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Mein Mandat: Die Menschen achten!: Als Soldat in Tschetschenien und Afghanistan
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eBook250 Seiten3 Stunden

Mein Mandat: Die Menschen achten!: Als Soldat in Tschetschenien und Afghanistan

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Über dieses E-Book

Im Verlaufe seines fast 40jährigen Dienstes in zwei deutschen Armeen, in der Truppe, in Stäben, in multinationalen Vereinigungen und im militärdiplomatischen Dienst lernt der Autor die verschiedensten militärische Strukturen und Einsatzverfahren kennen – im Ausbildungsbetrieb, bei Übungen und im Kriegseinsatz. Er erkennt, dass sich vor allem in Stresssituationen das Vorgehen der NATO – Streitkräfte nicht wesentlich von dem der Russischen Föderation unterscheidet.
Er bewertet dies und maßt sich an, Kritik zu üben - intern und öffentlich. Sein Beliebtheitsgrad sinkt bei den Generalen und steigt bei den eigenen Kameraden. Militärs, Diplomaten und Juristen arbeiteten wie selten eng zusammen, als es um seine Ablösung vom Posten ging. Ihm kommt es vor, als seien in seinem Fall Exekutive, Legislative und Judikative gleich geschaltet. Dies passt in seine Annahme, dass die Demokratie in Deutschland erodiert.
Moderne Streitkräfte werden zunehmend in Operationen gegen Aufständische eingesetzt. Dafür sind sie jedoch weder ausgebildet, noch ausgerüstet. Die militärische Gewalt richtet sich oft gegen Unbeteiligte. Die Politiker wollen diese Tatsache nicht anerkennen. So werden Kriege begonnen, deren Ende völlig unklar ist. Der Autor ergreift Partei für die Leidtragenden solcher Kriege - für die unbeteiligten Menschen. Sein Mandat lautet: "Die Menschen achten!"
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum10. Juli 2011
ISBN9783738083149
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    Buchvorschau

    Mein Mandat - Jürgen Heiducoff

    In Memoriam Ernst August Paul Heiducoff (1884 – 1968) - Humanist, Kriegsgegner, Pazifist

    Das vorliegende Buch soll den Idealen meines verstorbenen Großvaters, Ernst August Paul Heiducoff gewidmet sein. Er hat mich in meiner Kindheit ganz im Sinne des Humanismus erzogen. Jedoch legte der alte Paul mir auch ans Herz, keine Scheu vor Menschen zu haben. Eine seiner Lehren war, dass der Frieden kein Geschenk ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss. Als Teilnehmer beider Weltkriege hatte er gelernt, dass durch Kriege keine Konflikte gelöst werden können und dass Frieden nicht mit Waffengewalt erzwungen werden kann.

    Darüber hinaus schrieb ich das Buch in tiefer Ehrfurcht vor all den Menschen, die ehrlich und ohne jedwedes finanzielles und Machtinteresse in die Kriegswirren Tschetscheniens und Afghanistans gerieten.

    Dies waren vor allem die einfachen Menschen, die den Auseinandersetzungen zwischen Truppen und Rebellen nicht ausweichen konnten. Sie trugen die Hauptlast in diesen Kämpfen. Ihr Stolz und ihre Würde trugen dazu bei, all ihren Schmerz und ihr unendliches Leid zu ertragen. Terror von vielen Seiten, auch Luftterror, konnte sie nicht brechen. Sie vertrauten wegen des Desinteresses ihrer Regierungen letztlich auf ihre eigene Kraft. In ihrer Ausweglosigkeit blieb ihnen oft nichts anderes, als die Hilfe Allahs zu erhoffen oder selbst Verzweiflungstaten auszuführen. Und sie alle sind kriegsmüde, unendlich kriegsmüde.

    Diese Menschen, in deren Heimat immer wieder der Krieg gekommen ist, sind die wahren Helden. Sie sind nicht kriegerisch.

