Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Adler und Leopard Teil 3: Im Glanz der Siege
Adler und Leopard Teil 3: Im Glanz der Siege
Adler und Leopard Teil 3: Im Glanz der Siege
eBook244 Seiten3 Stunden

Adler und Leopard Teil 3: Im Glanz der Siege

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Arthur Wellesley kehrt nach zehn Jahren Krieg aus Indien nach Europa zurück. Als er seine Heimat im Jahr 1795 verlassen musste, war es ein Akt der Verzweiflung und eine Flucht nach vorne gewesen. Jetzt ist der Sohn eines verarmten irischen Landadeligen nicht nur um einige zwischenmenschliche Erfahrungen und 40.000 Pfund Sterling reicher. Er ist auch der jüngste General in der Armee des englischen Königs und der Einzige, der noch niemals besiegt wurde. Doch für das militärische Establishment in den Horse Guards und die gute Gesellschaft Englands ist er lediglich ein "Sepoy-General", der am anderen Ende der Welt gegen Eingeborene und unzivilisierte Wilde gekämpft hat. Wie die alle Soldaten, ist der irische Offizier heimatlos. Niemand erwartet ihn im Hafen, denn er hat eine geliebte Frau und ihr ungeborenen Kind in einem Garten im fernen Indiens begraben und der erbarmungslose Krieg gegen die Marattha-Fürsten hat Spuren auf seiner Seele und an seinem Körper hinterlassen. Wellesley ist erst 34 Jahre alt, doch er hat keine Träume und Illusionen mehr. Dann begegnet ihm die schöne und exzentrische Lady Sarah Lennox, doch noch bevor Sarahs Liebe seinem Leben einen neuen Sinn gibt, fangen die Trommeln für den Offizier wieder an zu schlagen. Der französische Kaiser Napoleon Bonaparte und seine Soldaten ziehen von Sieg zu Sieg. England steht am Abgrund......
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum2. Nov. 2014
ISBN9783847618331
Adler und Leopard Teil 3: Im Glanz der Siege
Vorschau lesen

Mehr von Peter Urban lesen

Ähnlich wie Adler und Leopard Teil 3

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Adler und Leopard Teil 3

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Adler und Leopard Teil 3 - Peter Urban

    Kapitel 1 Das Oberkommando

    In den Wochen die dem Skandal um den Herzog von York und seine Affäre mit der berüchtigten Kurtisane Mary Ann Clarke folgten, vergrub Arthur sich in Dublin. Fernab von London und dem ganzen Aufruhr, den diese widerwärtige Korruptionsgeschichte verursachte, versuchte er sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Es war nicht einfach. Arthur wusste, was mit ihm los war. Es war auch keine neue Erfahrung: Er hatte einmal - nach Charlottes schrecklichem Tod - versucht seinem Leben ein Ende zu setzen. Nach dem Blutbad von Assaye hatte er eine Weile dumme Gedanken gehabt und seit dem Flandernfeldzug wurde er launisch und seltsam, wenn seine Albträume und die Toten ihn zu sehr plagten. Doch dieses Mal hatte er die Grenze überschritten und Arthur war sich darüber im Klaren, dass er seine fortwährende Existenz lediglich John Dunns Aufmerksamkeit verdankte. Es konnte so nicht weitergehen. Robert Castlereagh hatte ihm angedeutet, daß er bald mit einem neuen, militärischen Kommando rechnen könnte, und daß seine Verbannung nur von kurzer Dauer sein sollte, doch Arthur wollte dem Freund nicht glauben. Zu sehr lasteten noch die demütigenden Momente auf ihm, als er vor dem Kriegsgericht seine Ehre und sein Leben hatte verteidigen müssen. Außerdem befürchtete er, daß er als jüngster Generalleutnant der britischen Streitkräfte keinesfalls auf einen so wichtigen Posten berufen werden würde, denn das Expeditionskorps auf der iberischen Halbinsel war zwischenzeitlich auf fünfunddreißig tausend Mann angeschwollen. Zwar wusste Arthur durch den Herzog von Richmond, dass nicht nur die Tories seine Wiederentsendung auf den Kontinent dem König gegenüber propagierten, sondern ebenfalls seine beiden alten Verbündeten bei den Whigs, Lord Ponsonby und Lord Uxbridge. Doch er war in einer Stimmung, in der er nicht einmal mehr seinen engsten Freunden Glauben schenkte.

