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Marattha König Zweier Welten Teil 3: Bahadour
Marattha König Zweier Welten Teil 3: Bahadour
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eBook250 Seiten3 Stunden

Marattha König Zweier Welten Teil 3: Bahadour

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Über dieses E-Book

Juni 1796: Arthur Wellesley, ein junger Offizier, befindet sich in einer prekären Lage: Er ist völlig mittellos, mit seiner Familie zerstritten und ohne Zukunft in Irland. In dieser Situation bleibt ihm nur ein Ausweg: Die Heimat verlassen und nach Indien fahren. In der Kronkolonie kann er sich bewähren, militärische Ehren erlangen und vielleicht sogar zu ein bisschen Geld kommen. Der Subkontinent ist weit und unerforscht. Blutige Machtkämpfe zwischen der britischen Ostindischen Kompanie und den lokalen Machthabern sind entbrannt. Es geht um Einfluss, Macht, Handelskonzessionen und sehr viel Geld. Die Gefahren sind vielfältig, doch Arthur weiß sich zu behaupten. Als er sich in Charlotte, die Tochter eines hohen, britischen Beamten in Kalkutta verliebt, gewinnt das Leben in Indien sogar ganz neue Facetten. Dann wird Arthur vom Generalgouverneur mit einer gefährlichen Mission betraut. Tippu Sultan, der berüchtigte "Tiger von Mysore" probt den Aufstand gegen die Briten. Der Erfolg gegen den "Tiger" bleibt nicht aus und festigt Arthurs Ruf als Soldat, doch der Preis für den Ruhm ist hoch. Tippus bester General –Dhoondia Wao – schwört dem Bezwinger seines Sultans blutige Rache. Unter dem Namen "König Zweier Welten" bricht zusammen mit den Anhängern der blutrünstigen "Thugee-Sekte" einen grausamen Krieg im Herzen Indiens vom Zaun, dem nicht nur unzählige Unschuldige zum Opfer fallen, sondern auch Arthurs junge Verlobte und ihr ungeborenes Kind. Der britische Offizier verfolgt den "König Zweier Welten" bis ans Ende des Maharastra und zerstört den berüchtigten Khali-Tempel von Aymangala, in dem die "Thugee" ihre schrecklichen Rituale zelebrieren. Doch auch dieser Sieg bringt weder den Menschen in Mysore noch Arthur Wellesley den ersehnten Frieden.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum6. Sept. 2014
ISBN9783847610458
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    Buchvorschau

    Marattha König Zweier Welten Teil 3 - Peter Urban

    Kapitel 1 Der Zauberlehrling

    Montstuart Elphinstone küsste Lutuf Ullah beide Hände, als der alte Paschtune den Serai von Seringapatam betrat. »Baba, es tut gut, dich zu sehen!« Dann umarmte er Huneefa, Lutufs Hauptfrau, mit einer Herzlichkeit, die er seiner eigenen Mutter nie entgegengebracht hätte. »Es war ein gutes Jahr, Bedi. Ich komme aus Kalkutta. Clarke-Sahib hat all unsere Pferde gekauft, und wir haben hervorragende Preise bekommen. Ibrahim und Mullaih bringen noch einmal fünfhundert Tiere für die >inglis< aus Dagestan.«

    »Komm, Baba! Wir haben uns viel zu erzählen. Alle warten auf euch!« Elphinstone legte den Arm um Lutufs Schulter und geleitete ihn in einen prächtigen Saal, in dem bereits aufgetragen wurde. Wie einen ungezogenen kleinen Jungen packte der Paschtune Wellesleys politischen Offizier an der Nase. »Du meinst, ich habe euch viel zu berichten, denn ihr seid gewiss neugierig, aus erster Hand zu erfahren, was Mornington-Sahib in Bassein ausgehandelt hat?«

    Montstuarts junges, sonnengebräuntes Gesicht wurde rot vor Verlegenheit. »So kann man’s auch interpretieren. Arthurs Verhältnis zu seinem ehrenwerten Bruder ist ...«

    Lutuf schlug Elphinstone herzhaft auf die Schulter und lachte laut auf. »Im besten Falle frostig. Ganz Indien scheint es zu wissen. Übrigens, es geht das Gerücht, ihr hättet einen Generalmajor für das Kommando in Mysore bekommen, obwohl man mir zugetragen hat, jemand würde hier sehr laut verkünden, solche Schnösel seien überflüssig in eurem kleinen Reich.«

