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Existo

Existo

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Existo

Länge:
277 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
7. Juni 2019
ISBN:
9783748596530
Format:
Buch

Beschreibung

Ein fürchterlicher Unfall auf der alten Grenzbrücke beendet Maiks Leben auf grausame Weise.
Doch zu seiner Überraschung fährt sein Geist nicht in den Himmel oder die Hölle, sondern verweilt nach wie vor auf Erden. Als Seele begleitet er seinen Freund Robert, der ebenfalls in den Unfall verwickelt war und seitdem von grausamen Alpträumen und mysteriösen Vorfällen heimgesucht wird. Auf ihrer Suche nach Antworten finden sie nicht nur Gefährten, sondern geraten auch ins Visier einer bösartigen Macht, die im Begriff ist, die Menschheit zu vernichten.
Herausgeber:
Freigegeben:
7. Juni 2019
ISBN:
9783748596530
Format:
Buch

Über den Autor


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Existo - Ludwig Demar

Der Unfall

Kalt und feucht hatte sich die Luft an diesem Herbstabend auf das in die Jahre gekommene Auto gelegt. Maik und Robert warteten ungeduldig darauf, dass die beschlagenen Scheiben ihre Sicht freigaben. Sie hatten sich heute getroffen, um zum Kegeln zu fahren. Dies gehörte zu ihrem festen Wochenendritual, das sie bereits seit fünf Jahren zelebrierten.

Robert lernte Maik vor knapp fünfeinhalb Jahren in einer Diskothek kennen. Er hatte Ärger mit ein paar betrunkenen Rowdys bekommen, und obwohl Maik ihn damals nicht kannte, eilte er ihm als Einziger zu Hilfe. So war Maik nun mal: hilfsbereit und furchtlos. Seit diesem Zeitpunkt verband sie eine tiefe Freundschaft, die niemand zu trennen vermochte.

Die gemeinsamen Abende auf der Kegelbahn waren für beide stets der Höhepunkt der Woche. Doch heute schien etwas ihre Freude dämpfen zu wollen, denn es war den ganzen Tag über schon so trüb und unbehaglich gewesen. Davon ließen sich die beiden Freunde jedoch nicht den Abend verderben. Trotz der bedrückenden Atmosphäre blieben sie fest entschlossen und fuhren wie gewohnt los.

Nicht einmal fünf Minuten waren sie auf der Straße, als sich ein gewaltiges Unwetter über ihnen zusammenbraute. Der Himmel verdunkelte sich, Blitze schossen aus den Wolken und zu allem Überfluss zog ein dichter Nebel auf. Die Scheinwerfer an Maiks altem Ford waren nie besonders hell gewesen und erwiesen sich in diesem Unwetter als so gut wie nutzlos.

Er fluchte: „Diese Scheißkarre! Hätte ich doch hundert Euro draufgelegt und mir den Van geholt, dann müsste ich hier jetzt nicht mitten auf der Straße blinde Kuh spielen! Aber nein! Meine Frau wollte ja unbedingt diesen kleinen niedlichen Ford hier! Ich seh überhaupt nichts mehr! Verdammte Scheinwerfer!"

Robert, den nichts so schnell aus der Ruhe brachte, versuchte, Maik zu beruhigen.

„Komm, jetzt reg dich nicht auf, es ist ja nicht mehr weit bis zur nächsten Stadt! Dort suchen wir uns eine gemütliche Kneipe und warten, bis sich das Wetter etwas gelegt hat."

