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HIPPIE TRAIL - BAND 2: EIne Reise in bekannte und unbekannte Welten

HIPPIE TRAIL - BAND 2: EIne Reise in bekannte und unbekannte Welten

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HIPPIE TRAIL - BAND 2: EIne Reise in bekannte und unbekannte Welten

Länge:
488 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Feb. 2017
ISBN:
9783742797063
Format:
Buch

Beschreibung

Die ,Rajula', ein uralter Dampfer, vollgestopft mit über 4000 Menschen auf und unter Deck,
stellt die Verbindung von Indien nach Malaysia her.
Mit einem anderen Schiff geht es vom Land des Opiums zum Land der Biertrinker und Kangurus. Unendliche leere Weiten, großartige Sonnenuntergänge, Kommunenleben.
Durch die Südsee mit all ihren Freuden weiter nach Mexiko und dann, mit Blumen in den Haaren, nach San Francisco, der Wiege der Hippie Bewegung. America - love it or leave it!
Ein Studentencharter spuckt mich nach 1 1/2 Jahren wieder in die alte Welt, die ich langsam beginne, neu zu entdecken, denn ich bin nicht mehr derselbe…
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Feb. 2017
ISBN:
9783742797063
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

HIPPIE TRAIL - BAND 2 - Wolfgang Bendick

Widmung

Für meine Kinder.

Damit sie sehen, dass das Leben erst dann interessant wird, wenn etwas schief geht...

Zusammenfassung

Die ,Rajula’, ein uralter Dampfer, vollgestopft mit über 4000 Menschen auf und unter Deck,

stellt die Verbindung von Indien nach Malaysia her.

Mit einem anderen Schiff geht es vom Land des Opiums zum Land der Biertrinker und Kangurus. Unendliche leere Weiten, großartige Sonnenuntergänge, Kommunenleben.

Durch die Südsee mit all ihren Freuden weiter nach Mexiko und dann, mit Blumen in den Haaren, nach San Francisco, der Wiege der Hippie Bewegung. America  - love it or leave it!

Ein Studentencharter spuckt mich nach 1 1/2 Jahren wieder in die alte Welt, die ich langsam beginne, neu zu entdecken, denn ich bin nicht mehr derselbe…

INDOCHINA

TEIL 1

UNTER DAMPF

Ein Gong ertönt in den Gängen der Unterkünfte. Essenszeit. Gegessen wird in zwei Schichten. Einmal vegetarisch-asiatisch, eineinhalb Stunden später gemischt-europäisch. Ich sehe, dass auch viele Inder als Kabinenpassagiere reisen. Es ist also nicht so sehr die Hautfarbe, die den Klassenunterschied macht, sondern eher das Portemonnaie. Und es essen mehr Inder europäische Küche, als Europäer vegetarisch! Später stehe ich noch lange an Deck und schaue zu den Sternen und auf das Wasser. Eine stille Nacht auf See. Eine leichte Dünung wiegt das Schiff. Das leise Vibrieren der Schraubendrehungen begleitet meinen Schlaf.

Am nächsten Morgen geht es weiter mit dem Erkunden des Schiffes. Wir Kabinenpassagiere sind von den Zwischen-deckspassagieren abgeschottet. Auf jeder Schiffsseite trennt eine eiserne Gittertür diese zwei Welten. Um auf das Vorschiff oder Achterschiff zu gelangen, muss ich hier durch. Von Mittschiffs aus kann man diese Türen öffnen, aber nicht von Deck her. Ich wollte sehen, was Sayonara macht. Ich hatte etwas vom Mittagessen, das sehr üppig war, auf die Seite geschafft. Ich wusste nicht, wo er sich befand. Ich stand hinter der geschlossenen Tür und schaute auf das Vordeck hinunter. Es waren Sonnensegel gespannt, Leinwandplanen, die Schatten auf das heiße Deck werfen sollten. Die Menschen hatten jetzt größtenteils ihre Beddings zusammengrollt und saßen darauf oder auf den Pollern, an Deck, auf den Rändern der Ladeluken, die mit dicken Brooks (Netzen) bespannt waren, damit niemand hinunterfiel. Jeder freie Raum war regelrecht ‚besetzt‘. So muss es damals auf den Sklavenschiffen ausgesehen haben, nur, dass hier niemand in Ketten lag. Doch Sayonara sah ich nirgendwo. Ein paar Inder wurden aufmerksam auf mich und kamen ans Tor. Manche streckten die Hand durch die Stäbe und fragten nach Bakschisch. Ich gab einem Jungen ein paar Paisa und bat ihn, er solle den Japaner suchen.

Bald kam er mit diesem zurück. Der freute sich über das Essen, vor allem, weil er keine Vorräte an Land gekauft hatte. Ich wusste nicht, wie ich es anstellen könnte, dort hinunter zu kommen, ohne mir den Rückweg abzuschneiden. Es hingen genug Hinweistafeln aus, die darauf hinwiesen, dass Zwischendeckspassagieren der Zutritt nach Mittschiffs verboten sei, und auf meiner Seite, dass Passagiere der ersten und zweiten Klasse nicht in die Zwischendecks dürfen. Also machte ich die Tür auf und er schlupfte auf die verbotene Seite. In der Menge der anderen Passagiere, und vor allem, weil alle neu waren, fiel er vorerst mal nicht auf. Wir tranken an der Bar ein Bier, er benutzte die Toiletten. Da unten ging es schlimm zu, berichtete er. Zu wenig Toiletten, die Menschen benutzten die Klüsen oder Speigatten, durch die bei hoher See das überkommende Wasser abfließen soll. Auch seien die ersten seekrank, hätten sich übergeben, es stank erbärmlich im Zwischendeck. Manchmal wehte der Wind einen Schwaden Abluft zu uns auf das Promenadendeck. Aber Inder sind geruchsunempfindlich…

