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Der Regulator und ich

Der Regulator und ich

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Der Regulator und ich

Länge:
343 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
28. Aug. 2020
ISBN:
9783752990287
Format:
Buch

Beschreibung

Eigentlich ist Hans Maier ein ganz unauffälliger Typ. Er ist Journalist, man kennt ihn, aber dann, man kennt ihn eben doch ganz und gar nicht. Ich bin ja nur sein Freund und Gefährte über die Jahre, sein späterer Mitwisser. Aber das hätte niemand ahnen können, was da im Dunkel schlief... Ich erzähle ja nur, was er mir aufgezwungen hat, es ist eigentlich sein Buch, nicht meines ! Es ist mehr als bemerkenswert, eher schon sensationell, was dieser Hans Maier alles erlebt und daran sein Teil gehabt hat. Mir jagte es, beim Lesen, Schauer über den Rücken. Diese, seine Geschichte musste erzählt werden, so wie er selbst es auch wollte.
Herausgeber:
Freigegeben:
28. Aug. 2020
ISBN:
9783752990287
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der Regulator und ich - Peter J. Gnad

regulatorundich_EBOOKtitle02

"There are more things

in Heaven and Earth,

than are dream't of

 in your Philosophy."

William shakespeare

Verlag: EPUBLI GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-752990-28-7

Copyright by :  © 2020, Peter J. Gnad

Umschlaggestaltung, Illustrationen,

Fotos vom Autor selbst

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, ohne Zustimmung des Verlages und des Autors, ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der Regulator

und ich

Roman

von

Peter J. Gnad

952sm

Peter J. Gnad

Bücher:

Echtes Gulasch

Querverkehrt

Bin in Afghanistan

Kreiss-Lauf

Der Regulator und ich

I

Was wäre, wenn ich dir sagte, dass ich ein Mörder bin, was würdest du von mir denken?  vielleicht dass ich gar nur ein gemeiner Verbrecher wär' ?

Mein Gesichtsausdruck musste sowohl Neugierde, als auch Verwirrung widergespiegelt haben, mein Gesprächspartner trug nun ein leicht amüsiertes Lächeln um den Mund, sah mich hintergründig an, so als ob er sich einen Jux machen wollte. So sah er immer aus, wenn er jemand aufs Glatteis führen wollte, ich kannte diesen Gesichtsausdruck – meistens mündete das in eine humoristische Kapriole.

Du kennst mich zwar besser, als alle Anderen – aber du hast dennoch keine blasse Ahnung und ich denke, das ist auch gut so.

Ich schüttelte den Kopf in schierem Unglauben, das konnte nur ein Scherz sein, ein Wortspiel wahrscheinlich, nicht umsonst war er ein Spezialist in Sachen Sprache. Ich grinste ihn an, meinen alten Freund, der mich in diesem Moment wohl gerade veräppeln wollte.

Ich mache einen geradezu mörderischen Job…

Jajaaa... das weiß ich, gibt es sonst noch irgendetwas Neues ? - ich blökte amüsiert, lachte ihn geradeheraus an. Der Mann, der diese dann doch so bedeutsamen Worte gesprochen hatte, sah ganz und gar nicht so aus, als ob er seiner Beschreibung gerecht werden könnte. Vielmehr wirkte es schon fast ein wenig lächerlich, ein wenig aufgeblasen, anders als er sich  sonst verhielt. Vielleicht war es doch einem Gläschen Rotwein zuviel geschuldet, dass die Zunge seines Freundes sich auf diese Art löste. 

Sein Äußeres ähnelte mehr einem unauffälligen Bankbeamten, körperlich von eher kurzem Wuchs, die randlose Brille auf einer Nase, die vollkommen unauffällig inmitten eines Aller-Welt-Gesichtes thronte. Sein Haar schon etwas schütter, die Augen des kleinen Mannes, blassblau und wässrig, traten gar nicht in Erscheinung, waren kaum wahrnehmbar.

