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Das Ende der Clara: Seglergeschichten

Das Ende der Clara: Seglergeschichten

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Das Ende der Clara: Seglergeschichten

Länge:
257 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Jan. 2014
ISBN:
9783847670193
Format:
Buch

Beschreibung

"Es ist eine merkwürdige Tatsache und bei Seefahrern unumstritten, dass der Anblick einer großen Wasserfläche durstig macht."
Das gilt aber nicht allein für die Menschen, die auf ihnen fahren, sondern offenbar auch für Schiffe. So sog der alte Gaffelschoner "Clara" mitunter soviel Wasser, dass die beiden Helfer von Schiffer Wilms an die Pumpen mussten, obgleich er es wie später auch seine Frau so hielten, dass sie einen ersten Schluck aus jeder neuen Buddel Kern den Decksplanken opferten, damit sie dicht zogen. Als aber der neue Eigner der "Clara" prozessieren wollte, weil er diese Erfahrungen als Tünkram in den Wind geschlagen und natürlich schlimme Folgen zu beklagen hatte, trug er schließlich nicht mehr als "sein blaues Wunder" davon.
Oll Grell, der Maker auf der "Canberra", erlebt nach einem zu gut gebrauten Grog nach seemännischem Rezept eine schlimme Havarei, bei der er vermeintlich die schmucke Yacht des jungen Skippers in den Grund des Boddens gesetzt hatte. Doch Wedderkopp war glücklicherweise nüchtern an Bord gekommen und hatte das modern nach gerüstete Schiff sicher über die pommerschen Gewässer manövriert.
Colin Archer, der berühmte norwegische Schiffsbaumeister und Laureat des Königs, hatte sich vorgenommen, ein Schiff nach den höchsten Erkenntnissen der Schiffbaukunst, aus den besten Hölzern der Alten Welt und mit größter Sorgfalt zu bauen. Aber er konnte dabei auch keinen Augenblick auf den vertrauten Umgang mit seinem Drull (einem Troll) verzichten, sonst musste die Arbeit misslingen.
Sind dies nun Klabautermanngeschichten, oder entspringen sie einfach nur jahrhundertealter Seefahrererfahrung? Die Legende Colin Archer ist hier die einzige historische Erzählung in dem Kranz von Seglergeschichten, die unterhaltsame Lektüre all denen bieten, die Fernweh, den Geruch nach Meer und Seetang und vor allem die verführerisch ragenden Segel vor der Kimm des schier unendlichen Ozeans nicht missen möchten.
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Jan. 2014
ISBN:
9783847670193
Format:
Buch

Über den Autor


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Das Ende der Clara - Helmut H. Schulz

DIE »LOUISA«

Es kommt nicht darauf an, wohin oder wie viel man segelt, es kommt darauf an, dass man segelt.

Aus einem alten Lehrbuch der Seemannschaft.

1

Die »LOUISA« lag in Ruhe außerhalb des Yachthafens. Ruhe war ihr zu gönnen, denn ihre Planken hatten ein gesegnetes Alter. Stets am Abend kam der Skipper an Bord, schloss die Kajüte auf, setzte den Kocher in Gang und brühte Tee. Bei schönem Wetter verzehrte er auf den Backskisten sein Abendbrot, bei schietigem Wetter aß er in der Kajüte. In der Regel kroch er früh in die Koje, denn gegen vier Uhr musste er wieder raus. Waschen konnte er sich in einer Schüssel oder einer Pütz, falls er es für nötig hielt. Für ein Frühstück langte die Zeit selten. Er verschloss die Kajüte, stieg auf die Kaimauer und ging zur Arbeit. Ein Seefahrender oder einer, der seinen Lebensunterhalt durch die See verdiente, war Rinkales nicht, sondern man bloß Lagerverwalter. Seine Frau kam nur an den Wochenenden mit, um aufzuräumen und um ihm zur Hand zu gehen, wenn er segelte.

