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BÄR: CHIMÄRA: Die Bordtagebücher 1-4

BÄR: CHIMÄRA: Die Bordtagebücher 1-4

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BÄR: CHIMÄRA: Die Bordtagebücher 1-4

Länge:
306 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Okt. 2021
ISBN:
9783754171875
Format:
Buch

Beschreibung

Kootenai Brown, Spitzname BÄR, Marsianer, erreicht nach langem Flug auf der SCHILDKRÖTE III zusammen mit seinem Co-Piloten und Freund, der Roboter-KI JIMINY, die Erde. Ein Auftrag hat sie hergeführt. Sie sollen den RIKTER-CODE finden und seine Bestandteile katalogisieren. Ihr Ziel: die DRACHENZÄHNE, ein frühes Bauwerk auf der Erde. Dort, im Inneren der, wie sie vermuten, Ruine soll das von den Marsianern mystifizierte Artefakt verborgen sein. Marsianer werden von Kindesbeinen an vor den Gefahren der Erde gewarnt. BÄR und JIMINY fühlen sich entsprechend vorbereitet, als sie in die Atmosphäre des ehemalig Blauen Planeten eindringen. Doch die Abenteuer, die sie nun erwarten, haben sie nicht vorhergesehen ...

Eine Science-Fiction-Romanserie, rund 1.000 Jahre in der Zukunft. Die Marsianer sind die vorherrschende Spezies im Sonnensystem. Ihre Urväter, die Menschen, wurden durch Kriege und Naturkatastrophen in ihrer Entwicklung auf unterschiedlichste zivilisatorische Niveaus zurückgeworfen. Vor diesem Hintergrund erlebt BÄR (dessen Totem der Kodiakbär ist) seine ersten Abenteuer, die er in Bordtagebüchern festhält.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Okt. 2021
ISBN:
9783754171875
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

BÄR - Michael Nolden

BORDTAGEBUCH 1: DRACHENZÄHNE

Lasst uns ganz am Anfang beginnen ...

Vor mehr als eintausend Jahren wurde ein neuer Mensch erschaffen, der HOMO NOVUS. – Ja, tatsächlich. Der neue Mensch.

Mein Lehrmeister erklärte mir, die Bezeichnung gehe auf einen Begriff zurück, der von einer Kultur namens Römern vor mehr als dreitausend Jahren verwendet worden war. Wenn es jemandem aus dem einfachen Volk gelang, sich in die politische Oberschicht einzureihen, auf die Ebene des Adels und der Reichen also, galt er als Aufsteiger, war er ein HOMO NOVUS. Im Allgemeinen wurden solche Menschen höchstens hinter vorgehaltener Hand bewundert. Ansonsten war Geringschätzigkeit das dem neuen Menschen entgegengebrachte vorherrschende Gefühl.

Uns trafen dieselben Emotionen. Gezüchtet. Genmanipuliert. Dazu geformt und trainiert, unter extremsten Bedingungen im Weltall zu überleben. Zu siedeln, zu arbeiten – und zu kämpfen.

Wir waren in allem besser als der alte Mensch. Wir waren intelligenter. Stärker. Weniger anfällig für alle der Menschheit bekannten Krankheiten. Durch die Einschleusung artfremder DNS in unser Erbgut heilten Verletzungen um ein Vielfaches schneller, wurden Strahlenschäden, resultierend aus unserem fortwährenden Leben im Weltraum, in kürzester Zeit neutralisiert. Und dennoch waren wir für unsere Erschaffer kaum mehr als Diener. Nach dem Untergang der Zivilisationen auf der Erde eroberte sich die durch Umweltverschmutzung und Überbevölkerung gequälte Natur ihren angestammten Platz zurück. Brutal zwangen uns die Menschen mittels Explosivimplantaten unters Joch, behandelten uns offen und selbstherrlich als die Sklaven, die wir sowieso seit Jahrzehnten für sie waren.

