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Gefreiter Jablonski

Gefreiter Jablonski

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Gefreiter Jablonski

Länge:
378 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
19. Sept. 2013
ISBN:
9783847643036
Format:
Buch

Beschreibung

Die Bundeswehr mit ihrer Hierarchie hat ihre eigenen Gesetze. Alles ist genormt, geregelt, festgelegt und olivgrün. Menschliches Fehlverhalten aber kann diese Ordnung durcheinanderbringen. Ob nach eigenem Kalkül oder vorgegebene Gesetze, kann jeder dem anderen das Leben schwer machen. Diensteifrige Emporkömmlinge und gleichgültige Wehrpflichtige sorgen für ein reges Gegeneinander. Überzeugung und Desinteresse reiben sich aneinander bis zur erbitterten Feindschaft. So nutzt jeder Führungssoldat seine Macht, die ihm die Bundeswehr ermöglicht, dem einfachen Soldaten zu schikanieren. Es liegt an jedem selbst, mit dem Strom zu schwimmen oder regelmäßig anzuecken. Vielleicht aber sind es auch die Reibereien und Umgehungsversuche der Dienstvorschriften, die das Leben in der Kaserne attraktiver gestalten.
Die meisten Begebenheiten und Charakterdarstellungen haben sich tatsächlich in der Hamburger Graf Golz-Kaserne zugetragen. Die Geschichte an sich aber ist fiktiv und hat so nie stattgefunden. Es soll gezeigt werden, dass die Bundeswehr nicht nur ein uniformierter Apparat ist, sondern von Menschen in Uniformen, mit ihren Führungsqualitäten und Schwächen, bis hin zur Borniertheit, geführt wird.
Der Autor selbst hat in den Jahren 1971/72 in der Graf Golz-Kaserne als Sanitäter gedient.
Herausgeber:
Freigegeben:
19. Sept. 2013
ISBN:
9783847643036
Format:
Buch

Über den Autor


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Gefreiter Jablonski - Michael Siemers

Vorwort

Die Bundeswehr mit ihrer Hierarchie hat ihre eigenen Gesetze. Alles ist genormt, geregelt, festgelegt und olivgrün. Menschliches Fehlverhalten aber kann diese Ordnung durcheinanderbringen. Ob nach eigenem Kalkül oder vorgegebene Gesetze, kann jeder dem anderen das Leben schwer machen. Diensteifrige Emporkömmlinge und gleichgültige Wehrpflichtige sorgen für ein reges Gegeneinander. Überzeugung und Desinteresse reiben sich aneinander bis zur erbitterten Feindschaft. So nutzt jeder Führungssoldat seine Macht, die ihm die Bundeswehr ermöglicht, dem einfachen Soldaten zu schikanieren. Es liegt an jedem selbst, mit dem Strom zu schwimmen oder regelmäßig anzuecken. Vielleicht aber sind es auch die Reibereien und Umgehungsversuche der Dienstvorschriften, die das Leben in der Kaserne attraktiver gestalten.

Die meisten Begebenheiten und Charakterdarstellungen haben sich tatsächlich in der Hamburger Graf Golz-Kaserne zugetragen. Die Geschichte an sich aber ist fiktiv und hat so nie stattgefunden. Es soll gezeigt werden, dass die Bundeswehr nicht nur ein uniformierter Apparat ist, sondern von Menschen in Uniformen, mit ihren Führungsqualitäten und Schwächen, bis hin zur Borniertheit, geführt wird.

Der Autor selbst hat in den Jahren 1971/72 in der Graf Golz-Kaserne als Sanitäter gedient.