Man nahm ihn insgesamt fast nicht wahr, er schien mit seiner Umgebung zu verschmelzen, trat in keinster Weise hervor. Erst die sonore Stimme, deren Volumen nicht aus des Besitzers Brust zu kommen schien, aber volltönend den Raum erfüllte, erweckte Aufmerksamkeit, dann erst sah man ihn und das nicht ohne Erstaunen, denn diese Stimme war wirklich außergewöhnlich. Der kleine Mann wusste um diesen Umstand, sprach gerade deshalb nur mit ganz leiser Stimme. Er wollte um keinen Preis der Welt auffallen oder irgendwie ins Rampenlicht gerückt werden.

Das ist schlecht für mein 'Geschäft', die Leute sollen mich am Besten ignorieren, mich übersehen, aber dann... am Abend oder am nächsten Morgen gibt’s wieder eine kleine Überraschung. Ich bin dann schon wieder weg, war gar nie da gewesen, niemand hat mich gesehen, gehört oder gar beobachtet.

Ich betrachtete ihn etwas belustigt, nahm seine Aussagen nicht wirklich ernst, hielt alles noch für eine Art ganz persönliches Jägerlatein. Er war ja nicht gerade ein Märchenerzähler, oder gar ein Aufschneider, aber immerhin doch im Bereich eines Geschichtenerzählers, schon seines Berufes wegen. 

Ich kannte ihn schon aus Kindertagen, wir waren zusammen in die gleiche Schule, wenn auch nicht immer in dieselbe Klasse gegangen. Erst später, im Gymnasium hatten wir dann ein Jahr lang die gleiche Bank gedrückt, in der letzten Reihe, lauschten gemeinsam den Ausführungen der Lehrerschaft. Oder besser, wir hatten den Ausführungen eben nicht gelauscht, weshalb ich auch, dementsprechend, nur mäßigen Schulerfolg hatte. Hans war ein Naturtalent, er lernte quasi nebenbei, hatte zwar keine guten Noten, aber das war ihm immer egal, er war nie ein Streber gewesen.

Die Schule war ganz einfach nur eine lästige Pflicht, so wie ein Gefängnis, in dem man immer vormittags einsitzen musste, zur Strafe, dass man geboren worden war. Das Leben bestand aus Sorgen und Ärger, Not und Nötigungen, Flucht und Schleichwegen, auf denen man sich gerade so durchwurstelte, ständig in Gefahr.

Wir hatten uns nie gänzlich aus den Augen verloren, auch nach der Schulzeit nicht. Eine gemeinsame, erste große unerfüllte Liebe, die nur Sehnsucht geblieben war, für uns beide, verband uns schon seit den Tagen, wo man sich vor Aufregung noch in die Hosen gemacht hatte.

Die Holde endete dann später mit einem völligen Versager, in einer Ehe, die nie eine wirkliche Ehe geworden war. Wir lachten herzlich, als wir in späteren Jahren einmal darüber sprachen. Wie überhaupt, wir konnten ganz hervorragend miteinander lachen, verfügten über einen geradezu nah verwandten, schwarzen Humor.

Jetzt sag mal, mein Lieber, wen willst du denn ermordet haben, wann und wo ?

Die anderen Gäste in der Kaschemme, in der wir gelandet waren, beäugten uns misstrauisch, wir passten nicht in ihr Bild, sie empfanden uns als Fremdkörper, was wir im prinzip ja auch waren.

Besondere Umstände hatten uns hierher geführt, in diese schmierige Säuferkneipe. Ich weiß, dass sich das jetzt für deine naiven Hörgewohnheiten etwas absurd anhört… aber ebenso absurderweise ist es wahr – dieser Hans Maier, den du so lange schon kennst, ist ein ganz anderer, als du denkst, der ist nicht nur irgendein harmloser Kommentator der Realitäten, in der Zeitung oder im Fernsehen – der ist nicht nur das, als was ihn die heimische Welt kennt…

Aha, und was soll ich mir darunter vorstellen, raubst du vielleicht nächtens, spaßeshalber, Banken aus, oder pflanzt du Bomben in Blumenkästen?

Ja, sicher, lach du nur… später wirst du große Augen machen, wenn es soweit ist… Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, minutiös und akribisch. Wenn ich allein in meinem Hotelzimmer sitze, habe ich nichts anderes zu tun, nach getaner Arbeit, wo immer ich gerade bin. Also setze ich mich hin und schreibe alles auf, ich will ja, dass die Welt das vielleicht irgendwann erfährt.