    Bei seinem verzweifelten Rückzug auf La Coruña im äußersten Norden Spaniens, nach dem Fall der Hauptstadt Madrid, war Sir John Moore tödlich verwundet worden. Die britische Regierung hatte provisorisch zuerst John Hope und dann Sir John Craddock zum Oberkommandierenden des Expeditionskorps ernannt, aber allen war klar, dass Craddock weder über den notwendigen Sachverstand noch über ausreichend Erfahrung verfügte, um sich erfolgreich mit Marschall Soult zu messen. Und so erhielt Arthur, eines Tages, Mitte Februar 1809 einen zweiten Brief von Robert Castlereagh, in dem dieser ihn informierte, dass er in den nächsten Tagen offiziell auf den Posten des Oberkommandierenden des britischen Expeditionskorps in Portugal berufen würde und spätestens am 1.April in See stechen musste, um seine neue Aufgabe zu übernehmen.

    Arthur wusste nicht ob er erleichtert oder verwirrt auf diese Ernennung reagieren sollte. Seit dem Tag, an dem er von jeder Verantwortung für die Konvention von Cintra freigesprochen worden war, wusste er gar nichts mehr. Sein Leben hatte so lange in der Schwebe gehangen, dass er bereits mit allem abgeschlossen hatte. Von seiner Familie hatte er in dieser schweren Zeit keine Unterstützung erfahren. Seine Frau hatte sich erst gar nicht um ihn gekümmert und nicht einmal mehr ihre üblichen Briefe geschickt, in denen sie um Geld bat. Kitty schien seine Existenz bereits vergessen zu haben. Alle machten ihm nur Vorwürfe. Selbst seine sogenannten politischen Freunde hatten keine Gelegenheit ausgelassen, seine Ehre in den Schmutz zu treten. Und Robert Castlereagh vermied bereits seit Monaten jeden persönlichen Kontakt und beschränkte sich auf Briefe. Nur der Herzog von Richmond und Sir William Ponsonby hatten ihn öffentlich verteidigt und ihm in den schwersten Tagen während des Kriegsgerichtsverfahrens ohne Wenn und Aber zur Seite gestanden. Und jetzt schien sich das Blatt plötzlich wieder zu wenden. Arthur las Castlereaghs Brief zum zweiten Mal. Doch der Brief entlockte ihm lediglich ein Kopfschütteln. Paget hatte damals in Queluze recht gehabt. Die Politik war ein schmutziges Geschäft.

    Er stand vom Schreibtisch auf und ging langsam zum Fenster seines Arbeitszimmers. Leise fielen Schneeflocken auf den Rasen im Park hinunter. Aber es war bereits zu warm in Dublin und die Flocken schmolzen sofort wieder. Sie waren genauso ephemer, wie seine Siege des Jahre 1808. Soults Vorhut hatte die Grenzen nach Portugal bei Monterey und Chaves überschritten. Dies war genau neun Monate nach Arthurs Sieg bei Vimeiro und dem unglücklichen Vertragsschluss von Cintra geschehen, der seinen Vorgänger General Junot zum Rückzug aus dem kleinen Land am Atlantik gezwungen hatte. Diese neun Monate Zeit , dachte der General, hätten völlig dazu ausgereicht um für Portugal ein vernünftiges Verteidigungssystem zu schaffen. Doch der portugiesische Kronrat war so sehr in sich gespalten, dass eine Einigung zwischen den vier verfeindeten Fraktionen unmöglich schien. Und Einmischung von außen brachte mehr Schaden, als Nutzen. Die vielen Briefe, die seine Freunde ihm aus Portugal geschrieben hatten, erzählten detailliert von sämtlichen Querelen und Konflikte. Als Soult das Land überfiel, befand es sich in einem Zustand, den man nur noch als ein totales, militärisches Chaos bezeichnen konnte. Nachdenklich blätterte Arthur alle Briefe durch, die er in den letzten Wochen von der Iberischen Halbinsel erhalten hatte. Der Bischof von Oporto, sein Freund und Verbündeter aus alten Tagen, hatte ihm mehrfach angeboten, Großbritannien hinter sich zu lassen und den Oberbefehl über die portugiesische Armee zu übernehmen. Er bot Arthur Carte Blanche, den Rang eines Generalfeldmarschalls und freie Hand nach eigenem Gutdünken die portugiesische Armee zu reformieren und für einen Einsatz gegen Frankreich auszubilden. Der Bischof hatte Arthur eindringlich gebeten, Ordnung in das Chaos zu bringen und den patriotischen Wahn und den Hass seiner Landeskinder gegen Frankreich in vernünftige Bahnen zu lenken, die am Ende einen militärischen Erfolg versprachen. Doch der irische General hatte regelmäßig abgelehnt. Obwohl ihn die schändliche Behandlung durch die britische Krone und die Regierung verbitterte, spürte Arthur, dass er nicht zum Söldner taugte. Die Wellesleys hatten seit den Tagen von Wilhelm dem Eroberer den Souveränen des Inselkönigreiches gedient. Diese Tradition war zu tief in ihm verwurzelt, um aus Wut und im Zorn einfach mit ihr zu brechen. Als die Bitten des Bischofs immer dringlicher wurden, verwies er ihn an einen guten Bekannten. John Carr Beresford war der uneheliche Sohn des Marquis von Waterford. Er hatte weniger patriotische Dünkel, als Arthur aber ausgezeichnete, militärische Fähigkeiten, eine ordentliche Kenntnis der portugiesischen Sprache und leidliche politische Verbindungen in London. Überraschenderweise hatte sogar die Regierung in Whitehall den Vorschlag ihres in Ungnade gefallenen Ministers für Irland unterstützt und Beresford befand sich bereits auf dem Weg nach Lissabon.

