium seinem Wunsch, Kommodore eines Jagdgeschwaders zu werden. Nach einer kurzen Zwischenverwendung bei der Waffenschule der Luftwaffe 10 in Oldenburg trat er am 15. Januar 1959 seinen Dienst auf dem Fliegerhorst Ahlhorn an, wo ein Vorkommando die Stationierung des ersten deutschen Jagdgeschwaders vorbreitete.

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    Als er am 26. Februar 1959 die erste F-86 Sabre Mark VI vom Werksflughafen der Firma Dornier in Oberpfaffenhofen nach Ahlhorn überführte, war er wieder in seinem Element. Begleitet wurde er von Oberleutnant Peters, der als sein „Kaczmarek"⁶ die zweite Maschine einflog. Von nun an galt Hartmanns ganze Aufmerksamkeit dem Ziel, innerhalb kürzester Zeit eine hohe Einsatzbereitschaft seines Geschwaders zu erreichen. Aufgaben, die nicht diesem Ziel dienten, mussten zurückstehen. Ihm war insbesondere daran gelegen, dass seine jungen Piloten so viel Flugerfahrung sammelten wie möglich. Der Meister des Luftkampfs hatte seit seinem letzten Einsatz mit einer Messerschmitt Bf 109 vor knapp vierzehn Jahren nichts verlernt. Seine Piloten konnten von seinem reichhaltigen taktischen Erfahrungsschatz im „Dogfight"⁷ viel lernen.

    Hartmanns Führungsstil, der seine Kriegserfahrungen widerspiegelte, war allerdings für die Soldaten der Nachkriegsgeneration gewöhnungsbedürftig:

    Er führte das JG 71 so, als wäre Krieg, . Er hatte keinen Geschmack an fein säuberlich zur Parade in Reihen aufgestellten Flugzeugen oder zum Appell angetretenen Soldaten, die von Offizieren ohne fliegerische Erfahrung inspiriert wurden. Nach seiner Meinung war Einsatzbereitschaft etwas viel Ernsthafteres."

    Der Erfolg seiner zielstrebigen Bemühungen stellte sich bald ein. Bereits ein Jahr nach seiner Indienststellung, nämlich am 1. Juni 1960, wurde der Verband in der Rolle Tag-Jagd als „Command Force" (NATO CF) der NATO unterstellt. Dies war eine gewaltige Leistung. Sie war möglich, weil alle im Geschwader an einem Strang zogen. Eine Alarmrotte (QRA)⁹ , bestehend aus zwei Piloten und zwei Flugzeugen, stand nunmehr von 30 Minuten vor Sonnenaufgang bis 30 Minuten nach Sonnenuntergang in 15-Minuten-Alarmbereitschaft. Am 22. Februar 1962 schied das JG 71 aus dem Kommandobereich der 3. Luftverteidigungsdivision in Münster aus und wurde der 4. Luftverteidigungsdivision (ab 1963: 4. Luftwaffendivision) in Aurich unterstellt.

    Hartmanns besondere Zuwendung galt seinen Flugzeugführern. Wie ein Vater wachte er über sie. Sie wiederum waren stolz darauf, den hochdekorierten und erfolgreichsten Jagdflieger als Kommodore zu haben. Sie bewunderten ihren Vorgesetzten nicht nur wegen seiner fliegerischen Leistungen. Ihnen imponierte auch, dass er sich nicht scheute, bei den Verantwortlichen in den Kommandobehörden und im Führungsstab kräftig auf den Tisch zu hauen.

    Die Mehrzahl der Piloten des JG 71 waren Unteroffiziere, Stabsunteroffiziere und Feldwebel. Sie hatten gegenüber den Offizieren in der Regel einen Vorsprung an Flugstunden und –erfahrung, da sie eine kürzere allgemein-militärische Ausbildung als ihre Offizierskameraden durchlaufen hatten. Auch wurden die jungen Offiziere oft zu Sonderaufgaben im Geschwader eingesetzt. Eine der häufigsten Nebenaufgaben war die des, wie wir sie seinerzeit nannten, „Bärenführers". Fast täglich waren Besucher zu betreuen, denen die jungen Leutnante das Geschwader erklären sollten. Dagegen konnten sich die Unteroffizierspiloten voll und ganz auf ihren fliegerischen Job konzentrieren. Ihnen traute der Kommodore zu, auch bei schwierigeren Flugbedingungen (z. B. grenzwertigem Wetter) die Sabre sicher zu beherrschen. Der damalige Leutnant Dieter v. Olleschick erinnert sich, dass sich die Offizierspiloten regelmäßig zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlten, wenn ihr Kommodore bei Einsätzen, die hohe Anforderungen an das fliegerische Können erforderten, befahl: „Heute fliegen nur Piloten."¹⁰ Damit meinte er seine Unteroffizierspiloten. Dem JG 71 haftete noch viele Jahre lang der Ruf des Unteroffiziersgeschwaders an.