Die Exilanten der Erde trieben uns an, ihre Städte auf dem Mars zu errichten. Über ein Jahrhundert lang entstanden neue Reiche auf dem Roten Planeten. Am Ende waren sie nur Kopien der alten Welt, wiederholten sie ihre Fehler, ohne das Geringste aus dem ersten Scheitern gelernt zu haben – inklusive Krieg. Sie hetzten uns gegeneinander. Für Rohstoffe, ein Stück vielversprechendes Land, eine strategisch wichtige Position. Bis zum Tag des Aufstandes, unserer Revolution. Unserer Befreiung. Fortan gaben wir uns einen anderen Namen. Wir nannten uns nicht mehr nach etwas, das einzig eine Sklavenbezeichnung gewesen war: Homo Novus. – Fortan waren wir Marsianer.

Über Jahrhunderte wandelte der Rote Planet sein Gesicht. Terraforming verdrängte die lebensfeindliche Atmosphäre und schuf die Basis für eine Gesellschaft, die sich vollkommen abgekoppelt von ihren irdischen Nachbarn entwickelte.

Längst haben sich die Marsianer den Weg ins Sonnensystem und darüber hinaus gebahnt. Sie bevölkern Luna und andere Monde sowie eine Unzahl von Raumstationen. Sie haben Generationenschiffe ins All hinausgeschickt. Das furchtbare Vermächtnis der Erde und ihrer Bewohner gilt als abgeschüttelt. Die Ruinen der alten Welt dienen einigen exzentrischen Abenteurern vom MARS nur noch als Schrottplatz, der bedenkenlos ausgeschlachtet werden darf.

Mein Name ist Kootenai Brown. Meine Freunde nennen mich – seit ich denken kann – BÄR. Frei nach meinem Totem, dem mächtigen Kodiakbären. Und behaupten, ich wäre einer dieser exzentrischen Abenteurer.

Wenn Sie in den Besitz dieser Aufzeichnungen gelangt sind, kann das nur eines bedeuten: Die Boje mit den Bordtagebüchern wurde ausgeklinkt. Diese Notfallprozedur wird erst im Falle der Zerstörung meines Schiffes ausgelöst ...

1: ANKUNFT

Der kleine Mensch floh über den Dünenkamm. Er war nicht besonders schnell, obwohl er sich in seiner verzweifelten Flucht sehr bemühte, im tiefen Sand Tritt zu fassen. Mehrmals fiel er vornüber, raffte sich tapfer auf und, nach ein paar langsameren Schritten, rannte wieder los.

»Figürlich unklar«, urteilte Jiminy auf seinem Stammplatz neben mir im Cockpit. Jedes der zehn Gliedmaßen des Roboters, die ausgreifenden Fühler nicht mitgerechnet, war beschäftigt, gab Daten ein, las sie aus, hielt ihn auf seiner speziellen Sitzkonstruktion fest. »Kleinwüchsig? Der geduckte Lauf ist seltsam. Vielleicht mutiert. Vielleicht ein Kind. Es fehlen Informationen.«

Jiminy hatte mir empfohlen, ein Bordtagebuch zu führen. Nicht zum ersten Mal. In den gut fünfzig Jahren unserer gemeinsamen Reise im Sonnensystem hatte er mich mehrfach darauf hingewiesen, meine Erinnerungen zu speichern. Er hatte die Wichtigkeit dieser Maßnahme mit seinen eigenen vergessenen einhundert Jahren begründet. Jiminy schämte sich immer noch für den Ausfall diverser Speichereinheiten, die punktuell Phasen aus seiner eintausendjährigen Existenz und seines gesammelten Wissens vernichtet hatten, bewusst oder unbewusst gelöscht, von ihm persönlich oder von Unbekannten. Eine Rekonstruktion war ihm unmöglich gewesen. Wenn ihm langweilig war, jammerte er über sein Unvermögen, möglicherweise einmal lebensrettende Sachkenntnis besessen zu haben. So wie heute. Kurz bevor wir die Flucht unter uns entdeckt hatten.

Meterlange, dunkle Stoffbahnen umwehten den Flüchtling bei jedem Sprung. Konkrete Formen waren unter dem Gewand nicht ablesbar. Seine Zweifüßigkeit war eindeutig. Die Bewegungsabfolge ließ auf zwei Arme schließen. Sie ruderten wild umher. Die fliehende Gestalt versuchte um jeden Preis, das Gleichgewicht auf dem unebenen und losen Untergrund zu wahren.

Ich hatte noch nie Menschen von der Erde gesehen. Im Gegensatz zu Jiminy, der auf einem Kontinent namens Nordamerika gebaut worden war, damals noch viel kleiner und weitaus weniger leistungsfähig.