Die »LOUISA« gehörte ihm seit Menschengedenken; er hatte die Yacht von seinem Vater übernommen. Sie lag auch noch an der gleichen Stelle am Kai hinter der letzten Brücke vor der Flussmündung. Auf ihrem Deck hatten die Kinder der Familie krabbeln und gehen gelernt, ehe ihnen von dem Alten das Segeln beigebracht wurde. In all den Jahren war an der Yacht kaum etwas verändert worden, jedenfalls nichts von Bedeutung. Die »LOUISA«, in den zwanziger Jahren auf der kleinen hiesigen Werft gebaut, hatte alle Gefahren der Welt und der Zeitläufe überstanden. Eine breit gebaute Yacht mit viel Sprung, Löffelbug und Spitzgatt, wirkte sie wie eine Nussschale, aber ihre Planken waren sorgfältig geklinkert. Unter der Luke des Vordecks befanden sich Stauraum für Segel und Tauwerk und die Kettenlast mit der Ankerkette nach außenbords zu einem kleinen Spill zwischen Luk und Vorstag, dessen Spake abgenommen werden konnte. Dieses Spill diente verschiedenen Zwecken. Im Vorschiff zwischen Hauptspant und Stauraum hatte der Konstrukteur Schränke vorgesehen, da der Platz für eine Eignerkabine nicht ausgereicht hätte. Die Mastbacken waren durch das Deck bis hinunter auf den Kiel durchgeführt, der Mast konnte im Stuhl gelegt werden. An ihm war unter Deck die Winde des Schwertfalles angeschlagen, denn die »LOUISA« war ein Kielschwerter, dessen stabiles Schwert aufgekurbelt werden musste, da es von Hand nicht aufzuholen war. Zwei aufklappbare Seiten bildeten zusammen mit dem Mittelstück des Schwertkastens einen bequemen Kajütentisch, freilich nur bei gefiertem Schwert. An Back- und Steuerbord waren Sitzbänke angebracht, mit Polstern belegte Kojen für die Ruhezeiten; Schränke zu beiden Seiten des Niederganges, die Küche, ein Bücherschapp und eine Platte für Kartentisch und Navigation vervollständigten die Einrichtung. Nicht dass der Skipper Bücher las, es handelte sich um maritime Drucksachen, Segelhandbücher, nautische Jahrbücher und dergleichen, uralt, inaktuell und mehr zur Dekoration als zum Gebrauch. Die Hängelampe über dem Tisch brannte mit Petroleum, der schwärzliche Fleck auf dem Holz an der Decke zeugte vom Blak. An der Tür des Schrankes hatte die Frau des Skippers Bilder aufgehängt, vielmehr angeschraubt, Fotos ihrer gemeinsamen ersten Zeit, eins von den Jungens, die längst ihrer Wege gegangen waren, den Messbrief, das Werftzeugnis, in alter Kanzleischrift ausgeführt. Kajüte und Pantry fielen übrigens ziemlich geräumig und gemütlich aus.

An einem tiefen Punkt in der Plicht waren Großschot und Belegklampen angeschlagen. Die Schot griff an die Nock des Großbaumes, am oberen Auge der Nock war die Dirk angeschlagen. Der Löffelform des Buges ähnlich, hatte die »LOUISA« ein hochgezogenes Spitzgatt und eine mächtige Ruderflosse. Die Pinne reichte bis weit in die Plicht hinein, konnte jedoch hochgeklappt werden, wenn die Yacht vertäut oder vor Anker lag. An einem kurzen Mast fuhr sie ein Gaffel- und ein Toppsegel, alles aus Baumwolle, der Mast wurde von insgesamt sechs Wanten und zwei Vorstags gehalten. Über den Vordersteven ragte ein kurzer Baum hinaus, an den die Vorstags griffen. Dort konnten zwei kleine dreieckige Segel gesetzt werden, Fock und eine Art Klüver, wie bei einem Kutter. Das stehende Gut wurde auch noch durch Jungfern und Taljereeps durchgesetzt. Bugspriet und Stags fanden Gegenzug im Wasserstag. Für alle Fallen gab es Belegnägel, aber keine Winden, alles Zeug musste von Hand gesetzt, durchgesetzt oder dichtgeholt werden, mithilfe von Taljen immerhin und Tauwerk, bei welchem man vom Hinsehen Blasen an den Händen bekam. Lediglich die Klaufall wurde aufgekurbelt. Ein riesiger alter Kompass mit Windrose in einer kompakten Säule konnte vom Steuermann in jeder Sitzstellung gut gesehen werden, falls ihm die Ablesung was nutzte und er mit Strich und Viertelstrich was anzufangen wusste.

