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Die Frau des Scharfrichters

Die Frau des Scharfrichters

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Die Frau des Scharfrichters

Länge:
385 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Juli 2018
ISBN:
9783742729927
Format:
Buch

Beschreibung

1347 in Sülsheim, einer kleinen Stadt in Franken.
Der Scharfrichter Wolfram hat wegen fehlender Hinrichtungen und der wenigen Körperstrafen kaum genug Geld, um zu überleben. Deshalb hat er das Amt des Heymlichkeitenfegers (Kloakenreinigers) übernommen und verkauft zudem selbst gemischte Heilkräuteressenzen und Salben aus Menschenfett.
Eine Änderung seines Lebens bringt erst die Verhaftung Mathildes. Sie hat ihren gewalttätigen Mann vergiftet und erwartet im Kerker ihren Prozess.
Wolfram versorgt sie bis zu ihrem Gerichtsprozess und behandelt aus Mitleid die Wunden der geschundenen Frau und verliebt sich in die junge Frau.
Erwartungsgemäß wird Mathilde zum Tode verurteilt.
Wie es die Vorschrift verlang, bereitet Wolfram gewissenhaft den Scheiterhaufen vor.
Das Volk fiebert dem Fest entgegen.
Da geschieht etwas, womit niemand gerechnet hat.
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Juli 2018
ISBN:
9783742729927
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Frau des Scharfrichters - Klaus Melcher

Kapitel 1

An diesen Abenden im Spätherbst, wenn der Nebel unten in der Flussniederung aufstieg, erst nur die Stämme der Erlen weich einpackte, und ihre entlaubten Wipfel wie unordentlich gebundene Knäuel auf einem grauen See zu schwimmen schienen, wenn er dann auch sie verschlang, langsam das ganze Tal ausfüllte, den Galgenberg vor neugierigen Blicken verbarg, bis er schließlich die Stadtmauer erreichte und über sie hinweg quoll, sich in die Straßen und Gassen ergoss, dann erstarb das Leben in Stadt und Land. Man war froh, ein schützendes Dach über dem Kopf zu haben, einen Herd, an dessen Feuer man sich wärmen konnte, und man genoss die Geborgenheit des Hauses, und sei es auch noch so einfach.

Nur ein einsames Fuhrwerk näherte sich auf der holprigen Straße von Würzburg dem Stadttor. Es war ein einfacher vierrädriger Wagen, dessen Ladefläche mit einer Plane bedeckt war, die die Ladung nur notdürftig gegen Regen und unliebsame Blicke schützte. Gezogen wurde der Karren von einem altersschwachen Arbeitspferd, das sein Besitzer vor zwei Jahren bei einem Metzger gegen sein verletztes, aber erheblich jüngeres eingetauscht hatte.

Schon in Sichtweite der Stadt, war sein Pferd damals von der schmalen Spur abgekommen und in einer tiefen Furche stecken geblieben. Alle Versuche des Kaufmanns, das Fuhrwerk wieder frei zu bekommen, blieben erfolglos. Als er schließlich die Peitsche einsetzte, riss das Tier den Wagen um und stürzte.

Seitdem diente es ihm treu und zog seinen oft schweren Wagen bei jedem Wind und Wetter über Land.

Der Mann auf dem Kutschbock hatte sich den weiten grau-braunen Umhang zweimal um den Oberkörper gewickelt und gegen die aufsteigende Kälte seine Beine in aneinander genähte Schaffelle geschlungen. Früher, vor dem Unfall, hatte er diesen Schutz nicht gebraucht, da hatte sein inneres Feuer gereicht.

Schon aus der Ferne sah der Kaufmann den milchigen Schein zweier Laternen, die die Torwächter schwenkten. Wenige Augenblicke noch, und die Stadtwache würde das Tor schließen. Höchste Zeit für den Kutscher, seinem Pferd noch einmal die Peitsche zu geben.

Wieder zog eine Nebelschwade zwischen den Kaufmann und das Tor, verbarg einen Augenblick den Blick auf die Stadt, und dann standen die Wachen vor dem Fuhrwerk, griffen dem Pferd in die Zügel.

„Prrr! Prrr!"

Das Pferd bäumte sich auf, hoch stieg es in dem Geschirr, ließ sich beruhigen und wartete schließlich geduldig, dass die Wachen das Fuhrwerk durchsuchten.