    Arthur holte aus einer Schreibtischschublade ein schweres, in Leder gebundenes Buch hervor. Viele hundert eng beschriebene Seiten waren das Ergebnis seiner einsamen Tage und Nächte in der politischen und gesellschaftlichen Verbannung gewesen. Er hatte sich die Inkompetenz Dalrymples, Burrards und des gesamten, militärischen Establishment in den Horse Guards von der Seele geschrieben und ebenfalls die Denkfehler von John Moore, John Hope und John Craddock, den drei Oberkommandierenden die nach Cintra das Expeditionskorps auf der Iberischen Halbinsel übernommen hatten. Den Brief von Robert Castlereagh in Händen, war er nun bereit, nach London zu fahren und seinen Ruf, seine Ehre und sein Leben für diese Ideen in die Waagschale zu werfen. Alle behaupteten sie, dass Portugal nicht verteidigt werden konnte, wenn Spanien sich in Feindeshand befand. Doch er würde ihnen beweisen, dass sie sich irrten. Portugal war Lissabon und wer die Hauptstadt beherrschte, hielt die Macht über das ganze Land in Händen.

    Arthur verließ seine Residenz Phoenix Park und durchquerte den Schlossgarten zu Fuß, um nach Dublin Castle, zu gelangen. Er wollte zuerst Charles Lennox, den Herzog von Richmond mit seinen Überlegungen vertraut machen. Wie immer betrat er das düstere, kalte Gebäude durch den Dienstboteneingang, damit er nicht mit den Ränkeschmieden und Bittstellern im Vorzimmer des Vizekönigs von Irland zusammentraf. Als er an die Hintertür klopfte, öffnete ihm nicht Fanny Baxter, die Haushälterin, sondern sein alter Sergeant. Wellesley musste lächeln. John verbrachte jede freie Minute mit Fanny und da der General ihn kaum beanspruchte, war der alte Mann häufiger in Dublin Castle zu finden, als bei ihm, in Phoenix Park: Wenn Sie mir eine Tasse heißen Kaffee besorgen, dann erzähle ich Ihnen die letzten Neuigkeiten aus Portugal, John. Lockte er mit einem breiten Grinsen. Haben Sie wieder Post von Lady Sarah bekommen, General. Dunn war neugierig und lies sich sofort auf das kleine Spiel ein. Nein, John. Heute war es ein Brief von Robert Castlereagh. Dunns Gesicht hellte sich mit einem Schlag auf. Heißt das, dass wir wieder zusammen ins Feld ziehen werden, mein Junge. Arthur legte seine ganzen Papiere auf einem Küchenstuhl ab und drückte sich in eine warme Ecke, dicht neben den Ofen. Obwohl es bereits Mitte März war, war es in Irland noch empfindlich kalt: Möchten Sie denn wieder los, John. Er blickte seinen Sergeanten belustigt an. Der alte Mann nickte eifrig. Natürlich. Wir beide sind einfach nicht für ein ruhiges Leben geschaffen.