»Ich vergrößere«, kündigte Jiminy an. Nasal und ungewöhnlich laut klang die elektronische Verzerrung seiner Stimme durch die Pilotenkanzel.

Sie knarzte in meine Konzentration hinein. Menschen. Menschen von der Erde. Ich konnte mir meine Anspannung nicht erklären. Jiminy hatte mir allerhand Material aus der Vergangenheit gezeigt. Bilder. Töne. Filme. Holografische Aufzeichnungen aus jener Periode, spätes 20. bis frühes 22. Jahrhundert, gab es so gut wie keine. Die frühen Entwicklungen korrespondierten nicht mit unserer heutigen Technik. Die späteren waren im Dritten Weltkrieg der Erde größtenteils zerstört worden. Das Auftreten starker elektromagnetischer Felder kurz nach den Nuklearangriffen hatte die meist gering gesicherten Archive und ihre eingelagerten technischen Geräte in den getroffenen Gebieten unbrauchbar gemacht.

Die Menschen waren einmal die Guten. Sie hatten ein paar tolle Ideen gehabt. Sie hatten sie bis hin zu einem beachtlichen Grad umgesetzt. Ausgereicht hatte es nicht. Jetzt werden sie als die Ausgestoßenen des Sonnensystems betrachtet. Argwöhnische Blicke verfolgen das Geschehen auf der Erde. So nah wie möglich, vom Hass und Ekel abgestoßen. Radiosignale werden aufgefangen, neue Ansätze von Bildübertragungen aus einem Chinkorusreich. Eines fürchten alle ringsherum im All. Dass sich jemals wieder ein irdisches Raumfahrzeug von dort erhebt und den Zwist mit uns, den Marsianern, sucht.

Ich kniff die Augen zusammen und spürte, wie sehr ich diese Ängste verinnerlicht hatte. Die Szene auf dem Bildschirm spielte sich einen halben Kilometer unter uns ab.

Nachdenklich strich ich über mein unrasiertes Kinn. In der Oberfläche des Monitors spiegelte sich mein Gesicht. Die langen Stoppeln auf der violetten Haut. Die Müdigkeit in den schwarzen Augen. Der leichte Schimmer vom Schweiß. Dank eines defekten Wasseraufbereiters hatte ich mich über zwei Wochen, Bordzeit, nicht mehr gewaschen. Trinken und Bewässern war wichtiger als Hygiene. Und als wäre das noch nicht genug, begriff die Ultraschalldusche die mangelnde Funktionalität ihres mechanischen Kollegen wohl als Streikauftakt und gab bei ihrer letzten Inbetriebnahme ein unmusikalisches Jaulen von sich. Daraus enstand ein Pfeifen, das in einem fast organischen Seufzen endete. Fast meinte ich ein geflüstertes »Kaputt« zum Schluss zu hören. Mir fehlten die Ersatzteile, ebenfalls solche Werkstoffe zum Nachbau in der bordeigenen Werkstatt.

Unser Hinflug ohne Zwischenstopps hatte uns einige Entbehrungen und Problemlösungen abverlangt: Ein paar ausgebrannte Module in der Ladebucht. Ein Piratenboot voller inzestiöser Kannibalen. Eine außer Kontrolle geratene Pilzkultur in der Botaniksektion. Meine Leguankatze Pockels, die sich zur Geburt ihres Nachwuchses ausgerechnet mein kuschelig warmes Maschinendeck ausgesucht hatte. Und fehlende Sauberkeit.

Jiminy besaß zwar Geruchsrezeptoren, beurteilte die Qualität von Düften oder Gestank aber grundsätzlich nicht. Meine Ausdünstungen waren für ihn lediglich chemische Zusammensetzungen. Er ertrug sie ohne zu murren.

Plötzlich fegten knapp hinter der rennenden Person Sandfontänen in die Luft.

»Sie schießen«, stellte Jiminy fest. »Keine Energiewaffen. Altmodische Projektile. Antiquierte Technik, möchte ich behaupten.« Seine acht optischen Einheiten begutachteten die Genauigkeit der Einschläge. »Es wäre ein Leichtes, ihr Ziel auf diese Entfernung zu treffen. Selbst mit diesen – Dingern«, fügte er mit elektronischer Geringschätzung an.

