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Aus dem Dunkel: Wie Juden aus Frankfurt/Oder den Nazis entkamen
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eBook383 Seiten4 Stunden

Aus dem Dunkel: Wie Juden aus Frankfurt/Oder den Nazis entkamen

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Über dieses E-Book

In Frankfurt/Oder gab es 1933 etwa 800 Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Sie verloren in den folgenden Jahren unter ständig zunehmenden Demütigungen nacheinander ihre Rechte, ihre Existenzgrundlage, ihre Freiheit, schließlich ihr Leben. Das Problem war nicht, aus Deutschland heraus-, sondern in irgendein anderes Land hineinzukommen. Einigen gelang es dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, unter teils abenteuerlichen Umständen. Die Flucht führte sie nach Palästina, England, Südamerika, den USA, Afrika, Australien und China. Dem Tod im Vernichtungslager entkommen, waren sie mit neuen Herausforderungen konfrontiert. In der Fremde mussten sie neue, ungewohnte Lebenswege meistern, als Farmer, Soldat, Hausdiener, Plantagenarbeiter oder Spion.

Dieses Buch basiert auf den Erzählungen der jüdischen Überlebenden von Frankfurt/Oder, von ihrer Flucht und ihrem Neuanfang.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum24. Dez. 2021
ISBN9783754179819
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    Buchvorschau

    Aus dem Dunkel - Friedrich Lotter

    Vorwort 1

    Ein Staat beginnt Minderheiten zu drangsalieren. Die Situation wird lebensbedrohlich. Doch kein Land ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Die politische Lage ist gerade angespannt. Die Wirtschaft verträgt jetzt keine Belastung. Die Bevölkerung will keine Migranten. Das Boot ist voll.

    In Frankfurt/Oder gab es 1933 etwa 800 Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Sie verloren in den folgenden Jahren nacheinander ihre Rechte, ihre Existenzgrundlage, ihre Freiheit, schließlich ihr Leben. Das Problem war nicht, aus Deutschland heraus-, sondern in irgendein anderes Land hineinzukommen. Einigen gelang die Flucht dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, unter teils abenteuerlichen Umständen.

    Mein Vater, der in Frankfurt/Oder aufwuchs, forschte in den 1990er Jahren zur jüdischen Geschichte dieser Stadt. Er hat die Entkommenen in Israel, England, den USA, Australien und Brasilien ausfindig gemacht. Bei seinem Tod 2014 hinterließ er 35 Tonbandkassetten mit Interviews, umfangreiches Archivmaterial und ein Rohmanuskript. Dieses Buch basiert auf den von ihm aufgeschriebenen Erzählungen der Überlebenden.

    Verfolgung und Holocaust sind Teil der deutschen Geschichte und den Deutschen damit als Erbe mitgegeben. Nicht im Sinne einer Kollektivschuld, denn schuldig werden kann man nur durch eigene Taten oder Unterlassungen. Doch zumindest als Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten und Konsequenzen daraus zu ziehen. Nicht für 50 und nicht für 100, sondern vielleicht für 1000 Jahre. So lange, bis Rassismus und Antisemitismus den Menschen in einer fernen Zukunft dermaßen fremd und unvorstellbar geworden sind, dass sie jede Bedeutung verloren haben.

    Johann Christian Lotter

    Ronneburg 2021

    Vorwort 2

    Dies ist keine weitere Beschreibung des Holocaust, der Leiden, der Verzweiflung und des Sterbens der Juden in den Vernichtungslagern. Vielmehr geht es um die, die davongekommen sind. Der Verfasser, selbst zwischen 1926 und 1942 in Frankfurt/Oder aufgewachsen, stellte nach der Wende bei ersten Besuchen in seiner früheren Heimatstadt fest, dass dort über die Schicksale der ehemaligen jüdischen Mitbürger so gut wie nichts bekannt war. Im Rahmen der araberfreundlichen Politik der DDR war die Judenverfolgung dort tabuisiert. Die Akten der Synagoge sind verloren, im Stadtarchiv gab es nur spärliche Zeitungsnotizen oder Polizeiakten im NS-Jargon.

