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Adam und Eva: oder Das gerettete Paradies

Adam und Eva: oder Das gerettete Paradies

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Adam und Eva: oder Das gerettete Paradies

Länge:
496 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
8. Dez. 2014
ISBN:
9783738004335
Format:
Buch

Beschreibung

Eva hat Adam nicht verführt, beide haben nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, es gab keinen Sündenfall. Gott, der Herr hatte keinen Grund seine Geschöpfe auf dem Garten Eden zu vertreiben. Hat aber Kain seinen Bruder Abel erschlagen!? Wer weiß? - Und so lebten sie im Kreise ihrer Kinder und Kindeskinder bis in unsere Tage; Und doch passiert am Ende etwas völlig Unvorhergesehenes.
Herausgeber:
Freigegeben:
8. Dez. 2014
ISBN:
9783738004335
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Adam und Eva - Bernd Schremmer

I – ZEIT DER WÖRTER

Bild 185117 - Dieses Bild ist aus diesem Werk.

Das erste Kapitel

Am Anfang, so heißt es, war ein großer Knall. – Und als nun am sechsten Tag Gott, der Herr, sah, dass alles, was er gemacht hatte, gut war – der Himmel, die Erde, Tag und Nacht, das Gras, das Kraut und die Bäume, alle Lichter am Himmel, die großen wie die kleinen, die Tiere im Wasser, die Tiere in der Luft und auf dem Land – da überkam ihn, nach all seinen vorweltlichen Fehlversuchen, eine solche Freude, ein solches Hochgefühl, und er sprach: „Lasset uns Menschen machen! (Zu wem er das sprach, ist bis auf den heutigen Tag nicht ganz geklärt; es heißt: zu den drei himmlischen Heerscharen. Den Engeln, den Geistern und Dämonen, den Teufeln?) Allein, er war Gott, der Herr, und also geschah, wie er gesprochen. Er schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und als Frau. Er segnete sie, segnete sie beide, und sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und machet sie euch untertan, herrschet über die Fische im Meer, über die Vögel unter dem Himmel, über das Vieh und alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sah, als der Tag, der sechste, sich neigte, alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war nicht nur gut, es war sehr gut. – Und Gott, der Herr, setzte den Menschen, Mann und Frau, in den Garten, den er ihnen gepflanzt hatte, und zeigte ihnen allerlei Pflanzen und Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, so auch den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und er sprach zu ihnen: „Von allen Bäumen im Garten dürft ihr essen, nicht aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen; denn welches Tages ihr davon esset, werdet ihr..."

Nun, die Geschichte ist bekannt. Sie steht geschrieben. Allein, es geschah, dass unter den Tieren, die Gott, der Herr, gemacht hatte, auch die Schlange war.

Die Lust und die Wörter

Den Garten, den Gott, der Herr, gepflanzt hatte für seine Geschöpfe, nannte er Eden. Und seine Geschöpfe nannte er Mensch. Und der Mensch, wie Gott ihn erschaffen hatte, fand, es war eine Lust, im Garten Eden zu spazieren.

„Wie schön das alles ist", sagte die Frau.

„Wie herrlich", sagte der Mann.

Sie meinten die Bäume, die Kräuter, die Blumen. In ihrer Fülle, in ihrer Farben- und Früchtepracht. Und sie meinten die Tiere auf der Erde und in der Luft. In so vielerlei Gestalt und Größe.

Und der Mann sagte. „Wahrhaftig, Eva, es ist eine Lust, das alles zu schauen."

„Und davon zu essen, sagte sie und biss in einen saftigen Pfirsich. „Aber weshalb... weshalb sagst du Eva zu mir?

Er sah sie an, ein wenig verwundert.

„Weshalb? Weil ich dich so nenne. Gefällt dir der Name nicht?"

„Oh, doch, sagte sie. „Der Name gefällt mir. Und ich... Sie überlegte, kaum einen Augenblick lang. „Ich nenne dich Adam."

„Adam, sagte er. „Wie hübsch.

Und er lachte und fragte sich, woher ihnen wohl die Wörter kamen.

„Adam und Eva, sagte Eva und warf den Pfirsichkern weg. „Wie das klingt.

Und Adam sagte: „Eva und Adam. So herum klingt`s aber auch." Und sie fassten sich bei den Händen und spazierten weiter, nackt wie sie waren, durch den Garten.

„Ja, sagte Adam nach einer Weile, „es ist wirklich eine Lust, so zu spazieren...

„Weiß Gott, seufzte Eva, „es ist eine Lust. Und da blieb sie auf einmal stehen und fragte Adam, ihren Mann: „Adam, was ist das eigentlich – Lust?"

Da blieb Adam ebenfalls stehen und sah sie an.

Und so standen sie mitten auf der weiten grünen Wiese nahe dem Ufer des Flusses und sahen sich zum ersten Mal in die Augen.

Seitab in den Bäumen sangen die Vögel. Über den Wipfeln neigte sich bereits die Sonne. Es war die erste Dämmerung, die sich über dem Garten Eden senkte. Und die Luft war schwer von Blütenduft.