Die Torwächter hatten es eilig heute Abend. Dieser Nebel, der durch alle Ritzen kroch, sie alle ihre Knochen spüren ließ, war fast noch unangenehmer als der Regen, der im November über Stadt und Feld fegte.

Widerwillig stiegen sie auf den Wagen, bahnten sich einen schmalen Weg über pralle Hanfsäcke und Ballen und verzichteten darauf, dass der Kaufmann eins der Bündel öffnete.

Wer so spät am Abend von einer langen Reise kam, der hatte seinen Feierabend verdient, ein anständiges Abendbrot und einen Krug Bier, vor allem einen ordentlichen Schlafplatz in irgendeinem Wirtshaus der Stadt.

Auch die Wachen verloren keine Zeit. Noch während der Kaufmann die Plane wieder verschnürte, verschwanden sie in einer Nische des Turmes und lösten die Arretierung

der Seilwinde. Rasselnd senkte sich das schwere Eisengitter, mit dem das Stadttor gesichert wurde. Erst als es den Boden berührte und sie sich von seinem ordnungsgemäßen Zustand überzeugt hatten, schlossen sie die beiden Flügel des Stadttores. Polternd fielen die Balken in ihre Führung.

Jetzt war die Stadt gesichert und konnte beruhigt schlafen.

Unterdessen hatte der Kaufmann wieder den Kutschbock bezogen, einmal die Peitsche knallen lassen und rumpelte mit seinem Fuhrwerk langsam weiter, bog von der Nicolaistraße, die zum Marktplatz führte und die Stadt in zwei etwa gleiche Teile zerschnitt, die Oberstadt, in der die wohlhabenden Bürger wohnten, und die Unterstadt, in der die ärmere Bevölkerung lebte und arbeitete, die weniger angesehenen Handwerker, die Tagelöhner, die Schmiede und Bäcker und vor allem die unehrlichen Berufe. Hier gingen die Gerber und Färber ihrem Gewerbe nach und verwandelten den Seitenarm der Sülse, den man oberhalb der Stadt abgezweigt hatte, in eine stinkende und giftige Brühe, die alles Leben ersterben ließ.

Hier lagen auch die einfachen Wirtshäuser und übel beleumdeten Spelunken, die Mauerhäuser der Ärmsten, an die Stadtmauer geklatschte Verschläge, in denen die Bettler und Gelegenheitsarbeiter hausten, die Hurenhäuser und der Gefängnisturm mit der Hütte des Scharfrichters.

Der Kaufmann bog nach links ab.

Die Straße wurde schmaler, die Häuser drängten sich dichter zusammen. Immer enger standen sie beieinander, schienen sich oben fast zu berühren.

Links und rechts der Räder des Fuhrwerks spritzte der Straßendreck hoch, ein stinkendes Gemisch aus Fäkalien und Unrat, das aus den Fenstern geschüttet wurde. Gerade entleerte eine zahnlose Alte ihren Nachttopf, fast unmittelbar vor dem Kaufmann. Er nahm es kaum wahr.

Dann, endlich, erreichte das Gespann die Herberge. In der Toreinfahrt des Haupthauses, eines stattlichen Gebäudes, hing eine brennende Laterne und wies den später ankommenden Fuhrwerken den Weg in einen geräumigen Wirtschaftshof, der von einem Pferdestall und einer Scheune für die Wagen der Kaufleute gesäumt wurde. Überall auf dem Hof verteilt brannten kleine Feuer, die den Hof und die sie umgebenden Gebäude in ein fast gespenstisches Licht tauchten.

Ein Pferdeknecht löste sich aus der Dunkelheit und trat dem Gespann entgegen, fasste das Pferd am Halfter und klopfte ihm beruhigend den Hals.

„Ihr seid spät heute. Soll ich Euer Pferd versorgen, oder wollt Ihr selbst?", fragte er und führte das Gespann in die Scheune. Erst dort spannte er das Pferd aus, rieb es ab und gab ihm Wasser und Hafer.

Dankbar überquerte der Kaufmann den Hof.

Sein Weg führte ihn zum Haupthaus, das die geräumige Wirtsstube und die winzigen Schlafzimmer aufnahm.