    Mein Wunsch, den Lebensgeschichten der jüdischen Mitbürger nachzugehen, wurde geweckt durch die Frage nach dem Schicksal von Eugen Berlowitz, einem ehemaligen Klassenkameraden, der 1938 eines Tages verschwunden war. Während die Mitabiturienten des Jahrgangs 1942/43 des Frankfurter Friedrichsgymnasiums - inzwischen über ganz Deutschland verstreut - in jährlichen Treffen zusammenkamen, schien es lange aussichtlos, über den Verbleib des ehemaligen Mitschülers etwas zu erfahren. Erst das 300-jährige Jubiläum des (inzwischen aufgelösten) Gymnasiums 1994 bot unerwartet einen Ansatzpunkt. In der Jubiläumsschrift, zu der zahlreiche ehemalige Schüler Beiträge geliefert hatten, fand sich auch der Erinnerungsbericht eines anderen jüdischen Mitschülers, Zvi Aharoni, dem Sohn des Frankfurter Rechtsanwalts Heinrich Aronheim.

    Als langjähriger Agent des israelischen Geheimdienstes, später Privatdetektiv, hatte Aharoni Zugriff auf Informationsquellen, die für andere nicht einfach zugänglich waren. Durch ihn erhielt ich nicht nur Nachricht über das Schicksal des Gesuchten, der den Nazis entkommen und 1992 in Schweden verstorben war. Ich bekam auch Kontakt mit weiteren ehemaligen Mitbürgern in Israel, darunter dem Bruder Eugens, Gad Berlowitz, sowie Ada Brodski, Tochter des Kinderarztes Hermann Neumark, und Heinz Wollmann, Sohn des Schneidermeisters Ignaz Wollmann.

    Diesen inzwischen verstorbenen Zeitzeugen habe ich für ihre tätige Mithilfe zu danken, hielten sie doch Verbindungen zu zahlreichen ehemaligen Frankfurtern aufrecht. Deren Adressen teilten sie mit mir und unterstützten mich in jeder Weise bei der Suche. So konnte ich bei meinem nächsten Besuch in Jerusalem die Kontakte ausweiten. Die herzliche Aufnahme und Bereitschaft fast aller Angesprochenen, mir jede Auskunft zu geben, ließ bald den Plan reifen, mit allen in Israel und anderswo noch lebenden ehemaligen Mitbürgern Kontakt aufzunehmen und ihre Lebensläufe festzuhalten.

    Wer sich eingehender über das Schicksal der Überlebenden informieren möchte, muss sie soweit möglich selbst aufsuchen und befragen. Zu diesen Erhebungen war es allerdings höch­ste Zeit, denn die hier noch zu ermittelnden Informationen wären aufgrund biologischer Fakten bald unwiderruflich verloren gegangen. Schon im Laufe der Aufarbeitung der Interviews sind inzwischen viele der Mitte der 90er Jahre noch befragten Zeitzeugen verstorben. Immerhin habe ich in Israel noch zahlreiche ehemalige Frankfurter befragen können und wurde über die oft spannenden Umstände ihrer Flucht und ihre sehr unterschiedlichen weiteren Lebensläufe unterrichtet. Dazwischen flog ich auch nach London, wo zehn weitere ehemalige Mitbürger lebten, von denen ich ebenfalls Interviews aufnehmen konnte. Außerdem erhielt ich weitere Adressen und Nachrichten über andere Mitbürger, die in aller Welt, so den USA, in Südamerika oder Australien, verstreut lebten und daher nur brieflich oder telefonisch zu erreichen waren.

    Meine Recherchen stützen sich überwiegend auf Berichte der Überlebenden selbst, seltener auf die von deren Kindern. Die direkten Mitteilungen wurden meist auf Band aufgenommen, doch gab es auch Auskünfte durch telefonische Kontakte oder Übersendung von Dokumenten und Disketten. Hinzu kommen Berichte, die von Zeitzeugen schon früher verfasst oder an anderer Stelle bereits veröffentlicht wurden. Dies war vor allem bei der Anlage von „Stolpersteinen" 2006 in Frankfurt/Oder der Fall, wobei die Zusammenarbeit mit dem hier besonders aktiven Carsten Roman Höft für beide Seiten äußerst ergiebig war.

    Alle diese Recherchen erfassten natürlich nur einen Teil der seinerzeit in Frankfurt wohnenden jüdischen Mitbürger. Die aufgenommenen Gespräche sind Erinnerungen an Ereignisse, die viele Jahrzehnte zurückliegen. In Einzelheiten enthalten sie gewiss auch Irrtümer und Widersprüche. Auch waren die Erfahrungshorizonte sehr unterschiedlich. Manche der Betroffenen konnten schon kurz nach der Machtübernahme unter teilweiser Mitnahme des Vermögens, mitunter sogar des Mobiliars emigrieren. Andere erfuhren noch lange bis in die Kriegszeit hinein die sich ständig steigernden Erniedrigungen und Schikanen und retteten schließlich nur das nackte Leben. Doch sie alle waren keine passiv leidenden Opfer, sondern aktiv Handelnde, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen.

