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Länge:
585 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
19. Juli 2015
ISBN:
9783738034127
Format:
Buch

Beschreibung

Die Landgrafen von Thüringen aus dem Geschlecht der Wettiner versuchen im vierzehten Jahrhundert, aus ihren verstreuten Ländereien einen einheitlichen Staat zu formen, der den Frieden und das Einkommen des Fürsten sichern kann. Widerstand erhalten sie vom thüringischen Adel, der um seine Privilegien fürchtet; Unterstützung gibt es von den Fürsten der umgebenden Gebiete, die das gleiche Ziel wie die Wettiner haben. Einige wenige Adlige unterstützen jedoch die Landgrafen. Einer ist Cuonrad von Steigerthal, der nach langen Lehr- und Wanderjahren eher ein frühneuzeitlicher Bürger zu sein scheint als ein Ritter: er herrscht nicht, er wirtschaftet und macht damit sein Lehen und die Landgrafschaft wohlhabend. Doch Ketzerverfolgungen, Fehden, Kriege und die Pest verschonen auch Steigerthal nicht - und Conrad zieht seine Konsequenzen...
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19. Juli 2015
ISBN:
9783738034127
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Silber - Hans.Joachim Steigertahl

Nordhausen, Thüringen, Sommer 1349

Er hielt an, schaute hinter sich und lauschte. Kein Getrappel war zu hören, keine Bewegung zu sehen. So lautlos wie möglich führte er den Hengst durch das Tor. Mit dumpfem Schlag fiel der rechte Flügel des schweren Holztors des Klosters Himmelgarten bei Nordhausen hinter ihm zu, der eiserne Riegel glitt quietschend in seine Verankerung.

Cuno, Cuonradus von Steigerthal, war aus der Welt der alltäglichen Menschen verschwunden und in die Welt des Klosters eingetaucht.

Er dankte dem Bruder Portenarius und führte sein Ross nach rechts an den Gesindewohnungen und den Schweineställen vorbei zu den Stallungen. Um kein Aufsehen zu erregen, öffnete er selbst die in der Mitte geteilte Tür, suchte sich, im Dunkeln tastend, eine leere Box und nahm Berno, dem Enkel Vážís, das Geschirr ab, hängte es an den Haken an der Rückwand, legte die nasse, schwere Pferdedecke über die Trennwand zur nächsten Box und rieb Berno mit trockenem Stroh ab, bevor er ihm einen Eimer Wasser holte und einen Scheffel Hafer in die Futterkrippe schüttete. Dann hängte er die zwei Handrohre, das Pulverhorn und den ledernen Beutel mit den Bleikugeln ebenfalls an den Haken für das Zaumzeug,

Als er aus dem Stall trat und sorgfältig die Tür wieder verriegelte, brach das Unwetter, das er schon vor Stunden ertragen hatte, erneut los. Heftige Sturmböen peitschten die Birken an der Klostermauer, im Westen zuckten erste Blitze. Noch vor dem ersten Regenguss lief Cuonrad eilig an der Klosterkirche und dem Kreuzgang entlang zum Haus des Abtes.

Ono von Wettin war von Walafried, dem Bruder Pförtner, der den späten Gast eingelassen hatte, schon in Kenntnis des längst befürchteten Ereignisses gesetzt worden und erwartete Cuonrad mit zwei reich verzierten Kelchen dunklen, roten Weines.

„Setz dich. Cuonrad betrat den spartanisch aber erlesen möblierten Wohnraum des Abtes, der trotz seines Amtes kaum älter war als der Ritter. Gewebte Teppiche mit Darstellungen aus dem Leben und Wirken Christi bedeckten die beiden Querwände, direkt gegenüber der Tür befand sich das große Fenster mit der oben zulaufenden Spitze, wie es in den letzten Jahrzehnten Mode geworden war; völlig ungewöhnlich war der Luxus der mit Blei gefassten bunten Scheiben, die den ganzen Rahmen ausfüllten und so das Unwetter draußen hielten. Bei jedem Blitz konnte Cuonrad andere Szenen im Glasfenster erkennen. Unter dem Fenster stand die schwere, aus Eichenholz geschnitzte Truhe, in der die Dokumente des Klosters aufbewahrt wurden, auch die, die Cuno über sich und die Seinen ihm zur Verwahrung übergeben hatte. Zwei Fackeln in ihren Wandhalterungen rechts und links des Fensters gaben ein schwaches, aber im Vergleich mit den Blitzen stetiges Licht. Der Abt, ein großer, kräftig gebauter Mann, kaum älter als Cuonrad, der nach den langen Jahren des Streitens und Ausgleichens eher wie ein Ritter als wie ein Kirchenmann erschien, saß, mit der schwarzen, weit fallenden Kutte seines Ordens bekleidet, den Kopf von der Kapuze fast verdeckt, in einem reich verzierten Armstuhl aus hellem Holz, neben sich ein Tischchen mit Intarsien, auf dem die beiden Kelche standen; zwischen ihnen lag die – wie Cuonrad wusste – reich illustrierte Bibel, in die sich Ono in seinen wenigen Mußestunden zu vertiefen pflegte. Er wies auf den Stuhl an der anderen Seite des Tischchens. „Mach die Tür zu, das Wetter ist gar zu unchristlich – und außerdem muss niemand zuhören.

Der Ritter legte seinen schweren Mantel ab, der bisher den wappengeschmückte Brustharnisch verborgen hatte und ließ sich in den Stuhl sinken. Unter den prüfenden Blicken das Abtes lächelte er kurz und sagte: „Nein, nein, Ihr müsst nicht schauen, ich habe keine Pestbeulen, bin unverletzt und vom letzten Gewitter schon fast wieder trocken, aber müde. Auch des Lebens!"

Der Abt reichte ihm den ziselierten Pokal: „Trink erst einmal und dann erzähle!"

Steigerthal, Thüringen, Frühjahr 1316

Cuno hüpfte unbeschwert die zwei Stufen zum Lichthof hinunter, rannte durch den äußeren Zwinger zum Tor und schaute den beiden Reitern entgegen, die eben auf die steinerne Bogenbrücke ritten.

Über ihm hatte aus der Wachstube schon der Ruf „Wettin gehallt und war mit „turingia semper von den beiden Reitern beantwortet worden.

Auf einem kräftigen Braunen saß sein älterer Bruder Gernot - meistens nur der „Kleine gerufen, um ihn von seinem Vater Gernot, dem „Alten zu unterscheiden - wenig standesgemäß gekleidet in einen einfachen, blauen Bauernkittel ohne Wappen, der hervorragend dazu diente, das darunter getragene Kettenhemd und das Kurzschwert zu verbergen. Ihm zur Seite ritt Cuonrad von Hohnstein, Cunos Pate, im glänzenden Kettenhemd unter dem wehenden Mantel. Er war das Oberhaupt der weit verzweigten Familie derer von Hohnstein. Hinter ihnen folgten ein paar von Hohnsteins Leuten und sein Knappe mit dem Schild. Hohnstein, die rechte Hand des Landgrafen Friedrich, des Herrschers über Thüringen, gehörte zu einem alten Grafengeschlecht, dessen Stammsitz, Burg Hohnstein, etwa drei Tagesritte nach Südosten lag. Burg Hohnstein war auch das Vorbild für die Burg in Steigerthal gewesen, einer der Gründe, warum Cuonrad von Hohnstein gerne hierher kam.

