Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Der Neiding
Der Neiding
Der Neiding
eBook974 Seiten

Der Neiding

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Über dieses E-Book

Sachsen im Jahre 772: Seit vielen Jahren sind die altgläubigen Sachsen dem mächtigen Frankenkönig Karl ein Dorn im Auge und er plant, die unberechenbaren und widerspenstigen Heiden zum Christentum zu bekehren, um sie endgültig in sein Reich einzugliedern.

Die Sippe von Theodard, freie Sachsen, nimmt einen fremden Jungen auf, den sie in den Wäldern vor einem gewaltsamen Tod bewahrte. Doch nicht alle Sippenmitglieder sind damit einverstanden. Sind seine Augen nicht schwarz wie Kohlen? Kann er nicht in der Dunkelheit sehen? Und warum spricht er nicht?

Als sich die junge Sarhild für den Fremden zu interessieren beginnt, kommt es zur Katastrophe, die die ganze Sippe in ihren Grundfesten erschüttern wird. Währenddessen bahnt sich ein Krieg gegen die Franken an.

"Michael J. Awe führt seine Leser mit viel sprachlichem Geschick ins Mittelalter, wo sich die Sachsen gegen ihre Christianisierung sträuben." – bestbookfinder.de
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum29. Juli 2019
ISBN9783748557609
Der Neiding
Vorschau lesen

Mehr lesen von Michael J. Awe

Ähnlich wie Der Neiding

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Der Neiding

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

    Buchvorschau

    Der Neiding - Michael J. Awe

    Inhaltsverzeichnis

    Der Junge

    Rauchnacht

    Verrenkte Glieder

    Adoption

    Irminsul

    Narben

    Die alte Halle

    Sommersonnenwende

    Der Lebensbaum

    Kreuz und Schwert

    Am Bach

    Neidingswerk

    Gezählte Wunden

    Auf der Flucht

    Naglfar

    Der Überfall

    Auf dem Gräberfeld

    Brandolfs Lager

    Marklohe

    Dietlind

    Rückkehr

    Besatzungsrecht

    Der Schwur

    Blutige Schatten

    Am See

    Abschied und Aufbruch

    Hitze

    Der Heerbann

    Wernulfs Hof

    Kloster Fulda

    Bernward

    Am Süntel

    Die Spur

    Schande und Zweifel

    Der Schatten des Kreuzes

    Froederik

    Die Aufständischen

    Bleicher

    Teutomars Weg

    Grenzgebiet

    Die Zwingburg

    Waschung

    Die Herde

    Ein Meer aus Häusern

    Berengars Entscheidung

    Hof Ortwald

    Winter

    Die Tunika

    Gemalte Gedanken

    Wort gegen Wort

    Gänsekiel und Hand

    Gelsa

    Dankrads Falle

    Ein Plan wird geschmiedet

    Blutiger Schnee

    Die Pilger

    Das hölzerne Kreuz

    Berengars Heer

    Kloster Lorishaim

    Die neblige Ebene

    Erscheinungen

    Abschied

    Bei Hofe

    Die Haarsträhne

    Tiefe Fluten

    Das Schicksal der Einherier

    Fremdes Licht

    Der Armreif

    In tiefer Nacht

    Farolds Plan

    Schatten der Vergangenheit

    Nächtliche Audienz

    Fulda

    Hunger

    Die Jagd

    Der Racheschwur

    Hinter dicken Mauern

    Die gezogene Klinge

    Fragen

    Auge um Auge

    Die Königin

    Dinge der Nacht

    Am letzten Tag

    Die Worte des Alten

    Der Weg

    Gewoben

    Ein Töter in der Dunkelheit

    Das Lied der Schlacht

    Die Taufe

    Der Mönch

    Glossar

    Der Junge

    Sachsen, 771 A.D.

    Die drei kauerten am Feuer, Schneeflocken wirbelten um sie herum.

    »Wir hätten nicht mehr reiten sollen«, sagte Rolant und rieb sich die Hände.

    Theodard warf dem jungen Mann über die Flammen hinweg einen langen Blick zu. »Ein Blot ist nichts, dem man fernbleibt.«

    Arbogast, sein Sohn, streckte sein feuchtes Schuhwerk dem Feuer entgegen, bis die Zehen kribbelten. Sie hatten das Feuer unter den Zweigen einer alten Eiche entzündet, deren breiter Stamm den schneidenden Wind von ihren Rücken fernhielt. Die Eisriesen heulten durch die Baumkronen und türmte hohe Schneewehen auf. Arbogast war zehn Jahre alt und noch nie hatte er einen so frühen Wintereinbruch erlebt.

    Sein Vater bewegte die breiten Schultern unter dem Bärenumhang. »Wir haben gefeiert und das Horn kreisen lassen, drei Tage und Nächte lang. Wir haben des Toten gedacht. Die Erinnerung an Volkrad ist lebendig in uns.«

    Rolant verzog das Gesicht, statt einer Antwort nahm er das Schwert zur Hand. Er war, obwohl ihm gerade der erste Bart spross, der geschickteste Krieger der Sippe, eine Tatsache, die ihm durchaus bewusst war. Rolant zog langsam blank, das Geräusch des scharfen Metalls übertönte das Knistern der Flammen, und legte das Schwert vor sich. Arbogast beobachtete, wie er mit gleichmäßigen Bewegungen den Wetzstein über die Schneide zog. Die lange, schlanke Klinge war ein Erbstück von Rolants Vater, der sie wiederum von seinem Vater erhalten hatte. Bleicher war fünf Handbreit länger als die Hiebschwerter, die die meisten Sachsen trugen. Arbogast betrachtete die scharfe Schneide, die im Licht des Feuers zu glühen schien und wünschte sich, auch so eine Klinge zu besitzen, wenn er seine Waffenweihe erhielt. Dann durfte sein langes Haar, das ihn immer noch als Jüngling auswies, geschnitten werden als Zeichen, dass er nun für sich selbst mit der Waffe eintreten konnte.

    »Volkrad war ein guter Mann!«, fügte sein Vater hinzu und schnitt ein weiteres Stück vom gebratenen Schweinefleisch ab, welches sie als Proviant mitbekommen hatten. Es war Arbogasts erstes Blot gewesen, und er war stolz, dass er zwischen Männern und Frauen am Tisch hatte sitzen dürfen. Immer wenn er an die Reihe kam, nahm er einen Schluck von dem bitteren Bier mit der rötlichen Farbe, bevor er das Trinkhorn an seinen Nebenmann weiterreichte. Die Gesichter der Anwesenden waren ernst und feierlich gewesen, dann wurde die Stimmung ausgelassener und jeder wusste eine lustige Anekdote aus Volkrads Leben zu erzählen. Obwohl Arbogast spürte, wie ihm das Bier in die Glieder fuhr, wurde er immer durstiger und trank weiter, bis er schließlich von der Bank kippte. Als er heute Morgen erwachte, schmerzte sein Kopf, als hätte man ihn mit Knüppeln geschlagen. Es war ein besonderes Bier gewesen, hatte ihn Theodard auf dem Ritt erzählt, während sie immer langsamer durch das stärker werdende Schneetreiben voran kamen, gebraut aus dem Bilsenkraut, und schon so mancher Mann war mit dem Becher in der Hand verstorben.

    »Ich sprach mit Sigbert«, sagte Rolant und zog den Wetzstein ein weiteres Mal über Bleichers Schneide.

    »Der Sohn von Olaf?«, fragte Theodard kauend.

    »Vor einigen Nächten brannten fränkische Krieger seinen Hof nieder.«

    »Das hörte ich wohl. Dann blieb er am Leben.«

    »Er überlebte, aber seine zwei Söhne nicht.«

    Theodard reichte Arbogast ein Stück von dem kalten Schweinefleisch. »Eine schöne Langhalle besaß seine Sippe. Wie viele Männer standen unter Waffen?«

    »Genug«, antwortete Rolant, »doch die Franken kamen in großer Zahl und waren gut gerüstet. Die Frauen wurden als Sklaven davon geführt.«

    »Sobald der Schnee taut, wird Sigbert seine Sippe gegen die Franken führen wollen. Hat er sein Anliegen schon vorgebracht?«

    Rolant nickte und betrachtete aufmerksam die glänzende Klinge, dann zog er den Wetzstein erneut die Schneide entlang. »Er sprach mit vielen Männern und nicht wenige waren bereit, sich seiner Sache anzuschließen.«

    Arbogast spülte das Fleisch mit einem Schluck Wasser herunter. Er sah Rolant an, wie sehr es ihm gelüstete, sich an dem Zug gegen die Franken teilzunehmen.

    »Die Männer werden im Frühjahr auf den Feldern fehlen«, sprach Theodard. »Der Winter kommt früh dieses Jahr und die Vorräte sind nicht groß.«

    »Kein Mann sitzt gerne an fremden Herdfeuern«, antwortete Rolant.

    »Und wer tot ist, kann keine Felder mehr bestellen.«

    »Sigberts Sippe hat keine Felder mehr zu bestellen …«

    »Still!«, rief Arbogast. Er spürte die Blicke der beiden Männer auf sich ruhen. Mit klopfendem Herzen beugte er sich nach vorne und lauschte in den Wald.

    »Was ist?«, fragte sein Vater.

    Arbogasts suchte die Baumreihen nach einer Bewegung ab. Im Rest des Tageslichtes waren die Umrisse der schwarzen Stämme noch deutlich zu erkennen. »Ich habe etwas gehört.«

    Rolant schnaubte. »Der ganze Wald ist voller Geräusche!«

    »Nein, ich hörte einen … Schrei!«

    Theodard schüttelte den Kopf. »Ich höre nichts.«

    Arbogast blickte seinen Vater fest an. »Er war leise, kaum zu hören … «

    »Das waren der Wind«, murmelte Rolant und fing wieder an, die Schneide seines Schwertes zu schleifen.