Am Morgen wurden sie geweckt von den ersten Sonnenstrahlen. Sie lagen dicht nebeneinander im Gras und sahen sich blinzelnd an.

„Unsere erste Nacht", sagte Eva.

„In unserem Garten", sagte Adam, ebenfalls lächelnd.

„War es nicht schön?"

„Es war herrlich."

Und Eva gab Adam einen Kuss.

„Ich gehe jetzt baden."

„Mach das."

Und Adam gab Eva rasch auch noch einen Kuss und sagte:

„Ich suche uns schon mal ein schönes Frühstück."

„Mach das, Adam."

Und Eva ging hinunter zum Fluss, und Adam sah ihr beglückt nach. Schließlich erhob auch er sich und ging über die Wiese. Dort stand, wie er sah, ein Tier, auf vier Beinen, mit grauem Fell und langen Ohren. Da blieb er kurz stehen und sagte: „Ich nenne dich Esel." Der Esel, so schien es, nickte mit dem Kopf und fraß weiter vom frischen Gras. Adam war es zufrieden und ging hin zum Wiesenrand, zu den Bäumen und Sträuchern, die voller Früchte waren.

So verging die Zeit, so vergingen die Tage. Mann und Frau lustwandelten in ihrem Garten, und bald hatten sie für alles einen Namen gefunden, für alle Tiere, alle Pflanzen, alle Bäume, alle Früchte, die man essen konnte.

Manchmal, wenn sie so Hand in Hand unterwegs waren, begegneten sie Gott, dem Herrn, aber sie sahen ihn nicht.

Eines Nachmittags merkten sie plötzlich, dass sie nass wurden auf der Haut. Überrascht blickten sie nach oben, zum Himmel, und sahen über ihren Köpfen eine dunkle, graue Wolke, aus der dicke, schwere Tropfen fielen. Sie stellten fest, dass es Wasser war, und sie nannten das Wolkenwasser Regen. Sie lachten und jauchzten, reckten die Arme in die Höhe, hielten ihre Gesichter in den Regen und begannen zu tanzen, so schön, so erfrischend, so belebend war das Wolkenwasser. Nach einiger Zeit jedoch, als schon die Dämmerung hereinbrach und der Regen noch immer auf sie herabströmte (sie hatten inzwischen aufgehört zu tanzen und standen mit triefenden Haaren unter einem Baum, den sie Palme nannten), sagte Adam: „Ich glaube, wir brauchen ein Dach über den Kopf."

Eva, die sich an ihn geschmiegt hatte, sah ihn erstaunt an und sagte: „Ein Dach?"

„Na ja, irgend etwas aus großen Blättern..."

Adam wunderte sich selbst über das Wort Dach, das ihm einfach so eingefallen war.

„Aus großen Blättern?" sagte Eva.

„Jedenfalls größer, sagte Adam, „als die Palmenblätter über unseren Köpfen. Die halten nicht viel ab.

„Ein Dach größer als die Blätter der Palme?"

„Und vor allem viel dichter, Eva, dichter als an allen Bäumen im Garten."

Eva nickte nachdenklich. Und sah sich um.

„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst, Adam. Wir brauchen eine Hütte."

„Eine Hütte?"

Adam war mehr als verblüfft.

„Was ist eine Hütte?"

„Ich weiß es nicht. Weißt du, was ein Dach ist?"

Der Regen prasselte weiter hernieder. Und beide spürten sie, irgend etwas war passiert, in ihren Köpfen. Etwas, das vollkommen neu war. Bisher waren ihnen immer nur Wörter eingefallen für Dinge, die es vorher schon gegeben hatte, die Tiere, beispielsweise, die Pflanzen, die dunkle Wolke, den Regen. Und jetzt auf einmal waren ihnen zwei Wörter eingefallen für etwas, das es noch nicht gab, Wörter, aus denen sie erst etwas machen mussten. Damit sie wirklich wurden, damit man sie sehen konnte.

„So wie den Garten", sagte Eva.

„So wie den Himmel", sagte Adam.

„Und wie den Regen", sagte Eva.

Sie nickten und verstanden einander, und Adam sagte: „Was für eine wunderbare Sache ist doch die Sprache."

Von den Palmenblättern tropfte weiter der Regen.

Und Eva sagte: „Ja, ja, die Sprache. Und nun lass uns mal überlegen, wie wir sie machen wollen, unsere Hütte."

Eine seltsame Begegnung

„Eva!"

Es war eines Abends, als Adam heimkehrte von seinem Nachmittagsspaziergang, den er seit geraumer Zeit gern zu unternehmen pflegte, um, wie er sagte, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, dass Eva nicht wie sonst, wenn er über die große Wiese kam und er ihren Namen rief, in der Tür ihrer Hütte erschien, um ihm entgegenzugehen und sich zu freuen, dass er wieder da war.

„Eva?"

So rief er erneut. Schon etwas lauter. Und trat in die Hütte. Er blickte in alle Ecken ihrer gemütlichen Behausung, in die Schlafecke, in die Essecke, in die Ecke mit den Vorräten. Aber keine Spur von Eva, seinem Weib. Was hatte das zu bedeuten?