Cuno schaute seinem Bruder kurz ins Gesicht, um irgendwelche Informationen ablesen zu können. Aber der „Kleine" war schon so geübt, dass sich Cuno, ohne seine Neugier befriedigt zu haben, vor Hohnstein verbeugte und ihn in Steigerthal willkommen hieß, wie es Usus war in den Burgen der thüringischen Ritter.

Der Graf glitt von seinem grauen Hengst, drückte sein Patenkind kurz aber herzlich an sich und befahl: „Bring mich zu deinem Vater! Cuno hatte hunderte von Fragen, er hatte ja gesehen, was im Dorf gestern Abend geschehen war, aber er wusste, dass Hohnstein erst seinen Vater sprechen wollte. Zu Cunos Glück kam einer der beiden Stallburschen herbei um die Pferde zu versorgen, so dass der Junge mit dem Angebot „Darf ich Euch zu ihm führen? wenigstens die Chance hatte, bei dem Gespräch dabei zu sein.

Stolz lief Cuno vor dem Grafen und seinem Bruder durch den Hof zum im Süden der Burg gelegenen Wohnhaus der Familie. Sie stiegen die wenigen Stufen, die immer noch aussahen als wären sie frisch gehauen worden, hinauf; einer der beiden Torflügel war offen, um die warme Luft in den Saal hineinzulassen. Der „Kleine" öffnete auch den zweiten Flügel und ließ den Grafen eintreten.

Der Boden des Saals war mit frischem Stroh bestreut, die großen Tische waren mit Sand geschrubbt, Becher und Holzteller standen sauber in der Mitte. Nur die an der Wand gestapelten Bänke für das Gesinde wiesen darauf hin, dass offensichtlich gerade der Saal geputzt worden war. Der große offene Kamin am Ostende des Saals war mit einem Strohteppich verhängt, damit die warme Luft des strahlenden Tages nicht gleich wieder entwich. Cuno stürmte die Holztreppe rechts neben dem Kamin hoch, klopfte an die dritte Tür und trat ein, ohne auf Antwort zu warten. „Cuno! Die Stimme des Vaters klang unwirsch. „Habe ich ‚Herein‘ gesagt? „Entschuldige, Vater, aber ich habe Dir den Grafen Hohnstein gebracht, den Du doch sicher nicht erwartet hast! „Ich weiß, dass er da ist, ich habe sein Wappen auf der Satteldecke schon erkannt, lange bevor er die Zugbrücke mit Gernot betrat, auch wenn der Mantel es meist verdeckte; und schließlich kenne ich den Herrn Grafen gut genug! Tretet ein! wandte er sich an den Grafen „ und verzeiht dem Wildfang Cuno sein mangelndes Benehmen. Cuonrad trat ein, lächelte Gernot an und legte ihm beide behandschuhten Hände auf die Schultern. „Es tut gut, Euch wohl zu sehen in diesen unruhigen Zeiten!

Die beiden Männer traten an das Fenster, das seit dem Wärmeeinbruch von seiner Bretterverschalung befreit war, und schauten hinunter zum Dorf. Zwei verkohlte Ruinen waren deutliche Zeichen für das, was der Graf meinte.

Der „Kleine" hatte ihm auf dem Weg hierher berichtet, was geschehen war: Eine Truppe Reiter unter der Fahne des benachbarten Städtchens Nordhausen war des Abends angerückt und hatte plötzlich die wenigen noch anwesenden Bergleute mit Waffengewalt vertrieben, das Windenhaus über dem Schacht angezündet, den zum Löschen herbeigeeilten Schachtmeister niedergeschlagen, ihm den Schlüssel entrissen und dann in der Schmelzhütte das fertige Silber entwendet, bevor sie auch diese Kammer dem Feuer überantworteten und unter lautem Gejohle davonjagten.

Menschen waren wohl nicht zu Schaden gekommen, der Schachtmeister hatte sich bald wieder erholt, aber die Schmelzöfen waren zerstört, der Schacht ohne Winde nicht mehr benutzbar, das Silber fort. Graf Hohnstein, den der Landesherr Friedrich zum thüringischen Münzvogt ernannt hatte, hätte daraus in den kommenden Wochen Münzen schlagen lassen sollen, um die dringendsten Bedürfnisse des Hofes und des Heeres zu befriedigen.

Während der Alte berichtete, legte Graf Hohnstein die Handschuhe ab und warf den Mantel über einen Schemel. „Ich habe natürlich gleich heute Morgen den Kleinen mit zwei landfremden Knappen, die hier bei mir dienen, nach Nordhausen geschickt, um im Kloster und der Stadt zu erkunden, wer hinter dem Angriff steckt, aber leider konnte der Magistrat nachweisen, dass die Fahne gestohlen und die Angreifer nicht aus Nordhausen waren. Der Abt des reichsunmittelbaren Klosters Himmelgarten hat Gernot bestätigt, dass die Kriegsflagge der Reichsstadt in der Tat vor Wochen geraubt wurde, als ein kleiner Trupp der Gemeinde auf dem freien Feld vor dem Südtor seine Wehrfähigkeit trainierte."

„Wer kann es dann gewesen sein? „ Fragt besser, wer es nicht gewesen sein kann, erwiderte der Alte. Cuonrad von Hohnstein verzog angewidert den Mund. „Ich weiß, dass alle Ritter in der Umgebung dazu in der Lage und dazu gewillt gewesen wären, ärgert sie doch immer noch Eure nicht ganz ritterliche Herkunft und Euer Wohlstand. „Weil sie zu beschränkt sind, um sich in wandelnden Zeiten wandelnde Erwerbsquellen zu suchen! antwortete der Alte, ohne auf die versteckte Kritik einzugehen. „ Silber gibt es doch nicht nur in Steigerthal, sondern in der ganzen Region bis hinunter nach Böhmen, aber sie sind so ehrversessen und wenig auf Veränderungen bedacht, dass sie es an uns auslassen, weil wir ein besseres Leben mit ausreichend Essen und Trinken und ohne Kriegswunden führen können, und das ‚wir‘ sind nicht nur wir Steigerthals, sondern auch die Leute im Dorf und im ganzen Lehen".

Hohnstein wusste sehr wohl, worauf der Alte anspielte: Das in der Landgrafschaft übliche Fehdewesen führte dazu, dass Kleinigkeiten als Ehrverletzung aufgefasst wurden und jedes Rittergeschlecht versuchte, das andere zu übertrumpfen. Da waren die Steigerthals gute Sündenböcke, denn deren Ritterlichkeit beruhte nicht auf langen Reihen von ritterlichen Vorfahren, sondern auf der Belehnung vor kaum fünfzig Jahren durch den Landgrafen Heinrich aus dem mächtigen Geschlecht der Wettiner, die seit zwei Generationen um die Herrschaft über Thüringen kämpften. Davor war der erste Gernot erst Leibeigener aus dem Dorf Steigerthal, dann Diener Heinrichs gewesen, kam also wirklich aus niederstem Stand. Doch nachdem er Heinrich zwei Mal das Leben gerettet hatte, hatte dieser nicht gezögert, ihn zum Ritter zu schlagen.

Einer der Knappen, die mit dem Kleinen in Nordhausen gewesen waren, brachte einen Krug und Pokale. Der Alte reichte Hohnstein und seinem Ältesten ein Trinkgefäß, füllte das des Gastes, dann seines und dann das des Sohnes. Cuno hatte nicht verstanden, was die beiden mit der Ehrversessenheit und der Beschränktheit der anderen Ritter gemeint hatten, aber nach der Zurechtweisung durch den Vater vorhin getraute er sich nicht nachzufragen. Da er wusste, was in dem Krug sein würde, wartete er auf den Gesichtsausdruck des Grafen, wenn der den ersten Schluck probiert hatte.