Ein wildes Stimmengewirr, Johlen und Lachen schlug dem Neuankömmling entgegen, als er die eichene Wirtshaustür öffnete.

Die Wirtsstube war gut gefüllt. Eine große Gruppe von Kaufleuten saß an dem einzigen runden Tisch, der gut und gerne zwölf Personen Platz bot. Man sah, sie saßen schon lange hier, nur noch die Reste von ihrem üppigen Mahl waren auf dem Tisch, die abgenagten Knochen, die halb geleerten Bierkrüge. Die ersten waren über dem Tisch bereits eingeschlafen, einer glotzte seinen Nachbarn aus verquollenen Augen an, bevor er sich entschloss, auch ein Nickerchen zu machen.

Langsam leerte sich die Wirtsstube. Der Tag war für alle anstrengend gewesen. Die Kaufleute aus dem Konvoi stolperten die enge Treppe hoch, die zu den vier Schlafräumen im ersten Stockwerke führte, die sie sich mit anderen Schlafgästen teilten. Oskar hatte kein freies Bett mehr gefunden, auch nicht in einem der niedrigeren oberen Stockwerke nicht, und musste mit dem Stall vorlieb nehmen. Er sah darin ein freundliches Zeichen des Himmels. Pferd und Fuhrwerk waren gut versorgt, und so verließ er das Wirtshaus und begab sich noch einmal in den Nebel.

Die ehrbaren Bürger legten in dieser Nacht die stärksten Riegel vor die Türen und Tore, verrammelten die Fensteröffnungen und zogen sich in die Küche zurück, den einzigen heimeligen Raum.

Auf die Straßen wagten sich so spät nur noch wenige, die Stadtwachen, die die ganze Nacht über durch die engen Gassen patrouillierten, die, deren Geschäft eine frühere Heimkehr verhindert hatte, und die wenigen Besucher der Wirtshäuser, die sich durch den Nebel nicht schrecken ließen. Sie dehnten ihren Besuch in der Schankstube aus, in der vergeblichen Hoffnung, der Nebel würde sich auflösen, bis sie ihren Heimweg antreten müssten.

Zufrieden oder sogar glücklich mit dem Nebel waren nur die Huren und ihre Besucher.

Wenn sie mit ihrer schwach leuchtenden Laterne oder Fackel für einen winzigen Augenblick aus dem Nebel auftauchten, konnte niemand sie erkennen, und ihr Geheimnis blieb gewahrt.

Gefährlich war nur das Überqueren der Straßen und Gassen, denn schätzten sie die Strecke vom Bürgersteig zu den Trittsteinen in der Mitte der Straße nicht richtig ein, so landeten sie unweigerlich im Rinnstein. Hier stank er noch übler als weiter oben in der Stadt. Hier gesellten sich zu der Kloake der Oberstadt, die langsam bergab rann, die Schlachtabfälle der Tiere, die auf den engen Hinterhöfen gehalten wurden. Und zwischen den Trittsteinen huschten unzählige Ratten.

Nur wer geübt war, gelangte bei diesem Nebel trockenen Fußes an sein Ziel.

Hatten sie endlich die Mauergasse erreicht, eine der engsten und berüchtigtsten Gassen der Stadt, und gingen auf dem schmalen Bürgersteig, dicht an die schäbigen Hütten und armseligen Häuser gepresst, dann drohte die zweite Gefahr.

Wer sich bei Nebel hierher wagte, war sehr mutig – oder lebensmüde.

Überall lauerte die Gefahr. Hier herrschte nicht das Gesetz, hier herrschte bitterste Armut und das Recht, sich bei jedermann zu bedienen.

Trotzdem mieden manche Männer nicht die Mauergasse, war das Wetter auch noch so grauenhaft. Sie wussten, niemand würde sie sehen, und wenn es doch geschähe, er würde es nicht sagen.

Den Weg zu ihrem verheißungsvollen Ziel wies ihnen endlich die einsame blakende Laterne neben der Eingangstür eines für diese Gegend bemerkenswert reich aussehenden Hauses, die einzige, die sie auf ihrem langen Weg gesehen hatten.