    »Er hat sich noch nicht von diesem Schock erholt, Baba. Die Schulterstücke hat Miss Seward ihm erst heute mit sanfter Gewalt angenäht, und er hat’s nur über sich ergehen lassen, weil Du Sir Edwin mitbringst. Wo ist der eigentlich?«

    »Bedi, die Mission ist delikat, die Sache geheim ... Sir Edwin muss sich erst den Walnusssaft aus dem Gesicht waschen und wieder europäische Kleider überziehen. Er hat es vorgezogen, in Landestracht zu reisen, denn meine Karawane ist durch Marattha-Land gezogen.« »Du machst es spannend, Lutuf!«

    »Warte ab, Bedi! So, jetzt lasse mein Weib ihren Augapfel begrüßen, oder ich werde mir heute Nacht schlimmes Gezeter und Geschimpfe anhören müssen.« Der Paschtune gab seiner Frau einen liebevollen Klaps und schickte sie zu Barrak.

    Arthur Wellesley befreite sich mit einiger Mühe von den Kindern und ihrem vierbeinigen Spielgefährten Jack, um Lutuf zu begrüßen. »Gebt mir fünf Minuten, ihr kleinen Racker!« versuchte er gutmütig, sie zu verscheuchen. »Habt Mitleid mit einem alten Mann!«

    Salabuth überhörte die Aufforderung geschickt, denn Lutufs beeindruckendes Äußeres faszinierte ihn. Er schlich sich hinter Arthur an den Afghanen heran und fingerte begeistert an dessen großem, edelsteingeschmücktem »tulwar« herum.

    »Hast du schon viele Männer besiegt? Erzählst du mir von euren Kriegszügen?« drängte der Junge auf Persisch, ohne sich um die Erwachsenen zu kümmern. »Barrak hat versprochen, dass du alles erzählst, wenn du kommst!«

    Lutuf strich dem Kleinen über die schwarzen Haare und schmunzelte Arthur an. »Deiner?«

    »Meiner!« antwortete der Ire. Ein trauriger Schleier legte sich über seine Augen. Wenn Dhoondia Wao nicht gewesen wäre, hätte er heute vielleicht voller Stolz Charlottes und seinen Sohn oder ihre kleine Tochter präsentieren dürfen.

    Der Paschtune umarmte ihn fest. »Arthur, du musst eines Tages darüber hinwegkommen«, flüsterte er ihm ins Ohr. »Du kannst nicht dein ganzes Leben mit den Toten verbringen. Wenn es Allahs Wille ist, dann ruft er dich zu sich, und du wirst Charlotte und dein Kleines im Paradies wiedersehen. Allah u akkbar – Allah ist allmächtig, und in seiner unendlichen Weisheit hat er dir ein anderes Schicksal bestimmt.« Er blickte nachdenklich Salabuth an. »Es gehört viel Mut dazu, den Sohn seines Feindes großzuziehen.«

    Wellesley befreite Lutufs »tulwar« mit geübten Händen von dem kleinen, neugierigen Quälgeist. Dann nahm er ihn in die Arme. »Es gehört auch viel Mut dazu, dem Mann zu vertrauen, der deinen Vater erschlagen hat.«

    »Ihr >inglis< seid sonderbare Menschen! Ihr führt Krieg, obwohl ihr nicht hasst. Wieso dann?«

    Sir Edwin Hall war inzwischen sauber und in europäischer Kleidung in den überfüllten Speisesaal gekommen. Trotz seines Alters hatte er scharfe Ohren. Er nahm Wellesley die Antwort ab. »Wir sind ein kleines Land, umgeben von einem wilden Meer, Lutuf! Und wir haben Männer wie den Marquis von Mornington, die ihre Blicke weit in die Zukunft richten ...«