Kasernenalltag

„Die Rotärsche kommen!" rief einer der Soldaten in halblautem Ton und

kündigte damit das Erscheinen der neuen Rekruten an, die ihr erstes Mittagessen

im Speisesaal der Graf Golz-Kaserne einnehmen durften. Das Geklapper der

Bestecke und das allgemeine Redegewirr verstummten. Kaum, dass der erste

Rekrut den Saal betrat, hämmerten gut 300 Bestecke auf den Tischen und

verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm. Zurückhaltend traten die Rekruten

nacheinander ein und sahen sich verlegen um. Steif wie ihre gebügelten Arbeitsanzüge

waren ihre Bewegungen, blass und frisch ihre Gesichter. Jeder trug sein

Namensschild auf der rechten Brust und hatte im Gegensatz zu den anderen

Barettträgern ein Schiffchen auf dem Kopf. Wenn sie auch in einem Panzerbataillon

stationiert waren und den Dienstgrad „Panzerschütze" trugen, so waren

sie von dieser Einheit noch weit entfernt. Sie hatten erst einmal die

Grundausbildung zu absolvieren, bevor sie hautnah mit der 48-Tonnentechnik

eines Kampfpanzers konfrontiert wurden.

Der Empfangslärm ebbte erst ab, als auch der letzte Rekrut den Saal betrat. Von

ihrem Unteroffizier wurden sie an zwei separate Tischreihen geführt, damit sie

sich langsam in das Bataillonsleben integrierten. So lautete die formelle

Anweisung des hiesigen Bataillonskommandeurs Oberst Fleck. Im Klartext hieß

das nichts anderes, als: „Kein Rotarsch soll sich erdreisten, sich an einen Tisch

mit Reservisten zu setzen."

Reservisten waren normalerweise Soldaten, die zur Reserveübung eingezogen

wurden. Doch nannten sich auch diejenigen Reservisten, die das letzte Vierteljahr

abzuleisten hatten. Daher wurden die Rekruten mit der aktuellen Tageszahl „89"

begrüßt. Was das zu bedeuten hatte wurde ihnen sehr schnell klar. Mit ihrer

astronomischen Zahl von über „500" hätten sie nur lockeres Gelächter ausgelöst.

Das Panzerbataillon 174 war in der Graf Golz Kaserne in Hamburg-Rahlstedt

stationiert. Urkundlich tauchte das namensgebende märkische Uradelsgeschlecht

schon im Jahre 1297 auf. Wie sehr es vom militärischen Flair überschattet war,

bewiesen 22 Generale, von denen mindestens vier in die Geschichte eingingen.

Der letzte unter ihnen war Rüdiger Graf von der Golz, General und Kommandeur

jener deutschen Truppen, die Finnland im Jahre 1918/19 von der Roten Armee

befreiten. In dieser Kaserne waren die erste Stabs- und Versorgungs-, die dritte

und vierte Kampf- und die zweite Ausbildungskompanie untergebracht. Die

klotzigen Backsteingebäude waren genauso trist wie das Leben darin. Alles war

gleich: jeder Flur, jede Stube und jeder Keller. Persönliche Gestaltung war

lediglich in den Büros zu finden, wenn man einige Bilder und Blumen so nennen

durfte. Die Stuben der Soldaten, sechs bis acht Betten und Schränke, sowie die

gleiche Zahl Stühle und einen Tisch waren nach dem Architekturschema „F"

gestaltet. Anfang der siebziger Jahre wurden die Blocks renoviert. Unterrichts-und

Sanitätsgebäude waren derzeit die einzigen Neubauten, die sich im Stil von

den übrigen Blocks abzeichneten. Die Steinböden der Flure rochen nach scharfen

Reinigungsmitteln, die sich mit allen möglichen Gerüchen vermischten. Schweiß,

Leder, Chlor und gelegentlich wohlriechende Seifen und Deos durchzogen die

Räume der Kompanien. In der Kasernenmitte breitete sich der riesige, asphaltierte

Exerzierplatz aus, auf dem Appelle, Befehlsausgaben, Begrüßungen, Beförderungen

und Verabschiedungen im großen Stil abgehalten wurden. Rechts vom Exerzierplatz

standen die Hallen der Lkws und die Werkstätten der Instandsetzung. Dahinter reihten

sichkorrekt ausgerichtet die schwerfälligen M48-Kampfpanzer, die in Lärm,

Anfälligkeit und Kraftstoffverbrauch unschlagbar waren. Sie warteten darauf,

durch den modernen Leopard Panzer abgelöst zu werden.