Die Straße, auf der sie fuhren, war ungewöhnlich leer für diese Uhrzeit. Kein einziges Auto war zu sehen. Ob das an dem Unwetter lag?, fragten sie sich. Es war jedenfalls nicht mehr weit bis zur Stadt. Nur noch über die alte Grenzbrücke und dann waren es noch circa drei Kilometer, die zwischen ihnen und einem kalten Bier lagen. Trotz der schlechten Sicht beschleunigte Maik den Wagen, da er es nicht erwarten konnte, endlich von der Straße zu kommen. Der Nebel war bereits so dicht, dass man es kaum vermochte, weiter als zur Motorhaube zu sehen. Robert, dem ein ungutes Gefühl bei Maiks Fahrstil überkam, bat ihn, doch etwas langsamer zu fahren. Eigentlich war es Maik ja nicht recht, aber er hatte keine Lust mit Robert zu diskutieren. Also fuhren sie mit stark verringertem Tempo auf die Brücke, die im Schleier des Nebels völlig eingehüllt lag. Eine merkwürdige Stille breitete sich über diesen Teil der Strecke aus, nicht einmal der Motor des Autos war zu hören. Es erweckte den Eindruck, als würde der dichte Vorhang aus kondensiertem Wasser einem nicht nur die Sicht, sondern auch jegliches Geräusch verhüllen. Nervös starrte Robert in diesen weißen Deckmantel, der sie umschloss. Doch kaum auf der Brücke angekommen lichtete er sich in Sekundenbruchteilen. Plötzlich strahlten ihnen Rücklichter und Scheinwerfer aus allen Richtungen entgegen. Bevor sie begriffen, was da vor ihnen lag, krachten sie frontal auf das Heck eines kleinen Fiat, der sofort seitlich gegen eine Wand von verbeulten Autos rutschte. Sichtlich geschockt und verwirrt von dem Zusammenstoß öffnete Robert als Erstes die Tür und stieg auf die von Splittern und Autoteilen belagerte Fahrbahn. Er blickte sich um und sah, wie die gesamte Brücke von zerstörten Fahrzeugen blockiert wurde. Mindestens zehn Wracks lagen dort und warteten auf das nächste Auto, das kommen würde, um sich zu ihnen zu gesellen.

Als sich Robert umdrehte, um nach Maik zu sehen, fand er nur einen leeren Sitz und eine offene Tür vor. Er war nirgends zu sehen, und Robert machte sich Sorgen, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Auto mit einem irrwitzigen Tempo auf ihn zugeschossen kam. Nur knapp schaffte er es, zur Seite zu springen, bevor es ihn erwischen konnte, um anschließend in Maiks alten Ford zu krachen. Der Aufprall war so heftig, dass sich das Auto dreimal überschlug und dann auf dem Dach eines ohnehin schon mitgenommenen BMW landete. Das Adrenalin pulsierte in seinen Adern, und sein Herz schien förmlich zu explodieren, als Robert zu dem Auto rannte. Man konnte kaum erkennen, was es mal gewesen sein mochte. Es hätte ein VW Golf sein können, aber viel war nicht mehr davon übrig geblieben. Robert ging zur Fahrertür und fragte, ob jemand verletzt sei. Doch niemand antwortete ihm, also befürchtete er das Schlimmste. Da das Auto quer auf dem Dach des BMW lag, stellte er sich auf die Motorhaube des einst so prachtvollen Wagens und schaute durch die schmale Öffnung, die vom Fenster übrig geblieben war, ins Innere. Dort fand er ein Bild des Schreckens vor:

Eine junge Familie ‒ Mutter, Vater und ein kleines Kind, höchstens vier Jahre alt ‒ lag leblos im Inneren. Der Mann, der noch hinterm Steuer saß, war mit dem Kopf zwischen Lenkrad und Armaturenbrett eingeklemmt. Sein Genick war gebrochen, aus seinem Mund floss etwas Blut, die Arme waren hinter dem Rücken verdreht und ein paar Finger zuckten leicht. Die Mutter, die auf der Beifahrerseite gesessen hatte, war wohl nicht angeschnallt gewesen, denn sie lag halb in der Windschutzscheibe, die sie beim Durchdringen skalpiert hatte. Ein riesiger Hautlappen, der sich bis hin zum Nacken zog und an dem ein Großteil der Haare hing, klebte an ihrer linken Gesichtshälfte. Aus der offenen Wunde ergoss sich ihr Blut in Strömen. Doch der grausigste Anblick bot sich Robert auf dem Rücksitz. Angeschnallt in einem Kindersitz hing ein kleiner Junge. Den Schrecken in einem Auge und einen Malstift im anderen. Er schien sich die Fahrzeit damit vertrieben zu haben, Bilder zu malen. Ein paar davon lagen im Innenraum verstreut, worauf Bäume und Wiesen zu sehen waren. Eines zeigte ein Haus, daneben drei lachende Menschen, Vater, Mutter, Kind, und eine große gelbe Sonne am Himmel, die freundlich lächelte. Unten stand mit bunten Buchstaben, mehr gemalt als geschrieben: Für Papa zum Geburtstag von Jonathan.