Erreichten sie sie, so wurde ihnen auf ihr leises Klopfen geöffnet, und schon standen sie in einem von Kerzen erleuchteten Raum, der von dem Feuer zweier Kamine wohlig gewärmt wurde, wurden empfangen von der blonden Gertraude oder der feurigen Roswitha und ihren Gespielinnen und vergaßen für einige Stunden den Nebel, den Gestank der Gassen, die Dunkelheit und die Beschwerden des Tages.

Fast jeder, der den Weg in dieses sündige Haus fand, schämte sich ein klein wenig dafür, und doch genoss er die Stunden. Die Mädchen, durchaus nicht mehr jung an Jahren, doch man liebte es, in ihnen Mädchen zu sehen, so geschmeidig waren sie, so voller Hingabe, wie die eigene Frau es in all den Ehejahren nicht gewesen war. Sie liebkosten ihre Liebsten, denn ihre Besucher waren ihre Liebsten, auch wenn sie später für ihren Liebesdienst zahlten, schienen jeden ihrer Wünsche zu ahnen und erfüllten ihn, aus Freude, aus eigenem Verlangen, nicht widerwillig wie die ständig griesgrämige Ehefrau.

Sie waren nicht müde von den Strapazen des Tages, von dem Wasserschleppen vom Marktbrunnen oder dem Holzholen aus dem nahen Wald, vom Wäschewaschen im Fluss und dem Auslegen der Wäschestücke auf der Bleiche.

Sie waren frisch, unverbraucht, schienen ihre Besucher sehnsüchtig zu erwarten und gaben sich ihnen hin, voller Verlangen.

Sie waren Lehrmeisterinnen der Liebe, die auch dem zweiten oder gar dritten Besucher den gleichen Unterricht erteilten wie dem ersten, die jedem das Gefühl, die Sicherheit eher, gaben, der gelehrigste Schüler zu sein.

Öffentlich verachtet, galten sie heimlich manchem mehr als jede ehrbare Handwerker- oder gar Kaufmannsfrau.

Beinahe wäre der letzte Besucher für diesen Tag kurz vor seinem Ziel noch gestolpert, hätte den Trittstein in der Mitte der engen Straße verfehlt und wäre in die Kloake getreten. Nur eine Ratte, die er aufgeschreckt hatte, bewahrte ihn vor der stinkenden Brühe, die in dem Rinnstein stand.

Gertraude schien ihn schon erwartet zu haben und öffnete die Tür, noch bevor er klopfen konnte. Vor vier Jahren hatte sie das Bordell von ihrer Mutter übernommen.

Damals war es ein übler Schuppen gewesen, aus wenigen irgendwo herausgebrochenen Steinen und Brettern zusammengezimmert und an die Stadtmauer geklatscht, mit Betten, die sich die Huren und ihre Besucher mit Ratten und Mäusen teilten. Wer hier seinen Körper verkaufte, dem war nichts mehr geblieben. Und wer sie aufsuchte, der suchte nicht Liebe oder das Gefühl, geliebt zu werden, der wollte nur diesen winzigen Augenblick der Befriedigung.

Erst nachdem ihre Mutter an Lungensucht gestorben war, konnte Gertraude das alte Haus abreißen und mit dem Neubau beginnen. Gerne hätte sie einen anderen Platz gewählt, irgendwo in der Unterstadt, vielleicht einem Wirtshaus gegenüber, aber man verweigerte ihr die Genehmigung, und so musste sie an der alten Stelle bleiben. Wenigstens in einem konnte sie sich durchsetzen, das ganze Haus wurde in Stein gebaut, prachtvoller als alle Häuser in der Unterstadt, nur eben angelehnt an die Stadtmauer.

Natürlich gab es genügend Neider, doch es gab auch genügend Gönner, und die waren einflussreicher, wischten jede Beschwerde vom Tisch. Und sie wurden für ihre Hilfe reich belohnt.

Bald florierte ihr Bordell so, dass Gertraude eine erste Liebesdienerin, die feurige Roswitha, als gleichberechtigte Partnerin einstellte und schließlich noch eine Handvoll junger Mädchen bereithielt. Obgleich noch Lehrmädchen, galten sie manchem Freier mehr als Gertraude und Roswitha, und das nicht nur weil sie billiger waren.

Als Oskar in den wohlig warmen Raum trat, war es wie immer.