»Sie wollen es nicht verletzen. Brauchen es noch«, dachte ich laut. »Ein Sklave? Jemand von Wert?« Der nächste Gedanke missfiel mir sehr. »Die schießen absichtlich daneben. Wollen ihren Spaß haben.«

Der Flüchtling schlug Haken, tat einen Fehltritt und kullerte den Dünenkamm entlang, überschlug sich, grub die Arme in den Sand, lag schließlich still.

»Ich mag das nicht.« Die Tönung meiner violetten Haut über der Nasenwurzel färbte sich bläulich. Wut kroch in mir hoch. Marsianische Geschichte hatte mich – und alle anderen auf meinem Heimatplaneten – eines gelehrt: Sklaventreiber waren um jeden Preis zu bekämpfen.

»Vorsicht«, meinte Jiminy, »wir wollen uns nicht gleich mit den Menschen hier anlegen.«

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte ich genervt über die überflüssige Belehrung. Meine Sympathien für Jiminy waren denen ähnlich, die ich für meine Brutkastengeschwister hegte. Wir halfen uns, brauchten einander, hatten uns oft gegenseitig aus Lebensgefahr gerettet – na, gut, er mich öfter, als ich ihn. Trotzdem! Mit meinen einhundert Marsjahren Lebenszeit war ich weit darüber hinaus, wie ein Kind behandelt zu werden. »Will nur meinen Spaß haben«, sagte ich und aktivierte das im Vergleich zum Rest des Schiffes lächerlich winzige Gaussgeschütz, einzig zu atmosphärischen Einsätzen eingebaut. »Klingt das für dich unvernünftig?«

Das Verständnis von Ironie gehörte nicht zu Jiminys Stärken. Eingeschnappt schwieg er.

»Gib mir was auf die Ohren.«

»Gib mir was auf die Ohren. – Bitte!« Der Roboter rührte sich nicht.

Ich holte tief Luft. »Gib mir was auf die Ohren. – Bitte.«

Meine Vorlieben für solche Fälle waren Jiminy sattsam bekannt. Meine Vorfahren – noch von der Erde – entstammten nordamerikanischen Ureinwohnern. Mit der für eine KI typisch leidenschaftslosen Analyse hatte er zu Beginn seiner Lehrtätigkeit an meinem fünften Geburtstag aufgelistet, welche Genschnippsel sich in meiner DNS verbargen. Crow, Cherokee, Apachen, Kiowa, Cheyenne, Chickasaw und Irokesen – »Daher stammt bestimmt deine Vorliebe für diesen stacheligen Haarschnitt«, hatte der Roboter damals behauptet. Nun, vielleicht. Diese Vorliebe hatte ich mir bewahrt. – Ganz bestimmt jedoch war meinen marsianischen Ururgroßeltern eine Präferenz für Kriegstrommeln und Schlachtgesänge eingepflanzt worden. Diese hatten den Sklavensoldaten dazu gedient, die Adrenalinausschüttung zu erhöhen und eine enorme Leistungssteigerung zu erreichen. Allerdings war die dazu erforderliche Musik in den Datenbanken keineswegs üblich. Kampfschreie, das knochige Paukengeknüppel und überdimensionale, dröhnende Vuvuzelas jener vergangenen Zeit waren nie aufgezeichnet worden. Absichtlich? Ich weiß es nicht. Wir behalfen uns deshalb anders.

»Frühes 21. Jahrhundert. Gruppe: Disturbed. Song: Down with the Sickness«, schlug Jiminy vor.

»Trommeln?«

»Bestätigt.« Der Roboter fuhr die Lautstärke auf den höchsten Pegel.

»Lass es krachen!«, jubelte ich.

Ein donnerndes Stakkato erfüllte das Raumschiff vom Bug bis zum Heck. Das rhythmische Schlagen wurde vom Flüstern eines Mannes flankiert. Gitarrenriffs drängelten sich nach vorne. Abgehackte Schreie beendeten das Intro, gaben dem sägenden elektrischen Geräusch den Startschuss zu einem Wettrennen der Instrumente. Die Gitarre verbiss sich in das Schlagzeug, hastete dem Vorsprung der hämmernden Schlägel hinterher, immer auf Haaresbreite heran.

