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Der Fluch von Azincourt Buch 3: Melius Mori
Der Fluch von Azincourt Buch 3: Melius Mori
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eBook332 Seiten4 Stunden

Der Fluch von Azincourt Buch 3: Melius Mori

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Über dieses E-Book

Als der französische König den Großmeister des Templerordens Jacques de Molay verhaften ließ, verschwand die Übersetzung eines uralten Manuskriptes aus dem Orient auf unerklärliche Art und Weise. Einhundert Jahre lang suchte eine geheimer Bund weiser Männer, die keine Religionen und keine Grenzen mehr anerkannten vergeblich nach ihr. Jetzt taucht sie unvermutet in den Händen des ehrwürdigen Notarius der Pariser Universität auf und Gerüchte gehen durch das vom Krieg gegen England erschütterte Land, dass Nicolas Flamel mit Hilfe seines Grimoarium den Stein der Weisen geschaffen und Blei in Gold verwandelt hat. Zwischen dem Orden von Santiago und dem skrupellosen, gefährlichen bretonischen Baron Jean de Craon kommt es zu einem erbitterten Wettlauf um den Besitz der Handschrift, die in sich ein größeres und gefährlicheres Geheimnis birgt, als die Umwandlung von Blei in Gold. Als ein leichtgläubiger, junger Alchimist in den Wirren des Falls von Paris die Übersetzung aus dem Grab von Nicolas Flamel stehlen kann und auf die Festung von Jean de Craon bringt, löst er damit unbedacht eine blutige Fehde zwischen zwei Männern aus, die beide nicht nur in der Lage sind ein Schwert zu führen, sondern auch die höheren Mächte beschwören. Gilles de Laval, Baron de Rais ist der reichste Mann der Bretagne, ein Vasall des Königs von Frankreich, reich, schön, hochgebildet und abgrundtief böse. Sévran de Carnac ist der Sohn des geheimnisvollen Herzogs von Cornouailles, einem winzigen Fürstentum am äußersten Zipfel der französischen Landmasse. Er wurde durch eine uralte Magie unter den Feuern der Mittsommernacht wieder zurück ins Leben geholt, nachdem er im Augenblick seiner Geburt nicht zu atmen vermochte. Er wurde in den uralten, von der Kirche verfemten Lehren der Druiden erzogen und besitzt die seltene Gabe des "Zweiten Gesichts".
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum10. Juli 2014
ISBN9783847674719
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    Buchvorschau

    Der Fluch von Azincourt Buch 3 - Peter Urban

    Kapitel 1 Das Geheimnis von Brocéliande

    I

    Jean de Craon fühlte, wie ein leichtes Frösteln ihm tückisch den Rücken hinaufkroch, als er vom Fenster des Turmes aus die Reiterschar erblickte.

    Die Männer trugen alle Fackeln. Ihre Banner flatterten stolz im Wind und sie ritten kräftige, große Kriegspferde. Er schätzte sie auf etwa zwei Dutzend und sie schienen bis an die Zähne bewaffnet. Langsam wandte er sich von dem nächtlichen Schauspiel ab. Zuerst nahm er einen Mantel, dann verlies er seine Räume. Während er noch die Treppe hinunter stieg hörte er bereits eine laute, gebieterische Stimme, die im Namen von Herzog Yann de Montforzh Einlass forderte. Die Wachen von Champtocé ließen die Zugbrücke hinunter, der schwere Querbalken wurde aus seinen Verankerungen gehoben und das Tor der Festung öffnete sich. Hufgetrampel hallte zuerst auf der harten, gestampften Erde wieder, bevor die Eisen der Pferde über die Steine der flachen Stufen der Grêde klapperten, die hinauf zum Palas führte.

    „Sorg dafür, dass die Thouars und die Gouvernante in ihren Gemächern eingesperrt bleiben", zischte der alte Mann einem seiner Wachleute zu. Der Kriegsknecht verbeugte sich kurz, bevor er seinen Posten verließ und zu den Frauengemächern hinaufeilte. Einen Augenblick lang glaubte de Craon zwischen seinen Schulterblättern eine eisige Hand zu spüren, als die großen, eisernen Feuerbecken der Eingangshalle das Wappen auf der Brust des Anführers der Reiterschar beleuchteten. Er war ein hochgewachsener Mann Mitte Zwanzig, mit einem schmalen, scharfen Falkengesicht und einer langen Narbe über der rechten Wange. Jean erinnerte sich nicht daran, ihn jemals zuvor gesehen zu haben, doch er schien genau zu wissen, wem er gegenüberstand.