„Eva!"

Er rief ihren Namen zum dritten Mal. Und trat wieder hinaus auf die Wiese. Vielleicht war sie in ihrem kleinen Hausgarten, den sie sich angelegt hatte mit Kräutern und Blumen? (Sie experimentierte neuerdings mit allerlei Samen und Ablegern.) Und also ging er um die Hütte. Aber in ihrem Gärtchen war sie auch nicht. Nirgends war sie zu sehen. Er verstand es nicht. So etwas war noch nicht vorgekommen, in all den Jahren nicht! Irgendetwas musste passiert sein. Und zum ersten Mal, solange er denken konnte, begann er, sich Sorgen zu machen um sie.

Schließlich ging er wieder zur Vorderseite der Hütte. Und da stand sie – stand sie vor ihm. Mit hochroten Wangen. Nun ja, dachte er, es war ein heißer Tag. Aber weshalb war sie so außer Atem? Sie war gerannt. Kein Zweifel. Aber weshalb?

„Adam..." sagte sie.

Sie japste, rang nach Luft.

Und Adam fragte: „Wo warst du, Eva?"

„Ich war... Sie strich sich das Haar aus der Stirn. „... ein wenig spazieren.

„Spazieren?"

Ja, warum nicht, dachte er, aber seit wann kommt man beim Spazieren so außer Atem?

Und er fragte sie abermals: „Wo warst du, Eva?"

Sie zögerte einen Moment und nestelte erneut an ihren Haaren.

„Ich war... in der Mitte des Gartens. Da wo die beiden Bäume stehen, du weißt schon..."

Die beiden Bäume. Adam erinnerte sich dunkel. Sie waren eine Ewigkeit nicht mehr in der Mitte des Gartens gewesen.

„Und? fragte er. „Was war dort, dass du so gerannt bist?

„Du wirst es nicht glauben, Adam..."

Da lächelte Adam. „Aber, Eva, warum sollte ich dir nicht glauben? Wir sind Mann und Frau. Wir sagen uns immer alles. Wir lieben uns doch."

„Ja, nicht wahr?"

„Ja, nicht wahr. Also, weshalb bist du gerannt?"

Doch Eva zögerte abermals.

„Nun?" sagte Adam.

„Da war..."

„Ja?"

„Eine Schlange."

Da musste Adam lachen. „Eine Schlange? Na, so was kommt vor, Eva."

„Eben nicht!" rief sie.

Da wurde Adams Miene wieder ernst.

„Und wieso nicht?"

„Es war... eine sprechende Schlange!"

Adam sah Eva, sein Weib, an und verdrehte leicht die Augen. Nun ja, es war ein heißer Tag gewesen.

„Eine sprechende Schlange, sagte er. „Ich verstehe. Da warst du erschrocken, hast dich gefürchtet, und deshalb bist du gerannt. Komm, wir wollen ins Haus gehen. Dort ist es angenehm kühl.

Doch Eva blieb stehen.

„Du nimmst mich nicht ernst, Adam. Du glaubst mir nicht!"

„Aber, Eva... Er drehte sich zu ihr um. „Den Punkt haben wir doch geklärt. Also komm. Es ist Zeit fürs Abendessen. Was hast du uns heute denn Schönes vorbereitet?

Eva folgte ihm ins Haus. Und sagte vorerst kein Wort mehr.

Gemeinsam, wie immer, bereiteten sie den Tisch. (So nannten sie die Strohmatte, die Eva eigens für die Mahlzeiten geflochten hatte und die sie jedesmal auf dem Boden zwischen sich ausbreiteten.) Heute gab es Melonen, Feigen, Bananen und Orangensaft. Den Saft tranken sie aus zwei halben Schalen der Kokosnuss. Alle Früchte waren wie immer frisch aus dem großen Garten. Und alles schmeckte köstlich. Und doch konnte Adam, sosehr er sich auch mühte, seine Sinne nicht voll auf die Speisen konzentrieren. Immer wieder musste er an Evas Spaziergang denken, von dem sie rennend zurückgekehrt war. Natürlich gab es keine sprechenden Schlangen, dachte er. Andererseits war Eva, alles in allem, eine vernünftige Frau. War sie immer gewesen, in all den Jahren. Eine kluge, verständige Frau Und schließlich hielt er es nicht länger aus.

„Also da war eine Schlange?" sagte er.

„Ja."

Sie blickte ihn kaum an.

„Da wo die beiden Bäume stehen?"

„Ja."

„Der Baum der Erkenntnis. Und der Baum des Lebens."

„Ja doch!"

„Und bei welchem der Bäume hast du die Schlange gesehen?"

„Gesehen und gehört!"

„Ja doch, Eva, gesehen und gehört..."

„Du glaubst mir?"

„Ich glaube dir."

„Schön. - Sie hing an dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen."

Adam nickte. Fast war ihm, als hätte er so etwas schon geahnt.

„Und, sagte er, „was hat sie gesprochen, die Schlange?

Eva druckste einen Moment.

Und Adam geduldete sich. Er wusste, sie wollte es ja loswerden.