Hans Maier, der kleine Mann, saß mit nun blitzenden Augen neben mir. Er fühlte sich ein bisschen in seiner Ehre gekränkt, missverstanden, so wie früher. Genau deshalb war er so geworden, wie er eben geworden war. Niemand hatte ihm jemals irgendetwas zugetraut, er war immer nur das personifizierte Mauerblümchen gewesen. Auch beim Tanzkurs, immer die gleiche Geschichte.

Die Anderen hatten ihre Arme bereits um die anmutigen Körper der jungen Partnerinnen gelegt, versuchten sich an sie heranzumachen. Er, Hans Maier, saß am Rand, wie auf dem Fußballplatz, oder beim Völkerballspiel - er durfte nie mitmachen. Nicht dass man ihn ablehnte oder nicht mochte, er war, ganz einfach, immer zu klein und zu schwächlich gewesen. Man hatte Angst, ihm wehzutun, er wirkte zerbrechlich, woran auch seine fast durchsichtig scheinende Haut beteiligt war, man scheute sich ihn anzufassen, oder einen Ball auf ihn zu abzuschießen.

Eigentlich mochten ihn die Mitschüler, er war immer hilfsbereit gewesen, wenn jemand im  Mathematikunterricht nicht aufgepasst hatte, er erklärte, rechnete, schrieb, kam auch zu Mitschülern nach Hause, wenn es nicht anders ging. Einige verdankten ihm, nur ihm, ihre spätere Abschlussprüfung. Ohne seine Unterstützung, auch unter der Oberfläche, mit Spickzettel oder abschreiben lassen, hätten sie es nicht geschafft. Hans war zwar niemals der Klassenbeste, dafür aber doch immer sehr effektiv gewesen, auch in der Wahl seiner Mittel, auch beim Schummeln, er war immer verlässlich in seinen Leistungen.

Wenn er etwas anpackte, dann klappte das auch. So wie im Chemie-Unterricht – der Lehrer lobte ihn außerordentlich. Einmal brachte er sogar seinen Chemiebaukasten mit in die Schule, zeigte unter großem Gejohle der Mitschüler einige Kunststücke. Es rauchte, stank und leuchtete in allen Farben, ein Spektakel, was die Klasse nur allzu gern als Ablenkung vom Unterricht annahm. Wenn einer der Klassenkameraden nicht weiter wusste, ging er nicht zum Klassenprimus, denn dieser war doch nur ein zu nichts zu gebrauchender trockener Auswendiglern-Streber gewesen, sie fragten Hans um Hilfe.

Ich selbst war in jenem Jahr so schlecht in der Schule gewesen, konnte, wollte mich einfach nicht konzentrieren, meine Eltern ließen sich gerade scheiden, wir hatten ein ständiges emotionales Chaos zu Hause gehabt, sodass ich schließlich die Klasse wiederholen musste. Hans stieg auf, ich wurde nicht versetzt, ich blieb sitzen. Damit war der gemeinsame Weg in seiner täglichen Kontinuität unterbrochen, aber das hieß nur, dass ich in der Freizeit noch stärker seine Nähe suchte als zuvor. Hans konnte einfach alles, er war ein Multitalent, auf intellektuellem Sektor, er wusste auf alle Fragen vernünftige Antworten, auch wenn er in Wirklickeit von der spezifischen Materie keine Ahnung hatte. Eine zentrale Aussagen, aus diesen Jugendzeiten, machte seine Haltung vollkommen klar.

Wenn man will, wenn man etwas wirklich-wirklich will, dann klappt das auch, du musst eben nur wirklich wollen, nicht nur so tun als ob, weil dann geht’s ganz sicher schief, was auch immer es ist. Eines der Dinge, die ich von ihm gelernt und im Leben mehrmals bestätigt gefunden hatte, war eben genau das – zu wollen, wenn man will. Hans hatte zweifellos recht behalten, wie so oft und in so vielen Details des Lebens.

