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Aus dem Schlaf gerissen
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eBook380 Seiten4 Stunden

Aus dem Schlaf gerissen

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Über dieses E-Book

Die Bewohner der Mecklenburger Kleinstadt bemerken nicht, was für grausame Verbrechen, nachts in den Häusern ihrer Nachbarn stattfinden. Eigentlich will sich der Berliner Pathologe, Dr. Peter Döring, in seinem neuen Haus am See zur Ruhe setzen. Schnell spürt er, dass es in Werlow ein furchtbares Geheimnis gibt. Er beginnt mit seinen Nachforschungen, ohne zu ahnen, dass er längst ins Visier des Serientäters geraten ist.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum22. Juli 2013
ISBN9783844260076
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    Buchvorschau

    Aus dem Schlaf gerissen - Birgit Vobinger

    Impressum

    Aus dem Schlaf gerissen

    Birgit Vobinger

    published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

    Text Copyright © 2013 Birgit Vobinger

    ISBN 978-3-8442-6007-6

    Alle Rechte vorbehalten

    Die Geschichte ist frei erfunden. Sollten Ähnlichkeiten mit Personen oder Orten vorhanden sein, sind sie nicht beabsichtigt.

    Kapitel 1

    Die letzten Wochen waren nervenzerreißend gewesen. Heute würde er dem Täter, den er vor Wochen „Das Wiesel" getauft hatte, näher auf den Pelz rücken. Trotzdem war Peter erstaunlich ausgeglichen. Er war am Ziel. Er hatte den Fall so gut wie gelöst. Genau, wie der Pathologe es aus der Gerichtsmedizin kannte. Alles lag klar vor ihm, nur das letzte Analyseergebnis fehlte noch. Das letzte Teil in diesem grausamen Puzzle, und er würde dem Ungeheuer ein Gesicht geben.

    Der warme Herbstabend ließ die Abendsonne durch das Küchenfenster scheinen. Der pensionierte Pathologe holte sich nach seinem reichhaltigen Abendessen eine Flasche Rotwein aus dem Keller und ging auf die überdachte Terrasse, um den lauen Oktoberabend zu genießen. Jeden Augenblick würde Ernst aus dem Labor anrufen und ihm das Ergebnis mitteilen. Er setzte sich in den Rattansessel, legte die Füße hoch und genoss den Ausblick. Der Werlower See grenzte an sein Grundstück. Das Wasser war wie gebügelt. Nur einige Fische brachten, während ihrer Jagd nach Fliegen und Wasserläufern, eine kleine Wellenbewegung zustande. Ein Anblick, der jedes Anglerherz höher schlagen ließ. Peter trank einen Schluck Wein und genoss, wie lange nicht mehr, den Anblick des Sonnenuntergangs über dem See. Am anderen Ufer erstrahlten die Lichter der Kleinstadt Werlow.

    Peter fing an zu schwitzen und fühlte, dass sein Kreislauf durcheinander war. Kein Grund für ihn zur Beunruhigung. Nach wochenlangem Stress verlangte jeder Körper eine Zwangspause. Eiskalter Schweiß lief ihm am Körper herunter und sein Bauch krampfte. Auf dem Weg in die Küche musste er sich am Türpfosten festhalten, um nicht die Orientierung zu verlieren. Er bemerkte die Person, die sich im Haus befand nicht. Unbemerkt huschte die dunkle Gestalt, an der Küchentür vorbei, hinaus auf die Veranda, schnappte sich das Mobiltelefon vom Gartentisch und suchte Schutz hinter den Büschen.

    Peter kochte sich einen Pfefferminztee. Er wusch sich mit kaltem Wasser durch das Gesicht und ging langsam wieder in Richtung Veranda. Er taumelte und stieß dabei an den Esstisch. Mit lautem Klirren fielen eine Bierflasche und ein Glas auf den Fliesenboden. Endlich erreichte er seinen Sessel, saß da und versuchte seine Gedanken zu sortieren. Wie die Trommelschläge auf einer Galeere hämmerte sein Herzschlag. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. Die Luft schien dick wie Glyzerin zu sein. Peter öffnete sein dunkelblaues Oberhemd.