    Abschließend sei hier neben den bereits Genannten all denen gedankt, die durch ihre Mitarbeit das Werk aktiv gefördert und überhaupt erst ermöglicht haben. In diesem Zusammenhang habe ich neben den befragten Überlebenden selbst vor allem Prof. Nicholas de Lange in Cambridge zu danken, der mir seine Veröffentlichung über den Gemeinderabbiner Ignaz Maybaum und eine Auswahl aus dessen Schriften zugänglich machte. Darunter auch die von Maybaums Tochter Alisa Jaffa verfasste Biographie, deren freie Verwendung sie mir dankenswerterweise ebenfalls zugestand. Ganz besonders habe ich auch Frau Ilana Michaeli, der Archivarin im Kibbuz Hasorea zu danken, die mir unbegrenzt Zugang zu den Unterlagen und Dokumenten über die Gründung und Entwicklung Hasoreas und vor allem auch über den Gründer, Hermann Gerson, und andere Persönlichkeiten gewährte. Dank schulde ich auch Andrea Morgenthaler, die mir ihren ausgezeichneten Film Die Kinder von La Guette und Material über die Hilfsorganisation OSE bereitwillig überließ; und natürlich Carsten Roman Höft, der mir im Rahmen der „Stolpersteine" ausführliche Texte zur freien Benutzung überließ. Gewidmet sei das Buch all denen, die nicht überlebt haben.

    Prof. Dr. Friedrich Lotter

    Kassel 2009

    Leben und Sterben im Dritten Reich

    Wer sich mit dem Schicksal von Juden unter dem NS-Regime befasst, kann zur Beschreibung bestimmter Phänomene Begriffe der rassistischen NS-Ideo­logie wie Jude als Gegensatz zum Deutschen, jüdische Herkunft, Volljude, Mischling oder Halbjude kaum vermeiden. Nach aufgeklärtem Verständnis ist dies natürlich ein Unsinn, denn Jude bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, die keinen Gegensatz zum Deutschen darstellt und schon gar nicht gemischt, hal­biert oder viergeteilt sein kann. Nach der Nazi-Ideo­logie und deren Blut- und Rassenverständnis weist die Bezeichnung „Jude den Betreffenden jedoch ganz unabhängig vom Religionsbekenntnis als Angehörigen einer angeblichen „Rasse aus. Deshalb galten auch zur protestantischen oder katholischen Konfession übergetretene Juden für die Nazis weiterhin je nach „Blutsanteil als Voll-, Halb- oder Vierteljuden und unterlagen den entsprechenden Gesetzen. Ein „arischer Blutsanteil rettete dem Betroffenen vorerst das Leben, sofern nicht andere Beschuldigungen dazu kamen. Sogenannte „Volljuden hatten dann eine Chance, in Deutschland zu überleben, wenn der „arische Ehepartner trotz oft massivem Druck die Scheidung verweigerte.

    Die Existenz von Proselyten (Konvertiten zum Judentum), Konvertiten zum Christentum und Mischlingen ist Zeichen der weitgehenden Assimilation und Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft. Auch in Frankfurt lebte eine ganze Anzahl Juden in Mischehen, wo also die Ehepartner aus christlichen Familien stammten und ein Ehepartner mitunter zur Religion des anderen, zur christlichen oder jüdischen, übergetreten war. Die Kinder aus „gemischten Ehen wussten oft nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Dennoch galten sie als Mischlinge" und waren den sich ständig steigernden gesetzlichen Einschränkungen unterworfen.

    Es gibt kaum einen Zweifel, dass man gegen Kriegsende auch die Ermordung der sogenannten „Mischlinge ersten Grades plante. Bis dahin wurden sie wegen der „arischen Blutbeimischung noch geschont. Kinder aus gemischten Ehen, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten, die sogenannten „Geltungsjuden, standen eine Stufe unter den christlichen Mischlingen. Außer den Proselyten gab es auch nicht wenige Juden, die keiner Gemeinde angehörten und, ohne getauft zu sein, sich selbst nicht mehr als jüdisch betrachteten. Ihre Kinder, ihrer Herkunft oft nicht bewusst, galten jedoch ebenfalls als „Volljuden.