Auf dem Bootsdeck sprach ich mit einem alten Matrosen. Dieser muss wohl dem Kapitän erzählt haben, dass da ein deutscher Seemann als Passagier sei, der gerne das ganze Schiff sehen wollte. Bald schon brachte er mich auf die Kommandobrücke. Dort hieß man mich herzlich willkommen. Es wurde gleich Tee serviert. Alle bestaunten mich wie eine Attraktion, wobei doch das Schiff die Attraktion war! Die Brücke folgte leicht der Wölbung des Schiffes. Etwas seitlich nach steuerbord stand der doppelte Maschinentelegraf, mit dem die Fahrtrichtung (vorwärts-rückwärts) und Geschwindigkeit zum Maschinenraum durchgegeben wird. Die Rajula musste also ein Zwei-Schraubenschiff sein. Wo irgendwie möglich waren Beschläge oder Einfassungen aus Messing, auch die verschiedenen Glocken. Dieses glänzte dermaßen, dass ich annahm, es wird täglich geputzt. Das Steuerrad, aus Holz, glänzte auch, ebenso wie das Kompasshaus davor. Ich durfte sogar das Ruder übernehmen und steuerte das große Schiff mit seiner dampfunterstützten Rudermaschine. Die Übertragung war etwas weniger direkt als mit Hydraulikanlagen. Aber das lag auch daran, dass nur ein Magnetkompass vorhanden war, der länger zum Reagieren braucht, als ein elektrischer Kreiselkompass. Bis man sah, dass das Schiff leicht vom Kurs abgewichen war, verging ein Moment, und man brauchte eine Weile, um es wieder darauf zu bringen. Es war viel Gefühl und Beobachtung des Meeres notwendig, bei diesem Schiff.

Ansonsten war das Schiff elektrifiziert, auch die Positionslampen. Es war also eine Dampfmaschine an Bord, die einen Generator antrieb. Der Matrose, den ich getroffen hatte, wurde abgeordert, mir das Vorschiff zu zeigen. Ich wollte genaueres über die Winden erfahren. Dieser Matrose war 60 Jahre alt. Er hatte damals auf der Rajula als Decksjunge angefangen und seither, bis auf kleinere Urlaubsabwesenheiten, an Bord. 45 Jahre… Er war erstaunt über mein Erstaunen für diese altmodische Technik. Für ihn war das damals ein modernes Schiff gewesen, und so sah er es noch heute. Auf anderen Schiffen war er nie gefahren. Das Ankerspill, auf dem erhöhten Vorschiff, wurde durch zwei Dampfmaschinen zugleich angetrieben. Das Backdeck war etwas uneben durch die dicken, mehrfach übermalten Rostschichten. Windhutzen, Lüftungsrohre mit trichterförmiger Öffnung, waren in den Wind gedreht, um den Zwischendeckspassagieren etwas frische Luft zukommen zu lassen. Die Masten waren genietet, ebenso die Ladebäume. Oben im Großmast erkannte ich ein ‚Krähennest‘, eine Ausguckskanzel. Die Masten neigten sich leicht nach hinten. Es war eine Rah vorhanden, die aber nicht mehr für die Segel diente, sondern zum Hissen der Flaggen. Ich war erstaunt über den guten Allgemeinzustand des Schiffes. Es war die jahrelange Heimat dieser Seeleute und deshalb wurde es so gehegt. Ich bestand darauf, auch in das Zwischendeck zu gehen. „No good for european people!" wollte er mich abhalten. Doch ich wollte Alles sehen, sagte ich, die Rumpfkonstruktion, die Lukendeckel… Also stiegen wir über die dicht zusammengedrängten Menschen die steilen Treppen, von denen auch die Stufen besetzt waren, hinunter. Wer irgendwie konnte, befand sich an einer der Öffnungen, um Zugluft abzubekommen. Andere schliefen dicht an dicht. Ich hatte den Verdacht, dass hier abwechselnd gestanden und gelegen wurde. Es fehlte einfach an Platz! All das erinnerte mich an das Krankenhaus in Bangalore. Das Zwischendeck war ebenso voll wie das Hauptdeck. Was wäre bei schlecht Wetter? Müssten die Passagiere dann alle nach unten? Ich war heilfroh, als Kabinenpassagier zu reisen!

Für ein paar Tage noch konnte Sayonara aus seinem Sardinendasein heraus. Bis ein Steward bemerkte, dass er nicht Kabinenpassagier war. Seitdem war die Gittertür beidseitig verschlossen. Trotzdem gelang es mir, ihn weiterhin unbemerkt mit Essen zu versorgen. Denn unser Essen war wirklich üppig. Eine Art Oberkellner stand wie ein Zeremonienmeister meist etwas abseits seiner Tischgruppe. Bemerkte er, dass etwas zur Neige ging oder fehlte, eilte auf einem Wink von ihm sofort ein Steward herbei und brachte eine neue Platte. Der Speisesaal war etwas altmodisch, wohl seit der Indienststellung nicht verändert. Viel Holz und Messing gaben ihm aber einen besonderen Charme, den man auf neueren Schiffen vermisst. Es war ein Ballsaal vorhanden, wo Orchester spielten oder Unterhalter versuchten, den Passagieren ihre Langeweile zu vertreiben. Aber das war es ja gerade, was viele suchten: Stundenlang im Liegestuhl liegen oder an der Reling stehen und auf das Meer schauen… Es gab ein paar Tischtennisplatten. Diese waren meist von den Kindern umringt. Man konnte ‚Shufflebord‘ spielen, eine Art Brettspiel. Auf das Teakholzdeck waren Kästchen mit Zahlen gemalt. Mit einem Stock, der vorne mit einem schaufelförmigen Brettchen versehen war, musste man eine puckartige Holzscheibe von einer bestimmten Entfernung auf die Zahlenfächer schieben. Der Verlierer durfte einen ausgeben. Denn Alkohol gab es auf dem Schiff. Nicht nur für Europäer. Es artete jedoch nie so aus, wie im ‚Goa Express‘. Es gab ein kleines Schwimmbad irgendwo unter Deck. Ein Kino, in dem alte, abgenutzte Filme liefen. In Schwarz-Weiß. Hier konnte ich erneut ein paar von den Filmen anschauen, die ich als Kind gesehen hatte, wie Laurel und Hardy oder Charlie Chaplin. Eine Bibliothek befand sich nicht weit von dort, wo ich und John die Hauptgäste waren. Hier befanden sich die Perlen der englischen Seefahrts-literatur, wie Joshua Slocum‘s ‚Alone around the world‘, oder Laury Lee’s ‚As I walked out one midsummer morning‘.