Die »LOUISA« sah also ziemlich professionell und seetüchtig aus, für kleine Fahrt aufgeriggt. Allerdings war sie nicht hoch an den Wind zu bringen und zum Glück auch nicht rank, sie legte sich beim Abfallen vom Wind zuerst einmal träge auf die Seite und schien lange zu überlegen, ob es für sie lohnte, sich wieder aufzurichten oder ob sie besser liegenblieb, wie sie lag. Rinkales pflegte ihr in solchen Lagen freundlich zuzusprechen. Skipper und Schiff liebten auch mehr die achterlichen Winde. Was die Farbe der »LOUISA« angeht, so ist Folgendes zu sagen. In der Zeit, als sie erdacht und auf Kiel gelegt worden war, gaben die Schiffbauer ihren Holzschiffen haltbare Anstriche aus verdünntem Teer, was dem Holz einen bräunlich-schwarzen Ton gab. Kalfatert brauchte an der in Klinkerbauweise zusammengefügten »LOUISA« nicht viel zu werden. Sie zog Wasser an den Schwachstellen, aber sie zog sich auch rasch fest. Bilgenwasser gab es natürlich. Es konnte leicht aus der Plicht vermittels der Messingpumpe außenbords verklappt werden, eine der täglichen Arbeiten des Eigners. Lag sie auf Kursen am Wind, nahm sie viel Wasser über die spacken Nähte des Deckes, aber sie lag ja gar nicht oder doch selten am Wind; sie hütete sich davor, da sich auch ihr Eigner das Lenzen ersparte. Weil ihre Außenhaut aus bester Mooreiche bestand, so hatten Rumpf und Decks im Zusammenwirken mit dem Anstrich und der Luft eine fast schwarze Farbe angenommen. Der Anblick der »LOUISA« war allemal ein Schock. Dafür aber war die Yacht ungeheuer zuverlässig, wenigstens in den Augen ihres Eigners.

2

Rinkales hatte die Yacht zu eigen, war mit ihr alt geworden, hatte von seinem Vater die Kniffe der Segelführung und die Kunst des Steuerns gelernt und zuletzt die Sorge um die »LOUISA« geerbt, als der Alte gestorben war. See wie Brackwasser greifen an. War auch das mit Teer behandelte Eichenholz beinahe unzerstörbar, so litt alles übrige Zeug während der schlechten Jahreszeit unter Schnee und Nässe, wenn die »LOUISA« aufgeslippt und abgedeckt stand. Übrigens schadeten ihr Hitze und Sonne fast ebenso sehr wie Feuchte und Frost. Häufig oder sogar am häufigsten hatte sie auch den Winter im Wasser oder im Eis überstanden. Der Skipper legte Strohbündel um den Schiffsrumpf, die das tiefe Durchfrieren des Wassers verhinderten. Die alten Bronzebeschläge hielten jedem Wetter stand. Mit einer Mischung aus Salz und Essig abgerieben, sahen sie immer aus wie neu. Aber von einem alten Schiff wird eben auch allerhand verlangt. Wurde die »LOUISA« aufgeslippt, dann eigentlich nur zu einer notwendigen Reparatur am Schiffsboden. Einmal jedoch entschloss sich der Alte zu einer durchgreifenden Neuerung, als er der »LOUISA« einen feinen Anstrich gab. Er verwendete einen farblosen Lack für die Decks, obschon man ihn vor diesem eleganten Lack warnte, weil Salz wie Brackwasser mit solcher Art Anstrich rasch fertig werden. Aber es blieb dabei; die »LOUISA« bekam neue Farbe, bis auf das Unterwasserschiff. Da blieb es bei der soliden alten Methode der Wikinger. Dass er neuerungssüchtig gewesen sei, konnte man dem Skipper also nicht nachsagen.