Jiminy hatte mein Faible für diese Musik – er hatte das Wort Vandalenkrawall benutzt – mit meinem genetischen Erbe begründet. Mir erklärt, warum dieser Lärm half, mich auf eine gefährliche Aufgabe zu konzentrieren. Die Parallele zum Bärentanz der Sioux war nicht seine Idee gewesen. Er hatte sie aus einer uralten Datenbank des Projekts HOMO NOVUS ausgegraben. Trommelklänge hatten auf die Jagd nach dem Grizzly vorbereitet und den Geist des Kriegers auf seine Aufgabe fokussiert. Außerdem war es eine Herausforderung an sich selbst und an den Bären, den Gegner. Ganz ähnlich zum Haka, dem rituellen Tanz der Maori, unseren einstigen Feinden auf dem Mars.

Ich liebte den Song sofort. Nicht wenige Wortfetzen aus diesem Englisch waren in unsere Sprache hinüber mäandert. Ich verstand Shit. »Shit!«, rief ich übermütig aus. »Shit!« Bei den Sittsamen unserer Gesellschaft galt die Benutzung des Wortes als unerwünscht. Ich liebte es schon deswegen.

Jiminy stellte zwei seiner optischen Einheiten über kreuz. Das war seine Variante eines human organischen Kuriosums, wie er es nannte, des Augenbrauenhochziehens.

Mein Blut pulsierte, auf meiner violetten Haut entstand ein irisierendes Farbenspiel. Die Zielerfassung senkte sich mittig zwischen Verfolger und Flüchtling. Gerade weit genug von beiden entfernt, so dass keine Seite Schaden nehmen konnte, ganz im Sinne von freundlicher Verständigung, die uns das Dasein, den Aufenthalt auf der Erde erleichtern half.

»Ein Versehen. Wir sagen, es war ein Versehen, falls ich doch jemanden treffe.«

»Mr. Brown«, sagte Jiminy in hochoffiziellem Tonfall. »Unser Leichter Frachter, die SCHILDKRÖTE III, wird exakt in Balance über dem Geschehen gehalten. Niemand wird einer Ausrede glauben, derselbe Mann, der auch dieses Raumschiff fliegt, habe einen der durch den Sand staksenden Anwesenden versehentlich verletzt. – Oder Schlimmeres.«

»Ein Fehler in der Elektronik?«, spekulierte ich leicht verschnupft über seine Nörgelei und glaubte bereits, er habe mich unter all dem Vandalenkrawall nicht gehört, da wurde ich eines Besseren belehrt.

»Du solltest dich nicht an Standardausreden gewöhnen, Mr. Brown. Das könnte eines Tages in deine Hose gehen.«

»In die Hose. Allgemein gesprochen. Soviel weiß ich über irdische Redewendungen. Ein Test, was? Also, nicht in meine ...«

»Schießt du jetzt?«

Ich betätigte den Abzug. Eine Millisekunde später jagte die von den Magnetfeldern aufgeheizte Eisen-Cobalt-Kugel, zehn Zentimeter im Durchmesser, in die Tiefe und schmolz beim Aufprall ein vor glühender Hitze dampfendes Loch in die Düne.

Verschiedene Aufträge hatten uns auf die Erde geführt. Über ein Jahr waren wir von Station zu Station, von Konvoi zu Konvoi, von Mond zu Mond – sogar nach Luna – geflogen und schließlich in die Erdatmosphäre eingedrungen. Endlich! Berauscht von all den Eindrücken aus Jiminys Erzählungen, den schönen Dingen, der Kunst, wie er es nannte, der Popkultur, der Musik waren wir sehr langsam zum ehemals Blauen Planeten herabgestiegen. Von der azurfarbenen, von Jiminy gepriesenen Pracht war nicht viel übrig geblieben. Die vorherrschende Palette setzte sich aus Grüntönen, Ocker und fadem Braun zusammen. Anders die Wasseradern und -reservoire der Erde; ihre geschrumpften Ozeane und vereinzelten Seen strahlten in Schlieren aus Kupfer und Silber durchsetzt mit Grünspan.