Vorgeschmack war der Bergepanzer Leopard, kurz „Leo" genannt. Selbst wenn

dieser einen Panzer im Schlepp hatte, so musste der „M-48" schon eine heiße

Kette hinlegen, um nicht die Schlusslichter entschwinden zu sehen. Es gab

Soldaten, die sich auf zwei Jahre verpflichteten, wenn sie in dieser Zeit den Leo

lenken durften. Man mag darüber denken, was man will, aber eine schöne

Geländefahrt in einem Panzer dieser Größenordnung war eines der beliebtesten

Dinge, die einem in so einem Bataillon widerfahren konnte.

Der achtzehnmonatige Wehrdienst war mit Ausnahme der dreimonatigen Grund-,

Fahr- und Fachausbildung, ein träges Dahinsiechen. Langeweile und

Lustlosigkeit machten sich da breit, wo es galt, seine Zeit abzubummeln. Die

Unproduktivität ihrer Arbeit, das stumpfsinnige Pflegen und Warten der

Maschinen und Geräte sowie die langatmigen Appelle ließen die Männer

abstumpfen. Fairerweise aber sei gesagt, dass Ausnahmen nicht selten waren.

Pioniere beispielsweise, die bei Sturm und Regen Brücken bauten, um sie danach

wieder wegzusprengen. Grenadiere, die durch Schlamm robbten und Schützengräben

aushoben, während ihnen der eisige Sturm ins Gesicht fegte. Hinzu kamen

die Einengung der Privatsphäre, die unbezahlte Anwesenheit für Wachen,

Bereitschaften, Übungen und Sonderdienste. Dies erstickte jedes Interesse an der

Bundeswehr.Doch hatte der Wehrdienst auch seine positiven Aspekte. Gerade Mütter

dienender Soldaten begrüßten die Sauberkeit und Ordnung. Das Leben in der

Gemeinschaft lehrte zur Solidarität und Kameradschaft. Jede erdenkliche

Ausbildung war großzügig, gut und teuer. Der knappe Wehrsold zwang zur Sparsamkeit

und die Verantwortung für Wäsche und Geräte veranlassten die Soldaten,

sorgsam und pfleglich mit den ihnen anvertrauten Sachen umzugehen. Um es auf

einen Nenner zu bringen: Der Wehrdienst war in den Augen der Eltern der letzte

Schliff ihrer, auf der Strecke gebliebenen, Erziehungstheorien.

Die Mittagspause war gerade beendet und das allgemeine Betriebsleben nahm

seinen Lauf. Einige Teileinheiten der ersten Kompanie marschierten geschlossen

zu ihren Arbeitsplätzen. Ein paar Offiziere pendelten zwischen Stab, Kasino und

Kompanien hin und her. Vor einigen Kompanieblocks standen Lkws, die be- oder

entladen wurden.

Es war ein Tag wie jeder andere und alles ging recht lahm und lustlos voran. Die

Neuen brachten wenigstens ein bisschen Abwechslung in den olivgrünen Alltag

der Kaserne, und man konnte endlich wieder die sorgsam gehüteten Witze an den

Mann bringen. Auf dem Exerzierplatz reihten sich gerade die Rekruten zur

Formalausbildung auf. In ihren sauberen kräftig grünen Kampfanzügen sahen sie

noch recht geschniegelt aus. Die Zugführer waren bemüht, ihnen Disziplin und

Gehorsam einzubrüllen und somit die krause Zivilhaltung auszubügeln. „Würden

Sie und „könnten Sie wechselte in „Marsch, Marsch, und „Zack, Zack.