    „ Mesire de Craon, grüßte er den Seigneur von Champtocé zackig, „Yann de Kerpert, Offizier im persönlichen Dienst des Herzogs von Breizh. Dann streckte er dem alten Mann eine Pergamentrolle entgegen, die das Wappen von Yann de Montforzh trug. Jean nahm die Botschaft. Unwillkürlich schlug sein Herz rascher. Er konnte sich denken, worum es ging. Die Kriegsknechte von Montforzh, die mit de Kerpert geritten waren sahen aus, wie Männer die ihr Handwerk verstanden. Der Offizier schien kampferprobt und ungewöhnlich selbstbewusst: Herzog Yann musste irgendwie von der überraschenden Eheschließung zwischen seinem Enkel und der Waisen Catherine de Thouars erfahren haben....und dabei waren ihm auch die Details der vorhergehenden brutalen Entführung des Mädchens durch Gilles und Yves de Kerma’dhec zugetragen worden. Es hatte ein Dutzend Tote gegeben; drei Überlebende, ein Onkel und zwei Cousins der Kleinen, verrotteten langsam in den Kerkern von Champtocé... Und nun forderte der bretonische Lehnsherr Rechenschaft für den räuberischen Akt und die erzwungene Heirat zwischen zwei engen Blutsverwandten.

    „ Ich habe Order Eure Antwort sofort mitzunehmen, Baron. Die Situation verlangt von uns allen rasches Handeln, informierte de Kerpert, de Craon hochmütig. Seine Augen fixierten scharf den Herren von Champtocé. Dann drehte er sich um und gab seinen Sarjenten Zeichen ihm zu folgen. Einige Pferde, von harter Hand zurückgerissen, bäumten sich wiehernd auf. Der Offizier rief seinen Männern einen scharfen Befehl zu. Als alles sich wieder beruhigt hatte, wandte er sich noch einmal um und sagte gelassen und sich ganz seiner Stellung im persönlichen Haushalt des Herzogs der Bretagne bewusst. „Zwei Stunden Zeit reichen, damit unsere Tiere wieder zu Atem kommen, Mesire. Ihr könnt Eure Antwort für meinen Herrn also in aller Ruhe verfassen.

    De Craon erbrach das Siegel. Bereits nachdem er die ersten Sätze überflogen hatte, entspannte er sich sichtlich. Anstatt von ihm Rechenschaft einzufordern, verlangte Montforzh lediglich die Bereitstellung von Bewaffneten.

    Ein Treffen zwischen Charles de Ponthieu und dem Herzog von Burgund hatte blutig geendet: Ein Mann aus dem Gefolge des Dauphin hatte sich plötzlich und wie ein Besessener auf Jean Sans Peur gestürzt und ihn mit seinem Dolch niedergestochen. Unglücklicherweise war der Mörder aber im Anschluss an seine frevlerische Tat sofort von Tanguy de Châtel, dem Favoriten des Dauphins ins Jenseits befördert worden. Damit hatte keiner der neutralen Vermittler dieses Treffens die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, wer den Auftrag für den heimtückischen Anschlag erteilt hatte. Die Namen des Herzogs von Cornouailles und Yolandes d’Aragón fielen im Zusammenhang mit dem missglückten Treffen. Offensichtlich waren sie die neutralen Vermittler zwischen Burgund und dem Dauphin Charles gewesen und darüber entsetzt, dass der von ihnen ausgehandelte Gottesfriede so verräterisch gebrochen worden war. Cornouailles und Anjou forderten nicht nur Rechenschaft, sondern auch Genugtuung für ihre verletzte Ehre.

    Yann unterstrich in seinem Schreiben allerdings, dass trotz des raschen Todes des Mörders irgendwelche Beweise in seine Hände gelangt waren. Diese belegten, dass Charles de Ponthieu in das Komplott gegen seinen Intimfeind von Anfang an eingeweiht worden war. Er hätte der Zusammenkunft in Monterau nur mit dem Ziel zugestimmt, endlich Jean Sans Peur zu beseitigen: Die Situation entlang der bretonischen Grenze zu Frankreich spitzte sich zu. Darum überlegte Yann ernsthaft, ob es nicht sinnvoll war, bis zu einem gewissen Grad seine Neutralität aufzugeben und Partei zu ergreifen. Gegen den jungen Thronanwärter aus dem Hause Valois.