Er entledigte sich seines Umhangs und seiner Schuhe und wandte sich einem der weichen Lager an den Wänden zu, auf denen sich die Paare näher kamen, bevor sie sich in die Nischen oder in den Baderaum zurückzogen.

Er hatte Zeit. Auf ihn wartete keine zeternde Ehefrau, die ihn einen Hurenbock schimpfte, die noch am nächsten Morgen ein Gesicht zog, dass man froh war, das Haus wieder verlassen zu können.

Gertraude war ihm die liebste von allen Huren, die er auf den vielen Stationen seiner Reisen von Linz nach Würzburg und manchmal weiter in den Norden besuchte.

Wenn er kam, warf sie den Kunden, den sie gerade verwöhnte, ohne Gnade von ihrem Lager, berechnete ihm nicht einmal den ihr gebührenden Lohn und war nur noch für IHN da.

Und er genoss es, seinen Kopf zwischen ihre Brüste zu betten, herrlich pralle, weiche, warme Brüsten, die ihm fast den Atem raubten, wenn Gertraude seinen Kopf ganz fest an sich drückte. Tief sog er ihren herrlichen Duft ein, diesen Duft nach Frau und nach Schweiß, nach einem geheimnisvollen Öl, mit dem sie ihren prallen Körper einrieb, dass er sanft im Kerzenschein glänzte.

Ihn störte nicht, dass gerade zuvor ein anderer Mann ihr Lager geteilt hatte, sie erkundet, sie sorgfältig vermessen hatte, ihr alles geopfert hatte, dessen ein Mann in einer Liebesnacht zu opfern fähig war.

Jetzt gehörte sie ihm, ihm allein, und niemand wurde so verwöhnt wie er.

Wenn er neben ihr lag, ihre Rundungen mit seinen Händen liebkoste, die vom täglichen Halten der Zügel, vom Reparieren der Wagen rau geworden waren, und sie betrachtete, es genoss, wie sie sich unter seinen Händen wand, sich an ihn schmiegte, dann fühlte er sich wie in einer anderen Welt. Er war trunken vor Lust, noch bevor er genossen hatte, wovon er auf seiner langen Reise geträumt hatte.

Es war ein Spiel, dieses mühsam beherrschte Warten, das immer wiederkehrte, und das sich doch immer wieder unterschied, nur ein wenig, kaum merklich. Und doch spürte der Kaufmann den Unterschied, eine Handbewegung, den etwas verschobenen Winkel ihres linken Beines.

Und er spürte die Überraschung, die Gertraude für ihn bereithielt, wenn er endlich in sie eindrang. Erst schien es ganz vertraut, doch dann, wenige Augenblicke später nur, erlebte er regelmäßig etwas völlig Neues, Überraschendes, was er nie für möglich gehalten hätte.

Doch heute, als kein Liebesgast mehr in dem Bordell war, ließ sie sich besonders viel Zeit, steigerte sein Verlangen fast bis ins Unerträgliche. Endlich fasste sie ihn bei der Hand und zog ihn in die dunkelste Ecke, eher eine enge Höhle, in der nur die Lagerstatt und eine kleine Truhe, einer Schatztruhe ähnlich, Platz fanden. Beleuchtet wurde der Raum von einer einzelnen Kerze, deren sanft flackerndes Licht ihm etwas Geheimnisvolles gab.

„Komm", lispelte sie und zog ihn zu dem Lager, löste erst jetzt seinen Gürtel, streifte seine Beinkleider ab. Noch bevor er die Bettstatt erreichte, hatte sie ihm das Hemd über den Kopf gezogen. Und dann, gerade als er sie nehmen wollte, wie er es gewohnt war,

stieß sie ihn sanft auf das Lager, strich über seinen Körper, seine Brust, seine Hüften, seine Beine. Als er so gestreckt vor ihr lag, stieg sie, leicht wie eine Feder, auf ihn

und empfing ihn, wie sie es noch nie getan hatte.

„Sag es niemandem!", flüsterte sie, und nachdem er es versichert hatte, umarmte sie ihn noch einmal voller Verlangen.

Er hatte genossen, was wohl noch niemand vor ihm genossen hatte, was außerhalb jeder Vorstellung lag. Hätte der Priester es erfahren oder der Bürgermeister oder irgendjemand vom Rat, sie wären verloren gewesen.