Und nun unter uns: Wüste. Das Dünenmeer wanderte gen Norden. Aus dem in kaum fünfzehn Kilometern unser Ziel, die Drachenzähne, aufragte, pechschwarz, spitz, vom steten Scheuern des Sandes angenagt, löchrig, schartig wie ewig gebrauchte Dolche, für das bloße Auge leicht erkennbar.

Jiminy schaltete das Angriffstrommeln ab. Disturbed verklang mitten im Kampfschrei. Schlagartig herrschte eine fast peinliche Stille in der Pilotenkanzel.

»Ein perfektes Manöver!« Es hatte fröhlicher klingen sollen. Die Sache war noch nicht gelaufen. Ich musste eine Entscheidung treffen. Wenn ich meinem Bauchgefühl folgte, würde ich damit Jiminy auf dem Grund seines elektronischen Kerns eine verärgerte Reaktion entlocken. Er hasste – ja, das konnte er, obwohl er es stets verneinte – unnötigen Ärger.

Die Verfolgungsjagd am Boden mündete in einen Stillstand. Tröpfelnd kamen die einzelnen Figuren zum Stehen. Zuletzt der Flüchtling. Er sackte, nachdem er mühselig versucht hatte aufzustehen, erneut auf alle Viere nieder. Sein Kopf wandte sich gen Himmel, in unsere Richtung, dennoch blieb das Gesicht im Schatten seiner Kapuze verborgen.

Unausgewogene Chancen waren mir zuwider. Hier einer, der genau das erkannt hatte und die Beine unter den Arm nahm. Da an die dreißig Gegner, die, je länger ich darüber nachdachte, den Flüchtigen gar nicht einholen wollten. Weil es offensichtlich bequemer war, ihn vor sich herlaufen zu lassen. Wohin sollte er auch verschwinden? Treibsand mochte das Spiel rasch beenden, falls die arme Kreatur es in eines der Dünentäler hinunter schaffte.

»Auf was sitzen die da?«, wollte ich von Jiminy wissen. Es interessierte mich nicht wirklich – solange es nicht mit Leguankatzen zu tun hatte. Aber ich wusste: Ein dozierender Jiminy ist ein kurzzeitig zufriedener Jiminy.

»Kamelartige«, erwiderte der Roboter so nahtlos, als habe er die Frage erwartet.

»Kamel-was?«

»Kamelartige. Eine tierische Lebensform, angepasst an besonders trockenes Land. Wüsten. Eine gute, funktionelle Wahl, es als Reittier in diesen Gegenden zu benutzen.«

»Oder es ist einfach eine alternativlose Tradition?«

Jiminy imitierte ein Nicken, das wegen seiner wippenden Fühler stets merkwürdig aussah und mich zum Lachen reizte. »Ist das komisch?«

»Gar nicht«, feixte ich und deutete zur Ablenkung auf den Monitor.

In letzter Sekunde zügelte ein Reiter sein Kamelartiges, bevor herabrutschender Sand ihn und sein Tier im kreisrunden Abgrund des Geschosskraters begrub.

»Glück gehabt«, kommentierte ich und meinte den Fremden – und uns.

»Du hast recht, Mr. Brown. Der Sturz hätte uns angelastet werden können. Ich schätze jedoch, dass es sich weniger um Glück als um die sorgsame Handhabung des Kamelartigen handelt, beruhend auf langjähriger Erfahrung dieses Einheimischen.« Am Ende eines seiner Gliedmaßen, aus der zweiten Reihe, weit oben an seiner Konstruktion, wo bei einem Marsianer der Brustkorb gewesen wäre, entfaltete sich die vierfingrige Kopie einer Hand, ein Daumen, drei Finger. Höchst sensibel dirigierte Jiminy damit die Kamera und suchte sich das vordere Dutzend der mit graugrünen Stoffen vermummten Menschen heraus.