Der alte Matrose der Rajula machte mich mit einem ebensoalten Maschinisten bekannt. Dieser war stolz darauf, mir das Herz seines Schiffes zu zeigen. Er führte mich über die leicht öligen Treppen in den heißen Maschinenraum. Es muss hier unten über 45 Grad heiß sein. Es herrschte ein gewisser Lärm, bedingt durch die sich rhythmisch bewegenden Ventile, die den Dampfstrom in die verschiedenen Leitungen lenkten. Es war eher wie das übergroße Geräusch einer übergroßen Nähmaschine, das im Maschinenraum vorherrschte. Als erstes fielen mir die zwei aufrechten, mit ein paar Metern Zwischenraum stehenden, Dreizylinder-Dampf-maschinen in die Augen. Wo sie nicht schwarz gestrichen waren, glänzten sie von zu vieler Pflege. Die Feuerung war schon seit ein paar Jahren von Kohle auf Ölverbrennung umgestellt. Von diesen Brennern und den damit geheizten Kesseln ging die meiste Hitze aus. Der darin erzeugte Dampf wurde unter hohem Druck in dick isolierten Rohren bis in die entferntesten Teile des Schiffes geleitet, vorne bis zum Ankerspill, achtern zur Rudermaschine, in den Mast für das Nebelhorn. Die zwei Dampfmaschinen trieben die zwei Schrauben unterm Heck des Schiffes an. Sie leisteten zusammen 8000 PS, für die damalige Zeit (Baujahr 1926) eine enorme Leistung! Jede Maschine bestand aus drei Zylindern, die alle mit einem Gewirr von Rohrleitungen und Ventilen verbunden waren. Der erste Zylinder war der Hochdruckzylinder, er war der kleinste. Hier kam der Dampf mit dem höchsten Druck an. Dieser bewegte den ersten Kolben, dessen Pleuel durch die Kurbelwelle, worauf auch die anderen Kolben wirkten, die Kraft direkt auf die Antriebswelle übertrugen. Und so auf die Schraube. Der Kolben arbeitete in beide Richtungen. Er konnte durch den Dampf sowohl von unten nach oben drücken und umgekehrt. Der Dampf, wenn er diesen Zylinder durchströmt hatte, und an Druck verloren, aber an Volumen zugelegt, wurde darauf in den zweiten Zylinder gelenkt. Nachdem er hier wiederum Kraft abgegeben hatte, kam er in den dritten, den größten Zylinder. Wenn er auch dessen Kolben bewegt hatte, wurde er durch Abkühlen wieder zu Wasser gemacht und durch Pumpen dem Dampfkessel zurückgeführt.

Klar, dass immer Dampf an undichten Stellen verloren geht. Das dadurch verloren gegangene Wasser wird durch neues, vorher kondensiertes ersetzt. Kondensiert deshalb, damit es im Kessel keine Kalk- oder Salzablagerungen hinterlässt, die die Heizkraft des Brenners vermindern. Ein ganzes Arsenal von Pumpen, Tanks und undefinierbaren Geräten füllte den Maschinenraum aus. Das wichtigste davon war der doppelte Maschinentelegraf, ein trommelförmiges Teil mit zwei Handhebeln daran und zwei Zeigern, einen für jede Maschine. Auf jeder Seite von diesem befand sich eine runde Skala, die von ‚voll voraus‘ stufenweise über ‚stop‘ bis ‚voll zurück‘ ging. Dieser war mit dem auf der Brücke verbunden. Von dort wurden durch Umlegen der Hebel die Maschinenkommandos dem Ingenieur mitgeteilt. Bewegte man auf der Brücke einen Hebel, bewegte sich hier unten der entsprechende Zeiger auf die verlangte Position, und das Gerät klingelte so lange, bis der Ingenieur seinen Hebel mit dem Zeiger in Deckung gebracht hatte. Dann machte er sich daran, die Befehle umzusetzen, das heißt, die Maschine auf die verlangte Laufart einzustellen. Von den Kesseln führten enorme Abgasrohre nach oben in den Schornstein und bildeten hoch über den Decks die schwarze Rauchfahne, die für Dampfschiffe so typisch ist.

Beim Essen saß ich mit John und ein paar anderen Westlern am selben Tisch. John, der manchmal, wie er sagte, sich als Kellner ein Zubrot verdiente, hatte mir eine Jacke und eine Krawatte ausgeliehen. Auf Schiffen geht Tradition vor, und zum Essen, vor allem für die Bälle, war schicke Kleidung Pflicht. Die irische Familie hatte einen eigenen Tisch. Die Atmosphäre war aber ungezwungen, weil Passagiere aus allen Kulturkreisen an Bord waren und alles auf gutes Einvernehmen ausgerichtet war. Ich musste den Stewards regelrecht einen Befehl geben, damit sie nicht immer neben mir standen, um einen Wunsch zu erfüllen oder erst zu wecken. Alle sprachen miteinander, bei den Fest-lichkeiten waren erste und zweite Klasse gemischt. Die Zwischendecks waren fern und manchem der Passagiere bestimmt unbekannt.  

Bei einer solchen ‚Pflege‘ ging es mir täglich besser und ich kam mir fast vor wie auf einer Kur (so stellte ich mir das jedenfalls vor). Am zweiten Abend machte ich mich daran, meine erste Meerschaumpfeife seit geraumer Zeit zu stopfen. Im Bordladen hatte ich holländischen Tabak entdeckt, den gleichen, wie damals in Peshawar, der bis hier gehalten hatte. „Hang on! sagte John, „put in a bit of this! Und zu meiner Überraschung legte er ein Stück Haschisch auf den Tisch. Ich konnte es nicht glauben, dass ein 30Jahre älterer Mann Haschisch rauchte. Ich nahm das Piece und roch erst mal daran. Ich wollte sicher sein, dass er mich nicht verarschen will. Es war echt. Sogar gutes! Er weidete sich an meinem Erstaunen. „Es sind nicht die Hippies, die das Haschrauchen erfunden haben!" meinte er. Es war weich. Ich brach ein kleines Stück davon ab und klemmte es zwischen zwei Zündhölzer. Mit einem anderen, brennenden, erwärmte ich es, bis ein kleiner Rauchfaden aufstieg. Dann bröselte ich es auf den Tabak, vermischte beides, und stopfte alles in die Pfeife. Ich überließ ihm die Ehre des Anrauchens. Spät in die Nacht hinein lagen wir dann an Deck in den Liegestühlen, schauten in den Sternenhimmel und erzählten einander die größten Momente unserer Seefahrtszeit.

