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Mein Lieber Sohn und Kamerad: Briefe aus dem Ersten Weltkrieg

Mein Lieber Sohn und Kamerad: Briefe aus dem Ersten Weltkrieg

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Mein Lieber Sohn und Kamerad: Briefe aus dem Ersten Weltkrieg

Länge:
437 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2014
ISBN:
9783738010398
Format:
Buch

Beschreibung

In den ersten Augusttagen des Jahres 1914 empfindet die Mehrheit der europäischen Bevölkerung nach den politischen Krisen der Vorjahre den Beginn des Weltkrieges als ein reinigendes Gewitter, dass unbedingt notwendig sei. So sieht man dann auch überall diese Bilder: Jubelnde Menschen, flotte Militärkapellen, uniformierte Jugendliche mit einer Blume im Lauf ihres Gewehres, Hochrufe auf den Kaiser oder Zaren. Im kühlen Norden, in Stralsund, der Heimatstadt meines Vaters, ist es nicht anders. Er, der einem christlichen Jugendverein angehört, glaubt plötzlich an Gott und Hindenburg. Die Stunden in seinem Verein werden zum absurden Theater. Dort singen sie Lieder über den Frieden, und gleich danach erklärt der Pastor ihnen die militärische Lage. Einige Freunde von Otto Schiel sind schon als Kriegsfreiwillige im Feld, und er fiebert dem Tag entgegen, da er selbst mit der Waffe in der Hand die zweifelhaften und oft missbrauchten Begriffe von Ehre, Pflicht und Vaterlandsliebe verteidigen kann. Am 3. Juni 1916 ist es endlich soweit. Otto Schiel kommt an die Westfront, zusammen mit mit seinem Vater Ernst Schiel, während meine Großmutter mit ihren vier verbliebenen Kindern an der Heimatfront einen bitteren Überlebenskampf führen muss. Da der Briefverkehr gleich am ersten Kriegstag einsetzt und erst im November 1918 endet, bietet die vorliegende Sammlung der Briefe dem Leser einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt christlicher erzogener Jünglinge während jener "eisernen Zeit", zumal ein Freund des Vaters gleich im September 1914 von der Ostfront berichtet, der andere zum gleichen Zeitpunkt von der Westfront, und dazwischen ab Juni 1916 meine Großmutter Emma Schiel. In diesem Kontext sind diese Briefe für das Studium des Ersten Weltkrieges so wertvoll geworden.
Herausgeber:
Freigegeben:
14. Dez. 2014
ISBN:
9783738010398
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Mein Lieber Sohn und Kamerad - Eberhard Schiel

Vorwort

Der sozialkritische Schriftsteller Franz Kafka, selbst Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, hat einmal gesagt: Dieser Krieg wurde eigentlich noch nie richtig dargestellt. Gewöhnlich werden nur Teilerscheinungen oder Ergebnisse gezeigt. Das Schreckliche des Krieges ist aber die Auflösung aller bestehenden Sicherheiten und Konventionen. Das animalisch Physische überwuchert und erstickt alles Geistige. Es ist wie eine Krebskrankheit. Der Mensch lebt nicht mehr Jahre, Monate, Tage, Stunden, sondern nur noch Augenblicke. Und selbst die lebt er nicht mehr. Er wird sich ihrer nur noch bewußt. Er existiert bloss. 

Als ich diese Zeilen las, da ahnte ich noch nicht, dass mir eines Tages Briefe aus eben jenem Ersten Weltkrieg in die Hände fallen würden. Und das gleich zu Hunderten. Ich fand sie irgendwann auf dem Boden unseres Mietshauses, zwischen verstaubten Pappkartons und ausgemusterten Möbeln, aufbewahrt in einer häßlich-grauen Kiste. Dort müssen sie über vierzig Jahre gelegen haben, ohne dass jemand aus der Familie jemals darüber gesprochen hätte. Erst ein Nachbar machte mich darauf aufmerksam, wollte wissen, ob die Soldatenkiste mir gehöre. Ich schaute hinein, sah ein dickes Bündel Briefe, dazu ein Fotoalbum, Tagebücher, persönliche Sachen aus dem Ersten Weltkrieg, insgesamt etwa 600 Dokumente. Die Briefe waren vom Vater geschrieben oder an ihn adressiert worden. So viel ließ sich auch ohne genaue Kenntnis der alten deutschen Schrift erkennen. Die Frage war nur, ob der Inhalt über den Rahmen des eigenen Interesses an diesem Kapitel der Familien-Geschichte hinausgehen würde. Man mußte ihn lesen können. Anfangs viel es mir schwer, doch allmählich ging es besser. Bald gab es nur noch einzelne Stellen, die Schwierigkeiten bereiteten. Es dauerte nicht mehr lange und mir erschloss sich eine völlig neue, wenngleich auch unerbittliche Welt des Ersten Weltkrieges, mit all ihren Facetten. Und eine zweite Welt, die geprägt war von den Idealen und Ideen christlich erzogener Jünglinge, die sich im Evangelischen Jünglingsverein Stralsund näher gekommen waren. Von diesem Freundeskreis und von den Angehörigen der väterlichen Familie stammen die Briefe. Mein Vater Otto Schiel, Jahrgang 1897, wurde am 3. Juni 1916 gemeinsam mit Opa Schiel eingezogen. Nach mehrwöchiger Grundausbildung, die der eine in Koblenz am Rhein und der andere in Swinemünde an der Oder absolvierte, kamen sie an die Westfront nach Frankreich, ohne sich dort jemals begegnet zu sein. Vater war zu jener Zeit 18 Jahre und Großvater 43 Jahre alt.Viele der Briefe, die Otto Schiel zunächst zu Hause, dann im Feld erhielt, sind in der Hast und Hektik geschrieben worden, manche sogar während der Kämpfe auf den üblichen Feldpostkarten. Da prallen Welten aufeinander. Ihre Wunschvorstellung vom Leben, von der Zukunft, erstickt im Schlamm und Morast, zerplatzt im Hagel der Granaten, den Todesschreien ihrer Kameraden. Es gibt Momente, da sie den Krieg verfluchen, und wiederum Augenblicke, wo sie mit vor Stolz erfüllter Brust das Eiserne Kreuz für eine fragwürdige Heldentat in Empfang nehmen. Die Widersprüche zwischen Geist und Körper, zwischen Traum und Befehl, zwischen den Idealen und der Realität machen den ganzen Wert der gefundenen Briefe aus. Wie werden die jungen Männer, die fast noch Jünglinge sind, mit dieser Konfrontation fertig? Kommen sie geläutert aus dem Kriegsgeschehen heraus, überleben sie überhaupt? Einer auf keinen Fall. Vaters Freund Alfred Meissner meldete sich gleich nach seinem 18. Geburtstag als Kriegsfreiwilliger. Und er glaubte zu wissen, warum er das tat: Ich tue es für die Heimat, und das sagt mir alles. Sterben kann ich immer einmal, doch einen Heldentod sterben? Ich lese jene Zeilen und kann es nicht fassen. Aber eine solche Einstellung zum Krieg erklärt zum Teil den unerschrockenen Mut und die Kraft für die unsagbaren Strapazen eines Infanteristen. Zur tiefen Trauer von Mutter, Schwester und der Freunde ist sein Wunsch in Erfüllung gegangen. Alfred Meissner starb an einem Tage, an dem die meisten deutschen Soldaten schon gedanklich bei ihren Lieben daheim waren, eben kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges.