    Andererseits war Hartmann darauf bedacht, dass im normalen Flugdienst kein Unterschied zwischen Offizieren und Unteroffizieren gemacht wurde. Auch in der Freizeit sollte es unter den Flugzeugführern kein Oben und Unten geben. Er war überzeugt, dass außerdienstliche Kontakte den Teamgeist fördern. Da den Unteroffizieren der Zutritt zum Offizierskasino laut Satzung verwehrt war, ließ der Kommodore auf der Basis eine so genannte „Sabre-Bar" als gemeinsame Begegnungsstätte für alle Flugzeugführer einrichten. Er legte Wert darauf, dass dort ausschließlich Piloten Zugang hatten. Damit hatte Hartmann bei den Fliegern den Nagel auf den Kopf getroffen, denn Piloten erzählen sich erfahrungsgemäß gerne ihre Erlebnisse. Und das am liebsten in ungezwungener Atmosphäre beim Feierabend-Bier. Die Hartmannsche Pilotenkneipe erfreute sich schnell großer Beliebtheit.

    Sehr bald hatten jedoch Hartmanns Vorgesetzten von dessen eigenmächtiger Maßnahme Wind bekommen. Er wurde aufgefordert die Sabre-Bar unverzüglich zu schließen. Man befürchtete höheren Ortes, dass sich Offiziere mit Unteroffizieren und Feldwebeln verbrüdern würden. Dadurch werde die Autorität des Offiziers in seiner grundsätzlichen Eigenschaft als Vorgesetzter untergraben. Womöglich duzen sich die Offiziere in bierseliger Laune auch noch mit den Feldwebeln und Unteroffizieren? Das geht überhaupt nicht, meinten die Verfechter der traditionellen militärischen Klassengesellschaft. Hartmann wäre sich selbst untreu geworden, wenn er nicht Mittel und Wege gefunden hätte, die Anordnung zur Schließung der Sabre-Bar zu umgehen. Heute noch gibt es in der Kaserne des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen" in Wittmund eine Sabre-Bar.

    In den Anfangsjahren der Luftwaffe lag Vieles noch im Argen. Auch in Ahlhorn traten fast täglich Probleme zutage, die einen geregelten Flugbetrieb behinderten. Hartmann war ein Meister der Improvisation. Darin hatte er sich nolens volens bereits in den letzten verlustreichen Kriegsjahren häufig üben müssen. Als im Winter 1959/60 der Flugbetrieb in Ahlhorn durch Schnee und Eis wochenlang beeinträchtigt wurde, erfand der Kommodore den so genannten „Bubimat. Hinter dieser Bezeichnung verbarg sich ein dem Staubsauger ähnliches Gerät mit umgekehrter Funktion. Nach seiner Vorgabe flanschten die Techniker des Geschwaders an das Abgasrohr des Orenda-Triebwerks einer Sabre ein Rohr an, das am Ende abgesenkt und verbreitert wurde. Dadurch wurde der austretende Abgasstrahl am Ende der Düse auf die Startbahnoberfläche geleitet, um Schnee und Eis den Garaus zu machen. Der „Bubimat wurde von einem Flugzeugschlepper gezogen, damit er nicht außer Kontrolle geriet.

    Die Luftwaffenführung war von der Wirksamkeit dieses genialen Startbahn-Enteisungsgerätes begeistert. Man entwickelte es weiter, indem man auf ein Fahrgestell zwei Orenda-Triebwerke montierte. Die Einsatzgeschwader wurden mit dem Wunder-Enteisungsgerät ausgestattet. Wann immer Eis oder Schnee den Flugbetrieb lahmgelegt hatten, unterbrach der „Blasius, wie wir das Gerät nannten, die winterliche Friedhofsruhe auf den Fliegerhorsten. Nach getaner Arbeit zeigte sich allerdings, dass der Asphalt und die Startbahn-Begrenzungslampen unter dem harten Strahl des Heißluftbläsers hier und da gelitten hatten. Der „Blasius erzeugte zudem häufig Eisflächen, da das Tauwasser gleich wieder gefror. Das war der Anlass, ihn bald wieder einzumotten.

    Am 21. April 1961, dem 43.Todestag des erfolgreichsten Jagdfliegers des Ersten Weltkriegs, Manfred von Richthofen, verlieh der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Kammhuber, in Vertretung des Bundesministers für Verteidigung dem Jagdgeschwader 71 die Traditionsbezeichnung

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