    Ich bitte also stets bei diesen Begriffen sich die Anführungsstriche, falls sie fehlen sollten, und den inneren Vorbehalt dazu zu denken. Die erwähnten Umstände erklären auch, dass die für die NS-Zeit angegebenen Zahlen der Juden in Frankfurt schwanken, je nachdem, ob nur die Listen der jüdischen Gemeinde­mitglieder zu Grunde gelegt werden, oder ob alle Personen mit jüdischer Familiengeschichte, nichtjüdi­sche zum Judentum übergetretene Ehepartner und Mischlinge einbezogen wurden oder nicht. So erklärt es sich wohl, dass schon die Zahl der für Anfang 1933 in Frankfurt festgestellten Juden zwischen 568 und rund 800 schwankt.

    Genauere Daten ergibt kurz vor Kriegsbeginn die Volkszählung vom Mai 1939¹. Sie unterscheidet zwischen Voll-, Halb- und Vierteljuden ohne Rücksicht auf die jeweilige Konfession. Insgesamt zählt sie nur noch 298 Personen auf, von denen 126 „Mischlinge und 172 „Volljuden sind, also drei oder vier jüdische Großeltern hatten. Da die Zahl der Volljuden 1933 gewiss 600 überstieg, ist zu folgern, dass die Hälfte von ihnen Frankfurt schon vor dem Krieg verlassen hatte. Allerdings konnten nur die wenigsten ins Ausland emigrieren. Viele siedelten nach Berlin über, wo sie sich in der Anonymität der Großstadt sicherer fühlten. Deutsche Juden, die in die Niederlande, Frankreich oder andere im Krieg später besetzte Gebie­te geflohen waren, fielen später wieder in die Hände der Gestapo. Andererseits konnten Juden unter bestimmten Voraussetzungen noch bis in die ersten Kriegsjahre emigrieren oder fliehen, so dass auch einige der 1939 in Frankfurt lebenden Juden noch bis 1941, teilweise - sicherlich durch massive Bestechung – sogar noch 1942 außer Landes gelangten.

    Tatsächlich war die Politik der Nazis vor 1941 darauf gerichtet, die Juden durch Nötigung zur Emigration aus Deutschland zu entfernen. Dies gelang nicht, denn praktisch alle Länder hatten sich mit Einreisesperren oder -Beschränkungen gegen jüdische Flüchtlinge abgeschottet. Um die Wende 1941/1942 wurde schließlich mit dem Verbot der Auswanderung die physische Vernichtung der Juden zur „Endlösung. Die Zahl der „Volljuden, die durch den nichtjüdischen Ehepartner geschützt waren - falls er sich nicht scheiden ließ - betrug bei Kriegsende in Frankfurt noch 19 Personen. Bekannt ist das Schicksal der Ärztin Dr. Lilly Jahn, die durch Heirat mit dem „arischen Dr. Ernst Jahn, mit dem sie fünf Kinder hatte, in Immenhausen bei Kassel in einer privilegierten „Mischehe lebte. Nachdem sich ihr Mann 1942 von ihr getrennt hatte, wurde sie aus dem Ort vertrieben, schließlich nach Auschwitz deportiert und 1944 ermordet.

    Die Aufgliederung der Frankfurter Liste vom Mai 1939 nach Altersstufen führt zu auffälligen Ergebnissen. Von den 126 Mischlingen sind 67 jünger als 26 Jahre, von 178 Volljuden aber nur noch elf. Das bedeutet, dass in Frankfurt schon vor Kriegsausbruch eine große Zahl „rein jüdischer Kinder und Jugendlichen außer Landes gebracht worden war. Für die Aufgliederung nach Berufen geben ebenfalls Listen Auskunft, die von der Stadtverwaltung herausgegeben wurden, um die jährliche Abnahme jüdisch geführter Geschäfte zu dokumentieren. Sie sind heute noch im Stadtarchiv zu finden. Die früheste mir zugängliche stammt aus dem Jahre 1935. Um die Gesamtzahl jüdischer Geschäfte und Betriebe Anfang 1933 festzustellen, bedarf diese Liste sicher der Ergänzung, da die bereits angelaufene Auswanderung und die Arisierung" die Zahl der jüdischen Geschäfte, Betriebe und Praxen inzwischen vermindert hatte und laufend weiter verminderte. Beispielsweise war die Zahl der jüdischen Apotheker schon von sieben auf drei zurückgegangen. Die korrigierte Liste ergibt mit dem vorläufigen Stand der Ergänzungen 135 Berufszuordnungen, davon Akademikerberufe 24; praktische Ärzte 7; Zahnärzte 2; Apotheker 7; Rechtsanwälte 8; Kultus und Loge 8; Fabrikbesitzer 4; Handwerker 9; Handel 77, davon Konfektion und Bekleidung 34; Lebensmittel 7; Kleinhandel 11; Angestellte 8; Kreditwesen 4. Diese Liste lässt bereits erkennen, dass jüdische Mitbürger das Wirtschaftsleben Frankfurts ganz entschei­dend mitgetragen haben, ebenso wie sie in öffentlichen Dienstleistungsberufen etwa als Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte hohes Ansehen genossen.