„Glaub mir, begann sie, „ich ging wirklich spazieren. Ganz gemächlich. Es war so ein schöner Tag. Ich wollte mal wieder zum Baum des Lebens schauen. Seine Früchte sind, wie du weißt, überaus bekömmlich. Doch wie ich mich ihm schon nähere, höre ich plötzlich ein Zischeln über mir. Da erst merkte ich, dass ich vorm Baum der Erkenntnis stand. Und natürlich erinnerte ich mich sofort an die Worte des Herrn. An sein Gebot. Aber was ist das für ein Zischeln? So fragte ich mich. Und dann sah ich sie. Die Schlange. Schrecklich lang. Sie ringelte sich um mehrere dicke Äste und sah zu mir herunter, sah mich an mit ihren freundlichen Augen. Und dann... dann sprach sie auf einmal...

Adam hörte wie gebannt zu. Noch nie, so fand er, hatte Eva so spannend erzählt.

„Und, sagte er, „was sprach die Schlange?

„Glaub mir, Adam, sagte Eva, „ich war hellwach und völlig klar bei Sinnen... Die Schlange sprach: Fürchte dich nicht. Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. Gott weiß, an dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Da verfiel Adam in ein langes Schweigen, voller zitternder Gedanken. Und Eva, die Adams Gedanken zu erraten meinte, sagte schließlich, weil sie es nicht länger aushielt, ihn so dasitzen zu sehen, unfähig, noch einen Bissen hinunterzubringen:

„Ich habe natürlich nicht auf die Schlange gehört."

Adam sah sie an, mit unbewegter Miene.

„Natürlich nicht. Du bist gerannt."

„Und wie!"

Adam nickte und griff nach dem letzten Stück der zuckersüßen Melone. Eva atmete erleichtert auf.

Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, sagte Adam:

„Das Beste ist, wir vergessen das Ganze."

Und Eva sagte: „Nichts lieber als das."

In der Nacht aber lag Adam lange wach.

Eva lag neben ihm auf dem Stroh. Sie schlief. Sie atmete. Und das war das Wichtigste. Sie lebte! Das war der Beweis. Sie hatte die Wahrheit gesagt. Sie hatte nicht auf die Schlange gehört, sie hatte nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen (und hatte auch keinen der Äpfel unter die Früchte des Abendessens gelegt). Sie hatte auf Gottes Wort gehört.

Und doch wollte er keinen Schlaf finden.

Weshalb, so fragte er sich immer wieder, war Eva, wenn sie schon meinte, ein bisschen spazieren gehen zu müssen, ausgerechnet dorthin gegangen, in die Mitte des Gartens, wo, wie sie genau wusste, der Baum der Erkenntnis stand?

Aus Neugier?

(Das war so eine Eigenschaft von ihr.)

Ein Glück nur, dachte Adam, dass an dem Baum die Schlange gehangen hatte. Sonst wäre Eva nicht so erschrocken gewesen und davongerannt.

Nicht auszudenken. Sie hätte von den Äpfeln vielleicht probiert und läge jetzt nicht neben ihm auf dem Schlafstroh. Und er würde auch nicht hier liegen, er würde draußen umherirren, um sie zu suchen. – Und sie dann irgendwann zu finden. Tot. Und dann?

Ihn schauderte. Er wäre allein. Allein für alle Zeiten. Wie hätte er da weiterleben sollen – ohne sie?

(Seid fruchtbar und mehret euch, hatte Gott, der Herr, gesprochen. Wie sollte das gehen, wenn er, Adam, allein wäre?)

Die Luft in der Hütte war stickig. Es war wirklich ein heißer Tag gewesen. Und Adam wälzte sich hin und her, von einer Seite auf die andere. Er konnte einfach keinen Schlaf finden.

Denn da war, es half alles nichts, noch ein anderer Gedanke, der ihn quälte. Eva, daran hatte er keinen Zweifel, war vor der Schlange davongerannt. Aber nicht gleich! Nicht in dem Moment, als sie die Schlange erblickte. Sie war erst einmal stehen geblieben. Die Schlange hatte sie, so Evas eigene Worte, freundlich angesehen. Und dann hatte sie – angeblich – gesprochen. Und Eva hatte ihr zugehört. Sie hatte der Schlange zugehört, und erst dann, nachdem sie die schrecklichen Worte vollständig vernommen hatte, war sie davongerannt. Verständlicherweise.

Aber es gab keine sprechenden Schlangen. Darin ließ sich Adam nicht beirren. Wessen Stimme also hatte Eva gehört?

Adams Spaziergänge

Und als nun am anderen Morgen Eva die Augen auftat und sah, dass sie nackt war, da durchströmte sie jäh ein Gefühl der Erleichterung, ja, der Freude, dass alles so war wie an den Tagen zuvor. Und leise erhob sie sich von ihrem Schlaflager und blickte hinab auf Adam, der immer noch schlief – wohl weil er sich in der Nacht, wie sie durchaus gemerkt hatte, lange hin- und hergewälzt hatte. Und auch er war wie immer nackt, so wie am ersten Tag, als Gott, der Herr, sie beide erschaffen hatte. Und indem sie auf ihn hinabblickte und einen liebkosenden Blick über seine Glieder gleiten ließ, fand sie, dass er noch immer ein schöner junger Mann war, trotz der Jahre, die sie nun schon zusammen lebten in ihrer Hütte, die sie sich mit Verstand und viel Mühe gebaut und eingerichtet hatten nahe dem Ufer des Flusses, der den Garten Eden durchfloss und ihn wässerte und den Gott, der Herr, Prat genannt hatte.