Dieser Anblick zog Robert durch Mark und Bein. Sein Magen fing an zu rebellieren und er musste sich übergeben. Er merkte, dass er hier nichts mehr tun konnte, und machte sich auf die Suche nach Maik.

Es war eigenartig. Trotz der vielen Autos auf der Brücke waren nirgends Leute zu sehen. Er fragte sich, ob sie die einzigen Überlebenden seien, und suchte sich einen Weg durch das Labyrinth von Blech und Unrat. Dabei ging es ihm so schlecht wie nie zuvor in seinem Leben. Der Anblick der Familie in dem Golf und der Geruch von Benzin und Tod, der in der Luft lag, setzten ihm schwer zu. Eigentlich wollte er nach Maik rufen, um ihn schneller zu finden, doch er befürchtete, wenn er den Mund öffnen würde, sich sofort übergeben zu müssen.

Der Nebel, der wieder dichter wurde, erschwerte ihm die Suche zusätzlich. Doch als er dem Ende der Brücke näher kam, hörte er plötzlich Stimmen. Einige weinten, andere fluchten oder versuchten vergeblich, ihre laut schreienden Kinder zu beruhigen. In der Hoffnung, dass auch Maik unter ihnen sein könnte, beschleunigte Robert seinen Schritt und eilte in Richtung der Stimmen. Kurz hinter der Brücke stand eine kleine Gruppe von Menschen unterschiedlichen Alters und aus allen Gesellschaftsschichten. Hier waren sie alle gleich. Ob reich oder arm, ob alt oder jung, sie saßen alle im selben Boot. Als Robert durch die Nebelwand ins Freie trat, drehten sie sich für einen kurzen Augenblick um und starrten ihn an. Er sah fürchterlich aus: Dreckige Kleidung, die Augen blutunterlaufen, was durch die blasse Gesichtsfarbe zusätzlich unterstrichen wurde; und nach wie vor hing ihm etwas Erbrochenes sowohl am Kinn als auch an seinem Pullover.

Er blickte in die Gruppe von Menschen, die allesamt nicht besser aussahen als er selbst. Angst und Sorge standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Doch einer fehlte: Maik. Robert sah sich mehrmals um, doch sein Freund war nicht unter ihnen. Also beschloss er, wieder auf die Brücke zu gehen, um weiter nach ihm zu suchen. Die Leute kümmerte es nicht, dass der fremde Mann, der sie für einen Augenblick so gründlich studiert hatte, wieder auf die Todesbrücke zurückging. Sie hatten ihre eigenen Probleme, mit denen sie sich alsbald wieder beschäftigten.

*

Maik hatte sich bei dem Zusammenstoß den Kopf am Lenkrad gestoßen und litt unter kaum zu ertragenden Kopfschmerzen. Nachdem er aus dem Auto ausgestiegen war und den Schaden flüchtig begutachtet hatte, wollte er per Handy einen Pannendienst anrufen. Die Verbindung war jedoch dürftig, sodass er bei dem Versuch zu telefonieren nur abgehakte Wortfetzen zu hören bekam. Daher machte er sich auf dieser gottverlassenen Brücke auf die Suche nach besserem Empfang. Doch dies war keine leichte Aufgabe, denn durch den dichten Schleier, der noch immer über Teilen der Brücke hing, konnte Maik kaum etwas sehen; und als ob sich der Nebel einen Spaß daraus gemacht hätte, stieß er immer wieder gegen im Dunst liegende Autos und stolperte über Kleinteile, die geschickt getarnt am Boden lagen. Mit dem Handy in der Hand gen Himmel gestreckt quetschte er sich durch die Wracks und schmetterte Flüche vor sich her. Er hatte erst gar nicht bemerkt, dass er sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen hatte, die sein Hemd rot färbte. Erst als ihm durch den hohen Blutverlust leicht schwindelig wurde, bemerkte er die Wunde und fluchte noch lauter.