    Wenn man den Prozentsatz der Juden von weniger als 1% innerhalb der Stadtbevölkerung mit dem ihrer Vertretung innerhalb bestimmter Berufe vergleicht, bestätigt die Liste auch, dass sie in bestimmten Berufszweigen stark überre­präsentiert waren. Eine derartige Aussage setzt freilich vor­aus, dass Juden innerhalb der deutschen Nation als eine Sondergruppe betrachtet werden, eine Vorstellung, die zwar von Antisemiten ebenso wie auch von Zionisten vertreten wurde, die aber nicht der Wirklichkeit vor der Machtergreifung Hitlers und erst recht nicht der vor dem 1. Weltkrieg entsprach. Allerdings gab es schon in den 1920er Jahren in Deutschland Bestrebungen des Hechaluz, der weltweiten zionistischen Jugendorganisation, durch die Hachscha­­­ra, der landwirtschaftlichen Ausbildung im Hinblick auf spätere Einwanderung nach Palästina, die Berufsgliederung an die der nichtjüdischen Bevölkerung stärker anzupassen und Juden einen Zugang zu handwerklichen und bäuerlichen Berufen zu öffnen.

    Aufschlussreich ist auch die Herkunft der Frankfurter Juden. Ein beachtlicher Teil der jüdischen Familien Frankfurts, insbesondere der in akademischen Berufen, ist erst unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg aus den an Polen abgetretenen Teilen der Provinzen Posen und Westpreußen zugewandert, weil sie für das Deutschtum votierten und nicht Polen werden wollten. Neben dieser Gruppe der aus den polnisch gewordenen Ostprovinzen zugewanderten jüdischen Deutschen gab es die eigentlichen Ostjuden, die während des ersten Weltkriegs oder danach aus Polen und Russland einwanderten. Zu ihnen gehören auch eine Anzahl russisch-jüdischer Kriegsgefangener, die sich nach ihrer Entlassung in Frankfurt niederließen. Die Ostjuden waren eher orthodox, während die große Mehrheit der Frankfurter Juden wie überall in Deutschland, soweit sie überhaupt ihre jüdische Identität wahrten, der liberal-reformerischen Richtung zuzurechnen sind.

    Harry Lapidoth, Sohn des Kultusbeamten, schildert anschaulich, wie die hohen Fest­tage in der Synagoge als gesellschaftliche Veranstaltungen begangen wurden. Die Damen kamen in großer Toilette, die Herren mit Zylinder. Der äußere Eindruck dürfte diese Gesellschaft kaum von der der deutschen gehobenen Mittelschicht unterschieden haben, wenn man von der in Frankfurt stark vertretenen militärischen Komponente absieht.

    In diesem Zusammenhang verdienen die Juden aus Posen/Westpreußen besondere Aufmerksamkeit. Von dort kamen die Frankfurter Familien Aronheim, Baruch, Glass, Gumpert, Hirschberg, Naftaniel, Nehab, und Neumark. Die Familienväter waren häufig Akademiker und hatten vor allem in der Provinz und der Stadt Posen, wo neben der deutschen Beamtenschaft und dem Militär einheimische Deutsche nur eine kleine Minderheit darstellten, das deutsche Bürgertum vertreten. Besonders aufschlussreich sind die hier in Auszügen veröffentlichten Jugenderinnerungen des Frankfurter Rechtsanwalts Leo Nehab, der besonders lebendig die Lebensumstände in Posen während des Kaiserreichs beschreibt. Er schildert zugleich die Entwicklung einer jüdischen Familie vom streng orthodoxen hin zum liberalem Judentum, dann vom Judentum zum national bewussten Deutschtum, aus einer Kaufmannsfamilie hin zum Akademikerstand. In Posen wäre es um die Jahrhundertwende undenkbar gewesen, die Juden als eigenen Bevölkerungsteil abzuheben. Sie waren Deutsche und wollten nur dies sein. Ihr Judentum war für die meisten eine „Konfession", deren Abstand vom Christentum ihnen nicht größer erschien als der zwischen Katholiken und Protestanten. Die Juden hatten als der wirtschaftlich tragende Teil der Bevölkerung bei dem in Preußen geltenden Dreiklassenwahlrecht maßgebenden Einfluss im Wahlkörper und Stadtrat, die Stadtverordnetenvorsteher waren fast durchweg Juden. Auch der Oberbürgermeister war jüdischer Herkunft, wenn auch getauft, denn das war immer noch die Voraussetzung, um ein solches Amt ausüben zu können.