    De Craon las weiter und schluckte. Diese Botschaft enthielt indirekt mehrere Beweise dafür, dass der Herzog der Bretagne Verrat gegen das angestammte französische Königshaus im Sinn hatte und eine enge, aber streng geheime Verbindung zu Phillipe de Bourgogne, dem Sohn des ermordeten Jean Sans Peur haben musste. Natürlich erkannte man dies nur, wenn man intelligent genug war, zwischen den Zeilen seiner Botschaft zu lesen... und ein paar Schlussfolgerungen zu ziehen. Montforzh und Cornouailles waren Busenfreunde. Der ketzerische Herzog war ein alter Verbündeter der Herren von Anjou. Man munkelte, dass es gar sein Werk gewesen war, König Louis II von Sizilien und Neapel noch kurz vor dessen Tod davon zu überzeugen, die Hand seiner jüngsten Tochter Yolande an Herzog Yann zu verschachern…für dessen ältesten Sohn Francois, den Thronerben der Bretagne.

    Anstatt sich einfach damit zu begnügen, den Tod seines Vaters in ein paar blutigen Gemetzeln mit den Anhängern von Armagnac und Valois zu rächen, war Phillipe, der neue Herzog von Burgund, angewidert durch die Falschheit des Dauphin und seiner Berater, so schnell ein Pferd ihn tragen konnte zu König Henry Lancaster von England geeilt.

    Es wurde gemunkelt, dass der Sohn dem Vater seinerzeit, unterstützt durch Nicolas Rolin, dem bewährten Kanzler von Burgund, von jeglicher Annäherung mit dem Dauphin abgeraten hatte. In Phillips Augen barg die englische Karte bessere Friedensaussichten für Frankreich, als ein unbequemes, halbherziges militärisches Bündnis mit dem schwachen und wankelmütigen Erben des wahnsinnigen Valois-Königs Charles VI.

    Und nicht nur Bourgogne hatte sich nach der Katastrophe von Monterau im November am Hof des jungen englischen Königs Henry V. in Arras eingefunden: Isabeau de Bavière, die Königin von Frankreich, die ihren schwachen Sohn Charles de Ponthieu genauso leidenschaftlich hasste, wie ihren wahnsinnigen Gemahl Charles VI., war offensichtlich ganz ohne Zwang in den Norden gereist. Das Gerücht über einen Geheimvertrag zerfraß bereits, wie ein bösartiges Geschwür das von Krieg und Bürgerkrieg erschütterte Frankreich. Im Januar war dann Henry Lancaster selbst nach Troyes geritten, wo Isabeau ihren Hof im Exil versammelt hatte. Um ihre eigenen finsteren Pläne voranzutreiben war die Wittelsbacherin ganz offensichtlich dazu bereit gewesen, ihre eigene Tochter Catherine wie ein Rind auf dem Viehmarkt an den Engländer zu verschachern. Während Lancaster scheinbar dem Charme und der Schönheit der jungen Prinzessin sofort erlegen war, unterstützte Phillipe de Bourgogne diese Verbindung zwischen dem französischen und dem regierenden englischen Königshaus mit allen Mitteln, weil sie bedeutete, dass der Dauphin Charles in seiner Position als offizieller Thronfolger von Frankreich entscheidend geschwächt wurde.

    Der Hass der Burgunder auf die Valois reichte so weit, dass sie nicht davor zurückschreckten, Lancaster die Doppelkrone auf einem Tablett anzubieten. Diese undurchsichtige Situation verlangte, dass Montforzh sein Land gegenüber Frankreich genauso vollständig abschottete, wie er dies bereits seit dem Desaster von Azincourt mit den Grenzen zwischen der Bretagne und der von den Engländern beherrschten Normandie tat.

    Der alte Mann verzog den schmalen Mund zu einem hinterhältigen Grinsen: Die Situation hatte ihren Reiz. Einerseits war Henry Lancaster dem Haus Montforzh ganz und gar nicht gewogen, weil Yann im Krieg stur seine Neutralität aufrechterhielt und hierbei vergaß, dass einst ein englischer König seinem Vater Söldner ausgeliehen hatte, um in der Schlacht von Auray seine Herzogs-Krone zurückzuerobern. Andererseits betrachteten die Valois die unabhängigen und eigensinnigen Bretonen und ihren ebenso eigensinnigen Herrscher voller Misstrauen, denn Montforzh hielt sich aus allem heraus und schien nur davon besessen, für sein eigenes Land Reichtum und Wohlstand zu schaffen, während um ihn herum die Welt in Krieg und Blut versank.