Ach, wie schön ist es, seufzte Eva innerlich, morgens aufzuwachen und alles so wiederzufinden, wie man es abends verlassen hat, um zu schlafen, vielleicht auch um zu träumen. Aber geträumt hatte sie nicht in dieser Nacht, nicht von der Schlange, auch nicht von einem angsterfüllten Lauf durch den Garten.

Am besten, wir vergessen das Ganze, hatte Adam gesagt. Und sie hatte ihm nur zu gern zugestimmt. – Und doch musste sie heute morgen, indem sie nun hinaustrat aus der Hütte, wieder daran denken, an das Zischeln im Baum der Erkenntnis, an die Worte der Schlange.

Da spürte sie plötzlich auf der Schulter Adams Hand. Er stand neben ihr in der Tür. Und sie spürte seinen warmen Leib an dem ihren.

Das Wort nackt, sie fand, allein es zu denken, war immer noch eine Lust.

Adam aber küsste sie nur kurz auf die Wange, dann lief er los, quer über die Wiese hinunter zum Fluss, und Eva folgte ihm. Sie badeten, so wie jeden Morgen, und trieben allerlei übermütige Wasserspiele, noch ausgelassener als sonst – nach dem glücklich überstandenen schrecklichen Abenteuer. Und Eva dachte: Vielleicht half ja der Fluss, zu vergessen.

Ihr werdet... So hatte die Schlange gesprochen. Eure Augen werden... Die Schlange, überlegte Adam, hatte, obwohl Eva allein gewesen war, als sie vor dem Baum der Erkenntnis gestanden hatte, in der Mehrzahl gesprochen!

Adam befand sich auf seinem gewohnten Nachmittagsspaziergang, am Ufer entlang auf dem schon etwas ausgetretenen Pfad, den er so gern ging, weil er dort weit über den mächtig dahinfließenden Fluss blicken und die Spiegelung des Himmels mit seinen glitzernden Sonnenstrahlen und den gelegentlichen Wolken betrachten konnte, als ihm nun jäh diese Merkwürdigkeit in der Rede der Schlange auffiel.

Den ganzen Vormittag, während der gemeinsamen Haus und Gartenarbeiten, hatte er an Evas seltsames Erlebnis nicht zu denken versucht, aber jetzt, allein, in der Stille, waren ihm die, wie Eva gesagt hatte, gezischelten Sätze der Schlange wieder voll gegenwärtig.

Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. An dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset...

Woher wusste die Schlange, dass Eva nicht allein im Garten Eden lebte? Woher wusste sie, dass es auch ihn gab, Adam? Er war nicht dort gewesen, sie hatte ihn nicht sehen können. Hatte sie ihn und Eva schon seit längerem beobachtet? Kannte sie womöglich Eva so genau, dass sie wusste, Eva würde auch ihm von den Äpfeln zu essen geben, weil es ja ihrer beider Art war, alles miteinander zu teilen?

Fragen über Fragen.

Allerdings nur, wie Adam sich eingestehen musste, unter der Bedingung, dass er glaubte, dass es eine sprechende Schlange gab. Was die zweite Voraussetzung einschloss, dass er Evas Bericht tatsächlich Glauben schenkte.

Was für vertrackte Zusammenhänge!

Mit gedankenschwerem Kopf ließ sich Adam auf einem der Felssteine nieder, die am Ufer lagen, und blickte auf das ruhig dahinfließende Wasser.

Der Felsstein war einer seiner Lieblingsplätze. Wie oft hatte er hier schon gesessen und in der Nachmittagsssone seinen Gedanken nachgehangen. Woher kam das Wasser? Wieso versiegte es nie? Warum floss es überhaupt, warum stand es nicht still? Und wo floss es hin? Die Wörter, wenn sie sich zu Fragen zueinanderfügten, waren ihm stets eine ganz eigene Lust.

Heute aber bereiteten sie ihm Unbehagen.

Wenn es keine sprechende Schlange gab (und davon ging er nach wie vor aus), wessen Stimme hatte dann Eva vernommen? Und warum war sie überhaupt spazieren gegangen? Und warum ausgerechnet zu den beiden Bäumen in der Mitte des Gartens? Seine Nachtgedanken. Ihm war, als drehten sich in seinem Kopf die Wörter unaufhörlich im Kreise.

Am anderen Ufer stand Gott, der Herr, aber Adam sah ihn nicht.

Adam sah auf den im Sonnenglanz flimmernden Fluss, und er sprach: „Woher kommst du? Wohin fließt du?"

Freilich erwartete er keine Antwort. Er war ja kein Narr.

