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Ein Sender für Deutschland?: Konzeption und Realität des Deutschen Fernsehfunks
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eBook413 Seiten4 Stunden

Ein Sender für Deutschland?: Konzeption und Realität des Deutschen Fernsehfunks

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Über dieses E-Book

Hans Müncheberg, Jahrgang 1929, hat von 1953 bis 1992 als Dramaturg und Autor die Entwicklung des Fernsehens in der DDR miterlebt. Er erzählt von Höhen und Tiefen in der Arbeit, von zahlreichen Begebenheiten vor und hinter der Kamera und von politischen Vorgaben, die zunehmend das Fernsehprogramm mitbestimmten.

Dieses Buch ist eine ergänzende Überarbeitung des 2000 im Verlag Das Neue Berlin erschienen Bandes

Blaues Wunder aus Adlershof
Der Deutsche Fernsehfunk
Erlebtes und Gesammeltes
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum24. Sept. 2014
ISBN9783847612919
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    Buchvorschau

    Ein Sender für Deutschland? - Hans Müncheberg

    Einige persönliche Vor-Sätze

    Vom ersten Tag an war ich nicht beim Adlershofer Fernsehen. Wer war es schon, ist dabei geblieben und weilt noch unter den Lebenden?

    Außerdem: Welcher Tag ist der erste gewesen? War es der 30. Oktober 1949, als die Projektierung eines Fernsehzentrums für Berlin begann? War es der 4. Juni 1952, als regelmäßige Testsendungen so provisorisch wie überraschend ausgestrahlt werden mussten? Könnte es nicht mit mehr Berechtigung der 21. Dezember 1952 gewesen sein, als das offizielle Versuchsprogramm eröffnet wurde?

    Aus bundesrepublikanischer Sicht wird meist ein späterer Termin genannt, der dritte Tag des Jahres 1956, der Tag, an dem das FERNSEHZENTRUM BERLIN unter dem neuen Namen DEUTSCHER FERNSEHFUNK offiziell begann, ein reguläres Programm über mehrere Sendetürme und manche Grenze hinweg zu verbreiten.

    Dass noch vor Weihnachten 1952 von Adlershof aus das Fernsehen senden würde, hatte ich bereits Ende November gehört. Hermann Rodigast, zu diesem Zeitpunkt erster und einziger Dramaturg des FERNSEHZENTRUMS, war in das Spielfilmstudio der DEFA gekommen, um technische und personelle Unterstützung für geplante filmische Vorproduktionen des künftigen Senders zu vereinbaren. Bei dieser Gelegenheit besuchte er dann die gutbesetzte Dramaturgie des Studios, verbreitete die Kunde vom großen Experiment Fernsehen und versuchte, Mitstreiter zu gewinnen.

    Seine Botschaft erreichte auch mich, der humorvolle Mann mit dem dröhnenden Lachen gefiel mir, aber meine Wünsche zielten in eine andere Richtung. Innerhalb der DEFA sollte ein Kinderfilmstudio gegründet werden. Für Kinder Filme voller Phantasie zu entwickeln, war eine Aufgabe, die mich mehr reizte. Wer mir in jenen Tagen prophezeit hätte, dass ich mich drei Wochen später beim Fernsehen bewerben würde, den hätte ich ausgelacht.

    Der Wechsel von einem Betrieb des Landes in einen anderen erforderte, so waren damals die Regeln, die Zustimmung der jeweiligen Direktoren. Die DEFA-Studios galten als selbstständige Betriebe. Der von der SED-Spitze neu eingesetzte Hauptdirektor der DEFA, Hans Rodenberg, war für alle Studios zuständig. Ihn musste ich um Zustimmung bitten.