    De Craon würde Yann de Montforzh natürlich gehorchen, denn er hatte ihm für die bretonischen Besitzungen der Familie Laval-Craon-de Monmorency den Lehenseid geschworen: Der Herzog wollte Bewaffnete für seinen Grenzen? Er sollte sie bekommen. Dank der schier unerschöpflichen Geldmittel, die insbesondere seit der Verbindung zwischen Gilles und dem Thouars-Mädchen zur Verfügung standen, war es ein Leichtes vierhundert oder fünfhundert Männer auszurüsten, um Yanns Aufmerksamkeit von Champtocé abzulenken.

    Noch in der Hochzeitsnacht hatte de Craon einen Eilboten mit einem Schreiben und reichen Geschenken nach Rom geschickt. Während seine großzügige Bereitstellung von Waffenleuten Montforzh gewogen stimmte, würde in der Zwischenzeit der päpstliche Dispens für die Ehe zwischen Gilles und Catherine eintreffen. Mit einer offiziellen Genehmigung des Vatikans hatte selbst der Herzog keine Handhabe mehr und vielleicht war die Kleine ja sowieso schon schwanger. Vor ein paar Tagen, als er sie zufällig auf dem Weg zur Kapelle bemerkte, war sie ihm sehr verändert vorgekommen. Ihr Leib, der im Augenblick der Entführung und anschließenden Vermählung so mager gewirkt hatte, war plump geworden. Obwohl ihr Gesicht gesund ausgesehen hatte, hatte um Augen und Mund des Mädchens jener eigentümlich überschattete Zug gelegen, wie man ihn bei Weibern in anderen Umständen oft gewahrte.

    Der alte Mann eilte mit dem herzoglichen Schreiben in der Hand hinauf in seine Gemächer. Zuerst wollte er Montforzh ruhig stellen und in Sicherheit wiegen, dann galt es eine Reise vorzubereiten. Er musste sich nun ganz energisch um die Zukunft und die Karriere von Gilles kümmern. De Craon konnte sich durchaus vorstellen, dass diese Zutraulichkeit, die zwischen Henry Lancaster, Phillipe de Bourgogne und Isabeau de Bavière in Arras entstanden war und ihre Fortsetzung in dem Geplänkel von Troyes fand andere Folgen haben würde, als nur den Verlust der Jungfernschaft einer französischen Königstochter.

    Henry Lancaster wollte die französische Krone um jeden Preis. Nur eine einzige Person stand noch zwischen ihm und der Erfüllung seiner Träume......Charles de Ponthieu, der Dauphin selbst. Doch dem jungen Mann fehlte eine ganz entscheidende Karte in seinem Spiel um Macht und Herrschaft; eine Möglichkeit die normannische Bastion von Henry Lancaster so zu bedrohen, dass die Aufmerksamkeit des Engländers endlich von der Hauptstadt Paris und der Krönungsstadt Reims abgelenkt würden.

    Als Jean sich an seinen Arbeitstisch setzte und die Feder in sein Tintenfass tauchte, lag ein heimtückischer, berechnender Zug um den schmalen Mund des alten Mannes. Nur wer es wagte jetzt hoch zu spielen, der würde am Ende auf der siegreichen Seite stehen und dabei alles gewinnen...und vielleicht konnte er dem Montforzh ja dabei noch gleichzeitig einen bösen Streich spielen, ohne ertappt zu werden.

    II

    Claire spürte, wie seine Waden sich schmerzhaft verkrampften. Trotzdem streckte er sich so hoch er konnte. Die Finger seiner Rechten schlossen sich um den eisernen Gitterstab. Er stöhnte leise auf, als auch seine Linke endlich einen zweiten Gitterstab greifen konnte. Das Handgelenk, das der junge Laval ihm vor Wochen gebrochen hatte war schlecht zusammengewachsen und schmerzte. Mühsam zog Saint Germain seinen mageren, ausgemergelten Leib hoch, bis seine Augen endlich durch den schmalen Spalt des Verlieses hinaus in den großen Innenhof der Festung sehen konnten. Alles was er erkannte waren Pferdebeine.