    Als der Name seines Bruders fiel, verzog Arthur den Mund. Sir Edwin schüttelte den Kopf. Er hatte dem Jungen bestimmt schon hundertmal geschrieben, dass er lernen müsse, Gefühle zu unterdrücken. Es konnte nicht so weitergehen, dass er seinen Bruder Mornington mit dem Generalgouverneur Mornington in einen Topf warf. Man konnte dem Marquis berechtigterweise auf menschlicher Ebene Vorwürfe machen, doch seine Strategie für Großbritannien auf dem Subkontinent war brillant und sehr geschickt. Sie war vor allem erfolgreich ... Als er den Generalgouverneur zu den Verhandlungen in Bassein begleitet hatte, um nach dem Massaker von Poona einen Schutzvertrag mit Bajee Rao II. auszuhandeln, war ihm im Verlauf der zähen Gespräche klar geworden, welches Ziel Mornington verfolgte. Er wollte eine befriedete Marattha-Konföderation, welche die Oberherrschaft König Georgs akzeptierte; Großbritanniens politische Strukturen und das Rechtssystem sollten auf den Subkontinent übertragen werden; es sollte ein Allianzensystem entstehen, das der Ostindischen Kompanie das Monopol für die endlosen Gebiete von der Coramandel-Küste bis hinauf zum Himalaja garantierte. Und – nicht zu vergessen – Mornington dachte stets an den Hof von St. James.

    Man munkelte, dass die Regierung Addington schwankte. Ein gelungener Streich gegen die Marattha, eine Verfünffachung des britischen Einflussgebiets ... dann winkte das Amt des Außenministers, vielleicht sogar des Premiers. Mornington wurde von brennendem Ehrgeiz angetrieben und scheute nicht davor zurück, seinen Bruder Arthur erbarmungslos auszunutzen. Eine der Grundlagen für die britischen Vorbereitungen der Gespräche von Bassein war Arthurs genaue und tiefgründige Analyse des Herzstücks Indiens gewesen, die von dem jungen Offizier vor knapp einem Jahr mit dem Gedanken verfasst worden war, Fort William zu einer weniger aggressiven Politik zu bewegen. Sir Edwin nahm sich vor, unter vier Augen ein paar ernste Worte mit Arthur zu wechseln.

    Lakshmi hatte ein langes, erfrischendes Bad genommen. Nun saß sie bequem auf einem weichen Kissen, während eines ihrer Mädchen geschickt ihr rabenschwarzes Haar bürstete und ölte. Lakshmi war nach der Aburteilung von Saxon, Mandeville und Macintire und nach Dodds spektakulärer Flucht über die Grenze des Maharastra heilfroh gewesen, dass ihr schmieriger Geschäftspartner John Shee sich nicht mehr in ihrem feinen Hurenhaus blicken ließ.

    Genauso wie General Wellesley, der Gouverneur von Mysore, überall Augen und Ohren hatte, verfügte auch Lakshmi über Zuträger. Einer ihrer treuesten einheimischen Kunden, ein reicher und ausgesprochen fetter, parfümierter Tamile, der mit Seidenstoffen handelte und die britischen Truppen ab und zu mit Tuch oder Leinen versorgte, hatte ihr anvertraut, dass im »Dowluth Baugh« so laut über sie gesprochen wurde, dass es sogar durch die Wände drang. Wellesley-Sahib schien Nachforschungen über ihre Person angestellt zu haben, und entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten posaunte er es überall laut herum. Lakshmi war nicht dumm. Sie verstand diesen diskreten Wink des britischen Offiziers: Ich habe nichts gegen dich in der Hand, aber ich weiß über dich Bescheid! Beim nächsten falschen Schritt bezahlst du für deine Taten...

    Was sie dabei verwirrte und zutiefst beunruhigte war die Tatsache, dass er ihr feines Hurenhaus weiterhin in Seringapatam duldete und seinen britischen und indischen Offizieren Besuche bei ihren Mädchen nicht untersagte. Hatte er Spitzel unter ihre Kunden gemischt? Wusste er weniger, als er vorgab? Versuchte er ihr eine Falle zu stellen, oder war sie ihm gleichgültig?

    Lakshmis langes Haar wurde zu einem straffen Knoten im Nacken gelegt. Man parfümierte ihren Körper mit Patschuli-Öl. Eine Bedienstete trat mit einem Armvoll Kleidungsstücken ein. Lakshmis schwarze Augen glitten nachdenklich über die Auswahl kurzer Seiden-»cholis«. Sie wählte ein edles Stück mit großen, ineinander verschlungenen feuerroten Blumen. Warum befreite sie sich eigentlich nicht von Shee und schloss auf diesem Weg Waffenstillstand mit der Regierung von Mysore? Sie hatte viel Geld mit dem Diebesgut aus dem Arsenal gemacht, ihre Geschäfte in Seringapatam liefen prächtig ... Während Lakshmi einen dunkelgrünen, schweren Sari mit einer zart gestickten Bordüre aus Blumen und Kolibris auswählte, beschloss sie, ihrem fetten Stoffhändler Damodar Ratha für seinen nächsten Ausflug in den »Dowluth Baugh« einen Brief anzuvertrauen.