    Am 15. Dezember 1952 durfte ich bei ihm vorsprechen. Er ließ mich meine Bitte formulieren und forderte mich auf, meinen Lebenslauf in allen wichtigen Stationen vorzutragen. Ich spürte, er wollte meine Aufrichtigkeit prüfen. Wieso hätte ich verschweigen sollen, was ich in fast jeden Fragebogen eintragen musste? Ich war Ostern 1940, mit zehn Jahren, von meinen Eltern auf die NATIONALPOLITISCHE ERZIEHUNGSANSTALT POTSDAM geschickt, dort als Jungmann bis zum April 1945 unterrichtet, ausgebildet, indoktriniert worden, um mit fünfzehn Jahren von meinem Anstaltsleiter, einem SS-Oberführer, ins letzte Aufgebot des groß-deutschen Reiches und in die Schlacht um Berlin befohlen zu werden. Noch am 2. Mai 1945, bei dem Versuch mit den letzten deutschen Einheiten nach Westen durchzubrechen, schwer verwundet, hatte ich nach und nach begreifen müssen, wie maßlos ich belogen worden war.

    Der Hauptdirektor ließ mich aussprechen, atmete tief durch und fragte: Hans Müncheberg, ist Ihnen jemals bewusst geworden, dass Sie neunzehnhundertfünfundvierzig hätten erschossen werden müssen?!

    Es war nicht, wie ich zuerst hoffte, ein seltsamer Scherz, seine Frage war bitterernst gemeint. Nach seiner Überzeugung hatte ich als Schüler einer NS-Eliteschule mit Kriegsende mein Leben verwirkt. Weil ich offenbar nicht begriffen hätte, dass mir mein jetziges Leben von der Roten Armee geschenkt worden sei, und weil ich dieses zweite Leben nicht mit der einzig denkbaren Konsequenz als Mitglied der SED für die Sache der Sowjetunion einsetzte, sei ich für ihn ein unverbesserlicher Faschist und gehörte nach Westdeutschland. Beim Kinderfilm hätte ich also nichts zu suchen.

    Tief getroffen, besaß ich gerade noch die Geistesgegenwart, ihn um Zustimmung für einen Wechsel zum Fernsehen zu ersuchen. Er überlegte kurz und knurrte unwillig: Wenn man Sie dort will...

    Noch am selben Tag hatte ich meinen Arbeitsvertrag als Dramaturgie-Assistent bei der DEFA gekündigt, meinen Resturlaub genommen und am 19. Dezember 1952 alle für eine Bewerbung erforderlichen Unterlagen in Adlershof beim FERNSEHZENTRUM BERLIN abgegeben, zwei Tage, bevor mit der Ausstrahlung eines offiziellen Versuchsprogramms begonnen wurde.

    In kritischen Situationen bin ich später gefragt worden, warum ich damals nicht in die Bundesrepublik gehen wollte. Von dem, was ich dann antwortete, will ich auch Jahrzehnte später nicht abrücken: Ich mochte nicht in jenen Staat gehen, in dem mein Anstaltsleiter Otto Calliebe, ein SS-Oberführer, der uns Kinder zum Heldentod abkommandiert hatte, wenig später anstandslos in Soltau, Niedersachsen, wieder Kinder unterrichten und Jugendliche zum Abitur führen durfte.

    In der DDR wollte ich auch bleiben, weil ich damals davon überzeugt war, in diesem Teil Deutschlands werde ein neuer Weg beschritten, ein Weg in eine Zukunft, frei von Hass auf Menschen anderer Hautfarbe, Abstammung oder Denkungsweise, dafür bestimmt von Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle, die ehrlichen Herzens in einem besseren Deutschland leben wollten.

    Mein Bleiben hatte natürlich Konsequenzen. Weil auch sie, meiner Überzeugung nach, oft Bestandteil meiner Geschichte im Adlershofer Fernsehen geworden sind, bitte ich um Nachsicht, wenn es mir nicht immer gelingen sollte, kühl, distanziert und rein objektiv zu bleiben.

    Auf eine Besonderheit soll gleich zu Beginn hingewiesen werden: Das Adlershofer Fernsehen der Pionierzeit war nicht identisch mit dem umbenannten späteren FERNSEHEN DER DDR, dem zentral gelenkten, von künstlerisch-unterhaltenden Beiträgen begleiteten Verlautbarungsorgan des ZENTRALKOMITEES DER SOZIALISTISCHEN EINHEITSPARTEI DEUTSCHLANDS, eines sich ständig vervollkommnenden Machtapparates.