    „Verdammt! Was ist denn bloß los? Das Herz? Ich muss Helmut anrufen." Ohne einen Blick auf den Tisch zu werfen, tastete er nach seinem Handy. Nichts. Eine Hand schützend vor die schmerzende Brust gelegt, suchte er auf dem Tisch und auf dem Boden nach dem Mobiltelefon. „Wo ist dieses blöde Handy?"

    Im Schutz der Dunkelheit lauerte das Wiesel. „Hier ist es. Glaubst du etwa ich lasse es auf dem Tisch?", dachte es. „Bei dir muss ich vorsichtig sein. Du kannst dir helfen. Den Anderen hätte ich ein Gegenmittel in die Hand geben können, ohne dass die geschnallt hätten, was sie damit machen können. Ja Peter, du bist schon ein ganz besonderer Fall."

    Der überhebliche Gesichtsausdruck des Wiesels änderte sich. Die Augen schienen plötzlich ins Leere zu blicken. Es rieb sich das Kinn. Eroberten Zweifel den Wahnsinnigen?

    Was mache ich nur? Ich mag dich."

    In seinen Gedanken tauchten die Bilder der gemeinsamen Stunden auf. Bisher hatte der Täter keinen privaten Kontakt zu den Opfern. Er kannte sie nur oberflächlich. Heute war er hier um einen guten Bekannten, einen liebenswerten Menschen zu töten.

    „Das kann ich nicht tun. Ich muss ihm helfen, alles erklären. Wenn ich ihm meine Mission erkläre, wird er es verstehen. Nein, wird er nicht. Es wäre zu riskant."

    Geschwächt saß Peter in seinem Gartensessel. Er zwang sich, nachzudenken. Er musste herausfinden, was seinen Körper verrückt spielen ließ. Herzschlag dröhnte immer stärker in seinem Kopf. Schweißtropfen lösten sich von seiner Stirn, liefen über den Nasenrücken, vorbei an den Wangen und sammelten sich zu einem großen Tropfen an seinem Kinn. Er hatte Angst. Er versuchte aufzustehen, um ins Haus zu gehen und Helmut anzurufen. Dumpf nahm er hinter sich ein Knacken wahr. Es sah sich um, konnte aber seinen Garten nur noch schemenhaft erkennen. Er spürte die Bedrohung, die Kälte der Augen, die ihn beobachteten. Wie durch einen milchigen Vorhang sah Peter in die Dämmerung. Irgendetwas stimmte nicht. Durch die Kopfschmerzen und Magenkrämpfe fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Dann erblickte er den Umriss eines Menschen, versteckt zwischen den Büschen. Er kniff die Augen zu einem Sehschlitz zusammen, um seinen Blick zu schärfen. Sollte ihm das Wiesel auf die Schliche gekommen sein und ihn nun, so kurz vor dem Ziel, heimsuchen? Und warum? Peter passte nicht ins Profil der Opfer.

    „Wer ist da?", fragte er ängstlich und tastete auf dem Tisch nach Gegenständen, mit denen er sich zur Wehr setzen könnte. Doch dann erkannte die dunkle Gestalt.

    „Gut, das du da bist. Hilf mir", fragte Peter.

    Wortlos betrat der Besucher die Veranda und setzte sich zu Peter.

    „Mein Kreislauf, keuchte Peter, „Mein Herz spielt verrückt. Ich brauche einen Krankenwagen. Ich kann mein Telefon nicht finden. Bitte geh' ins Haus und ruf' den Notarzt.

    „Ich weiß, wie es dir geht. Suchst du dieses Telefon?"

    Peter stutzte über diese Bemerkung. Trotz der schlechten körperlichen Situation bemerkte er die ihm entgegengebrachte Feindseligkeit.

    Der Gesichtsausdruck des abendlichen Besuchers veränderte sich. Der Täter zog seinen rechten Mundwinkel zu einem überheblichen Grinsen nach oben. Der Blick war hasserfüllt.

    „Die Krämpfe sind ganz schön schlimm, was?"

    Peter musterte die Person. Erneut reihte er Puzzle für Puzzle aneinander.

    „Du bist das Wiesel! Du hast mich vergiftet! Warum ich? Ich gehöre nicht in dein Profil."