„Wo habt Ihr diesen Tropfen her? brach es aus dem Grafen hervor. Trotz der misslichen Lage musste der Alte lächeln: „Den habe ich bei meiner lothringischen Verwandtschaft gekauft und der Hansekaufmann Wiebold aus Brügge hat ihn mir neulich mitgebracht, als er meinen Teil vom Silber abholte. Da er von über 50 Landsknechten begleitet war, ist dem Wein nichts passiert und – soweit ich weiß – auch dem ganzen Silber nicht, hat er doch bis hinunter ins böhmische Iglau das edle Metall für den Kaiser Heinrich aufgekauft. Ich verstehe nicht, warum König Johann sein Silber vom Händler seines Todfeindes aufkaufen lässt… Hohnstein lachte bitter: „Aus dem gleichen Grund, aus dem die Spitzbuben unser Silber gestohlen haben: Gier auf schnellen Gewinn ohne größere Anstrengung, egal, was passieren könnte, wenn der Plan nicht aufginge."

Der Alte wies auf die in die dicke Wand eingelassenen, einander gegenüberliegenden Sitzbänke, auf die Cuno schnell ein paar Kissen gelegt hatte: „Setzt Euch – wir müssen überlegen, was wir tun können. Bis wann müsst Ihr die Münzen für Landgraf Friedrich geschlagen haben? „Er braucht sie spätestens beim Hoftag im Herbst – dann muss der Sold der Reisigen ausbezahlt werden und der gesamte Adel Thüringens wird versuchen, ihm Küche und Keller leer zu fressen und leer zu saufen - verratet ihm ja nichts von Eurem Wein, sonst kommt der ganze Haufen hierher!, schloss er wieder lachend. „Aber im Ernst: ich muss bis Anfang September das Silber haben, und zwar mehr als 150 Pfund, sonst schaffen es meine Münzknechte nicht mehr, daraus die Münzen zu schlagen."

„Und das schaffen wir nicht – wir hatten fast 90 Pfund bereit, und selbst, wenn wir alle Silberadern gleichzeitig ausbeuten könnten, würde es nicht reichen. „Aber ich kann auch nirgendwo anderes Silber kaufen, denn erstens ist Euer Silber garantiert rein, was ich bei anderen bezweifle, zweitens wüsste ich nicht, womit ich es bezahlen sollte und drittens würde es sofort heißen, dass der Landgraf so schlecht wirtschaftet, dass er viel mehr verbraucht als er einnimmt. Wenn wir herumerzählen, dass Diebe Euer Silber gestohlen haben und wir deshalb Silber an anderen Orten kaufen müssen, hat das die gleichen Folgen. Wir können also nur darauf vertrauen, dass die Gauner hübsch verheimlichen, wieso sie plötzlich so wohlhabend geworden sind…

Beide schwiegen lange und leerten ihre Pokale. Der Kleine schenkte nach und sah seinen Vater fragend an. „Woran denkst Du? meinte dieser. „Herr Graf, Ihr habt doch von den letztjährig geschlagenen Münzen auch Blei für Handrohr- und Kanonenkugeln gekauft, oder habe ich das falsch gehört? „Nein, das ist richtig. „Und seitdem haben die thüringischen Truppen doch keine größeren Feldzüge gemacht, oder? „Stimmt, wir versuchen, uns in diesen Zeiten des Streites darüber, wer denn nun der wirkliche Herr des Reiches, Ungarns, Böhmens ist, fein herauszuhalten. „Wenn man die Bleikugeln, die man für das Handrohr braucht, oder Teile von Kanonenkugeln flachschlägt, dann sind sie doch etwa so groß wie ein Silbertaler? „Worauf willst Du hinaus? Wenn man nun neue Münzprägestöcke machte, die Münzen ergeben, die es eben nur in diesem Jahr gibt und dann das wenige Silber, das wir haben, etwas ‚verdünnt‘… „Bist Du von allen guten Geistern verlassen, brüllte der Alte. „Willst Du die thüringischen Taler verschneiden, so dass wir alle zum Gespött des Reiches werden? Und wir Steigerthals die Verderber des Reiches?

Der Kleine duckte sich auf seinem Hocker und ließ den Kopf sinken: „Das hatte ich nicht bedacht, Vater, ich suche doch nur nach Auswegen."

Graf Hohnstein schaute ihn unverwandt an und wandte sich dann an den alten Gernot: Wie lange brauchen Eure Leute, bis sie die 150 Pfund wieder aus dem Berg geholt und in Barren geschmolzen haben? „Wenn ich genügend Bergleute und Hilfskräfte hätte und zum Schmelzen genügend Holzkohle, dann könnten wir bis zum nächsten Mai das Silber zusammen haben, aber ich habe weder das Eine noch das Andere. Und ich weiß auch nicht, ob der Berg das noch hergibt. „Und ich brauche das Silber in vier Monaten!

„Es ist zum Verzweifeln, brach es aus dem Alten heraus, „ wir wissen einfach viel zu wenig über Silber, den Bergbau – wenn nicht schon meine Vorfahren hier immer wieder Erz gefunden hätten, wäre ich wahrscheinlich genauso unwissend wie die Ritter der Umgebung - und genauso arm! Hohnstein lächelte erneut: „Damit gebt Ihr mir fast schon eine Antwort auf meine noch nicht gestellte Frage! Wundert Ihr Euch nicht, dass ich so schnell nach dem Überfall schon hier bin? „Doch, stimmt, aber… „Ich war auf dem Weg zu Euch, weil ich Euch einen Vorschlag machen wollte."

Er schaute sich im Refugium Gernots um, entdeckte den fast hinter einem bemalten Kasten versteckten Cuno, winkte ihn zu sich und fuhr fort: „Ihr wisst, einer meiner alten Kampfgenossen ist Boleslav Přemisl, der Herr über die Lande um Iglau und damit fast der Herr der bedeutendsten Bergbaustadt Böhmens. Wir haben zusammen als Knappen bei Heinrich von Meißen gedient, bevor er sein Erbe antreten konnte. Ich habe ihn vor kurzer Zeit am Hof in Erfurt getroffen, wo er mit Landgraf Friedrich über Hilfen für Jan von Luxemburg verhandelt hat. Ihr wisst, dass Jan die Krone Böhmens beansprucht. Dabei haben wir unter uns bei einem Becher Wein – viel schlechter als Eurer - über die missliche finanzielle Lage Friedrichs gesprochen. Er hat mir ein Angebot gemacht, das es Thüringen möglich machen würde, mit genügend eigenen Mitteln auszukommen, ohne dass Boleslav große Konkurrenz entsteht. Er braucht sowieso immer Knappen und er würde einen Knappen aus Thüringen in seinen Haushalt aufnehmen. Boleslav ist dabei nicht nur ein erprobter, heldenhafter Ritter, sondern auch der Besitzer vieler Silberbergwerke. Der Knappe, den er an seinen Hof ziehen möchte, würde in allen ritterlichen Tugenden ausgebildet werden und daneben alles lernen, was man über Bergbau wissen kann. Allerdings würde wenig Zeit für Unterricht in Lesen, Schreiben und Minnesang bleiben. Ihr könnt Euch denken, dass ich sofort an meinen Patensohn Cuno gedacht habe. Er hat bei eurer Gemahlin ja schon fast alles gelernt, was er als Page wissen sollte und könnte, wenn auch verfrüht, bei Boleslav dienen. Du, Cuno, wandte er sich direkt an ihn „ würdest alles lernen, was ein Ritter können muss - und da fehlt dir vieles – aber du würdest auch das ganze Wissen der Böhmen über den Silberbergbau nach Thüringen holen und unserem Landesherren und deiner Familie eine bessere Zukunft sichern können! Und das Lesen und Schreiben kann Dir die Mutter oder der Kleine beibringen, bevor Du nachIglau gehst. Er selbst hat ja schon den Ritterschlag erhalten und kann deswegen nicht gehen.