    Aus der experimentellen Phase medialer Bedeutungslosigkeit aufsteigend, erlebten wir, oft naiv und gutgläubig arbeitend, in der Zeit des apparativen Mangels eine beglückende Freiheit des gedanklichen und praktischen Erprobens. Bald aber begann das Unwetter der Reglementierung heraufzuziehen. 1957 gab es das erste Wetterleuchten, 1958 das erste Donnergrollen und 1960 schlug es bereits mit erschreckender Wucht ein.

    1. Kapitel: Zur tele-visionären Vorgeschichte

    Wie so vieles in den ersten Nachkriegsjahren, begann auch die technische Entwicklungsarbeit für das Fernsehen der gerade gegründeten DDR in einer Baracke. Nahe dem Berliner S-Bahnhof Adlershof gelegen, stammte sie, wie man mir versicherte, noch aus den Zeiten des legendären Johannisthaler Flugpioniers Hans Grade, der im Oktober 1908 als erster Deutscher mit einem selbstkonstruierten Dreidecker zu einem öffentlichen Motorflug gestartet war.

    Noch bevor im Oktober 1949 die DDR gegründet wurde, hatte die Deutsche Wirtschaftskommission beschlossen, auch im Osten Deutschlands das Fernsehen einzuführen. Gut drei Wochen nach dem später zum Feiertag erklärten 7. Oktober begann Oberingenieur Ernst Augustin, unterstützt vom Generalintendanten des Rundfunks, Hans Mahle, bereits mit der Projektierung des künftigen FERNSEHZENTRUMS BERLIN. Nach einer kurzen Vorbereitungsphase in Oberschöneweide machte er sich in Adlershof daran, gemeinsam mit drei Spezialisten die unerlässlichen technischen, baulichen und strukturellen Voraussetzungen aufzulisten, die für den Betrieb eines Fernsehsenders gegeben sein mussten.

    Ernst Augustin war schon vor dem Krieg an der sendetechnischen Ausrüstung des Funkhauses in der Masurenallee maßgeblich beteiligt gewesen. Seine reichen Erfahrungen kamen nun der Neuentwicklung zugute.

    Da eine Baracke keine Dauerlösung sein konnte, wurde bald längs der Agastraße im Auftrag des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen ein wuchtiges Laborgebäude errichtet. Es war durch Oberingenieur Augustin und einer deutlich gewachsenen Mitarbeiterschar rechtzeitig genug bezogen worden, um von einem hoch gelegenen Fenster aus einen Festakt beobachten zu können. Was sie sahen, übermittelte ihnen zugleich das erste laborreife Ikonoskop auf den Bildschirm eines Monitors: Den Festakt zur Grundsteinlegung für den Bau des FERNSEHZENTRUMS BERLIN. Man schrieb den 11. Juli 1950.

    Im HAUS DES RUNDFUNKS an der Masurenallee war über das Bauvorhaben im Südosten Berlins damals so gut wie nichts zu hören, jedenfalls nicht für das Schriftstelleraktiv beim Berliner Rundfunk, in das ich geraten war, weil ich als hilfesuchender Student der Humboldt-Universität gern der Aufforderung gefolgt war, mich bei den Betriebsabenden des Rundfunks in Großbetrieben des Landes kritisch-helfend um die Probleme der Jugend zu kümmern. Alleinstehend und auf ein Stipendium von 120,- Mark im Monat angewiesen, brachte mir die Mitarbeit an den Livesendungen eine bitter nötige Aufbesserung meiner Mittel. Sie brachte mir aber auch - und deswegen an dieser Stelle die Abschweifung von den Vorstufen der Fernseharbeit - die Bekanntschaft des für diese Sendungen verantwortlichen Mannes in der Rundfunk-Intendanz ein: Hermann Zilles. Sie sollte für meinen weiteren Lebensweg dreißig Monate später entscheidend werden.

    Im Dezember 1951 stellten die Techniker eine erste Ikonoskop-Fernsehkamera vom Typ QP 6 vor und begannen mit dem Bau der Geräte für die Grundausstattung eines Sendestudios.