    „Es tut mir Leid aber ich konnte kein Risiko eingehen."

    Peters konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

    „WAAARUUM?"

    „Es hätte nicht mehr lange gedauert, dann wärst du hinter meinen Auftrag gekommen. Das kann ich nicht zulassen. Musst dich ja in alles einmischen. Vielleicht tröstet es dich, dass mir dein Tod sehr schwer fallen wird. Ich muss meinen Auftrag erfüllen. Ich habe meine Mission. Da darf ich keine Rücksicht nehmen. Nimm es nicht persönlich. Mir fällt dieser Schritt wirklich besonders schwer. Das verstehst du doch, oder? Ach, ist auch egal. Es muss getan werden, was es zu tun gilt."

    Der ungebetene Gast lachte. Die Stimme des Wahnsinns durchdrang die Abendruhe.

    Peter zwang sich, nicht weiter zu zuhören. Als guter Diagnostiker würde er das Gift erkennen und wissen, was zu tun sei. Magenkrämpfe, Temperaturanstieg. Langsamer aber hämmernder Herzschlag. Beginn einer Bradykardie? „Du kennst das Zeug, denk nach, dir läuft die Zeit weg. Mein Gott, diese Krämpfe." Peter ahnte, womit er vergiftet worden war. Er musste ins Haus und medizinische Kohle einnehmen, um die weitere Resorption zu stoppen. Kraftlos drückte Peter sich aus dem Sessel hoch und versuchte ins Haus zu gelangen. Sein Peiniger packte ihn bei den Schultern und warf ihn zurück zu seinem Sessel. Peter schlug an die Armlehne. Der Rattansessel fiel um und der 57Jährige schlug mit dem Kopf auf den gepflasterten Boden. Als er sich, benommen vom Schmerz zu dem Wiesel umdrehte, lief warm das Blut über sein Gesicht. Der Aufschlag hatte eine Platzwunde an der Stirn hinterlassen.

    Sein Herzschlag war auf ca. 40 Schläge pro Minute gesunken. Bradykardie.

    Das Telefon läutete.

    „Du wirst nicht mehr erfahren wer dich sprechen will. Tja, die Diagnose wird wohl Herzinfarkt lauten, wenn man dich hier findet. Du bist 57, hast in letzter Zeit ganz schön zugelegt. So etwas passiert."

    Das Läuten des Telefons schien sich immer weiter von ihm zu entfernen. Peter kannte das Gift aber erst jetzt wusste er, was diese Menschen im Augenblick ihres Todes fühlten. Er konnte nicht entkommen. Zu viel war bereits in seinem Kreislauf. Ihm blieben nur noch wenige Minuten. Der dunkelhaarige Mann war am Ende und es gab noch so viel, was er gerne getan hätte. Nun, im Angesicht seines Todes, gab es keine Chance mehr all den geliebten Menschen zu sagen, was längst hätte gesagt werden sollen. Vor allem Kerstin. Peter war schuld, dass sie ihn verlassen hatte. Oft verbrachte der Pathologe 16 Stunden im Sektionssaal. Stunden, die dem Paar fehlten. Erst als sie gegangen war, wurde ihm die Größe des Verlustes klar.

    Mit dem vorzeitigen Austritt aus dem Berufsleben und dem Kauf des Hauses, versuchte Peter, das Leben zu führen, dass Kerstin sich damals für sie beide gewünscht hatte. Die Hoffnung sie zurückzugewinnen konnte er nicht aufgeben. Oft betrachtete er das Foto von ihr in seiner Brieftasche und träumte davon, wieder mit ihr zusammen zu sein. Auch als Ernst ihm von ihrem neuen Lebensgefährten erzählte, blieb ein kleiner Funke Hoffnung in seinem Herzen zurück. Erst jetzt, wenige Minuten vor seinem Tot erlosch auch dieser.

    Das Telefon verstummte. Das Wiesel stellte das Mobilteil wieder auf die Station. Einen Moment lang blickte es, fast betroffen, auf den leblos daliegenden Körper des Pathologen. Dann wandte es sich um und ging, berufen seine Mission zu erfüllen.

    Kapitel 2

    Sechs Monate zuvor.