    Er hätte viel dafür gegeben, die Aufmerksamkeit eines der Reiter auf sich zu lenken und ihm eine verzweifelte Botschaft zuzuflüstern. De Craon und Laval waren eiskalte Mörder, sie versuchten nicht nur Dämonen zu beschwören und paktierten mit dem Bösen, sie schlachteten auch unschuldige Kinder und brachten der Finsternis Blutopfer dar. Was er in den Monaten, als er noch Gast auf Champtocé gewesen war geahnt hatte, wusste er heute bestimmt. Seit er ihr Gefangener war, war er ihnen schutzlos ausgeliefert. Während sie früher ihr unseliges Treiben sorgfältig vor ihm verborgen gehalten hatten, ergötzten sie sich nun an seinem Grauen.

    Claire wollte es hinausschreien. Die ganze Welt musste erfahren, was auf Champtocé geschah. Irgendjemand musste den Mut finden dem Treiben der beiden Teufelsanbeter ein Ende zu setzen. Der Alchimist nahm seine ganze Kraft zusammen, stemmte seine Füße in den unebenen Mauerstein und hievte sich hoch bis zu dem elenden, kleinen Loch. Da waren Männer. Sie trugen Rüstungen und waren für den Krieg ausgestattet. Schwerter, Lanzen, Schilde. Undeutlich erkannte er das Wappen, das auf der Surcotte des Nächststehenden eingestickt war im Fackellicht: Weißer Grund und schwarze Hermeline.....die Reiter waren eindeutig Männer des bretonischen Herzogs selbst. Claire schöpfte Mut. Er holte tief Luft, um laut zu schreien.

    ,In der Tat, mein Freund. Wir haben hohen Besuch auf Champtocé. ‘ Gilles schmunzelte, als er de Saint Germain, wie eine Spinne in der Mauer hängen sah. Das Schauspiel, das der Ritter aus Anjou bot war pathetisch. Er war lautlos durch eine geheime Tür in den Kerker geschlichen, weil er sich fast hatte denken können, dass ihr wertvoller Gefangener versuchen würde, die Aufmerksamkeit der unerwünschten Gäste auf sich zu ziehen. Der Alchimist seufzte leise und lies sich zurück auf den Boden des Gewölbes fallen, das ihm gleichzeitig als Labor und als Gefängnis diente. Seine Muskeln schmerzten von der Anstrengung. Nun, in diesem Augenblick in dem ihm klar wurde, dass seine Hoffnung mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen durch Lavals plötzliches Auftauchen zerstört worden war, fühlte er grenzenlose Erschöpfung und Müdigkeit. Er hatte seit Wochen schon kein wirkliches Tageslicht mehr gesehen und diese kleine vergitterte Spalte direkt unter der Decke war die einzige Öffnung, die frische Luft in den Kerker ließ, sie war seine letzte Verbindung mit der Welt der Lebenden.

    Claire wurde schmerzhaft bewusst, wie schwach er geworden war. Er ging langsam, wie ein Greis zu einem einfachen Stuhl. Seitdem de Craon und Laval ihn gewaltsam auf Champtocé festhielten, bekam er den gleichen Fraß, den sie vermutlich auch den Unglücklichen zuwarfen, die in einem anderen, finsteren Gewölbe direkt unter dem Seinen saßen und deren verzweifelte Schreie ihn bis vor Kurzem noch Nachtens von seinem Werk abgehalten hatten. Seit ein paar Tagen waren die Schreie verstummt. Entweder hatten der Teufel und sein Enkel die Unglücklichen endlich umgebracht, oder sie waren zu hoffnungslos, um sich überhaupt noch aufzubäumen und zu kämpfen.

    Laval hatte sich bequem auf dem anderen Stuhl vor Claires Arbeitstisch niedergelassen. Seine dunklen Augen betrachteten interessiert einen neuen Versuchsaufbau des Alchimisten.

    Claire war davon überzeugt, dass die Materia Primae zum großen Werk sich nur im Mineralreich finden ließ. Seitdem es ihm gelungen war, das Merkurialwasser perfekt zu destillieren, arbeitete er fanatisch an der zweiten Stufe des Flamelschen Prozesses. Ohne diese Forschungen - davon war Saint Germain überzeugt - wäre er in Anbetracht der Schrecken, an denen Laval und de Craon ihn teilzunehmen zwangen, schon lange wahnsinnig geworden. Er verfluchte den Tag, an dem er sich dazu hatte überreden lassen, die Grabschändung von Paris vorzunehmen.