Schließlich erhob er sich und wanderte ein Stück weiter den Uferpfad entlang. Er gelangte zu den Stromschnellen, wo die springenden Fische, die er inzwischen Forellen nannte, zwischen den im Wasser liegenden Steinen ihre Kunststückchen vollführten, um gegen den Strom voranzukommen. – Kunststückchen. Adam musste lächeln. Welch ein hübsches Wort. Es war ihm in eben diesem Moment eingefallen. Woher nur, fragte er sich (schon zum wiederholten Male), kamen ihm all die Wörter? Und woher (die Überlegung war natürlich neu) hatte die Schlange die Wörter genommen? Seltsamerweise genau dieselben Wörter, die Gott, der Herr, einst gesprochen hatte! Zu Eva und ihm, als er an ihrem ersten Tag das Gebot erlassen hatte? Wie war das möglich? War da die Schlange, irgendwo versteckt im Gras oder in einem Gebüsch, anwesend gewesen?

Adam fand, Gott hätte das bemerken müssen.

Außerdem, was für ein scharfes Gedächtnis musste die Schlange besitzen, dass sie sich Gottes Worte so genau gemerkt hatte, über all die Jahre. Und welche Geduld musste sie aufgebracht haben, dass sie so lange Zeit gewartet hatte – gewartet auf Eva. Oder auf ihn? – Bei dem Gedanken wurde ihm noch unbehaglicher zumute.

Irgendetwas, so fand er, stimmte mit der Schlange nicht.

Oder war Eva diejenige, mit der etwas nicht stimmte? Dass sie meinte, eine Schlange sprechen zu hören? Und das auf so unbotmäßige Weise, indem Gottes Wort ins Gegenteil verkehrt wurde? Ausgeschlossen. So etwas würde Eva nie einfallen.

Um seine Gedanken abzulenken, blickte Adam wieder zu den

im Sonnenlicht rötlich schimmernden Fischen. „Warum nur, so sprach er, „strengt ihr euch so an und springt über die Steine? Warum lasst ihr euch nicht treiben mit dem Strom? Und wo wollt ihr überhaupt hin? Ins Meer?

Aber auch die Fische gaben ihm, genauso wie der Fluss, erwartungsgemäß keine Antwort. Und Adam überlegte, ob er mal wieder ins Wasser steigen sollte. Herrschet über die Fische im Meer. So hatte Gott gesprochen. Adam hatte es so verstanden, dass er Fische fangen sollte. Und fast jedesmal, wenn er hierher zu den Stromschnellen kam, fing er ein oder zwei Forellen, die er dann abends mit Eva verspeiste. Die Forellen hatten zartes, rosarotes Fleisch. Leider auch Gräten. Wie alle anderen Fische auch. Adam machte sich schon seit längerem Gedanken darüber, ob sie sich die Fische nicht auf irgendeine Weise zubereiten sollten. Aber welche Weise?

Er wandte dem Fluss den Rücken. Sollten die Fische sich ruhig weiter ungestört anstrengen, um stromaufwärts zu gelangen. Zum Meer. Oder wer weiß wohin.

Unter dem Wort Meer, das Gott so leichthin ausgesprochen hatte, konnte sich Adam beim besten Willen nichts vorstellen. Wie dieses Meer beschaffen war, wo er lag, das war ihm ein Rätsel.

Nun waren ihm Rätsel eigentlich geradezu eine Lust. Sie belebten ungemein das Denken. Aber wie sollte man ein Rätsel lösen von etwas, das man weder gesehen noch jemals gehört, gerochen, geschmeckt hatte?

Immer nahe am Ufer entlang, kam er schon bald zu dem Bach, dem Gott, der Herr, als er mit ihnen durch den Garten Eden gegangen war, keinen Namen gegeben hatte. Adam nannte ihn Euph. Ein klares, lustig sprudelndes Wasser, das sich in den Prat ergoss. Ein leises, unaufhörliches Gemurmel. So dass man fast meinen konnte, es wolle einem was erzählen.

Natürlich erzählte es nichts, das munter sprudelnde Wasser.

Oder doch?

Vielleicht musste man nur genau hinhören. Der Bach entsprang, wie Adam bereits vor längerer Zeit erforscht hatte, der Erde. Weit drinnen im Wald zwischen Moosen und Felssteinen. Er nannte die Stelle Quelle.

„Was sagst du? Adam beugte sich hinab zu dem murmelnden Bach. „Ich verstehe dich nicht. Sprich deutlicher. Du sagst, du kämest aus der Tiefe?

Da musste Adam lächeln. Nach wunderbar, dachte er, das weiß ich doch selber.

Und also beschloss er, wieder heimzukehren zu Eva, seinem Weib, das sicher schon mit dem Essen auf ihn wartete.

Eva stand bereits in der Tür und sah ihn kommen. Heiteren Schrittes. Und schon von weitem winkte er ihr zu, so wie stets, wenn er von seinen Gedankenwanderungen heimkehrte. Den Kopf voller neuer Wörter.

Und Eva, erleichtert, dass er nicht aus dem Wald kam, sondern wie gewohnt vom Fluss, winkte lebhaft zurück.