    Ihnen galt und gilt mein persönliches Mandat - „Die Menschen achten!"

    Es werden jedoch auch Persönlichkeiten beschrieben, die auch in Führungsfunktionen vor allem Mensch geblieben sind, die dem eigenen Gewissen Vorrang vor inhaltsloser Karriere gaben, die Ehre nicht auf Ehrgeiz und Kampf um einen höher bezahlten Posten beschränkten.

    Trotz der pazifistischen Grundüberzeugung meines Großvaters bin ich nach seinem Tod Berufssoldat geworden. Er hätte diesen Schritt nicht geduldet. Eigentlich war ich weder interessiert, noch geeignet für diesen Beruf. Ich war ein Individualist und mochte Teamwork überhaupt nicht. Mich interessierten weder die Kriegsspiele, die die Jungen meines Dorfes organisierten, noch die Vernichtungswirkung technischer Systeme.

    Nun blicke ich auf mehr als 39 Jahre Dienst in zwei deutschen Armeen zurück. Ich verstand diese lange Zeit als Dienst für den Frieden. Dies war zu Zeiten der Konfrontation der Blöcke auch erklär- und vermittelbar. Jedoch seit dem Beginn des Umbaues der Bundeswehr zu einer Interventionsmacht im Rahmen der immer offensiver agierenden Bündnisse NATO und EU ist es schwieriger geworden, die Kampfeinsätze und Kriege als Friedensdienst zu verstehen.

    Als Soldat im Einsatz habe ich begriffen, dass militärische Gewalt nicht geeignet ist, Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen. Diese Erkenntnis wird nicht an Universitäten und Militärakademien gelehrt. Sie entsteht im Praktikum des Krieges. Sie reift überall dort, wo Menschenrechte im Interesse militärischer Erfolge missachtet werden. Sie entsteht im eigenen Erleben der Grenzbereiche zwischen Motivation, Hilflosigkeit, Angst und Resignation.

    Ich erhielt meine Lektionen zum Thema Krieg und Leid in Tschetschenien und Afghanistan.

    Von jedem dieser Einsätze, aus beiden Kriegen, die nicht so genannt werden durften, kam ich körperlich unversehrt, jedoch zutiefst enttäuscht und verändert nach Deutschland zurück.

    Der erste Krieg war der Russlands in Tschetschenien. Deutschland war nicht aktiv beteiligt, aber entsandte mich 1995/96 im Rahmen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als Militärbeobachter an diese unsichtbare Front.

    Der zweite Krieg war der der USA und NATO in Afghanistan. Dort war ich zwei Mal – einmal 2004/05 als Kontingentsoldat in Kabul und 2006 bis zu meiner vorzeitigen Ablösung 2008 als militärpolitischer Berater des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan.

    Während meiner Einsätze fand ich keine Kriege zwischen regulären Streitkräften vor, sondern bewaffnete Konfrontationen zwischen militärischen Verbänden und Aufständischen. Da sich die meisten dieser Aufständischen aus der örtlichen Bevölkerung rekrutierten, war es schwer bis unmöglich, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Der gewaltsame Widerstand gegen die als Besatzer wahrgenommenen Militärs wurde kriminalisiert. Im Verhalten bei den täglichen unmittelbaren Begegnungen zwischen Militärs und moslemischer Bevölkerung widerspiegelte sich oft das gegenseitige Unverständnis von Tradition und Kultur.

    Obwohl ich freiwillig in diese Einsätze ging, musste ich beide unfreiwillig früher beenden.

    Ich wurde zurück gerufen, abgelöst. Beide Male. Ich hatte mich zu stark engagiert – für die Menschen in den Kriegsgebieten, für die Nichtkombattanten. Meine Kritik am Vorgehen der regulären Streitkräfte, an deren unangemessener militärischer Gewalt war nicht gewünscht.

    Beide Male setzte ich den vorgegebenen Mandaten mein eigenes entgegen: „Die Menschen achten!"