    Inzwischen war für den ersten Bauabschnitt des künftigen FERNSEHZENTRUMS Richtfest gefeiert worden. Bald präsentierte sich jedem aufmerksamen Reisenden aus der Höhe des S-Bahnhofs Adlershof der Anblick eines strahlend weißen, kubistisch geformten Gebäudekomplexes mit mehreren Reihen schmaler Fenster. Vielen schien dies damals eine verblüffend moderne Architektur zu sein.

    Am 29. Februar 1952 wurde ein 100-Watt-Bildsender auf dem Turm des Alten Stadthauses in Berlin-Mitte installiert - nach heutigen Maßstäben nicht mehr als ein im Freien aufgestelltes Laborgerät. Wie auch immer, man war stolz, mit den ersten Testsendungen über die knapp dreizehn Kilometer lange Richtfunkstrecke beginnen zu können.

    Im Adlershofer Studiokomplex liefen die Ausbauarbeiten auf Hochtouren. Man wollte den Abstand zwischen dem Start eines regulären Programms aus westlicher Richtung, und dem Beginn offizieller Sendungen aus dem Südosten Berlins, nicht zu groß werden lassen. Doch dann, am 16. Mai 1952, brach unmittelbar neben dem technischen Herzen des künftigen FERNSEHZENTRUMS, dem Hauptschaltraum, ein Brand aus und zerstörte das gerade vor der Vollendung stehende erste Ansagestudio. Die mögliche Inbetriebnahme des Sendezentrums wurde dadurch auf zunächst unbestimmte Zeit hinausgeschoben.

    Wie üblich, wurde die Frage nach der Ursache des Brandes gestellt. War es Fahrlässigkeit, waren es technische Mängel - oder konnte es sich sogar um einen Sabotageakt gehandelt haben? Unverzüglich begannen Untersuchungen durch Brandspezialisten und Kriminaltechniker. Ohne das Ergebnis abzuwarten, zog die Generalintendanz des Rundfunks - gewiss nicht ohne entsprechende Abstimmung mit denen, die sich im Apparat des Zentralkomitees der SED dafür zuständig fühlten - harsche personelle Konsequenzen.

    Leiter des ZENTRALLABORATORIUMS und des FERNSEHZENTRUMS BERLIN war bis zu jenem 16. Mai 1952 Hans Mahle, ein verdienstvoller, aber auch eigenwilliger Rundfunkpolitiker. Er war mit der Gruppe Ulbricht bei Kriegsende aus der Emigration an die Spree zurückgekehrt und maßgeblich daran beteiligt, den Rundfunk in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone aus Trümmern wieder aufzubauen. Über Jahre der erste Generalintendant des Rundfunks, war Mahle bereits ein Jahr zuvor durch Walter Ulbricht wegen mangelnder ideologischer Klarheit – er wohnte noch immer in Westberlin - auf diesen peripheren Posten abgeschoben worden. Nun wurde er zum Verantwortlichen für das Geschehen im FERNSEHZENTRUM erklärt und noch am Tage des Brandes auch von diesem Posten verjagt. Amtierender Chef wurde Wolfgang Kleinert, bisher Hauptabteilungsleiter für Programmplanung bei der Generalintendanz des DDR-Rundfunks. Er hat mir diese Zusammenhänge im Rahmen eines Tonband-Interviews am 19.09.1983 erläutert.

    Wenig später lag das Untersuchungsergebnis über die Brandursache vor: Eine Mischung aus Fahrlässigkeit und technischer Unzulänglichkeit hatte zu dem Brand geführt. Die Deckenlampe war direkt an das verputzte Strohgeflecht geschraubt worden - ohne wirksame Wärmeisolierung. Die starke Glühbirne hatte den Deckenbereich aufgeheizt und einen Schwelbrand ausgelöst. Also keine Sabotage, doch Hans Mahle musste auf der symbolischen Armesünderbank verbleiben. Für eine gewisse Zeit nach Schwerin geschickt, zur Bewährung in der Produktion, wie es damals hieß, blieb er später, wo er seinen Platz sah: Politisch unbeirrbar links, geografisch weiterhin in Westberlin. Im Mai 1999, mit achtundachtzig Jahren, ist er in Berlin-Steglitz verstorben.