    »Rolant!«, sagte sein Vater und der junge Mann hielt inne. »Woher kam der Schrei, Arbogast?«

    Er war sich nicht sicher. Die Schneelandschaft verschluckte die Geräusche und die Bäume narrten die Sinne. Aus jedem Schatten schienen ihn Augen anzustarren. »Dort«, sagte Arbogast und zeigte auf einige dichtstehende Fichten.

    »Wir werden nachsehen«, antwortete Theodard und erhob sich. Hünenhaft wie er war, erinnerte er in seinem Bärenfellumhang selbst an einen Bären. Arbogast stapfte neben seinem Vater durch den knirschenden Schnee. Hinter sich hörte er Rolant folgen, der sich mit einem Fluch erhoben hatte. Der Wind trieb die Schneeflocken in Arbogasts Gesicht und ließ seine Haut brennen.

    »Wahrscheinlich nur ein Tier!«, sagte Rolant, aber als Arbogast sich umblickte, sah er, dass der junge Mann sein Schwert nicht weggesteckt hatte. Ihre Pferde, die an einigen Eichenstämmen festgebunden waren, schnaubten nervös und zuckten mit den Ohren. Auch sie hatten es gehört, dachte Arbogast.

    Nach der Wärme des Feuers schmerzte die Kälte in den Knochen, zitternd ging Arbogast neben Theodard her, dessen Miene seine Gedanken nicht verriet. Fast wünschte sich Arbogast, er hätte sich verhört und sie würden nichts weiter als leblose Schneelandschaft vorfinden, statt auf nächtliche Bluttrinkerinnen oder Unholde zu stoßen, die ihnen das Fleisch mit bloßen Krallen zerfleischen würden. Auch wenn er dafür noch lange Rolants Spott über sich ergehen lassen müsste.

    Hinter den Fichten fiel das Gelände ab. Sie blieben am Fuß der Bäume stehen. Theodard blickte gegen das Schneetreiben den Hang hinunter, Eiskristalle sammelten sich auf seinem braunen Haar und im Bart. Sie lauschten und jetzt hörten es alle.

    »Stimmen!«, sagte Rolant.

    Sie eilten den Abhang hinab. Bei jedem Schritt sanken sie knöcheltief in den Schnee ein. Eine weitere Stimme, und ein Aufschrei…

    Arbogast sah die Männer als erstes. Eine Handvoll Gestalten mit Klingen in den Händen umringten einen großen Mann in einer Kutte und einen Jungen. Einer der Männer schlug mit seinem Sax zu, der Kuttenträger hob abwehrend die Hände und fiel in den Schnee.

    Der schwarzhaarige Junge wirbelte herum, doch war er von den Gestalten umzingelt. Er drehte sich hin und her, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, gebeugt und panisch, aber es gab keinen Ausweg. Die Männer wussten das.

    Einer steckte sein Schwert in die Lederscheide, beugte sich zu dem leblosen Mann am Boden und griff dessen Tuchbeutel. In diesem Augenblick sprang der Junge wie eine Katze auf den Mann zu. Der schmale Mann, offenbar überrascht, torkelte zurück. Der Junge krallte sich in den Haaren der zerlumpten Gestalt fest, schlug die Zähne in die bärtige Wange. Der Mann schrie auf, halb vor Überraschung, halb vor Wut. Mit Fäusten hieb er nach dem wild zappelnden Wesen, das an seinem Hals hing. Die anderen beiden Männer lachten, ihre rauen Stimmen klangen durch die froststarre Luft. Endlich bekam der Mann den Jungen zu fassen und riss ihn von sich runter. Der Junge prallte auf den Boden und kugelte in einer Schneewehe bis an den Stamm einer Eiche.

    »Genug!«, rief Theodard und trat zwischen den Bäumen hervor. Arbogast blieb an der Seite von Rolant, der die Klinge seines Langschwertes spielerisch gegen seinen Unterschenkel klopfte, die Augen kalt und ein Lächeln im Gesicht.

    Der Schmale duckte sich, die Augen in seinem eingefallenen Gesicht zuckten zwischen Theodard und Rolant hin und her, die Lippen zogen sich über die gelblichen Zähne zurück. Ein Blutstreifen lief durch seinen Bart.

    Die Kleidung der Männer, zusammengetragen durch Überfälle, war rissig und hing in Fetzen, die Füße waren mit Lumpen umwickelt. Der Schmale trug eine Tunika, deren Ärmel bis zu den Fingerspitzen reichten, die Nägel lang und schwarz wie Klauen.

    »Verschwindet!«, krächzte der Mann. »Das gehört uns!«

    Der andere Mann hob nervös seine schartige Axt, der dritte zerrte am Umhang des Kuttenträgers, die Augen nicht von ihnen lassend. Der Atem bildete Wölkchen vor seinem Gesicht und kristallisierte im Bart. Er zog noch einmal am Umhang, bis der regungslose Körper den Stoff mit einem Ruck freigab.

    Theodard schlug den Bärenfellumhang zurück, so dass der abgeschabte Griff seines Saxes zum Vorschein gab. »Geht«, sagte er, »oder sterbt!«

    Der Schmale leckte sich über die Lippen und spuckte aus. Hinter ihm kauerte der Junge, die Haare voller Schnee, und rührte sich nicht. Nur seine schwarzen Augen beobachteten lebhaft alles um sich herum. Aus der Nähe erkannte Arbogast, dass der Junge etwa so alt wie er sein musste, wenn er auch kleiner und nicht sehr kräftig war. Als der Junge merkte, dass keiner auf ihn achtete, kroch er zu dem Tuchbeutel, den der schmale Mann während des Gerangels fallen gelassen hatte.

    Rolant bewegte sich unruhig, die Klinge zuckte in seinen Händen, als wollte sie sich selbstständig machen. Das kalte Lächeln in seinem Gesicht schien festgefroren.

    »Wir waren zuerst hier!«, rief der Schmale, seine Hand schloss sich um den Schwertknauf.

    Der Junge erreichte den Tuchbeutel und kroch langsam wieder in den Schutz der Eiche zurück. Die Zerlumpten besaßen die Augen von Wölfen, sie waren ausgemergelt und blass. Zwischen den Bäumen herrschte eisige Stille. Träge fielen Schneeflocken vom Himmel und schmolzen auf den Schultern und Köpfen der Männer, die sich gegenseitig musterten.

    Schließlich flackerte etwas im Blick des Schmalen, er spuckte ein weiteres Mal aus. Langsam bewegte er sich rückwärts. Die anderen beiden Männer folgten ihm, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Der Mann mit dem Schwert presste den abgenutzten Umhang an seine Brust, sein Kumpan hielt die schartige Axt schlagbereit erhoben. Die zerrissenen Gestalten sahen zurück, bis sie zwischen den schneebedeckten Fichten verschwanden. Eine Weile hörten sie das Knirschen der Schritte, die sich allmählich entfernten, bis Stille einkehrte.

    Rolant klopfte mehrmals mit dem Langsschwert an sein Bein, dann trat er mit schnellen Schritten zu den Fichten hinüber.

    »Lass sie ziehen!«, sagte Theodard. »Sie besudeln nur die Klinge.«

    Rolant hob das schmale Schwert. »Es geht schnell. Sie werden keine Reisenden mehr überfallen.«

    »Sie kriegen nur die Unvorsichtigen und die Schwachen.«

    Der junge Mann blieb am Rand der Fichten stehen und horchte. »Das sind Neidinge! Jeder Mann hat das Recht, sie zu erschlagen.«

    »Dann erschlage sie, wenn sie in die Nähe unseres Gehöftes kommen.«

    »Warum warten?«

    Theodard schloss seinen Umhang über dem Sax. »Lass sie im Wald leben, abseits der Menschen. Kein Mann wird ihnen Gastrecht gewähren. Sie sehen aus wie Unholde, wer würde das nicht erkennen. Komm!« Theodard ging zu dem leblosen Mann hinüber und drehte ihn mit dem Fuß auf dem Rücken. Arbogast zögerte und sah, wir Rolant nachdenklich die Klinge in der Hand drehte, bevor er sie mit einem Fluch wegsteckte.

    »So sei es!«, sagte Rolant.

    Arbogast trat zu seinem Vater. Der Junge duckte sich unter einigen Ästen hindurch und ließ sie nicht aus den Augen. Sein blasses Gesicht stach gegen die schwarzen Haare ab, die er kurz geschnitten trug. Theodard kniete sich neben den leblosen Körper und untersuchte die Wunde. Ein tiefer Schnitt hatte die Kutte von der Schulter bis zur Brust aufgetrennt und war tief ins Fleisch gedrungen. Aus der klaffenden Wunde trat immer noch Blut. Arbogast betrachtete das Gesicht des Kuttenträgers. Er war kein junger Mann mehr, tiefe Falten zeigten sich auf der Stirn und um die Augen herum, die offen standen. Vereinzelte Schneeflocken landeten in ihnen.

    »Ist noch Leben in ihm?«, rief Rolant, während er näher kam.

    Theodard schüttelte den Kopf. »Der Hieb war tödlich.«

    Arbogast blickte kurz zu den Jungen hinüber, der sie immer noch beobachtete. Ein alter Tuchbeutel lag halb unter dem Mann begraben, ansonsten trug er nichts bei sich. »Der Mann hat keine Waffe!«, sagte Arbogast ungläubig.

    »Schwächlinge und Narren, wie ihr falscher Gott!«, murmelte Rolant.