Einige Jahre später waren wir durch berufliche Wege getrennt worden – Hans war mit seinen Eltern für ein Jahr in die USA gezogen, um dort zu studieren – ich nahm einen Job im benachbarten Ausland an, musste mich ja um mein eigenes berufliches und auch finanzielles Fortkommen kümmern. Ich beneidete ihn, auch wegen der blonden Mädels am Strand von Malibu, wo er nun seinen Luxuskörper, wie er sich ausdrückte, in der Sonne rekelte. Meine Eltern, im Gegensatz zu seinen, gehörten eher nur zur unteren Einkommensklasse, Kalifornien war weit weg, musste bei mir ein nur ferner Traum bleiben.

Als wir einander wieder trafen, waren vier Jahre vergangen. Hans war inzwischen zurückgekehrt, lebte nunmehr in München, da, wo alle Wege so gut vertraut sind, wie die eigene Hosentasche.

Ich war zwar nur zu Besuch aus dem Ausland gekommen, streckte aber doch auch meine Fühler aus, hatte mir in der Zwischenzeit wohl ein wenig Heimweh eingefangen. Ich liebäugelte mit der Idee, mir vor Ort Arbeit zu suchen. Es dauerte nicht lange - Hans bot sich an mir zu helfen, einen Job zu finden und seine Verbindungen erwiesen sich als sehr hilfreich. Ohne diese, seine Zirkel, in denen er schon heimisch war, hätte ich diesen guten Job nie bekommen. Es war sein Schubs, der mich auch gleich anfangs schon die Karriereleiter hinaufbeförderte, ein ordentlicher Schubs, der auch finanziell durchaus seine Früchte trug. Schon bald hatte ich mich wieder völlig eingelebt. In der Heimat war es zwar nicht so exotisch, aber dafür eben heimelig und das war ja auch was wert.

Natürlich verbrachten wir in Folge ziemlich viel Zeit miteinander. Ich verweigerte nur den Golfplatz, weil mir das dann doch zu abgehoben erschien, für mich selbst. Ich fühlte mich da nicht wohl, gehörte da nicht hin, das war nicht die Art von Gesellschaft, die ich suchte. Die sprachen über alles, schaumgebremst - cool, calm and collected – nur nicht aufregen, da entgleisen doch nur alle Gesichtszüge und man fängt womöglich noch zu transpirieren an, das war nicht erwünscht. Gespräche hatten – dort – eine gewisse Form einzuhalten – alles andere war verpönt, keine Emotionen, alles gänzlich keimfrei, keine unerwarteten Abweichungen.

Ja, da hast du schon recht, aber unter anderem, genau dort werden oft die Dinge in Bahnen gelenkt, die du dann erst viel später aus dem Parlament oder von einem Minister hörst, ganz offiziell, über die Medien… Ich muss dort mitspielen können, sonst tappe auch ich im Dunkel – dort spielt die Musik, in der Oper, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen oder auch im Puff. Jetzt sag bloß, du gehst in einen Puff ?

Ja, ich war schon mehrmals im Puff, es gibt Schlimmeres auf dieser Welt !

Hans heiratete auch nie, nicht wirklich. Einmal, für ein paar Monate, hatte er sich breitschlagen lassen, die Tochter eines seiner wichtigen Freunde zu ehelichen. Er hatte hauptsächlich aus geschäftlichen Gründen eingewilligt. Die einzige Bedingung, er wollte unbedingt in Bali heiraten.

Ganz weit weg, damit es keine Fotos und Zeugen gibt, kein Reporter, der vielleicht auch nur zufällig in der Presse darüber schreibt oder dass irgendwer einen Film, ein Video macht, das man dann im Internet findet.

Das Intermezzo hatte auch nicht lange angedauert, Hans blieb ein Fremder im eigenen Haus, das Bett hatte das Ehepaar ohnedies nie geteilt, die Ehe hätte gut und gern auch als nicht-vollzogen geschieden worden sein, aber das wäre schon wieder viel zu blamabel gewesen. Die Scheidung verging wie die Hochzeit, in aller Stille. Sie, seine Ehefrau hatte die Scheidung verlangt, weil sie einen neuen Liebhaber, einen der auch im Bett lag, gefunden hatte.

Ein Kerl, der wenigstens auf ihr Portemonnaie so scharf war, dass er sich deshalb sogar tatsächlich mit ihr im Bett herumbalgte und das auch noch lautstark. Ich war gerade nach Hause gekommen, unerwartet, von einer Reise, da hörte ich ihn röhren, wie einen Hirsch. Das muss ihr mächtig imponiert haben, so sehr, dass sie ihn sogar heiratete, nur einen Monat nach unserer Scheidung. Ich war froh, sehr froh, diese Last wieder los zu sein, beglückwünschte meinen Nachfolger sogar !