    Ohne um Erlaubnis zu fragen, zog Gilles das Buch des Leviterprinzen vom Tisch und begann nachlässig darin zu blättern. Jedes Mal, wenn er die Drohung las, die Abraham sozusagen als Einführung zu seinem Werk verfasst hatte, musste er schmunzeln. Worte. Nichts als Worte. Sie hatten offensichtlich Nicolas Flamel keinen Schaden zugefügt. Der Alchimist war hochbetagt eines natürlichen Tod gestorben.

    „Und Ihr seid wirklich davon überzeugt, dass es ausreicht Gold, Silber, Blei, Magnesium, Schwefel und Arsen in eine unnatürliche, flüssige Form zu quälen und schon erreichen wir die Schwärzung und den Abschluss der Nigrendo?, erkundigte der junge Mann sich amüsiert bei seinem Gefangenen, während sein schlanker Zeigefinger sorgsam jeden einzelnen goldenen Buchstaben des Fluches von Abraham nachzog: „Marantha, formten seine Lippen leise das Wort der Macht, „Marantha. Fluch jedoch, über jeden, der diese Schrift aufschlägt und der nicht aus dem Stamme Judah ist. Fluch jedem, der nicht Priester oder Gelehrter und der diese Schrift in Händen hält. Er soll vernichtet und ausgelöscht werden. So wie Korah, Dathan und Airam soll er vernichtet werden oder im Feuer verbrennen."

    Claire hob kurz den Kopf und betrachtete durch einen Vorhang aus fettigen, blonden Haaren seinen Peiniger. Er war offensichtlich direkt aus seinen Gemächern im Palas hinunter in die Gewölbe des Turms geeilt, denn Laval trug feine, ungefütterte Gewänder aus dunkelgrünem Samt und eine leichte Cotte aus Seide. Sein rundes Gesicht war frisch rasiert und er verströmte einen angenehmen Geruch nach teuren orientalischen Ölen, mit denen diejenigen die sich diesen Luxus leisten konnten ihr wöchentliches Badewasser parfümierten. Der junge Mann wirkte völlig entspannt und schien in prächtiger Gemütsverfassung. Der Alchimist seufzte leise und ergab sich in sein Schicksal. Er fand sich damit ab, dass der Gedanke an ein heißes Bad Illusion war. Doch vielleicht würde es ihm in dieser Nacht wenigstens gelingen, seine Haftbedingungen etwas zu verbessern, wenn er dem Erben des Montmorency-Laval-Craon Vermögens nach dem Mund redete.

    Die Wochen die seiner erzwungenen Eheschließung mit der unglücklichen Catherine de Thouars gefolgt waren, hatten Gilles in einer erbärmlichen Stimmung gesehen. Er war nur selten im Laboratorium aufgetaucht und die wenigen Besuche waren fast genauso schlimm gewesen, wie die Nacht, in der Laval ihn zum Bleiben überredet hatte.

    Claire erhob sich mühsam von seiner Sitzgelegenheit und begab sich hinüber zu seinem Versuchsaufbau. Er bemühte sich aufrecht zu gehen, damit Laval nicht den Eindruck bekam, er wäre in dieser Nacht schwach oder verzweifelt. „Wenn Ihr das dritte Kapitel der Schrift aufschlagen wollt, Mesire de Laval. Seine Stimme war fest. Er verdrängte für einen Augenblick die Hoffnungslosigkeit, die seit Wochen schon in müßigen Stunden sein ständiger Begleiter war: „ Betrachtet dabei ebenfalls die zweite Allegorie von Abraham. Genau gesehen ist die in der Rohmaterie enthaltene Erde der Schwefel - Sulfur. Und das Wasser ist das Quecksilber - Merkur.

    „Das eine warm und trocken, das andere kalt und feucht. Laval nickte zustimmend und nahm seinen Finger von den mysteriösen, goldenen Lettern des Fluches von Abraham Eleazar. Die Allegorie war eindeutig: Sonne und Mond. Zwei Drachen. Der eine mit Flügeln, der andere ohne Flügel. „Dies ist der Drache..., fuhr Saint Germain schulmeisterlich fort, „...der die goldenen Äpfel im Garten der hesperidischen Jungfrauen bewacht. Es sind folglich die beiden Schlangen, die von Juno dem jungen Herkules in die Wiege gelegt wurden. Der Drache ist im Bereich der Allegorie lediglich eine andere Darstellungsform der Schlange..."