    Sein Nachfolger im FERNSEHZENTRUM erhielt vom Leiter der Abteilung Information beim Zentralkomitee der SED, Hermann Axen, den Auftrag, ungeachtet des Rückschlags durch den Brand eine erste, kleine Fernsehredaktion aufzubauen.

    Nun gab es im Berlin des Jahres 1952 nicht nur drei-plus-eins Sektoren mit zwei Währungen, sondern auch zwei Fernsehtestsender. Bereits am 6. Oktober 1951 war auf dem in Westberlin stehenden Funkturm ein 1-KW-Sender in Betrieb genommen worden. Als Bundeskanzler Adenauer am 25. Oktober 1951 die Berliner Industrie-Ausstellung für eröffnet erklärt hatte, galt das auch für die erste deutsche Fernsehstraße, die täglich Tausende von Besuchern in ihren Bann zog. Das dort gezeigte Programm stammte aus den bereits sendetüchtigen Hamburger Studios des NWDR und wurde per Richtfunkstrecke über das Gebiet der DDR hinweg nach Westberlin gestrahlt.

    In Hamburg hatten sich auch einstige Programmgestalter des großdeutschen REICHSFERNSEHENS zusammengefunden. Dr. Werner Nestel, der den Krieg als Leiter der Abteilung Groß-Sender und als Prokurist des Telefunken-Konzerns überdauert hatte, war 1948 bereits technischer Direktor des gerade gegründeten Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Ein konstruktiver Kontakt zu Hugh Greene, dem von der englischen Militärbehörde eingesetzten Rundfunk-Koordinator ermöglichte es ihm, sich das gleichfalls als kriegswichtig vor dem Fronteinsatz bewahrte Personal der ehemaligen Reichspost-Fernsehgesellschaft nach Hamburg zu holen. Man war also bereit, ihre Verantwortlichkeiten aus ihrer früheren Tätigkeit zu übersehen. Sie durften die einst gewonnenen Erfahrungen für eine neue Zielstellung einbringen und zogen in einen Luftschutzhochbunker, der recht einsam zwischen Trümmern auf dem Heiligengeistfeld im Stadtteil Lokstedt stand. Dort trafen sie auf einstige Autoren, Redakteure und Regisseure des REICHSFERNSEHENS. Gemeinsam konnten sie sich ihre Zukunft unter dem Dach der damals reichsten Rundfunkanstalt der Westzonen sichern.

    Die winzige Ostberliner Fernsehredaktion bestand dagegen ausschließlich aus jungen Mitarbeitern des Hörfunks. Experten mit Erfahrungen aus der Programmarbeit beim Fernsehsender des GROSSDEUTSCHEN RUNDFUNKS gab es im Bereich der sowjetischen Besatzungszone nicht. Nur einige wenige Techniker um den Oberingenieur Ernst Augustin konnten auf fernsehelektronische Spezialkenntnisse aus früherer Zeit zurückgreifen. Sie aber konzentrierten sich auf den Bau von zunächst einem Fernseh-Dia-Geber, einem Fernseh-Filmabtaster und der vielgestaltigen Begleittechnik.

    Was mit den vorgegebenen Mitteln zu gestalten war, lag für die kleine Redaktionsgruppe entweder auf der Hand oder sollte nach dem Prinzip Versuch und Irrtum herausgefunden werden. Noch schien es dafür ausreichend Zeit zu geben. Die jungen Leute vermochten sich nur mit vereinter Phantasie auszumalen, was eines Tages möglich sein würde, denn von einer einsatzfähigen Studiokamera konnte man in Berlin-Adlershof zu diesem Zeitpunkt nur träumen. Man wollte folglich - eines nach dem anderen - die sieben Siegel des noch rätselhaften Mediums Fernsehen lösen. Dann aber kam alles ganz anders.