    Leo Nehab beschreibt auch die Faszination, die das in Posen stark vertretene Militär auf die heranwachsende jüdische Jugend ausübte. Das gleiche geht aus dem Bericht des letzten Synagogendieners Salo Glass hervor, der aus der Provinz Posen stammt. Im Jahr 1995 93-jährig und erblindet, beginnt er seinen von den Töchtern auf Diskette vermittelten Bericht mit der Feststellung, dass Posen zu dem angesehenen V. Armeekorps gehörte, sein Vater dort bei den Grünen Jägern, sein Onkel in Danzig bei den Schwarzen Husa­ren diente. Derselbe Glass schildert, wie er nach der Pogromnacht von einem Gestapo-Kommissar beauftragt wurde, Juden, die Selbstmord begangen hatten, abzuholen und beizusetzen. Darunter war ein ehemaliger Feldwebel des kaiserlichen Garderegiments, der sich die Uniform angezogen, seine Orden, EK I und II, angelegt und sich erschossen hatte. Ich glaube, nichts belegt deutlicher als dieser Vorgang den absoluten Bruch zwischen der Stellung der Juden im deutschen Kaiserreich und der NS-Epoche. Natürlich gab es auch in Frankfurt eine Ortsgruppe des Bundes jüdischer Frontsoldaten mit einer entsprechenden Jugendorganisation.

    Kurz nach der Machtergreifung, spätestens mit dem Boykott vom 1. April 1933, begann die Drangsalierung der Juden, die in der Folge ständig zunahm. Besonders aufschlussreich sind die von Gerda Stein beschriebenen Machenschaften, mit denen die Nazis die Enteignung der Fabrik ihres Vaters in Drossen betrieben. Ein neues Stadium erreichte die Judenverfolgung in der Nacht vom 9./10. November mit den Ereignissen, die als Reichspogromnacht bzw. damals „Kristallnacht" in die Geschichte und in die Erinnerung der noch lebenden Juden eingegangen sind. Es ist übrigens nicht richtig, diese Bezeichnung als verharmlosende Sprachregelung der Nazis zu werten. Eher lässt sie auf den makabren Humor der Berliner Bevölkerung schließen und dürfte von dort her auch von den betroffenen Juden übernommen worden sein. Die Synagoge wurde in Brand gesteckt, die jüdischen Geschäfte geplündert und zerstört, die jüdischen Familienväter in der Nacht verhaftet und bald darauf ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo sie, wie in einigen der hier veröffentlichten Schilderungen beschrieben, unsäglichen Schikanen und Quälereien ausgesetzt wurden. Offensichtlich waren die Nazis mit dem Verlauf der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nicht zufrieden und wollten diese durch die Verfolgung beschleunigen. Obwohl auch eine Anzahl von Morden zu verzeichnen ist, stand der Massenmord noch nicht auf dem Programm. Bekannt ist auch die über den wirtschaftlichen Schaden empörte Reaktion von Hermann Göring.

    Noch in Frankfurt wurden einige jüdische Kaufleute wie Max Berlowitz nach Hause geschickt, um ihr zerstörtes Geschäft aufzuräumen und wiederherzustellen, offenbar um den verheerenden Eindruck der zerstörten Geschäfte nach außen zu beseitigen. Entlassungen aus Sachsenhausen erfolgten unter der Bedingung, dass die Ausreiseformalitäten geregelt waren. Dies war aber in vielen Fällen unmöglich geworden, nicht nur, weil es praktisch kaum noch Aufnahmeländer und damit Visen gab, sondern auch, weil die Juden durch Berufsverbot, Plünderung, Vermögenssperre und Enteignung gar nicht mehr die Mittel besaßen, die für eine Einwanderung nach Palästina und für die Bestechung der Konsulatsbeamten erforderlich waren.

