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Friedrich von Holstein: Die graue Eminenz

Friedrich von Holstein: Die graue Eminenz

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Friedrich von Holstein: Die graue Eminenz

Länge:
289 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Sept. 2014
ISBN:
9783847613589
Format:
Buch

Beschreibung

Den Ehrentitel: "Graue Eminenz" bekam der "Vortragende Rat" im Auswärtigen Amt zunächst Preußens, später des Deutschen Kaiserreiches, früh verliehen, und zwar von aufmerksamen ausländischen Beobachtern, die feststellten, dass die Politik von den Geheimräten des Auswärtigen Amtes gemacht wurde. Diplomaten, Politiker und die Redakteure der Skandalblätter nannten den Mann an der Spitze der Ministerialbürokratie im Auswärtigen Amt, ehrfürchtig erschauernd: Graue Eminenz, Éminence grise und schrieben ihm einen Einfluss zu, den er nie besessen hat. In der Tat aber gab es ein Jahrzehnt, in welchem Holstein die Außenpolitik des Reiches faktisch geleitet hat, wie in den Auslandsvertretungen zu recht geraunt wurde. Es war sein Jahrzehnt, und der Übergang des Jahres 1890 zu 1891 bedeutete nicht nur die Entlassung Bismarcks und den Kanzlerwechsel, sondern auch einen Einschnitt im Leben Holsteins; die absolute Zäsur...
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Freigegeben:
27. Sept. 2014
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9783847613589
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Friedrich von Holstein - Helmut H. Schulz