    Am 3. Juni 1952 ließ Kurt Heiß, Generalintendant des DDR-Rundfunks, den neuen Leiter des FERNSEHZENTRUMS BERLIN zu sich kommen und eröffnete ihm: Wir müssen morgen anfangen zu senden, so, als ob wir ein richtiges Programm haben! Wir müssen jetzt jeden Tag mit mehr als einer Stunde draußen sein zu einer feststehenden Zeit, um die Frequenz zu belegen, die uns auf der Internationalen Wellenkonferenz zugeteilt worden ist.(1)

    Noch am selben Abend löste Wolfgang Kleinert einen Rundruf aus, und der folgende Tag wurde zu einem, die künftige Programmarbeit bestimmenden Arbeitstag. Wie konnte ein sofort realisierbares Notprogramm aussehen? Eine Fernsehkamera in einem einsatzfähigen Studio gab es noch nicht. Das vorhandene Ikonoskop war für einen Einsatz am Dia-Geber oder als elektronischer Bildabtaster an einem Normalfilmprojektor ausgelegt worden. Man konnte also Diapositive übertragen und Filme ausstrahlen, komplett allerdings nur Kurzfilme, denn in den einen Projektor passten nur Zelluloidrollen von knapp zwanzig Minuten Spieldauer. Große Spielfilme hätten also aktweise, mit Pausen für den Rollenwechsel, gesendet werden müssen. Das Problem stellte sich jedoch nicht, denn das FERNSEHZENTRUM verfügte für die bisherigen Testzwecke alles in allem lediglich über drei Kurzfilme: Einen über das Segelschulschiff der DDR, einen mit dem vielversprechenden Titel Pferde und dann noch einen über die Gebote der Zahnpflege. Kein umfangreiches, dazu noch ein sehr gemischtes Angebot. Es fehlte der unverwechselbar eigene Beitrag.

    Ein markantes Ereignis vom Vortag bot sich als Lösung an: In den Frühstunden des 3. Juni hatte britische Militärpolizei den Gebäudekomplex des Funkhauses an der Masurenallee abgeriegelt.

    Ende April 1945, während der letzten Kriegstage, war der Gebäudeblock, Haus des Rundfunks genannt, von den sowjetischen Sturmtruppen nicht mit schweren Waffen beschossen worden. Man kannte die Funktion des Gebäudes und wollte es möglichst unversehrt übernehmen. Nach dem Abzug der letzten deutschen Truppen am Morgen des 2. Mai 1945 hatte erst die Rote Armee, dann die Militäradministration der UdSSR die Oberhoheit über das wertvolle Terrain ausgeübt. Die sowjetische Seite behielt auch nach der Übergabe der Berliner Westsektoren an die Westalliierten das Hoheitsrecht für diesen Komplex, der sehr bald dem sowjetisch lizenzierten BERLINER RUNDFUNK und etwas später dem gleich gelagerten DEUTSCHLANDSENDER zur Verfügung gestellt worden war.

    Dass die Sender des Ostens noch Jahre nach der Spaltung Berlins ihr Programm aus der Mitte der Westsektoren verbreiteten, missfiel den Repräsentanten der Westmächte. Da verbale Forderungen auf der Ebene der Stadtkommandanten nichts verändert hatten, wählte die britische Besatzungsmacht den Weg einer militärischen Abriegelung als Reaktion auf eine seit Mitte Mai vorgenommene stärkere Abgrenzung Westberlins von seinem Umland. Man durfte damit rechnen, dass über Nacht der größte Teil der Funkhaus-Belegschaft abwesend war. Dies schien die beste Voraussetzung dafür zu sein, die beiden unerwünschten Sender endlich verstummen zu lassen. General Coleman hatte angewiesen, dass "...niemand, auch kein sowjetischer Militärangehöriger, das Gebäude betreten dürfe, [jedoch]... Personen, die das Funkhaus verlassen wollen, ungehindert passieren zu lassen."(2)

    Am Tag nach der Militäraktion am Haus des Rundfunks sahen es die Adlershofer Kollegen der nun Ausgesperrten als selbstverständlich an, ihr erstes Abendprogramm mit Bildnachrichten von diesem hochbrisanten Ereignis zu beginnen. Also setzte sich Wolfgang Kleinert mit Erich Zühlsdorf, dem Fotoreporter der Täglichen Rundschau, in Verbindung. Er und weitere Fotografen waren bereit, sofort und von nun an täglich, aktuelles Fotomaterial zu liefern. Kein Wunder, für jedes zur Sendung angekaufte Foto erhielten sie fünfzig Mark. Das konnte sich bei den Bildserien, die für Fernsehnachrichten gebraucht wurden, recht schnell summieren.