    Man benötige 1 ½ Stunden Fahrt mit dem Auto und eine große Portion Mut, um von Berlin nach Werlow zu fahren und sein Leben mit 57 komplett umzustellen.

    Er bog mit seinem roten Audi A4 von der Bundesstraße links in seinen Privatweg ab. Unter dem Ortseingangsschild stand 5460 Einwohner.

    „Ab jetzt 5461", dachte Peter.

    Er stoppte den Wagen und öffnete die Fahrzeugscheiben. Links neben dem Weg lag ein Nadelwäldchen. Es hatte den ganzen Tag geregnet aber jetzt eroberte die Sonne den Himmel zurück. Der Duft nach Tannennadeln durchflutete das Fahrzeug. Peter kramte in seinem Handschuhfach, um sich von der passenden Musik in sein neues Leben geleiten zu lassen. Er sah den Stapel CDs durch. Lachend legte er „In the getto von Elvis wieder zurück. Bei „Vangelis nickte er zustimmend, legte sie in den CD-Player ein und setzte seinen Weg fort.

    Hinter dem weißen Häuschen lag der Werlower See. Bodennebel hing über der Wiese, vor dem Wald und auf der Wasseroberfläche des Sees. Die Idylle überwältigte den Großstadtbewohner. Hier würde der Pathologe seinen Lebensabend verbringen. Er parkte vor dem Eingang, ließ sein Gepäck im Auto und ging die drei Stufen zur Tür hinauf. Die Tür knarrte beim Öffnen. Im Haus roch es muffig. Im Erdgeschoss befanden sich drei Zimmer. Die hellgrünen Fliesen der Gästetoilette, die überall mit „Pril-Blumen" beklebt waren, stammten unübersehbar aus den 70er Jahren.

    Links befand sich die große Küche. Die Einbauküche aus Buche war bereits vor einer Woche installiert worden. Durch das Fenster erblickte man den Wald. Am Ende des Flurs befand sich das Wohnzimmer mit anschließender Veranda. Im Obergeschoss gab es zwei Schlafzimmer und ein kürzlich renoviertes Badezimmer. Das Umzugsunternehmen hatte gute Arbeit geleistet. Seine Möbel waren so aufgebaut worden, wie er es anhand des Grundrisses in Auftrag gegeben hatte.

    Zufrieden griff Peter zum Telefon und rief seinen besten Freund, den Chemiker Ernst Fröhlich, an.

    „Hallo, ich bin es, ich bin gerade angekommen", berichtete Peter.

    „Wie ist es, fühlst du dich schon einsam?"

    „Nein, wenn du das sehen könntest. Ich bin überzeugt, dass es genau das war, was ich gesucht habe."

    „Vielleicht hättest du das vor drei Jahren schon wissen sollen. Ich meine Kerstin. Sie hat sich gewünscht, dass du mehr Zeit mit ihr verbringst", entgegnete Ernst.

    „Habe ich auch schon gedacht. Wer weiß, vielleicht ist es noch nicht zu spät."

    Peter hatte damals die Bankangestellte Kerstin kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie war 5 Jahre jünger. Die große Schwarzhaarige und er verbrachten zwei wunderschöne Jahre. Peter war ein Workaholic. Kerstin wollte nicht immer zu Hause auf ihn warten. Schließlich verließ sie ihn.

    „Meinst du nicht, deine Erkenntnis kommt zu spät?"

    „Nach der Ziehung der Lottozahlen kann jeder den Schein richtig ausfüllen. Ich konnte mir ein Leben ohne 12 Stunden in der Gerichtsmedizin nicht vorstellen. Aber wer weiß?"

    „Sie hat jemanden kennengelernt. Aber hey, vielleicht wartet deine Traumfrau ja in dem kleinen Kaff."

    Peter schwieg. Es war ein Schock. Seine Kerstin in den Armen eines Anderen? War es wirklich aus und vorbei? Nein, Peter gab nie schnell auf. Wenn es noch eine Chance gab, würde er sie ergreifen.

    „Ja klar. Du, ich muss los, selbst meinem Kühlschrank knurrt schon der Magen. Tschau, mach's gut."

    „Tschüss, denk dran, meine Mutter sagt immer, die Träume der ersten Nacht gehen in Erfüllung."