Erster Teil: EIN SYSTEM DER ÜBERWACHUNG

Den Ehrentitel: »Graue Eminenz« bekam der »Vortragende Rat« im Auswärtigen Amt zunächst Preußens, später des Deutschen Kaiserreiches, früh verliehen, und zwar von aufmerksamen ausländischen Beobachtern, die feststellten, dass die Politik von den Geheimräten des Auswärtigen Amtes gemacht wurde. Diplomaten, Politiker und die Redakteure der Skandalblätter nannten den Mann an der Spitze der Ministerialbürokratie im Auswärtigen Amt, ehrfürchtig erschauernd: Graue Eminenz, Éminence grise und schrieben ihm einen Einfluss zu, den er nie, den er vor allem in der Bismarckzeit nicht allein besessen hat. In der Tat aber gab es ein Jahrzehnt, in welchem Holstein die Außenpolitik des Reiches faktisch geleitet hat, wie in den Auslandsvertretungen zu recht geraunt wurde. Es war sein Jahrzehnt, und der Übergang des Jahres 1890 zu 1891 bedeutete nicht nur die Entlassung Bismarcks und den Kanzlerwechsel, sondern auch einen Einschnitt im Leben Holsteins; die absolute Zäsur. Die beiden Bismarcks, Vater und Sohn und ihr Legationsrat hatten bis dahin eine merkwürdige Triade gebildet. Überblickt man dieses Leben bis zur Entlassung Bismarcks, so war der Legationsrat lange subaltern, ein stiller Teilhaber, der Mann im zweiten Glied, erfüllte seine Aufgaben korrekt, gewissenhaft und widerspruchlos, ein unangefochtener Kenner der internationalen Politik, und in das Kräftespiel seiner geheimen Verflechtungen eingeweiht. Alle seine späteren Vorgesetzten, die Kanzler, Minister und Staatssekretäre schätzten die Empfehlungen des »Vortragenden Rates«, der, von Bismarck geformt, unter Caprivi und Hohenlohe die Staatssekretäre angeleitet hatte, bis zu Bernhard von Bülow, bei dem das Wirken Holsteins endete. Der Kanzler Bülow sorgte allerdings nicht selbst für die Entfernung des Legationsrates aus dem Ministerium, sondern bediente sich eines Helfers; es war ein abgekartetes, leicht zu durchschauendes Ränkespiel, um einen lästig gewordenen Mann loszuwerden. Holsteins Zeit war zu Ende, er selbst zu keiner Anpassung fähig, da sich die Dinge nicht nach seinem Willen formten. Und dem immer Wachsamen entging, was sich gegen ihn zusammenbraute. Holstein war Teil eines ganzen Systems; ein Ratgeber, immer dabei, aber nie voll verantwortlich, wohl aber für schuldig gesprochen und als intrigant verrufen, wenn die Dinge anders liefen als gedacht. Er irrte wie alle Ratgeber häufig, verfing sich am Ende selbst in den Netzen, die er für andere geknüpft hatte und stellte verwundert fest, keine Freunde mehr zu haben, und »dass alles anders gekommen war«. In dieser Monarchie, dem Kaiserreich, hing viel, wenn nicht alles, von Personen ab, das heißt, von der gesellschaftlichen Stellung. Beginnend an der Spitze einen überhobenen, von sich selbst überzeugten, aber auch an sich selbst zweifelnden Autokraten, bis hinein in die Ministerien und in die politischen Salons und Zirkeln des politischen Berlin, nicht zuletzt bei den Wahrsagerinnen, den okkultistischen Klubs bürgerlicher Sybillen. Gewiss, der Spiritismus war eine europäische Sucht, nicht alle waren ihr verfallen. Holstein hat nie an einer okkultistischen Sitzung teilgenommen, oder an einer Vorhersage geglaubt; er hatte für dieses Treiben nur Hohn und Spott. Seine Ablösung wurde nicht prophezeit, sie kam ihm überraschend, obschon er selbst dem amtierenden Reichskanzler von Bülow seine Entlassung angeboten, nein, mehr angedroht hatte. Aus besonderem Grund, weil die Diplomaten sein Verhandlungsexposé für die Lösung der Marokkokrise verworfen hatten. An der Aufteilung Nordafrikas unter den drei europäischen Großmächten war durch Diplomatie nichts mehr zu ändern. Das nennt man: Kräfteverhältnis. Er, Holstein, ein Zivilist, hätte einen Krieg mit Frankreich in Kauf genommen, und die auf Kante genähte Politik Bismarcks fortgeführt. Bei der Gelegenheit zeigte es sich, dass Paris für einen Krieg nicht gerüstet gewesen wäre. Das Ende seiner Laufbahn: Elf seiner Rücktritte hatten sich im Sande verlaufen, oder Holstein hatte sie zurückgezogen. Niemand nahm seine Kündigungen ernst; doch, einer, ein Neuer, der die Gepflogenheiten im Auswärtigen Amt und den Stil des Vortragenden Rates entweder nicht kannte, oder der sie negierte. Ein Staatssekretär von Tschirschky und Bögendorff, eine blasse Figur im Kanzleramt, wie manche fanden, die an dem Glanz eines Amtes hingen, prüfte gelassen, was ihm zur Entscheidung vorgelegt worden war, und entschied nach Kassenlage. Er nahm das Entlassungsgesuch Holsteins vom Schreibtisch des Reichskanzlers, der zur gleichen Stunde eine seiner Reichstagsreden hielt und überraschend zusammenbrach, nachdem er zuvor in einer Unterredung, dem Gespräch unter vier Augen, seinem Staatssekretär anheimgestellt hatte, mit dem von Holstein eingereichten Abschiedsgesuch zu verfahren wie ihm gut dünke. So kam das Gesuch Holsteins auf den Schreibtisch des Kaisers, wurde noch einmal besprochen und mit Empfehlung Tschirschkys vom Kaiser gegengezeichnet. Mit einem Ordensband geehrt, sah sich Holstein in den ehrenvollen Ruhestand versetzt. Zufall oder Absicht? Beides nicht, und doch mehr Absicht und Gelegenheit mit einem Hintergrund.

Der Reichskanzler von Bülow, nach der öffentlichen Vorstellung eines Zusammenbruchs im Reichstag, genas schnell, das war alles, und es geschah ungefähr zur Marokkokrise und zur Algericas-Konferenz. Jemand erklärte zu diesem Vorfall: »Wussten Sie nicht, dass Bülow auf Verlangen weinen kann?« Später stammelte der Kanzler Entschuldigungen, die Holstein weismachen sollten, alles sei nur ein tragisches Versehen gewesen, der Dummheit eines Staatssekretärs geschuldet, nicht mehr rückgängig zu machen. Sie wollten ihn los sein, den Wegbegleiter, den Chronisten ihrer Verfehlungen, der so viel, der zu viel über sie wusste und dem sie instinktiv zutrauten, von seinem Wissen schnöden Gebrauch zu machen, zu ihrem Schaden. Aber wollte Bülow diesen Legationsrat auch wirklich loswerden? Lavierte er nur? Beide Männer waren lange miteinander bekannt, hatten beruflich und privat zu tun gehabt. Bülow holte auch nach der Entlassung Holsteins Rat bei ihm ein. Der »Aal«, wie der Reichskanzler von Bülow mit einem späten, vom Kaiser verliehenen Fürstentitel von Freunden und Feinden genannt wurde, entschuldigte sich bei Holstein persönlich, auf ein Missverständnis abhebend, von einem Subalternen ahnungslos angerichtet. Der Staatssekretär hatte keinen Kontakt zu Holstein gesucht. Eingestandenermaßen war ihm der Legationsrat unangenehm, unheimlich.