Cuno erschrak zutiefst, so sehr, dass alle es ihm ansehen konnten. Weg von zu Hause? Allein in einem fremden Land, in dem er viele Menschen nicht einmal verstehen würde? Weg von seiner Mutter Ada, die ihn auch jetzt noch so gut trösten konnte, wenn er wieder einmal von einer Mauer oder einem Baum gefallen war? Alles zurücklassen? Er war doch gerade erst zwölf Jahre alt geworden…

Gernot der Alte unterbrach seine Gedanken: „Es ehrt uns, Graf Cuonrad, dass Ihr an Cuno und uns gedacht habt. Eigentlich hatte ich noch nicht vor, Cuno so bald als Knappe wegzugeben, schon gar nicht so weit, aber es ist – nach dem, was gestern geschah – wohl schon besser, wenn er weiter weg ist als unsere ‚lieben‘ Nachbarn. „Sprecht mit Ada darüber und falls Ihr einverstanden seid, werde ich dem Landgraf mitteilen, was wir vorhaben.

Dann verdüsterte sich seine Miene: „Aber wenn ich das Silber nicht bis zum Herbst gemünzt habe, wird es kaum noch einen Landgraf Friedrich geben. Dann wendete er sich dem Kleinen zu: „Hast Du eine Handrohrkugel hier in der Burg? Des Ritters ältester Sohn nickte und verließ das Refugium. „Cuno, lauf ins Dorf hinunter und suche in den Resten der Schmelzhütte, ob du einige Schmelztiegel findest – und schick‘ den Köhler, er soll so viel Holzkohle in den Zwinger schaffen, wie er tragen kann. Dann schau, ob Du in der Sicherungskammer noch eine Waage findest und bring alles hier her ins Refugium – dabei kannst Du darüber nachdenken, was Du von meinem Vorschlag hältst!" Cuno nickte bedrückt und verließ ebenfalls den Raum.

Als die beiden Älteren allein waren, sagte Hohnstein: „ Ich weiß, Gernot, dass das, was ich jetzt ausprobieren will, auf keinen Fall Eure Billigung findet. Ihr habt doch sicher noch reines Silber im Haus? Ich will nichts unversucht lassen und vor allem keine Zeugen haben! Als in diesem Moment der Kleine mit einer Bleikugel durch die Tür trat, erkannte der Alte, dass er die Situation nicht mehr verändern konnte und bat seinen Erstgeborenen, der Hausherrin Ada Bescheid zu geben, dass die Burg einen hohen Gast beherbergen würde und dass alle hungrig seien. Cuonrad von Hohnstein grinste und akzeptierte die unausgesprochene Einladung: „Lasst uns hinuntergehen – Cuno wird noch eine Weile unterwegs sein und alle Mägde, Knappen und Herren in der Burg sollen sehen, das ich einen ganz normalen Besuch abstatte!

Als sie die Treppe hinabgestiegen waren und die Halle betraten, wurden sie von Ada von Steigerthal begrüßt, die schon, bevor sie vom Kleinen informiert worden war, längst gewusst hatte, was auf die Familie zukam. Sie trat vor Graf Hohnstein, knickste leicht und als sie sich wieder aufrichtete, war jedem Beobachter klar, dass es nicht nur die Nähe zum landgräflichen Haus war, die Gernot den Alten zu dieser Verbindung gebracht hatte:

Ada war hochgewachsen, ihr dunkelblondes Haar war in Flechten um ihren Kopf geschlungen, die blauen Augen im von der Sonne gebräunten Gesicht zeugten von einer Klarheit, die auch durch die harte Arbeit, die die Frau eines niedrigen Adligen zu besorgen hatte, nicht gebrochen wurde. Sie war die Tochter des Landgrafen Friedrich mit einer flämischen Hofdame der Landgräfin, die diese Affäre mit einem Landesverweis büßen musste. Gerade deswegen hatte sich Friedrich umso intensiver um das Mädchen, seine einzige Tochter, gekümmert. Sie war die Sonne seines Lebens, deren Lebensglück ihm mehr als wichtig war. Seine Gemahlin war ihm zugeführt worden, als beide noch Kinder waren; sie kam aus dem Hause Luxemburg und sollte den Makel, den er trug, weil seine Mutter Leila außer einer reichen Mitgift in Edelmetallen viel Unmut bei den Herren der Landgrafschaft mitgebracht hatte, wettmachen. Als eines Tages Gernot von Steigerthal an den Hof in Erfurt kam, um mit Graf Hohnstein die Silberabrechnung dem Fürsten vorzulegen, war er in der Vorhalle der jungen Frau begegnet, die zu diesem Zeitpunkt auf ihren Eintritt ins Kloster vorbereitet wurde. Er war wie angewurzelt stehen geblieben und da er im Innersten eben doch nicht den ritterlichen Verhaltensformen entsprach – so wie es seine adligen Nachbarn immer behaupteten – sprach er sie unverhohlen an: „Bitte verratet mir, warum an diesem Hof Engel verkehren! Ada war nun genauso perplex wie er und antwortete fast schnippisch: Ich weiß nicht, welche Engel außer mir hier verkehren, aber ich wohne hier! Beide brachen in Lachen aus und stellten sich dann gegenseitig vor, nicht wie Herr und Dienerin oder Herrin und Diener, sondern so, wie es zwei gleichberechtigte ungewöhnlich offene Menschen tun würden. „Ich bin die uneheliche Tochter der Kebse des Landgrafs, meine Mutter wurde verjagt und mein Vater hat mich hierbehalten, obwohl seine Frau mich immer wieder vergraulen wollte und ich endlos schuften musste und jetzt ins Kloster soll. „Ich bin ein unritterlicher Ritter - erst von Eurem Großvater wurde mein Großvater zum Ritter geschlagen - der in einem winzigen Dorf am Rande des Harzes lebt und versucht, der Erde ein paar Früchte und den Bergen ein paar Brocken Silber abzuringen. Und auch ich wurde bisher vom Landgrafen hierbehalten. „Dann lasst uns diese Gemeinsamkeit feiern – setzt Euch, ich hole uns einen Tropfen Wein.

Es blieb bei einigen Tropfen, aber die Unterhaltung vertiefte sich, und als Hohnstein und Landgraf Friedrich ebenfalls in die Halle traten, waren Gernot und Ada so ins Gespräch vertieft, dass sie die eintretenden Herren nicht bemerkten.