Ach, was hatte sie doch für einen schön gewachsenen Mann. Wie verlockend glänzten in der Abendsonne seine braunge brannten Schultern, seine Arme, seine Lenden. Nicht auszudenken, dachte Eva, auch Adam würde der Schlange begegnen und ihren Worten erliegen!

Jedenfalls brachte er, soweit sie sehen konnte, keinen rotbäckigen Apfel mit nach Hause.

„Stell dir vor... Adam gab ihr wie stets, wenn zurückkehrte, einen Kuss. „Ich habe ein neues Wort entdeckt.

„Ein neues Wort?" Eva tat ein bisschen erstaunt.

„Das Wort Kunststückchen."

„Wie schön."

„Ich hab es den springenden Fischen abgeschaut."

„Den Forellen?"

„Den Forellen, du weißt, die in die Luft springen gegen den Strom. – Entschuldige, Eva, dass ich heute keinen Fisch mitgebracht habe."

„Das ist nicht schlimm, Adam. Ich habe für heute abend noch ein Stück vom Hasen. Aber was bedeutet das Wort Kunststückchen?"

„Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich muss noch darüber nachdenken."

Da lachte Eva.

„Ach, Adam, was bist du doch für ein unermüdlicher Denker."

Da sah Adam sie an, als hätte er nicht recht verstanden.

„Denker?" sagte er.

„Na, das bist du doch, Adam. Ein Denker."

„Ja, ja, sagte er. „Das bin ich wohl. Aber dieses Wort...

„Gefällt es dir nicht?"

„Warum, Eva, sollte es mir nicht gefallen? Du weißt, ich freue mich über jedes neue Wort, das du entdeckst. Mag es auch noch so ausgefallen sein. Es beweist mir, was für eine kluge, erfindungsfreudige Frau ich habe."

Da musste Eva schmunzeln. Adam wusste, wie gern sie Komplimente hörte.

Und so schwatzten und scherzten sie und gingen schließlich ins Haus. Und Eva war froh, dass Adam so guter Dinge war und mit keinem Wort auf ihre Begegnung mit der gotteslästerlichen Schlange zurückkam.

Den ganzen Abend rührten sie mit keiner Silbe daran.

Und so vergingen die Tage, die Abende, die Monde.

Gemeinsam verrichteten sie ihre Arbeiten im Haus, besprachen ihre Mahlzeiten, probierten neue Speisen aus, erfreuten sich an den Blumen und Kräutern in Evas Hausgarten, erjagten mal einen Hasen, mal eine Taube, mal einen Wiesel, ernteten von den Bäumen und Sträuchern, lagen in der Sonne, lauschten den zwitschernden Vögeln, kannten weder Not noch Mühe, und nachmittags, wenn auch nicht jeden, so doch fast jeden zweiten Tag, machte sich Adam auf zu seinem Spaziergang.

Adam ging. Und war froh. Sie denkt nicht mehr daran, dachte er. Sie hat die Schlange abgetan, aus ihrem Kopf verbannt.

Er lief, anfangs wie üblich am Ufer entlang, doch nach etwa hundert Schritten, sobald Eva ihn von der Hütte aus nicht mehr sehen konnte, verließ er heute den Fluss und ging hinein in den Wald.

Es war ein etwas windiger Tag. Die Blätter rauschten in den Zweigen. Die Blätter, die sich wieder einmal gelblich färbten, vereinzelt schon von den Bäumen fielen. Es wurde Herbst. Schon vor etlichen Monden hatte Adam beschlossen, die wechselnden Farben in der Natur Jahreszeiten zu nennen.

Allein, seine Gedanken waren heute mit etwas ganz anderem befaßt. Er hatte in der Nacht einen Traum gehabt. Einen Traum, so sonderbar, wie noch kein Traum zuvor.

Er war auf einem Esel durch die Wüste geritten.

Es war ihm schleierhaft, wie er so etwas hatte träumen können. Noch nie hatte er auf dem Rücken eines Esels gesessen. Dass Eden, Gottes herrlicher Garten, sich nicht endlos weit erstreckte, wusste er allerdings schon von früheren Spaziergängen. Ohne dass er sich bisher groß Gedanken darüber gemacht hatte. Doch nun war die Wüste, die Eden umgab, in seinem Traum erschienen. Sie war in seinem Kopf.

Sich immer weiter vom Fluss entfernend, kämpfte sich Adam, die Sonne im Rücken, durch Gebüsch und Gestrüpp vorwärts in jene Richtung, in der er die Wüste sehr nahe wusste.

Er traf einen Fuchs, der ihn aber nicht weiter beachtete. Er begegnete einer grauen Katze, die ihn verwundert ansah und dann weiterschlich. Er hörte einen Hirsch, der sich durch knackendes Geäst seine Bahn brach. Allein, die durch die Bäume flimmernde Sonne senkte sich schon, und der Weg wurde Adam länger und länger. Was ihm Schritt um Schritt seltsamer vorkam. Bis er schließlich einsehen musste, dass er sich verirrt hatte. Denn plötzlich stand er mitten auf einer Wiese.