    Die ersten der allabendlichen Nachrichtensendungen hatte Wolfgang Kleinert allein zusammengestellt. Nach wenigen Tagen forderte er vom Personalchef des Rundfunks, Heinz (eigtl. Heinrich) Adameck, ihm einen beweglichen jungen Redakteur für diese und andere Sendungen zu verschaffen.

    Die Wahl fiel auf Günter Hansel, Absolvent der Funkschule, von dort her dem ihn einst unterrichtenden Wolfgang Kleinert bekannt. Seit Anfang des Jahres war Hansel Hilfsredakteur beim Sender Weimar. Er wurde nach Berlin beordert und Hals über Kopf in die Arbeit geworfen. Darüber notierte er später aus seiner Erinnerung: "In mir die quälende Ungewissheit: Was ist das, Fernsehen? Was ist hinter den vielen weißen Gebäuden, hinter der gewölbten Wand, die aussieht, wie der Eingang zu einem Theater? Wer sitzt in diesem achtstöckigen Turm?

    Das Auto hält vor einem verglasten Zwischengang zweier Gebäude... Ich stapfe hinter Wolfgang Kleinert die zwei Etagen hoch... Er knallt mir einen Stapel Fotos auf den Tisch. Das ist die Sendung von heute Abend: Bilder aus dem Zeitgeschehen! Ich starre auf diesen Stapel von Fotos... Was soll das sein? Eine Sendung?

    Aus diesen Fotos werden Diapositive gemacht, dann werden sie vorgeführt wie bei einem Lichtbildervortrag! Den Vortrag dazu schreibst du!

    War mein Gesichtsausdruck zu ungläubig oder mein Grinsen zu breit? Kleinert feuert mir ein paar Manuskriptseiten über den Tisch: Hier, guck dir an, wie ich das in den letzten sieben Tagen gemacht habe..." (1)

    Günter Hansel kam nach wenigen Tagen mit dem Vorschlag, für die Fernsehnachrichten einen kürzeren Titel zu wählen: Aktuelle Kamera, eine Ableitung von der Fotokamera der Bildreporter, nicht von der später dominierenden Filmkamera, aber der Name blieb erhalten, fast vier Jahrzehnte lang, geriet langsam in Verruf und rehabilitierte sich Ende 1989 und in den Monaten danach.

    Die Bildnachrichten waren an jedem Abend neu, die drei Kurzfilme ließen sich aber nur in sechs Varianten der Abfolge senden. Sie mussten jedoch gesendet werden, denn anders ließ sich die geforderte Stunde täglichen Programms nicht füllen.

    Es kam natürlich, was kommen musste: Ein Anruf aus dem Haus des Zentralkomitees der SED vom Leiter der ZK-Abteilung für Information Hermann Axen: Wie lange wollt ihr denn das noch so weitermachen mit den Filmen? Habt ihr denn keine anderen Filme? Besorgt mal Filme, wir haben doch die DEFA.(1)

    Wolfgang Kleinert wandte sich also vertrauensvoll an Sepp Schwab, damals noch oberster Chef der DEFA-Studios. Statt der gewünschten Leihgaben erhielt er von ihm nur eine Information über den Preis eines jeden Meters Film, der in den USA über das Fernsehen ausgestrahlt wird.