„So eine Scheiße! Erst dieser gottverdammte Nebel und jetzt blute ich auch noch wie ein Schwein! Wieso muss so etwas ausgerechnet MIR passieren?!"

Maik konnte schnell zum Choleriker mutieren, wenn ihm etwas nicht passte, und diese Situation kotzte ihn an. Er fragte sich, wo Robert nur stecken mochte, und fing an, seinen Namen zu schreien. Doch eine Antwort bekam er nicht. Mittlerweile bereute Maik, dass er sich so weit von seinem Auto entfernt hatte, denn er wusste nicht mehr, ob sein kleiner, niedlicher Ford rechts oder links von ihm lag. Orientierungslos musste er sich für eine Richtung entscheiden. Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, quetschte er sich durch die engen Lücken zwischen den Wracks hindurch. Als er vorhin von seinem Auto weggegangen war, hatte er nach wenigen Metern hinter sich ein Krachen und das Splittern von Glas gehört. Zu dem Zeitpunkt interessierte es ihn reichlich wenig. Er wollte nur den Pannenservice anrufen, damit er ihn von dieser Brücke herunterholte. Nun war er gespannt darauf zu sehen, was die Ursache für den Lärm gewesen war.

Mit blutverschmiertem Hemd und dem Handy in der Hand kämpfte er sich durch die Wracks in Richtung seines Wagens vor. Nach etwa zehn Minuten konnte er ihn sehen. Doch er lag auf der Seite und sah jetzt um einiges schlimmer aus als zu dem Zeitpunkt, als er ihn verlassen hatte. Dieser Anblick reichte aus, um wieder den Choleriker in ihm zu wecken.

„Was zum Teufel ist denn hier passiert?! Ich glaub das ja jetzt nicht! Da denkt man, es kann nicht mehr schlimmer kommen, und dann passiert SO EINE SCHEISSE! Und wo zum Teufel ist ROBERT?!" Und wieder schrie er nach seinem verschwundenen Freund, doch nach wie vor bekam er keine Antwort zurück.

Es war nicht mehr weit bis zu seinem Auto. Dort wollte er sich hinsetzen und auf ihn warten. Er musste sich nur noch an ein paar Wagen vorbeiquetschen. Während er sich zwischen zwei, mit der Motorhaube entgegenstehenden Wracks hindurchzwängte, hörte er von der Seite jemanden rufen. Als er sich benommen umdrehte, stand dort tatsächlich Robert und blickte ihn an. Doch durch den hohen Blutverlust hatte er mittlerweile ein Rauschen auf den Ohren und konnte nicht verstehen, was dieser von ihm wollte.