    Der Raum war verqualmt und dämmrig. Nur über dem Tisch in der Ecke brannte noch eine Lampe. Halb verborgen hinter einem großen Bierfass saß ein einsamer Gast. Vor ihm standen eine leere und eine halbvolle Brandyflasche.

    Major John Shee hatte den ganzen Tag keinen Bissen heruntergebracht. Seit Wellesley ihm das 33. Regiment weggenommen hatte, verbrachte er seine Zeit damit, unter dem verächtlichen Blick des Generals administrativen Kleinkram zu erledigen, den jeder des Schreibens kundige gemeine Soldat auch abarbeiten konnte. Doch Wellesley, der irische Buchhalter, hatte Shees elender Beschäftigung einen klangvollen Namen gegeben und damit pro forma die Spielregeln eingehalten, die es erlaubten, dass Gore das Regiment übernahm. Draußen in Brindavan gab es keinen ranghöheren Offizier mehr. Obwohl Wellesley bis zum Hals mit Arbeit zugeschüttet war, schien es ihm nicht an der Zeit zu fehlen, Shee hingebungsvoll zu tyrannisieren. Immer wieder provozierte der General Augenblicke trauter Zweisamkeit, weitab von den anderen. Immer wieder behandelte er den Major mit einer solchen Arroganz, dass jeder normale Offizier – Vorgesetzter hin, Vorgesetzter her – bereits zur Waffe gegriffen hätte, um Genugtuung zu fordern. Shee konnte nachvollziehen, dass der junge General ihn zu demütigen versuchte, doch er fraß alles voller Hass in sich hinein. Er spürte instinktiv, dass Wellesley darauf wartete, dass er den Degen zog. Seit Wellesley aus Gores und Elphinstones Mund detailliert das Ausmaß von Shees Schreckensherrschaft über das 33. Regiment vernommen hatte, war klar, dass er ihn endgültig loswerden wollte.

    Doch der Anstand ließ es nicht zu, dass ein Ranghöherer den Untergebenen forderte. Wellesley war viel zu sehr auf seine Ehre bedacht, um diese Grenze zu überschreiten und ihm an irgendeinem verschwiegenen Ort im Schutze der Nacht die Kehle durchzuschneiden, um dann zu behaupten, Shee hätte ihn angegriffen ...

    Vor wenigen Jahren noch hatte er Wellesley gar nicht ernstgenommen und sich einen feuchten Kehricht um ihn geschert, doch seit er gesehen hatte, zu welch kaltblütigem Handeln der Kleine fähig war und wie ungerührt er Männer hinrichten ließ – oder sie selbst tötete –, hatte John Shee geradezu panische Angst vor seinem Vorgesetzten. Als Shee die erste Flasche geleert hatte, war sein Entschluss gefasst: Er würde es Dodd gleichtun und die Grenze zum Maharastra überschreiten. Mit der zweiten Flasche trank er sich den Mut an, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen. Doch bevor er verschwinden konnte, musste er ein letztes Mal Lakshmi besuchen und seinen Anteil des Gewinnes aus ihren gemeinsamen Geschäften abkassieren.

    Mary Seward schnaufte energisch und laut, um sich General Wellesleys Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es war fast schon Mitternacht, und der kleine Salabuth gehörte ins Bett, nicht in eine fröhliche Männerrunde, die um eine große Flasche Whisky versammelt saß.

    Arthur stellte seine Kaffeetasse auf den Tisch und musterte Mary Seward mit einem schiefen Lächeln. Charlotte hatte die Kleine gern gehabt. Er hatte sie aus Gewohnheit bei sich behalten, obwohl er eigentlich niemanden brauchte und Vingetty völlig ausreichte, um die paar Hemden und die drei Uniformjacken sauber zu halten, die er besaß. »General, der Junge muss ins Bett!« sagte Mary. Seit sie ihre Angst vor Wellesley verloren hatte, herrschte zwischen den beiden ein liebevoll-rauer Umgangston.