    Und was wird dann aus Fanny und unserem Gut in Kildare, mein Freund. Dunn zuckte nur die Schultern: Die kommen beide eine Weile auch ohne mich klar.

    Wir werden lange nicht nach Hause zurückkommen.

    Aber wir werden Bonny ganz schön einheizen.

    Arthur leerte grinsend seine Kaffeetasse. Dann klopfte er Dunn auf die Schulter. Packen Sie unsern Krempel zusammen, John. Morgen oder übermorgen verschwinden wir aus diesem verdammten Schlangenpfuhl. Zuerst fahren wir nach London und dann nach Portugal. Eilig begab der General sich zum Herzog von Richmond um ihm seine Pläne für die Iberische Halbinsel vorzustellen und um ihn darüber zu informieren, dass er all seine öffentlichen Ämter niederlegen wollte. Er hatte entschieden nur noch Soldat zu sein. Seit der Affäre von Cintra ekelte Parteipolitik ihn an.

    Am 6.April 1809 verließen Arthur und John Dunn auf der H.M.S. Surveillante zum zweiten Mal Cork in Richtung der Iberischen Halbinsel. Whitehall hatte sowohl Arthurs Strategiepapier, als auch seine weiteren Bedingungen akzeptiert. Er würde als Oberkommandierender der britischen und portugiesischen Streitkräfte nur der britischen Regierung direkt unterstellt sein. Sämtliche Intrigen, Keulenschläge und Boshaftigkeiten aus St.James mussten jetzt die Minister abfangen.

    Inzwischen war es Marschall Soult gelungen, Oporto und das ganze, nördliche Portugal zu besetzen. Doch aufgrund seiner Erfahrungen aus dem Jahr 1808 war Arthur sich sicher, dass er begriffen hatte, wie man den kampferprobten, französischen Truppen begegnen musste. Er würde Soult nicht nur aus Portugal vertreiben, sondern Napoleons Soldaten über die Pyrenäen zurück nach Frankreich drängen und den Krieg auf französischen Boden tragen. Er wusste, dass dies Jahre dauern würde und große Blutopfer notwendig waren. Doch es war die Anstrengung und die Opfer wert: Sollte der Krieges auf der Iberischen Halbinsel zu Ungunsten der Franzosen ausgehen, dann würde Bonaparte heftig ins Wanken kommen. Vielleicht würde eine Niederlage in Portugal und Spanien sogar zu seinem Sturz führen.

    In Arthurs Plänen spielte die Geographie seines künftigen Kriegsschauplatzes eine große Rolle. Das Gelände, auf dem die Briten gegen die Franzosen antreten mussten, bot sich für eine Umsetzung seiner neuen Ideen in der Kriegführung an. Die Bevölkerung von Portugal, genauso wie die Spanier, wollte um jeden Preis ihre Freiheit zurück erringen. Und die gut ausgebildeten, englischen Infanteristen und eine inzwischen auf viertausend Mann angewachsene, britische Kavallerie würden das Rückgrat seines neuen Feldheeres bilden. Er hatte der Regierung in Whitehall erklärt, dass er keine zusätzlichen Truppen aus England erwartete. Er war sich darüber im Klaren, dass er seine Verstärkung vor Ort selber rekrutieren und ausbilden musste. Doch dreißig tausend portugiesische Milizionäre und vierzigtausend reguläre, portugiesische Soldaten, kompetent geführt von erfahrenen britischen Offizieren und Unteroffizieren würden zweifelsohne in der Lage sein, mindestens einhunderttausend französische Soldaten zu binden und langsam aufzureiben.