Er grinste übers ganze Gesicht, schelmisch, wie in der Schule, als wir dem Lehrer, gemeinsam, in seinen dicken Lehrer-Ranzen gepisst hatten. Leider war niemand dabei gewesen, der Lehrer musste das Ungemach erst zu Hause entdeckt haben. In der Schule war dieser Vorfall offiziell nie erwähnt worden, zu groß war die Angst des Lehrers, auch nachträglich noch, Grund für gesamt- schulisches, hämisches Gelächter zu werden. Der Lehrer war unbeliebt gewesen, in allen Klassen. Ein alter Nazi, einer jener Brut, die auch noch lange nach der Schulzeit in den Erinnerungen der Schüler präsent blieb.

Mit seiner Erzählung, als er sich, damals, 1944, blutjung, in diesem mörderischen Vaterlandskrieg, den man auch in Stalingrad kämpfte, nach verlorener Schlacht, zu Fuß auf der Flucht, nach Hause durchschlug. Er war nicht nur ein Schwein gewesen, sondern auch noch ein schlechter Lehrer, wir lernten nur ihn zu vermeiden, das aber dafür gründlich.

Er starb, eines Tages auf dem Weg nach Hause, erlitt einen Schlaganfall, am Steuer seines Wagens, so lautete die offizielle Erklärung der Direktion. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr Schüler in Hans Klasse gewesen, aber er erzählte mir die Begebenheit, in allen Details. Die Todesursache war nie genau eruiert worden, man gab sich mit den Beobachtungen der Passanten zufrieden. Auch wollte man das Geschehen nicht noch weiter vertiefen, es lieber aus den Köpfen der Schüler wieder entfernen.

Hans hatte ein ganz bestimmtes Lächeln im Gesicht gehabt, als er mir davon erzählte. Nachträglich betrachtet, erschien mir der Tod des Lehrers dann doch etwas seltsam, aber damals, in der Schulzeit, gab es keinen Verdacht. Nach Lektüre seiner Aufzeichnungen und den zugehörigen Belegen, meist in Form eines Zeitungsartikels, oder sogar eines im Internet abrufbaren Videos, das die Vorkommnisse von offizieller Ebene schilderte, war ich mir nicht mehr so sicher, dass es eine natürliche Todesursache gewesen war. Aber selbst Hans schilderte den Tod des Lehrers als Unfall, bei dem er mehr oder weniger nur Zuseher gewesen war. An diesem Punkt war sein Weg auch noch nicht vorgezeichnet gewesen - seine Story, eigentlich eine Autobiografie, ließ daran keinen Zweifel. Andererseits, mein Kopf weigerte sich später des Öfteren, alles zu glauben, was ich da las.

War vielleicht alles doch nur ein Märchen, eine Wunschvorstellung, eine Erzählung, ein Roman, eben Jägerlatein gewesen ?

Hans war nicht der Typ, dem man zutraute, einen phantasievollen Krimi zu schreiben, er war eher Realist. Auch in beruflichen Dingen waren es Dokumentation, an denen er arbeitete, nicht Fiktion. Er wirkte immer sehr abgeklärt und unaufgeregt, sachlich und nüchtern und ohne jegliche Ambitionen, die Welt zu belehren, ihr persönliche Botschaften zukommen zu lassen oder sie gar läutern zu wollen.. Er wusste, dass dies sinnlos war. Dennoch gab es da diese ganz persönliche Geschichte, mit dieser bemerkenswerten Entwicklung, weg von kühlen Kommentator, hin zum kalten Täter –  seine Kräfte, sein Lernen und sein Weg – alles ganz genau geschildert.

Seine Erzählung diente, wenn überhaupt, ja ohnedies nur noch als eine Art von Nachruf. Denn, Hans Maier war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Das stand fest, beglaubigt, von der Polizei in Griechenland, wo das traurige Ereignis stattgefunden hatte.

Ich hatte dann auch bald sein Manuskript in Händen und konnte alles nachlesen.