In der Wilhelminischen Ära, einem beinahe noch absolutistischen System, wenn es denn nach der Bismarckära überhaupt noch ein System gewesen ist und nicht eher von Fehl- oder Vorurteilen, von starren Äußerlichkeiten und Zufällen gelenkt, spielte Holstein die Rolle eines Mirakels, eines Allwissenden, des Spiritus Rector. Klugerweise hat er zeitlebens die Verantwortung eines Staatssekretärs abgelehnt, wie ihm mehrfach geboten. Er blieb Referent, Legationsrat, der seinem Kanzler oder dem Kabinett vortrug und im Übrigen an alle Welt mahnende und warnende Briefe verschickte, die von einem anderen Reichskanzler, dem Vorgänger Bülows, dem greisen Hohenlohe-Schillingsfürst, einem weisen alten Mann aus der hohen Schule der Diplomatie und vollendeter Umgangsformen, vertraut mit allen menschlichen Schwächen, als Kindereien höflich abgetan wurden. Er bezeichnete später die Mehrzahl der Ratschläge, die Holstein gegeben habe, als falsch; von seiner hohen Warte sind sie das auch häufig gewesen. Zu anderen Zeiten hatte er seinem Legationsrat Holstein vertraut und auch seinem Sohn Alexander, natürlich auch einem Staatssekretär, geraten, vorsichtig mit Holstein umzugehen, über den in den Salons so viel gemunkelt wurde! Aber es gab in diesem Leben einen frühen Bruch, an dem Holstein schwer trug. Zugeschrieben wurde ihm, die treibende Kraft beim Sturz des kaiserlichen Botschafters in Paris, gewesen zu sein.

Der hohe Diplomat Harry von Arnim, ein Liebling der kaiserlichen Gesellschaft, eine vornehme Figur, Künstler, Komponist, intrigant, reich, unabhängig, arrogant und unbedenklich in seinen Unternehmungen, fiel von der Hand Holsteins. Am Ende entscheidet immer die Persönlichkeit. An dem frühen Tod des Grafen, sprachen seine Standesgenossen Holstein gnadenlos schuldig, es war eine Sünde ohne Vergebung. Die Affäre Arnim holte den Rat, den »Henker Arnims«, immer wieder ein; nein, sie hat ihn seit seiner Lebensmitte begleitet und seine Handlungen beeinflusst. Einen tiefen Bruch, eine letzte Wandlung im Leben dieser Sphinx, wurde durch das Ränkespiel um den »Rückversicherungsvertrag« eingeleitet, Bismarcks Lebenswerk. Als die Frist zur Verlängerung des Abkommens abgelaufen war, schien Holsteins Anteil an der Entscheidung mit Russland zu brechen, immerhin bedeutend, obschon er selbst vehement bestritt, den Vertrag, der Europa kurzfristig ein stabiles Miteinander gesichert hatte, hintertrieben zu haben. Aus persönlichen Briefen Bismarcks an ihn wollte er belegen können, dass er im Gegenteil für die Verlängerung des Vertrages gestimmt habe. Nur, die Tatsachen sprechen dagegen, was auch immer in den Briefen stand.