„Wäre das nicht eine schöne Alternative zum Kloster? fragte Hohnstein. Der Landgraf sah ihn erstaunt an und setzte nach: Steigerthal ist ein Ehrenmann, das weiß ich, da er Euch und mich noch nie betrogen hat. Ist er unbeweibt? Könnte er eine Familie ernähren? Würde er einen Bastard zur Frau nehmen? Hohnstein erwiderte ohne zu zögern: Er ist völlig vereinsamt auf seiner neuen Burg, er ist einer der reichsten Adligen in Thüringen, weil er nicht Krieger sondern Unternehmer ist, er wird von seinen Nachbarn gemieden, weil erst sein Großvater von Eurem Großvater zum Ritter geschlagen wurde und er damit nicht standesgemäß ist und deshalb würde er nicht im Geringsten zögern, eine Frau zu ehelichen, die ihm entspricht, gleich welchen Standes."

„Dürfen wir stören? wendete sich der Landgraf an Ada und Gernot. „Du, Ada, wirst, glaube ich, in der Küche gebraucht, und Ihr, Gernot, solltet mir eigentlich die Abrechnung vorlegen! Beide erröteten, standen auf und gingen in unterschiedliche Richtungen, nicht ohne dass sich kurz ihre linke und seine rechte Hand fast unmerklich berührten.

Die Silberabrechnung war wie immer ohne Fehl und Tadel und Gernot von Steigerthal konnte sich nach der Zustimmung des Landgrafen um einige Hundert Thaler reicher schätzen, denn wie bei allen anderen Erzproduzenten auch bekam er als Gegenwert für die Mühe des Schürfens und Verarbeitens den fünften Teil des Erarbeiteten. Eigentlich gehörte alles, was sich unter der Erde befand, nach Brauch und Sitte dem Kaiser, der es seinen Lehensmännern gegen eine Gebühr überließ. Da die Bergleute meistens ihr silberhaltiges Gestein an den Grubenbesitzer verkauften, der es dann zu Rohsilber schmelzen ließ, war es nur recht und billig, dass die Bergherren einen gerechten Anteil erhielten, der das Niederbringen der Schächte, die Verhüttung, also das Ausschmelzen des Erzes und die Weiterverarbeitung, beinhaltete.

Landgraf Friedrich ließ einen Krug mit rotem Wein bringen und stieß mit Gernot und Cuonrad von Hohnstein auf den Abschluss an. „Damit ist die Landgrafschaft für dieses Jahr gerüstet, und Ihr beide seid die Garanten für Frieden und Ruhe in Thüringen in diesen Jahren der dauernden Kämpfe um Königs- und Kaiserkrone. Mit Euren Thalern können wir uns von aller Parteinahme freihalten und unsere Untertanen können sich dem Vermehren ihrer selbst und ihres Besitzes widmen! Er lachte kurz auf und wandte sich dann Steigerthal zu: Euer Land lässt sich ja kaum vermehren, aber wollt Ihr nicht Eure neue Burg, von der mir Hohnstein erzählt hat, mit ein bisschen mehr Leben füllen? „Nichts täte ich lieber als das, denn seit meine Mutter verstarb, ist außer mir nur noch Dienstvolk in Steigerthal, und da meine lieben Nachbarn uns auch nach drei Generationen noch schneiden, bleibt mir nur die Vermehrung meines Reichtums, was auch immer einmal damit geschehen mag. „Ihr braucht eben einen Erben! „Ha! Welche Frau, die wirklich einen Erben gebären könnte, also eine Frau aus ritterlichem Geschlecht, würde einen wie mich, der zwar Lesen, Schreiben und Rechnen kann, aber kaum Singen und Fechten, als Ehemann akzeptieren? Mein Großvater hatte schon einen Sohn, bevor er zum Ritter geschlagen wurde, aber mein Vater – Gott habe ihn selig – musste sich seine Braut aus Lothringen mitbringen. Er hat dabei sicher mehr Glück erfahren, als die meisten unserer Standesgenossen hier, aber die ersten Jahre waren für beide schon sehr schwer: Der thüringische Adel weigerte sich, mit meiner Mutter Umgang zu haben, denn zum einen verstand man sie nicht richtig und zum anderen war ihre dunkle Schönheit in dieser Gegend verdächtig und man hielt sie deshalb für eine Hexe… Steigerthals Gedanken schienen sich in der Vergangenheit festzuhalten und deshalb fuhr er erschrocken auf, als Landgraf Friedrich ihn erneut ansprach: Ihr habt eben meine Tochter Ada kennengelernt – würde sie bei Euch am Rande des Harzes auch als Hexe gelten? „Eine blonde, blauäugige Frau ihrer Statur, dazudie einzige natürliche Tochter des Landgrafen – nie und nimmer! Plötzlich merkte er, in welche Richtung sich das Gespräch drehte: „Was wollt Ihr damit sagen? „Nun, mir schien, als ob Ihr sie nicht ganz ablehnen würdet, und sie Euch auch nicht. Was läge da näher, als Euer beider Probleme zu verringern? „Von Herzen gern, aber nur, wenn Ada sich freiwillig dahinein fügt! „Fragen wir sie, dort kommt sie mit den Küchenmägden, um die Tafeln zu decken."

Er hob die Hand und winkte Ada zu sich: Meine Tochter, ich weiß, dass das Leben hier am Hof in Erfurt nicht leicht für Dich ist, deshalb habe ich ja geplant, Dich ins Kloster zu entlassen. Aber heute hat sich für mich eine andere Möglichkeit abgezeichnet, und ich möchte, dass Du ganz im Sinne der Erziehung, die ich Dir angedeihen ließ, selbst entscheidest, was Du möchtest – auch wenn es allen Sitten und Gebräuchen dieses Landes widerspricht: Möchtest Du in das Kloster Schöndorf eintreten, wie es mit der Äbtissin vereinbart ist, oder könntest Du Dir vorstellen, an der Seite dieses Mannes, und er deutete auf Gernot, „doch weiter ein weltliches Leben zu führen und Herrin auf einer Burg weit im Norden unseres Landes zu werden?"

Ada atmete tief ein und ließ die Luft mit einem Seufzer entweichen. „Vater, ich bin nur ein Mädchen und kann keine so schnellen Entschlüsse fassen – lass mir Zeit! Dann wandte sie sich Gernot zu und sagte „Und Euch kenne ich viel zu wenig um mit gutem Mut sagen zu können, ob Ihr eine Alternative zum klösterlichen Leben sein könntet! „Ich bin bereit für Euch alles zu tun, aber Ihr müsst selbst entscheiden! Fragend wandte er sich Friedrich zu: „Herr, könntet Ihr Eure Tochter nicht zu uns nach Steigerthal senden oder noch besser, sie begleiten? Wenn sie sich dort umgeschaut und mich etwas besser kennen gelernt hat, kann sie doch erst entscheiden, ob Schöndorf oder Steigerthal ihr eher entspricht.

Friedrich unterdrückte ein Grinsen, denn genau so hatte er seine Tochter erziehen lassen, und nun schien der passende Schwiegersohn gefunden.

Zwei Wochen später kamen Ada, Friedrich, Hohnstein und eine Truppe Reisige in Steigerthal an. Die Burg war auf Hochglanz gebracht, die Speisekammern und die Fässer gefüllt. Die Sonne schien zum ersten Mal in diesem Frühjahr vom Morgen bis zum Abend, die Wiesen glänzten, Schaumkraut, Gänseblümchen und Löwenzahn zauberten Farbtupfer ins Grün, selbst das Dorf schien gewaschen – wenn auch nur vom Regen der vergangenen Tage. Die Pferde trabten über die gepflasterte Straße – die einzige weit und breit - die Burg und Bergwerk verband. Diejenigen Bewohner des Dorfes, die nicht unter Tage waren, sammelten sich an der Straße um die Gäste anzustarren und sich beim Vorbeireiten der Adligen zu verbeugen – natürlich hatte es bereits Gerüchte gegeben, warum der Landesherr nach Steigerthal käme. Ada fiel auf, dass diese Menschen, auch die Frauen und Kinder, weniger schmutzig und besser genährt aussahen als all die Leute auf dem Ritt bis hierher.