Als er Gertraude endlich verließ, nicht ohne das Versprechen, auf seinem Rückweg wieder bei ihr vorbeizukommen, war er glücklich wie nie zuvor.

Noch einmal drehte er sich nach ihr um, sah gerade noch, wie die Laterne abgenommen wurde und irgendwo im Haus verschwand, dann stolperte er erneut, wäre fast wieder in die Kloake getreten.

Mit einem Mal waren alle seine Glücksgefühle verschwunden. Er versank nicht mehr zwischen Gertraudes Brüsten, er tappte wieder durch den Nebel, leuchtete mit seiner Lampe den Boden ab, immer auf der Hut vor irgendwelchen Hindernissen, über die er stolpern konnte, einen abgenagten Knochen und Ratten, die sich um ihn stritten, ein Stück verfaultes Holz oder Lumpen.

Zu spät bemerkte er die andere Laterne, die sich ihm schwankend näherte.

Kaum spürte er den scharfen Stahl.

Nicht mehr merkte er, dass er abgetastet wurde, dass man ihm seinen Geldsack abnahm und ihn in die Kloake gleiten ließ.

Gefunden wurde er am frühen Morgen, als die Wachen ihren letzten Gang durch die noch schlafende Stadt machten.

Kapitel 2

Der Nebel, der die ganze Nacht die Stadt eingehüllt hatte, begann sich langsam aufzulösen.

Erst gab er die Turmspitze der Marktkirche frei, ließ die Wetterfahne golden glänzen, während das Dach des Kirchenschiffs mit seinen gnomengesichtigen Wasserspeiern

noch von Nebelfahnen gespenstisch umweht wurde.

Zögernd, als trauten sie dem Frieden noch nicht, traten die ersten Dienstmägde und Bürgersfrauen auf die Straße, schleppten ihre Eimer die Gassen entlang zum Marktplatz. Hier trafen sie sich am Marktbrunnen, jeden Tag, warteten bis sie an der Reihe waren und ihre Eimer füllen konnten.

Einige wenige fanden noch den Weg in die Marktkirche, nur zu einem schnellen Gebet, zu einem kurzen Niederknien vor dem Altar, bevor sie wieder nach ihren Eimern griffen, ein paar Worte mit der Nachbarin wechselten und dann nach Hause eilten.

Eigentlich hätten sie auf dem Marktplatz noch einige wenige Augenblicke verharren sollen, denn gerade neuem Leben. Die Sonne kam hinter dem Kirchturm vor, wanderte höher und tauchten die Marktsäule, Zeichen des ganzen Bürgerstolzes, in ihr noch fahles Licht, und plötzlich erstrahlte der Helm des Roland golden und verkündete: ‚Heute ist Markttag, und es herrscht Marktfriede in der ganzen Stadt! Wehe dem, der ihn bricht!’

Das war der Augenblick, in dem jedem Bürger, der Zeuge dieses Schauspiels wurde, das Herz aufging und er sich voller Stolz zu seiner Stadt bekannte.

Auch für die Torwachen begannen die Markttage früher als gewöhnlich.

Aus allen Richtungen rumpelten die Bauern der Umgebung mit ihren Karren herbei, beladen mit Feldfrüchten, mit Eiern und Wildhonig, mit derb gewebten Stoffen und Geräten, die die Bauern aus einfachen Mitteln herstellen konnten und auf dem Markt feilbieten wollten.

Angebunden mit einem Strick folgten den Karren vereinzelt eine Ziege oder ein Schaf, die in der Stadt an einen Metzger verkauft werden sollten. Gerne hätten die Bauern die Tiere selbst geschlachtet und das Fleisch auf dem Markt verkauft, doch die Marktordnung verbot ihnen den Handel mit frischem Fleisch. Und die Torwachen achteten schon bei der Einreise darauf, dass das Verbot eingehalten wurde.

Niemand, der verbotene Waren oder eine Waffe bei sich führte, durfte das Tor passieren.

Wie auf einer unsichtbaren Spur zogen die aus dem Norden kommenden Bauern die Nikolaistraße entlang und vereinigten sich mit dem Zug derer, die durch das Marientor im Süden die Stadt erreichten. Sie alle strebten den Bauernmarkt an, der etwas abseits des Hauptmarktes lag, von ihm durch eine schmale Durchfahrt zwischen Stapelhaus und Rathaus getrennt.