Sein Leichnam war noch vor Ort, in Kalamata, verbrannt worden. Wozu den Leichnam nach Hause transportieren, wenn der Körper auch hierzulande ohnedies nur eingeäschert werden sollte.

Hans Bruder hatte es so verfügt, als einzig verbliebener Verwandter, welcher ja logischerweise auch gleichzeitig Erbe aller Hinterlassenschaften war. Das war nicht unwichtig zu wissen, denn ich würde den Mann vielleicht noch besuchen müssen, um in Hans Unterlagen zu kramen, um weitere Details des Puzzles zusammentragen zu können. Dieses Rätsel musste gelöst werden.

Es gab eine offizielle Trauerfeier, mit einer Quasi-Bestattung, bei der die Urne in einem Bannwald, unter einer alten Eiche, vergraben wurde, ein Gitarrist spielte klassische Musik dazu.

Der Bruder hatte ausgerechnet mich gebeten, doch noch einige salbungsvolle Worte zu sprechen, den Verblichenen noch einmal zu ehren. Was mir nicht leicht fiel, denn ich hatte da ja bereits einen Teil seiner Aufzeichnungen gelesen, wusste genau, dass alles was man hier nun, an seinem Grab sagen konnte, weit von der Wahrheit entfernt bleiben musste. Aber schließlich willigte ich ein, sprach von den intellektuellen Fähigkeiten meines Freundes Hans Maier. Schon in der Schule, aber auch später, auf der Universität, hatte man seine Fähigkeiten bald erkannt. Er promovierte sogar Sub-Auspiciis, selbst der Bundespräsident war gekommen, hatte Hans die Hand geschüttelt, wie es bei studentischen Sonderleistungen üblich war.

Die Luft in der Kaschemme in der wir saßen war zum Schneiden dick, es roch nach altem Bier und Rauch. Hans trug ein schiefes Grinsen im Gesicht, es wollte  nicht so recht Platz greifen, und eigentlich war da auch nichts zu lachen, die Situation durchaus traurig. Mit einem Mal stand mir vor Augen, dass dies ein Abschied war.

Aber Hans ließ keine Sentimentalität aufkommen, was auch zu verstehen war, denn er brauchte, gerade nun, alles andere, als eine Trauerweide neben sich, die alle ihre trauernden Zweige noch tiefer als sonst sinken ließ.

Noch immer lächelnd sagte er, dass sein Anwalt den Auftrag habe, mir seine Geschichte auszuhändigen, sollte etwas Dramatisches geschehen, er das Zeitliche gesegnet haben.

Schau, ich bin nicht sonderlich stolz auf die ganze Geschichte… Ich habe meine eigenen Bedenken und Zweifel, aber… ich glaube, das die Geschichte so außergewöhnlich ist, dass man sie dir entweder aus der Hand reißen wird oder dich als Lügner diffamiert - sei vorsichtig damit, überlege gut, was du damit machst.

Ich hatte nur den Kopf geschüttelt, die Hände abwehrend ausgestreckt, war aber dann doch auch neugierig geworden. Wenn Hans sagte, dass die Geschichte eine Sensation sei, dann musste man sich gefasst machen, tatsächlich genau das zu finden. Er neigte nur selten zu Übertreibungen, viel eher schon zum Gegenteil. Er hatte es nicht nötig sich oder den Nachrichtenwert aufzublähen, Eitelkeit hatte noch nie zu seinen Eigenschaften gehört. Ich musste des Öfteren Nachfragen, Details aus ihm herausquetschen, damit ich ein vollständiges Bild einer aktuellen Erzählung erfassen konnte. Nein, Hans war kein aufgeblasener Schaumschläger, wie man sie sonst so oft in dieser Klientel der Journalisten fand. Journalisten und sonstiges Gesindel.

Hans verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, er liebte seine Kollegen nicht unbedingt und schon gar nicht alle. Er verachtete deren billige Oberflächlichkeit, bei der oft kaum tiefer, als gerade noch an der Oberfläche  einer Story gekratzt wurde, die sich aber gerierten, als hätten sie die unteilbare einzig-gültige Wahrheit erfunden.