    „Ihr lest zu viele Arztromane."

    Peter legte auf und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er fuhr wieder zur B198 und bog dann links in den Stadtring ein.

    „Mal schauen, wo Tante Emma ihr Geschäft hat. Hoffentlich hat der Laden dann auch noch auf, es ist gleich sechs. Wer weiß, wann hier die Bürgersteige hochgeklappt werden."

    Rechts lag der Friedhof. Die alten Grabsteine ließen vermuten, dass die Grabbewohner nichts von der Existenz der DDR mitbekommen hatten. Gleich neben der Apotheke befand sich ein EDEKA-Markt.

    „Na, wer sagt's denn, der hat noch auf."

    Es war ein kleiner Markt, bot aber das Notwendigste. Er schob seinen Einkaufswagen durch die Gänge und sammelte alles ein, was er für einen ersten Abend benötigte.

    „Sie hab ich hier noch nie gesehen. Zu Besuch?" wollte die Kassiererin wissen. Ihr blond gelocktes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie musterte ihn mit ihren großen, blauen Augen.

    „Nein. Ich bin Einwohner Nummer 5461. Mein Name ist Dr. Peter Döring."

    „Oh, ein Neuer? Na, dann willkommen. Ich bin Sonja Krümpelmann. Mir gehört der Laden. Arbeiten sie für die Fabrik?"

    „Nein, was für eine Fabrik?"

    „Medi-Voß. Sagen Sie nicht die, kennen Sie nicht. Die machen doch diese ... Verdammt mit dem Wort stehe ich aber aus Kriegsfuß. Homopotischen Sachen? Ach, Sie wissen schon Salben, Säfte. Diesen ganzen Kram."

    „Homöopathie. Obwohl sich Homopotisch viel schöner anhört. Nein, ich habe mich zur Ruhe gesetzt und wohne jetzt in dem kleinen Haus, auf der anderen Seite des Sees."

    „Machen Sie sich über mich lustig?", fragte sie und blickte ihn keck an.

    Er betonte, dass er das nie tun würde, blickte auf seine Armbanduhr und erklärte, dass er weiter müsste.

    Neugierig auf seine neue Heimat beschloss Peter, sich noch kurz den Ortskern anzusehen. Er ging auf den Marktplatz. Neben der kleinen Kirche war ein hübsches, kleines Café, die einige Tische im Freien hatten. Er setzte sich und bestellte sich eine Tasse Kaffee.

    Wieder im Haus beschloss er, den ersten Abend auf der Veranda zu verbringen. Bei einem Glas Wein lauschte er der Stille. Bisher hatte Peter mitten in Berlin gewohnt. Straßenlärm, Sirenen und Menschen. Hier hörte man nur ein Knistern aus dem Gebüsch. Eine Drossel durchwühlte unerbittlich die Erde nach einem Abendessen. Ein Quaken vom See und das Schlagen der Entenflügel ließen vermuten, dass den kleinen Kerl etwas erschreckt hatte. Er saß einige Stunden nur da und beobachtete seine Gartenbewohner. Das war genau das, was der Mediziner gesucht hatte. Er nahm das Foto von Kerstin aus dem Portemonnaie. Mit dem Zeigefinger streichelte er ihr über das Haar.

    „Ich war so dumm. Hier würde es dir gefallen. Du fehlst mir."

    Trotz der neuen Umgebung schlief Peter tief und fest in seinem neuen Haus.

    Kapitel 3

    Die Ladenglocke meldete den ersten Kunden am Morgen an. Die kleine 79jährige Witwe, mit blau/grauen Haaren, betrat das Geschäft und schüttelte ihren Regenschirm heftig aus. Die Wassertropfen spritzten zu allen Seiten und sammelten sich zu einer Pfütze auf dem Fliesenboden.

    „Guten Morgen Sonja, Kindchen. Ist ja wieder ein Wetter zum Mäusemelken."

    „Morgen Frau Mitschke. Ja, furchtbar. Ich habe meinen Wecker heute gehasst wie 'nen Besuch beim Zahnarzt. Man hat im Haus gehört, wie schlimm es regnet", erwiderte die hübsche 35jährige.