Und was geschah an der Heimatfront? Die Heimatfront, das ist in erster Linie meine Großmutter Emma Schiel. Ihre Briefe hatte ich zunächst beiseite gelegt, weil ich sie nicht lesen konnte, und später, weil ich sie lesen konnte. Sie gehen unter die Haut. Mit der deutschen Rechtschreibung steht Oma auf Kriegsfuss, aber sie ist mit dem Herzen dabei. Nachdem Vatting Ernst Schiel, Omas Gatte, und ihr Sohn Otting am selben Tag zur Fahne gerufen werden, führt die Mutter von fünf Kindern einen verzweifelten Überlebenskampf gegenüber einer immer ruppiger werdenden Gesellschaft. Über all ihre Sorgen, Ängste und Nöte berichtet die tapfere Frau ihrem Otting an der Westfront. Über das Schlangestehen beim Fleischer, über die Drangsale des Militärs, der schwierigen Erziehung ihrer Kinder in Abwesenheit des Ehemannes, und dem sonstigen Geschehen in der Stadt. Manchmal findet sie einen Splitter des Glücks im Tal der Tränen, sucht nach der humorvollen Seite des Alltags, erzählt von lustigen Begebenheiten. Dabei fällt ihr, wie gesagt, das Schreiben schwer. Sie ist es nicht gewohnt. Als ehemaliges Dienstmädchen mit mangelnder Bildung unterlaufen ihr katastrophale Fehler. Einige Briefe mussten deshalb behutsam bearbeitet werden. Trotz des strengen Regimes, das sie zu Hause führen muss, sind die Gedanken dennoch stets in Liebe bei dem Gatten und dem Sohn an der Front. Sie rackert im selbst organisierten Garten, schickt laufend kleine Päckchen, deren Größe vom Staat vorgeschrieben werden, und unterhält sich nach getaner Arbeit am Abend, wenn die Kinder zu Bett gebracht, mit ihren Feldgrauen an der Front. Was ihr gerade einfällt, schreibt sie auf und schickt ihre Gefühle über die Ländergrenze nach Frankreich, wo sie begierig von Otting und Vatting gelesen werden. Von Politik hat sie keine Ahnung, vom Militär noch weniger, und darum gibt sie ihrem Sohn, neben den Liebesgaben im Paket, auch eine erste Ermahnung im Brief mit auf den Weg. Otting soll auf gar keinen Fall mehr auf Patrouille gehen. Und wegen baldiger Bewillung eines Heimaturlaubs für ihren Sohn will Emma Schiel mal beim Kompagnieführer schriftlich anfragen, was der dazu sagt. Emma Schiel steht für Millionen von Frauen beider Weltkriege, die still, fleißig und meistens anonym ihren Mann an der Heimatfront standen, während ihre Söhne und Männer sinnlos im Schützengraben lagen. Begleiten Sie also Mutting und ihre fünf Kinder Otto, Hans, Gretel, Trude und die kleine Lieselotte durch die schwere, eiserne Zeit.

Einleitung

Die Stadt Stralsund war um die Jahrhundertwende keineswegs mehr jenes muffige Nest, als das sie noch im Jahre 1850 von eine der ersten deutschen Ärztinnen Franziska Tiburtius bezeichnet wurde. Inzwischen sorgte die Inbetriebnahme des Wasserwerkes Lüssow (1894) für eine wesentliche Verbesserung der Trinkwasser-Versorgung. Und nach der Entfestigung (1873) entstanden schöne Villenviertel, kleine Landhäuschen und blühende Parkanlagen. Unsere alte Hansestadt, jahrhundertelang mit dickem Mauerwerk eingepfercht, das sie wie ein Panzer umklammerte, konnte befreit aufatmen. Hinzu kam das persönliche Engagement des Stadtbaumeisters Ernst von Haselberg. Er griff den Gedanken des traditionellen Baustils wieder auf, benutzte den Backstein, ein Material der Gotik, der lange Zeit für das typische Bild einer Seestadt im Norden Deutschlands sorgte. Neue öffentliche Gebäude fügten sich auf Grund dieser verbesserten Baugesinung harmonisch in das einst vielbewunderte Panorama Stralsunds ein. Auch vom Gesetz her waren die Möglichkeiten zum Schutz des baulichen Gesamtensembles erweitert worden. Eine Kommission zur Erhaltung der Baudenkmale setzte 170 Gebäude auf die Liste der besonders zu pflegenden Objekte. Durch entsprechende Ortssatzungen konnten schon im Ansatz Gefahren bei der Gestaltung oder Verunstaltung von neuen Gebäuden wirksam verhindert werden.