    Theodard zog den Tuchbeutel hervor und schüttete den Inhalt in den Schnee. »Ein Buch, ein Holzkreuz, eine Schale, ein Trinkschlauch, etwas Brot und Käse.«

    Rolant roch an dem Käse und biss hinein. »Keine gute Zeit für Reisende!«

    Theodard blickte zu dem Jungen hinüber, der unter den niedrigen Ästen einer kahlen Linde kauerte. »Wer bist du?«

    Der Junge starrte sie an, sein blasses Gesicht ohne Regung.

    »Ich bin Theodard. Wir sind unterwegs zurück zum Gehöft.« Theodard zeigte nach Norden. »Eine halbe Tagesreise von hier.«

    Der Junge antwortete nicht. Arbogast fragte sich, ob der Junge ihre Sprache nicht verstehen konnte. Die Kuttenträger, so wusste er, kamen häufig von weit her. Sie zogen von Gehöft zu Gehöft und von Siedlung zu Siedlung, um von dem einen Gott zu erzählen, murmelten Beschwörungen in fremder Zunge und tauchten Menschen in Wasser, die dafür ein Leinenhemd bekamen. Manchmal hörten ihnen die Menschen zu, aber meistens lachte man über sie, verjagte oder erschlug sie, wenn die Mönche schlecht über ihre Vorfahren sprachen. Doch dieser Mann hier war ärmlich gekleidet und trug keine Leinenhemden bei sich. Ein hölzernes Kreuz hing an einer Lederschnur um seinen Hals, aus zwei Stöcken mit einer Schnur zusammengebunden. Er sah aus wie ein Knecht und nicht wie ein freier Mann.

    Theodard nahm das am Boden liegende Brot auf, welches er mit seinen großen Händen in Stücke riss, hielt dem Jungen etwas hin. Arbogast beobachtete, wie sich der Junge langsam aufrichtete. Er war klein und drahtig, obwohl einen Kopf kleiner als Arbogast und nicht sehr kräftig. Dennoch hatte er Mut besessen, sich dem Räuber entgegenzustellen.

    »Er ist schwachsinnig!«, sagte Rolant und sah das Kind abschätzig an.

    Der Junge stand da und trat von einem Bein auf das andere.

    »Halte dich fern von ihm!«, Theodard wies auf den Toten. »Bald werden die Wölfe kommen. Unser Feuer dort oben ist warm. Sei mein Gast, ich gewähre dir den Frieden.«

    Langsam stapfte Theodard durch den Schnee, gefolgt von Rolant, der murmelnd den Kopf schüttelte. Arbogast folgte ihnen. Der Junge stand noch immer regungslos im Schneetreiben, das Brot in der Hand und den Toten zu seinen Füßen. In der Dämmerung wurde er schnell von den Schatten verschluckt.

    »Ob die Männer wiederkommen?«, fragte Arbogast, während Rolant neue Äste in das knisternde Feuer legte. Die Pferde schnaubten leise.

    »Dann sterben sie«, sagte Rolant.

    Theodard sah nachdenklich zu den Fichten hinüber. Die Flammen zeichneten Schatten auf seine Züge. Arbogast musterte seinen Vater lange. »Was ist mit dem Jungen?«

    »Er wird kommen«, sagte Theodard. »Es ist der Instinkt zu leben, der ihn herführen wird.«

    Rolant brach einige weitere Äste. »Was machen wir dann mit ihm?«

    Theodard zog die Brauen zusammen. »Wir nehmen ihn mit. Unser Gehöft ist die nächste Behausung.«

    »Dann wird er also unser Gast?«

    Am Rande des Lichtkreises war eine Bewegung wahrzunehmen. Die schmale Gestalt des Jungen trat langsam auf sie zu, den Beutel an den Bauch gedrückt und den Kopf gesenkt.

    »Komm!«, rief Theodard, seine große Hand wies auf einen Platz am Feuer.

    Die Schritte des Jungen knirschten im Schnee, die Augen funkelten unruhig in seinem ausdruckslosen Gesicht. Er blieb vor dem Feuer stehen, während er Theodard musterte. Niemand sagte ein Wort. Arbogast wunderte sich über die zögernde Art des Fremden, dem man das Gastrecht angeboten hatte. Kein Heiling würde das angebotene Gastrecht je brechen. Dann trat der Junge einen Schritt vor und ließ sich geräuschlos ihnen gegenüber nieder, um sie über die Flammen hinweg anzusehen.

    Rauchnacht

    Schwärme von Krähen zogen über das Land. Wie schwarze Punkte trieben sie vor dem grauen Himmel, ihre heiseren Rufe riss der Wind von den Schnäbeln. Schneeflocken wirbelten durch die eisige Luft. Das knorrige Holz der alten Bäume ächzte, die Wurzeln wie Knoten in das Erdreich gekrallt, die Stämme schwarz und feucht. Die Finsternis brachte die längste Nacht des Jahres.

    Die Häuser des Gehöftes duckten sich hinter der Palisade aus grob gezimmerten Baumstämmen. Kein Licht brannte, niemand war zu sehen. Die Schatten des Waldes krochen zwischen den tiefen Dächern entlang, während die Menschen lauschend in ihren Hallen saßen.  Die Felder außerhalb der schützenden Holzpalisade lagen verlassen da, begraben unter knietiefen Schneewehen.

    Außer dem Herdfeuer brannte kein Licht in der großen Halle. Schatten sammelten sich unter den Dachbalken, wo der Rauch das Holz geschwärzt hatte. Der Wind heulte, drückte gegen die Palisade, so dass man ihr Knirschen noch in den Häusern hören konnte, und rüttelte an den Dächern. Der sie umgebende Wald war erfüllt von fremdartigen Geräuschen.

    Sarhild, die gerade Brennholz nachlegte, hielt in ihrer Arbeit inne und lauschte. Ein Wimmern lag in der Luft. Der Wald war voller finsterer Wesen diese Nacht und sie hoffte, dass die Männer ihren Weg finden würden. Die dunklen Vögel schrien seit Einbruch der Dunkelheit und die Schweine und Schafe hinter der Trennwand bewegten sich unruhig. Das Mädchen konnte ihre Furcht spüren. Eckart saß schweigsam bei seinem Bier. Während der Zwölfnächte ruhte die Hausarbeit, das Spinnrad stand still wie das Rad der Zeit. »Auf dass die Sonne wieder aufgeht!«, flüsterte Sarhild und berührte ihren Donarhammer, einen kleinen Anhänger aus Eichenholz, den ihre Mutter geschnitzt hatte.

    Eisiger Wind und Schneegestöber drangen in die Langhalle, als sich eine Gestalt durch den Eingang drückte. Obwohl Isbert nur den Hof überquert hatte, waren seine Haare und Schultern schneeüberzogen. Der Junge stapfte sich den Schnee von den Füßen, Eckart musterte ihn düster über den Becher hinweg.

    »Die Vögel fallen tot vom Himmel!«, sagte Isbert und trat in den Schein des Herdfeuers vor, das in der Mitte der Halle brannte. Sarhild sah sein schulterlanges Haar rötlich aufleuchten, dieses besondere Haar, das sie noch bei keinem Menschen gesehen hatte. Es war nicht blond, wie bei seinem Vater Theodard, oder rot wie bei Arbogast, seinem älteren Bruder, sondern von einem bleichen Weiß wie Schnee im Licht der Wintersonne. Ein Haar, das keine Farbe zu besitzen schien, dachte sie, eine Laune der Götter. »Zwei toten Raben liegen im Hof, sie sind hart wie  Stein.«

    »Nur ein Narr verlässt sein Herdfeuer in dieser Nacht!«, brummte Eckart und trank einen weiteren Schluck. Ihr Vater würde bis zum Aufgang der Sonne kein Auge zutun, sie alle fürchteten diese zwölf Nächte. Ein Schatten huschte über das ebenmäßige Gesicht Isberts.

    »Sie werden den Weg finden!«, sagte er und setzte sich neben Sarhild auf die Bank. Eine Zeitlang saßen sie nebeneinander und lauschten dem Heulen des Windes, dem Knirschen des Gebälks. Nur der Schein des Herdfeuers vertrieb Dunkelheit und Kälte, die aus den Wäldern zu ihnen gekrochen kamen und die Langhäuser umschlossen. Nur das Opfer an die Götter würde ihnen Schutz gewähren. Vor zwei Nächten hatten sie damit begonnen, Holz auf dem Hof aufzuschichten, damit das heilige Feuer in diesen Stunden angezündet werden konnte, dann waren Eis und Schnee gekommen und sie hatten den Holzstapel mit großen Tüchern abgedeckt.

    Draußen schlugen die Hunde an. Ihr heiseres Bellen drang durch den Schneesturm.

    »Sie sind zurück!«, rief Isbert und rannte zur Tür.

    Sarhild warf sich das Schafsfell über und folgte ihm nach draußen. Eiskristalle schlugen ihr schmerzhaft ins Gesicht, hinter sich hörte sie Eckart fluchen. Obwohl Isbert kurz vor ihr ging, konnte sie ihn im nächtlichen Schneegestöber kaum erkennen. Sie zog das Fell dichter um ihre Schultern und kämpfte sich durch den kniehohen Schnee. Die anderen Langhäuser waren kaum mehr als ein Schemen. Die massige Gestalt Manfreds kam ihnen entgegen, die Arme ragten bloß aus der schlichten Tunika hervor. An dem verschlossenen Tor sprangen die Hunde hoch. Manfred stemmte den Eichenschaft des Speeres in den Schnee und kletterte den Wall hoch, um über die Palisade schauen zu können. Sarhild blinzelte gegen den Sturm an, die Schneeflocken stachen wie Nadeln und rissen die Haut wund. Als Manfred seinen Kopf über die Baumstammspitzen steckte, erwischte ihn der Eissturm mit voller Kraft. Sein kahler Schädel funkelte feucht, als er sich an die Palisade klammerte. Eckarts Fackel wurde vom Sturm gelöscht und ließ sie in der Dunkelheit zurück.