    Während England mit dem Palästina-Weißbuch die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina ebenso wie nach England massiv erschwert hatte, beschloss das englische Parlament unter dem Eindruck der Kristallnacht immerhin, 10000 jüdische Kinder aus dem damaligen Deutschland mit Österreich und Deutsch-Böhmen in England aufzunehmen². In Frankreich startete die Baronin Germaine de Rothschild und die OSE in kleinerem Rahmen ähnliche Aktionen³. So kam es innerhalb eines knappen Jahres zu einer neuen Ausreisewelle von minderjährigen Kindern, von denen damals auch in Frankfurt die meisten noch Verbliebenen von ihren Eltern in die Fremde geschickt wurden. Was es bedeutet, dass Eltern in dieser Existenznot sich von Kindern dieses Alters trennen und sie in eine ungewisse Zukunft schicken mussten, kann ein Außenstehender wohl kaum ermessen. In England gab es bei weitem nicht genug jüdische Familien, die imstande und bereit waren, diese Kinder aufzunehmen. So kamen sie häufig in christliche Familien, die teilweise strenggläubig waren - Pietisten, Baptisten, Methodisten, Quäker – und sich bemühten, sie taufen zu lassen. Bei den Jüngeren hatten sie oft Erfolg, die Älteren wurden jedoch in einen fast unerträglichen Zwiespalt versetzt. Hilde Naftaniel beschreibt, wie sie als zwölfjähriges Mädchen nach England kam und bei einem strenggläubigen, aber auch herzensguten Ehepaar eine neue Heimat fand. Hier wurde sie christlich erzogen und musste sich schließlich das Recht erkämpfen, in die Synagoge gehen zu dürfen. Auch der Synagogendiener Glass musste seine beiden Töchter, Ruth und Margot, mit verschiedenen Kindertransporten noch im Frühjahr und Sommer 1939 nach England schicken, da er sie auf seinem eigenen illegalen Palästinatransport nicht mitnehmen konnte. Abraham Baruch konnte alle seine Kinder, fünf an der Zahl, noch 1939 nach England schicken, und schließlich gelang es diesen, auch die Eltern noch herüberzuholen.

    Das schwere Schicksal der von der Baronin Rothschild in Frankreich aufgenommenen Kinder schildert der ehemalige Frankfurter David Meyer sowie der Fernsehfilm „Die Reise der Kinder von La Guette von Andrea Mogenthaler. Mit der deutschen Besetzung Belgiens und Frankreichs wurden auch diese Kinder wieder dem Zugriff des Nazistaates ausgesetzt, entweder unmittelbar im deutschbesetzten Teil Frankreichs, aber auch im „freien Vichy-Frankreich, wo die französische Polizei kaum weniger rigoros den Transporten in die Vernichtungslager zuarbeitete. Die im Untergrund arbeitende OSE und christliche Organisationen bemühten sich, die elternlosen Kinder zu retten.

    Die Stellung der sogenannten Ostjuden war doppelt schwierig, weil sie nicht nur dem Antisemitismus von deutscher Seite in besonderem Maße ausgesetzt waren, sondern auch von den assimilierten deutschen Juden abgelehnt wurden, ja ihnen vielfach die Schuld am Antisemitismus zugeschrieben wurde. Der Gegensatz zwischen „deutschen" und Ostjuden hat allerdings in der jüngeren Generation keine große Rolle mehr gespielt. Hier war es eher so, dass unter dem Einfluss zionistischer Ideen die deutschen Juden gegenüber den Ostjuden gewisse Minderwertigkeitskomplexe entwickelten, da diese die jüdische Tradition weit besser bewahrt hatten als sie.

    Wie tüchtig diese Ostjuden tatsächlich waren, zeigt das Beispiel des Schneidermeisters Wollmann. Er stammte aus einer jüdischen Familie in Minsk, in der zu Hause, wie dies in bürgerlichen jüdischen Familien Russlands anscheinend nicht selten der Fall war, deutsch gesprochen wurde. Im ersten Weltkrieg gelangte er als russischer Kriegsgefangener nach Frankfurt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung blieb er wie auch andere russisch-jüdische Kriegsgefangene in Frankfurt und kam hier mit einer Schneiderei zu Erfolg und Reichtum. Seine Bemühungen um die deutsche Staatsbürgerschaft wurden freilich trotz bester Gutachten und Fürsprache durch angesehene Persönlichkeiten nach über einem Jahrzehnt dauernder Verzögerung 1932 abschlägig beschieden. Dies kann als ein Zeichen eines beginnenden Antisemitismus in der damaligen Beamtenschaft gewertet werden.