Während die Bauern ihre einfachen Stände aufbauten, erwachte auch das Leben auf dem Hauptmarkt. Von überallher kamen die Händler mit ihren Fuhrwerken, die die Nacht in einem der Wirtshäuser verbracht hatten.

Ihnen wurden die Standplätze in der Mitte des Platzes zugewiesen, die das Geviert zwischen Kirche und Stapelhaus im Osten und dem Rathaus mit öffentlicher Waage im Westen und den reichen Handelshäusern im Norden und Süden bildeten. Hier stellten die Herren der Stadt ihren Reichtum zur Schau, die Tuchhändler, die Fernhändler, die von ihrem Comptoir aus den Handel in die ganze Welt dirigierten, Segelschiffe mit Salz nach Bergen schickten und mit Hering beladen zurückkamen, Kaufmannszüge, die in Nowgorod Salz gegen Pelze tauschten, Gewürzhändler, deren Verbindung bis nach Indien und China reichte, Tuchhändler, die die feinsten Stoffe aus Venedig und Genua bezogen.

Ihre Häuser waren aus Stein gemauert, waren mit Ziegeln gedeckt, hatten aufwändig gestaltete Fassaden – und echtes Glas vor den Fenstern, nicht Horn oder gar nur Tierfelle.

Wer hier wohnte, herrschte in der Stadt, und er achtete sorgfältig darauf, dass niemand ihm seine Macht streitig machte. Er hatte sie von seinem Vater geerbt und der von seinem Vater. Mit allen Mitteln wurde sie verteidigt, gegen das gemeine Volk, gegen Emporkömmlinge, gegen die Kaufleute der Südseite – und gegen den Machtanspruch des Fürstbischofs von Würzburg.

Die meisten Häuser, die den Markplatz umgaben, waren von breiten Arkaden gesäumt, unter denen die Handelsherren während der Marktzeiten einige Stände aufgebaut hatten und ihre Waren anpriesen. Hier wurden die kleineren Kunden bedient, die nicht für würdig erachtet wurden, in die weiten Hallen vorzudringen, die sich im Innern anschlossen. Oder mit denen der Kaufmann gar in dem Comptoir im ersten Stockwerk verhandelte.

Das Treiben auf dem Marktplatz und unter den Arkaden nahm zu, die Händler feilschten mit den Kunden, die ersten Kaufleute hatten sich mit ihren Besuchern in die hinteren oder oberen Räume zurückgezogen, als plötzlich ein Raunen durch die Marktgassen ging. Niemand konnte später sagen, von wo es ausgegangen war. Plötzlich war es da, ganz leise, wie hinter vorgehaltener Hand, wurde lauter, immer noch unverständlich, denn nicht zu glauben war, was die Menschen hörten:

In der Unterstadt hatten die Nachtwächter einen Toten gefunden!

Das Gerücht, denn um ein solches musste es sich handeln, ergriff jeden, egal ob er auf dem Hauptmarkt war oder auf dem Bauernmarkt, verbreitete sich in Windeseile, bis es die eichenen Tore des Rathauses erreicht hatte und in die Schreibstube schwappte. Dort erfuhr es Heinrich, der Stadtschreiber, ein Mann von Mitte dreißig, der sich in seinem Amt behaglich eingerichtet hatte und sich ein kleines Zubrot mit Schreibarbeiten aller Art verdiente, so dass er seine Frau und seine fünf Kinder zwar nicht im Luxus, aber doch zufrieden stellend ernähren und kleiden konnte.

Wenn auch nicht offiziell, so doch dem Ansehen der einfachen Bürger nach war er einer der wichtigsten Männer in der Stadt. Der Weg zum Bürgermeister führte über ihn, er entschied, wer vorgelassen und wer abgewiesen wurde, welches Gesuch dem Bürgermeister vorgelegt wurde. Er wusste alles, und er gab bereitwillig Auskunft über die Beschlüsse des Rates, und so manchem Bürger war eine frühe Auskunft eine gewisse Summe Geldes wert.

Heinrich eilte in das Zimmer des Bürgermeisters, der sich hinter einigen Folianten verschanzt hatte, und erstattete atemlos Meldung.