Mit seinen engen, anheimelnden Gassen, den steil aufragenden Pfarrkirchen, dem gotischen Rathaus, der spezifischen Anordnung der Straßen auf einer Insel, welche nur durch Deiche mit dem Festland verbunden war, und seiner herrlichen Lage zwischen der Insel Rügen und dem Strelasund, bot Stralsund seinen Einwohnern in der Tat eine Heimstatt von außergewöhnlicher Qualität. Das wußten die Sundischen zu schätzen. Sie waren stolz auf ihre Stadt und auf ihre Geschichte. Fast jedes Kind kannte damals die großen Männer der Stralsunder Chronik: Karsten Sarnow und Bertram Wulflam, Lambert Steinwich und Peter Blome, Wallenstein, die Schwedenkönige Gustav II. Adolf und Karl XII, den Großen Kurfürsten von Brandenburg und Ferdinand von Schill. Sie alle hatten ihre Handschrift am Sund hinterlassen, der eine als Verteidiger, der andere als Angreifer. Zweimal hatten die Stralsunder sogar die Möglichkeit freie Reichsstadt zu werden, 1634 durch Wallenstein, und etwa vierzig Jahre später durch eben jenem Großen Kurfürsten. Der Hochehrwürdige Rat lehnte beide Male ein solches Angebot dankend ab, weil mit der großzügigen Offerte die Aufgabe der schwedischen Festung verbunden werden sollte. Man blieb lieber eine unbedeutende Provinzstadt. Soweit ging der Stolz der sundischen Ratsherren, welcher ihnen auch bis heute nicht abhanden gekommen ist.