Mit dummen Bemerkungen mitten aus der Reihe heraus marschierte der Inst.-Zug

(Instandsetzungszug) der Ersten an ihnen vorbei. In ihren blauen verwaschenen

Arbeitsanzügen sahen alle gleich aus und der ablehnende Ausdruck ihrer

Gesichter machte jeden Rekruten deutlich klar, dass diese Männer ihre

Grundausbildung schon weit hinter sich hatten.

„Ruhe da vorn!", mahnte der nebenher marschierende Feldwebel, als die Lautstärke

der Witzeleien zunahm. Es war ein Entgegenkommen gegenüber ihren

ausbildenden Kameraden, die jedoch genug mit ihren Soldaten zu tun hatten und

sich gar nicht darum kümmerten.

Langsam stieg der Gefreite Gerd Jablonski die grauen Steinstufen zum VU-Boden

(Versorgungsunteroffizier) im Dachgeschoss hinauf. Seine Beine waren

noch schwer wie Blei nach seinem Mittagsschlaf, den er sich regelmäßig gönnte.

Das Resultat war jedoch immer gleich: Er war hinterher noch niedergeschlagener

als vorher. Das stets ungekämmte blonde Haar reichte knapp bis zu seinem

Kragen. Mit gestrecktem Hals und heruntergezogenem Kragen konnte er sich

jedoch stets durch den Haarappell mogeln. 1970 wurde der sogenannte

„Haarerlass" erteilt, was den Soldaten erlaubte, das lange Haar zu behalten. „Es

kommt nicht darauf an was der Soldat auf dem Kopf hat, sondern was er im Kopf

hat", war die Wahlparole der damaligen SPD und verbuchte so erfolgreich einige

Wählerstimmen für sich. Für das Tragen langer Haare war die Benutzung eines

Haarnetzes vorgeschrieben. Die ersten Haarnetze waren so dünn, dass sie

allenfalls drei Tage hielten. Es dauerte nicht lange und der Nachschub kam ins

Stocken. So wurden dann die ersten Ausnahmen erteilt, was wiederum zur Folge

hatte, dass die Soldaten bei der Beschädigung nachhalfen. Nach ca. einen halben

Jahr kamen die neuen Haarnetze. Dunkelbraun, stabil und so eng wie eine zu

klein geratene Pudelmütze. Einige fanden heraus, dass man darin locker fünf

Flaschen Bier transportieren konnte, und es hieß, es ließe sich sogar ein LKW

damit abschleppen. Wie die meisten Soldaten zog es auch der Gefreite Jablonski

vor, sein Haar kurz zu tragen, um dieses unbequeme Witzteil nicht benutzen zu

müssen. (Zwei Jahre später wurde der Erlass wieder zurückgenommen.)

Sein schwarzes Barett mit silbernem Panzeremblem saß schräg auf seinem Kopf.

Über die Schulter hing lose der Parka, den er tauschen wollte. Der Gefreite

Jablonski war Wehrpflichtiger und hatte noch ein Vierteljahr abzuleisten. Stolz

wie jeder Reservist, der etwas auf sich hielt, trug er eine Maßbandrolle, deren

Zentimeter die jeweilige Tagesrestzahl anzeigte. Er war nicht das, was man einen

Mustersoldaten nannte, dafür aber war er clever genug, sich durch zumauscheln

und konnte seine Vorgesetzten gut unterscheiden. Vom zackigen Gruß, zum

freundlichen guten Morgen bis hin zum kleinen Scherz, wusste Jablonski sehr

gut, wie er sich zu verhalten hatte. Außerdem war er recht beliebt bei seinen

Kameraden, da er als Sanitäter das Behandlungszimmer des San-Bereichs

(Sanitätsbereich) unter sich hatte. Alle, die vom Stabsarzt kamen, holten sich bei

ihm Verbände und Medikamente ab. Da lag es schon nahe, dass sich der eine

oder andere etwas zu besorgen versuchte. Der Küche und der Werkstatt gegenüber

war Jablonski besonders großzügig, was ihm einige Extrawürste einbrachte.