Wir machten einen Zwischenstopp in den Nicobaren. Das ist eine Inselgruppe, nicht weit von Sumatra, die zu Indien gehört. Das Schiff ging für einen guten halben Tag vor Anker. Ein Dutzend schutengleicher Lasten-segler kam zu uns gefahren und legte sich geschickt auf beiden Seiten der Rajula längsseits. Es waren grobe hölzerne Kähne, so 5 Meter breit und an die 20 lang. Ein schwacher Wind blies sie unter einem großen Lateiner-segel zu uns heran. Einmal ihre Ladung abgeliefert, die mit den dampfgetriebenen Ladegeschirren an Bord gehievt wurde, stiegen die hier ausschiffenden Passagiere ängstlich in die in der leichten Dünung schaukelnden Schuten. Dann wurden die langen Bambusrahen der Segel mit den vereinten Kräften der halbnackten Mannschaft gehisst, die Leinen fielen ins Wasser, und schon nahmen sie Fahrt auf zu den verschiedenen Inseln. Andere Segler nahmen deren Platz ein. Es war ein reges Kommen und Gehen. John und ich standen auf einem der oberen Decks über die Reling gebeugt und bestaunten diese urtümlichen Schiffe. Kein Draht, keine eisernen Teile. Alles nur Holz und Fasertauwerk. Selbst die Blöcke (Rollen), die zum Setzen der Segel dienten, waren aus Holz!

Am Abend rauchten wir John’s letztes Haschisch. Man wusste nicht, wie der Zoll auf Penang uns empfangen würde. Das Beste war, clean zu sein. Singapur lag in Reichweite. Jeder wusste, dass man dort mit langen Haaren kein Visum bekam. Also bat ich John, so schwer es mir auch fiel, mir die Haare zu schneiden, das Werk von zwei Jahren Wachstum zunichte zu machen! Aber da war noch ein anderes Problem. Ich kramte in meinem Rucksack und zog zu John’s großem Erstaunen den Revolver hervor. „Was willst du denn damit? Ich wog ihn in der Hand. „Habe ich bis jetzt nicht gebraucht, werde ihn wohl in Zukunft auch nicht brauchen! Das Bullauge stand offen, damit frische Seeluft in unsere warme Kabine kommen konnte. In hohem Bogen warf ich ihn in das andamanische Meer. Die Handvoll Patronen folgte. Ich hörte nicht einmal das Platschen, so schnell pflügte die Rajula die See. „Wenn doch alle so handeln täten, meinte John, „dann wäre bald Frieden auf Erden!

DAS VERGESSENE PARADIES

Vierundzwanzig Stunden später machten wir in George Town, einem Hafen auf der Insel Penang, nicht weit vom malaysischen Festland fest. Endstation. Hier trennten sich unsere Wege. John ging nach Kuala Lumpur. Er kannte dort einen Hotelier, wo er hoffte, etwas Jobben zu können. Hirohito ging in dem Menschengewühl verloren. Ich traf ihn nie wieder. Auf den ersten Blick unterschied sich Südost-Asien von Indien durch die anderen Rikschas. In Indien sitzen die Passagiere hinten, hier sitzen sie vorne. Gewissermaßen in einem lenkbaren großen Sessel, mit zwei Rädern seitlich daran. Der Fahrer sitzt also hinten, auf einem fast normalen Fahrrad-Hinterteil, das an dem Sessel beweglich angebracht ist. Zum Lenken dient ein großer Bügel, der hinter der Sofalehne befestigt ist. Daran befinden sich auch die Bremshebel, Klingel oder die Hupe mit Gummiball. Ich quartierte mich in einem billigen Hotel ein. Jemand, der kein Wort Englisch verstand, hatte mich hierher geführt. Ich kam mir vor wie in Japan. Die Innenwände waren aus Pappkarton. Andere Länder, andere seismische Normen, dachte ich. Ich ließ dort mein Gepäck und ging auf Erkundung und Nahrungssuche.

Der Stadt war eine Pfahlbausiedlung vorgelagert. Den Dutzenden hölzernen Lastkähnen und Lastseglern, die zwischen der Mole und den Pfahlbauten dümpelten nach zu schließen, wohnten hier deren Eigner und die Mannschaften mit ihren Familien. Manche dieser Stelzenhäuser waren unbewohnt und in schlechtem Zustand. Wahrscheinlich machte die Motorschifffahrt den Seglern die Existenz schwer. Viele Obdachlose oder Kriegsflüchtlinge aus Vietnam und den angrenzenden Ländern hatten sich hier einquartiert und führten ein ärmliches Dasein. Kinder spielten auf den die Häuser umgebenden Laufstegen Fangen und sprangen von da aus ins Wasser, bevor der Fänger sie erwischte. Für sie zumindest war hier das Paradies.

Die Stadt selber quoll über von Läden. Penang war Freihandelszone und fast jeder Bewohner schien das auszunutzen. Es ging eine Fähre zum nahen Festland, und wer sie nahm, musste zuerst durch den Zoll. In diesem Durcheinander von Läden aller Art fand ich auch eine ‚Travel Agency‘. Hier bestätigte man mir, dass das Schiff von Singapur nach Fremantle auf zwei Monate ausgebucht sei. Man empfahl mir, eher hier zu buchen. Für Singapur bekam man in der Regel nur ein eintägiges Transitvisum. Hier in Malaysia konnte ich ohne Visum drei Monate bleiben. Doch die Geschäftsführerin tröstete mich. Oft würden in letzter Minute Tickets gecancelt, also zurückgeben. Es bestünde eine Chance, früher wegzukommen. Ich hinterließ also dreißig Dollar als Anzahlung und meine Adresse im Aung Youn Hotel und versprach, bald wieder reinzuschauen, damit mir das Ticket nicht vor der Nase weggeschnappt würde!