In dieses eben geschilderte Stralsund um die Jahrhundertwende kam mein Vater zur Welt. Seine Eltern stammten aus einfachen Verhältnissen. Der Bürodiener bei der Eisenbahn, Michael Schiel, kam 1866 aus Posen nach Stralsund und heiratete eine Sundische, die Maria, geborene Harder. Aus jener Ehe ging mein Großvater, der spätere Rohrmeister der Städtischen Gas- und Wasserwerke Ernst Schiel hervor. Seine Ehefrau Emma hatte zeitweilig als Dienstmädchen im Kurhaus Altefähr gearbeitet. Nach der Geburt von fünf Kindern kümmerte sie sich nur noch um die Erziehung der Kleinen. Unter diesen sozialen Voraussetzungen, keineswegs typisch für die Beamten-und Garnisonsstadt, fand Ernst Schiel keine Möglichkeit seinen Erstgeborenen auf eine höhere Schule zu schicken. Otto besuchte ab 1904 die achtklassige Knaben-Volksschule. Zur Aufbesserung seines schmalen Taschengeldes verdingte er sich wie einige andere Schüler auch als Laufbursche bei einem Herrn Sandbeck in der Heilgeiststraße. Das Niveau an der Volksschule muß übrigens mehr als mäßig gewesen sein. Aus einigen Notizen im Tagebuch meines Vaters geht hervor, dass die Klasse in der Winterzeit häufig auf dem Eis Schlittschuh lief. Und das keineswegs nur während der Sportstunde. In der Geographie fremder Länder offenbarten die Schüler eklatante Schwächen. Im Mittelpunkt des Lehrstoffes stand eindeutig die Vermittlung monarchistischer Gefühle. Es ist die Zeit der Vaterländischen Vortragsabende, der patriotischen Gesänge, der euphorisch gefeierten Erinnerung an die siegreiche Schlacht bei Sedan und der goldenen Zuversicht auf die deutsche Hochsee-Flotte. Die Kinder strahlen vor Glück, wenn unterm Weihnachtsbaum ein neuer Matrosenanzug liegt. Zwar ist er nicht so elegant wie die Uniform des Kaisers, aber die Sympathie zu Seiner Majestät liebstem Kind kann man schon damit demonstrieren. Dieses Gedankengut von Ehre und Nation, von Treue und Vaterland, wird überall in Deutschland verbreitet, nur in Stralsund vielleicht etwas ausgeprägter. Gibt es doch weit und breit keine Gegenströmung, welche den überschäumenden Patriotismus in ruhigeres Fahrwasser leitet, was angesichts der Bündnispolitik der Nachbarstaaten dringend geraten schien. Jene Kräfte, die es von ihren politischen Zielen her könnten, sind zahlenmäßig zu schwach, zersplittert und zerstritten. Den Sozialdemokraten steht in Stralsund die geballte Macht der Geschäfts-und Gewerbetreibenden, der vielen Angestellten von Behörden, der Rentiers und anderer gehobener Schichten entgegen. Stralsund ist eine Beamtenstadt. Sitz des Verwaltungszentrums eines preußischen Regierungsbezirks gleichen Namens. Stralsund beschäftigt also nicht nur städtische, sondern auch staatliche Beamte. Das Bürgertum und der Adel und nicht das Proletariat, das hier auf Grund fehlender Bodenschätze ohnehin keinen größeren Nährboden findet, bestimmt die soziale Struktur in der ehemaligen Hansestadt, die vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges etwa 36.000 Einwohner zählt. Außerdem sorgt die ständige Präsenz des Militärs für eine gewisse Strangulierung linksgerichteter Aktivitäten. Verschiedene Mitglieder des sozialdemokratischen Wahlvereins klagen über die hohe Fluktuation, über die Angst vor Repressalien, über schwach besuchte Veranstaltungen.Am 4. September 1909 spricht Karl Liebknecht in Stralsund auf einer öffentlichen Veranstaltung über das Thema: Die augenblickliche politische Situation in Deutschland. Die Nachricht darüber, knapp genug bemessen, musste im konservativen Stralsunder Tageblatt erscheinen. Ein eigenes Organ hatten die Sozialdemokraten schon längst nicht mehr. Ihr Blatt Stralsunder Volksstimme erschien nur ein Jahr, von 1891 bis 1892. Mein Vater erwähnt Liebknechts Vortrag mit keiner Silbe in seinen Tagebüchern. Dafür notiert er um so häufiger die Erlebnisse und die Arbeit im Evangelischen Männer-und Jünglingsverein. Es ist ja auch die Zeit der vielen, manchmal nicht mehr zu überschauenden, Vereine. Kaum ein Jugendlicher damals, der nicht in irgendeiner Form von der Jugendbewegung erfaßt wurde. Das breite Spektrum fing an bei den fahrenden Gesellen und den Wandervögeln, deren Anhänger mit Bundschuhen, Schillerkragen und Zupfgeigen um das Sonnenwendfeuer tanzten, bis hin zu den Pfadfindern, die sich im Kartenlesen übten und in Zelten übernachteten, und dem Jungdeutschlandbund, deren Mitglieder in einer Art Uniform in militärischen Gliederungen und mit Pfeifen und Trommeln Soldat spielten. In Stralsund gab es immerhin um 1910 insgesamt 170 Vereine. Otto Schiel und seine Freunde gehörten wie bereits erwähnt dem Evangelischen Männer-und Jünglingsverein der Jugendpflege an. Später als in den Nachbarstädten hatte sich dieser Verein am 29. November 1903 etabliert. Er bestand auf seiner ersten Sitzung aus 10 Mitgliedern. 1912 waren es dann schon 60 Mitglieder. Im Haus Fährstraße 11, das zu Weihnachten 1910 als Stiftung Evangelisches Gemeindehaus der Jugendpflege erworben wurde, fanden regelmäßig patriotische Vorträge, gesellige Abende, Bibelstunden, Kränzchen mit den Eltern, Musikveranstaltungen, Lesenachmittage und Theaterproben statt. Im Lesesaal, der zeitweilig als Herberge diente, konnte man aus 400 Büchern auswählen. Ab November 1911 übernahm der aus Halle gekommene Redakteur Kurt Diete das Amt des Jugendpflegers. Dem hochgebildeten Mann mit dem aufgezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart müssen die Jugendlichen ebenso vertraut haben wie Seiner Majestät selbst. In fast allen Briefen ist von Kurt Diete die Rede. Der Jugendpfleger hält noch Kontakt zu seinen Gottesdienern, da diese bereits durch Schlamm und Dreck dem Feind entgegen ziehen. Ihm glaubten sie offenbar mehr als Karl Liebknecht, dessen Name nur ein einziges Mal in den Briefen, und komischerweise von der Großmutter, Erwähnung findet. Der neue Geistliche besitzt tatsächlich die Fähigkeit, die ihm anvertrauten Schäflein mit seiner Begeisterung für das kaiserliche Deutschland anzustecken. Sie spielen gemeinsam Theater, heroische Stücke natürlich. Sie wandern durch die reizvolle Landschaft der näheren Umgebung und singen die alten schönen Volkslieder. Dabei träumen sie von der kommenden goldenen Zeit, in der die edelsten Züge der Menschen den Sieg über alles Böse und Schlechte dieser Welt davontragen würde. Man glaubt an eine Welt, wo es nur noch liebe Brüdern und Schwestern gäbe. Geschlossen wollten sie sich als die nach einem Roman von Rudolf Herzog benannten Burgkinder in einer Burg über einem See den Traum von der kleinen romantischen Welt erfüllen. Dabei merken sie in ihrer schwärmerischen Unschuld gar nicht, wie unter den Klängen ihrer Klampfe über Europa ein Gewitter aufzieht, das irgendwann all ihre Illusionen, ihre edlen Gefühle für Ehre, Volk und Vaterland zum Einsturz bringen sollte.

In der Stralsunder Bogenlampenfabrik, wo Otto eine Lehre zum Mechaniker aufnimmt, wird darüber nicht diskutiert, im Elternhaus auch nicht, und im Verein schon gar nicht. Aber in Stralsund bietet man der heranwachsenden Jugend genügend Abwechslung an, um sie von den ernsten Themen abzulenken. Da wird im Juni das Kornblumenfest gefeiert. Anschließend lockt der Johannismarkt. Die großen Volksfeste wie das berühmte Vogelschießen im Hainholz, und das Wallensteinfest im Juli, sind weitere Vergnügungen, die man als Jugendlicher nicht verpassen möchte. Und wenn Zirkus Blumenfeld einmal im Jahr sein 4000 Mann-Zelt am Sund aufschlägt, sind die Karten oft restlos ausverkauft. Außerdem hat in der alten Hansestadt die Wiege der preußischen Marine gestanden. Man pflegt und hegt die Tradition. Häufig liegen Torpedo-Schiffe oder Kreuzer und Schnellboote im Hafen. Ein imposanter Anblick für die Jugendlichen. So wachsen sie heran, die jungen Leute vom Sund, begleitet von den Klängen der Regimentskapelle, die jeden Sonntagmittag auf dem Alten Markt flotte Marschmusik ertönen läßt, und den maritimen Ereignissen, den Flottenbesuchen der Blauen Jungs. Einmal wollte sogar der Kaiser höchstpersönlich der Stralsunder Jugend einen Besuch abstatten. Mitglieder des Jungdeutschlandbundes hatten schon auf dem Hauptbahnhof Stellung bezogen. Die Hurras lagen ihnen bereits auf den Lippen. Doch wer nicht kam, war der Kaiser. Welche Enttäuschung, schrieb mein Vater in sein Tagebuch, es sind nur zwei Kammerdiener mit einem Hündchen aus dem Zug gestiegen, welche verkündeten, Seine Majestät würde gerade Morgentoilette halten.