*

Robert, der das herannahende Auto hörte, versuchte, Maik zu warnen, doch der glotzte ihn nur an, als würde er ihn nicht kennen. Als er zum Brückenanfang deutete und Maik sich umdrehte, war es bereits zu spät. Das Auto flog, wie schon der Golf vor ihm, regelrecht in die Unfallstelle hinein und krachte mit einem Mordstempo ins Heck des vorderen Wracks, zwischen denen Maik gerade stand. Letzteres schmetterte so gewaltig gegen seine Hüfte, dass es ihm beide Beine abtrennte, ehe es sich überschlug und auf seinen Rumpf knallte. Das Auto, was den Unfall verursacht hatte, überschlug sich durch die Wucht des Aufpralls in Richtung Robert, der geduckt am Rand der Brücke Schutz suchte. Nachdem das schrottreife Fahrzeug endlich zum Liegen gekommen war, rannte Robert entsetzt zu Maik hinüber. Dabei sprang er über die ihm im Weg liegenden Fahrzeuge wie ein Hürdenläufer. Nichts hätte ihn in diesem Moment aufhalten können. Als er bei seinem Freund angekommen war, lag dieser mit dem Rücken auf der Motorhaube eines Autos, während ein weiteres ihn von oben begrub. Seine abgetrennten Beine lagen vor ihm auf dem Boden, doch blutete er kaum aus den Stümpfen, da das Fahrzeug, das auf ihm lag, die Blutzufuhr zum unteren Teil seines Körpers abquetschte. Schockiert von diesem Anblick eilte Robert zu Maiks Kopf, um zu sehen, ob er noch lebte. Seine Bauchdecke war von scharfen Kanten an der Karosserie des Wagens aufgerissen worden, sodass die inneren Organe durch die klaffende Wunde ins Freie quollen. Leber, Magen und Därme breiteten sich zu den Füßen aus. Diese Kakofonie von Organen und Blut seines besten Freundes vor sich am Boden zu sehen, setzte Robert schwer zu. Er befürchtete, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen, und versuchte, sich zu beherrschen. Auf die Frage an Maik, ob er am Leben sei, erhoffte er sich keine Antwort mehr. Und er sollte recht behalten. Alles, was Maik noch von sich gab, waren röchelnde Geräusche und jede Menge Blut, das sich mit den Teilen der Autos auf der Straße vereinte. Völlig entkräftet und am Rande eines Nervenzusammenbruchs sackte Robert in sich zusammen und landete in der warmen Suppe, die mal das Innere seines besten Freundes gewesen war.

Im Krankenhaus

Als Robert wieder zu sich kam, war das Erste, was er erblickte, ein weißes, steriles Zimmer, das nicht viel größer war, um ein Bett mit Nachttisch und einen Stuhl hineinzustellen. Es dauerte nicht lange, bis er begriff, wo er war. Natürlich in einem Krankenhaus. Und so langsam überkamen ihn wieder die Erinnerungen von der Brücke und Maik, wie er röchelnd und zerquetscht zwischen den beiden Autos lag. Bei dem Gedanken an seinen Freund kamen Robert die Tränen. Es war hart, ihn sterben zu sehen und nichts dagegen unternehmen zu können. Seine Gedanken unterbrechend öffnete sich die Tür des zu klein geratenen Zimmers und eine Schwester um die vierzig stand vor seinem Bett. Es war ihm peinlich, dass er weinte, und er wischte sich die Tränen weg.

„Das wurde aber auch Zeit!, sagte die Schwester. „Wir dachten schon, Sie würden gar nicht mehr aufwachen.

„Wie lange war ich denn weg?", fragte er neugierig.

„Fast zwei Wochen. So lange haben Sie sich auf unsere Kosten ein schönes Leben gemacht."

Von der Taktlosigkeit und dem fehlenden Feingefühl der Schwester abgestoßen blickte er kommentarlos aus dem Fenster, das direkt neben dem Bett die Außenwelt ins Zimmer ließ.

„Aber das hat uns ja keine Mühe bereitet! Haben wir ja gerne getan für so einen gut aussehenden Mann wie Sie."

Dass die Schwester ihn anlächelte und offenbar ihren Fauxpas wiedergutmachen wollte, bemerkte Robert nicht, denn er würdigte sie keines Blickes mehr.

„Okay, dann geh ich jetzt wieder. Mein Name ist übrigens Schwester Hildegard. Wenn Sie irgendwas brauchen, müssen Sie nur klingeln. Dann eile ich sofort herbei." Mit den Worten verließ sie das Zimmer.