    Gilles schlug das Buch endlich zu und zog die Augenbrauen hoch. Dann überlegte er einen Augenblick. Seine Bildung und seine Kenntnisse der Klassiker standen in nichts seinen Fähigkeiten mit Schwert und Lanze nach. Er besaß in seiner eigenen, kostbaren Bibliothek eine wundervoll illustrierte Abschrift der „Zwölf Arbeiten des Herkules. Vor seinem inneren Auge versuchte der junge Mann den Garten der Hesperiden entstehen zu lassen und sich an die Details zu erinnern: „Herkules erwürgte diese Schlangen, Saint Germain.

    Der Alchimist nickte: „In der Tat. Er überwand sie, wie sie der Adept des Großen Werkes im Anfang seiner Arbeit überwinden muss. Das heißt, er muss sie zerstören, wie Herkules die Schlangen der Juno zerstört hat...damit aus der Zerstörung Rebis, res bina, die zweifache Sache entstehen kann."

    „ Und Ihr seid davon überzeugt, dass der Merkur der Weisen, der in sich den Schwefel enthält diese Materia Secunda ist ?"

    Claire stand Laval gegenüber und hatte die Hände auf der Holzplatte seines Arbeitstisches abgestützt. Die Anstrengung an der feuchten Wand hochzuklettern machte sich bemerkbar. Seine Knie zitterten. Sein Herz schlug in einem unregelmäßigen Rhythmus. Seit den Morgenstunden, als ihm der schweigsame Mann, der über die Gewölbe von Champtocé wachte, ein Stück dunkles Brot und einen Becher frischer Milch gebracht hatte, hatte er keine Nahrung mehr zu sich genommen. Die winterliche Kälte setzte ihm trotz des Feuers, das ständig im Athenor brannte heftig zu und die Feuchtigkeit des unterirdischen Gewölbes ließ seine Gelenke schmerzen. Dazu gesellten sich noch die Folgen seiner Misshandlung durch Gilles...nach seiner Rückkehr von Machécoul hatte de Craon lediglich dafür gesorgt, dass er aus dem Verlies, in das Laval ihn blutend und gebrochen geworfen hatte, zurück in sein Laboratorium geschafft wurde. Dann hatte er die Natur ihr Werk tun lassen. Claire spürte, wie die Rippen, die Laval ihm gebrochen hatte über seine Lunge kratzten. Sie waren genauso krumm zusammengewachsen, wie das vermaledeite Handgelenk. Er hustete trocken, bevor er sich dazu aufraffte dem Teufelsbraten in seinen feinen Kleidern eine diplomatische Antwort zu geben: „ Es ist einen Versuch wert, Mesire de Laval."

    Natürlich war Claire von seiner Theorie überzeugt, doch Laval hatte schon mehrfach deutlich ausgesprochen, dass er nicht viel von den Mineralisten unter den Alchemisten hielt. Er vertrat, dass die Allegorien in Abrahams Handschrift keine Hinweise auf irgendwelche toten Substanzen enthielten, sondern klar zeigten, das sämtliche Grundstoffe des großen Werkes lebendige Stoffe waren...Harn, Blut, Samenflüssigkeit und dergleichen. Er rechtfertigte seine grauenvollen Kindsmorde kaltblütig mit der Suche nach eben dieser Substanz, die notwendig wäre, um die zweite Stufe des Flamelschen Prozesses erfolgreich abzuschließen.

    Sowohl Gilles, als auch de Craon suchten das in ihren Augen allein Wirksame, das Astral zu erhalten und bearbeiteten daher die organischen Substanzen entweder nach dem Quaternär: Putrefaktion, Separation, Purifikation, Union, oder vereinfacht nach dem Ternär: Putrefaktion, Zirkulation, Destillation.

    Allerdings hatte ihre Methode bis zu diesem Tag noch genauso wenig Resultate gebracht, wie die seine. Lediglich das Kinderschlachten und Kindersterben auf Champtocé nahm inzwischen unheimliche Ausmaße an.

    Wo früher Mesire de Laval gelegentlich mit einem Tonkrug voller Innereien aufgetaucht war, brachte nun der Kerkermeister beinahe täglich schreckliche Ingredienzien hinunter ins Labor.