Und dann ist eines Tages Krieg. Nach der Daily Telegraph-Affäre, und der Marokko-Krise, den Spannungen im Elsaß und den permanenten Unruhen auf dem Balkan empfinden die deutschen Jugendlichen, und nicht nur sie, die Kriegserklärung des Kaisers wie eine Erlösung. Das Gewitter sollte sich endlich entladen, damit man nach einigen Monaten des Kampfes wieder frische Luft atmen könnte. Als die ersten Augusttage des Jahres 1914 das Leben von Millionen Menschen schlagartig verändern, sehen die Zeitzeugen überall die gleichen Bilder, ob auf dem Petersburger Newski-Prospekt, oder dem Lomdoner Trafalgar Square, ob Unter den Linden in Berlin oder auf dem Pariser Place de Concorde: Überall jubelnde Menschen, flotte Militärkapellen, milchbärtige Jünglinge mit Blumen am Gewehr, und vielleicht ab und zu im Hintergrund eine weinende Mutter, die niemand bemerkt oder nicht sehen will. Die ganze Welt ist aus den Angeln gehoben worden. Es scheint, als ginge es zu einer Herrenpartie, und nicht in ein furchtbar sinnloses Gemetzel. Manche, die dabei gewesen sind, haben sich in späteren Jahren der Besinnung kopfschüttelnd gefragt, wie das möglich war. Sie fanden darauf keine befriedigende Antwort. Eine Hypnose oder Hystherie oder einfach ein Blackout des Geistes? Die Frage wird sicher jetzt wieder anlässlich der Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren von den Historikern erörtert werden. Ob sie dafür eine Erklärung finden, ist unwahrscheinlich. Aber kommen wir zurück auf die Ereignisse in Stralsund. Die Ironie des Schicksals hat es hier gewollt, dass ausgerechnet jener Mann, der bei Bekanntgabe der Mobilmachung an der Spitze der jubelnden Menge marschierte, und an verschiedenen Plätzen feurige Reden auf das kaiserliche Waffenglück hielt, wenige Wochen danach auf der Kanzel der Nikolai-Kirche in Tränen ausbrach. Superintendent Hornburg hatte die Nachricht erhalten, sein Sohn Georg wäre bei Longwy auf dem Feld der Ehre gefallen.Indes fiebert Otto Schiel unruhig seinem Einsatz an der Front entgegen. Scham überzieht sein Gewissen, denn zwei seiner Freunde sind schon als Freiwillige ins Feld gezogen. Und er? Er sitzt bei Muttern am Tisch, hockt noch zu Hause, während die Kameraden tollste Abenteuer erleben. So denkt dieser junge Mann, der später mein Vater werden sollte. Aber noch ist er zu jung für das Schlamassel. Darum will er wenigstens Samariterdienste für die Kriegshelden leisten. Er nimmt Kontakt zu seinem Onkel in Eckardtsheim auf, schreibt, er möchte in die Fußtapfen seiner Verwandtschaft treten, da die Geschwister seines Vaters alle in christlich-seelsorgerischen Einrichtungen tätig wären. Der eine Onkel arbeitete lange Jahre als Erzieher im Stralsunder Waisenhaus, ein anderer ist Hausvater der Neinstedter Anstalt. An ihn wendet sich Otto in seinem Kummer, wird nicht erhört, und nimmt schließlich in Stralsund an einem Sanitäts-Lehrgang teil, um bald schon bei der Bahnhofswache die ersten Verwundeten aus dem Kriege zu versorgen. Er sieht den ersten Transport von Gefangenen, verwundete Franzosen, deren Uniformen eher dem Fundus eines Theaters als der Kleiderkammer des Militärs entnommen zu sein scheinen. Sie tragen rote Hosen, rote Mützen und blaue Jacken. - Dann die ersten Hiobsbotschaften. Eine amtliche Verlustliste ist veröffentlicht worden. Sie besteht aus seitenlangen Todesanzeigen. Auffällig viele Freiwllige sind darunter, in der Regel Gymnasiasten, die außer ihrem Enthusiasmus wenig in den Krieg einzubringen hatten. Sie starben bei Langemarck oder Noyon oder im Osten.