    »Wer da?«, rief Manfred mit seiner kraftvollen Stimme.

    Alle lauschten in das Heulen des Sturmes hinein, während die Hunde immer noch kläffend am Tor hochsprangen. Lass sie es sein, dachte Sarhild, und keine bösen Gestalten der Nacht.

    Nach einer Weile drang eine Antwort zu ihnen. »Wir sind zurück, Manfred. Öffnet das Tor!«

    »Es ist Theodard!«, rief Isbert.

    Manfred schlidderte den Wall hinunter. Gemeinsam mit Eckart und Isbert wuchtete er den schweren Balken nach oben, der den Torflügel verschloss. Die Männer stemmten sich mit den Schultern gegen das Tor, bis es sich einen Spaltbreit öffnete. Die Hunde liefen kläffend zwischen den Männern herum, Sarhild griff einem der wolfsähnlichen Tiere ins struppige Nackenfell und zog es daran zurück.

    Drei Gestalten, tief in Fellumhänge gehüllt, schoben sich durch den Spalt, gefolgt von einer weiteren, kleineren.

    »Vater!«, rief Isbert.

    Theodard ergriff mit Manfred den schweren Balken und wuchtete ihn wieder in die Halterung, während Rolant und Arbogast halfen. Sarhild warf einen Blick auf die kleine Gestalt, in der Dunkelheit war das Gesicht des Gastes nicht zu erkennen, Sarhild tippte aber aufgrund seiner Schmächtigkeit auf eine Frau. Gemeinsam schritten sie gegen den Sturm gelehnt zu Theodards Halle, die die größte war. Hitze schlug ihnen beim Eintreten entgegen. Die Flammen des Herdfeuers brannten hoch, Qualm sammelte sich unter dem Dach und brannte in den Augen.

    Neben dem Herdfeuer erhob sich eine hochgewachsene Frau. »Willkommen, Theodard!«, sagte Fredegard und grüßte ihren Mann. Der Blick ihrer grauen Augen glitt zu dem Neuankömmling hinüber.

    »Wir sind den Weg nicht allein gekommen«, erklärte Theodard.

    Im Schein der Flammen erkannte Sarhild, dass es sich bei dem Fremden um einen Jungen handelte, schwarzes dichtes Haar fiel ihm auf die schmächtigen Schultern, der Blick war misstrauisch.

    »Zeig mir, wen du da aufgelesen hast!« Fredegard beugte sich zu dem Jungen hinunter. Als dieser zurückwich, griff sie blitzschnell nach seinem Kinn und zwang ihn, seinen Kopf zu heben. »Bist du ein Mensch oder siehst du nur so aus?«, murmelte sie. Der Junge hatte die Augen aufgerissen, doch konnte er sich aus dem festen Griff der Frau nicht befreien. »Er spricht nicht!« Sie blickte ihm in die Augen, die von einem tiefen Schwarz waren. »Augen wie Kohlen«, flüsterte Fredegard.

    Arbogast trat zu seiner Mutter. In seinem roten Haar, dunkler als das rötlichblonde Haar Fredegards, glitzerten Eiskristalle. Arbogast besaß ihre grauen Augen und ihren hohen Wuchs. Von seinem Vater hatte er die unbändige Kraft, die schon jetzt der eines Mannes gleich kam. »Er war in Begleitung eines Kuttenträgers. Männer überfielen sie und erschlugen den Kreuzmann, aber Vater und Rolant trieben sie in den Wald zurück.«

    »Der neue Gott!«, murmelte Fredegard. »Dann sag mir, wie du heißt.« Sie ließ das Kinn des Jungen los, ihre Finger hatten blasse Male auf seiner Haut hinterlassen.

    »Er spricht nicht«, wiederholte Rolant, der den Jungen kühl musterte. Er schnallte sein Langschwert ab und legte es auf eine Truhe neben dem Eingang.

    Fredegard ließ den Jungen nicht aus den Augen. »Wer nicht spricht, in dem kann auch kein Heil liegen.« Der Junge, obwohl dem Griff Fredegards entronnen, wich nicht zurück, seine schmale Brust hob und senkte sich heftig. »Alles hat einen Namen, was im Licht der Sonne wandelt.«

    Sarhild wünschte sich, ihre Mutter wäre hier. Sie besaß die Fähigkeit, die wahre Natur der Dinge zu sehen und Gutes vom Bösen zu unterscheiden. Nicht alles, was einem im Wald begegnete und aussah wie ein Mensch, ist auch einer, sagte Aleke häufig zu ihr. Sarhilds Mutter bereitete noch in der Grubenhütte die Räucherung der Gebäude vor, denn sie war vertraut mit dem alten Wissen und wusste, wie man Runen schnitzte und Erkrankungen besprach. Der Junge schwieg, während alle Augen auf ihn gerichtet waren, kein Name und keine Sprache war ihm zu entlocken. Sie blickte zu Arbogasts Vater hinüber. Theodard legte seinen Bärenpelz ab und warf ihn über ein Gestell in der Nähe des Herdfeuers. Wie er so dastand, überragte er alle anderen um mindestens eine Haupteslänge. Der eisige Reif in Bart und Augenbrauen hatte zu tauen begonnen.

    »Der Junge ist mein Gast«, sagte er und setzte sich auf die Bank. Mit diesen Worten fiel das Gastrecht auf den Jungen und machte ihn unantastbar. »Fredegard, reich unserem Gast etwas zu trinken.«

    Fredegard musterte den Jungen und nickte dann widerwillig. »So sei es!« Sie füllte ein Trinkhorn mit Bier aus dem Kessel und ging damit zu dem Knaben. Ohne sie aus den Augen zu lassen, griff der Junge mit beiden Händen das große Horn und führte es an die Lippen. Die Männer warteten, bis er einen Schluck getrunken hatte, und setzten sich dann auf die Bänke. Nun hatte der Junge etwas von ihrem Trank zu sich genommen und war kein Fremder mehr.

    Man wies dem Jungen einen Platz am Feuer zu und er setzte sich neben Theodard. Sarhild hängte die Umhänge von Rolant und Arbogast, die schwer vor Feuchtigkeit waren, über das Gestell und füllte dann zusammen mit Fredegard die Trinkhörner der Männer. Von draußen erklang Wolfsgeheul. Die Männer leerten ihre Hörner und ließen sich nachfüllen.

    »Eine lange Nacht!«, sagte Manfred. Sein kahler Schädel glänzte immer noch feucht. Mit seiner Körpermasse nahm er den Platz von zwei Männern ein. »Ihr kamt spät.«

    Rolant setzte das Horn ab und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. »Der Schnee kam plötzlich, so brauchten wir eine Nacht länger.«

    Eckart warf dem Jungen neben Theodard einen Blick zu. »Die Nornen webten ihre Fäden wohl, dass ihr nur auf Menschen traft.«

    »Ja«, sagte Theodard, »es liegt Böses in der Luft. Die Tiere sind unruhig. Im Schnee fanden wir Spuren, die weder eines Menschen Fuß noch ein Tier hinterlassen haben, und wir gingen ohne ein Wort.«

    Die Anwesenden schwiegen und bedachten das Gesagte. »Sassia soll das Los befragen«, sagte Rolant schließlich.

    Die alte Sassia erhob sich von ihrem Schemel hinter dem Feuer, wo ihre blinden Augen die ganze Zeit in die Glut geblickt hatten. Sie war schon alt gewesen, als Sarhild geboren wurde, und mittlerweile waren ihre langen grauen Haare schlohweiß geworden und ähnelten denen von Isbert. Dürr und hart wie ein Besen hatte die lebenslange Arbeit auf dem Hof sie werden lassen, nun hatte das Alter sie gebeugt und blind gemacht. Die Decke um die spitzen Schultern geschlungen, trat sie in die Mitte des Raumes. Die dürren Finger mit den langen Fingernägeln zogen Runenstäbe aus einem Beutel, murmelnd drehte sie sich in alle vier Himmelsrichtungen, anschließend warf sie die Buchenstäbchen zu Boden. Die Greisin kauerte sich über die Lose und fand das ihr nächstliegende. Sarhild erinnerte sich daran, wie ihre Mutter das Holz von einem blühenden Baum geschnitten, Runen hinein geritzt und sie mit dem Blut eines Schweines nachgezogen hatte. Alle Männer starrten auf das erste Runenstäbchen, während sich Sassia langsam erhob.

    »Lang lebte ich, nun hört mir zu!« Sassias Stimme raschelte wie Stroh auf Holz und die Trinkenden schwiegen. »Was Theodard sprach, so sehe ich es kommen.« Die Männer sahen sie an, Unruhe im Blick. »Das Rad der Zeit wird sich wenden.«

    Sie kauerte sich erneut hin und griff suchend nach dem zweiten Holzstab. Ihre Finger betasteten die eingeritzte Rune. »Wo jetzt viele sind, wird nur einer sein. Was den Himmel trägt, wird bald fallen. Das Glänzende wird hinfortgeschafft und das Rote wird geschnitten werden.«

    Ein drittes Mal kniete die alte Frau nieder und hielt ein Holzstück in die Höhe. Ihr eingefallenes Gesicht spannte sich, die Lippen zogen sich über den zahnlosen Mund zurück. »Wo Leben ist, am Wasser wird es enden. Statt Schwarz wird Weiß sein. Wo Heil war, wird es fliehen. So sag ich’s euch!«

    Ein Trinkhorn schepperte zu Boden. Sarhild drehte sich zu dem Jungen um, der mit Entsetzen die alte Frau musterte. Die Gesichter der anderen waren versteinert. Sie hatten die Worte gehört, sie waren in dieser Halle gesprochen worden. Sassia stand eine zeitlang schwankend im Raum, dann drehte sie sich um und humpelte zu ihrem Platz hinter dem Herdfeuer zurück. In diesem Augenblick bemerkte Sarhild, dass der Sturm aufgehört hatte. Stille umgab das Langhaus und nur das Knirschen von Schnee auf dem Dach war zu vernehmen. Auch die Männer schienen es zu hören. Theodard ließ das Trinkhorn langsam sinken und führte es mit einem Fluch wieder an die Lippen.