Für meine Zukunft war also vorgesorgt. Jetzt wollte ich mich um meine Gegenwart kümmern. Und die hieß Essen. Ich kannte die Preise nicht, hatte gerade ein paar US Dollar in Malaysische Dollar umgetauscht, und ließ mich überraschen. Wenn ich die Bevölkerung auf den Straßen betrachte, könnte man sagen ¼ Inder, ¼ Chinesen, ½ Malaien. Vielleicht sind die Malaien ein Mischprodukt von beiden? Die indische Küche kenne ich. Also heute mal die chinesische! Ich betrachte die Schilder der Restaurants. Daran sieht man, welche Küche serviert wird. Oder man schaut auf den Koch. Und außer seiner Herkunft erkennt man an ihm auch die Güte seines Essens: je dicker der Koch, desto besser die Speisen! Man bringt mir die Speisekarte auf Englisch. Doch selbst die ist für mich wie Chinesisch. Ich kann mir nichts unter den Namen der Gerichte vorstellen. Also führt mich der Kellner in die Küche und ich zeige auf das, was ich gerne essen möchte, und der Koch bereitet mir einen gemischten Teller. Dazu Essstäbchen und einen großen Porzellanlöffel in Schiffchenform für die Suppe! Während ich auf mein Essen warte, schaue ich den anderen zu, wie sie die Stäbchen anfassen. Sie handhaben diese so geschickt, dass ich fast neidisch werde. Bei mir führte jedes Stäbchen sein Eigenleben. Langsam wurde dabei mein Essen kalt. Bei den anderen Gästen sah ich, dass sie, wenn nicht mehr viel in der Schüssel oder auf dem Teller verblieb, sie diesen vor den Mund hielten und den Rest mit den zwei Stäbchen nebeneinander in den Mund schoben. So machte ich es dann auch. Ich fing gewissermaßen mit dem Ende an. Ich war überrascht über die gute Zubereitung. Man schmeckte das, was man gerade aß. Die Gewürze dienten nur zur Geschmacks-hebung. Dazu ein kühles Bier, denn hier war Alkohol erlaubt. Und selbst die anwesenden Inder schienen mit dem Alkohol umgehen zu können. Als es ans Zahlen ging und ich umrechnete, stellte ich fest, dass hier die Preise doppelt so teuer waren wie in Indien. Das war gut zu wissen, für meine Kostenhochrechnung!

Ich schlenderte noch etwas durch die Straßen. Mir fielen überdachte Hallen auf. Darin wimmelte es um diese Zeit von weißgekleideten Kindern und Jugendlichen. Sie übten sich im Judo, was in Deutschland wenig bekannt war. Es war beeindruckend, zu sehen, wie kleine Knirpse andere packten und nach einer flinken Bewegung durch die Luft warfen und am Boden immobilisierten. Hier herrschte strenge Disziplin. Alle stellten sich in graden Reihen auf und grüßten den Lehrer mit einer tiefen Verbeugung. Und auch der Lehrer verbeugte sich vor ihnen! Und alle Kämpfer verbeugten sich voreinander vor dem Kampf und nachher, egal, wie der ausging. Sich in jeder Lage verteidigen zu können, fand ich als Grundidee sehr gut. Aber den gegenseitigen Respekt voreinander zu lernen, fand ich noch wichtiger! Und in jeder Lage fair zu bleiben, auch als Verlierer! Manchmal fanden diese Übungen im Freien statt. Überall waren die dazu notwendigen Matten vorhanden. Außer am Strand. Da genügte der Sand. Diese Übungshallen fand ich bis in Thailand. Ganz Süd-Ost-Asien scheint dem Judo zu frönen, wie bei uns man dem Fußball anhängt.

Dann zurück ins Hotel. Dieses hatte sich etwas belebt. Ich bemerkte, dass ein paar junge Mädchen herum-standen und miteinander oder mit den Gästen plauderten. Sie sahen wie Teenager aus, ziemlich jung und nach der Mini-Mode gekleidet. Wohl die Töchter der Wirts-familie, dachte ich, oder deren Freundinnen, oder Nichten, die aushalfen, wenn Not am Mann war. Alle begrüßten mich äußerst freundlich. Ich nickte zurück. Kannte ja kein Wort von deren Sprache. Als ich in meinem Zimmer ankam, bemerkte ich etwas, was ich vorher wohl übersehen hatte: in den Pappkartonwänden steckten Klopapierkügelchen, die wohl Löcher verschließen sollten. Hatte hier einer mit einem Schrotgewehr geschossen? Ich puhlte ein Loch frei und schaute hindurch. Ich sah genau in das Zimmer neben dem Meinen. Es war unbelegt. Ich stopfte das Loch wieder zu.

Unten erklang Lachen. Ich ging in den Flur und schaute hinunter. Ein paar Männer waren gerade angekommen, ohne Gepäck, und zahlten ihre Zimmer. Eilige Geschäftsreisende? Ein paar Mädchen gingen voraus, wohl um denen die Zimmer zu zeigen. Ich ging nach unten, trank ein Bier und schaute dem Treiben zu. Es war noch nicht sehr spät. Eines der Mädchen setzte sich zu mir. Ich dachte, sie wolle die üblichen Fragen stellen. Doch versteh mal wer Chinesisch! Sollte ich sie zu einem Bier einladen? Aber sie war ja noch ein Kind, obwohl sie gut proportioniert war. Was ist hier eigentlich die Altersgrenze, um Alkohol zu trinken? Dann ging ich in mein Zimmer um zu schlafen. Das Hotel kam nicht zur Ruhe. Die ganze Nacht über hörte ich Schritte, Lachen, Stöhnen, Türengeräusch. Ein ziemlich hellhöriges Hotel. Müsste mir bald ein anderes suchen, dachte ich mir und schlief dann endlich ein. Am nächsten Morgen bemerkte ich, dass Klopapierkügelchen auf meinem Bett lagen. Jemand hatte also von der anderen Seite die Löcher aufgemacht und mich zu beobachten versucht. Was geht hier eigentlich vor? fragte ich mich. Da ging mir ein Licht auf: Ich befand mich in einem Bordell! In einem Stundenhotel, wie man es auch nennen kann! Darum wohl auch das frisch bezogene Bett. Darum auch so billig. Die Beigabe erst machte den Preis! Ich hatte praktisch nur den leeren Teller gemietet, so, wie man in Italien das Gedeck bezahlt. Die Speise hatte ich verschmäht. Penang Duty-Free! Hier war alles käuflich und sogar die Liebe steuerfrei.

Ich blieb trotzdem noch zwei Tage im Hotel, weil ich dieses als meinen Wohnsitz in der Agentur angegeben hatte. Die Angestellte musste mich für einen Zuchthengst halten. Ich bin sicher, dass jeder im Ort das Bordell kannte. Und dann, am dritten Tag kam ein Anruf von der Agentur. Ich gleich hin! Zwei Tickets waren zurück-gegeben worden. Singapur hatte gleich die Agentur angerufen und wollte Gewissheit haben. In 14 Tagen schon sollte das Schiff fahren! Ich zahlte sogleich die 145 Dollar, die noch ausstanden und war überglücklicher Besitzer eines Schiffstickets nach Australien. Das Schiff hieß ‚Australasia‘. Sieben Tage sollte die Überfahrt dauern. Ich konnte also schon meinen Ankunftstermin in Fremantle ausrechnen. Das tat ich. Und da ich gerade am Rechnen war, zählte ich mein restliches Geld und teilte es durch 14. Ich sah, dass ich eigentlich mehr hatte, als ich pro Tag ausgab. Warum Geld mit nach Australien nehmen, wo es ja dort auf der Straße lag! Vielleicht nicht ganz, aber ich ging ja hin, um was zu verdienen. Vielleicht hätte jeder normale Mensch jetzt die Beigabe zum Gedeck bestellt und 14 Tage lang die Schulmädchen verwöhnt.