    Während der knapp zweiwöchigen Überfahrt von Cork nach Lissabon sah und hört John Dunn nichts von seinem General. Arthur hatte sich in Karten vergraben und tüftelte seinen ersten Schachzug gegen Soult aus. Trotz seiner monatelangen Verbannung hatte die katholische Kirche über Gewährsmänner weiter dafür gesorgt, dass alle nachrichtendienstlichen Informationen aus Portugal und Spanien bei ihm aufliefen. Die Konvention von Cintra hatte die Kirchenmänner weit weniger erschreckt, als die Politiker: Keinen Augenblick lang hatten sie dem irischen General ihre Unterstützung entzogen. Doch Arthur hatte viel von seinem Glauben an das Gute im Menschen verloren und wusste, dass er für die katholische Kirche lediglich eine interessante Figur auf dem Schachbrett der Katholikenbefreiung war. Er war Ire. Seine Familie war nur unter dem Zwang der puritanischen Schreckensherrschaft im siebzehnten Jahrhundert zum protestantischen Glauben übergetreten. Es war nie viel mehr als ein Lippenbekenntnis gewesen. Wenn er aufstieg, dann würden Irlands Katholiken eines Tages ihre Gleichberechtigung erhalten und der blutige Konflikt, der seine Heimat seit den Tagen Oliver Cromwells heimsuchte, würde vielleicht ein Ende finden. Wellesley hatte begriffen, dass die Kirche ihn nur benutzen wollte. Aber er war bereit, diesen Preis zu bezahlen und um des militärischen Erfolges willen sogar einen Pakt mit dem leibhaftigen Teufel zu schließen, wenn dies notwendig werden sollte. Um mit so wenigen britischen Soldaten, so viele französische Soldaten zu besiegen, musste er Informationen haben. Nur ein hervorragender Geheimdienst, ein Netzwerk wagemutiger Spione, um den Feind zu unterwandern und die Möglichkeit der Gegenspionage konnten seinen Mangel an Geld, politischer Unterstützung, Artillerie, Kavallerie und Rotröcken ausgleichen. Vor seiner Landung in Lissabon wollte er darum die Einsatzpläne für das Expeditionskorps fertiggestellt haben, um so bald, wie möglich gegen Soult zu marschieren. Nur ein schneller Sieg über den kampferprobtesten Weggefährten Bonapartes konnte seine Position festigen und ihm diesen Hauch von Unbesiegbarkeit bringen, den er schon in Indien für schwierige Koalitionsverhandlungen benutzt hatte: Er brauchte Einfluss und Macht, um die miteinander verfeindeten politischen Fraktionen und Interessengruppen Portugals und Spaniens und seine wankelmütigen Herren in Whitehall bei der Stange zu halten!

    Am 22. April 1809 lief die H.M.S. Surveillante in den Hafen von Lissabon ein. Colin Campbell und Fitzroy Somerset erwarteten Wellesley bereits am Quai. Die Stadt war in Aufruhr. Der herrliche, alte Praça do Comércio mit seinem riesigen schwarzen Bronzepferd in der Mitte war überfüllt mit einer jubelnden Bevölkerung, die die Schande der Konvention von Cintra vergessen zu haben schien. Überall sah man Gruppen junger Frauen, die in festlichen Landestrachten zum Klang der Kastagnetten und Trommeln tanzten. Die wohlhabenden, älteren Damen ließen sich in ihren Sänften zum Ort der Festlichkeiten tragen, begleitet von Kavalieren in schwarzen Anzügen mit engen Samtwesten und Zweispitzen, die anstelle der Kokarde eine Banderole mit der Aufschrift " Sieg oder Stirb" trugen. Bauern waren in die Stadt gekommen, um die Ankunft des britischen Oberkommandierenden zu feiern, dessen militärisches Genie und dessen persönlicher Mut ihnen neue Hoffnung auf die Befreiung ihres Landes gab. Sie hatten seine beiden Siege gegen die Franzosen nicht vergessen. Zu seinen Ehren trugen sie ihre besten, lange, weiße Hemden, die um die Hüften von roten oder violetten Schärpen zusammengehalten wurden, große, breitkrempige Strohhüte und schwere, schwarze Umhänge. Die Stadt war überfüllt mit Limonadeverkäufern, Nußröstern, Bettlern, die jedem ihre traurige Geschichte erzählten, der ihnen ein Stück Geld hinhielt, Straßenmusikanten, die bereits die künftigen Siege des britischen Generals besangen und wandernden Mönchen, die glückbringende Bildnisse des heiligen Antonius vor sich hertrugen.