    Verrenkte Glieder

     772 A.D.

    Halt das mal!«, sagte Theodard und reichte seinem Sohn Isbert die Säge. Er betrachtete den Wandpfosten und stieg von der Leiter auf das Dach hinauf. Dort, wo sie das Stroh abgedeckt hatten, konnten sie das verfaulte Holz sehen. Isbert kletterte seinem Vater hinterher und sah zu Eckart hinüber, der mit einem Löffelbohrer an der Verdübelung der Querbalken arbeitete. Sie standen genau über der Stelle, an der starke senkrechte Pfosten die Dachlast trugen und die eigentliche Wand bildeten. In einer Armlänge Abstand befand sich die zweite, äußere Reihe, die sich aus dünneren, schräg nach innen geneigten Pfosten zusammensetzte und die Außenwand stütze.

    Sein Vater suchte auf dem schrägen Dach einen besseren Halt und ließ sich die Säge von ihm geben. Der Tag war sonnig und klar und Isbert konnte vom Dach von Eckarts Haus weit über die kahlen Felder bis zum Waldrand sehen, wo Arbogast damit beschäftigt war, Holz zu schlagen. In den Ackerfurchen und unter den Bäumen glitzerte Schnee, aber der beißende Frost des Winters lag hinter ihnen.

    »Noch so ein Winter und ich kann ein neues Haus bauen!«, murrte Eckart ohne aufzusehen. Die Muskeln an seines Vaters Armen traten hervor, als Theodard die Zähne der Säge durch das Holz gleiten ließ. Isbert schaufelte das verfaulte Stroh vom Dach hinunter. Es war schwer, auf der Schräge nicht den Halt zu verlieren, und er wählte seinen Stand mit Bedacht. Als er das alte Stroh abgetragen hatte, stieg er die Leiter hinab und lud es auf einen Karren. Die Holzräder knirschten leise, als er den Karren an dem Speicher und der Grubenhütte vorbei schob. Aus der niedrigen Hütte klang der leise Gesang der Frauen, die bei ihrer Handarbeit zusammensaßen. Hinter dem Tor führte ein Trampelpfad zwischen den beiden Feldern hindurch, ein anderer  lief entlang der Palisade in Richtung eines Baches, der durch den nahegelegenen Buchenhain floss. Er folgte diesem Pfad und leerte den Karren am Waldrand. Das gleichmäßige Klopfen von Arbogasts Axt tönte über die Felder zu ihm herüber. Isbert spuckte sich in die Hände und wischte sie an seiner Tunika ab. Von dem Fremden war nichts zu sehen.

    Der Junge war den ganzen Winter über bei ihnen geblieben. Nicht ein Wort hatte er seitdem gesprochen. Er folgte Theodard, wohin er auch ging, oder verschwand in den umliegenden Wäldern. Für die Feldarbeit taugte er nicht, dazu war er zu schwächlich und ungeschickt, aber er würde sich daran gewöhnen müssen, sollte er länger in ihrer Halle bleiben wollen. ›Schick ihn zurück zu den Kuttenträgern!‹, hatte Isbert seinem Vater gesagt, aber dieser war nicht bereit gewesen, darüber mit ihm zu reden. Mutter beobachtete den Fremden immer noch voller Misstrauen, dessen kohlschwarzen Augen selbst im Dunkeln zu sehen vermochten. ›Ein Mensch‹, sagte sie einmal, ›sollte das nicht können.‹ Der Junge war ihr unheimlich, auch wenn sie das nicht sagte, Isbert kannte sie gut genug, um ihren Missmut zu erkennen. ›Wer ist dieser Fremde schon?‹, hatte er Fredegard geantwortet. ›Unsere Vorfahren waren freie Männer, sie standen mit ihrem Wort und dem Sax für diesen Boden ein. Sie rodeten Wälder, legten Felder an und bauten Häuser. Vor keinem Menschen beugten sie das Knie!‹

    Isbert folgte dem Pfad in den Birkenhain hinein. Die weißen Stämme standen weit auseinander, so dass er schon aus der Ferne die Gestalt am Bach erkennen konnte. Sarhild kniete am Ufer und wusch Wäsche. Die Konturen ihres Körpers waren beinahe die einer Frau. Seiner Frau. Vor zwei Wintern hatte Theodard mit Eckart gesprochen und sie beide hatten diese Verbindung als vorteilhaft gefunden. Als er näherkam, richtete sie sich auf und legte die nasse Tunika in den Eimer.

    »Seid ihr schon fertig mit unserem Dach?«, fragte Sarhild und trocknete ihre Hände ab, die vom kalten Wasser gerötet waren.

    »Eckart flucht seit Sonnenaufgang. Wir werden den ganzen Tag dafür brauchen.«

    Sarhild lächelte. »Der Grund für das Fluchen Vaters, scheint mir, liegt eher am gestrigen Bier als an unserem Dach.«

    »Bier rinnt durch Eckarts Kehle wie Wasser. Der trinkt, bis sogar Manfred von der Bank fällt.«

    Sie beide lachten bei der Vorstellung.

    »Mir scheint, wir werden trinkfeste Söhne kriegen«, sagte Isbert. Sarhild wurde ernst und nahm eine Hose ihres Vaters zur Hand, um sie in den Bach zu tauchen. Konzentriert schrubbte sie den Stoff über die glatten Steine. Isbert beobachtete ihre geübten Bewegungen. Sie war ein tüchtiges Mädchen und konnte anpacken, seiner Halle würde es an nichts fehlen. Noch trug sie ihr langes blondes Haar offen, doch schon bald würde es geflochten sein und sie als sein Weib kennzeichnen.

    Das Gluckern des Wassers umfing sie. Isbert setzte sich auf einen umgestürzten Birkenstamm und stützte die Hände auf die Knie. Er malte sich aus, wie es wäre, ein eigenes Langhaus sein eigen zu nennen, ein Sax zu tragen und wie ein freier Mann auf dem Thing das Wort zu erheben. Man würde ihn rühmen wegen seiner gewandten Rede und Freigiebigkeit, die Schönheit seiner Frau wäre im ganzen Gau bekannt. Gäste würden das Horn kreisen lassen, keiner sollte hungrig oder durstig seine Bank verlassen. Mit seinen Gesippten zöge er in die Schlacht und teilte Hiebe gegen die Franken aus, auf dass sich sein Ruhm mehre, Freunde ihn schätzten und die Feinde fürchteten.

    »Hast du gehört, was die Männer sagen?«, fragte er und beobachtete ihren Rücken. »Es wird bald Krieg geben.«

    »Die Franken sind schon seit langem unsere Feinde«

    Nur noch kurze Zeit, dachte Isbert, dann bin ich alt genug, ein Sax zu führen. Bald werde ich an der Seite von Vater und Rolant gegen die Franken und ihren König ziehen.

    »Warum spricht der Fremde nicht?«, fragte Sarhild plötzlich und riss ihn aus seinen Gedanken.

    Isbert schnaubte unwillig. »Er ist schwächlich. Mutter sagt, es steckt nichts Gutes in ihm.«

    »Er versteht uns, das sehe ich. Aber er spricht nicht.« Sarhild setzte sich auf, strich sich das lange Haar aus der Stirn. »Ich frage mich, warum?«

    »Vater wird ihm das Gastrecht nicht viel länger gewähren wollen, jetzt, wo der Winter vorbei ist. Die Wege sind wieder passierbar. Er kann gehen.«

    »Ob er ein Mensch ist?«

    »Er hat den Willkommenstrunk genommen. Er aß unser Essen. Nun hat er unser Heil aufgenommen, auch wenn er kein Gesippter ist. Das ist mehr, als er je besessen hat.«

    Sarhild ließ die Hose sinken. »Wir kennen seine Herkunft nicht.«

    »Er ist ein Mensch ohne Sippe!« Isbert sprang auf, fühlte, wie Blut in sein Gesicht schoss. »Keine Halle ist sein Eigen, noch bestellt er seine eigenen Felder. Er isst fremder Leute Essen und trinkt fremder Leute Bier. Das Herdfeuer, das ihn wärmt, ist nicht sein eigenes. Nur unsere Gastfreundschaft hält ihn.«

    Isbert sah, wie Sarhild blass wurde. Ihre Stimme klang kalt. »Du sprichst wie ein Mann, der auf seinem Hochsitz sitzt, und doch hast du die Waffenweihe nicht empfangen und ungeschnitten ist dein Haar.«

    Drohend trat Isbert auf sie zu. Sie sah zu ihm auf, wich aber keinen Schritt zurück. »Ich bin Isbert, Theodards Sohn!«, stieß er hervor. »Vergiss das nicht!«

    Mit diesen Worten wendete er sich ab und eilte den Pfad durch den Birkenhain zurück. Im Vorbeigehen schlug er mit der flachen Hand einige Büsche. Die Wut brannte in seinem Magen und er wünschte sich, sie hätte nicht angefangen mit diesem Fremden. Was interessierte ihn dieser Junge? Er knickte einen Ast ab und warf ihn in die Büsche. Am Feldrand ließ er den Karren stehen und ging direkt zur Grubenhütte, die kaum so groß wie er war. Ihr tiefgezogenes Dach reichte bis zur Erde. Er trat gebeugt unter dem niedrigen Türsturz hindurch und ging einige Stufen hinunter in den kleinen Raum, wo die Frauen bei der Handarbeit saßen. Ein Feuer in der Mitte der Hütte spendete Wärme. Fredegard und Aleke arbeiteten zusammen mit Manfreds Frau Wilburga an Decken für den Somme. Sie sahen auf, als er eintrat, während ihre Hände weiter webten. Die alte Sassia kämmte Schafswolle, die blinden Augen auf den Boden gerichtet, verzog sie ihren zahnlosen Mund zu einem bösen Lächeln. Zu den Füßen von Wilburga saßen Herta, Ida und Dietmuthe, die drei jüngsten ihrer fünf Kinder. »Bist du vom Dach gefallen, mein Junge!«, rief die dicke Frau nach einem Blick in sein Gesicht.