Was das Rigg angeht, so dachte Rinkales nicht im Traum daran, sich der hölzernen Jungfern und der Taljereeps zugunsten der längst üblich gewordenen Wantenspanner zu entledigen. Je länger sie standen, desto besser wurden sie, so lautete die Regel. Am Mast wurden die Rundkauschen der daumendicken Drahtwanten über die Kälber gelegt. Durch die handgenähten Gattchen der Segel an den Lieken fuhr alles laufende Gut, Marlschläge auf dem Großbaum; in der Tat gab es auf der »LOUISA« noch allerlei Arten Knoten, die kaum noch ein sportlicher Segler kannte, geschweige denn verwendete. Allein der Skipper hätte das, was er seit Jahrzehnten auf dem Wasser mit seinem Boot trieb, auch niemals als Sport bezeichnet. Anstatt der Achtknoten machte er Knöpfe, und er setzte einen der Türkenbunde und Taljereepsknoten auf die Tampen der Enden; er kürzte das steife Tauwerk mit langen, kunstvollen Trompeten und hätte es für eine Verschwendung gehalten, ein Ende auf passende Länge zu kürzen, also zu schneiden. Auf jeden Tampen setzte er einen Takling. Alles Tauwerk war dunkel vom Gebrauch und fast so hart wie Holz. Ähnlich sahen die Fallen aus. Segel setzen und Schoten führen bedeuteten auf der »LOUISA« eine ernste Arbeit, eine Schinderei, die alte Yacht verlangte ihrem Skipper oder der Besatzung also auch einiges ab, aber sie hatte ihm dafür auch immer ein Gefühl der Sicherheit und der Treue gegeben. Er hütete sich gefühlsmäßig, grundlos an seinem Schiff etwas zu verändern, aus der Vorstellung heraus, an ihm zu freveln. Denn wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um und das mit Recht, womit nicht gesagt sein soll, dass es Rinkales an Selbstvertrauen fehlte. Wenn es darauf ankam, konnte er das alte Boot auch knüppeln. Er galt im Übrigen als ein schrulliger alter Griesgram, dem es keiner recht machen konnte. Seine Söhne hatten sich zurückgezogen, kaum dass sie flügge geworden waren. Was Rinkales nicht zur Kenntnis nahm.

So lagen die Dinge, als er über die Lebensmitte hinaus war.

3

Rinkales war von einem auf den anderen Tag verwitwet. Er besaß zwei erwachsene, längst verheiratete Söhne, aber die wohnten weit weg. Gemeinsam stand die Familie den traurigen Tag der Beerdigung durch, der Vater teilte den Kindern Andenken an die Verstorbene zu und stellte die Frage, wer von ihnen denn die »LOUISA« übernehmen würde. Die Entschlafene hatte an Bord eine Menge Aufgaben zu erfüllen gehabt; kochen und räumen, auf die Kinder achtgeben, dass sie nicht unversehens über Bord fielen, und bei der Hand sein, wenn ihr Mann und Vorgesetzter ein Segelmanöver ausführen wollte. Sie hatte es gelernt, die richtigen Knoten zu machen, die Kniffe des Gaffelsegelns studiert, und konnte Ruder gehen, wenn der Schiffer in der Kajüte ein wenig ausruhte. Auf diese Weise waren sie beide ziemlich weit miteinander gekommen und hatten eine Menge Haffwasser gesehen. Rinkales lief bei jedem Wetter aus, solange die »LOUISA« mitmachte. Regelmäßig törnte er an den Wochenenden übers Haff in den Peenestrom hinein einem bestimmten Ziele zu, einer Kneipe in einer ruhigen Bucht. Dort traf sich seinerzeit die segelnde Elite der Haffküste zu Gedankenaustausch und Korn, und man blieb bis zum Sonntagmittag liegen. Der Alte trat die Rückreise stets so an, dass er sein Abendbrot am angestammten Liegeplatz verzehren konnte. Er hätte es sich wohl zugetraut, die Yacht allein weiter zu führen, aber er fürchtete sich vor den Erinnerungen an seine Frau, obschon sie miteinander nicht nur gute Tage an Bord gehabt hatten. Der Alte war abergläubisch und sah überall Gespenster, was er nie zugegeben hätte, nicht mal vor sich selbst. Mit einer Toten wollte er keineswegs seine Tage und Nächte auf dem Wasser zubringen. Er wagte es nicht, seinen Söhnen zu erzählen, dass er die Verstorbene leibhaftig gesehen hatte, still an der Pinne sitzend, wie ein Vorwurf, dass er noch am Leben, während sie gestorben war, aber weiteren Heimsuchungen durch die Gespenster seiner Einbildung fühlte er sich nicht ganz gewachsen. Skipper Rinkales spürte, dass er in die Jahre gekommen war, aber für die »LOUISA« musste er beizeiten sorgen. Und zuletzt gehörte ja die Yacht zum Erbe, ja, sie war der wichtigste Teil seiner irdischen Hinterlassenschaft, ideell wie materiell. Es war also Freude zu erwarten, wenn er die »LOUISA« an einen der Söhne abtrat, wie es sich von Rechts wegen gehörte.