Kurz darauf bekam Robert Besuch vom Stationsarzt, der ihm erklärte, dass er eine Kopfverletzung erlitten hatte und deshalb im Krankenhaus lag. Dies musste geschehen sein, als er ohnmächtig auf die Fahrbahn geknallt war. Nach einigen Untersuchungen und Fragen, versicherte er ihm, dass er keine bleibenden Schäden davongetragen hätte, und verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Anschließend blieb Robert stundenlang im Bett liegen und starrte aus dem Fenster, bis er plötzlich gegen Abend eine Stimme vernahm. Es schien die von Maik zu sein, aber das war doch unmöglich!

Sie flüsterte: „Ey, Robert, jetzt guck doch nicht so traurig!"

Sicher, dass es sich nur um eine Einbildung handelte, achtete er nicht weiter darauf und legte sich schlafen. Es war komisch ‒ obwohl er angeblich fast zwei Wochen ohne Bewusstsein im Bett gelegen hatte, war er hundemüde. Diese Nacht schlief er sehr unruhig. Dauernd schreckte er auf, weil er meinte, eine Berührung gespürt zu haben. Und er hätte schwören können, dass jemand in der Ecke des Zimmers stand, der ihn beobachtete.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr öffnete sich die Tür und Schwester Hildegard beendete die ruhelose Nacht mit ihrer schrillen Stimme. „Guten Morgen! Und wie haben wir geschlafen?"

„Wie Sie geschlafen haben, weiß ich nicht, aber ich habe schlecht geschlafen!", gab er ihr forsch zur Antwort.

Etwas irritiert von der Anspielung fragte sie sich, ob er noch immer sauer wegen des gestrigen Fauxpas sei.

„Fehlt Ihnen irgendwas? Oder wieso haben Sie schlecht geschlafen?"

Er mochte die Schwester nicht. Natürlich fehlte ihm was! Nämlich sein bester Freund.

„War die Nachtschwester heute Nacht bei mir im Zimmer?", fragte er, anstatt zu antworten.

Verdutzt von der Gegenfrage schaute sie in ihre Unterlagen und antwortete nur mit einem kurzen „Nein. Dann sagte sie kurz angebunden: „Frühstück gibt es um acht und gegen halb zehn wird der Chefarzt nach Ihnen sehen, schloss ihre Unterlagen, die sie in der Hand hielt, und verließ das Zimmer.

Für einen kurzen Augenblick dachte er sich, ob er nicht zu weit gegangen war. Sie machte ja schließlich nur ihren Job. Aber er hatte seine eigenen Probleme, und es war ihm egal, ob die Schwester ihn nicht leiden konnte. Dies beruhte dann zumindest auf Gegenseitigkeit.

Frühstück um acht und die dumme Pute weckt mich schon um sechs, dachte er empört. Und nun zwang ihn auch noch seine gefüllte Blase, aufzustehen. Nach zwei Wochen in der Waagerechten stellte der kurze Gang ins Badezimmer eine große Herausforderung dar. Nach wie vor müde und unsicher auf den Beinen machte er sich auf den Weg.

Das Bad glich dem Zimmer: Es war viel zu klein und nur dürftig ausgestattet, aber für seine Zwecke sollte es reichen. Nachdem er mit großer Erleichterung seine Blase entleert hatte, wusch er sich das Gesicht und putzte sich die Zähne. Er brauchte nie lange im Badezimmer, was ihm bei seinen Beziehungen immer einen großen Pluspunkt einbrachte. Doch irgendwie schaffte er es selten, eine Bindung länger als ein paar Monate einzugehen, deshalb wartete niemand zu Hause auf ihn. Der Einzige, den er jemals hatte, war Maik gewesen. Immer noch sauer über Schwester Hildegard, die ihn schon so früh aus dem Bett geholt hatte, trottete er aus dem Badezimmer und setzte sich auf den Bettrand. Auf dem Nachttisch lagen ein paar alte, abgegriffene und mit Eselsohren versehene Zeitschriften. Es handelte sich überwiegend um Magazine für Frauen mit Kochrezepten und Schönheitstipps. Aber sie mussten reichen, um die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken. Zu allem Überfluss

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