Da ist dieser bescheuerte Subkutan-Journalismus, der Leser versteht nie das gesamte Bild, oder schlimmer, die wirkliche Geschichte dahinter, oft ist alles ganz anders... es hängt ja auch vom Medium ab, wem gehört die Zeitung, der Sender - wer zahlt schafft an.

Hans Ansatz war da anders, er recherchierte genauestens, bevor er auch nur die Absicht fassen wollte, aus den ihm vorliegenden Fakten eine Geschichte für die Zeitung oder fürs Fernsehen zu machen. Man bewunderte ihn dafür, in der Redaktion, ganz besonders in den Redaktionskonferenzen, die sich mit Kritik an Artikeln des Vortages befassten. Seine scharfe Zunge war gefürchtet, weil jeder drankommen konnte, niemand war gefeit davor, seinen Spott zu hören zu bekommen. Er konnte einen Artikel Wort für Wort auseinandernehmen, zerlegen und aufzeigen, woran die Geschichte krankte, wo der Autor Fehler, Unterlassungen oder sogar Interpretationen vorgenommen hatte. Ein verbales Fallbeil, das aber Köpfe nicht abschlug, sondern ihnen zu neuem Leben verhalf. Man liebte ihn nicht, das war klar, aber man respektierte seine fundierte Meinung, es war erstaunlich, wie oft er recht behielt, gerade wenn sich Geschichten, über Tage oder Wochen hinweg, weiterentwickelten. Er hatte ein Nase dafür, das konnte man nicht lernen, entweder man hatte es oder eben nicht, er jedenfalls hatte es, seine Analysen waren treffend, wie die berühmte Faust aufs Auge.

Es dauerte auch nicht allzu lange, dass Hans Maier des ganzen Kleinkrams einer lokalen Zeitung überdrüssig wurde. Als die ersten Wiederholungen anstanden, sich die Arbeit auch noch in den Details zu wiederholen begann, als es Routine wurde und die sich anfangs noch gegebene Erregung zunehmend in Gähnen verwandelte, begann er nach anderen Wegen zu suchen. Es machte keinen Sinn immer wieder die gleichen oder ähnliche Situation zu beschreiben. Das war vegetierende Langeweile, meist dann auch noch mit Desinteresse gepaart, ganz einfach, weil er ja wusste, was da des Weges kam und auch wusste, was man von ihm, dem Redakteur nun erwartete.

Ich bin kein Diener der bestehenden Strukturen, will nicht teilhaben an der Misere, in die sich die Gesellschaft nun zunehmend hineinmanövrieren lässt, getrieben von den Märkten, vom Konsum und deren Proponenten, den Geldhaien, das sind nicht meine, unsere 'Freunde', das sind Blutsauger, man hat das nur noch nicht so ganz erkannt.

Und wie recht sollte er behalten, er hatte auch die große Krise vorhergesehen, kommentierte sehenden, klaren Auges, das jeweilige Stadium, in dem sich der Fortschritt in Richtung Rückschritt ausbreitete. Alles deutete darauf hin, dass die Gesellschaft wieder zurückgeführt werden solle, in die Abhängigkeit der frühen Jahre des Industriezeitalters – so lautete seine Einschätzung. Natürlich mit anderen Vorzeichen, denn nun ging es nicht mehr um Mangelerscheinungen, zumindest nicht die alten, man wollte neue Mangelerscheinungen erzeugen und es klappte auch.

Aber so weit wollte ich an dieser Stelle nicht vorausdenken, dem Verlauf der Geschichte nicht vorgreifen. Es galt den Weg des Hans Maier nachzuvollziehen, den Teil des Weges zu erklären, den wir gemeinsam, als Freunde gegangen waren und was er anschließend machte, warum er es machte, wie er es machte. Er lebte ein Doppelleben, in den Augen der Welt würde er als Verbrecher gesehen werden, darüber hegte ich schon nach anfänglicher Lektüre seines Manuskriptes keine Zweifel mehr. Seine direkte, gleichlautende Aussage, die er auch ein bisschen humoristisch verbrämte, begleitet von einer Grimasse, in komödiantischem Ton vorgebracht, in der Kaschemme in der wir damals saßen, war nicht geeignet gewesen mich zu überzeugen. Ich dachte, es sei einer seiner schwarzen Scherze, als er andeutete, dass er quasi  ein Triebtäter sei, aber wenigstens edelmütig, weil er ja eben nicht aus niedrigen Motiven handelte.