In Stralsund geht das Leben wie gewohnt weiter. Die Front liegt ja auch anderswo, fernab der Heimat, in Frankreich und Belgien, in Galizien und Kurland. Dort wird gekämpft, doch die Daheimgebliebenen sollen nicht die Hände in den Schoß legen. Oma Schiel erfährt aus der Zeitung, dass es auch am Sund eine Front gibt, die Heimatfront. Eine entsprechende Bekanntgabe erfolgt vom II. Armeekorps. Weil der Kaiser die ihm laut Verfassung zustehende Rolle des Obersten Kriegsherrn nicht wahrnimmt, geht die Kommandogewalt nach Maßgabe eines preußischen Gesetzes aus dem Jahre 1851 (Ausnahmegesetz) an die etwa 60 Kommandierenden Generäle in den einzelnen Bereichen der Armeekorps über. Stralsunds Kaiser ist fortan der Kommandierende General des II. Armeekorps Stettin, Generalmajor der Kavallerie von Vietinghoff. Ihm hat auch Oma Schiel zu gehorchen. Das Deutsche Kaiserreich ist zur mittelalterlichen Kleinstaaterei zurückgekehrt. Die vielen Verordnungen, Verfügungen und Bekanntmachungen nehmen kein Ende. Die Stralsunder Zeitungen füllen damit ganze Seiten aus. Als die Versorgungslage immer schlechter wird, eine Hungersnot droht, schickt man Schüler in den Wald, um Brombeeren zu pflücken. Man sammelt Blätter für den Tee und für Rauchwaren, macht Jagd auf Krähen. Die Deutschen sind wieder zu Jägern und Sammlern geworden Indes zieht Jugendpfleger Kurt Diete die Fäden zu seinen Vereins-Mitgliedern an der Front, schickt den im Feld stehenen Jünglingen die neuen Adressen der Kameraden zu, sendet ihnen sogenannte Scharbriefe, lädt sie beim Heimaturlaub zu sich nach Hause ein. Unermüdlich sorgt er für vielerlei Ablenkung, damit keine düsteren Gedanken aufkommen, obwohl die fatale Wirkung des Krieges nicht mehr zu übersehen ist. Die Reihen im Verein lichten sich. Mit dem verbliebenen Rest marschiert Kurt Diete weiterhin durch die Heimat, spielt nun mit den Mädchen vom Jungmädchenbund Theater, organisiert Kränzchen für die Eltern, aber die rechte Stimmung will nicht mehr Einkehr halten in den Herzen der Mädels. Selbst der Kaisergeburtstag, ein sonst so fröhlich begangener Wallensteintag, das beliebte Schützenfest und der bunte Johannismarkt ändern an dieser melancholischen Stimmung wenig. Die Jugend muß zu viel Leid ertragen.

So gehen die besten Jahre dahin. Der Krieg wird zum Alltag, bis endlich der lang ersehnte Tag des Friedens naht. Wir sehen die Mitglieder der Familie Schiel wieder glücklich vereint. Und der Jünglingsverein? Zum Weihnachtsfest 1914, so hatte es ihnen ihr Kaiser feierlich versprochen, sollten sie alle wieder daheim sein. Aus Monaten wurden Jahre, vier Jahre, in denen romantisch verklärte Jünglinge zu ernsten Männern wurden, denen die Erinnerung an den furchtbaren Krieg zu einer bleibenden Last geworden war.

VORABEND UND BEGINN DES ERSTEN WELTKRIEGES

Als am 28. Juni 1914 ein schmächtiger bosnischer Student namens Gawrilo Princip in Sarajewo die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand abgab, da glaubten wohl die Wenigsten, dass aus jenem Vorfall ein Weltenbrand entstehen würde, wie ihn die Geschichte der Menschheit noch nie zuvor erlebt hatte. Dabei zählten die südlichen Ausläufer der Österreichisch-Ungarischen Monarchie schon seit längerer Zeit zu den Unruheherden des riesigen Reiches. Dort prallten die Religionen der Christen und der Muslime aufeinander. Es gab wenige Ecken auf der Welt, wo so viele Sprachen und Nationalitäten mehr Anlass für Konflikte boten. Auf der einen Seite das starre Festhalten des österreichischen Kaisers an der gottgewollten Hegemonie, auf der anderen Seite der stärker werdende slawische Nationalismus, der nach Expansion strebt. Eine Fülle von Verträgen und Bündnissen ist notwendig, um die gegenteiligen Bestrebungen beider Mächte notdürftig im Zaune zu halten. Doch Serbien ist nach dem letzten Balkankrieg politisch erstarkt, bietet jenen Kräften Schutz an, die auf den Zusammenbruch der K.u.K. Monarchie hinarbeiten. Auf russische Unterstützung dürfen sie bauen, denn das gewaltige Zarenreich benutzt den kleinen Balkanstaat für eigene politische Herrschaftspläne im osmanischen Territorium. Die gegenwärtige Lage sieht also so aus, dass hinter Österreich das deutsche Kaiserreich steht und Serbien Rückenstärkung durch Frankreich und Rußland erhält. Letztere haben bereits 1894 in Kronstadt eine Allianz geschlossen. Welcher Staatsmann war bei einer derartigen Konstellation noch fähig den Frieden zu retten? Es gab keinen. Er hätte auch ein Weltdiplomat von Gottes Gnaden sein müssen. Die sind aber vorher schon gegangen worden, wenn man nur an Bismarck denkt. Zwangsläufig erfährt die Welt im Jahre 1914 von einer weiteren Balkankrise, der dritten im dritten Jahr. Sie ufert in eine weltweite Krise aus, weil die führenden Politiker der Stunde mit bedingtem Vorsatz in die Katastrophe steuern. Österreich-Ungarn glaubt, jetzt, ergo nach dem Attentat, sei die Zeit für eine endgültige Unterwerfung Serbiens gekommen. Ein Ultimatum wird aufgesetzt, von dem man am Wiener Hof genau weiß: die darin enthaltenen Forderungen sind unerfüllbar. Drei Tage später erfolgt die Kriegserklärung. Deutschland hat nichts dagegen. Die Weichen sind gestellt, der Kriegskurs abgesteckt, die Soldaten stehen Gewehr bei Fuß. Manöver hier, Manöver dort, der europäische Konflikt kann sich nach Belieben ausweiten. Wer die Gefahr des Augenblicks begreift, sendet noch schnell Telegramme, Appelle, Aufrufe. Alles wertloses Papier. Fortan regiert nur noch das Militär. Die Waffen sprechen. Es entwickelt sich, was man in Militärkreisen die Eigendynamik der Kriegsmaschinerie nennt. Rußland ordnet am 30. Juli eine Teilmobilmachung, angeblich zum Schutze Serbiens. Dies geschieht ohne Rücksprache mit dem Bündnispartner Frankreich. Daraufhin fordert Deutschland die Russen auf, diesen bedrohlichen Akt unverzüglich einzustellen. Depeschen werden gesendet und empfangen. Von Kaiser zum Zaren, vom Zaren zum Kaiser, von Vetter zu Vetter, denn die beiden mächtigen Herrscher sind tatsächlich miteinander verwandt. Da trifft mitten in diesem Geplänkel die endgültige Entscheidung von Zar Nikolaus II. in Berlin ein. Es bleibt bei der russischen Mobilmachung. Kaiser Wilhelm II. gibt schließlich dem Druck des Militärs nach, ruft am 1. August ebenfalls die Mobilmachung aus, Frankreich bleibt auch nicht untätig, und wenige Stunden später ist es soweit. Deutschland erklärt Rußland den Krieg. Bedeutende Kundgebungen für den Frieden finden statt. Ein Strohfeuer, denn am 2. August ruft das Volk in Berlin nach dem Kaiser. Erst zögert der Monarch, dann betritt er den Balkon seines Berliner Schlosses und ruft der Menge zu: Aus tiefem Herzen dank ich Euch für den Ausdruck Eurer Liebe, Eurer Treue. Im jetzt bevorstehenden Kampf kenne ich in Meinem Volk keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche. Und welche von den Parteien auch im Laufe des politischen Streits sich gegen Mich gewandt haben, Ich verzeihe ihnen allen!Ein Satz, der die Runde macht, der Wirkung erzielt, ein psychologischer Schachzug allererster Güte. Anschließend Glockengeläut vom nahen Dom, zackige Marschmusik, die Wacht am Rhein erklingt, schmetternde Hurras auf den Kaiser und ein Ruf erschallt wie ein Donnerhall: Deutschland, Deutschland über alles:" Alle liegen sich in den Armen. Die Lehrer, Priester und die Militärs. Ihre Saat ist aufgegangen. Deutschland marschiert.