Bismarcks Nachfolger, Graf Leo von Caprivi, in dessen Amtszeit die Verlängerung des Abkommens fiel, viel mehr, gefallen wäre, bemerkte einsichtig, er sei nicht in der Lage, wie Bismarck mit fünf Bällen zugleich zu spielen, von denen drei immer in der Luft seien. Das System Bismarck war für seinen schlichten Geist zu kompliziert, zu komplex, zu oft wechselten die Situationen. Er begriff nicht, dass hinter dem Wechsel ein flexibles Konzept steckte. Der neue Reichskanzler Caprivi war der gewagten Dreiecksdiplomatie Bismarcks nicht gewachsen, wie er selbst wusste; er hielt diese Art Diplomatie, nach eigenem Eingeständnis überhaupt für unfruchtbar. Er, ein aufrechter Mann, der den Kaiser auf seine mangelhaften Erfahrungen in der Außenpolitik aufmerksam gemacht hatte, erhielt die kaiserliche Antwort, »für die Außenpolitik bin ich zuständig«. Ehrlicherweise trat er gelegentlich ab, viel mehr entließ ihn Kaiser Wilhelm mit der Begründung, dieser Kanzler sei ihm zu unbeweglich, zu langweilig, er könne mit ihm nicht arbeiten.

Bismarck hat den ehrlichen alten General für einen befähigten Unteroffizier gehalten, aber in der Praxis war Caprivi nun einmal ein hoher Militär. Generäle mit dem Begriffsvermögen von Wachtmeistern mag es häufiger gegeben haben. Es gibt sie auch heute; sie sind nicht ausgestorben, sondern unsterblich. Feldherr ist kein Lehrberuf; Diplomat im Grunde auch nicht. Als dem Kaiser Napoleon I. die Beförderung eines seiner Offiziere zum General vorgeschlagen wurde, fragte der Imperator schlicht: »Hat er Fortune?« Er wusste, wovon er redete; als ihn sein Glück verlassen hatte, begannen die Niederlagen. Glück kann man auch nicht lernen; man hat es, allerdings meist nur zeitweise. Dann geht das Privileg auf einen anderen, meist einen jüngeren über. Dennoch hatte Caprivi Gelegenheit, während seiner Amtszeit die Entlassung Bismarcks zu betreiben, sie zumindest nicht zu verhindern gesucht, sicherlich ohne zu wissen, was er tat, ein braver Mann und ein gehorsamer alter General.

Der Altkanzler hatte von seinem Ruhesitz Friedrichsruh aus beobachtet, was sich in Berlin tat, wie die Nachfolger mit seinem Lebenswerk umgingen und wie sie es schließlich ruinierten. Vor Eintritt der Katastrophe schloss er die Augen. Zweifellos hat Friedrich von Holstein die Entfernung des Reichskanzlers, seines Lehrmeisters, ungeachtet seiner langen und engen Freundschaft zur Familie Bismarck, mitbetrieben; es war für ihn eine Überlebensfrage über die Ära Bismarck hinaus zu bleiben, wenn dessen Sturz unvermeidlich war, wie Holstein erkannt hatte. Im Grunde wird er den »Rückversicherungsvertrag«, die Konstruktion Bismarcks, weder für zu komplex, noch für zu kompliziert gehalten haben, wie er unter anderem vorgab. Nur beurteilte er die europäische Bündnislage 1890 anders als zur Zeit des Abkommens drei Jahre zuvor, und er stand mit seinem Urteil über das »Russenabkommen« beileibe nicht allein. Voller Überzeugung erläuterte einer der Staatssekretäre im Außenministerium, von Marschall, dem Reichstag die Gründe, die zur Ablehnung der russischen Wünsche nach Verlängerung des Abkommens geführt hatten; es sei immer misslich, sich nach zwei Seiten hin zu binden, weil man sich in einem solchen Vertrag nur gegenseitig schwäche. Ja, aber genau darauf hatte doch das Konzept Bismarcks beruht, sich gegenseitig zu binden; er wollte keine »Erwerbsgenossenschaft« bilden, sondern die Interessen des einen an die des anderen binden, sodass sich ein überraschender Präventivschlag, ein Überfall nicht lohnte! Gleich nach Abschluss der Vereinbarung wurden die Früchte sichtbar; auf dem europäischen Festland war nichts zu holen, so wendete sich die Diplomatie anderen Weltgegenden zu. Die europäischen Westmächte hatten ein anderes, ein ausbaufähiges Objekt ihrer Begierde entdeckt, den Erwerb ihrer Kolonialreiche! Womit sich die Politik vom Balkan ins Mittelmeerbecken erweiterte, wo in er Tat die Rückversicherung nichts mehr nutzte!