    Ich hätte nie in diese aus meiner Sicht sinnlosen Einsätze gehen dürfen. Auf diese Erfahrung hätte ich verzichten sollen. Doch jeder Mensch muss seine Erfahrungen selbst sammeln und dabei „Federn lassen".

    Ich kehrte nach Hause zurück: ungehört und unverstanden. Kaum jemand interessierte sich wirklich für das, was ich zu sagen gehabt hätte. Schriftliche Erfahrungsberichte an meine Vorgesetzten blieben ohne Kommentar. Es schien, als wolle man mich im Schweigen ersticken. Vielleicht hoffte man, ich könne verdrängen, verschweigen, vergessen, was in mir brannte. Doch da war mein Mandat: die Menschen achten!

    Im Kaukasus und in Zentralasien geriet ich in fundamentale und existenzielle Auseinandersetzungen, die alle Ebenen und Bereiche des Lebens erfassten. Die militärischen Gefechte, die ich zu beurteilen hatte, waren nur ein Teil der gewaltigen Kämpfe. Die Gesetze der operativen Kunst und der Taktik schienen im Kaukasus und in Afghanistan nicht zu funktionieren. Vieles war anders, als in den Hörsälen der Militärakademien gelehrt wurde. Das Geschehene war so komplex und so anders, dass es nur möglich sein wird, Einzelaspekte anzudeuten.

    So manche Nacht wache ich noch heute schweißgebadet auf. Ein Einschlafen ist dann nicht mehr möglich. Denn da läuft der „Film des anderen Lebens" – des Lebens im Kaukasus oder am Hindukusch ab. Da ist die schreckliche Silhouette Grosnys, da erscheinen Murat, Selimchan, Achmet, Sawilbek, Muslim, Magomet, Ramsan, Ajdamar und die vielen anderen tschetschenischen Männer, aber auch Mutter Malkan und Lisa, die Frau Murats, unsere Köchin. Ich sehe die zerfetzten Leichen junger russischer Soldaten. Ich höre die barbarischen Flüche russischer Offiziere. Und ich werde das leidvolle Bild des kleinen paschtunischen Mädchens nicht los, das im Militärhospital in Kabul so sehr an den Schmerzen ihres von Splittern zersetzten Körpers litt. Da erscheinen mir aber auch die russischen Beamten der Ziviladministration und die Geheimdienstmänner. Alles scheint, als sei es gestern gewesen. Plötzlich sehe ich die schmerzverzerrten Gesichter der Tschetscheninnen nach dem Anschlag gegen das Verwaltungsgebäude in Grosny. Dann kommen mir die Erinnerungen an den verhassten Ami in Kabul, der die Waffe durchlud und gegen mich richtete. Ich denke an die Bettler von Kabul oder die schmutzverschmierten Kinder von Tarin Kowt.                                                                       Da ist das Dröhnen und schrille Geräusch der Jagdbomber und Kampfhubschrauber, die ich mit voller Bewaffnung im Tiefflug über die Ruinenstädte und Dörfer Tschetscheniens und Afghanistans fliegen sah.                                        Und das Schlimmste: Jagdbomber, Kampfhubschrauber und Kampfdrohnen fliegen noch immer und bringen den Menschen Angst, Tod und unendliches Leid – auf Befehl von gewissenlosen Menschen, die weder Konfliktkultur, noch Angemessenheit der Gewalt kennen.

    Ich geriet in Widerspruch zu dem, was die Offiziellen in meinem Land verlautbarten und dem, was sich in mir sträubte. Ich fühlte mich unverstanden, Fehl am Platz, unerwünscht.

    Dies war nicht mein Land, nicht meine Heimat – dies war ein fremdes Land!  Die Mischung aus Arroganz und Ignoranz, mit der viele meiner Landsleute die Welt betrachteten, widerte mich an.