Die Deutschen marschieren nach dem Schlieffen-Plan von 1905, der bewußt die Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs einkalkuliert, allerdings nicht berücksichtigt, dass England diese Rechtsverletzung zum Anlass für ihre Kriegserklärung an die deutsche Monarchie nehmen könnte. Der Plan des ehemaligen Chefs des Generalstabes war auf einen Zweifrontenkrieg ausgerichtet. Die Franzosen sollten in einer gigantischen Umzingelungsschlacht im Stile von Cannae eingekreist und vernichtet werden, ehe das vermeintlich schwache russische Heer ihre Mobilmachung abgeschlossen hatte. Nach der geglückten Operation im Westen sollte der Schwerpunkt nach Osten verlagert werden. General Schlieffen hatte sich am Plantisch sicher nicht vor weiten Entfernungen gefürchtet, die allerdings auf der Karte weit angenehmer zu ertragen waren als in der Wirklichkeit, bei Morast und Schlamm und Hunger und Kälte und Schmerzen. Die Infanterie war für diesen Plan nicht mobil genug. Auf der Gegenseite hatte der französische Oberbefehlshaber Joffre auch kein besseres Konzept zur Hand. Sein sogenannter Plan 17 spielte eher der deutschen Armee in die Karten und brachte die Franzosen an den Rand einer Niederlage. Die Franzosen greifen ab dem 7. August im Elsaß, in Lothringen und gleich darauf in den Ardennen an. Alle Versuche eines Durchbruchs scheitern. Die deutsche Feuerkraft, die Disziplin der Soldaten, und das organisatorische Talent geschulter Offiziere ist von der Gegenseite unterschätzt worden. Die deutsche Offensive findet gemäß des Schlieffen-Planes weiter nördlich statt. Trotz des Widerstands in Lüttich (4.-16. August) durchquert das deutsche Heer Belgien. Und während sich die Belgier nach Antwerpen zurückziehen, bedrohen deutsche Truppen das weniger befestigte Nordfrankreich. Französische und britische Einheiten vermögen den deutschen Vormarsch nur zu verlangsamen, zuerst an der Sambre, wo die Schlacht von Charleroi tobt, dann bei Le Cateau und Guise. Die Aisne und die Marne werden von den Deutschen überschritten. Paris liegt für sie in Reichweite. Schon beginnt man in der französischen Hauptstadt mit der Evakuierung. Die deutsche Presse jubelt: Flucht der französischen Regierung aus Paris ! Die Einnahme der Metropole ist nur noch eine Frage von Stunden. Doch der Gewaltmarsch erschöpft die deutschen Truppen, insbesondere natürlich seine Infanterie. Zudem hatte Joffre die Wochen des Rückzuges dazu benutzt, um zahlreiche Generäle wegen erwiesener Unfähigkeit zu ersetzen und frische Truppen aus den Vogesen in die Champagne zu verlegen. Anfang September sind die Allierten soweit. Sie starten zum Gegenangriff.