    , Unternehmt Euren Versuch, Saint Germain. ‘ Erwiderte Gilles freundlich. ‘...aber vergesst dabei nicht an Eurer Übersetzung der Handschrift weiterzuarbeiten...denn auch ich habe einen Versuch auf dem Athenor stehen und ich wage zu behaupten, dass es vielversprechend aussieht. Die Materie daraus unser Stein bereitet wird, ist ein schlichtes unansehnliches Wesen, da bei ihr nicht die geringste Schönheit anzutreffen. Es ist eben die Materie, daraus Gott im Anfang Himmel und Erde schuf, nämlich aus einem Chaos oder Klumpen...‘

    Er erhob sich von seinem Stuhl, strich sorgfältig seine teuren Gewänder glatt und verbeugte sich mit leisem Spott vor seinem Gefangenen. ,Diese Erde war wüst und leer und es war finster in der Tiefe; derselbe Abgrund war voller dicker Finsternis, so wie ein schwarzer Nebel....,Ich nehme an, Ihr legt keinen Wert darauf mich in mein Laboratorium zu begleiten und dort meine letzte Arbeit zu betrachten. Sie war ausgesprochen.....unterhaltsam. ‘

    Während die schwere Eichentür sich hinter dem Baron von Laval schloss, drangen laute Befehle, das metallische Geräusch von Waffen, die aufeinander schlugen und das aufgeregte Wiehern vieler Pferde durch den schmalen vergitterten Belüftungsspalt des Kerkers zu Claire de Saint Germain hinunter. Er war wieder alleine in der Kälte und in der Hoffnungslosigkeit seines grausamen Gefängnisses. Die Männer mit dem Wappen des bretonischen Herzogs auf ihren Waffenröcken und die für einen kurzen Augenblick der Euphorie seine Hoffnung auf einen Kontakt mit der Außenwelt gewesen waren, verließen Champtocé im gestreckten Galopp.

    Der leere Magen des Alchimisten knurrte immer noch genau so erbärmlich, wie vor dem Höflichkeitsbesuch des jungen Teufels Laval und er war keinen Schritt weiter in seinem Leben. Claire seufzte aus tiefstem Herzen. Dann ging er langsam um den Arbeitstisch herum und zu seinem Versuch. Wenn es überhaupt noch eine Chance für ihn gab, dann lag sie in einem sichtbaren Fortschritt mit dem Manuskript des Leviterprinzen Abraham. Solange weder Gilles noch sein bösartiger, machtbesessener und habgieriger Großvater ein neues Ergebnis der Arbeit sahen, würden sich seine Haftbedingungen vermutlich nicht verbessern. Er warf einen Bund Reisig in den Athenor und konzentrierte sich.

    III

    Der Erbe des Herzogs von Cornouailles konnte bei einer Lanze kaum unterscheiden, wo vorne und hinten war, aber er bewegte sich flink und geschmeidig und er war ein hervorragender Reiter. Zu seinem eigenen Glück war Sévran mutig und für sein Alter bereits ausgesprochen kaltblütig.

    Arzhur de Richemont verfolgte vom Rücken seines spanischen Goldfuchses aus interessiert und ein wenig skeptisch die kriegerischen Anstrengungen des sonderbaren Knappen, der sich nun schon seit etwas mehr als drei Monaten in seiner Obhut befand: Schwarzes Haar, schwarze Augen, der Körper eines Tänzers und das Benehmen eines jungen Wolfes, der in der Falle saß. Er gehörte also offensichtlich doch zu dieser Rasse, die selbst in der ausweglosesten Situation bis zuletzt mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte, und eher starb, als sich zu ergeben: Melius mori quam feodari - Lieber tot, als beschmutzt! Richemont verzog unmerklich das Gesicht zu einem leisen Lächeln.

    Wo es allerdings um reine körperliche Kraft und die Erfahrung im Umgang mit Kriegswaffen ging, konnte der junge Carnac sich auch mit seinem Gegner an diesem Morgen nicht messen. Der Sohn des Seigneurs von Giron war unter den Edelknappen in Rennes der Ungeschickteste und am wenigsten Begabte. Trotzdem hatte Patrice keine Mühe gehabt, Sévran mit ein paar wuchtigen Schlägen des Streitkolbens vom Pferderücken in den Dreck zu befördern. Selbst seine außergewöhnlichen Reitkünste hatten den Sohn des Herzogs von Cornouailles nicht retten können.

    Der Unterschied hätte nicht größer sein können zu diesen beiden älteren Brüdern, die Arzhur so gut gekannt hatte. Sie waren die über viele Jahre hin seine Freunde gewesen ...bis zu dem Tag von Azincourt,

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