    Sonja ging zu den Backwaren. Frau Mitschke kam jeden Morgen um 8.00 Uhr, kaufte zwei Körnerbrötchen. Der kleine Tratsch mit der Ladenbesitzerin gehörte für die Witwe zum Frühstück wie eine Tageszeitung.

    „Wussten Sie, dass das kleine Haus am See wieder bewohnt ist?", erzählte Sonja.

    „Nein, sagen Sie bloß. Wer wohnt denn da? Eine nette junge Familie vielleicht? Mit kleinen Kindern muss man am Wasser aber gut aufpassen."

    „Nein, ein Doktor Döring. Er ist bestimmt alleinstehend. Jedenfalls hat er nur für eine Person eingekauft."

    Wieder ertönte die Ladenglocke. Die beiden Damen blickten erstaunt zur Tür. Normalerweise kam niemand um diese Uhrzeit herein. Der zweite Kunde, Dr. Peschke kam täglich um 8:30 Uhr, um sein Frühstück einzukaufen. Peter grüßte freundlich und lies sich vom Duft frischer Brötchen leiten.

    „Das ist er", tuschelte Sonja.

    „Oh, Herr Doktor, die alte Dame streckte ihm ihre knochige Hand zum Gruß entgegen, „Herzlich willkommen in unserer kleinen Gemeinde.

    „Guten Morgen, und vielen Dank, Frau ..."

    „Mitschke Herr Doktor. Werden Sie hier eine Praxis eröffnen?"

    „Nein, nein, ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Außerdem bin ich Gerichtsmediziner."

    Die alte Dame zog ihre Augenbrauen hoch. Ein durchdringender Blick traf Peter. Sie kniff die Augen zusammen.

    „Wollen Sie sagen Sie schneiden Leichen auf", erwiderte sie. Von ihrer sanften Stimme war nichts übrig geblieben.

    „Ja, ich bin Pathologe."

    Sie riss ihre trüben Augen entsetzt auf, holte tief Luft und kündigte damit das folgende Redegewitter an.

    „Der Herrgott gibt uns unser Leben, und wenn er es für richtig hält, nimmt er es uns wieder aber nicht, damit Leute wie Sie im Körper herumschnippeln, wie in einem toten Fisch", zischte die Witwe.

    „Frau Mitschke, manchmal werden Menschen gewaltsam umgebracht. Die Täter müssen betraft werden. Ich weiß, wie schwer es für die Angehörigen ist, wenn ihre Lieben obduziert werden müssen. Aber ich weiß auch, dass sie, wenn die Täter bestraft werden, mit ihrer Trauer besser umgehen können."

    „Blödsinn, vor Gottes Gericht werden die Mörder stehen. In der Bibel steht - Mein ist die Rache sprach der Herr. Da steht nichts davon, wie -Sucht euch doch 'nen Pathologen und klärt das unter euch."

    Wutentbrannt riss sie die Tür auf und stieß mit Dr. Peschke zusammen, der gerade das Geschäft betreten wollte.

    Erstaunt blickte der schwarzhaarige Mann ihr nach. „Was hat Frau Mitschke denn?", fragte der Allgemeinmediziner.

    Der schlanke, 1,70m große Mediziner ging kopfschüttelnd auf Peter und Sonja zu. Trotz seiner 65 Jahre hatte er so gut wie keine grauen Haare. Es war mit den Jahren nur etwas dünner geworden.

    „Ach, die Mitschke und ihr Autopsieproblem", entgegnete Sonja.

    „Ja, sie dachte ich sei ein ehrwürdiger Arzt. Aber ich musste sie enttäuschen. Ich bin Gerichtsmediziner. Guten morgen erst einmal. Döring, ich bin Einwohner Nummer 5461." Peter konnte das gerade Erlebte noch nicht ganz fassen.

    „Dr. Peschke ich habe hier eine Praxis ein paar Häuser weiter."

    „Ich bin anscheinend aus Berlin hergezogen, um mir mit meinen 57 Jahren von einer älteren Dame den Hosenboden strammziehen zu lassen."

    Die drei lachten. Sonja wandte sich wieder ihrer Arbeit zu und sortierte die Brote in die Holzregale.