Einer löste sich aus der Menge. Stattlich, leidlich gepflegter, die Stoffbahnen akkurater gelegt und gebunden. Breite Schultern, insgesamt riesig auf dem nicht eben kleinen Kamelartigen. Seine Haltung strotzte vor Selbstbewusstsein. Er wirkte aristokratischer als seine Gefährten. Auf dem Mars wurde diese Ausstrahlung verachtet. Hier verschaffte sie anscheinend Respekt. Sein Umfeld suchte Abstand. Der Anführer, unzweifelhaft männlich, schob seine Kopfbedeckung zurück. Im eng bandagierten Gesicht war ein Schlitz für die Augen frei gelassen worden. Die Konturen des Schädels waren kantig, fast eckig zu nennen. Die Kinnpartie ragte brachial zum Rest der ästhetischeren Proportionen hervor. Eine rostrote, ziemlich dickgliedrige Kette hing dem Mann um den Hals bis hinunter zur Brust. Dort baumelte ein Medaillon, darauf, wie eingraviert, ein unbekanntes Symbol. Nicht genau zu erkennen. Die Vergrößerung geriet hier an ihre Grenzen.

»Sie fühlen sich offenbar durch uns bedroht.« Ein lapidarer Satz, dessen Umkehrschluss auf der Hand lag. Jiminy hatte bestimmt die Reichweite der Geschosse sowie ihre Geschwindigkeit vermessen und ihre Durchschlagskraft geschätzt. Hätte ich sein Talent besessen, wäre ich so vorgegangen. Gegen die Panzerung des Leichten Frachters würde diesen archaischen Waffen kein Erfolg beschert sein.

Ob es der Kerl am Boden nun wusste, ahnte, ob er einfach zu blöd war, das war aus seiner Aktion nicht abzulesen, wie er sich daran machte, eine Art extrem langläufiges Gewehr vom Gurt an seiner Schulter zu ziehen und auf uns anzulegen. Dass Jiminy an Intellekt und Rechenleistung einen deutlichen Vorteil besaß, gestand ich ihm neidlos zu. In marsianisch-menschlichen Angelegenheiten hatte ich ihm einiges voraus. Es war kristallklar, wie sehr sich der Typ jetzt produzieren musste, damit er nicht an Autorität verlor.

»Eine charakterlich nicht ganz einwandfreie Reaktion auf unser Eingreifen«, befand Jiminy. »Der Mann sollte, selbst im stupidesten Winkel seines Gehirns, begreifen, wie sinnlos das Abfeuern der Waffe ist.«

»Das ist nicht der Zweck der Übung, Jiminy. Das hat mit Stolz zu tun.«

»Oder Jähzorn.«

Mag sein, dass der Roboter es besser verstand, einen Charakter zu entschlüsseln, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich war – zugegeben – das lebende Anschauungsmaterial an seiner Seite. Nicht selten schlug ich die klugen Ratschläge der Roboter-KI in den Wind. Wut war, je nach Situation, ein starker Antrieb, ganz besonders, wenn das Überleben im Vordergrund stand.

Etwas Qualm stieg von der Mündung des Gewehres auf, sobald der vermummte Mann zwei Schüsse in kurzer Folge abgab. Kein Geschoss fügte uns einen Schaden zu. Das Klimpern an der Bordwand bildete ich mir wahrscheinlich ein.

»Er hätte mit Steinen werfen können.« Jiminy verschob den Bildausschnitt auf dem Monitor. »Die haben genug. Und ihr Ausreißer ist in Reichweite. Er ruft ein paar aus der Karawane zusammen. Mr. Brown, siehst du die Handzeichen? Man will den Flüchtling einfangen. Es ist vorbei. Wir können uns wieder unserer Aufgabe zuwenden.«

»Wir stehen nicht unter Zeitdruck, oder?«

»Mr. Brown? Was soll das heißen?«

»Mr. Jiminy«, imitierte ich ihn, unterdrückte einen grunzenden Lacher, ehe ich in ein nasetriefendes Prusten ausbrach, weil gleich vier optische Einheiten an der Frontseite seines Schädels über Kreuz hingen, »Mr. Jiminy, hast du den Greifer an der Ladebucht, wie kürzlich besprochen, einer Wartung unterzogen?«

»Den Greifer, Mr. Brown?«, erwiderte der Roboter mit der ihm einprogrammierten Humorlosigkeit – von der ich überzeugt war, dass er sie nur vortäuschte. »Ich habe die turnusmäßige Wartung durchgeführt. Ich fand die Besprechung zuvor gänzlich unnötig ...«

»Wir schnappen ihnen ihre Beute weg!« Meine Begeisterung über diesen albernen Coup brach sich Bahn, und ich heulte überschwänglich durch das Cockpit.

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