Ich hatte dabei mehr an seine berufliche Tätigkeit gedacht, dass er Menschen medial hinrichtete, aber nicht im wahrsten Sinne des Wortes, sondern nur mit seinen Kommentaren, Artikeln in der Zeitung, Berichten im Fernsehen.

Später wusste ich, dass Hans sich ganz korrekt ausgedrückt hatte. Es war nicht gelogen gewesen, die Andeutungen die er machte, bewahrheiteten sich gnadenlos. Aber schon allein das Wort Mörder konnte in diesem Fall nicht so ganz genau, im Sinne eines Straftäters angebracht werden. Ja, sicher, Hans hatte einige Menschen auf dem Gewissen, wenn er denn diesbezüglich ein Gewissen hatte. Mitleid kannte er jedenfalls nicht, wenn er sich einmal für eine Aktion entschieden hatte, ein Opfer ausgewählt war.

Diese Leute haben ihr Recht auf Leben verwirkt, sie haben so viel Unglück über andere gebracht, dass ihre Beseitigung wie eine Operation anzusehen ist. Das ist eine sozio-sanitäre Angelegenheit, bei der der Volkskörper von dem ihn am Leben bedrohenden Subjekt befreit wird, wie ein Krebsgeschwür, extrahiert. Ich sehe mich mehr als Sanitäter, als einen Straftäter, man müsste mich geradezu belohnen, für diesen Dienst an der Allgemeinheit ! schrieb er, erklärend in seinem Text.

Einmal, aber nur einmal, in seinem Manuskript, verwendete er auch selbst die schwarzhumorige Formulierung, dass er wohl eher als Rächer angesehen werden wollte. Hans Maier zauderte oder verzagte nicht, er tat was er glaubte tun zu müssen, nämlich die Welt von so manchem gemeingefährlichen Zeitgenossen zu erlösen.

Nie, zu keinem Zeitpunkt, während seiner aktiven Zeit, hatte ich gewusst, was Hans machte, dachte eher, dass er in der großen weiten Welt herumfuhr und da und dort mit der Untersuchung von Situationen, dem Beobachten, als Zaungast befasst war. Auf diesem Feld hatte er sich auch bereits einen Namen gemacht, man lud ihn immer wieder ein - auch durchaus zweifelhafte Charaktere, Despoten, wollten von ihm interviewt werden, genau von ihm und nur von ihm. Es schien etwas absurd.

Nach seiner Zeit bei der Zeitung wechselte er das Medium, hin zum bewegten Bild, der übliche Weg, von der Redaktion eines Printmediums, hin zum Fernsehen. Da war das Feld breiter, er war auch nicht mehr in der Lokalschiene gefangen, nun ging die Arbeit auch über die Landesgrenzen hinaus.

Ich hörte seine Begeisterung, als er sein neues Medium pries, er war euphorisiert, anfangs, wie bei jeder neuen Sache die er anpackte. Wir trafen einander nicht mehr so häufig, allein schon deshalb, weil Hans ein nunmehr unstetes Leben führen musste. Heute da, morgen dort und wenn man glaubte, er war da, war er bereits wieder fort.

Das Beste an dieser Arbeit ist, dass ich dabei so viele Menschen kennenlernen kann und damit erweitern sich natürlich auch meine Möglichkeiten…

Wieder trug er dieses etwas süffisante, spöttische Lächeln im Gesicht, ich konnte es damals noch nicht richtig deuten. Wahrscheinlich resümierte er in solchen Sekunden manche seiner Erlebnisse. Er sprach manchmal etwas nebulös von Erlebnissen, die er nie genau definierte, ich dachte lange, dass er nur seine Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten oder seine Reisen und damit verbundene Begebenheiten meinte. Weit gefehlt, wie ich mir am Ende eingestehen musste.

Der Abend in der Kaschemme, als Hans das bedeutungsschwangere Geständnis ablieferte, war das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah. Kurz darauf verschwand er aus meinem Blickfeld. Ich lachte über seine Worte, hielt damals ja alles nur für Gebrabbel, ein paar Drinks waren auch schon durch unsere Kehlen

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