    Isbert fühlte, wie er rot wurde, und verfluchte innerlich die spitze Zunge von Manfreds Frau. »Mach, dass er weggeht!«

    Seine Mutter ließ die Hände sinken. »Wer?«

    »Der Fremde! Ich will, dass er geht!«

    Sassia kicherte in sich hinein, während sie den Kamm durch die Wolle zog. Fredegard bot ihm einen Platz auf der Bank an und wartete, bis er sich niedergelassen hatte. »Der fremde Junge ist ein Gast in unserer Halle, Isbert.«

    »Er sitzt schon zu lange an unserem Herdfeuer.«

    Die kleine Dietmuthe fing an zu weinen und Wilburga nahm sie auf den Schoß, ihre massigen Unterarme wiegten das Kind sanft. »Es ist die Halle deines Vaters«, sprach sie, »und nicht an dir zu entscheiden, wer bleibt und wer geht.«

    Isbert ignorierte Wilburga und sah seine Mutter bittend an. »Sprich mit Vater!«

    Fredegard seufzte und fuhr ihm über das Haar, ihr hartes Gesicht zeigte ein schmales Lächeln. »Der Winter war streng, mein Sohn, aber die Wege sind wieder passierbar und der Junge wird zu seinen Kuttenträgern zurückkehren können.«

    »Solange Theodard auf dem Hochsitz sitzt«, meldete sich Aleke zu Wort, ohne in der Arbeit innezuhalten, »wird es seine Entscheidung sein. Der Junge steht unter unserem Gastrecht und wir werden nicht dahin gehen, es zu brechen.«

    Isbert betrachtete Aleke und fand viel Ähnlichkeit mit Sarhild, gerade jetzt, wo ihre Wangenknochen vor Unwillen deutlicher hervortraten. Sarhilds Mutter redete wenig, doch trafen ihre Worte stets das Ziel. Viel hatte sie über die alten Wege von der greisen Sassia gelernt und von ihrer eigenen Mutter, die vor vielen Jahren bei der Geburt eines Jungen starb, der seine Mutter nur um eine Nacht überlebte. Häufig suchte sie die beiden auf, wenn Kräuter aus dem Wald auf den Räucherpfannen glimmten, und beriet sich mit ihnen, fragte sie um Rat und Beistand.

    Dietmuthe war mittlerweile auf dem Schoß von Wilburga eingeschlafen, ihre leisen Atemgeräusche durchdrangen das Schweigen. Wilburga nahm die Arbeit an der Decke wieder auf. »Eher hört Eckart mit dem Trinken auf, als das Theodard seine Meinung ändert.«

    »Das werden wir sehen, meine Liebe!«, antwortete Fredegard.

    Die alte Sassia kicherte erneut. »Nicht Freunde macht sich der Gast, wenn er zu lange Zeit auf der fremden Bank verbringt.«

    Plötzlich brach ein Schrei durch die Stille. Isbert zuckte zusammen.

    »Das ist Eckart!«, rief Aleke und sprang auf.

    Isbert rannte mit den anderen nach draußen. Durch das Tor sah er, wie Arbogast und Rolant über die Felder liefen. »Was ist passiert?«, brüllte Manfred, der mit einem Sax aus dem Langhaus trat.

    Vor dem Eingang seines Hauses lag Eckart mit bleichem Gesicht, das Bein in einem unnatürlichen Winkel verdreht.

    Theodard kletterte gerade die Leiter vom Dach hinunter. »Er ist vom Dach gestürzt«, sagte er, als er unten ankam.

    Eckart atmete schwer,  Schweiß glänzte auf seiner hohen Stirn. Aleke kniete sich neben ihren Mann und betastete das Bein. »Das Bein ist verrenkt! Helft mir, ihn ins Haus zu tragen.«

    Arbogast und Theodard hoben Eckart auf, dessen Gesicht sich verzerrte, aber kein Ton kam über seine Lippen. Arbogast trug ihn an den Schultern, während sein Vater die Hüfte und die Beine hielt. Vorsichtig legten sie ihn auf der Bank neben dem Herdfeuer ab.

    »Gebt mir Bier!«, sagte Eckart dumpf. Rolant reichte ihm einen Becher reichte, er leerte ihn in einen Zug, so dass Flüssigkeit in seinen Bart rann.

    Aleke zog ihrem Mann das Hosenbein hoch und befühlte den Knochen.

    »Geh, hol das Bilsenkrautbier aus der Grubenhütte«, wies Aleke ihre Tochter an, die in diesem Moment in der Tür erschien.

    »Was ist mit Vater?«, rief Sarhild und betrachtete angstvoll sein blasses Gesicht.

    »Er ist vom Dach gefallen«, sagte Aleke und strich sich das geflochtene Haar zurück. »Hol das Grutenbier, es wird deinem Vater guttun.«

    Nach einem letzten Blick auf ihren Vater drehte sich Sarhild um und rannte zur Grubenhütte am Rande des Platzes hinüber. Als ihre Tochter zurückkam, schüttete Aleke das rötliche Bier in den Becher und setzte es ihrem Mann an die Lippen.

    »Hier, trink!«

    Ohne zu zögern, leerte Eckart auch diesen Becher und sank dann wieder auf die Bank zurück.

    »Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man!«, sagte er. »Gib mir noch einen Becher!«

    Aleke schenkte ihm erneut ein und als er ausgetrunken hatte, entspannten sich seine Gesichtszüge.

    Bilsenkraut nimmt den Schmerz und verwirrt die Sinne, dachte Isbert, selbst der stärkste Mann wird zum Greis vor seiner Zeit. Rolant hatte einmal erzählt, er sei Zeuge gewesen, wie bei einer Totenfeier hoch im Norden, dort, wo das Meer aufs Land trifft, die Männer tage– und nächtelang von dem rötlichen Bier tranken, bis sie verblödeten und im Rausch starben. Theodard antwortete darauf, der Rausch sei dem Woden heilig, doch hieße der Tod durch übermäßigen Bilsenkrautbiergenuss auf einen Platz in Walhall zu verzichten.

    Als Isbert sich nach seinem Vater umdrehen wollte, stand der fremde Junge hinter ihm. Nur mühsam konnte er ein Zusammenzucken verhindern.

    Seine dunklen Augen musterten das verdrehte Bein von Eckart aufmerksam. »Tieren bringt das den Tod!«

    Isbert starrte ihn an. Also spricht er doch, dachte er. Seine Sinne sind nicht mit Dunkelheit geschlagen. Wo kommt er her? Er ist wie die Raben, wenn sie Aas wittern …

    »Was ist passiert?«, fragte Theodard. »Ich hörte deinen Schrei. Als ich mich umblickte, war das Dach leer …«

    Eckart hob den Kopf und spuckte aus. »Ich spürte einen üblen Blick. Sah mich um, doch konnte ich nichts erkennen. Da lehnte ich mich vor …« Er verzog kurz das Gesicht und fluchte. »Als ich mich umsah, entdeckte ich deinen Gast. Er stand am Speicher und hielt den Blick fest auf mich gerichtet. In diesem Moment stürzte ich …«

    Isbert fühlte, wie bei Erkarts Worten seine Fingerspitzen kalt wurden.

    Fredegard trat zu ihrem Mann. »Ich habe es dir doch gesagt, es ist nichts Gutes in diesem Jungen …«

    Theodard richtete sich unwillig auf und blickte seine Frau an. »Dieser Junge ist mein Gast. Du wirst nicht das Gastrecht meiner Halle schmälern, auf dass die Leute schlecht über uns sprechen.«

    »Dein Gastrecht war freigiebig genug!«, antwortete sie ruhig und nahm seine Hand. »Niemand wird an der Freigiebigkeit von Theodard zweifeln.«

    Isbert bemerkte, wie der Fremde einige Schritte auf Theodard zuging. Alle Augen waren auf den Jungen gerichtet, nur Aleke war damit beschäftigt, das Hosenzeug von Eckart zu entfernen.

    »Die Beschuldigung ist ausgesprochen«, sagte Rolant. »Der Junge soll reden.«

    Theodard blickte den Schwarzhaarigen finster an. »Du hast gehört, was gegen dich vorgebracht wurde. Wenn du sprechen kannst, dann sprich jetzt!«

    Der Junge schüttelte verzweifelt den Kopf und hob die Hände Theodard entgegen. »Ich … habe … nichts … getan«, sagte er stockend.