Hierin irrte der Alte. Die Söhne mäkelten herum, machten dumme Gesichter, als er ihnen das Schiff anbot, und ihre Frauen gar wiesen sein Ansinnen, die Yacht zu übernehmen, sie allein oder mit ihm, dem Alten, zu teilen, schnöde zurück. Sie wohnten nicht mehr in der Stadt und hätten an den Wochenenden herkommen und vieles an ihrer Lebensweise ändern müssen, behaupteten sie. Der Alte spürte, dass mehr dahinter steckte, dass sie die »LOUISA« nicht mochten und nie geliebt hatten.

Wie denkst du dir denn das eigentlich, Vadder? Sollen wir immer hin und her? So schön ist der Kahn nun auch wieder nicht. Wir haben unsere Kindheit darauf verbringen müssen, jedes Wochenende, immer dasselbe, weil du es so wolltest, übers Haff und zurück ... Und wieso musst du denn mit deinem Rheuma immer noch aufs Wasser, he? Ruh dich aus, kommst bald in Rente.

Der Alte winkte ab. Rheuma plagte ihn ja wirklich, aber das hatte nichts mit dem Wasser zu tun. Ich habe genug Interessenten, behauptete er.

Wer kauft denn so was? So verrückt wird doch keiner sein! Geh mal zum Yachthafen, kannst dir ansehen, wie Segelboote aussehen! Blitzblank alles, Chrom und Niro, weiß und blau, Plast, alles Plast und perfekt. So will man das heute. Na, Vadder, steck kein Geld und keine Zeit mehr in die olle »LOUISA«. Du kennst es doch? Unser Schiff ist ein Loch im Wasser, in das wir unser ganzes Geld werfen ... Na, also, es lohnt nicht mehr. Aber bitte, es ist natürlich dein Geld, und es ist deine Zeit und Gesundheit, uns verschone damit, ja? Wir sind doch nicht irre.

So? Ihr seid nicht irre? Aber ich bin dann wohl irre, was? Na, ich weiß Bescheid. Gut, dass eure Mutter diesen Tag nicht mehr erleben musste.

Seit Jahren war er nicht mehr im Yachthafen gewesen und wusste trotzdem, wie die Boote da aussahen, traf er sie und ihre Besitzer doch oft genug auf dem Wasser, wenn sie mit ihren Segelmaschinen vorbeizogen, freilich unter Maschine, hin und wieder auch unter Segel. Und ständig mussten sie irgendwohin, kaum dass sie angekommen waren; hatten sie gerade festgemacht, schon sprangen sie in ihre Autos, flitzten in ihre Büros oder wer weiß wohin. Ihre Boote waren Geräte, Schüsseln, die zufällig segelten, wie alles, was schwamm und dem Wind ausgesetzt wurde. Übrigens traf man sich ja auch noch in den Kneipen. Da grüßten sie und grinsten ihn an, als seien sie seinesgleichen. Und er hatte hier einen Ruf, und zwar einen guten und durfte sich dagegen verwahren, mit diesen Leuten gleichgestellt zu werden. So lagen die Dinge um die Beerdigungszeit seiner Alten.

4

Frau Rinkales war um die Weihnachtszeit heimgegangen, als die »LOUISA« mal wieder auf dem Slip der Werft stand. Den Winter über verbrachte der Alte allein und einsam in seiner Wohnung. Zu tun hatte er genug, ging ja auch noch auf Arbeit. Kam er abends nach Hause, so musste er zuerst die Öfen heizen. Während das Feuer bullerte, kochte er sich sein Essen, immer um einen Tag voraus. Anscheinend hatte seine Alte hier doch was zu tun gehabt. Sonst hielt er es wie im Sommer, ging mit den Hühnern schlafen, eher noch früher. Nur einschlafen konnte er auf einmal nicht mehr so gut und so schnell wie früher. Sonntags zog er den guten blauen Anzug an, den mit zwei Knopfreihen, die Düffeljacke darüber und setzte die Schiffermütze mit dem Lorbeerkranz und der kleinen dreieckigen Flagge am Mützenschild darin auf. Achtern lugte unter dem Mützenrand ein weißer Haarkranz hervor. In seiner Kneipe trank er sein Bier und den Korn und klönte mit Bekannten und Nachbarn.

Die »LOUISA« stand also auf dem Slip, wie schon erwähnt, und der Besitzer der Werft machte den Schiffer bei einem mehr zufälligen Treff in der Kneipe darauf aufmerksam, dass er selber nun bald nicht mehr den Hut aufhaben würde, sondern der Sohn, der Ingenieur, der plötzlich selbstständig sein wollte und der wünsche, die »LOUISA« künftig nicht mehr auf dem Werftgelände zu sehen.