Endlich soll Holstein den Kaisergünstling, den Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld zur Strecke gebracht und damit die schwerste innere politische Krise des Kaiserreiches und Zweifel in die Glaubwürdigkeit seiner Führer, der Fürsten und Junker ausgelöst haben. Die Reihe der Prozesse, die den Kaiser bloßstellten und die Rolle Eulenburgs beendeten, seien Holsteins Werk gewesen. Der Legationsrat hatte in seinen letzten Lebensjahren beide, Kaiser und Harlekin, Wilhelm und Eulenburg, bekämpft, weil er sie, weil er das System für ein Unglück hielt. Fünf Jahre nach seinem Tode, brach der Erste Weltkrieg aus und beendete alle Bündnisse. Das »Palasthündchen«, wie seine Freunde und seine Feinde den Fürsten Eulenburg nannten, hatte ausgebellt, lebte aber gleichwohl noch lange weiter.

An Eulenburg hatte Holstein ein gewisses beobachtendes, misstrauisches und zurückhaltendes Interesse gefunden. Für die Vorzüge und Begabungen Eulenburgs nicht blind, war er ihm ein guter Ratgeber gewesen, und schrieb doch korrekt auf, was er über ihn in Erfahrung bringen konnte, einem schwer Homosexuellen, der seine Beziehungen, zu Schwulen und Okkultisten nicht mehr unter Kontrolle hatte. Holstein leistete denn auch einen erheblichen Beitrag, den Invertierten, den Schädling zur Strecke zu bringen, freilich mithilfe eines ihm, Holstein, ähnlichen Journalisten, Maximilian Harden, alias Witkowsky, einem der gewissenlosesten Pamphletisten und übelsten Schandmäuler des Kaiserreiches. Wollte der Geheimrat im Ruhestand Holstein, Eulenburg und nach ihm die kaiserliche Majestät beseitigen? Unglaublich, aber vieles ist an diesem Leben seltsam widersprüchlich. Noch als alter Mann forderte Holstein Eulenburg zum Duell, das natürlich nicht ausgetragen wurde, weil der Fürst eine Ehrenerklärung abgab. Darüber wird noch zu reden sein. Feige war dieser Holstein nie, er forderte überhaupt leicht, wenn er beleidigt worden war, also im Grunde oft und regelmäßig. Dem Vortragenden Rat im erzwungenen Ruhestand, einem nur aus der Ferne lenkenden Beobachter, wurde angelastet, den Kaiserintimus vom Sockel gestürzt und aus den Wonnen der großen Politik in die Isolierung und Einsamkeit seines Schlosses Liebenberg vertrieben zu haben. Wo er friedlich, schwer krank im Schlosspark wandelte, sich auf einen Stock stützend.

Zu Herbert von Bismarck, dem Sohn des Altkanzlers, einem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, zu Bülow, selbst zu Eulenburg und zahlreichen anderen hatte Holstein das Duzverhältnis gesucht und es lange aufrechterhalten; er ließ seine Freunde fallen, wenn ihre Zeit abgelaufen war oder wenn er ihrer Loyalität nicht mehr vertraute. Im Grunde hatte er recht; seinen Erfahrungen nach, waren sie alle zu jeder Stunde des Verrates fähig, wenn sie sich einen Nutzen versprachen. Alle schätzten seinen Scharfsinn, und alle fürchteten, wie kleine Jungen den Rohrstock des strengen Lehrers, die gnadenlose Bestrafung ihrer Fehler und ihrer Unterschleifen. Sie alle hatten etwas auf dem Kerbholz. Im Senat Roms hätte Holstein das Amt eines Zensors bekommen, in der Französischen Republik das eines Kriegskommissars vom Range eines St. Just.

Die Aufzählung seiner Vergehen ist unvollständig, obschon es kaum denkbar erscheint, dass ein Beamter, wenn auch ein hoher, all dies allein verschuldet haben könnte, Ministerstürze, Berufungen und Bestrafungen, ohne dass sie ihm auf die Sprünge gekommen waren und ihn einfach rausschmissen. Nein, sie waren ihm alle zu ähnlich, nur dass ihnen die Konsequenz fehlte, ihren Machttrieb auszuleben. Sie wollten mit all ihren Fehlern von ihren Mitmenschen geliebt sein! Die dunkle Seite seines Wesens, der verborgene Anarchist, trat spät zutage. Beide Bismarcks haben ihn zuletzt, als seine Eskapaden immer grotesker und unerklärlicher schienen, einfach für verrückt gehalten. Der Altkanzler hatte einmal bemerkt, als ihn die Klagen über den Legationsrat erreichten, dass nur er mit Holstein fertig geworden sei. Und daran ist etwas Wahres, wie sich nach der Entlassung Bismarcks herausstellte. Sie wurden nicht mit ihm fertig; er machte ihnen die Außenpolitik, deren Fehler sie mit ihrem Titel decken mussten!