    Arthur war dieser ganze Aufruhr um seine Person zuwider. Er dachte zynisch. Erst heben sie Dich auf ein Podest, nur um Dich bei nächstbester Gelegenheit vom Sockel zu schmeißen und in die Hölle zu schicken. Wenn Du nur ein einziges Mal versagst, dann werden sowohl die Verbündeten, als auch England Dich in Stücke reißen. Er hatte bewusst keine Uniform angezogen, um von Bord zu gehen und die Begrüßung durch den portugiesischen Kronrat und die Abgesandten der verschiedenen lokalen Widerstandsbewegungen über sich ergehen zu lassen. In seiner einfachen, dunkelblauen Feldjacke, ohne Orden und Rangabzeichen verließ er die Kabine. Colin Campbell hielt ihm zwar sein Schwert hin, doch Arthur schüttelte nur wortlos den Kopf. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es am vernünftigsten war, jede Form martialischen Auftretens vorerst zu unterlassen. An Land schloss der alte Bischof von Oporto ihn herzlich in die Arme und entlockte ihm ein kleines, stummes Lächeln. Vor den anderen Mitgliedern des Empfangskomitees beugte der General kurz den Kopf zur Begrüßung. Ein knappes Wir haben viel Arbeit, meine Herren! Lassen Sie uns zur Sache kommen und ersparen Sie mir die Formalitäten., beendete den Empfang des neuen, britischen Oberkommandierenden im Hafen von Lissabon. Auf dem Weg in den Stadtpalast der Braganza zischte Arthur Colin Campbell ins Ohr. Heute Abend möchte der Bürgermeister ein Bankett geben, um meine Ankunft gebührend zu feiern. Gehen Sie hin und repräsentieren Sie England. Ich muss so schnell wie möglich mit Beresford reden und Craddock schonend beibringen, dass er nicht mehr Chef der britischen Truppen in diesem Land ist. Unsere Männer stehen in Leyria und Alcobaça. Ich werde spätestens um fünf Uhr morgen früh im Sattel sitzen und mich zu unseren Soldaten begeben. Campbell reagierte erstaunt. Aber Sir Arthur. Sie können doch nicht so einfach verschwinden... Wellesley zog die Augenbrauen hoch und blickte seinen Adjutanten finster an. Und ob ich so einfach verschwinden kann, Colin. Mein Job ist es Soult zu schlagen und nicht auf das diplomatische Feingefühl unserer lieben Verbündeten Rücksicht zu nehmen. Damit war die Diskussion für den General beendet. Wozu habe ich zwei Adjutanten, wenn ich selbst meine Zeit bei nutzlosen Empfängen verschwenden muss , dachte er, und außerdem werde ich auf dem diplomatischen Parkett sowieso nur ausrutschen und wieder einmal irgendjemanden vor den Kopf stoßen oder in irgendein Fettnäpfchen treten! Mit ungerührter Miene ließ er die Formalitäten im Stadtpalais der Braganza über sich ergehen. Als der Tag zu Ende ging, war er offiziell nicht nur Oberkommandierender des britischen Expeditionskorps sondern ebenfalls Generalissimus der portugiesischen Streitkräfte. Die wenigen Stunden die ihm noch in Lissabon blieben, reichten aus um mit John Beresford zu sprechen. Craddock erwies sich als weniger problematisch, als Arthur geglaubt hatte. Der Mann war froh, die Verantwortung für den iberischen Kriegsschauplatz abzugeben und nach England zu verschwinden.

    Nach kurzer Nachtruhe saß Wellesley im Sattel von Kopenhagen. John Dunn begleitete ihn. Seine beiden verwirrten Adjutanten hatte der General mit dem Auftrag Macht Gut Wetter bei unseren Verbündeten und kommt irgendwann später nach. , in Lissabon zurückgelassen. Als die beiden Männer die portugiesische Hauptstadt verließen, erwachte diese gerade zu neuem Leben. Ochsenkarren versperrten die engen Straßen. Fischhändler brachten den Fang der letzten Nacht zum Markt. In den kleinen Gassen mussten Arthur und der alte John immer wieder ausweichen, wenn von oben der Schrei Agoa Vai! ertönte und eine portugiesische Hausfrau ihr schmutziges Wasser aus dem Fenster kippte. Als sie endlich die Stadtgrenzen erreichten, tat sich dann allerdings eine wunderbare Landschaft vor ihnen auf. Überall blühten Blumen und es roch stark nach wilden Kräutern und Flieder. Sie ritten an der Tejo-Mündung entlang ins Landesinnere. Auf dem Fluss konnte man kleine, weiße Dreiecke ausmachen, die Segel von Frachtbarkassen. Ihr

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1