Ich, stattdessen, ging zum Busbahnhof und kaufte ein Ticket nach Bangkok, in Thailand. Auf dem Wege dorthin besorgte ich mir auch einen breiten Strohhut, denn die Sonne brannte manchmal ganz schön herunter. Um diesen wickelte ich meine Kobrahaut, die ich sonst meist als Haarband trug. Zehn Tage Thailand… das wäre doch was! Meinen Rucksack hatte ich dabei. Der Bus wartete nur noch auf mich, um loszufahren. Es war 11 Uhr. Um 1 Uhr früh sollte der Bus in Thailand ankommen. Jeder Platz war besetzt. Es war ein thai-ländischer Bus. Es war also genügend Beinraum vorhanden. Nur hatte ich nicht gewusst, dass thai-ländische Fahrzeuge keine Schalldämpfer besaßen. Nur den Krümmer. Als der Fahrer den Motor anließ, schreckte ich zusammen. Es war, wie wenn ein Flugzeug seinen Motor startet. Eine Konversation war unmöglich. Aber im Bus sprach sowieso niemand Englisch, geschweige denn Deutsch. Zumindest ersparte der Lärm dem Fahrer, die Hupe zu benutzen. Mensch und Tier rannte von der Straße, wenn der Bus sich näherte. Zumindest in Malaysia. In Thailand waren alle Fahrzeuge so laut, und die anrainenden Lebewesen hatten gelernt, mit dem Krach zu leben. Je lauter das Fahrzeug, umso größer das Ansehen des Fahrers! Das erinnerte mich an meine Mopedzeit. Hier zählt nicht der Stern auf dem Kühler, sondern der Krach am Krümmer! Der Busfahrer hielt sich, wie jeder seiner Kollegen, für den perfekten Fahrer und wartete nur darauf, für den Rennsport entdeckt zu werden. Die Straße war sein. Könige der Landstraße nennt man bei uns bisweilen die Brummifahrer. Die hier kann man als Tyrannen der Landstraße bezeichnen. Ich saß ganz hinten. Die Tickets waren entsprechend der Sitznummern von eins aufwärts verkauft worden. Ich war der Letzte gewesen. Bei einem Frontalzusammenstoß hätte ich also genügend Chancen, davon zu kommen. Nur nicht anhalten! Denn dann könnte einer von Hinten in uns reinrasen, dachte ich. Doch dann lachte ich über mich selber. Dann hätte ich gar nicht erst einsteigen dürfen, wenn ich so dachte, dann dürfte ich gar nicht hier sein!

Der Bus durchraste schönste Landschaften. Eine Weile folgten wir dem Küstenverlauf, sahen manchmal weiße Sandstrände. Dann ging es hinauf auf die Klippen und unser Blick überflog das blaue Meer. Einmal die Grenze überschritten, stiegen manche Fahrgäste aus. Andere stiegen zu. Es waren aber immer mehr, die zustiegen. Bald war der Gang auch voll besetzt. Das war wohl der Nebenverdienst des Fahrers. Irgendwo stieg ein alter Mann ein, bestimmt ein Bauer, mit einem vielleicht sechsjährigen Kind. Sie setzten sich auf den Boden. Ich rückte etwas mehr zu meinem Nebenmann, und ließ den Mann auf der Kante des Sitzes sitzen. Den Buben nahmen wir auf den Schoß. Der Mann sah abgearbeitet aus. Zerfurchte, schwielige Hände. Natürlich sprach er kein Englisch. Beim nächsten Halt bot ich ihm und dem Jungen einen Tee an. Weiter ging die Fahrt. Irgendwann, so gegen 23 Uhr, hielt der Bus mitten im Dunkeln an, um den Mann und seinen Enkel aussteigen zu lassen. Der Mann bot mir an, mit in sein Dorf zu kommen. Jemand aus dem Bus übersetzte mir. Das Dorf läge nur ein paar Fußstunden von hier. Wäre es hell gewesen… Alle möglichen Sachen kamen mir in den Sinn, Tiger, der Vietcong… Als der Bus wieder fuhr, war es mir, als hätte ich ein großes Abenteuer verpasst. Und stattdessen fahre ich in die größte Stadt des Landes! So gegen zwei Uhr durchfahren wir die Vororte Bangkoks. Es regnet in Strömen. Der Bus hält auf einem riesigen Platz an. Die wenigen Straßenlaternen spiegeln sich in den öligen Pfützen. Zum Glück hat der Wolkenbruch aufgehört. Alle steigen aus und gehen ihren Weg. Der Bus fährt weg. Ich stehe alleine da. Ein paar Busse parken etwas weiter am Rand des Platzes. Es fängt wieder an zu nieseln. Ein ungeheures Gefühl von Einsamkeit über-kommt mich. Mir ist, als wäre ich am traurigsten Ort der Welt gestrandet. Wo kann ich die letzten Stunden der Nacht verbringen? Wo bin ich einigermaßen sicher vor Räubern und Straßenkötern?

Ich nehme meinen Rucksack und schlage irgendeine Richtung ein. Irgendwo werde ich schon landen… Da kommen vier Personen auf mich zu. Ich sehe, es sind Jugendliche, und sie sehen eher harmlos aus, stelle ich erleichtert fest. Jeder, der schon mal gereist ist, weiß, dass man oft ziemlich was an Geld dabei hat. Mehr als die Einheimischen besitzen, vor allem in diesen Ländern. Kommen sie von einer Feier? Sie begrüßen mich auf Englisch. Aha, zumindest gehen sie auf die Oberschule, haben also Eltern, die es sich leisten können, ihren Kindern eine Ausbildung zu geben. Woher, wohin? Ich sage, ich wolle zum YMCA. Der ist weit von hier und ist teuer. Acht Dollar die Nacht. „Gib uns acht Dollar und wir besorgen dir eine Unterkunft! Sie führen mich zu einem Schuppen, worin ein Billardtisch und zweit Tisch-fußballspiele stehen. Ziemlich verdreckt und herunter-gewirtschaftet. Ein paar Gestalten pennen da schon. Sie sind mir nicht grade geheuer. Ich sage ihnen, dass mir der Platz nicht gefällt und zum YMCA gehen werde. Sie beraten. „Komm, du bist unser Freund, du kannst bei uns übernachten. Ich machte mich auf eine Studentenbude gefasst. Ich folge ihnen und beantworte ihre neugierigen Fragen.