    „Aber mal was anderes. Gibt es hier ein gutes Restaurant, das Sie mir empfehlen würden?", wollte Peter wissen.

    „Restaurant ist übertrieben. Ich gehe immer zu Jürgen. Zum grünen Jäger heißt sein Gasthof. Kein 5 Sterne Koch aber gemütlich. Wir könnten doch heute Abend zusammen dahin gehen. Haben Sie Zeit und Lust?"

    „Ja, gerne."

    „Treffen wir uns doch um 20:00 Uhr. Es ist am Werlower Weg. Einfach Richtung Fabrik fahren."

    „Prima, ich freu mich schon. Bis dann."

    Peter fuhr sichtlich gut gelaunt nach Hause, kochte sich einen starken Kaffee und musste über die alte Dame schmunzeln.

    *

    Es war 10 Minuten vor eins. Sonja schloss heute ihren Laden etwas früher. Sie hatte einen Termin bei Dr. Peschke. Sie ging die Straße herunter und klingelte an der Tür der Arztpraxis. Britta, die Arzthelferin, öffnete ihr.

    „Hallo Sonja, alles klar bei dir?"

    Die ehemaligen Klassenkameradinnen waren nie befreundet, kamen aber immer gut miteinander aus.

    „Naja, ist halt so alles beim Alten. Kennst du schon Dr. Döring? Ich find' ihn ganz nett. Und er sieht gut aus."

    „Der Chef hat was erwähnt. Komm, du kannst schon rein." Die Arzthelferin nahm die Karteikarte und brachte Sonja ins Sprechzimmer.

    Sie ging ins Sprechzimmer. Helmut Peschke strahlte eine väterliche Art aus. Seine Patienten kamen manchmal zu dem Allgemeinmediziner, nur um sich auszusprechen.

    „Sonja, wie geht es ihnen. Ich hatte eigentlich vor, der Arzt blätterte in seinem Kalender, „drei Wochen schon mit ihrem Besuch gerechnet. Die Tabletten müssten doch schon leer sein.

    „Nö, ich hab' noch welche", Sonja wurde etwas verlegen. Ihr war bewusst, dass der Arzt genau merkte, wenn sie die Psychopharmaka nicht regelmäßig nahm. Sie stellte sich schon innerlich auf eine Standpauke ein.

    „Sonja, wir kennen uns jetzt, seit Sie 15 Jahre alt waren. Sie waren früher quirlig wie ein Laubfrosch. Wir wollen doch beide, dass das wieder so wird, oder? Dazu müssen Sie ihre Pillen nehmen. Arbeiten Sie an ihrem Problem. Besuchen Sie wenigstens noch die Therapiegruppe?"

    „Ich, ... ich, Tränen rannen über ihr Gesicht, „Das bringt doch alles nichts. Ich habe gehört, dass Rainer schon zum zweiten Mal Vater geworden ist. Es hat alles nur an mir gelegen. Sonja war völlig aufgelöst.

    Beruhigend redete der Arzt auf seine Patientin ein. Riet ihr die Vergangenheit abzuhaken, vorauszuschauen. Peschke wusste, dass sie schwere Zeiten hinter sich hatte, zeigte ihr aber auf, dass es auch nach vielen Enttäuschungen wieder bergauf gehen wird, dass das Leben noch reichlich Schönes zu bieten hat. Der Mediziner machte der jungen Frau bewusst, wie wichtig sie und ihr Laden für die Gemeinde seien.

    „Sonja, überlegen Sie, wenn Sie nicht wären, wo hätte sich dann Frau Mitschke heute so aufregen können?" Sonja fing an zu lachen.

    „Genau, lernen Sie wieder zu Lachen und gehen Sie mal wieder unter die Leute. Die Zukunft hält noch viel für Sie bereit, warten Sie es ab."

    Der Arzt stand auf und ging zu Sonja. Er verstand ihre Situation. Sie war mit Rainer verheiratet gewesen. Als sich der Kinderwunsch nicht erfüllte, hatte er sie behandelt. Ohne Erfolg. Das Paar hatte es in Schwerin mit künstlicher Befruchtung versucht. Zweimal wurde sie schwanger aber innerhalb der ersten Wochen bekam Sonja eine Fehlgeburt. Die

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