    Allerdings bestätigen praktisch alle Aussagen der älteren Frankfurter Juden, dass bis zur Machtergreifung, jedenfalls im Umgang der Menschen miteinander, von Antisemitismus in Frankfurt wenig zu spüren war. Den jüdischen Ärzten fehlte es nicht an Patienten, den Rechtsanwälten nicht an Klienten, den Kaufleuten nicht an Kunden. Der Kinderarzt Neumark betreute die Säuglingsstation des Stadtkrankenhauses, der Zahnarzt Gumpert die umfangreiche Garnison, Offiziere gingen bei ihm ein und aus. Das änderte aber nichts daran, dass der von der Nazipartei propagierte Antisemitismus 1933 bei einem Teil der Bevölkerung sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Neben den Gestapo-Beamten und der SA waren es häufig die Lehrer an den Schulen, vor allem aber Kinder und Jugendliche und deren Eltern, die sich nun antisemitische Ausfälle erlaubten: Ich darf mit Dir nicht mehr spielen, Du bist Jude! Gerda Stein erzählt, wie sie in der Schule mit steingefüllten Schneebällen beworfen wurde, doch ein Mitschüler vermittelt habe: Lass die, die ist nur eine Halbe! Der Knirps wusste also, dass sie nur „Halbjüdin" war.

    Mit den sich ständig verschlechternden Lebensumständen in Frankfurt wurde schon 1933 der Besuch von Universitäten für Juden wegen ihrer „Überrepräsentation erschwert. Leo Lapidas studierte in Berlin an der Humboldt-Universität. Im Juli 1933 entschied die Universität nach Begutachtung eines umfangreichen Fragebogens: Gegen ein Weiterstudieren bestehen keine Bedenken, da der Vater als Frontkämpfer anzusehen ist". Dennoch musste Lapidas die Universität bald darauf verlassen, da er, wie er schildert, in der dort herrschenden antisemitischen Atmosphäre kaum atmen, geschweige denn studieren konnte.

    Viele jüdische Kinder wurden bereits 1935 von den höheren Schulen verwiesen, denn im Gefolge der Nürnberger Gesetze wurde per Numerus Clausus der Anteil der Juden in den Gymnasien dem an der Gesamtbevölkerung angeglichen. So musste Jachin Simon 1935 das Friedrichsgymnasium verlassen, obwohl der Direktor den Verlust des begabten Schülers bedauerte. Auch im Verkehr der Erwachsenen änderte sich viel, bei Ärzten, Rechtsanwälten, Geschäftsleuten nahm die Zahl der Kunden ab. Nachbarn und frühere Freunde wechselten bei Begegnungen auf die andere Straßenseite. Der Boykott am 1. April 1933 traf alle schwer. Dr. Benno Baswitz, Angehöriger einer seit Jahrhunderten in Frankfurt ansässigen Druckerfamilie, und ein Kaufleuteehepaar nahmen sich damals schon das Leben. Der beliebte Zahnarzt Gumpert wurde von SA-Leuten gezwungen, das mit Farbe auf den Bürgersteig vor seinem Haus geschmierte Wort Jude auf den Knien zu beseitigen.

    Dennoch gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele. Ada Neumark betont, dass sie, solange sie das Lyzeum besuchte, bis 1938 von keiner ihrer Klassenkameradinnen jemals ein beleidigendes Wort gehört habe, einige sie auch nach wie vor zu Hause besuchten, gemeinsam Schul­arbeiten machten, Bücher tauschten oder Kanons sangen. Nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch unter Beamten und auch der Polizei und sogar der SA gab es immer wieder Beispiele von Sympathie oder gar Freund­schaft mit und Hilfsbereitschaft für Juden. So wurde der Synagogendiener Salo Glass noch einige Zeit vor der Kristallnacht von einem SA-Sturmführer zusammen mit SA- und SS-Leuten zu dessen 50. Geburtstag eingeladen. Leo Nehab betont, dass die Verhafteten nach der Kristallnacht im Frankfurter Gefängnis von den dort tätigen Beam­ten, meist älteren Leuten mit preußischer Tradition, freundlich behandelt wurden, ein absoluter Gegensatz zu dem schrecklichen Empfang in Sachsenhausen. Als Arnold Naftaniel Betrieb und Haus in der Dammvorstadt eingebüßt hatte, zur Zwangsarbeit rekrutiert war und seine beschränkten Lebensmittelrationen kaum noch zum Leben ausreichten, kamen seine früheren Arbeiter nachts in seine Wohnung und versorgten ihn.

    Immer wieder berichten die Überlebenden von ihren Eltern, dass diese entschieden antizionistisch und meist deutschnational oder nationalliberal eingestellt waren. Die Väter waren stolz auf ihre Kriegsauszeichnungen und vertraten die Ansicht, die Judenhetze meine nicht sie, sondern nur die Ostjuden,

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