Wir gelangen in ein schickes Wohnviertel. Hier trennen sie sich. Zwei, bestimmt Brüder, nehmen mich mit. „Falls die Eltern fragen, du bist ein deutscher Student und unser Gast. Ich schlafe auf einer Matte in ihrem Zimmer. Am nächsten Morgen stehen wir auf. Die Eltern haben schon erfahren, dass Besuch da ist und heißen mich mit vielen Verbeugungen als Gast willkommen. Sie sprechen kaum Englisch. Sie sind stolz auf ihre Kinder, die Respekt vor anderen haben und die Regeln der Gastfreundschaft üben. Es folgt ein gemeinsames Frühstück. Dann verabschiede ich mich mit vielen ‚Thank Yous‘. Einer der Brüder nimmt meinen Ruck-sack, um ihn hinauszutragen. Die stolzen Eltern winken mir von ihrer Tür aus nach, ich winke zurück. Wir kommen um eine Hausecke. Der mit dem Rucksack rennt plötzlich los. Der andere hält mich fest. Plötzlich sind auch die Kumpel von der Nacht da. „Gib uns zehn Dollar für Schlafen und Essen, und du bekommst den Rucksack wieder! Ich protestiere. „Ist das thailändische Gastf-reundschaft? Sie bleiben hart. Unauffällig ziehe ich einen Zehn-Dollar-Schein aus meiner Reserve und zeige ihn ihnen. Sie geben dem Anderen ein Zeichen. Der kommt näher. „First backpack! Sie wollen erst das Geld. Ich bleibe stur. Der mit dem Rucksack nähert sich. Ich strecke die Hand mit dem Schein etwas vor. Er macht dasselbe mit dem Rucksack. Die Anderen stehen abwartend, nicht weit. Ich greife schnell nach dem Ruck-sack, er nach dem Geld, und alle rennen in verschiedene Richtungen davon. Willkommen in Bangkok!

Bangkok ist riesig. Es liegt im Flussdelta des Chao Phraya. Viele Kanäle und Flussarme durchziehen die Stadt. Wohin ich den Kopf auch drehe, überall ragen hohe, goldene Tempeltürme in den Himmel, oder Paläste. Ich lasse mich die letzten Kilometer von einem Rikscha fahren. Der Fahrer erklärt mir im Vorbeifahren die einzelnen Sehenswürdigkeiten. Ich habe den Eindruck, er will mit mir eine Stadtrundfahrt machen. „Shortest way to YMCA!" mahne ich ihn. Ich nehme ein Bett in einem Vierbettzimmer. Um diese Zeit bin ich noch der Einzige. Doch als ich nach meinem Stadtrund-gang gegen Abend zurückkomme, sind alle Betten belegt. Drei junge Amerikaner wohnen mit mir im Zimmer. Der Preis ist wirklich 8 Dollar. Aber pro Bett, nicht für das Zimmer! Die Nacht wird laut. Irgendwer ist immer unterwegs. Manchmal scheinen Rennfahrten stattzufinden, mit röhrenden Motoren und quietschenden Reifen. Wer eine Freundin hat, und ein Auto, bringt ihr unter ihrem Fenster ein Ständchen mit aufheulendem Motor!

Für den nächsten Vormittag haben meine Zimmer-kollegen ein Boot mit Fahrer gemietet. Ob ich nicht mitkommen will, gegen 3 Dollar Beteiligung? So wie ich bisher die Stadt gesehen habe, finde ich das eine gute Idee. Denn viele der Sehenswürdigkeiten sind einfacher vom Wasser her erreichbar oder am besten sichtbar. Es ist ein langsames Motorboot, sogar mit einem Schall-dämpfer ausgestattet. An mehreren Tempeln halten wir an und steigen aus. Der alte Königspalast. Riesig und voller Prunk zieht er an uns vorbei. Und da drüben der neue! Noch monumentaler und prachtvoller. Rot-Grün glasierte Ziegeldächer, deren Firste am Ende mit vergoldeter Schnitzerei verziert sind und sich hornförmig nach oben in die Luft schwingen. So schön diese Paläste auch sind, ich finde hier ist mindestens einer zu viel. Riesige Stupas ragen in den Himmel, wie goldene auf dem Boden stehende Glocken. Monumentaler als alle, die ich bisher gesehen habe. Die Tempelbezirke sind übersät von Stupas aller Größen, dazwischen Pagoden mit bunten oder goldenen, sich übereinanderschichtenden Dächern. Haushohe Wächterstatuen mit Grimassen-gesichtern stützen sich auf ihre Schwerter und bewachen auf beiden Seiten die Eingänge zu den Tempeln. Der Boden der Tempelstadt ist weißer Marmor, ebenso die Stufen. Wohin ich den Kopf wende, alles ist bunte Keramik, Gold und Marmor, aufs üppigste verziert. Und die Verzierungen nochmals verziert. Bis ins Aller-kleinste. Nie habe ich bisher eine solch große Tempelanlage gesehen!