    Rolant ging langsam um den Jungen herum. »So spricht er also doch. Hast du auch einen Namen?«

    »Farold …«, sagte der Junge, »Ich heiße Farold.«

    Rolant betrachtete den Jungen von allen Seiten, ob sich nicht Anzeichen finden ließen, dass er einen Mann mit seinem Blick vom Dach eines Hauses stürzen lassen konnte. Isbert hörte ein Geräusch vom Eingang und sah Sarhild, die mit dem Krug in der Hand dastand, die Knöchel traten weiß hervor. Theodard rührte sich nicht. Wenn er seinen Schutz von Farold abzog, darauf hoffte Isbert, würde man ihn richten. Entweder die Verbannung in die Wälder, die den Tod bedeutete, oder man ertränkte ihn im Sumpf und rammte seinen Körper mit Pfählen in den Boden, so dass er bei Nacht nicht das Gehöft aufsuchen konnte.

    »Sprich, Farold«, sagte Theodard, »vermagst du einen Mann mit deinem Blick zum Stürzen zu bringen.«

    Farold schüttelte langsam den Kopf, seine schmale Gestalt mit den hochgezogenen Schultern schien in sich zusammen zu sinken.

    »Hast du Übles im Sinn gegen unsere Sippe und diese Halle?«

    Erneut schüttelte der Junge den Kopf. »Du hast mich vor den Männern im Wald gerettet. Mich den Winter über an deinem Tische sitzen lassen.«

    »Bist du ein Mensch aus Fleisch und Blut?«

    Farold nickte. »Ich habe wirklich nichts getan. Ich stand am Speicher und beobachtete, wie ihr das Dach neu machtet.«

    »Dann steht sein Wort gegen das von Eckart«, sagte Rolant. »Es kann nur dem einen Recht und dem anderen Unrecht gegeben werden, so will es das Sippengesetz. Theodard muss richten.«

    Theodard blickte zu Eckart hinüber, der mit schweißglänzendem Gesicht auf der Bank bei dem Herdfeuer lag. Aleke krempelte sich gerade die Ärmel hoch. »Wir entscheiden, wenn Eckart wieder sprechen kann. Bis dahin bleibt Farold hier in der Halle, wo ihn alle sehen können.«

    Isbert bemerkte, wie Farold erleichtert aufatmete. Der fremde Junge setzte sich auf die Bank und sah Aleke dabei zu, wie sie sich die Hände und Arme mit dem Fell eines Pferdes einrieb. Nach und nach verließen die Männer und Frauen das Langhaus, nur Aleke und Sarhild blieben zurück.

    »Gib deinem Vater das Bier«, sagte Aleke zu ihrer Tochter. Sarhild setzte den Krug an die Lippen Eckarts, der geräuschvoll trank. Aleke streute etwas in die Räucherpfanne. Ein süßlicher Geruch verbreitete sich und stieg langsam zur Decke. Isbert fühlte sich schwindelig und hielt sich mit einer Hand an der Wand fest.

    Aleke kniete sich neben ihren Mann und begann mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme Verse aufzusagen, während ihre mit dem Tierfell eingeriebene Hand das Bein auf und niederglitt. Ihre Worte hallten leise in seinen Ohren wider.

    »Vol und Woden fuhren zu Holze.

    Da ward dem Rosse Balders der Fuß verrenket.

    Da besprach ihn Sinthgunth und Sunna ihre Schwester;

    Da besprach ihn Frija und Volla, ihre Schwester;

    Da besprach ihn Woden, der sich wohl darauf verstand:

    So die Beinverrenkung, so die Blutverrenkung,

    So die Gliedverrenkung:

    Knochen zu Knochen, Blut zu Blute,

    Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien!«

    Sie sagte das Lied dreimal her, während sich der Raum vor Isberts Augen drehte. Bei jedem »So« drängte sie mit ihrer Hand das Blut zum Blute zurück, um die voneinander gewichenen Knochen wieder einzurenken. Eckart hielt die Augen geschlossen, seine Brust senkte sich langsam und regelmäßig, die Hände lagen regungslos an seiner Seite. Er schien keine Schmerzen mehr zu haben. Sarhild saß neben Farold auf der Bank und beobachtete ihre Mutter.

    »Um einen Menschen zu heilen«, sagte Sarhild zu dem Fremden, »musst du viel wissen. Meine Mutter kennt die richtigen Sprüche und weiß um die Runen. Sie zeigt sie mir, wenn wir in der Grubenhütte sitzen und weben.«

    Der schwarzhaarige Junge blickte sie ernst an. »Ihr wisst von den Runen?«

    »Sie werden in die Borke des Stammes und die Äste eines Baumes geritzt, die ostwärts ragen. Als ich im letzten Winter krank war, hat meine Mutter das getan und die Hitze wich aus meinen Körper und die Schwäche ließ nach.«

    »Dann ist deine Mutter eine mächtige Frau!«

    Aleke streute noch einige Kräuter auf die Räucherpfanne und setzte sich neben ihren Mann, um seine schweißnasse Stirn zu berühren. Sie zog frische Kräuter aus einem Lederbeutel und breitete sie auf dem Tisch aus.

    Farolds Augen weiteten sich. »Das Kraut da«, rief er und zeigte auf den Tisch, »bringt den Tod!«

    Aleke folgte seinem Blick und strich dann leicht mit den Fingern über das Kraut. Sie winkte ihn heran. »Komm her, Farold!« Es lag keine Abneigung in ihrer Stimme.

    Als Farold näher trat, bildete sich auf seiner Stirn ein leichter Schweißfilm.

    »Du meinst das hier?«, fragte sie ihn.

    Er sah sie misstrauisch an. »Ich sah, wie ein Hase starb, nachdem er das gefressen hatte.«

    »Pflanzen, in denen ein feindlicher Wille wohnt, können von demjenigen, der ihre Seele kennt, durch weise Zubereitung zu einem Heilmittel werden. Diese Pflanze ist nur gefährlich für den, der sich nicht auskennt.«

    Isbert schüttelte benommen den Kopf. Den anderen schien der Duft nicht die Sinne verwirrt zu haben. Er sah zu Sarhild hinüber, die den Fremden mit einem Blick musterte, den er noch nie an ihr gesehen hatte.

    »Und ich kann auch erkennen, welcher Wille in einem Menschen steckt. Du hast meinen Mann nicht mit einem üblen Blick vom Dach stürzen lassen, das erkenne ich, wenn ich dich ansehe. Und doch ist dort Schatten, wo Licht sein sollte.« Aleke strich ihm die schwarzen Haare aus der Stirn, so dass sie seine Augen sehen konnte. »Etwas, was ich nicht zu erblicken vermag. Aber ich glaube deinen Worten und werde mit Eckart morgen sprechen. Sein Wort soll nicht zu deinem Ausschluss führen.«

    Sarhild erhob sich. »Von was sprecht ihr?«

    Farold sah sie aus seinen dunklen Augen an. »Es war Eckart, dein Vater … Er stürzte vom Dach, als ich ihn beobachtete.«

    »Ich kann daran nichts Falsches entdecken.«

    Aleke wischte sich die Hände an einem Leinentuch ab. »Eckart sprach vom üblen Blick. Nun ist es an Farold, die Unschuld seines Wesens zu bezeugen.«

    Das Mädchen wurde blass und schüttelte den Kopf. »Vater muss sich geirrt haben!«

    Aleke legte das Tuch beiseite. »Dann siehst du in Farold mehr, als die Männer es tun.«

    Isbert konnte nicht länger an sich halten. »Aber Eckart hat die Worte gesprochen. Er sah den Fremden dort stehen. Er spürte den Blick, noch ehe er Farold sah.« Zorn drückte ihm fast die Kehle zu. Er wollte, dass dieser Fremde ging. Er hasste den Blick, den Sarhild diesem Eindringling zuwarf! Warum verteidigte sie ihn, wo doch ihr Vater schwere Anklage erhoben hatte?

    »Wir entdecken leicht Böses, wo wir nichts verstehen«, sagte Aleke.

    Isbert schüttelte den Kopf so heftig, dass ihm seine weißblonden Haare ins Gesicht fielen. »Wie soll man jemanden verstehen, der nicht spricht? Den ganzen Winter hat er kein Wort gesagt. Warum hat er nicht gesprochen? Er soll es sagen. Kein Mensch tut so etwas.«

    Farold wich langsam zurück, dann wirbelte er herum und rannte nach draußen. Sarhild wollte ihm nachgehen, doch Isbert hielt sie zurück. Er trat nach draußen und rief dem Jungen nach: »Du hast gehört, was man dir gesagt hat. Du sollst hier in der Halle bleiben.«

    Farold ging zielstrebig auf das Haus von Theodard zu und verschwand in seinem Inneren. Als Isbert sich umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Dach von Eckarts Langhaus stehen, ausdruckslos zum Eingang seiner Halle blickend.

    Adoption

    Der Stamm an seinem Rücken war warm und die Krone des Baumes rauschte im Wind. Farold streckte die Beine aus und sah den grauen Wolken zu, die über den Himmel zogen. Eine Fliege setzte sich auf seinen Fuß, er betrachtete ihren bläulich schimmernden Körper, bevor er sie mit einer Bewegung des Beins verscheuchte. Von Ferne konnte er die Geräusche vom Gehöft hören, das Lachen von Rolant, die Worte der Frauen, durch das Dickicht der Sträucher kaum zu verstehen, das metallische Klopfen des Schmiedehammers, mit dem Manfred den alten Pflug bearbeitete. Eigentlich sollte Farold an der Senke Holz schlagen, doch die Axt lag unbeachtet im Gras. Er legte sich auf die Seite, so dass seine Wange auf dem Moos zu liegen kam, und beobachtete die Flechten. Mit den Fingern strich er über ihre pelzige Oberfläche und erinnerte sich daran, dass Aleke gesagt hatte, sie wären gut gegen blutende Wunden.