Als sie in Mode gekommen waren, reihten die Psychoanalytiker Holstein unter die Psychopathen ein, weil sie ihn nicht verstanden und auch nicht damit rechnen konnten, dass er sich zur Beratung auf eines ihrer Sofas legen würde, um ihnen Rede und Antwort zu stehen, ob ihn seine Mutter vernachlässigt hatte, oder ob ihn sein Vater missbraucht habe. Lange hätten sie nicht suchen müssen. Wirklich hat Holstein eine lieblose Kindheit gehabt. Dafür steht die Erzählung seiner Haushälterin, die Holstein als alten Mann in Tränen ausbrechen sah, als ihn nach Jahrzehnten seine treue Amme in Berlin aufsuchte, einfach nur zu Besuch kam, zu ihrem geliebten Milchsohn! Er aber konnte, bei der Erinnerung an glücklichere Zeiten, nicht an sich halten! Sie fanden aber heraus, dass er an einer Paranoia litt, einem störrischen Größenwahn, eine seit dem Altertum beobachtete Geisteskrankheit, bei Kaisern und Vasallen häufig. Sie forschten vergeblich nach den Ursachen; im Grunde litt das zu Ende gehende Jahrhundert insgesamt an der Übersteigerung des Lebensgefühls, einem, nicht-wissen-wohin-mit-sich.

Die Vorwürfe mehrten sich: verfehlte Beratertätigkeit, wenn es um die Besetzung hoher staatlicher Ämter ging, um die Wahl eines Nachfolgers in irgendeinem Amt; abgefeimte heimliche Wühltätigkeit gegen Vorgesetzte, ihm sozial Überlegene, oder auch einfach Ausdruck seiner indifferenten Angstzustände, persönliche Racheakte gegen Personen, von denen er annahm, dass sie ihm geschadet hatten oder ihm schaden könnten. Treulosigkeit, und in einem Falle der Diebstahl persönlicher Briefe mitsamt einer Schatulle aus dem Hotel »Bristol«, in das Bülow, damals noch Botschafter in Rom, und seine Gattin, die »Contessina«, zu einem sogenannte »Tee mit Schleppe« geladen hatten. Was darunter zu verstehen ist, wenn nicht ein Empfang, ein Jour fix, ist leicht zu erraten. Viel Kultur, oder was die Clique darunter verstand, auch unterhaltende Musik, viel Anekdote, kurz, die aufgelockerte Langeweile der Gesellschaft. Die Contessina entstammte einer der ältesten italienischen Adelsfamilien; sie hatte sich scheiden lassen, um sich mit Bülow zu vermählen, nach einem langen Rechtsstreit und dem Dispens Seiner Heiligkeit; für eine Katholikin der einzige Weg, eine neue Ehe zu schließen. Dazu musste die frühere Beziehung für ungültig erklärt und annulliert werden. Das Paar besaß in Berlin keine Wohnung und befand sich auf der Durchreise ins Seebad nach Norderney. Für ihren Tee mit Schleppe nutzte die Contessina das Hotel »Bristol«. Der Diebstahl machte Aufsehen, aber die Bülows machten überhaupt Aufsehen.