Gernot erwartete sie unter dem Torbogen der Hauptmauer, seine Knechte und die vielen Mägde hinter sich. Über dem Tor war das steigerthalsche Wappen in den Bogen gemeißelt und dann bemalt, ein blauer Schild, von einem Balken schräg halbiert, der die Form einer silbernen Leiter hatte, zwischen deren Rungen drei sechseckige silberne Sterne standen. Es war kein Bastard-Balken, der bei vielen Geschlechtern die Edlen von den Unedlen trennte, aber es war wie ein Zeichen, dass ein eigentlich nicht ritterlicher Herr auf dieser Burg mehr als nur ein Dienstmann war, aber eben keiner der seit Jahrhunderten geachteten Adligen.

Er hatte sein bestes Gewand angelegt, der rotblonde Bart des jungen Ritters war gestutzt und die langen Haare wehten in dem leichten Wind, der immer an dieser engen Stelle zwischen Vorburg und Hauptburg wehte.

„Willkommen in meinem bescheidenen Heim, begrüßte er die Reiter. Friedrich sprang von seinem Rappen und drückte Gernot fest die Hand. „Danke! Gernot verschränkte nun die Hände und bot sie Ada als Hilfe, um aus dem Damensattel zu gleiten. „Verzeiht, aber ich habe völlig vergessen, ein Treppchen für Damen bauen zu lassen, und ließ sie errötend sanft zu Boden, nicht ohne tief den angenehmen Duft einzuatmen, den er schon vor zwei Wochen an ihr wahrgenommen hatte. „ Ich kann durchaus auch selber vom Pferd steigen, aber so ist es natürlich einfacher und nach wenigen Sekundenbruchteilen setzte sie hinzu „und angenehmer!"

Hohnstein begrüßte Gernot nun ebenfalls. Während die Stallburschen die Pferde in den Stall, der hinter dem Brunnen am Hofraum lag, brachten, entluden die Knappen und Reisigen die Packpferde und brachten sie in den Stall im Vorhof.

Steigerthal und Cuonrad von Hohnstein, gefolgt von Friedrich von Thüringen, an seinem Arm seine Tochter Ada, gingen durch den Zwinger und den Lichthof in den Hofraum und die Stufen zum Saal empor. Drinnen wartete Wibke, die alte Amme Gernots, die jetzt die Rolle der Haushälterin übernommen hatte, mit frisch gebackenem weißen Brot, das nur zu besonderen Anlässen gebacken wurde, Salz und einem Krug Wein auf sie. Die Männer brachen von dem Brot, tunkten es in das Salz und spülten alles mit einem Schluck aus den Kelchen hinunter, nicht ohne den Wein mit behaglich-wohligem Grunzen zu genießen. „Was darf ich Euch anbieten, Herrin? „Gebt mir auch einen Schluck Wein und Wasser dazu.

Das war vor zwanzig Jahren gewesen. Alle Anwesenden konnten sich noch so gut daran erinnern, dass es schwer fiel zu glauben, dass das so lange her war. Ada war in Steigerthal geblieben, hatte Gernot aus freier Wahl zum Mann genommen. Der „kleine" Gernot und der nach seinem Paten benannte Cuno wurden geboren, so manche Veränderung in Sitten und Gebräuchen wurde nach dem Vorbild des Hofes in Erfurt eingeführt, und über viele Jahre war ein bescheidenes Glück Gast auf der Burg. War heute der Tag des beginnenden Unglücks?

Ada führte Graf Hohnstein zur etwas erhöhten Plattform an der vorderen Schmalseite des Saals mit dem Tisch für gehobene Gäste, bat Cuonrad, in dem besonders kunstvoll geschnitzten Sessel Platz zu nehmen, nahm ihrerseits den Platz zu seiner Linken ein, während der Alte sich zu seiner Rechten setzte, den Kleine rechts neben ihm. Da Cuno noch nicht wieder erschienen war, hielt Ada den Platz neben sich frei. Als alle sich gesetzt hatten, klatschte sie in die Hände, woraufhin die Mägde die Platten auftrugen: gegrillte Hühnchen mit Äpfeln und Rosinen, Rehbraten mit Rüben, Wildschwein mit Kraut, dazu frisches Brot. Die Knechte schenkten schäumendes Bier aus.

„Könnt Ihr doch zaubern, wie Euer Gemahl schon immer vermutet hat, oder wie kommt es zu solch einem Festmahl? fragte Hohnstein. „Nun, natürlich kann ich zaubern, aber eigentlich ist heute Gernots und mein Hochzeitstag, und da hatten wir im Voraus schon etwas vorbereitet, antwortete sie lächelnd. „Greift zu! Und wenn Euch der Wein besser mundet als das Bier – unsere Leute trinken das Bier gerne alleine weiter!" und dabei deutete sie auf das Gesinde, das im Saal saß und sich ebenfalls von Platten und vor allem Krügen bediente.

Die Tür flog auf und Cuno stürmte herein, rannte die Treppe hoch und rief im Laufen: „Ich wasche mir nur die Hände, dann komme ich zum Essen! „Ja, ja, die Steigerthals und das Waschen und Baden, schmunzelte Hohnstein. Als Vertrauter beider wusste er natürlich, dass sowohl am Hof in Erfurt wie auf Burg Steigerthal das heiße Bad eine besondere Rolle spielte. „Aber im Ernst – damit hat er vor allen verbergen können, dass er außer sich selbst noch etwas anderes ins Refugium befördert hat! Ein kluger Junge – das darf ich sagen, auch wenn ich sein Pate bin – ich bin sicher, dass er der Richtige für Boleslav Przsymel ist. Ada schaute ihn groß an, denn das war eine Aussage, die sie nicht verstehen konnte. Ihr Gatte Gernot wandte sich an sie: „Graf Hohnstein hat uns ein sehr ehrenwertes Angebot gemacht. Einer der mächtigsten Adligen Böhmens, eben dieser Boleslav Przsymel, wäre bereit, Cuno als Knappen zu sich zu nehmen und ihm neben allem, was Ritter können müssen, auch alles beizubringen, was ein Bergmann wissen muss. Das war die eigentliche Absicht Cuonrads auf dem Weg hierher. Und nach dem Unglück von gestern wäre es sicher nicht schlecht, alles über den Bergbau zu lernen, was die Böhmen können. Aber ich wollte dir eigentlich nicht so plötzlich damit entgegentreten…

Ada schluckte. Ihr kleiner Cuno? In Böhmen? Ausgerechnet in Böhmen, wo, wie sie als Tochter des Landgrafen sehr wohl wusste, der Übergang vom Herrschergeschlecht der Přemisliden auf das Haus Luxemburg nicht kampflos von statten ging und immer noch nicht ganz vollzogen war. Gernot der Jüngere war am Hof des Landgrafen in Erfurt als Knappe ausgebildet worden, das war damit für seinen Bruder nach Rittersitte ausgeschlossen. Graf Hohnstein konnte ihn auch nicht nehmen, da er als Pate das auch nicht durfte. Und die ‚lieben‘ Nachbarn? Während die Männer herzhaft zugriffen und Cuno sich neben sie setzte und ebenfalls zu essen begann, kamen ihr die Erzählungen über die Familie Steigerthal aus alten Zeiten in den Sinn:

Pontoise, August 1248

Das Wappenschild Heinrichs von Thüringen aus dem Hause Wettin zeigte, wer sich beim Kreuzzugsaufruf des päpstlichen Legaten in Pontoise, am wandernden Hof des französischen Königs, seinem lothringischen Cousin Jean de Beaumont anschloss und den Kreuzeid leistete. Auf blauem Grund war ein aufrechtstehender, nach links gewandter Löwe dargestellt, dessen Körper weiß und rot gestreift war – das Wappen Wettins und seit wenigen Jahren Thüringens.