    Arthur seufzte ergeben und schlug die Augen nieder. »Miss Seward hat gesprochen, mein kleiner Salabuth! Also bleibt uns allen nichts anderes übrig, als ihr brav zu gehorchen. Du und Jack, ihr verschwindet jetzt!« Er gab dem Jungen einen Kuss auf die Stirn und knuddelte das Hündchen, das vergnügt mit dem Schwanz wedelte.

    Hilfesuchend richtete Salabuth seinen Blick auf Barrak und Lutuf Ullah. Der Paschtune war gerade dabei gewesen, eine alte Geschichte zum Besten zu geben, und der Junge hatte hingebungsvoll zugehört. Doch weder Barrak noch Lutuf ergriffen Partei für ihn, und Arthur sah auch nicht wie ein rettender Engel aus. Also nahm der Junge das Hündchen und trottete mit hängendem Kopf zu Mary. »Morgen musst du mir aber das Ende erzählen«, rief er Lutuf auf Persisch zu. »General, ich hätte es beinahe vergessen.« Mary Seward trat noch einmal zu Wellesley. »Ein Händler hat John diesen Brief für Sie übergeben. Zuerst wollte John ihn nicht annehmen, denn der Tamile hätte ja direkt um einen Gesprächstermin bei Ihnen bitten können, aber dann hat er sich gedacht« – ihre grünen Augen streiften kurz Barrak und Montstuart – »dass es vielleicht einer der Korrespondenten von Mister Ullah oder Mister Elphinstone sein könnte.«

    Arthur nahm der jungen Frau das Schriftstück ab. »Hat der Tamile irgendwas gesagt?«

    »Nur dass man ihn gebeten habe, den Brief bis in den »Dowluth Baugh« mitzunehmen, wenn er sein Tuch für die Regimenter abliefert.« Mary machte einen Knicks vor den Anwesenden; dann nahm sie Salabuth an der Hand und verschwand von der Terrasse.

    Wellesley erbrach das Siegel und überflog den Text. Er war in einem grauenvollen Englisch verfasst, aber durchaus verständlich. Seine Miene verfinsterte sich.

    »Schlechte Nachrichten?« Sir Edwin Hall schenkte sich Whisky nach. Elphinstone und Barrak ben Ullah beobachteten Wellesley ohne ein Zeichen der Ungeduld. Lutuf kratzte sich zufrieden den roten Bart. Stoffhändler waren geschwätzig und immer gut dafür, Gerüchte in Umlauf zu setzen oder Unruhe zu stiften. Der fette, parfümierte Damodar Ratha machte da keine Ausnahme.

    »Endlich!« seufzte Arthur und reichte Lakshmis Schreiben an Elphinstone weiter.

    »Klär mich bitte auf, mein Junge.« Sir Edwin hasste es, einer Unterhaltung nicht folgen zu können. Jedes Mal, wenn Barrak, Montstuart und Arthur miteinander tuschelten, hatte er das Gefühl, den undurchsichtigen Ritualen einer Geheimgesellschaft beizuwohnen. »Ein fauler Apfel in meinem Regiment, Edwin! Es hat nichts mit Morningtons glorreichen Plänen für unseren geliebten König und >John Company< zu tun«, flachste der Ire. »Der Mann hatte seine Finger in dieser schmierigen Unterschlagungsgeschichte im Arsenal. Wir hatten keine Beweise, und ich konnte ihn nicht loswerden ... da hatte Barrak die Idee, ihm eine kleine Falle zu stellen. Es ist ziemlich kompliziert ...«

    In der Nacht fuhr Shee auf. Er wollte nach der Brandyflasche greifen, die draußen in Brindavan stets auf seinem Nachttisch stand; stattdessen geriet seine Hand in ein feines Netz und Shee wusste wieder, wo er war. Er setzte sich mit schmerzendem Kopf auf und schob den Stoff zur Seite. Das Mädchen neben ihm atmete tief. Es war ein günstiger Augenblick, um sich aus Lakshmis Hurenhaus zu schleichen und weit fortzureiten. Der Gedanke an seinen prall gefüllten Geldbeutel und ein neues Leben weitab der britischen Armee und dieses tyrannischen Buchhalters Wellesley war verlockend.