    Seit vielen Nächten schon lag Eckart danieder und sie mussten die Arbeit für ihn mit erledigen, so dass Farold nicht mehr oft dazu kam, sich in den Wald zurückzuziehen. Er war nicht wie Arbogast, der von morgens bis abends auf den Feldern arbeiten konnte, ohne dass es ihm etwas auszumachen schien. Natürlich war ihm Arbogast an Kraft überlegen, die Tätigkeiten gingen ihm leichter von der Hand. Aber er empfand dabei nicht die Zufriedenheit, wie er sie bei dem großen, rothaarigen Jungen erblicken konnte, wenn sie im ersten Licht des Tages nach draußen traten und ihr Tagwerk begannen. Arbogast liebte den Geruch der Erde und das Wachsen des Getreides auf den Feldern. Er sah das ganze Land als einen Teil von sich an. Selbst Isbert, der viel lieber den Gesängen ihrer Vorfahren lauschte, fügte sich leichter in die Arbeit. Farold fühlte sich in der Enge des Gehöfts gefangen. Und doch blieb er. Für ihn gab es keinen Weg zurück, seit Ludger von den Räubern erschlagen worden war. Er hatte den harten strengen Mann gehasst, der ihn so häufig geschlagen hatte, dass er die Schläge irgendwann gar nicht mehr gespürt hatte. Doch in den lagen Winternächten war eine Unruhge in ihm gewachsen, die er fast schmerzhaft spüren konnte. Monat um Monat für Monat waren Ludger und er früher durch das gereist, um das Evangelium zu verkünden und die Heiden zu Gott zu bekehren. Durch alle Gaue des Sachsenreiches waren sie gezogen, unzählige Langhäuser, Gehöfte, Dörfer und Städte hatte er gesehen. Nun fühlte es sich fremd an, so lange an einem Ort zu verweilen. Den Gott der Christen vermisste er so wenig, wie er Zugang zu den Göttern der Sachsen besaß. Sie waren ihm einerlei. Doch Theodard war der erste Mensch, der gut zu ihm war. Ohne ihn wäre er von den Räubern erschlagen worden oder im Wald erfroren. Es war Theodards Hand, die ihn hier vor den anderen schützte, vor dem Hass des schneeblonden Jungen und seiner Mutter. Aber auch die anderen sahen ihn an, als wäre er ein Geschöpf der Nacht. Und nun hatte Theodard beschlossen, ihn in die Sippe aufzunehmen!

    Am Abend würden sie sich in Theodards Halle treffen, ein Ochse war bereits geschlachtet worden. Ein starkes Tier, welches eine unersetzliche Hilfe bei der Feldarbeit bedeutete. Nun verblieben nur noch zwei andere Ochsen.

    Farold ging zum Gehöft zurück. Am Waldrand blieb er stehen und beobachtete Arbogast und Rolant, die das Feld pflügten. Der Ochse senkte seinen schweren Kopf und tat einen weiteren Schritt. Arbogast zog am Stirnjoch, an dem der hölzerne Hakenpflug befestigt war, den Rolant führte. Der Wind trieb die Wolken schnell über ihre Köpfe hinweg. Seit dem Morgengrauen erwarteten sie den Regen, der das Pflügen des Ackers erschweren würde. Nun war die Hälfte des Tages herum und noch immer blieb es trocken. Rolant, der gebückt hinter dem Hakenpflug herging, hatte sein Schwert am Feldrand liegen gelassen; er war der Meinung, dass ein kluger Mann sich auch bei der Feldarbeit nie weit von seiner Waffe entfernen sollte. Mühsam stapften die beiden über den Acker, ihre Beinkleider verschmiert von Erde. Farold seufzte und kehrte zu seiner Axt zurück. Bis zum Dunkelwerden hatte er noch einiges an Holz zu schlagen.

    Das Fleisch des Ochsen dampfte auf den großen Platten. Fettglänzende Hände griffen zu und stopften sich das reichliche Mahl in die Münder. Das Bier in den Trinkhörnern schäumte, die in hölzernen Gestellen vor ihrem Besitzer standen. Farold saß an der Seite von Theodard, auf dem Ehrenplatz gegenüber von Fredegard, und zupfte an dem Stück Fleisch vor sich herum. Die Frauen hatten frisches Brot gebacken, es gab Dickmilch und Met, man aß und trank und lärmte. Farold beobachtete die Sippe mit gesenktem Kopf. Manfred vertilgte mehr als jeder andere Mann am Tisch, die Muskelstränge seiner nackten Arme waren so gewaltig wie sein Appetit, dem der seiner Frau Wilburga nur wenig nachstand. Auf deren Schoßhockte eines ihrer Kinder, die Farold immer noch nicht auseinander halten konnte. Eckart saß am anderen Ende des Tisches, das Gesicht blass und eingefallen, und schenkte sich ein Bier nach dem anderen ein, während Aleke den Met bevorzugte. Sarhild sah immer wieder zu ihm herüber, doch er tat, als würde er es nicht bemerken. Die Brüder Arbogast und Isbert, die bald auch seine Brüder sein würden, saßen neben ihrer Mutter. Arbogast lachte viel und schlug Rolant häufig auf die Schulter.

    Theodard füllte ein weiteres Trinkhorn mit Bier, nahm einen tiefen Zug und reichte es an seinen Ehrengast. Das Horn war so schwer, dass Farold es nur mit beiden Händen zum Mund heben konnte. Er trank einen Schluck des bitteren Getränks und reichte es weiter an Manfred, der es mit seiner riesigen Hand ergriff. Noch viele Hörner würden heute kreisen, eher der Abend vorüber war.

    »Ja, manchmal«, hörte er Rolants Stimme über den Lärm hinweg, der sich an Arbogast wandte. »Ich kannte einen Mann, der lebte weit entfernt, der besaß ein Bärengewand und war ein Gast bei dem alten Owe. Sein Name war Björn. Ich war noch ein Junge, aber ich erinnere mich noch gut an die stürmische Nacht unter dem Dach des Owe, als draußen der Wind heulte und das Vieh sich ängstlich gegen die Wände drückte. Alle Männer und Frauen waren schweigsam, denn die Wölfe gingen um und hatten schon einige Tiere gerissen. Am frühen Morgen hatte einer der Männer mitten im Schneesturm einen großen Wolf gesehen, dessen Augen glühten wie die Glut in unserem Herdfeuer. Alle erwarteten sein Erscheinen. Der nächste Hof war weit entfernt und die ganze Zeit drang das Heulen der Wölfe durch den Sturm. Als das Heulen immer näher kam, erhob sich Björn und griff nach seinem Bärenumhang. In der Türöffnung blieb er stehen. Er legte sich den Umhang um seine Schultern. Seine Gestalt veränderte sich, wurde stämmiger, und vor aller Augen verwandelte er sich in einen riesigen Bären. Er blieb lange weg. Bei seiner Rückkehr trug er den Umhang über den Arm und das Fell war über und über mit Blut beschmiert. Keiner der Wölfe wurde diesen Winter mehr gesehen.«

    »Sie können selbst zu Bären werden!«, sagte Isbert, dessen Wangen vom Alkohol gerötet waren.

    Manfred, noch mit vollem Mund, beugte sich zu ihnen hinüber. »Mein Vater erzählte mir davon, dass einer in seiner Halle saß, während draußen ein ungeheurer Bär kämpfte und alle Gegner niederstreckte. Er war ein Bärenhäuter und während seine menschliche Gestalt im Hause weilte, kämpfte seine Tiergestalt draußen und erwürgte die Feinde.«

    »Denn niemand kann ihnen Schaden zufügen«, sagte Isbert. »Es sind Wodens Männer, es gibt keine stärkeren Krieger als sie.«

    Rolant wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Ich kämpfte mit ihnen gegen die Franken, als sie den Rhein überquerten. Ihre Schilde waren schwarz, ihre Leiber bemalt und sie kämpften meistens bei Nacht. Sie gingen ohne Rüstung in die Schlacht, toll wie Wölfe, und bissen in ihre Schilder. Ihre Kraft war glich den von zwölf Männern und weder Eisen noch Feuer konnten sie verwunden. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.«

    Manfred nickte anerkennend und griff sich ein weiteres großes Stück vom Ochsenfleisch. Farold hatte noch nie einen Menschen so viel essen sehen.

    »Unser Freund Manfred«, begann Isbert mit blitzenden Augen, »verschlingt so viel wie der verkleidete Donar beim Riesenkönig Thrym!«

    »Und den Hammer habe ich auch!«, rief Manfred, von dem die Männer sagten, dass er mit seinem Schmiedehammer in den Kampf zu ziehen pflegte.

    Rolant hob lachend die Hände und warf dem Schmied ein Stück Fleisch zu.

    »Erzähl!«, riefen Aleke und Wilburga.

    Man reichte Isbert ein Horn mit Bier und er erhob sich, so dass alle ihn sehen konnten. »Donar«, begann der Jüngling, »richtete eines Tages in seinem Heim ein Gelage aus, zu dem er die mächtigen Riesen lud. Dazu gehörte auch der Riesenkönig Thrym. Einige Götter warnten ihn davor, doch er ließ seinen Saal herrichten und lud zum Fest. Der Saal in Donars Heim strahlte an diesem Tag hell wie von Gewittern. Bis in die tiefe Nacht wurde reichlich Bier und Met gereicht. Es brach kein Streit aus, wie von Woden befürchtet, die Gäste verließen lärmend und fröhlich das Fest, und lobten Donars Friedfertigkeit. Aber

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1