    Immer klarer wurde mir, dass mein Großvater im Recht war, wenn er Krieg und Gewalt als unmenschlich verabscheute.

    Meine Vorgesetzten wollten meine Kritik an den Einsätzen nicht zur Kenntnis nehmen und selbst viele meiner Freunde und Bekannten zeigten selten Interesse. War ich ein Außenseiter?

    Meine Ehe ist vollkommen zerbrochen. Auch alte Freundschaften verödeten.

    Hatte sich das Land geändert oder habe ich mich geändert? Egal: Ich und mein Land – das passte nicht mehr zusammen.

    Was tun? Resignieren? Auswandern?

    Die folgenden Schilderungen tragen autobiografische Züge. Hier sind bewusst Tatsachen mit Darstellungen vermischt, die sich so zugetragen haben könnten. Namen der vorkommenden Personen sind verändert.

    Der Ernst des Lebens - Ankunft in der Hölle - Grosny 1995

    Ich war bereits fast 25 Jahre Soldat, als ich den ersten Krieg erlebte – den Tschetschenien-krieg im Nordkaukasus. Und damit begann für mich der Ernst des Lebens. Bisher war mir alles wie im Spiele zu geflogen. Das Lernen, das Abitur, das Studium an einer Militärhochschule, den Dienst in den Einheiten und Stäben der Luftverteidigung im Norden Deutschlands und das Studium an einer Militärakademie bei Moskau meisterte ich wie im Spiel. Viele Jahre war ich Student – Lernender ohne Verantwortung für andere Menschen. Das war die Theorie. Doch bei Grosny und Kabul kam die Praxis. Und die unterschied sich wesentlich von der Theorie. Um es vorweg zu nehmen: niemand hat mich gezwungen, nach Tschetschenien oder Afghanistan zu gehen. Ich entschied mich zu diesem Schritt, weil ich eine echte Herausforderung suchte.

    Des Soldaten Praxis ist der Krieg – was sonst. Darauf wird er vorbereitet – ausgebildet – gedrillt. Wozu braucht die Welt Soldaten? Für den Krieg! Haben wir keine Kriege, wenn es in einigen Ländern keine Soldaten gibt? Doch!

    Im Dezember 1994 begann der Tschetschenienfeldzug der russischen Streitkräfte. Kurze Zeit später beschloss die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), eine Unterstützungsgruppe nach Grosny zu entsenden. Eine Anfrage nach interessierten Offizieren kam in meiner Dienststelle an. Ich äußerte meine Bereitschaft.

    Eine sechsmonatige allgemeine Ausbildung zum Militärbeobachter sollte bald beginnen. Da die Bundeswehr noch kein Personal mit Erfahrungen in Krisen- und Kriegseinsätzen hatte, wurden wir von norwegischen und österreichischen Offizieren ausgebildet.

    Die Lehrgänge zur Vorbereitung auf den Einsatz im russischen Nordkaukasus führten mich auch nach Bad Ems. Diese Stadt an der Lahn zeigt viele Spuren einer gemeinsamen deutsch – russischen Geschichte. Ich fühlte mich in dieser Stadt sehr wohl.

    Ich dachte darüber nach, was mich in Tschetschenien erwarten würde. Russland war mir ja nicht fremd, aber der Nordkaukasus hatte schon seine Besonderheiten.

    In der Phase der Vorbereitung auf die Entsendung ins Kriegsgebiet Tschetschenien und später nach Afghanistan erwartete ich eine konkrete Einweisung durch meine Vorgesetzten in meine Aufgaben, Rechte und Pflichten. Jedoch blieb diese Erwartung unerfüllt. Es begann sogar ein Streit, wem ich während meines Einsatzes unterstellt sein würde.

    Die Vorbereitung umfasste allgemeine Unterrichtungen über das Einsatzgebiet und Verhaltensregeln.