    Schon wollte Shee den Fuß auf den Boden setzen, als der kleine Hintern neben ihm sich bewegte. Zwei Arme umschlangen ihn und zogen ihn zurück in die Kissen. Als er das nächste Mal erwachte, erfüllten eine sanfte Helligkeit und die zarten Pastelltöne eines Frühlingsmorgens im Herzen Indiens den Raum. In der Magnolie vor dem Fenster sangen Vögel. Die Zweige, in denen der Wind spielte, bewegten sich leicht auf und ab.

    Diesmal hielt der hübsche kleine Hintern Shee nicht zurück, als er aufstand. Bevor er in sein schmutziges Hemd fuhr, verfluchte er seine Dummheit, die letzte Nacht nicht für die Flucht aus Mysore genutzt zu haben. Er wusste nicht, wann Wellesley ihn wieder für ein paar Stunden von der Leine lassen würde, und er glaubte nicht, dass er der Tyrannei des Iren noch lange standhalten konnte. Das Mädchen im Bett rollte sich zufrieden in die Leintücher und drehte ihm den Rücken zu.

    Als Shee die Tür hinter sich schloss, ging ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht. Der brutale Mistkerl würde sich wundern! Sie bedauerte, dass sie dem Spektakel nicht beiwohnen durfte, aber Lakshmi hatte ihr streng aufgetragen, Shee bis zum Morgengrauen im Bett zu halten und dann dort zu bleiben, um keinen Verdacht zu erwecken. Der Gouverneur von Mysore hatte sein Wort gegeben: All ihre Sünden und Missetaten der Vergangenheit waren vergeben und vergessen. Sie musste ihren Anteil aus den Unterschlagungen im Arsenal nicht zurückgeben und durfte ihr Hurenhaus weiter betreiben, wenn sie in Zukunft ordentlich ihre Steuern zahlte und den Behörden nicht mehr ins Auge fiel.

    Er war an der Tür stehengeblieben, und sie ließ sich Zeit, ihn eingehend zu betrachten. In seinem schmalen, braungebrannten Gesicht konnte sie weder wilde Entschlossenheit noch Hass lesen. Er war allein gekommen, als sie die Nachricht in den »Dowluth Baugh« geschickt hatte. Während ihr Mädchen Shee im Bett beschäftigte, hatten sie lange miteinander gesprochen. Lakshmi beherrschte die englische Sprache, doch General Wellesley schien es vorzuziehen, sich mit den Einheimischen auf Hindustani zu unterhalten.

    Für einen »inglis« sprach er ausgezeichnet und verfügte über einen reichen Wortschatz. Obwohl er Lakshmi sehr genau spüren ließ, wieviel er über sie wusste, war er doch höflich, beinahe freundlich. Sie wunderte sich, dass er nicht versucht hatte, sie zu brüskieren oder zu erpressen – oder einfach auf sein Versprechen der Straffreiheit zu pfeifen, wo er ihre schriftliche Aussage gegen Shee in der Hand hatte.

    »Was wird mit ihm geschehen, General? « fragte sie schließlich.

    »Es gibt Gesetze, Madam! Sie haben ausgesagt, und ich habe einen Augenzeugen. Shee wird vor ein Kriegsgericht gestellt und verurteilt.« Doch Arthur hoffte, dass Shee es gar nicht erst dazu kommen ließ. Der Major war direkt oder indirekt für den Tod von dreißig guten Männern des 33. Regiments verantwortlich. Es hatte Arthur Wochen gekostet, den Arzt und ein paar Soldaten zurückzuholen, indem er in halb Indien verbreiten ließ, dass er ihre verzweifelte Flucht nicht als Desertion betrachtete. Für diejenigen, die ungerechtfertigter Weise die Zeichnung der Neunschwänzigen auf dem Rücken trugen, konnte er nicht viel mehr tun, als sie fühlen zu lassen, wie leid es ihm tat. Es wäre nicht akzeptabel gewesen, hätte er – als General – wegen einer Bestrafung auch nur ein Wort mit einem gemeinen Soldaten gewechselt. Die Dienstvorschriften der britischen Armee sahen es nicht vor, dass ein Offizier sich bei einem Soldaten entschuldigte.

    Arthur drehte an dem dünnen silbernen Reif an seinem rechten Handgelenk – wie immer, wenn er über Dinge nachdenken musste, für die er eine tiefgreifende Antwort suchte. Irgendwie hoffte er, Charlotte würde ihm raten, was er mit Shee machen sollte. Schwere Schritte waren auf der

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