Die Medikamente der Bundeswehr waren ohnehin gut und teuer, was auch die

Angehörigen der Soldaten zu schätzen wussten. Die Legende von roten und

weißen Einheitspillen war die Erfindung unwissender Soldaten. Dass viele die

gleichen Medikamente bekamen, lag daran, dass sie mit den gleichen, meist

simulierten Symptomen zum Stabsarzt gingen.

Als Jablonski die schwere Eisentür zum VU-Boden öffnete, kam ihm der Geruch

von Mottenkugeln und Lederstiefeln entgegen. Unteroffizier Hechler war der VU

(Versorgungsunteroffizier) und ein Streber, der seinesgleichen suchte. Sein

kantiges Gesicht, die braunen Augen, die sich hinter einer Hornbrille versteckten,

hatten zynische Züge an sich. Seit er zum Stabsunteroffizier vorgeschlagen

worden war, kannte seine Eifrigkeit keine Grenzen. Seine Lebensauffassung

bestand darin, nach oben zu kriechen und nach unten zu treten. Daher war er hier

oben in seinem Kleiderloch recht gut aufgehoben. Sogar Soldaten seines Ranges

legten keinen großen Wert auf seine Gesellschaft. Die wenigen Freunde, die er

hatte, akzeptierten ihn auch nur deshalb, weil er als Versorgungsunteroffizier mal

das eine oder andere ohne große Formalitäten beschaffen konnte. Offiziere hatten

bei ihm natürlich Vorrang. Da genügte ein Anruf und schon schickte er seinen

Gehilfen los. Es spielte auch keine Rolle, wann der Anforderungszettel eingereicht

wurde. Hechler war gerade mit Unteroffizier Schrader beschäftigt, der

einige Sachen zu tauschen hatte. Schrader war Fahrlehrer der ersten Kompanie,

bei dem auch Jablonski seine Führerscheine C.E und F1 gemacht hatte und zu

dem er noch immer guten Kontakt hatte. Er grüßte nickend, als Jablonski seinen

Parker auf den Tresen legte. Dabei blickten seine Augen müde zwischen die

Regale hindurch zum VU.

„Hemd, Hose, Schuhe. Alles?", fragte Hechler, als er die Sachen über die

Tresenplatte schob.

„Ne Krawatte kannst du mir noch mitgeben, meine ist schon so ausgeblichen. Die

bringe ich dir nachher hoch", sagte Unteroffizier Schrader tonlos. Der VU

verschwand hinter den Regalen, auf denen pedantisch geordnet die

verschiedensten Wäschestücke lagerten. Ein Bilderbuch hätte die Ordnung nicht

besser darstellen können. Selbst die ausgesonderte Kleidung war trapezförmig

auf dem Fußboden gelagert. Die Schuhe standen sortiert in Reih und Glied. Eine

DIN A4 Seite verriet, dass er noch immer die Hemden in Rekrutenmanier

zusammenlegte. Die Abstände zwischen den Wäschestapeln betrug genau 4

Zentimeter, das Maß eines Dachlattenstückes. Unteroffizier Hechler brachte ihm

die Krawatte. Schrader packte seine Sachen zusammen und ging zum Ausgang.

„Empfehlen Sie uns weiter, Herr Unteroffizier!", rief Jablonski ihm scherzhaft

nach. Schrader nickte kurz und ließ ein knappes Lächeln über die Lippen

huschen.