An und für sich vermied es Holstein, sich in Gesellschaften zwanglos zu zeigen; aus irgendeinem Grunde aber hatte er die Einladung der Bülows angenommen und sich als Original bestaunen lassen. Nun fiel der Verdacht des Diebstahls auf ihn. Es handelte sich um die »Tausigbriefe«, intime Schriftstücke von der Hand der Dame des Hauses, Liebesbriefe an ihren Klavierlehrer, in ihrer Jugendzeit verfasst, längst vergangen und olle Kamellen. Vergangen? Keineswegs, da niemand die Brieftexte kannte! Und also gern gewusst hätte, was sich ein Klavierlehrer und eine seiner Schülerinnen neben den Übungen auf der Tastatur zu sagen und zu schreiben hatten. Weshalb lagen sie herum, und nicht unter Verschluss gehalten, wenn ihr Inhalt kompromittierend war? Ob Holstein im Besitz der Briefe war, blieb ungeklärt, ist aber wenig wahrscheinlich. Angeblich fand sich die Schatulle mit den Briefen auch wieder an. Bemerkenswert an dem Vorfall ist, dass die Teegesellschaft einem Legationsrat den Diebstahl zutraute, da doch alle in Verdacht kamen. Bülow hat sich übrigens für die unsinnige Verdächtigung bei Holstein entschuldigt.

In den oberen Kreisen der Gesellschaft wurde viel musiziert; es war eine adlige Freizeitbeschäftigung, zu Hause geübt, auf ein Klavier einzuschlagen, schlimmstenfalls zu komponieren, wie weiland der Prinz Louis-Ferdinand, oder der Alte Fritz oder König Friedrich Wilhelm II., dessen Spiel auf dem Cello sogar einen Beethoven beeindruckt haben soll. Andere Nachrichten über den königlichen Virtuosen gibt es nicht. Indessen schmückten sich natürlich auch die bürgerlichen Salons mit ihren musischen Entdeckungen, mit Pianisten zumal, mit Geigern, daher die Bezeichnung Salonmusik, den Violinvortrag, von einen Pianisten begleitet. Wem fällt hier nicht der Namen Paganini ein oder Ludwig Spohr? Auch der größte Salon war zu klein für ein großes Orchester. Auch wurden die Mittel knapp, sich ein Orchester zu leisten. Der Botschafter Harry Graf von Arnim konnte komponieren, er konnte sich selbst präsentieren; der Botschafter Eulenburg konnte es auch. Bismarck konnte es nicht, und er war misstrauisch, was diese adligen Schauobjekte betraf. Jeder Politiker, dem es an einer diplomatischen Karriere lag, und der zugleich öffentlich Klavier spielte, wie ein Zirkusartist, der auf einem Seil tanzt, war ihm verdächtig. Er genoss es aber, wenn seine Frau gelegentlich für ihn allein spielte, Bach, wie berichtet wird; es beruhigte ihn. Ein anderer Komponist als Bach würde die Nachwelt auch enttäuscht haben. Die vollendete Ausgewogenheit der Kompositionen Johann-Sebastians hätte zu dem Rationalisten Bismarck gepasst, falls diese Mitteilung verbürgt ist. Die Fürstin; nun, sie war offenbar mit dem Beifall ihres Gatten zufrieden. Wohl wahr, dass immer alles auf Zeit und Umstände, auf das richtige Maß ankommt. Der Reichskanzler spielte vornehmlich Reichstag und nicht Piano. Dem Nachgeborenen fällt die Psychologie des Zeitalters auf, das ständig Gereizte, das Übersteigerte der Gesellschaft des Kaiserreiches, die Hektik und die Unsicherheit der Entscheidungen, die Großmannssucht, die Nervosität, von der das politische Leben nach dem Tod des alten Kaiser Wilhelms 1888 gleichsam durchfiebert war. Man dachte in Superlativen, in Steigerungen, groß, größer, am größten und am größesten! Im »Untertan«, nach dem Romanentwurf von Heinrich Mann, sieht der Jurist und Schauspieler Wolfgang Buck den Kaiser in der Rolle eines Mimen; das deckt sich mit dem Eindruck eines Diplomaten, der Kaiser wolle überall auffallen. Der Schauspieler hatte sich der politischen Tribüne bemächtigt. Umgekehrt posierte die Politik im Plenarsaal des Reichstages wie auf der Bühne eines Theaters. Weiter fällt der permanente Angstzustand auf, Angst vor dem feindlichen Nachbarn, der jederzeit zum Militärschlag ausholen konnte, gegen den man sich durch Dutzende Abkommen sicherzustellen suchte. In keinem Zeitalter zuvor waren eine solche Menge sinnloser Beistandsverträge geschlossen und natürlich gebrochen worden, Sicherheit vortäuschend. Die großen europäischen Monarchien lagen in Konkurrenz miteinander, im Felde, im Ballsaal, bei feudalen Segelregatten. Indessen das, was man damals

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