Alles blitzt vor Sauberkeit, kein Gestank liegt über dem Ganzen, nur der Duft von Weihrauch, der aus dem Inneren der Tempel nach außen dringt. Im Inneren erheben sich übermenschengroße Statuen, meistens der Buddha, sitzend, lächelnd. An der Haltung der Hände erkennt der Gläubige, ob der Tempel dem vergangenen, dem Buddha unseres Zeitalters, oder dem zukünftigen geweiht ist. Vor den Statuen befinden sich prunkvolle, mit Sand gefüllte Becken, worin die Pilger und andere Besucher Weihrauchstäbe stecken. Dieser erhebt sich gleich langsam wehende Fäden von den glühenden Enden und legt sich in wohlriechenden Schichten in den Raum. Manche der Weihrauchstangen sind armdick und über zwei Meter lang. Der Geruch ist gleich dem in den lamaistischen Tempeln Nepals. Außer Sandelholz müssen große Proportionen Wacholderspäne darin sein. Dort, wo ein Sonnenstrahl das Halbdunkel im Inneren durchsticht, leuchtet der Weihrauch auf, gleich dem Richtstrahl eines Leuchtturmes. Nicht genug damit, dass die Dächer von außen verziert sind, auch von Innen ist jeder sichtbare Ziegel, jede Dachlatte oder Balken zierlich verkleidet, mit Gold, Keramikschuppen, Seidenstoffen oder Edelsteinen. Viele Götterfiguren und Dämonen, die ich in Nepal gesehen hatte, tauchen auch hier auf. Aber in Reinform, golden. Ohne mit Blut oder Farbe verschmiert zu sein. Neben den Eingängen wachsen wohlgeordnet Fächerpalmen, verbreiten Blumenbeete ihre Farbenpracht. Hier sind Architekten den Künstlern zur Seite gestanden! Hier ist kein Chaos. Hier ist Ordnung. Himmlische Ordnung. Und unter all den Besuchern wandeln trotzdem ein paar Mönche. Wenn sie nicht im Tempel oder Kloster Dienst tun, durchziehen sie bettelnd die Stadt oder sitzen in Reihen am Rande bestimmter Straßen. Stumm die Bettelschale haltend, geduldig auf Almosen wartend. Wie Fürsten, die beim Nehmen den Eindruck hinterlassen, als würden sie geben. Thailand muss ein sehr religiöses Land sein. Und ein sehr reiches. Nur durch Fron können solch Bauwerke nicht entstehen. Und auch nicht unterhalten werden. Trotz der ungünstigen Zeit des Monsuns befinden sich hunderte von ausländischen Touristen hier, auch einige amerikanische GIs auf Fronturlaub. Vietnam liegt gleich nebenan.

Bangkok wird von einem Labyrinth von Kanälen durchzogen. Diese sind sich nicht alle gleich. Es gibt da die Prachtkanäle, die sich zwischen den Palästen und Tempeln meistens gradlinig hindurchziehen. Es gibt andere, an denen sich Warendepots befinden, von wo aus Güter auf dem Wasserweg verschifft werden, wieder andere, an denen sich Geschäfte säumen, oder Wohnviertel. Viele Felder und Gärten der Stadt werden auch auf Kanälen erreicht. Diese schlängeln sich oft unter der üppigen Vegetation hindurch, kleine hölzerne Stege führen ins Wasser, um die Frachtkähne zu beladen. Andere dienen zum Entwässern des Flussdeltas, um Ackerfläche zu gewinnen. Wie durch einen Tunnel gleiten wir mit unserem Boot über das grüne Wasser. Manchmal kommen wir in einen der Flussarme. Der Wasserstand ist überall, bedingt durch den Monsun, sehr hoch. Die kleinsten Kanäle sind anfangs bedeckt. Das sind diejenigen, die die Abwässer der Stadt ableiten. Sie ergießen sich in die größeren. Zum Glück ist derzeit kein Wassermangel und die Kinder, die von den Anlegestegen vor den Pfahlbauten ins Wasser springen, riskieren nichts. Auch nicht die Frau, die sich gerade einseift. Der Fluss ist die Lebensader seit Urzeiten. In den Hauptarmen, da wo er in den Hafen münden, liegen sogar ein paar Kriegsschiffe. Zwei davon sind Fregatten. Ohne Fenster. Für was für eine Art Krieg sind die bestimmt? Sie sind nicht beflaggt, tragen keine Nummer. Sind das amerikanische Schiffe, die getarnt, auf einen eventuellen Einsatz in Vietnam warten? Aber warum keine nationalen Kennzeichen?

In der Nähe, in einer Werft, entsteht ein Frachtschiff. Ein riesiger Werftkran ist gerade dabei, die vorgefertigten Brückenaufbauten aufzusetzen. Bus-Boote fahren Menschen zur Arbeit und Kinder in die Schule. Wer es eilig hat, nimmt ein ‚Speed-Boat‘, ein schmales, schnittig gebautes Boot, mit nur zwei Sitzplätzen nebeneinander, aber 5 bis 10 hintereinander gereiht. Am Heck ist ein enormer Auto- oder LKW- Motor auf eine mindestens 5 Meter lange Welle geflanscht, an deren anderen Seite sich die Schraube befindet. Diese Motor-Wellen-Konstruktion ist an ihrem Schwerpunkt im Bootsheck drehbar aufgehängt und dient zugleich zur Steuerung. Der Motor, natürlich ohne Schalldämpfer, gibt diesen Rennbooten einen solchen Schub, dass sie mit riesiger Bugwelle halb gleitend vorwärtsschießen. Ich schätze ihre Geschwindigkeit auf über 70 Stundenkilometer. Eine kleine Barkasse, mit bestimmt weniger Pferdestärken als die Speeder, zieht langsam 4 beladene Schuten hinter sich flussaufwärts. Diese sind so tief abgeladen, dass das Deck vom Wasser überspült wird und nur die hohen Lukensülle sie am Sinken hindern. Auf jeder Schute ist eine einfache Unterkunft, die man mit geflochtenen Bastmatten erweitert hat. Man sieht, dass auf jeder eine Familie lebt. Die Kinder rennen über die überfluteten Seitendecks und die Schlepptrossen von Schute zu Schute nach vorne. Dort springen sie ins Wasser, um auf der letzten wieder an Bord zu klettern. Am Heck eines jeden Frachtkahnes befindet sich ein großes, buntbemaltes Ruderblatt mit langer Pinne. Daran steht auf jeder ein Steuermann. Die Ladeluken sind mit halbrunden Wellblechen gegen Regen geschützt, oder mit spitzen Grasdächern. Zu Stoßzeiten muss es auf den Kanälen so zugehen, wie auf den Straßen. Mit dem kleinen Unterschied, dass Schuten keine Bremsen haben…

Wir kommen durch Viertel, wo die Dächer mit Rost beschichten sind, anstatt mit Gold. Anstatt Motorbooten rudern die Menschen in Einbäumen. Zum Einkaufen, auf einen Plausch zum Nachbarn, zu den Gärten. Oft bringen die Wellen der Speed Boote die Einbäume, die nur ein paar Fingerbreit aus dem Wasser ragen, in Gefahr. Meist wird mit einem Paddelmanöver rechtzeitig der Bug gegen die Wellen gedreht und zu einem Schäufelchen gegriffen, um das übernommene Wasser wieder rauszulenzen. Unser Boot tuckert wie ein schwimmender Traktor durch die Kanäle. Eine geflochtene Matte

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