„Einmal tauschen", sagte Jablonski tonlos, schob den Parka rüber und legte

seinen Anforderungszettel daneben. Eindringlich untersuchte Hechler den Parka,

während Jablonski ihm schweigend mit berechtigter Vorahnung auf die Finger

sah. Er hatte schon einmal Ärger mit diesem VU gehabt. Damals wollte Jablonski

durchlöcherte Strümpfe tauschen, doch musste er sie erst stopfen, tragen und

wieder waschen. Als es dann endlich soweit war, waren keine Strümpfe auf

Lager. Sein Protest wurde mit dem kurzen Befehl „Raus!" beendet. Hechler

verstand es, wenn auch ungewollt, seine Beliebtheitsskala auf den Tiefstand zu

bringen. Mit jedem UvD (Kompaniewache als Unteroffizier vom Dienst) oder

Wachdienst schaffte er sich neue Feinde. Fieberhaft suchte er nach Fehlern am

Parka.

„Suchen Sie Flöhe?", fragte Jablonski ungeduldig.

„Ihr Parka weist diverse Löcher auf. Es fehlen drei Knöpfe und schmutzig ist er

auch. So nehme ich ihn nicht an."

„Wäre er in tadellosem Zustand würde ich ihn wohl nicht tauschen wollen."

„Interessiert mich nicht!", wehrte Hechler ab und begründete sein Handeln: „Laut

Dienstvorschrift hat er sauber und heil zu sein."

„Westphal hat es nie so eng gesehen", erinnerte Jablonski ihn, womit er auf

dessen Vorgänger anspielte.

„Ich bin nicht Westphal", wehrte Hechler gelassen ab.

„Rein menschlich sind Sie auch weit davon entfernt, Herr Unteroffizier!", sagte

Jablonski, nahm seinen Parka und wollte gehen.

„Ihr Ton passt mir nicht, Herr Gefreiter!", schrie Hechler ihn an und stützte seine

Hände auf. Lässig zog Jablonski sein Maßband aus der Tasche und hielt sie dem

Unteroffizier sichtbar hin. „Neunundachtzig,", kommentierte er knapp. Hechler

blähte sich auf und drohte: „Wenn Sie mir noch einmal ihre Tageszahl nennen,

nehme ich Sie fest!"

„Sie können mich so fest nehmen wie Sie wollen, Herr Unteroffizier, das ändert

nicht an der Tatsache, dass ich nur noch 89 Tage habe", wiederholte Jablonski

und steckte das Maßband wieder weg. Wie von einer Tarantel gestochen jagte

Hechler um den Tresen herum und baute sich drohend vor Jablonski auf. Dieser

sah ihn erwartungsvoll und abwartend an.

„Gefreiter Jablonski, hiermit nehme ich Sie vorläufig fest. Folgen Sie mir aufs

Geschäftszimmer!"

Unbeeindruckt steckte Jablonski die linke Hand in die Hosentasche und fragte: „

Wie wollen Sie ihre Festnahme begründen?"

„Wegen Beleidigung eines Unteroffiziers."

Jablonski überlegte kurz. Ein Gedankenblitz ließ sein Gesicht aufhellen.

„Okay", sagte er überlegen, „Sie machen Meldung über die Beleidigung und ich

beschwere mich darüber, dass Sie mir in den Schritt gefasst haben. Was halten

Sie davon?"

Unteroffizier Hechler verschlug es die Sprache. Er rang fieberhaft nach Worten

und brauchte eine geraume Zeit, sich zu fassen. Ihm war klar, dass er ohne

Zeugen gar nichts machen konnte. Seine Unsicherheit festigte Jablonskis

Haltung.

„Selbst wenn meine Beschwerde abgelehnt wird, so werden sich doch einige ihre

Gedanken machen. Und wer sich Gedanken macht, plaudert gern. So entstehen

Gerüchte Herr..."

„Halt die Schnauze!", fuhr Hechler ihn an, wobei sein ganzer Körper bebte und

das rotanlaufende Gesicht verriet die Wut, die in ihm tobte. Die Fäuste ballten

sich und er wankte unschlüssig hin und her. Der sonst so dienstbewusste

Unteroffizier vernachlässigte seine vorschriftsmäßige Umgangsform nur dann,

wenn er in Rage geriet und es keine dritten Zuhörer gab. Er nutzte die Zeit

einiger Atemzüge, um zu überlegen, wie er diesem rotzfrechen Gefreiten

beikommen konnte. Aber ihm fiel nichts gescheites ein.