Sultan As-Salih Ayyub, bei den Christen bekannt als Saladin, hatte vier Jahre zuvor das heilige Jerusalem erobert, die christlichen Ritterorden aus der Stadt vertrieben und die Grabeskirche zur Moschee umbauen lassen. Die wenigen verbliebenen christlichen Herrscher in einigen Stadtstaaten Palästinas hatten Papst Innozenz IV um einen weiteren Kreuzzug gebeten, damit Jerusalem wieder unter christlicher Herrschaft stehen könnte. Innozenz aber war völlig mit dem Kampf um die Oberherrschaft über die Christenheit beschäftigt. Der Papst und Kaiser Friedrich II aus dem Hause Staufer glaubten, dass jeweils er selbst das alleinige Oberhaupt der Christenheit sei. Innozenz hatte Friedrich ein Jahr nach der Eroberung Jerusalems förmlich abgesetzt. Friedrich hatte ihn im Gegenzug als Ketzer und Widerchrist im Reich verkünden lassen, so dass Chaos und Unruhe herrschte, die den Gedanken an einen Kreuzzug eigentlich unmöglich machten. Nur Ludwig, der Neunte seines Namens, aus dem Königreich Franzreich sah die Chancen und Möglichkeiten, durch einen Kreuzzug seine weltliche und himmlische Lage zu verbessern. Als der päpstliche Legat Odo von Châteuroux in Pontoise anlässlich eines Hoftages erschien und in einer aufrüttelnden Predigt das irdische Leiden der Christen im Morgenland und die himmlischen Freuden der für die Befreiung des Heiligen Landes gefallenen Kreuzritter in der Ewigkeit beschrieb, brach ein Begeisterungssturm unter den französischen Adligen aus: Hunderte nahmen die bereitgehaltenen roten Stoffkreuze und hefteten sie sich an die Rüstung, um anschließend den Eid zu schwören. Heinrich von Thüringen, der mit dem Sohn seines mütterlichen Onkels den Sommer mit den üblichen ritterlichen Lustbarkeiten verbracht hatte, wollte nicht abseits stehen und nahm ebenfalls das Kreuz. Als er mit den anderen zurück zum Zeltlager in Pontoise kam, zwängten sie sich durch die engen Lagergassen, die zwischen den herrschaftlichen Zelten zwar genug Platz ließen, aber nachdem alle Knechte, Knappen und Diener den wenigen verbleibenden Wegesraum nutzten, war der jeweilige Weg durchaus sehr eng. Heinrichdachte jedes Mal mit Schrecken daran, wie sich diese Situation auswirken würde, wäre das Lager nicht als Vergnügungsstätte, sondern als eine einem Angriff ausgesetzte Stellung errichtet worden.

Als sie zum Zelt Jean de Beaumonts kamen, schwang sich Heinrich von seinem Streitross, warf dem herbeieilenden Diener die Zügel zu und befahl ihm, Wein zu holen. Gernot, der Sohn eines unfreien Bauern aus dem kleinen Ort Steigerthal in Thüringen, führte das Ross in das Zelt, das als Stall diente, wischte es mit einem Bündel Stroh trocken, gab ihm Hafer und Wasser und beeilte sich dann, seinem Herren Wein und einen passenden Pokal aus dem Speisezelt des Prinzen von Lothringen zu besorgen.

„Wo bleibst du denn?" war der Satz, mit dem er begrüßt wurde, als er endlich alles beisammen hatte. Oft genug hatte er sich gefragt, warum der Graf ihn noch in seinen Diensten behielt, obwohl er so oft seine Unzufriedenheit mit ihm äußerte. Die Knechte und Diener anderer Herren, mit denen er sich unterhielt, wenn die Herren abwesend waren, konnten ihm keine Antwort geben: Sie kannten alle Formen von Auspeitschen bis Missachtung, womit die Herren die Knechte zu behandeln pflegten. Er wurde sich immer sicherer, dass sein Verbleib im Dienste Heinrichs mit einem Eid zusammen hing, den er vor wenigen Jahren in voller Überzeugung vor dem Inquisitionsgericht abgegeben hatte:

Heinrich war bei einem Jagdausflug im Süden des Harzes in der Nähe von Nordhausen eine Nacht auf Hof Steigerthal geblieben, keine Burg, nur ein befestigter Hof. Aber das Mädchen, das ihm und Heinrichs Begleitern Essen und Getränke brachte, machte auf Heinrich einen so großen Eindruck, dass er sie, ohne den damaligen Herren des Dorfes mit einzubeziehen, fragte, ob sie nach dem Festmahl Zeit für ihn habe. Ohne zu zögern stimmte sie zu, und die „Zeit", die sie verbrachten, war erst eine Nacht, dann kam sie mit ihm nach Erfurt und die verbrachte Zeit war viele Nächte lang. Als nach Wochen des nächtlichen Glücks und der täglichen Jagd- und Turnierausflüge mit abendlichem Kartenspiel Graf Guido von Schwarzburg-Arnstadt, ein Rivale Heinrichs nicht nur um die Gunst des Mädchens sondern auch um die zukünftige Herrschaft über Thüringen, die Anschuldigung erhob, Heinrich von Wettin sei nicht nur ein Betrüger, sondern auch ein Hexer, der von der Inquisition zur Rechenschaft gezogen werden müsse, änderten sich die Verhältnisse. Guido hatte nicht nur sein ganzes Geld verspielt, sondern auch in jedem Turnier eine Niederlage eingesteckt, sei es gegen Heinrich oder andere. Er hatte auch trotz oder wegen seines herrischen Wesens keine der anwesenden Damen beglücken dürfen, und immer, wenn er versucht hatte, das sich Heinrich zugehörig fühlende Mädchen, Hedda, die schöne Leibeigene aus dem Dorf Steigerthal auf seine Seite zu ziehen, war er grandios gescheitert.

Der Erfolg der Anklage vor dem Inquisitionsgericht hätte für Heinrich den Verlust des Anspruchs auf Thüringen und im schlimmsten Fall den Tod bedeutet. Aber da kam ein von dem Mädchen benannter Zeuge ins Spiel, ihr Bruder Gernot. Dem hatte sie schon am ersten Tag, noch während des Abendgelages, gestanden, dass sie sich in Heinrich verliebt hatte und wie sie in den folgenden Wochen Guido von Schwarzburg-Arnstadt immer wieder in die Irre und ins Verderben geführt hatte.