    Als Chef eines embryonalen Fernsehens ohne eigenes Budget testete Kleinert per Telefon, ob er woanders auch derart rüde abgewiesen werden würde. Dem ihm persönlich bekannten Berliner Vertreter vom sowjetischen Filmvertrieb SOV-EXPORT erklärte er die prekäre Lage und erhielt zur Antwort, man könne ihm helfen, es käme nur darauf an, wie groß das mitgebrachte Geschenk sei. Wolfgang Kleinert berichtete später über den damaligen Versuch, einen Sponsor für das Fernsehfilmprogramm zu finden: "Nun wußte ich nicht, was er meinte (...) Jedenfalls habe ich in einem Netz drei Flaschen gut eingepackten Adlershofer Wodka mitgenommen. (...) Mit dieser Geste hat es zu einem sehr erfreulichen Erfolg geführt. Ich konnte mir sofort Die Steinerne Blume mitnehmen. Das war der erste Spielfilm, den wir in Adlershof zur Ausstrahlung brachten - allerdings immer eine Rolle, kurze Pause, Rolle und so weiter und so fort."(1)

    Kurz darauf erhielt das Adlershofer Testprogramm weitere sowjetische Filme zu unentgeltlicher Ausstrahlung. Später hat sich Wolfgang Kleinert vorsichtig erkundigt, wie er die Überlassung so vieler Filme bewerten solle. Der SOV-EXPORT-Mann antwortete offen: "Ich gebe sie Ihnen gern, außerdem gucken ja hunderte Leute, darunter Manager, in Westberlin zu - und auf diese Weise sehen die auch unsere Filme, die ich dort nicht immer einzeln herausbringen kann."(1)

    Mit geliehenen Filmen ließ sich zwar die tägliche Programmstunde füllen, unerfüllt blieb aber der Auftrag an die Redaktion, eigene und fernsehspezifische Sendungen zu entwickeln. Vom aktuellen Foto zum künstlerisch erzählenden Bild führte der nächste Schritt. Vor allem Kinder liebten, das wusste man, phantasiebeflügelnde Bilderbücher. Also wurden Probesendungen mit Diapositiv-Reihen und einer dazu erzählten Geschichte erarbeitet, und am 13. Juli 1952 hieß es zum ersten Mal an einem Nachmittag: Für Bärbel erzählt.

    Es mag sein, dass die in Adlershof Experimentierenden zuerst froh waren, bei ihrer Suche nach Gestaltungsmöglichkeiten keine Zuschauer zu haben. So blieb auch ein Zwischenfall ohne Folgen, der sich im Sommer 1952 ereignete. Berichtet wurde er von Otto Holub, dem ersten Regisseur des FERNSEHZENTRUMS. Holub war als Schüler Luftwaffenhelfer geworden, 1945 in englische Gefangenschaft geraten, aber bald in die Schule zurückgekehrt. Er hatte das Abitur gemacht und war danach als Sprecher-Volontär an den Landessender Halle gegangen. Dort begann er auch als Assistent beim Hörspiel zu arbeiten, wurde schließlich nach Berlin-Adlershof geschickt, glaubte, dort als Regieassistent zu beginnen und fand sich unvermutet als einziger Regisseur des Senders wieder.

    Es war so, berichtete er zwanzig Jahre später, "als ich ankam, gab es dort eine einzige Fernsehkamera, die aber noch gar nicht als solche eingesetzt werden konnte. Es war eine, die nur das bewegte Stationszeichen übertrug... Das erste Gesicht, das live über den Sender ging, war das Gesicht von Günter Hansel, der jetzt die Sendereihe macht »Alte Liebe rostet nicht«. Er unterhielt sich mit einem Techniker, ob, wenn man die Uhr abnehmen würde und wenn man den Kopf da reinsteckt, man sein Gesicht sehen könne.

    Ja, ja – natürlich, selbstverständlich, sagte der.

    Günter war sehr neugierig und wollte es versuchen. Der Techniker gab dem Drängen nach. Nun steckte Günter seinen Kopf rein. Wir guckten es uns auf dem Monitor an, und er macht seine Faxen. Es war recht lustig. Dann aber kam ein Anruf vom Sendeturm: Ihr seid wohl wahnsinnig geworden! Wir sind auf dem Sender!"(2)

    Während es im Sommer des Jahres 1952 in der DDR noch kein Fernsehgerät zu kaufen gab, hatten in der Bundesrepublik verschiedene Firmen der einschlägigen Branche das kommende große Geschäft gewittert und bereits mehrere

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