„Du mieses kleines Dreckschwein", fluchte er leise vor sich hin.

„Dienstgeile Z-Sau!", konterte Jablonski, drehte sich um und ließ ihn stehen.

„Eines Tages krieg ich dich!", schrie Hechler in seiner Verzweiflung hinterher.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, hob Jablonski die Faust in die Höhe und

streckte den Mittelfinger. Deutlicher hätte er seine Abneigung gegen Hechler

nicht zeigen können. Dem VU blieb nichts anderes übrig, als zahlreiche Flüche

hinterher zu schicken. Diese kleine Niederlage bekam der VU-Gehilfe Gefreiter

Liebherr zu spüren. Für seine fünfminütige Verspätung faltete Hechler ihn

gnadenlos zusammen und ließ ihn die ausgemusterten Stiefel putzen, die auf

einem Regal unterhalb des Fensters aufgereiht waren.

Liebherr war ein stiller, introvertierter Typ mit einem regelrechten Milchgesicht,

der nur schwer mit der rauhen Realität der Bundeswehrumgebung zurechtkam.

Hechlers Opportunismus machte ihn unweigerlich zum Duckmäuser und

Denunziant. Niemand legte Wert auf seine Bekanntschaft und er fühlte sehr wohl

die Ablehnung seiner Kameraden. Er selbst aber verbaute sich, ob ungewollt oder

aus Dummheit, den Anschluss an das kameradschaftliche Kasernenleben. Der

Hang zur Absonderung ließ ihn zu einen Leisetreter werden. Die Anbiederungen

an Hechler tat ihr übriges. Er und der VU verkörperten das typische Herr- und

Knechtgespann.

Jablonski hängte seinen Parka wieder in den Spind zurück und ging ohne große

Eile zum San-Bereich. Nach kurzer Rückmeldung beim Gruppenführer begab er

sich in das Bestrahlungszimmer, wo der Gefreite Hoppe hastig einen Lappen griff

und vorgab, als putze er die Geräte. Er ließ sich und den Lappen auf einen Stuhl

fallen, als er seinen Kameraden erkannte.

„Bestrahlung?", erkundigte er sich scheinbar besorgt. Jablonski beantwortete die

überflüssige Frage gar nicht erst. Es war längst ein offenes Geheimnis, dass sich

von Zeit zu Zeit die Sanitäter eine Bestrahlung verabreichten. Er nahm den

Lichtkasten, schraubte fünf der sechs Glühbirnen lose und legte sich auf die

Liege. Hoppe stülpte ihm den Kasten über den Kopf. Doch der Schein trog im

wahrsten Sinne des Wortes. Statt der Hitze genoss Jablonski für die nächste halbe

Stunde die Ruhe. Die eine Birne tat seiner Müdigkeit keinen Abbruch. Dies alles

wurde vom San-Gruppenführer Oberfeldwebel Hamann stillschweigend und

indirekt geduldet. Er legte nur Wert darauf, dass ihm die lasche Disziplin nicht

außer Kontrolle geriet. Wichtig waren ihm die An- und Abmeldung, die

morgendliche Meldung des San-UvD´s (Sanitätsunteroffizier von Dienst) und die

Beschäftigungsbereitschaft seiner Soldaten. Es interessierte ihn nicht, ob das

Ordentliche noch einmal geordnet, das Geprüfte noch einmal geprüft oder das

Saubere noch einmal gereinigt wurde. Die Hauptsache war, das niemand untätig

herumstand. Wenigstens nicht in seiner Nähe. Seine Bemühung, es jedem Recht

zumachen war zwar lobenswert, aber es klappte

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