    Es gab politische Mandate für den jeweiligen Einsatz: die UN Sicherheitsratsbeschlüsse, ein Mandat der OSZE für die Unterstützungsgruppe in Tschetschenien, in deren Bestand ich arbeiten sollte. Für meine Einsätze in Afghanistan gab es Mandate des Bundestages. Aber all das war zu politisch und zu allgemein, um mir eine Leitlinie für den Alltag in Tschetschenien und in Afghanistan zu geben.  

    So erteilte ich mir selbst mein Mandat: Die Menschen achten!

    Dieses Mandat soll aber auch eine Botschaft sein, die weiter getragen werden soll – an alle, die aus unserer Heimat in ein Krisen- und Kriegsgebiet gehen.

    Alles, was wir Westler – unsere Entwicklungshelfer, unsere Diplomaten, unsere Soldaten oder Polizisten in anderen Kulturen tun, erfolgt im Namen unserer Tradition, unserer Werte und der Demokratie – ob dies gewollt ist oder nicht. Soll die Überlegenheit unserer Kultur überzeugen, müssen wir überlegen arbeiten und handeln.

    Die Lehren meines Großvaters, wie man sich den Menschen gegenüber verhalten sollte, schienen lange Jahre für mich nicht relevant gewesen zu sein.

    Dies änderte sich schlagartig, als ich mit Menschen zu tun bekam, die meinten, ein Mandat zum Töten anderer Menschen zu haben, die gottgläubig waren und sich selbst berufen fühlten, die Rolle Gottes bei der Bestimmung des Lebensendes anderer Menschen übernehmen zu können.

    Ich hatte mein Gepäck für sechs Monate schon längst gepackt. Die beiden Tropenkisten standen zu Hause marschbereit im Korridor. Doch meine Entsendung nach Tschetschenien wurde mehrmals verschoben. Die letzten Tage vor dem Beginn meines Einsatzes in Tschetschenien waren vom Abschied geprägt. Dabei ging es weniger um den Abschied von Angehörigen und Freunden, sondern um den Abschied von meinen Wurzeln. Ich hatte das Bedürfnis, an die Stätten meiner Kindheit zurück zu kehren – allein. Ich wollte Abschied nehmen, indem ich die alte Dorfgasse entlang gehe, am Bach einhalte, das Haus und den Garten meines Großvaters sehe. Auch wenn sich vieles verändert hatte, Großvater schon lange gestorben ist und auch viele andere Leute, Nachbarn, ehemalige Klassenkameraden das Dorf verlassen haben, da gab es noch genügend Raum für Erinnerungen. Das Bergholz, Teile des Kammerforstes mit den angrenzenden ausgedehnten Wiesen sind einem Braunkohlentagebau gewichen. Selbst der Verlauf des alten Schnauderbaches ist verlegt worden. Diese Erinnerungen taten mir gut und ich konnte in der Ferne wenig später auf die frischen Bilder zurückgreifen. Dies verlieh mir Kraft.

    Im November 1995 war es endlich soweit: der Marschbefehl traf ein. Ich wurde nach Düsseldorf gebracht und stieg in den Intercity Night nach Wien. Am nächsten Morgen traf ich in Wien ein. Die Anblicke der Hinterhöfe Wiens von den Gleisen aus enttäuschten mich. Ich kannte die Stadt nur aus den Hochglanzprospekten der Reiseagenturen. Zwei Tage Einweisung bei der OSZE standen auf der Tagesordnung. Ich wurde gut von Mitarbeitern der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der OSZE betreut. Die Einweisung beschränkte sich auf administrative Belange. Die erwartete inhaltliche Orientierung blieb auch hier aus.

    Aber mein Mandat stand ohnehin fest.