Gernot beschwor also vor der Inquisition, dass seine Schwester sich aus freiem Herzen Heinrich hingegeben habe und alle weiteren Probleme nur aus dem Neid des Schwarzburg-Arnstadter Grafen entstanden seien. Da sie keine Frau von Stand war, sprach das Gericht Heinrich frei, seine Mätresse wurde ihm wieder übergeben. Zum Dank für seine wahrheitsgetreue, aber mutige Aussage wurde Gernot aus der Leibeigenschaft entlassen, wofür Heinrich dem greisen Herrn von Steigerthal eine kleine Summe bezahlen musste, und stieg auf zum Leibdiener des – so hoffte zumindest Heinrich - zukünftigen Landgrafen von Thüringen. Zu seinem großen Leidwesen überlebte Hedda die Gefangennahme durch die Inquisition und auch ihre Befreiung nicht lange. Wenige Monate, nachdem sie in Heinrichs Arme zurückgekehrt war, starb sie unter großen Schmerzen als Folge einer Vergiftung: ihr ungeborenes Kind war wohl in der Gefangenschaft durch die Entbehrungen und Misshandlungen in ihrem Leib gestorben und hatte sie von innen her vergiftet. Heinrich war untröstlich und fand in seiner Trauer in Gernot einen Mittrauernden, auch wenn er nicht von Stand war. Er behielt den Bruder seiner Geliebten in seinem Hofstaat und hatte sich mit der Zeit so an ihn gewöhnt, dass er ihn auch mit auf den Zug nach Lothringen nahm.

Kurze Zeit später kam auch Jean de Beaumont ins Zelt zurück, ganz aufgeregt von dem Geschehen: „Wir werden in wenigen Wochen Jerusalem befreien und am Ende unseres Lebens ins Paradies eingehen – ist das nicht wunderbar? Heinrich antwortete wesentlich nüchterner: Nun, wir werden vielleicht in wenigen Wochen aufbrechen, aber alles Weitere sehe ich noch nicht so klar. „Bedenkenträger! Seit ich Dich kenne, bist Du immer voller Zweifel, voller schlechter Laune – außer bei der Jagd – und scheinst immer Angst vor der Zukunft zu haben.

Heinrich konnte dem nicht widersprechen, aber ihre Situation war einfach zu verschieden: Jean de Beaumont war der unumstrittene Erbe Lothringens, ein gutaussehender, in allen ritterlichen Künsten glänzender Mann in den frühen Zwanzigern, sein Königreich war wirklich reich, die Feinde schon vom Vater bezwungen und Vater und Sohn wurden von König Ludwig IX. von Franzreich umworben, weil er Lothringen als Bastion im Osten brauchte, um sich ohne Einmischung der deutschen Stauferkaiser mit seinen Vettern aus England um deren Besitztümern in der Bretagne zu schlagen. Um ihn an sich zu binden, hatte Ludwig ihn zu seinem Kämmerer gemacht, der die Finanzen des Königreichs Franzreich verwaltete – ein kluger Schachzug, da damit ein Edler betraut war, der in Franzreich keinen Besitz hatte und deshalb auch nicht Gelder in seinem Sinn veruntreuen konnte.

Heinrich, Markgraf von Meißen, dagegen hatte als junger Ritter erst im Jahr zuvor, nachdem Heinrich Raspe aus dem Haus der Ludowinger ohne Erbe verstorben war, im Kampf mit den Luxemburgern den Sieg davon getragen und die Landgrafschaft Thüringen für das Haus Wettin gewonnen. Ohne die Hilfe seiner lothringischen Vettern wäre er sicher nicht erfolgreich gewesen, da deren Heer die luxemburgischen Stammlande in Schach hielt und er die nach Thüringen entsandten Truppen aufreiben konnte, ohne dass Nachschub an Kämpfern drohte. Noch immer gab es vereinzelte Adlige, die Widerstand zu leisten versuchten, aber sein getreuer Marschall, Graf von Hohnstein, hatte Ruhe in der ganzen Landgrafschaft erzwungen. Als dann die Einladung Jean de Beaumonts ihn erreichte, ihn zum Hoftag in Pontoise zu begleiten, war er froh, den Scharmützeln zu entkommen und sich unter die Fürsten des Abendlandes mischen zu können. Der Gedanke, an einem Kreuzzug teilzunehmen, hatte ihm fern gelegen – dazu war die Lage in Thüringen viel zu unsicher, aber die Begeisterung der tausenden von Rittern in Pontoise hatte ihn zu dem unüberlegten, und wie er jetzt schon ahnte, unguten Eid verleitet. Konnte er Hohnstein so lange alleinlassen? Würde er diesen Eid nicht schon bald bitter bereuen?

Jean reichte „Henri, wie er ihn nannte einen Becher und gemeinsam tranken sie auf die Abendteuer, die ihnen bevor standen. „Ist es nicht toll, wenn Du jetzt schon weißt, dass alle Sünden, die Du begangen hast und die Du noch begehen wirst, dadurch gesühnt sein werden, dass Du Dich in ein Abendteuer stürzt? Und das soll genauso verlaufen, wie die vielen andern, die wir bisher gemeinsam bestanden haben. Erinnerst Du Dich noch an die Herbstjagd, irgendwo nördlich Deiner Grafschaft? Wir hatten den ganzen Tag ein Rudel Hirsche verfolgt und kamen abends in irgendeinem Ort mit unaussprechlichem Namen an, wo wir im Haus eines Bergwerkbesitzers Unterschlupf fanden. „Oh, ja, ich weiß genau, entgegnete Heinrich nun grinsend. „Der Ort heißt Clausthal und der Mann schien unermesslich reich an weltlichen Gütern, war aber nicht gerade eine Zierde der Menschheit! Du hattest im Lauf des Tages einen kapitalen Hirsch erlegt, der fast so stank wie unser Gastgeber – vom Hirsch haben wir nur das Geweih mitgenommen, und mir war eine junge brunftige Hirschkuh vor den Speer gelaufen, die wir die Knechte aufladen hießen, und mit der wir unser Nachtlager bezahlt haben. Wenn der Mensch gewusst hätte, wie brunftig wir waren und wie brunftig seine Frau und seine Tochter – ich glaube, den Hirschbraten hätte er lieber nicht gegessen! „Und siehst Du, Henri, das ist ab jetzt keine Sünde mehr, sondern frommes Tun!"

Lemesós (Limassol), Zypern, September 1248

Genuesische Galeere um genuesische Galeere lief in den Hafen von Lemesós ein, entlud ihre Ladung aus Rittern, Knappen, Knechten, Pferden, Rüstungen, Waffen, Mätressen, Nahrungsmittel, Weinkaraffen….. Was immer das riesige Kreuzfahrerheer brauchte, musste herbeigeschafft werden, und die Republik Genua konnte ihre Schiffe nicht besser einsetzen als zum Transport all dieses – auch wenn jedes hundertste Schiff als Spende umsonst fuhr!

Für die meisten Kreuzfahrer, gleich welchen Standes, war die Überfahrt unangenehm gewesen – das Schwanken des Schiffs auch bei ruhigem Wind, die Enge, der Gestank, das ständige Getrampel der Tiere, das meist brakige Wasser, das eintönige, nur aus Getreidebrei bestehende Essen morgens, mittags und abends. Für einige hundert Ritter und ihr Gefolge war die Überfahrt allerdings bereits das Ende des Kreuzzuges geworden.

Ein Verband von 10 Galeeren, wie immer begleitet von zwei wendigen, schwer bewaffneten Zweimastern der genuesischen Marine, war östlich von Syrakus in einen schweren Sturm geraten. Die Wellen waren so gewaltig, dass die Ruder wie Zweiglein brachen. Der eine

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