So, sagte der Alte, und warum das denn nicht? Riecht sie euch unangenehm?

Sie nimmt zu viel Platz weg, sagte der andere alte Knabe. Gib sie ab, Richard! Was willst du auch mit dem alten Ding. Mein Großvater hat sie für deinen Alten gebaut, wann war es denn gleich? ... Gott, ist das all lang her.

Kauf du sie doch, schlug Rinkales vor. Als Andenken an deinen Großvadder. Der konnte dir noch Boote bauen, weißt es ja selbst, an ihr ist bis heute kein Untätchen,

Schon, sagte der Werftbesitzer, aber alt ist sie dir eben, verdammt alt, so alt und so hart, dass sich meine Kreissäge an ihr festfrisst. Ich muss mich auch nicht entschuldigen, weil ich sie nicht haben will, im nächsten Winter stehst du nicht mehr auf meinem Gelände, klar?

Ich denke, sagte Rinkales, du hast dann nicht mehr den Hut auf? Da will ich erst mal mit deinem Sohn reden.

Sie schieden in Unfrieden. Trafen sie sich zufällig in der Kneipe oder in der Stadt, grüßten sie einander zwar, da sie ja keine kleinen Kinder sein wollten, aber so wegwerfend und fremd, als kennten sie sich nicht näher.

Der Frühling kam. Rinkales brachte die »LOUISA« ins Wasser und verholte sie an ihren alten Liegeplatz. Da lag sie nun, so zuverlässig und seefest und entgegenkommend wie eh und je, und vom Verkaufen konnte gar keine Rede sein. An einem schönen Junitag machte er sie segelklar wie bisher in jedem Jahr, und es half ja doch auch immer noch der und jener beim Stellen des Mastes und den anderen Arbeiten für vier Hände. Und vielleicht kam alles wieder ins Lot. Auf dem Kocher summte der Kessel, ein Paket Kuchen lag in der Pantry neben einer Pulle Korn. Es war ja man still an Bord, aber da fiel ihm ein, dass er früher manchmal stundenlang kein Wort an seine Frau gerichtet hatte, bloß nachgedacht, aber worüber?

Als der Tee fertig war, kam der Hafenmeister, oder was er sonst sein mochte, den Kai längs, ein junger Mensch noch, den der Skipper nicht näher kannte, aber mal mussten ja schließlich auch die Jungen drankommen, mochten sie noch so dammelig sein. Der Bengel jumpte also achtern an Deck, was dem Skipper schon missfiel, und sachte tunkte die »LOUISA« ein, als ahnte sie was und duckte sich vor dem jungen Kerl, da sagte der Hafenmeister: Es fällt mir nicht ganz leicht, was ich Ihnen zu sagen habe, aber loswerden muss ich es ja mal.

"Was ist es denn? Von wem kriegt denn Nieburn seine Tochter was Kleines? Von Ihnen doch wohl nicht, Herr, oder? Übrigens, guten Tag, ich bin nämlich der Schiffer und Herr hier an Bord, und mein Name ist Rinkales."

Der Hafenmeister seufzte.

Na, was muss denn nun gesagt werden?

Dass Sie hier wegmüssen, platzte der junge Mensch heraus, und dann erklärte er, warum dieser Liegeplatz eingezogen und weshalb er anderweitig gebraucht werde. Es sei übrigens auch kein richtiger, sondern ein wilder Liegeplatz. Und damit kam alles Widrige gegen Rinkales und die »LOUISA« in Gang.

5

Ein selbstsicherer, rüstiger Endfünfziger, zu allem entschlossen, kann bald zum Ziele kommen, wenn er ernsthaft nach einer Frau sucht und nicht sehr wählerisch ist. Die Frau, die der Skipper für sich und die »LOUISA« in Aussicht nahm, war denn auch eine stattliche Person mit blond aufgefärbtem Haar, von kräftiger Figur und von zielbewusstem Auftreten. Sie gab vor, ihr früheres Leben in Nähe des Wassers verbracht zu haben, weil ihr Verstorbener ein Seemann gewesen sei. Rinkales fühlte sich in ihrer behaglichen Neubauwohnung ganz wohl, wenigstens so lange wie er dort saß, Kaffee und Kuchen vorgesetzt bekam und einige Schluck vom selbst gemachten Kirschlikör. Er fühlte sich dermaßen wohl, dass er, leicht angeschickert nach

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