    Dann flog ich von Wien nach Moskau. Auch dort bin ich von Vertretern der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Russischen Föderation wahrgenommen worden. Ich fand in der Botschaft Unterkunft. In der freien Zeit ging ich in die Stadt. Moskau war mir vertraut, obwohl ich viele Jahre nicht dort gewesen bin und die Stadt sich verändert hat. Schließlich nahm ich den Flug Moskau – Grosny. Der Abflug wurde mehrmals verschoben. Dies würde die Lage im Landegebiet erfordern. Ich beobachtete die wartenden Fluggäste. Da waren einige Offiziere der Russischen Armee und der Inneren Truppen. Die Mehrzahl waren jedoch tschetschenische Männer. An dem vielen Gepäck sah man, dass sie zum Zwecke der Versorgung in Moskau weilten. Diese Männer unterschieden sich äußerlich wesentlich von den russischen. Sie waren überwiegend schwarz gekleidet und trugen Hüte. Es fiel auf, dass ihre Schuhe sehr sauber waren. Das war nicht einfach, wo doch die Strassen im November schlammig sind. Ihre Haare und Bärte waren sehr gepflegt.

    Es ist ein nasskalter Novembertag, als ich in Grosny ankam.

    Der Landeanflug der zivilen Passagiermaschine war atemberaubend. Erst fast über dem Flugplatzgelände leitete der Pilot den Sinkflug ein. Es glich eher einem spiralförmigen Sturzflug. So soll verhindert werden, dass das Flugzeug längere Zeit in niedrigen Höhen über die Steppe fliegt und möglicherweise mit Manpads, den tragbaren Einmann-Fliegerabwehrraketen angegriffen werden könnte.

    Beim Rollen waren eine Reihe von Flugzeugwracks zu sehen. Hallen und Gebäude lagen in Trümmern. Auch die Rollbahn war sichtlich beschädigt. Über eine Behelfsleiter verließen wir Passagiere das Flugzeug. Gleichzeitig wurde das Gepäck aus den Ladekammern einfach herunter auf das Flugfeld geworfen. Meine Kisten waren zerbeult, noch bevor ich am Ziel angekommen war. Das Flugzeug rollte zum Start. Die Aufenthaltszeit von Passagierflugzeugen auf dem Flugplatz Grosny sollte so kurz wie möglich sein. Mühselig schleppte ich das Gepäck hinüber zum Abfertigungsgebäude. Da fand eine gründliche Personenkontrolle statt. Alles geschah mit großer Eile, denn die Abenddämmerung stand bevor. Endlich empfängt mich ein Mitglied unserer OSZE – Unterstützungsgruppe. Er stellte sich kurz als Bill vor und half mir, das Gepäck zu tragen.Um das Flugplatzgelände verlassen zu können, mussten wir zunächst etwa 500 m bis zum Checkpoint oder wie die Russen sagen – Blockpost – laufen. Das OSZE – Fahrzeug durfte nicht bis an das Flugplatzgebäude heranfahren. Mit dem Gepäck erweist sich der Fußmarsch nicht gerade als Vergnügen. Als wir endlich am Fahrzeug angelangt waren und die Kisten verladen hatten, wollte Bill schnell losfahren. Da brach unmittelbar neben unserem Fahrzeug ein Schuss. Ich zuckte zusammen, wurde aber durch Bill beruhigt. Es sei hier normal, wenn ein Schuss falle. Wichtig ist, zu wissen, dass die Waffen nicht gegen uns gerichtet seien. Wir konnten noch nicht fahren, denn es näherte sich von der Stadt her ein längerer Konvoi. Da empfiehlt es sich, abzuwarten. Eines der gepanzerten Fahrzeuge hat eine DDR-Flagge gehisst. Sie wird durch die aufgesessenen Mot.-Schützen geschwenkt, als sei es eine ihrer Trophäen.

    Endlich konnten wir fahren. Bereits nach wenigen Metern sind wir am nächsten Checkpoint.

    Obwohl unser Fahrzeug weithin mit der Aufschrift „OSZE" gekennzeichnet ist, werden wir gründlich kontrolliert. Es diene ja nur unserer Sicherheit.

    Dann ging es etwas schneller voran. Nach wenigen Kilometern sind die

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