Es war, wie er sofort erkannte, das kleine Rasenstück in der Mitte des Gartens, und er stand genau zwischen den beiden Bäume, die, laut Gottes Wort, anders waren als alle übrigen Bäume im Garten.

Da vergaß Adam seinen Traum, den Esel, die Wüste. Und er trat, da er nun schon einmal hier war, vor den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Er blickte hinauf in die Äste und Zweige.

Keine Schlange.

Sosehr er seine Augen auch anstrengte, er sah nur die schönen rotbäckigen Äpfel. Er schaute sich um. Und er dachte an Eva, sein braves Weib.

Da hörte er eine Stimme:

Fürchte dich nicht, Adam. Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Adam traute seinen Ohren nicht. Wer sprach da?

Die Schlange, von der Eva erzählt hatte, konnte es nicht sein. Denn eine Schlange war nirgends zu entdecken, auch kein anderes Tier, weder am Stamm des Baums noch in den Zweigen noch irgendwo unten im Gras.

Da wurde Adam klar: Es war der Baum, der zu ihm gesprochen hatte!

Es konnte nicht anders sein. Der Baum kannte Gottes Wort, denn er war ja dabei gewesen an jenem Tag, als der Herr das Gebot erlassen hatte, und nun wollte er ihn mit seinen herrlichen Äpfeln – Adam suchte nach dem passenden Wort – verlocken? versuchen? verführen!

Adam spürte, jetzt kam es darauf an.

Und also holte er tief Luft und nahm alle seine Geisteskräfte zusammen. (Natürlich wusste er, dass es keinen sprechenden Baum gab, ebensowenig wie es sprechende Tiere gab, und auch keinen Baum, der Ohren hatte, ihn zu hören. Aber darauf kam es jetzt nicht an.) Fest und entschlossen trat er noch einen Schritt vor und sprach:

„Höre, Baum! Ich fürchte mich nicht. Aber warum sollte ich von deinen Äpfeln essen? Damit mir die Augen aufgetan werden? Sie sind es schon. Damit ich erkenne, was gut und böse ist? Ich will es nicht wissen. Damit ich wie Gott bin? Das will ich nicht sein!"

Adam schwieg. Er hörte nichts.

Er fand, er hatte recht anständig gesprochen. Kehrte sich ab und ging.

Er ging über die Wiese auf den Wald, auf die Sonne zu, blieb aber nach ein paar Schritten noch einmal stehen und drehte sich um.

„Höre, sagte er, „ich fürchte mich nicht. Aber was soll aus Eva werden? Ich esse von deinen Äpfeln. Erkenne, was gut und böse ist. Und falle, wissend geworden, tot um. Und dann? – Eva wird sich die Augen aus dem Kopf weinen. Sie wird für immer allein sein. Sie wird niemals Kinder haben. Wie könnte ich ihr das antun?

Adam lauschte abermals. Nickte. Kehrte sich ab und schritt erneut auf den Wald zu.

Doch am Ende des Rasenstücks kam er nicht umhin, sich abermals umzudrehen.

„Höre, ich bin kein Narr. Ich weiß wohl, du bist nur ein Baum. Trotzdem sag`s ich dir noch einmal: Ich will nicht sein wie Gott! Denn Gott, der Herr, hat mich Mensch genannt! Das ist es, was ich bin, und so soll es sein."

Adam lauschte zum dritten Mal. Lächelte zufrieden. Er fand, es war, alles in allem, eine recht gelungene Rede – und er wusste ja, wem er sie gehalten hatte.

Das einzig Ärgerliche, fand er, war nur, die unheimliche Stimme hatte, wie schon zu Eva, abermals in der Mehrzahl gesprochen, so als würde sie davon ausgehen, dass, wenn schon nicht Eva, dann er schwach werden und von den Äpfeln ein paar mit nach Hause nehmen würde.

Nach Hause. In ihre Hütte. Zum Abendessen.

Und während er sich weiter durch den sich langsam lichtenden Wald schlug – in Richtung des Flusses, damit Eva nicht stutzig wurde – , wurde ihm mit jedem Schritt klarer: Er konnte ihr unmöglich von seinem unerhörten Erlebnis erzählen. Es würde sie viel zu sehr aufregen. Es würde sie wieder an die Schlange erinnern. Und am Ende würde sie – nicht auszudenken! – darauf warten, dass er tot umfiel.

Vielleicht konnte er ihr später einmal davon erzählen, nach einigen Monden oder Jahren. Zuvor musste er erst noch ein wenig nachdenken, über das Ganze.

Es vergingen aber nur wenige Tage, da erkannte Adam sein Weib, und Eva wurde schwanger.

Und nach neun Monden gebar Eva einen Knaben und ein Mädchen. Den Knaben nannten sie Kain, und seine Zwillingsschwester nannten sie Lebuda.

So steht es geschrieben.

Die erste Familie

Da war nun im Haus die Freude groß. Ein Junge. Ein Mädchen. Der Unterschied war leicht feststellbar. Und Eva im weichen Stroh, je einen Wurm im Arm, war

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