Was jetzt geschah, war reine Routine: die Stadtbüttel wurden vom Markt, ihrem eigentlichen Betätigungsfeld an diesem Vormittag, abgerufen, nur auf dem Bauernmarkt verblieben zwei, um die Anwesenheit der Obrigkeit zu demonstrieren.

Fünf Gruppen von jeweils zwei Bütteln wurden durch die Stadt geschickt, besuchten jedes Wirtshaus, jede Schänke.

Im „Hirschen" wurden sie fündig.

„Ich habe mich schon gewundert, sagte der Wirt, „der Oskar ist heute nicht auf den Markt gefahren. Den hat er bisher noch nie versäumt. Mein Knecht hat dem Pferd Hafer und Wasser gegeben, als Oskar sich bei Schlag neun immer noch nicht um Pferd und Ladung gekümmert hatte. Das war schon sonderbar.

Natürlich war der Wirt bereit, den Toten zu identifizieren.

Wenn einer den Kaufmann Oskar erkennen könnte, dann wäre es er, schließlich schliefe er immer in seinem Wirtshaus, wenn er in der Stadt wäre.

Nachdem sich der Wirt seinen Umhang umgeworfen hatte, machten sich die drei Männer auf den Weg zum Gefängnisturm, in den man den Toten gelegt hatte.

In der Mauerstraße, die direkt unterhalb der Stadtmauer lag, hatte sich der Nebel noch nicht verzogen. Hier blieb er immer am längsten, blieb manchmal den halben Tag über, auch wenn die ganze Stadt und das Umland schon nebelfrei waren, als schämte sich dieser Teil der Stadt seiner Armut.

Und Recht hätte er gehabt.

Wie zerzauste Schwalbennester klebten die meist hölzernen Bruchbuden an der Mauer, zusammengezimmert aus Brettern und Balken, die die Eigentümer irgendwo zusammengesammelt oder gestohlen hatten.

Nur wenige Häuser gab es hier, ebenfalls an die Stadtmauer geschmiegt, die die Bezeichnung Haus einigermaßen verdienten. Auch sie waren schäbig, in verwahrlostem Zustand, überall notdürftig geflickt, mit löchrigem Dach, mit leeren Fensteröffnungen. Nur Gertraudes Bordell passte nicht in dieses Bild von Elend und Verfall.

Es war nicht protzig wie die Patrizierhäuser am Markt, verzichtete auf aufwändigen Zierrat an der Fassade, auf eine reich geschnitzte Eingangstür in einem marmornen Portal mit kunstvollen Steinmetzarbeiten. Nur ein Relief zierte das Portal: Eva lehnte sich verführerisch an einen Baum, lächelte geheimnisvoll und reichte Adam den Apfel. Unter ihrem Fuß wand sich vergeblich eine Schlange.

Und um ihren Besuchern den Eintritt in das Paradies zu erleichtern, hatte sie auf die Gasse im Bereich ihres Hauses Trittsteine setzen lassen, denn es gab hier unterhalb der Stadtmauer nicht einmal eine Gosse, die die Fäkalien aufnahm und zum Stadtgraben führte. Auf ganzer Breite schwamm die stinkende Brühe die Gasse hinab. Hier und dort verstopfte Unrat, den die Bewohner auf die Straße geworfen hatten, die Kloake und sie drang in Häuser und Höfe der Bedauernswerten.

Dazwischen wühlten Schweine, scharrten einige Hühner, spielten kleine Kinder und pfiffen Ratten.

Es war ein Ort zum Erbarmen.

Hier wohnten nur die Ärmsten der Stadt, die gesellschaftlich Geächteten, die Ausgestoßenen, die Kranken und Gebrechlichen, die keine Familie hatten und die man nirgends mehr aufnehmen wollte, denen die Türen des Hospitals verschlossen blieben.

Solange sie noch einen Funken Stolz hatten und nicht dauernd auf Almosen angewiesen waren, verbargen sie sich in ihren armseligen Verschlägen vor den Blicken ihrer Mitmenschen. Hatten sie aber auch ihre letzte Arbeit verloren, die eigentlich niemand mehr verrichten wollte, dann saßen sie inmitten des Unrats auf der Straße, verdreckt und stinkend wie die Gasse, voller offener Wunden und

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