Im Osten greifen die Russen ab dem 18. August Ostpreußen an. Eine ihrer Armeen, die zweite unter Samsonow, wird jedoch bei Tannenberg völlig aufgerieben. Die Deutschen unter Hindenburg und Ludendorff nehmen mehr als 100.000 Mann gefangen und erbeuten 500 Geschütze. General Samsonow nimmt die Verantwortung auf sich. Er begeht Selbstmord. Und Deutschland hat einen neuen Helden, Paul von Hindenburg. Der Kult mit ihm nimmt schon bald groteske Formen an. Unterdessen wird zwei Wochen darauf die andere russische Armee, befehligt von Rennenkampf, durch die Sümpfe der masurischen Seenplatte der Grenze zu getrieben. Glück für die Russen, wenn sie auf Österreicher treffen. Mit ihnen werden sie fertig und schlagen sie in Galizien, obwohl das kein militärisches Kunststück ist, denn selbst die Serben bringen den österreichischen Soldaten eine empfindliche Niederlage bei und befreien Belgrad. Vier Monate haben genügt, um alle strategischen Theorien über den Haufen zu werfen. Der Krieg hat seine eigenen Regeln spielen lassen. Auf dem Höhenrücken der Vogesen tritt eine Stabilisierung der Frontlage ein. Ab dem 6. September greifen die Alliierten die Flanke des rechten deutschen Flügels in der Champagne an. Die Marne-Schlacht (6.-9. September) wird zum Prüfstein des deutschen Schlieffenplanes. Beinahe, aber nur beinahe, wäre er aufgegangen. Man geht aber am rechten Flügel zu forsch zu Werke. Dort hatte plötzlich die Zweite Armee keinen Kontakt mehr zur Ersten, weil man im unterschiedlichen Tempo vorrückte. Es tat sich eine Lücke auf, in welche die Engländer auf 50 km Breite heineinstießen. Ein Oberst Hentsch übermittelte oder gab den Befehl, so genau weiß man das nicht, zum Rückzug der Zweiten Armee, dem die Erste folgte. Die Deutschen beziehen darauf Stellung auf den Höhenzügen an der Aisne. Sie heben Schützengräben aus. Nach vergeblichen Angriffen machen es ihnen die Alliierten nach, arbeiten ebenfalls an Stellungen für die Verteidigung. Vom 13. September an versuchen es mal die Deutschen, mal die Alliierten, den Gegner einzukesseln. Der Wettlauf zum Meer beginnt. Es ist dies der letzte verzweifelte Kampf, dem Bewegungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Doch diese Kämpfe, die an der Somme bei Arras und am belgischen Yserkanal stattfinden, verlängern nur die Front, bis hin zur Nordsee. Ende 1914 liegen sich die Deutschen und die Alliierten auf einer Länge von 750 km im Schützengraben gegenüber. Ein Krieg neuen Typus ist geboren, der Stellungskrieg, nach dem der Bewegungskrieg gescheitert ist.

BRIEFE 1914

 AN ALBERT SCHIEL (1)

Stralsund, den 9. 8. 1914

Lieber Onkel!

Soeben komme ich von den Großeltern und habe Deine Karten vom 5/8 gelesen. So wie Du denke ich auch. Ich verstehe, was es heißt, Freunde, die einem jahrelang mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben, ziehen zu lassen. Aber: Der König rief und alle, alle kamen. Deine Freude würde groß sein, wenn Du sehen könntest, wie auch in Stralsund alles freudig und voll Gottvertrauen zu den Waffen will. Es haben sich mehr junge wie alte Leute freiwillig gestellt als erwartet war, denn in Stralsund sind jetzt etwa 50 Mann überzählig. Hier sammelten sich aber auch über 20.000 Soldaten. Viele meiner Bekannten haben schon des Königs Rock angezogen. Die ganze Prima des Gymnasiums, mit Ausnahme von zwei Schülern, die nicht tauglich sind, spaziert schon auf dem Kasernenhof. Auch Studenten aus Greifswald dienen hier. Wenn man sieht, wie freudig die Freiwilligen ihren Dienst versehen, wie freudig auch unsere 42-er gestern zur französischen Grenze fuhren, dann muß man sagen: es ist nicht auszudenken, daß ein Volk, das so begeistert in den Kampf zieht wie wir, zu Grunde gehen kann. Darum wollen wir den Lenker der Schlachten um den Sieg bitten. Wir werden denen, die den Krieg leichtsinnig heraufbeschworen haben, zeigen, was es heißt, mit Soldaten Kaiser Wilhelms anzubändeln. Leider kann ich nicht, wie viele meiner Kameraden, mitkämpfen, da ich mein 17. Lebensjahr noch nicht vollendet habe. Um so mehr erachte ich es als meine Pflicht, mitzuhelfen bei der Heilung der Wunden, die der Krieg bringt. Meinem Heiland möchte ich dienen durch Pflege an Kranken und Verwundeten. Als Helfer des Roten Kreuzes will ich versuchen mich nützlich zu machen. Leider kann man mich in Stralsund nicht verwenden, da die Militärärzte abwesend sind und ich einen Kursus nicht mitgemacht habe. Da Du schreibst, ihr werdet 2000 Verwundete aufnehmen, werdet ihr doch auch mehr Helfer brauchen als bisher. Ich richte nun an Dich die Bitte, mir mitzuteilen, ob ich vielleicht angenommen werde, und mit welchen Leistungen. Einer baldigen Antwort dankend entgegen sehend verbleibe ich

Dein Neffe Otto

VON WILHELM PUCHERT (2)

Stettin, den 29.8.14

Lieber Otto!

Meine Karte vom Donnerstag hast Du wohl bekommen. Wir sind glücklich angekommen. 7 Stunden Fahrt. Und was für eine Fahrt. Wie ich Dir schon schrieb, einfach großartig. Die Begeisterung, mit der wir überall empfangen wurden, die Bewirtung auf den Bahnhöfen. Ueberall schleppten sie herbei, was nur möglich war: Kaffee, Limonade, Brot, Äpfel und solche schönen Sachen. Manches alte Mütterchen habe ich beobachtet, daß, wie sie den riesigen Militärzug sah, die Hände zusammenschlug und ihre Augen feucht wurden. Und dabei ging es erst zur Ausbildung, gar nicht mal in den Krieg. Sämtliche Strecken waren von der Landwehr besetzt, die uns manch derbes Schimpfwort auf unsere Freude nachriefen, mit dem Bemerken, daß wir besser trauern sollten. Wie wir in den Stettiner Bahnhof einfuhren, war auch schon das rote + an der Arbeit, um uns zu laben. Wir rückten abends 7 Uhr ins Massenquartier, 150 Mann. Für mich war es ja nicht direkt ungewohnt im Stroh zu schlafen, aber es ist doch manch einer darunter, der so etwas nicht konnte und deshalb stöhnte. Das

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